4.0103 Sprachwandel

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Antippen sollte man das Thema "Sprachwandel" in der Schule durchaus, denn noch nie kamen aufgrund von Mobilität / Migration Vertreter so vieler verschiedener Sprachgruppen, -familien in Klassen zusammen. Aufgrund gestiegener Lebenserwartung kann man oft innerhalb der gleichen Familie, also zwischen den Generationen, Sprachwandel registrieren. Dafür sollte man aufmerksam werden.

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1. "Böse" Wörter ?

Wörter als solche sind unschuldig, neutral. Dies vorneweg. Mit Wertungen aufgeladen werden sie durch die Benutzer und durch das, was sie stilistisch daraus machen (Übertragener Sprachgebrauch?). Also sollte man - in jeder Gegenwart - genau auf den Verwendungszusammenhang schauen und den richtig erfassen. Dann weiß man auch, wie das einzelne Wort gemeint ist. = Arbeitsfeld der PRAGMATIK.

Daneben sind Wörter entweder in Gebrauch, oder sie kommen aus der "Mode". Nicht willkürlich, sondern mit Gründen: das gesellschaftliche Umfeld ändert sich - und damit auch die Art zu sprechen.

1.1 "Mohrenkopf", "Neger" usw.

Debatten, ob man solche Wörter heute noch verwenden darf oder nicht, kann man wohl entkrampfen. Natürlich ist es richtig, dass in diesen Wörtern kolonialistisches Denken nachklingt: in diesem Rahmen waren die Wörter in Gebrauch. Zeitgenossen, die solche Wörter weiterhin verwenden, muss man nicht unbedingt in eine "Kolonialismus"-Debatte verwickeln und entsprechende Vorhaltungen machen.

Es genügt wahrzunehmen, dass zumindest Wörter wie "Neger" gesellschaftlich längst aus der Mode gekommen sind. Vielleicht haben es noch nicht alle kapiert - dann kann man sie darauf hinweisen. Überwiegend sind derartige Wörter out. Längst sind alternative Bezeichnungen im Gebrauch.

Für Wörter wie "Mohrenkopf" hat sich noch keine terminologische Alternative eingebürgert. Vielleicht deswegen, weil das Wort von vornherein eine ironische Komponente enthält - und auf diese verzichtet man ungern. Auch nicht im Fall von "Nonnenfürzen" oder "Jesuitendärmen" - alles Gebäckbezeichnungen. - Das kann heißen, dass die aktuelle Gesellschaft an solchen Bildungen festhalten will.

2. Rache des ...

In Sprachen mit Kasusendungen lernt man, dass Präpositionen bestimmte Kasusendungen am folgenden Nomen verlangen, dementsprechend ein Nomen mit anderem Kasus als falsch eingesetzt zu betrachten ist.

2.1 ... Genitivs

Derzeit wird im Deutschen zunehmend festgestellt, beklagt, dass der Genitiv dem Dativ den Rang ablaufe. Dazu ein "Übrigens" vom F. Renz in ST (2.9.2014):

