4.0102 Gruppensprachen / Soziolekte

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Innerhalb einer Einzelsprache gibt es weitere unterscheidbare Arten zu sprechen/zu schreiben. Sie hängen ab vom Alter der Redenden ("Jugendsprache"), vom Umfeld, in dem sie aufwachsen oder sich aufhalten ("Gassenjargon"), von der beruflichen Stellung ("Beamtendeutsch"), von fachlichen Erfordernissen (Wissenschaftssprache, juristische Sprache usw.), von gesellschaftlichen Anlässen ("Festversammlung") usw.

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1. Jugendsprache

1.1 Jugendsprache soll eine Grenze ziehen

aus: R. Griesbeck, Der Turm von Schwafel. München 2010. S. 33-35:

"Dass es Jugendsprache gibt, ist natürlich unbestritten, aber sie 
ist nicht recht greifbar, denn das ist ja Teil ihrer Funktion. 
Jugendsprache hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der 
Heisenbergschen Unschärferelation: Je genauer man hinsieht, 
umso weniger sieht man. In diesem Falle liegt es allerdings daran, 
dass Wörter, denen sich Erwachsene zuwenden (oder die sie gar in 
ihren eigenen Wortschatz aufnehmen), sofort von den Jugendlichen
fallengelassen werden. So wie man sein T-Shirt von 'Fettes Brot' 
nie mehr anzieht, wenn sich das 'Daddy' mal ausgeliehen hat, um 
auf der Faschingsfete den Hip-Hopper zu geben.
        Auch wenn sie sehr scheu sind, lassen sich im 
Neusprechdschungel doch ein paar Stammesgruppen ausmachen, obwohl 
ihre Mitglieder sofort die Zelte abbrechen und weiterziehen, wenn 
man ihnen mal zu nahe kommt. So wie es früher die Rocker und Mods 
gab, ging es weiter: Punks, Heavy-Metler, Raver und Grufties - 
alle hatten ihre eigene Sprache, wenigstens ein paar Ausdrücke, 
mit denen man Angehörige anderer Gruppen beleidigen konnte.
Nullchecker!
        Junkies ('Biste auf Pumpe'?) sind 'down low', wenn sie 
schlecht drauf sind, Raver haben dann ihre 'Depri', coole Jungs 
sind vielleicht mal angepisst, aber wenn ein Kumpel kommt, tröstet 
der ihn mit 'Geh bei Grün!'. Klar. Versteht ja jeder. Für mich 
als Worthandwerker ist das der größte Spaß, wenn zwei Angehörige 
verschiedener Wortstämme miteinander plaudern. Ich kapiere zwar 
nicht alles, aber aus dem Zusammenhang ergibt sich das
meiste. Sie verstehen schon, es ist ein bisschen so, wie wenn 
man einen Schweizer mit einem Holländer streiten hört: etwas 
undurchsichtig, aber mit hohem Heiterkeitsfaktor.
    'Alder, was hast du am Start?'
    'Bist du auf nass, oder was?'
    'Sure, das sagt mir einer mit so 'ne Bazongklamotten.'
    'Halt lieber den Ball flach, Spako!'
    'Chill out - oder mach 'nen Schuh!'
    'Willste mich dissen?'
    'Locker mal ab. Ich bin eh on the run.'
    'Willste, Monk?'
    'Musste jetzt keinen Rap bringen, ich brauch noch Sackgeld 
    fürn Tacker.'
    'Das ist fett - ich kenne einen, der macht's auf lau.'
    'Ist der real?'
    'Kein fake, ich schwör.'
    'Dann lass uns 'nen Lift nehmen.'
    'Abpfiff!'  
Alles klar? Also, es haben sich zwei junge Menschen getroffen, 
die sich bisher nicht kannten, aufgrund ihres äußeren Auftretens 
aber erst einmal eine gewisse gegenseitige Reserviertheit empfanden. 
Nach dem Austausch einleitender, deutlich unfreundlicher Begrüßungen 
teilte der eine dem anderen mit, dass er noch etwas Geld für ein 
neues Körperpiercing benötige, worauf der andere ihm eine Empfehlung 
aussprach, es doch mit einem seiner Bekannten zu versuchen, die so 
etwas kostenlos durchführten.  Schließlich gehen sie beide zusammen 
hin.
        Dabei hat keiner den anderen vollgetextet oder ihm gar ein 
Kotelett ans Ohr gequatscht, es war kein Touchdown, kein Griff ins 
Klo, sondern eine nette Unterhaltung."


