0.09 Scharnier in Sachen Theorie

Aus Alternativ-Grammatik
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Wer das Buch "Krach oder Grammatik?" (vgl. Modul 0.02) noch nicht kennt, auch nicht die Orientierung der nachfolgenden "Alternativ-Grammatik", kann diesen Text lesen. Es werden darin Äusserungen von Sprachdidaktikern zitiert und diskutiert. Es wird sichtbar, dass die massive Kritik aus "Krach oder Grammatik?" auch von Sprachdidaktikern geteilt wird (die das Buch noch nicht kennen konnten). Allerdings vernimmt man auch Kleinmut und Ratlosigkeit: eine sprachwissenschaftliche Alternative ist nicht im Blick. Daher dominiert das "sollte / müsste / könnte", auch die Klage über die Bürokratie, das Plädoyer für Verbesserungen allenfalls im Detail. - Das ist insgesamt zu wenig.


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Wer beide Bücher vergleicht, wird merken, dass "Krach oder Grammatik?" häufig mit seiner Analyse ins grammatische Detail geht, oft auch schon Vorschläge andeutet. Diese Praxisnähe findet sich im Buch von Köpcke/Ziegler nur selten. Es dominiert die abgehobene, unkonkrete Diktion.


Praxis

1. Sprach-Fundamentalismus

1.1 Bewahrung der Ideologie

Ganz sicher in vieler Hinsicht weit weg vom Gespräch mit Sprachdidaktikern ist der nachfolgende Hinweis. Es kann aber sinnvoll sein wahrzunehmen, wie eine Position aussieht, die sich regelrecht sträubt gegen eine genauere Sprachanalyse. Besonders pointierte Beispiele dafür kann man aus der Geschichte der Religionen beziehen. Das Buch von Benzine, Die neuen Denker. 2012. beschreibt das Schicksal von sprachbewussten Forschern im Islam. Die Doktorarbeit von Muhammad Khalafallah wurde von der renommierten 'Al-Azhar'-Universität in Kairo abgelehnt mit den Argumenten - im gen. Buch S.156:

"Der Koran ist das Wort Gottes. Man kann ihn daher nicht mit
einem menschlichen Text vergleichen. Wenn man vom Koran als
einem literarischen Text spricht, bedeutet das, daß man
ihn als Ergebnis menschlicher Phantasie darstellt."

Man beachte die negative Wertung menschlicher Mitwirkung einerseits, und die mythologische Vorstellung=Implikation, wonach der Koran quasi vom Himmel gefallen sei bzw. der des Schreibens unkundige Schreiber Mohammed reines Werkzeug gewesen sei.

"Wenn man den Koran wie ein literarisches Kunstwerk behandelt,
deutet man damit an, daß er von  Muhammad geschrieben wurde."

Eben das darf nicht sein, weil damit die Autorität Gottes eingeschränkt würde...

"Wenn man behauptet, der Koran weise keine wirklichen
historischen Tatsachen vor, stellt das einen äußerst
schwerwiegenden Akt der Blasphemie dar. Im Endeffekt stellt
man damit den Koran auf eine niedrigere Ebene als ein
Geschichtsbuch."

Die Gleichung: Sprache = Wirklichkeit beherrscht die Argumentation. Dass sie - erstens - nicht stimmt, und - zweitens - die Sprache noch viele andere Funktionen hat als Wirklichkeit abzubilden, wird nicht gesehen.

"Wenn man es wagt zu sagen, daß Sprache und Struktur des
Korans historisch und kulturell determiniert seien, ist
das eine schwerwiegende Beleidigung und zielt darauf ab,
den Eindruck zu erwecken, daß der Koran ein von Menschen
geschaffener Text ist."

Wieder die angewiderte Vorstellung, "Gott" und "Mensch" stünden in einem Konkurrenzverhältnis. Eine kritische Sicht auf Wort und Bedeutung "Gott" wird nicht praktiziert. Immerhin handelt es sich um ein Abstraktum, bei dem zunächst einmal geklärt werden müsste, in welchem Verhältnis es zum Menschen steht. Das würde aber Sprachkritik und Reflexion voraussetzen. Beides ist in Al-Azhar unerwünscht gewesen.

1.2 Text ist nicht schon Faktum

Interview mit Generalbundesanwalt Range in SPIEGEL 31/2005. Thema: Abhöraktionen der amerikanischen Geheimdienste. Ausspähung auch des Handys der Bunderkanzlerin.