Kürzlich stand in unserer Zeitung folgender Satz: "Der
59-jährige ... wohnt direkt gegenüber des Schutzwalls und
ist verärgert." Ein grammatisch korrekter Satz, würden wohl
die meisten sagen. Einer unserer Leser sah das anders und
wies in in einem Leserbrief - völlig zurecht - darauf hin,
dass nach 'gegenüber' eigentlich der Dativ stehen müsste:
"gegenüber dem Schutzwall". So sieht es auch der Duden.
   Ein Genitiv, wo ein Dativ stehen sollte? Wie kann das
sein? Man hört doch immer gerade das Gegenteil: Der Genitiv
sterbe aus, dahingerafft von eben jenem Dativ. Zum Teil
stimmt das auch. Was die Kasuswahl nach Präpositionen angeht,
zeigt sich aber: Der Genitiv wehrt sich. ... es lassen sich
für zahlreiche Präpositionen, die laut Duden und Co. mit dem
Dativ stehen, zunehmend Belege mit Genitiv finden, auch in
Zeitungstexten. "Nahe des Bahnhofs", "gemäß des Paragraphen",
"entsprechend der Vorgaben" - nur wenige werden sich
angesichts solcher Beispiele die Haare raufen und ausrufen:
Was für ein grausiges Deutsch!
   Wie könnte der Genitiv auch grausig sein? Und genau darin
liegt wohl der Grund für seine Verwendung auch dort, wo die
Norm etwas anderes vorgibt: Der Genitiv gilt als der
gewähltere Kasus, als der Kasus der höheren Stilebene,
wie Sprachwissenschaftler sagen. ...
   es handelt sich um ein handfestes Sprachwandelphänomen,
dem sich auch die Norminstanzen fügen müssen:
Stillschweigend hat der Grammatik-Duden von einer Ausgabe
zur nächsten für "fern" und "entlang" geändert, statt mit
dem Dativ stehen sie nun höchst offiziell in erster Linie
mit dem Genitiv.
   In der Öffentlichkeit erfährt diese Entwicklung keiner-
lei Aufmerksamkeit - ganz im Gegensatz zu der in der
Gegenrichtung. Dabei gilt der Genitivschwund nur für einige
wenige Präpositionen (vor allem "wegen" und "während") und 
ist fast ausschließlich auf die gesprochene Sprache
beschränkt. Abgesehen davon, dass die Sorge um ein Aus-
sterben des Genitivs eher sentimentaler Natur ist, zeigt
sich also: Sie ist auch unbegründet.
   Der Genitiv rächt sich übrigens nicht nur am Dativ,
auch vor dem Akkusativ macht er nicht Halt, wie sich an
der etwas antiquierten Präposition "wider" zeigt. "Wider
besseres Wissen" sollte es eigentlich heißen. Eine Google-
Suche nach "wider besseren Wissens" liefert mehr als eine
Million Treffer.
Der Genitiv lebt!

3. Import der Wortverkettungen

Man spricht weiterhin seine Muttersprache, aber immer wieder werden Muster, wie in einer anderen Sprache Wörter verbunden werden, nun auch in der eigenen Sprache angewendet. Das soll "chic", "modern" usw. sein. Letztlich ist der entstehende Sprachmix jedoch eine Verwahrlosung.

3.1 /in/ + Jahreszahl

aus Leserbrief von S. Schulze (ST 17.9.2014):

... Wurde Goethe 1749 geboren oder "in 1749"? Die Antwort
ist klar: Im Deutschen ohne, im Englischen mit "in".
   Ob das "in" Mode wurde in der Zeit als Daimler sich
mit Chrysler zusammengeschlossen hatte und die Daimler-
Leute in den Konzernversammlungen jetzt Englisch sprachen
(oder was sie dafür hielten), weiß ich nicht. In Be-
richten für die deutsche Öffentlichkeit jedenfalls
bedient man sich eines Wirtschaftskauderwelschs, das von
englisch klingenden Wörtern überfrachtet ist und in dem
das "in" nicht fehlen darf.
   Allgemein gilt: Wer "in" vor Jahreszahlen verwendet,
gibt sich den Anstrich des kompetenten Wirtschaftsfach-
manns. Im kulturellen Bereich habe ich das "in" noch nicht
beobachtet. Es fällt offensichtlich niemandem ein, zur
Aktivität eines Theaters etwa zu schreiben: "In 2012 hat
das Theater drei moderne und zehn klassische Dramen
aufgeführt." Herr (...) hat im weiteren Verlauf des
Artikels die Jahreszahlen ohne "in" genannt: "Für
neue Eigentumswohnungen musste man 2013 im Schnitt gut
20 Prozent mehr bezahlen als noch 2009". Setzt man "in"
vor jede Jahreszahl, merkt man, wie umständlich das wirkt.
Also: Weg damit!