2. Hyperkorrektur / Hyperurbanismus

Die Begriffe klingen aufgedonnert. Aber was damit gemeint ist, ist auch "aufgedonnert". Immer schon hat sich die Sprache im bäuerlichen Milieu unterschieden von der Sprache, die zeitgleich in den Städten gesprochen wurde. Kam nun ein Bauer in die Stadt, bot den Städtern auf dem Markt seine Waren an, oder er hatte auf der Behörde zu tun, so hatte er immer im Hinterkopf, dass man in der Stadt etwas anders spricht, edler, gebildeter usw. Also bemühte er sich, so zu sprechen wie die Städter, eben urban. Dabei konnte es zu Unfällen kommen, weil der Bauer die andere Sprechweise eben doch nicht so gut beherrschte. Es liegt also eine übertriebene Korrektur der eigenen Sprache vor (Hyperkorrektur), oder eine überzogene Anpassung an städtische Sprechweise (Hyperurbanismus)

Eine (Ober-)Schwäbin fragte die Kollegin, was es bei ihr abends 
zu essen gebe. Die Antwort: "Ich koche einen Gehockeler."
Das Wort gibt es weder im Schwäbischen noch im Hochdeutschen. 
Entweder man sagt - oberschwäbisch - "Gockel(er)", oder 
"Hähnchen". Die Frau versuchte also den schwäbischen 
"Gockel(er)", der ihr in der Situation wohl als sprachlich zu 
gewöhnlich vorkam, aufzuhübschen. Die Vorsilbe "Ge" - die im 
Schwäbischen nicht vorkommt - steht im Ruf, Signal für 
Hochdeutsch zu sein. Dann noch einen Bindekonsonanten 
dazwischen geschoben, damit nicht zwei Vokale aufeinander 
treffen - fertig ist der "Hyperurbanismus". 
Der Franke Kardinal Döpfner ahnte wohl einmal, dass er - 
volksstamm-bedingt - mit harten/weichen Konsonanten auf 
Kriegsfuß steht. Also suchte er zu korrigieren - tat es 
allerdings in die falsche Richtung. Er sprach von 
"Landsleusen", meinte aber "Landsleuten". 

Das Problem tritt also durchaus nicht nur in niederen und weniger gebildeten sozialen Schichten auf.

2.1 Einzelsprache: Deutsch - Hochsprache/Dialekte

Beispiele im Deutschen (aus wikipedia)

* Apfrikose. Erklärung: Sprecher nördlich der Speyerer Linie, 
  der weiß, dass Appel hochdeutsch Apfel heißt.
* Kirche statt Kirsche, Gechichte statt Geschichte, technich statt
  technisch. Erklärung: Rhein- oder Moselfränkischer Sprecher, der weiß, 
  dass es im Standarddeutschen eine Unterscheidung von ch und sch gibt.
* Küschentich statt Küchentisch oder grieschich statt griechisch,
  korrigiert zweimal in die falsche Richtung, vertauscht also ch und sch 
  und kann im moselfränkischen  Sprachgebiet sowie im Rheinland vorkommen.
* Prüter statt Brüder, vertauscht sog. "harte" und "weiche" Konsonanten
  (b/p, d/t, teilweise auch g/k), was vor allem in Franken und Sachsen
  auftritt, wenn der Sprecher sich um eine standarddeutsche Aussprache
  bemüht.