SPIEGEL: Neue Fakten gibt es doch reichlich, sie stehen
in der Presse.
Range: Wir brauchen gerichtsfeste Beweise. Was uns
bislang vorliegt, reicht noch nicht.
SPIEGEL: Bis vor Kurzem hatten Sie nur die Abschrift
eines Datenbankauszugs mit der Handynummer der Kanzlerin als
Spähziel. Jetzt gibt es Protokolle von Gesprächsmitschnitten.
Ist das nicht Beweis genug?
Range: Wir haben andere Maßstäbe als Journalisten. Wenn Sie
ein Dokument abdrucken, beweist das für uns Strafverfolger erst
mal nur, dass es im SPIEGEL steht. Wir müssen klären, ob es echt
ist und von wem genau es stammt.
SPIEGEL: Gab es schon ernsthafte Versuche herauszufinden,
wie stichhaltig die neuen WikiLeaks-Dokumente sind?
Range: Ja, natürlich fragen wir nach.
SPIEGEL: Bei wem denn?
Range: Zunächst einmal bei den üblichen Behörden, die wir
immer in solchen Fällen befragen: dem Bundesamt für Sicherheit
in der Informationstechnik, dem Bundesnachrichtendienst, dem
Bundesamt für Verfassungsschutz und natürlich dem Bundeskrimi-
nalamt.
SPIEGEL: Aber was sollen die sagen? Offenbar haben die
für die Spionageabwehr zuständigen Stellen in Deutschland nicht
mal mitbekommen, dass die Kanzlerin abgehört wird.
Range: Jetzt warten wir erst einmal ab, welche Ergebnisse
wir bekommen. Ich bin da grundsätzlich Optimist.
SPIEGEL: Hat die Abhöraffäre durch die jüngsten WikiLeaks-
Enthüllungen eine neue Qualität bekommen?
Range: Nein. Wir haben jetzt lediglich mehr solcher
Dokumente vorliegen. An der grundsätzlichen Frage, was davon
echt und was gerichtsfest ist, hat sich noch nichts geändert.

1.3 Genaues Wahrnehmen => Genießen

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973

"Kaminfegerchen"

(451) "Wenn ich meine Nachbarn ansah, die während jener halben
Stunde auf der Piazza Riforma neben mir standen, so wollte es mir
scheinen, sie weilten wie Fische im Wasser, lässig, müde,
zufrieden, zu nichts verpflichtet; es wollte mir scheinen, als
nähmen ihre Augen die Bilder und ihre Ohren die Laute so auf, als
säße nicht hinter dem Auge ein Film, ein Gehirn, ein Magazin und
Archiv und hinterm Ohr eine Platte oder ein Tonband, in jeder
Sekunde beschäftigt, sammelnd, raffend, aufzeichnend, verpflichtet
nicht nur zum Genuß, sondern weit mehr zum Aufbewahren zum etwaigen
späteren Wiedergeben, verpflichtet zu einem Höchstmaß an Genaugig-
keit im Aufmerken. Kurz, ich stand hier wieder einmal nicht als
Publikum, nicht als verantwortungsloser Zuschauer und Zuhörer,
sondern als Maler mit dem Skizzenbuch in der Hand, arbeitend,
angespannt. Denn eben dies war ja unsre, der Künstler, Art zu
Genießen und Festefeiern, sie bestand aus Arbeit, aus Verpflich-
tung, und war dennoch Genuß - soweit eben die Kraft hinreichte,
so weit eben die Augen das fleißige Hin und Her zwischen Szene
und Skizzenbuch ertrugen, soweit eben die Archive im Gehirn noch
Raum und Dehnbarkeit besaßen."

1.4 Medien

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [1], darin S. 178


2. Warnung an die Grammatiker

Lustig und sehr dick aufgetragen, gewiss. Aber es sind reale Beobachtungen des Sprachlehrbetriebs eingeflossen... :

