4.011 Ausdrucksseite: Wortbildung

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Auch in bisher üblicher Grammatik gibt es Begriffe, die auf die äusserlich erkennbare Position einer Wortform achten. z. B. bezeichnet eine Präposition (= »Vorangestelltes«) eine, die vor etwas anderem steht. Change, we believe in, oder er pflaumte ihn an – das sind aber Beispiele, wo die intuitive Charakterisierung, »in« bzw. »an« seien Präpositionen, gerade nicht zutrifft. Die Wortformen bilden in den Beispielsätzen das Ende der Kette. – Das zeigt, dass die gewohnten und zunächst brauchbar erscheinenden Begriffe der bisherigen Grammatik nicht übernommen werden können.

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0. Nachträge zur Theorie

aus: H. Hesse, Meister-Erzählungen. Frankfurt 1973. S.376, 'Knulp'
"Es ist ja auch blöd, so als Schulbub in der Bank zu hocken
und Konjugationen zu üben, wenn man heimlich mit allen Sinnen
doch nur bei dem ist, was man gestern abend beim Baden von den
Mädchen ausspioniert hat."


0.1 "Genus"

Letztlich ausgelöst durch die Erfahrungen mit dem Russischen - s.u. Ziff. 4.1 [1] (inkl. Weiterverweis in die Semantik) -, dabei aber Erfahrungen mit einer Reihe weiterer Sprachen einbeziehend, sei der Versuch gemacht, die Diskussion um das grammatische Geschlecht voranzubringen. Die grundsätzliche und scharfe Trennung zwischen Ausdruck vs. Bedeutung, der die Alternativ-Grammatik folgt, bewährt sich auch hierbei.

  • die vielfältige Objektwelt (inkl. darin ablaufender Veränderungen), in der sich ein Einzelner vorfindet, benötigt zur sprachlichen Repräsentation zwar sehr viele Wörter=Wortformen. Der Wortschatz einer Sprache ist aber nicht eine bloße Anhäufung, sondern es lassen sich ausdruckssyntaktische Muster finden. Damit beschäftigt sich das gegenwärtige Modul. Die Menge der Wortformen ist rationell und strukturiert aufgebaut. Darin hat eine Kategorie wie Genus, die mit dem Wissen um biologische Geschlechterverschiedenheit operiert, keinen Platz. Denn von "maskulin" zu reden und einschränkend hinzuzufügen, es sei im Moment aber nur eine Buchstabenkombination gemeint, ist sinnlos, wenn nicht läppisch. Wenn "maskulin" als Begriff benutzt wird, dann muss das Wissen vorhanden sein, dass auf ein Wesen mit männlichem Geschlecht gedeutet wird. Also ist die Frage nach "Genus" eine, die zur Semantik gehört.
Auch eine Rettung des Begriffs durch den Vorsatz "grammatisches G."
ist nichts anderes als eine Notlösung. Es wird zugestanden,
dass "Geschlecht" eigentlich unpassend ist für das, was
aktuell in Frage steht. Man zieht daraus aber nicht die
Konsequenz, den geliebten, eingebürgerten, unverrückbar
scheinenden Begriff "Geschlecht" auszuwechseln, sondern
- aus Reverenz an die Tradition - wird er beibehalten,
aber durch ein seinerseits noch sehr allgemeines Adjektiv
korrigiert. "grammatisch" besagt ja noch nicht viel.
Es ist erst klargestellt, dass nicht "biologisch" gemeint
ist. Viel klüger wird man auf diese Weise aber noch nicht. 

= Praktisches Beispiel, wie begrifflich/logisch damit auch Schüler in den Dschungel geführt werden. Genau das will die 'Alternativ-Grammatik' vermeiden. Logik unterstützt die Didaktik.