3. Sprachwandel durch Sprachkontakt

3.1 Deutsch und die Sprachen der Migranten

Aus Essay von U. Hinrichs in SPIEGEL 7/2012:

"Auch in Europa sind viele Sprachen und Sprachzonen erst durch 
lang andauernde Kontakte von Menschen und Kulturen das geworden, 
was sie heute sind. Das Englische mit seiner einfachen Grammatik 
ist das Produkt einer Symbiose mit der Sprache der normannischen
Eroberer im Mittelalter, auf dem Balkan haben das Bulgarische, 
Rumänische und Albanische ihre Strukturen in jahrhundertelangen
Kontakten einander weitgehend angeglichen; ja sogar das 
Lateinische hat seine komplizierte Grammatik radikal vereinfacht, 
als daraus schließlich Französisch, Italienisch und Spanisch 
wurden ...
Das Erste, was eine Sprache verliert, ist das, was sie für 
einfache Kommunikationszwecke mit fremden Sprechern am 
allerwenigsten benötigt: Das sind die Fälle, die Endungen und 
die Regeln ihrer Verknüpfung. Was man nicht braucht, das 
schleift sich schnell ab.
Seit Bastian Sicks Bestsellern weiß man, dass der Genitiv 
bereits einen aussichtslosen Kampf kämpft ('das Haus von 
meinem Vater').
Aber auch Akkusativ und Dativ müssen Bastionen räumen. 
Konstruktionen wie 'mit diesen Problem', 'aus den Lager 
heraus'; 'wer soll den neuen Kabinett angehören'; 'wir haben 
hier ein Rest'; 'ich mach dir kein Vorwurf' und so weiter kann 
man nicht nur überall hören - es wird zum Teil, auch in 
Examensarbeiten, schon so geschrieben. ... Die Sprache wird 
vage und situationsabhängig. Oft hört man auch schon 'starker' 
statt 'stärker', 'Beschlusse' statt 'Beschlüsse', 'der 
empfehlt' statt 'er empfiehlt' - vereinzelte sprachliche 
Wurmlöcher, die für die kommenden Jahrzehnt weitere 
morphologische Vereinfachungen ankündigen.
     Das mehrsprachige Milieu kann auf korrekte 
Deklinationen und genaue Endungen durchaus verzichten, weil 
diese Art Grammatik nur Kodierungsenergie frisst, die 
woanders viel dringender gebraucht wird, beispielsweise um 
Defizite im Wortschatz auszugleichen. Außerdem liefert die 
Situation meist genug Anhaltspunkte für das, was jeweils 
gemeint ist. Hinter dem, was Puristen als Verfall, ja 
Verlotterung anprangern, steckt nur die Strategie, die 
Sprachstrukturen zu vereinfachen, um das Kommunizieren mit
Nichtmuttersprachlern zu erleichtern. Deshalb baut das 
Deutsche derzeit viel Grammatik ab; und viele 
Schulkategorien wie Konjunktiv, Plusquamperfekt oder 
vollendetes Futur werden in naher Zukunft wahrscheinlich 
kaum noch gebraucht. ...
     Eine zweite Quelle für Sprachveränderungen liegt in 
den Herkunftssprachen der Migranten. Einwanderer greifen 
auch auf Sprachstrukturen zurück, die sie aus ihrer 
Muttersprache mitbringen. Diese werden ins Deutsche 
kopiert und im zweisprachigen Milieu gefestigt. ... etwa 
die Wortfolge ('eine neue Steigerung mit 'mehr' ('mehr 
geeignet', 'mehr zuständig') oder der Zusammenfall
von Ort und Richtung ('die Politiker fuhren letzte Woche 
auf einem Finanzgipfel') sind Beispiele für neue 
Strukturen, die ihre Vorbilder in vielen 
Migrantensprachen haben. Auch die zahlreichen 
neudeutschen Ausdrücke mit 'machen' wie 'einen Film 
machen', 'ein Tor machen', 'einen Kompromiss machen' 
haben direkte Parallelen im Türkischen. ...
     Schon seit langer Zeit gibt es eine historische 
Drift in Richtung auf kasuslose und grammatikarme 
Sprachstrukturen, die die Linguisten 'analytisch' nennen 
und die das Englische und Französische schon lange 
erreicht haben."

