4.0101 Ausdrucksseite: Sprachfamilien

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Wenn im Oberschwäbischen gesagt werden kann: »feif (Birna)«, dann klingt das sehr nach »five« im Englischen. Wer Latein lernt, tut sich leicht, später Französisch, oder Italienisch, oder Spanisch zu lernen. villa und ville sind offenkundig sehr ähnlich (und vieles andere auch).

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0. Vielzahl von Sprachen

0.1 Verarbeitungen des Befundes

Sehr gut eignet sich das alttestamentliche Motiv des "Turmbau zu Babel".

Vgl. zunächst durch H.M.Enzensberger die Betonung der schwierigen Verständigung beim Bau des Turms: [1]

Eine theologische Reflexion: [2]

Sprachversagen: man versteht sich nicht mehr - Vgl.[3]

0.2 Tierisch

Manche Tiere können menschliche Laute, ja Wörter/Sätze, nachplappern. Ob sie sie auch verstehen? - Eher nicht. Vgl. [4]

0.3 Mixtur

Ein junger Mann wollte im ausgehenden 18. Jahrhundert in

Königsberg studieren und traf dort auf eine Gruppe von
Studenten: "Diese jungen Herren brachen, sobald ich mich ihnen
zeigte und mein Vorhaben eröffnete, hierüber in lautes
Gelächter aus; welches ihnen auch gar nicht zu verdenken war.
Man stelle sich einen polnisch-litauischen Mann von ungefähr
fünfundzwanzig Jahren mit ziemlich starkem Barte, in
zerrissener, schmutziger Kleidung vor, dessen Sprache aus der
hebräischen, jüdisch-deutschen, polnischen und russischen
Sprache  mit ihren respektiven grammatikalischen Fehlern
zusammengesetzt ist und der die deutsche Sprache zu verstehen
und einige Kenntnisse und Wissenschaften erlangt zu haben
vorgibt. Was sollten diese jungen Herren dazu denken?"

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl. S. 250)


1. Abgrenzung von Sprachfamilien

1.1 Vergleich: Griechisch | Hebräisch

"Griechisch" zählt man zu den indogermanischen Sprachen, "Hebräisch" zu den semitischen. Was heißt der behauptete Unterschied praktisch? Wie wirkt er sich aus. Wir haben mit dem für alle zugänglichen Program CoMOn - vgl. [5] - einen Test durchgeführt:

Es wurde aus dem Alten Testament der relativ kurze Text vom
"Turmbau zu Babel" genommen: Gen 11,1-9. Der Text wird nach
dem Programmaufruf definiert, nachdem zuvor bestimmt worden
war, in welchem Textkorpus gesucht werden soll: hebräischer
Text oder (alt-)griechischer Text. Der Vergleich ist deswegen
günstig, weil man annehmen kann, dass die  Texte - es handelt
sich immerhin um "heilige", also wichtige -  höchstwahr-
scheinlich mit großer Sorgfalt übersetzt worden waren.
Das Programm bekam die Aufgabe, den jeweiligen Turmbau-zu-Babel
-Text durchzugehen, sämtliche Wortketten herauszupicken die
3 Wörter oder länger sind. Und nach dieser jeweiligen
Wortkette sollte im  ganzen, großen, restlichen Textkorpus
nach Entsprechungen gesucht werden. Die gefundenen Treffer
sollten mit  Zahl und Stellenangabe  ausgegeben werden.

Da die beiden Textkorpora sorgfältig aufeinander bezogen = übersetzt sind, ist die Frage: findet man bei der Suche im hebräischen Bereich die gleichen Stellen wie bei der Suche in der griechischen Version? Inhaltlich wäre das natürlich erwünscht. Dann könnte davon gesprochen werden, dass die Übersetzung ins Altgriechische vollkommen gelungen ist. Sollten aber doch deutliche Unterschiede in den Ergebnissen sichtbar werden, können sie nur mit der verschiedenen Sprachstruktur zusammenhängen. Gegen sie wäre auch der sorgfältigste Übersetzer machtlos. Denn er muss sich ja der Sprachstruktur/Schreibweise der Zielsprache bedienen. Seine Übersetzung soll ja verstanden werden. - Erste Ergebnisse:

Das hebräische Alte Testament umfasst 305.505 Wortformen,
das griechische ist mit 623.632 doppelt so groß. Der Grund
liegt nur zum kleineren Teil daran, dass im griechischen
etwas mehr Schriften  enthalten sind. 
Der Hauptgrund der Differenz liegt in der Schreibweise: Ein 
Artikel ("der/die/das") ist im  Griechischen wie im Deutschen
ein eigenes Wort, im Hebräischen jedoch Teil des Nomens,
zu dem er gehört. Genauso verhält es sich bei vielen
Präpositionen  ("in/auf/wie" u.a.), Konjunktionen ("und")
oder einem Großteil von "beziehungsanzeigenden Pronomina"
("mein/dein/sein" usw.).
Diese häufig zum Einsatz kommenden Sprachelemente tragen
somit entscheidend dazu bei, dass das griechische
Textkorpus, wenn man die einzelnen Wörter zählt, doppelt
so groß ist wie das hebräische.