  • Jedes menschliche Wesen muss sich - um zu überleben - vielen Herausforderungen stellen. Eine ganz zentrale ist die Wahrnehmung, dass es Menschen unterschiedlichen Geschlechts gibt. Nicht allein die Wahrnehmung ist davon betroffen, sondern vielfältige Verhaltensweisen - alle dem Erhalt des Menschengeschlechts dienend. - Es wäre geradezu verwunderlich, wenn die biologisch/soziale Unterscheidung kein Echo im Sprachgebrauch hätte. Es ist somit erwartbar, dass die biologisch/soziale Unterscheidung auch Teile des Wortschatzes erfasst.
  • Somit konnte man früh schon auf Laut-, später auch auf Schriftebene Identität + Differenz erkennen. Manche Wörter z.B. begegnen in einer Form, dann aber auch in der gleichen Form + Endung. Damit ist noch nichts dazu gesagt, was die beiden Varianten bedeuten. Aber es ist eine Ähnlichkeit behauptet. So wie es im Deutschen (dem Hebräischen nachgebildet) in der Paradiesgeschichte heißt: der "Mann" nannte sie "Männ-in".
  • Die Mittel, wie Einzelsprachen partiell versuchen, den biologischen Unterschied auch im Wortschatz nachzubilden, sind sehr unterschiedlich. Häufig wird mit Endungen gearbeitet. Wichtig ist, dass ein Unterschied sichtbar wird - bei weiterhin erkennbarer Verwandtschaft.
    • Das könnte man so deuten, dass es eine 'Normalform' gibt und eine 'Normalform + Endung', sozusagen eine Sekundärform. Im Sinn einer ausdruckssyntaktischen Beschreibung kann man das so stehen lassen - und muss es nicht zugleich ideologisch aufladen im Sinn von Unterordnung u.ä. Die Tatsache, dass es die Unterordnung der Frau ewig lange gab - und vielfach noch gibt -, braucht man nicht an der Wortbildung aufzuzeigen. Dazu gibt es soziale Indizien genug!
    • Es fällt häufig auf, dass die Veränderung einer Wortform, die man im Ergebnis semantisch als weiblich zu interpretieren pflegt, z.B. den Vokal -a privilegiert, und insgesamt klangvoller, weicher erscheint. Schon ein angefügtes -e verändert den Charakter des Wortes davor. Darin könnte sich der Versuch widerspiegeln, die Geschlechterpolarität auch auf Ausdrucksebene ein wenig nachzubilden. Das Russische (z.B. -aja) ist in dieser Hinsicht üppig, das Englische sehr karg (Duke - Duch-ess u.ä.).
  • Sprache beruht auf Konvention, d.h. keine regierungsamtliche Kommission hat für eine konsequente, lückenlose Durchsetzung gesorgt. Deshalb bleiben in jeder Einzelsprache Inkonsequenzen:
    • Manche Wortformen haben Endungen, die man später als unpassend bezeichnen würde (die Frau-en im Hebräischen mit männlicher Endung; Mann im Russischen sieht weiblich aus).
    • Es bleibt unklar, wie groß der Kreis der Wörter ist, die unbedingt die Geschlechterpolarität widerspiegeln sollten (Inkonsequenzen eingeschlossen). Anders gesagt: Die größte Menge der Wörter bekommt irgendein Erscheinungsbild, das überhaupt nicht an der Geschlechterpolarität orientiert ist, sondern z.B. an phonetischen Möglichkeiten. So sehen die Wörter für <<MILCH>> im Deutschen nach feminin, im Französischen nach maskulin, im Russischen nach neutrisch aus. Dann behandelt man sie eben jeweils so - das hat aber keinerlei tiefschürfenden, schon gar keine ideologischen Hintergründe.

Fazit: Es wäre verwunderlich, wenn die Geschlechterpolarität die Bildung des Wortschatzes nicht beeinflusst hätte. Auf Ausdrucksseite können davon aber immer nur Variationen von Schriftzeichen erkannt werden. Die Kategorien "maskulin/feminin/neutrisch" haben darin nichts zu suchen. Theoretisch kann man daran denken, dass ein Kernwortschatz existiert, bei dem die Geschlechterdifferenz eine Rolle spielen muss (semantisch), auf der anderen Seite eine große Menge von Wörtern, bei denen die Genus-Zugehörigkeit irrelevant ist. Wo aber genau die Grenze zwischen diesen beiden liegt, kann niemand sagen. Und es ist anzunehmen, dass die (große) Restmenge, für die das Genus unwichtig ist, ausdruckssyntaktisch nicht anders gestaltet ist als der Kernwortschatz. Eine Einzelsprache wird keinen Bedarf entwickelt haben, zweierlei Modi für die Wortbildung zu entwerfen (dann wäre ja auch die Grenze gut sichtbar). --Hs 14:15, 2. Feb. 2011 (UTC)