Die Beispiele sind illustrativ. Im Sinn der Alternativ-Grammatik ist anzumerken: Hier, auf der Ebene der Ausdrucks-SYNTAX, interessieren uns zunächst neue Wortbildungen bzw. bislang nicht gebräuchliche Wortverkettungen bzw. welche dieser Ausdrücke allmählich außer Gebrauch kommen. Was jeweils an Bedeutungsfunktionen damit zusammenhängt, würde erst bei der SEMANTIK beschrieben.

4. Einfache und doch poetische Sprache

Die Verwendung 'gehobener' Sprache grenzt als Adressaten die aus, die sprachlich 'weiter unten' angesiedelt sind, also anschaulicher, lebensnäher, vorstellbarer zu sprechen pflegen. 'Gehobene' Sprache kann für Fachgebiete notwendig sein: sie nimmt dann Züge einer technischen Sprache an, ist auf Definitionen und vereinbarte Begriffe angewiesen. Wer diese nicht gelernt hatte, ist von der Kommunikation ausgeschlossen.

Poesie führt immer schon vor, dass es anders geht: anschauliche, konkrete, alltagsnahe Sprechweise ist nicht automatisch simpel und platt, banal. Sondern im Rahmen der Anschaulichkeit, die niemanden ausschließt, können allgemeingültige Wahrheiten, Konfliktmuster usw. entwickelt und den Lesern präsentiert werden. Merkmal von Poesie ist dann, dass die zunächst leicht fassbaren Inhalte so einprägsam verknüpft sind, dass sie die Leser weiter begleiten, anregen zu immer neuen Überlegungen, auch Verbindungen zur eigenen Lebensgeschichte.

Eigentlich komplex ist dann die zunächst vermeintlich einfach klingende Sprache; als platt und blöd kann sich der erweisen, der mit einigen angelernten, manchmal auch nur halbverstandenen abstrakten Begriffen hantiert. Im ersten Fall ist signalisiert, dass der Sprecher Kommunikation tatsächlich wünscht und anstrebt; im zweiten Fall können Denkfaulheit und Selbststilisierung/Arroganz den Hintergrund bilden.

4.1 Sprache der Bibel

Altes und Neues Testament sind zu umfangreich, als dass hier zunächst mehr genannt werden könnte, als einige Richtungsangaben. Bei späterer Gelegenheit Vertiefungen und Beispiele.