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede.
Übersetzt von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907.  Stuttgart 2010. 
[Die Torheit spricht:]
"Ich will mich zu jenen wenden, die in der Welt die Weisheit
vorstellen und den sogenannten goldenen Weisheitszweig des
Aeneas für sich in Anspruch nehmen. Die Grammatiker sind die
ersten darunter. Kein Stand käme ihnen an Jämmerlichkeit,
Elend und Unbeliebtheit bei den Göttern gleich, hätte ich
seine Beschwerden und sein maßloses Unglück nicht mit artigem
Wahn gemildert. Sie sind nämlich nicht nur nach dem grie-
chischen Epigramm fünf Rachegottheiten verhaftet, sondern
sogar sechshundert: Immer sind sie hungrig und ungepflegt in
ihren Schulen - was sage ich? In ihren Schulen? In ihren
Denkerwüsten müßte ich sagen, in ihren Tretmühlen und
Folterkammern -, inmitten des Kinderhaufens, altern vor
der Zeit über ihrer Arbeit, werden taub vor Geschrei und
siechen dahin vor Gestank und Unrat. Mein Einfluß allein
macht es, daß sie sich wie auf der Menschheit Höhen
erscheinen. So sehr gefallen sie sich, wenn sie die
ängstliche Schar mit drohender Miene und eindrucksvoller
Stimme einschüchtern, mit Stöcken, Ruten und Riemen auf
die Beklagenswerten losdreschen und unverblümt ihr
anmaßendes Gehabe zur Schau tragen, ganz wie der
Kumanische Esel. Dabei kommen sie sich in all ihrem
Schmutz wie in blitzblanker Umgebung vor, der Unrat hat
für sie den Duft der Majoransalbe, und die üble Dienst-
knechtschaft wird so sehr als Herrschaft empfunden, daß
sie ihre Tyrannis nicht mit der Gewalt des Pharalos oder
Dionysius vertrauschen möchten. Der Stolz auf wissen-
schaftliche Originalität macht aber ihr eigentlichen Glück  
aus. Was die meisten auch den Kindern an tollen
Ausgeburten ihrer Phantasie einhämmern, jeder glaubt mit
Verachtung auf Palämon und Donat herabschauen zu dürfen.
Ich weiß gar nicht, mit welchen Vorspiegelungen sie
merkwürdigerweise bei dummen Müttern und beschränkten
Vätern den Eindruck hervorrufen, der ihrer eigenen
Meinung von sich selbst entspricht. Man vergesse auch
nicht folgendes Vergnügen: Hat einer die Mutter des
Anchises oder ein dunkles Wort in einem vergilbten
Pergament gefunden wie bubsequa für Hirt oder bovinator
für Krakeeler oder manticulator für Beutelschneider
oder gräbt einer Steintrümmer mit Inschriftresten aus,
dann gibt es gleich maßlosen Jubel und Triumphgeschrei.
Man gebärdet sich, als ob man Afrika unterworfen oder
Babylon erobert hätte. Wie ist es aber, wenn sie ihre
unbeschreiblich dürren und witzlosen Verse vorführen
und dabei gar noch Bewunderung ernten? Dann glauben
sie geradezu, der Genius Vergils sei auf sie herab-
gekommen. Das köstlichste Vergnügen bereiten sie aber,
wenn sie sich gegenseitig lobhudeln und beweihräuchern.
Ist einem andern ein kleiner Verstoß unterlaufen und
zufällig von Aufmerksameren entdeckt worden, beim
Herkules, welche Verwirrung, welcher  Streit, welches
Geschimpfe und welche Beleidigungen vernimmt man dann.
Ich will mir die Ungnade aller Sprachlehrer zuziehen,
wenn ich lüge. Ich kenne einen sechzigjährigen Gelehr-
ten, der Griechisch, Latein, Mathematik, Philosophie
und Medizin hervorragend beherrschte, sich um nichts
kümmerte und sich über zwanzig Jahre mit der Grammatik
abmühte und herumquälte. Er begehrte nichts als das
Glück, so lange leben zu dürfen, bis er eine feste
Ordnung in die acht Redeteile gebracht hätte, was die
Griechen und Lateiner bis dahin nicht völlig vermocht
hätten. Man ist sogar bereit, einen Krieg zu entfachen,
wenn jemand die Konjunktionen zur Wortart der Adverbien
zählen will. Deshalb gibt es ebenso viele grammatische
Systeme wie Grammatiker, ja eigentlich noch mehr; denn
mein Aldus allein hat mehr als fünfmal eine Grammatik
herausgegeben. Keine läßt der Sprachlehrer aus, so
barbarisch und mühsam auch ihre Diktion sein mag. Jede
wird weidlich gewälzt und beschnüffelt, und jeder wird
für seine törichten Erzeugnisse auf diesem Gebiet
beneidet. Immer ist man in Furcht, es möchte einer den
Ruhm wegschnappen und die Arbeit so vieler Jahre möchte
vergebens sein. Wollt ihr das alles Wahn und  Torheit
nennen? Mir ist es eigentlich gleichgültig, nur müßt ihr
zugeben, daß dieses kümmerlichste aller Lebewesen mir
allein sein Glücksgefühl verdankt und deshalb allein
nicht mit dem Perserkönig tauschen möchte."

3. Sinn und Zweck von "Grammatik"

3.1 Reflexion zur Zeit Karls des Großen

Vgl. S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011. S. 46

"Pädagogische, hagiographische oder historische Bücher,
Gesetzestexte oder ideologische (Streit-) Schriften
sollten die politische, gesellschaftliche oder religiöse
Ordnung des Reiches aufrechterhalten. Aber schon tauchten
Kommentare auf - zunächst nur zu Werken grammatikalischen
Inhalts. Smaragdus, Abt des fränkischen Klosters Saint
Mihiel (bei Verdun) legte einen 15-bändigen Kommentar zur
lateinischen Grammatik Donats vor, weil er der Ansicht
war, die Grammatik regle den sprachlichen Ausdruck,
vermittle unter anderem dem Denken eine Struktur und
transportiere wie in den Schriften von Sedulius Scottus
eine klare Theorie des Sinninhalts, mit der die Bedeutung
dieses oder jenes Ausdrucks beziehungsweise dieses oder
jenes Verses aus den Evangelien besser zu verstehen sei.
Die Grammatik bilde die Einführung zum Verständnis des
Dogmas und folglich der Spiritualität. Aus ihr entstehe
auch kritisches Wissen, mithin Wissenschaft und
durch ihre Weiterleitung zum Beispiel durch theologische
Diskussion, gelange die Logik mit Macht in das kultu-
relle Universum Europas."

Die Stichwörter, die auch heute noch akzeptabel sind, haben wir kursiv gesetzt. Anstelle der theologisch-religiösen Blickrichtung wird die Alternativ-Grammatik einige Ausblicke z.B. in Richtung Psychologie aufweisen, was zumindest eine gewisse vergleichbare Perspektive darstellt.