0.2 Minimalpaar / Wortschatz

Der Wortschatz einer Sprache umfasst zwar tausende von Einzelwörtern. Man kann aber schon in den unteren Klassen der Schule ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die vielen Wörter nach dem Prinzip von Gleichheit und minimaler Differenz gebaut sind. Das ist auch nachlesbar in: [2]

  • man nehme einen überschaubaren Text und reduziere die vorkommenden Wörter auf einmaliges Vorkommen
  • diese Einmalwörter werden sortiert (von Hand oder per Computer)

Es werden sich dabei immer wieder "Minimalpaare" ergeben (je nach Umfang des zugrunde liegenden Textes). Damit wird bewusst - da man zufällig fehlende Wörter leicht ergänzen kann -, dass der Gesamtwortschatz sehr rationell aufgebaut ist.

 /buch/ -> /bach/ -> /back/
                  -> /bauch/ -> /baum/
                  -> /baut/  -> /baute/ 
                                        -> /beute/

Es müsste didaktisch Spass machen, probehalber solche Schemata zu entwerfen, bei denen zusammengenommen ist (auf 1 Zeile), was sich nur durch ein Merkmal unterscheidet. Mehrere Erkenntnisse springen dabei ins Auge:

  1. Letztlich gelangt man auf diese Weise durch den Gesamtwortschatz: immer nur ein Element ist verschieden. Zwangsläufig werden immer mehr Wörter einbezogen.
  2. Das eine unterscheidende Element kann in wenigen Fällen auch aus 2 Buchstaben bestehen - z.B. gibt es bei den obigen Beispielen kein Kettenglied: /bauc/ - also müssen /ch/ und /ck/ als Einzelelement betrachtet werden.
  3. u.U. gibt es noch größere Sprünge. So ist /haus/ von /maus/ nur durch 1 Buchstaben unterschieden. /maus/ hat als Nachbar aber nicht /mäus/, sondern dann gleich /mäuschen/.
  4. Das Verfahren zwingt dazu, sich auf nichts anderes als die Ausdrucksebene zu konzentrieren. Jeder Seitenblick auf die Bedeutungsebene führt zu lachhaften Kombinationen - um sich das bewusst zu machen, kann man dann eben doch hie und da die Bedeutungen anschauen - um sie auf dieser Ebene sofort wieder zu verwerfen.
  5. Es ist mit einem positiven Seiteneffekt auf das Thema "Orthografie"" bei dieser Übung zu rechnen.

0.3 Gedicht

aus: Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte. München 1997. S. 177:

Im März '79
Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen,
fuhr ich zu der schneebedeckten Insel.
Das Wilde hat keine Wörter.
Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus!
Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee.
Sprache, aber keine Wörter.

0.4 Rechtschreibprogramme

Wie funktionieren diese? Steht im Hintergrund eine immens große Wortliste, die alle denkbaren Wörter der Einzelsprache schon enthält? Auch schon Zusammensetzungen, die mir jetzt erst einfallen ... ? - Wohl schon. Aber das ist uninformatisch und unrationell. Intelligenter die Lösung, dass eine begrenzte Zahl von Wortbestandteilen gespeichert ist und eine Reihe von Kombinationsregeln. Diesen sollten die neuen Wortformen, die die Maschine noch nicht kennen kann, entsprechen. Das kann man auch testen. Nehmen wir das Titelwort: "Rechtschreibprogramme":