  • Die Sprache Jesu - nach allem, was wir wissen können - war bildhaft, konkret und somit verstehbar. Nicht nur das: Gleichnisse haben hohen poetischen Wert und deswegen Langzeitwirkungen entfaltet (weil nicht platt eine Lösungsmöglichkeit angesteuert wird), vgl. Mt 20 "Arbeiter im Weinberg" u.v.a.m. Eine solche Sprache lenkt einerseits, andererseits belässt sie auch die (Deutungs-)Freiheit der Hörer, ist lebensnah-anschaulich-interessant - und mit all diesen Merkmalen attraktiv. Soziologe Mayer: 'unterschichtige Sprache', d.h. für breite Kreise gut verstehbar, dennoch auch für Gebildete genügend Anregungen und Provokationen bietend.
  • Frühe Autoren, d.h. bald nach Jesu Tod, haben begonnen, Jesu Leben in Form von Wundergeschichten anschaulich, symbolisch und insofern komprimiert darzulegen, z.B. Heilungen, Naturwunder. Sprachlich haben diese Texte die gleichen Merkmale wie Gleichnisse, grenzen also nicht aus, haben zusätzlich den Provokationscharakter, da eine Unmöglichkeit eingebaut ist. z.B. eine Ostergeschichte in Form von "Über Wasser wandeln".
  • Paulus ist auch ein früher Autor, aber sprachlich von anderem Schlag: hochintellektuell schreibt er seine Briefe. Er führt darin seine Fähigkeit vor, abstrakte Denksysteme und Gedankengänge darzulegen. Der Aspekt Selbststilisierung/Arroganz ist am Anfang des Römerbriefs bereits mit Händen zu greifen: 7 Verse werden gebraucht, um das eine Wort "Paulus", also die Absenderangabe, ins rechte Licht zu rücken. Frei bewegt sich der Theologe in der gesamten Heilsgeschichte. Das hat mit Lebensnähe und Anschaulichkeit nichts mehr zu tun. Soziologe Mayer: 'oberschichtige Sprache', d.h. solche, die intellektuell Gebildete pflegen - womit aber Angehörige der Unterschicht ausgeschlossen werden.
  • Dann gibt es noch die sog. Pastoralbriefe (Tim, Tit). Sie sind vergleichsweise dröge, blass, unanschaulich usw.
  • Sonderfall Offenbarung des Johannes: Sehr anschaulich, zugleich hochabstrakt wird poetisch das Ende der Welt geschildert, das Wiederkommen des Christus in Herrlichkeit. Man kann sich von dieser Bilderflut mitreißen lassen. Insofern hat die Sprache keinen trennenden Charakter. Zugleich ist aber klar, dass diese Sprache eine andere Welt entwirft, eine, zu der niemand aktuell Zugang hat. Das trennt dann doch wieder.
  • Der Sprachhintergrund Altes Testament ist noch vielfältiger und umfangreicher. Als leicht zugänglich können die vielen Erzähltexte gelten; ganz esoterisch im Sinn von Fachsprache sind die Gesetzestexte (etwa in Lev); zum größeren Teil hochpoetisch die Psalmen, oder das Hohelied. Gut verstehbar, wenn auch meist auf Warnungen hinauslaufend und insofern in ihrer Fülle anödend die Weisheitsliteratur.
  • Ein breites Problem besonders im Alten Testament sind die vielen nachträglichen Überarbeitungen von Texten. Dann trifft ein heutiger Leser auf einen hervorragenden Erzähltext der inzwischen aber durch mehrere Redaktoren überarbeitet worden war. Also liest man immer auch deren - meist nicht inspirierten, sondern oberlehrerhaften - Textergänzungen. Der Leser ist damit in einem Text konfrontiert mit beidem: poetische und blass-abstrakte Sprache. Wirkung: Irritation.

5. Hochsprache - Dialekte

5.1 Norddeutsch - Süddeutsch

Ein Artikel in SWP (24.10.2012, H. Petershagen) berichtet von einem Test unter Deutschlehrern. Sie bekamen "40 Sätze mit jeweils einem regional geprägten Wort, darunter auch solche nördlicher Herkunft. Die Frage war: Welche dieser Regionalismen würden die Lehrer als 'hochdeutsch' akzeptieren?"

"Das Ergebnis ist für die Süddeutschen unerfreulich: Immer mehr
süddeutsche Wörter werden nicht mehr der Standardsprache zugeordnet,
etwa der Stadel, die Geiß sowie - und das im Land der Kehrwoche!
- die Kutterschaufel und der Putzlumpen. Anders sieht es
aus mit Wörtern wie Fleischer oder Abendbrot, die aus
Norddeutschland stammen. Die gelten als reines Hochdeutsch und sind
damit akzeptiert."

Interessant: je jünger die LehrerInnen waren, desto intoleranter. "Lassen die über 50-Jährigen Wörter wie Nachtessen, Bub, zusperren oder Stiege noch mehrheitlich zu, so streichen die unter 50-Jährigen sie bereits rot an. Die unter 40-Jährigen nehmen nicht einmal mehr den Laugenwecken in Kauf. Die nächsten Wackelkandidaten sind das Zahnweh und das Trottoir.

5.2 Laut/Schrift bei Dialekten

aus GEO 11/2012 138ff

Bef i Hüss stonn tre Opelboamen me roa Opele.
Min lew Kind, bliw hia unna stahn, de böse Gös bitn di dot.
Mar muss laure Kräische, sost v'rschdere ins net.
D'Füaß tein mer recht weh, i glab, i hob mers deihiglaffa.