Folglich ist auch die Trefferzahl im Griechischen dramatisch höher als im Hebräischen. In beiden Fällen war die Bedingung: identische Wortketten der Länge drei und länger sollen ausgegeben werden. Somit auch Teilketten einer längeren übereinstimmenden Kette.

Das Kursive zugleich als Beispiel: 
Teilketten einer längeren übereinstimmenden Kette                        
die volle Kette besteht aus 5 Wörtern; es würden aber auch 
interessieren:
Teilketten einer längeren übereinstimmenden            - 4 Wörter
           einer längeren übereinstimmenden Kette      - 4 Wörter
Teilketten einer längeren                              - 3 Wörter
           einer längeren übereinstimmenden            - 3 Wörter   
                 längeren übereinstimmenden Kette      - 3 Wörter   

Jedenfalls findet das Programm CoMOn am hebräischen Korpus 61 Treffer; am griechischen jedoch: 2354. Der Unterschied ist also gewaltig. Bleibt nur noch die Schlussfrage: sind wenigstens die vergleichsweise wenigen Stellen aus dem hebräischen Korpus in den vielen Stellen des griechischen enthalten, so dass das Griechische zwar mehr bietet, aber eben auch die Stellen des Ausgangstextes? Antwort weitgehend: Nein. In lediglich 5 Fällen stimmen die Treffer überein.

Damit ist in der Praxis nachgewiesen und illustriert, wie die Schreibweise/Sprachstruktur - noch bevor man über Bedeutungen nachzudenken beginnt - bei Sprachen unterschiedlicher Sprachfamilien komplett verschieden ist.

2. Mixtur von Sprachen

2.1 Sprachpanscher: Denglisch

1997 wurde der VDS = Verein deutsche Sprache gegründet. Sein Ziel: "die deutsche Muttersprache als eigenständige Kultur- und Wissenschaftssprache erhalten und vor dem Verdrängen durch das Englische schützen". Jährlich wird dabei der "Sprachpanscher des Jahres" erkoren. Auszüge aus: R. Griesbeck, Der Turm von Schwafel. München 2010:

(299f) "1998 wählte der VDS den damaligen Telekom-Chef
Ron Sommer zum Sprachpanscher des Jahres. Damit würdigt
der Verein den 'konsequenten Ausstieg der Telekom aus
der deutschen Sprache'. Die Mitglieder des Vereins
empfanden es als zutiefst kundenfeindlich und menschen-
verachtend, in ihrem eigenen Land, dessen Menschen zum
größten Teil des Englischen nicht mächtig sind, mit
'sunshine'- und 'moonshine'-Tarifen umworben zu
werden und Telefonrechnungen in einer nur spärlich mit
deutschen Wörtern garnierten landesfremden Sprache zu
empfangen. Dabei war sich die Telekom doch so sicher,
dass Deutsche es todschick fänden, endlich auch mal
'City-Calls', 'Free Calls' und 'German-Calls' machen 
zu können. Der VDS nannte das 'pseudokosmopolitisches
Imponiergehabe, mit dem viele Deutsche sich heutzutage
den Anschein von Weltläufigkeit zu geben suchen' ...
2001 bekam Wolfgang H. Zocher, der Vorsitzende des
Bundesverbandes Deutscher Bestatter, den Preis, weil
er mit dafür verantwortlich war, dass es seit 2000 in
Deutschland den Ausbildungsberuf des 'Funeral Masters'
gibt und dass sich seine Berufsgenossen auf der jähr-
lichen Messe namens 'Eternity' treffen, um über neue
'Funeral-Trends' und 'Bestattungstools' zu diskutieren.
    Herr Zumwinkel, damals (2002) noch Oberpostbote,
bekam ebenfalls eine Abmahnung vom VDS. Der Verein
würdigte mit seiner Verleihung ... die 'Anbiederung an
den amerikanischen Kulturkreis', vor allem mit neo-
postalischen Bezeichnungen wie 'One-Stop-Shopping',
'Global Mail', 'Easytrade', 'Funcard Mailing',
'Mailing Factory', 'Fulfillment', 'Stampit',
'Postage Point', Freeway', 'Travel Service' und
'Speed Booking'.
    Der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-
bundes, Gerhard Mayer-Vorfelder, der selbst im
nüchternen Zustand die deutsche Sprache nur zum
Kurzpassspiel verwendet, wurde als Sprachpanscher 
des Jahres 2003 ausgezeichnet. Man warf ihm vor,
dass in seiner DFB-Zeitschrift von 'Home & Away
Shirts', 'Signature Shirts' und 'Reversible Tops'
die Rede war, denn darin sah der Verein Deutsche 
Sprache 'kein Zeichen von Weltoffenheit, sondern
eine peinliche Missachtung unserer eigenen Sprache
und Kultur'."