Rechtschreibprogrammt - ergänze ich ein t, meckert das
Programm. Offensichtlich besagen seine Regeln, dass am Ende von
"programm" ein "-e" oder "-en" angehängt werden können, nicht
aber "-t" - so würden wir argumentieren. Die weiteren Bei-
spiele hier deuten darauf hin, dass wohl tatsächlich platt mit
einer Wortliste im Hintergrund operiert wird. 
Am Anfang könnte ja nicht nur das selbstständige Wort /recht/,
sondern das ebenfalls belegte /rechts/ stehen - bedeutungsmäßig
sinnlos, aber im Deutschen möglich als Wortbildung:   
Rechtsschreibprogramm - dieser Meinung ist auch die Kontrolle
im Hintergund, sie meckert nicht. Anders gesagt: Ausdrucks-syn-
taktisch ist das Wort, für das uns aktuell keine bedeutungsmäßig
sinnvolle Verwendung einfällt, korrekt gebildet. 
Das wiederum deutet nun doch auf Kombinationsregeln.
      Nebenbemerkung: Schon zweimal haben wir "bedeutungsmäßig"
      geschrieben - nun schon das dritte Mal -, und immer
      meckert die Rechtschreibprüfung. 
      Der Grund: Das Programm kennt /Bedeutung/, aber nicht
      /bedeutung/. Das ist der Grund des Meckerns. Das ist
      nicht ganz konsequent. /sau/ kennt das Programm auch
      nicht (/Sau/ sehr wohl), aber /saumäßig/ geht 
      anstandslos durch. Also sollte die Kombinationsregel 
      für Groß/Klein-Schreibung offener gestaltet werden!
Rechtlenkung als Kunstwort wird abgelehnt und zwar
deshalb, weil - man kann es testen - das volle Wort
/Rechtslenkung/ gespeichert ist. Also wird hier nicht mit
Zerlegung und Kombinationsregeln gearbeitet.   
Rechtsprechung wird akzeptiert, Rechtssprechung
dagegen wird abgelehnt, weil nicht in der Liste enthalten.

Fazit: Die Arbeitsweise der Rechtschreibkontrolle ist eine Mischform. Sie könnte noch schlüssiger, offener - und bei all dem rationeller angelegt sein, wenn man die Kombinationsregeln strenger anwendet und zugleich die Liste der Wortbestandteile von Groß-/Klein-Einschränkungen befreit.

Rechtschreibprogramme sind auf einzelne Wörter ausgerichtet, versagen jedoch, wenn die Wörter zwar korrekt sind, in der Zusammensetzung/Verkettung aber unmöglich/fehlerhaft.

Ein gedanklicher = Rechenfehler lag bei der Koblenzer
"Rhein-Zeitung" vor, die eine dramatisierende Entwicklung
beschrieb: "Schon jetzt lebt jeder vierte Deutsche
allein, in wenigen Jahren gilt das für jeden fünften,
wenn die Entwicklung anhält."

Eine andere Fehlerquelle dürfte darin liegen, dass die Wortlisten im Hintergrund zu bieder ausgelegt sind.

Die "Lübecker Nachrichten" schrieben:
   "Wurde der Palästinenserführer Opfer eines
   Giftanschlags? Auf Arafats Zahnbürste Suren
   von Polonium stützen den Verdacht."
Das wiki-Rechtschreibprogramm stellt "Suren" und "Polonium" infrage. 

Beide Beispiele aus "Hohlspiegel" (30/2012).

"Hohlspiegel" 5/2016 druckt die Überschrift des "Badischen Tagblatts" ab:
   "Schwächen beim Scheißstand"
Der Buchstabendreher kann passieren. Da nach der Drehung wieder ein Wort
entstand, das im Deutschen als Wortzusammensetzung möglich ist, kann
auch ein Rechtschreibprogramm nicht warnen. 