Die Sätze gehören zu einer Sammlung von 40 Sätzen, die der Marburger Dialektforscher Georg Wenker im Jahr 1876 zusammengestellt hat. Übersetzung:

Hinter unserem Haus stehen drei Apfelbäume mit roten Äpfelchen.""
Mein liebes Kind, bleib hier unten stehen, die bösen Gänse beißen dich tot.
Man muss laut schreien, sonst versteht er uns nicht.
Die Füße tun mir weh, ich glaube, ich habe sie mir durchgelaufen.

(Dialektforscher) verfolgen zum Beispiel die Entwicklung des Lautes /o/, wie er in Brot, groß und Rose vorkommt. Und stellen fest, dass etwa die Odenwälder diesen Laut bis heute in Braut, graus und Raus verwandeln - während die Schwaben im Raum Lechrain ihre alten Formen Broat, groaß und Roas zusehends dem bayrischen Brout, grouß und Rousn angleichen.

Zurzeit registrieren die Marburger Sprachforscher, dass das lange ä auf dem Rückzug ist. Von Norddeutschland ausgehend, verwandeln sich immer mehr Mädchen, Grätschen und Stäbe in Meedchen, Greetschen und Steebe. - Joachim Herrgen bekennt, dass es ihn als Deutschkenner- und -liebhaber jedes Mal 'von der Kirchenbank reißt', wenn er die falschen Vokale vernimmt. Als Wissenschaftler jedoch betrachtet er sie mit gelassener Neugier. Was wird wohl passieren, wenn der Lautwandel zu ersten Missveständnissen führt - wenn die Deutschen also merken, dass sie Bären und Beeren, Sägen und Segen nicht mehr unterscheiden können? - Der Sprachforscher ist sich sicher: Als Meister der Verständigung werden wir uns bestimmt etwas einfallen lassen.

5.3 Schwyzerdütsch

aus GEO 11/2012 146

Der Chümichnüpfer wird nicht aussterben, ebenso wenig wie
die Scheesä, der Gaggalari und das Chuderluuri.
Auch in 50 Jahren wird man zwischen Basel, Chur und Gstaad
noch Chnörzli, Gipfeli, Flaischchääs und Luussalbi
servieren. Die Dialekte der Eidgenossen gehören zu den
lebendigsten deutschen Sprachvarianten. Vor allem im Gefolge
der beiden Weltkriege erlebten sie eine Renaissance. In Radio
und Fernsehen haben sie die Standardsprache weitgehend
verdrängt; auch in Chats, Tweets und SMS werden sie ausgiebig
verwendet....
    Das Schweizer Beispiel zeigt: Ob ein Dialekt sich auf
Dauer behauptet, hängt zuerst vom Selbstbewusstsein seiner
Sprecher ab. Sie entscheiden auch, ob ihre Mundart den Status
einer eigenen Sprache erhält. Dass die Grenze zwischen beidem
eher politischer als akademischer Natur ist, hat der Linguist
Max Weinreich auf den Punkt gebracht:
"A schprach is a dialekt mit an armej un flot."

5.4 Hochdeutsch vs. Schwäbisch / Sächsisch

Man kann Dialektsprecher auf Hochdeutsch trimmen. - Soll man das? Dialekte haben auch spezifische Vorteile, die verlorengehen würden. aus SPIEGEL-online 9.2.2013:

An dem Satz "Das ist der Mann, der wo gestern angerufen hat"
wird sich in Stuttgart und Umgebung niemand stören, in
Hannover oder im Ruhrgebiet wird er dagegen zumindest für ein
Schmunzeln sorgen. "Hochdeutschsprecher wirken bei Vorträgen
oder Präsentationen auf die Zuhörer fachkundiger als Dialekt-
sprecher, unbewusst ordnen ihm die Zuhörer sogar eine höhere
Bildung zu", sagt Ariane Willikonsky. Allerdings gibt es einen
Trost für sächselnde oder schwäbelnde Menschen: Nach einer
Studie finden zum Beispiel Studenten Dialekt sprechende Hoch- 
schullehrer sympathischer. "Trotzdem  sind nicht alle mit ihrem
Dialekt glücklich", sagt Willikonsky.
Es gibt mehr als 2000 Begriffe, die nur in der schwäbischen
Mundart vorkommen. Außerhalb Schwabens weiß kaum einer, dass
mit Mucke nicht Musik, sondern eine Fliege gemeint ist. Dass
"Gewand" Kleidung bedeutet und eine Wolldecke unter Schwaben
"Teppich" heißt. Doch die Vokabeln sind nicht das große Problem.
Schwerer wird es bei der Aussprache.