2.2 Denglisch - Neu-speak

aus GEO 11/2012 S.138

Das innovative Tool der Abteilung Media Sales bildet die gesamte
crossmediale Customer Journey ab.
Ich muss die Software neu downloaden, weil der Computer gecrasht ist.
In der Partie Madrid - Leverkusen sind noch fünf Minuten zu gehen ...
Drei original deutsche Sätze aus dem Jahr 2012. Und, aus
Sicht von Sprachschützern, drei Belege für einen bedrohlichen
Trend: dass das Deutsche zunehmend zum "Denglischen" mutiere.
Weil unser Wortschatz von Anglizismen überschwemmt und unsere
Grammatik von Lehnwendungen unterwandert werde - wie
Sinn machen, eine gute Zeit haben oder die
Eins-zu-eins-Übersetzung von five minutes to go.
    Übertriebene Sorgen, sagen Sprachexperten wie der
Potsdamer Germanist Peter Eisenberg. Denn viele
Wortimporte werden rasch wieder aussortiert: Gut möglich,
dass media sales und service points in einigen
Jahren ebenso vergessen sind wie
Luncheon, Knickerbocker, Paraplü und Portepee.
Die verbleibenden Fremdwörter werden bis zur Unkennt-
lichkeit assimiliert: Keks, Streik und Gully sieht
man ihre Herkunft ebenso wenig an wie
Engel, Esel, Küche, Fenster und Kreuz - 
Wörtern, die vor 1600 bis 2000 Jahren aus dem Latein
importiert wurden. Latein, Griechisch und auch
Französisch haben das Deutsche weitaus stärker geprägt
als Englisch, das nur etwa ein Prozent aller 
Fremdanteile ausmacht. Deren grammatische Struktur ist
übrigens so flexibel, dass sie auf Dauer selbst
stylishe Joghurts und 'downgeloadete Factsheets
zu integrieren vermag.
    Insgesamt liegt der Fremdwortanteil im Deutschen
heute nicht höher als vor Jahrzehnten - bei schätzungs-
weise 20 Prozent.

3. Dialekte

3.1 Berührungsängste

Entgegen dem Trend zum Sprachpanschen gibt es auch den, sich z.T. rigide abgzugrenzen. Die These ist - von P. Auer vorgetragen -, dass es politische Grenzfestlegungen sind, bis hin zur Schaffung von Nationen, die von den Bewohnern der Gegend auch als Sprachgrenzen interpretiert werden. Fragt man danach, wo der gleiche Dialekt gesprochen werde, werden nur Orte innerhalb des eigenen Staatsgebietes genannt.

Wer Lust und auch die Chance hat, derartiges zu überprüfen, kann dies tun. Ein Beispiel wäre das Nebeneinander des Badischen und des Elsässischen. Eigentlich müsste dies ein Sprachraum sein. Da aber nicht nur der Rhein, sondern auch eine Staatsgrenze dazwischen liegt, entwickeln sich beide Teile unterschiedlich - bis dahin, dass im westlichen Teil das Französische im Alltag vordringt.

Die Gemeindereform in Baden-Württemberg fasste die beiden Städte Villingen und Schwenningen zusammen. Im Bewusstsein der Bevölkerung lag aber eine Grenze dazwischen, die zwischen Baden (Alemannisch) und Württemberg (Schwäbisch). Daher tut man sich bisweilen bis heute schwer, nun die Gemeinsamkeit zu akzeptieren.

Ein anderer Fall ist die Schweiz: dort hat man eine lange Tradition, das Nebeneinander von Schwyzerdütsch, Französisch und Italienisch zu tolerieren.