5.5 Hochdeutsch vs. Berlinerisch

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 10:

Persicke achtet gar nicht auf ihre Frage. Er reißt die Zeitung
auseinander. "Da steht's ja: Frankreich kapituliert. Mensch
Frollein, und det saren Se eenem so, als ob Se Schrippen
vakoofen! Det müssen Se zackig herausbringen!
Det müssen Se jedem saren, bei dem Se kommen, det überzeugt
noch die letzten Meckerköppe! Der zweite Blitzkrieg, hätten
wa ooch geschafft, und nu ab Trumeau nach England! In 'nem
Vierteljahr sind die Tommys erledigt, und denn sollste mal
sehen, wie unser Führer uns leben lässt! Denn können
die andern bluten, und wir sind die Herren der Welt! Komm
rin, Mächen, trink 'nen Schnaps mit! Amalie, Erna, August,
Adolf, Baldur - alle ran!
Heute wird blaugemacht, heute wird keene Arbeet anjefasst!
Heute begießen wir uns mal die Neese, heute hat Frankreich
kapituliert, und heut Nachmittag gehen wa valleicht bei de
olle Jüdsche in de vierte Etage, und det Aas muss uns
Kaffee und Kuchen jeben! Ick sare euch, die Olle muss
jetzt, wo Frankreich ooch am Boden liegt, jetzt kenne ick
keen Abarmen mehr! Jetzt sind wa die herren der Welt, und
alle müssen kuschen vor uns!" 

Wortformen / Wortschatz: man kann gut zuordnen was hochdeutsch ist (aber auch im Dialekt seinen Platz hat), und was exklusiv typisch ein Ausdruck des Berlinerischen ist.

Wortpositionen / Wortketten: Auch hierbei lassen sich Befunde dem Hochdeutschen bzw. dem berliner Dialekt zuordnen.

6. Fremdsprachen

6.1 Angeberei

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede. Übersetzt von
Anton J. Gail. Reclam Nr.1907.  Stuttgart 2010. 
(10) "Unsere zeitgenössischen Rhetoren machen es offenbar so
und kommen sich wie Götter vor, wenn sie doppelzüngig auftreten
wie die Blutegel. Sie tun sich etwas darauf zugute, ihr Latein
da und dort mit einigen griechischen Brocken gleichsam zu
verbrämen, auch wenn sie gar nicht am Platze sind.
Fehlen ihnen Fremdwörter, graben sie vier oder fünf Worte
aus vergilbten Pergamenten aus und benebeln den Geist des
Lesers. Das soll bei allen, die es verstehen, die Selbst-
gefälligkeit heben; die es nicht verstehen, sollen um so
mehr in ehrfürchtige Bewunderung versinken, je weniger sie
begreifen."

6.2 Professor Eusebius Schlammbohrer

, ein Marabu, doziert:

... "Ich fasse also zusammen", schloß er nach einer
beträchtlichen Weile.
"Es handelt sich bei Norbert Nackendick um eine sogenannte
spezifische urebolane Psymulation der kaurephatomalistischen
Emphysis, welchselbige mit Sicherheit durch semantische Kommu-
nikation symboturmiert oder sogar zur Gänze extro-spinatisiert
werden kann:"
Er verbeugte sich und wartete sichtlich auf Beifall, der aber
ausblieb.
(aus: Michael Ende / Reinhard Michl, Norbert Nackendick. Stuttgart-Wien 1987)

Sprachlich (Wortwahl) bewegt sich da einer auf einer ganz anderen Ebene als der der vertrauten Alltagssprache. Gerade als Karikatur ist damit das Prinzip von Sonder- / Fachsprachen / Soziolekte gut illustriert. - Kinder im Kindergarten reagieren mit heftigem Gelächter auf diesen Ebenenunterschied.

6.3 Mischung von Wortinventar und Sprachstrukturen

etwa zum Zwecke des freundlich gemeinten Spotts. Aus einer "Randnotiz" der SWP (23.5.2014) zum Desaster, dass die französische Eisenbahngesellschaft neue Züge bestellt hat - und hinterher stellt sich heraus, dass diese nicht in die traditionellen Bahnsteige einfahren können, weil diese zu enge Fahrspuren haben:

In letzter Zeit hat Frankreich etwas zuviel Malheur gehabt.
Die Economie wächst non plus, nur die Staatsschulden und
die Arbeitslosenzahlen. Gérard Depardieu, le grand Schau-
spieler, hat sein Land en direction de Belgien oder
Russland verlassen und PSG, der mit Ölscheich-Milliarden
aufgepumpte Fußballclub der Métropole, hat auch nüscht
reüssiert. Mon dieu!
   Wenigstens ist die Eisenbahn noch Weltklasse - TeeScheeWee,
oh là là - schneller als der Bundesbahn-ICE. Verständlisch,
dass Amerikaner und Simensianer Alstom wollen. Doch was
nützen die besten Züge, wenn sie nicht mehr kommen hinein
in den Bahnhof. Pardon? Mais oui, das ist kein Scherz,
sondern ein Schildbürgerstreich à la française:
Die neuen Regionalzüge der französischen Staatsbahn SNCF
sind breiter als die alten. Und streifen deshalb die
Trottoires. - 1300 Bahnsteige, um exactement zu sein. Für
50 Millionen Euro müssen sie nun umgebaut werden.
   Das Amusement bei Frankreichs Bürgern ist nun 
ziemlich petit (...)
                                                  HELMÜ  SCHNEIDÄR

7. Achten auf Gruppenidentität

7.1 Revisionen der Lutherbibel

1534 erschien die erste vollständige Bibelübersetzung Luthers, 1545 die letzte, nochmals überarbeitete. 1546 starb Luther.

1892 erschien eine erste kirchenamtliche Revision des Textes.
In den 350 Jahren zuvor hatten sich 11 unterschiedliche Ver-
sionen des Textes entwickelt.
1912 Anpassung des Textes an die neu eingeführte Duden-Recht-
Schreibung.
1956 neue Fassung des Neuen Testaments mit leichten Moderni-
sierungen.
1964 Revision des Alten Testaments.
1975 Revision des Neuen Testaments abgeschlossen. Starke Mo-
ernisierungen: = "Mord an Luther" nach Walter Jens.
1984 Fassung der nun gültigen Version des Neuen Testaments
mit mehr Rückbindung an Luther.
2017 (Erscheinung im Oktober 2016): 4. kirchenamtliche Revi-
sion der Lutherbibel.

Sprachen entwickeln sich natürlich weiter. Dadurch geht der sound alter, verehrter Gründerpersönlichkeiten, auch wenn sie anerkannt mit poetischem Feingefühl in ihrer Zeit übersetzt hatten, mehr und mehr verloren, bzw. ihre Sprechweise wird zunehmend nicht mehr verstanden.

Textherausgeber in der Gegenwart - mit einer Gruppe im Hintergrund - müssen zwei sich widerstreitenden Aspekte Rechnung tragen:

  1. Der alte Text soll in heutiger Sprache noch gut verstanden werden. Das muss nicht heißen, dass er 'süffig' und problemlos aufgenommen werden kann. Aber die Anreize zum Nachdenken, die stilistischen 'Stolpersteine', sollten heutige interessierte Leserinnen nicht überfordern, abschrecken.
  2. So sehr der Sprachwandel beachtet werden muss, sollte gleichzeitig möglichst viel vom Gruppen-sound gerettet werden, wie er sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Die Gruppenidentität will somit beachtet sein.

Beide Aspekte stehen häufig im Widerstreit. (Informationsgrundlage: Beitrag "Das Sprachkunstwerk restauriert" in STB 15.10.2016)