0.41 Morphemmethode bei der Alphabetisierung

Vgl. [3] - die Unterscheidung der Bauelemente der Wörter z.B. des Deutschen in Anfangs-, Grund, Mittel-, End-Bausteine + Satzfunktionswörter, geht - halb(!) - in Richtung unserer (Ausdrucks-)SYNTAX. "Halb" deswegen, weil immer noch das Schielen auf die an den Wörtern hängenden Bedeutungen eingebaut ist. Das kann und sollte man aufgeben. Ob das, was Interjektionen bislang sind, eine spezielle "Satzfunktion" erfüllt, ist belanglos. Tatsache ist: dieser Worttyp ist (nahezu) unveränderlich, wird nicht konjugiert, nicht dekliniert. - Wegen dieser Einwände, verzichten wir auf den vorbelasteten Begriff "Morphem".

Man kann natürlich - ohne irgendetwas zu verstehen -,
erkennen, dass es häufige Anfangs-Bausteine gibt:
be-kommen, be-grüßen, be-reden...; ent-wischen,
ent-kommen, ent-werfen..."
- wobei der Anfangsbaustein nie als eigenes separates Wort
vorkommt. - Das genügt als Definition dieses "Bauelements".
Genauso bei "Mittel-Baustein" - z.B. "-s-" in "Arbeits-s-
nachweis".
Genauso bei "Endbaustein" - z.B. "Flüssig-keit",
"Frei-heit", "Schieb-ung". 
Zieht man diese unselbstständigen" Bauelemente ab, bleibt
ein auch sonstwo belegtes gängiges Wort übrig, oder ein
"Grund-Baustein", mit dem auch noch andere Zusammensetzungen
vollzogen werden.
Um derartiges festzustellen, braucht es kein Bedeutungswissen.
Statistik und äußere Beobachtung genügen. Die Distribution
der Elemente interessiert.
Nachträglich kann man hie und da natürlich feststellen, dass
Muster auf Ausdrucksseite immer wieder eine gleichartige
semantische Funktion wahrnehmen. So dienen die für
"Endbaustein" ausgewählten Beispiele im Deutschen dazu
Abstrakta zu bilden. - Aber bitte keinen Umkehrschluss!
Es gibt genügend Abstrakta ohne diese Endungen, man
denke an Liebe, Zorn, Frust, ...

0.5 Stilistik: kurze Wörter!

aus Wolf Schneider, NZZ Folio 6/12:

Mit drei einsilbigen Wörtern kann man Wahlen gewinnen, Barack
Obama hat es bewiesen: "Yes, we can!" Nicht gewonnen hätte er
vermutlich mit dem Versprechen einer Effizienzoptimierungs-
strategie bei gleichzeitiger zielgerichteter Bekämpfung aller
Politikverdrossenheit ...
    Bedenken wir auch, dass wir aus Kopf und Herz, Hand und
Fuss, Haut und Haar bestehen, dass Haus und Hof von Feld und
Wald umgeben sind und dass fast alle starken Gefühle sich zu
einsilbigen Wörtern verdichtet haben: die positiven (Glück,
Lust, Spass, Geist, Witz), die negativen sowieso: Schmerz und
Qual, Gram und Grimm, Fluch und Zorn, Trotz und Hass. Auch
ist es kein Zufall, dass die populärsten Importe aus dem
Englischen die Einsilber sind: Start und Stop, Sport und
Spurt, Test und Tip, Sex und Flirt.
    Mit den deutschen Exporten in fremde Sprachen ist es
gerade umgekehrt - da dominieren die Drei- und Viersilber:
Kindergarten, Schadenfreude, Wanderlust. Die Erlaubnis, ja
die Einladung der deutschen Grammatik, Wörter fast beliebig
zu koppeln, ist erstens praktisch (Hausschlüssel statt clef
de la maison) und zweitens manchmal durchaus eindrucksvoll:
Sie lässt uns Mischgefühle benennen (Weltschmerz, Wonne-
schauer) und sogar Gegensätze zusammenspannen:
Hassliebe statt love-hate relationship! ....
    Schopenhauer sprach ... von "Wortdreimastern" und
empfahl, den hintersten Mast zu kappen, zur Erhöhung der
Seetüchtigkeit: Die "Zielsetzungen" einer Partei sind
natürlich ihre Ziele und sonst nichts. Guter Rat für den
Umgang mit Wortungetümen: Dass sich weder bei Goethe noch
in "Bild", weder bei Kafka noch im "Blick" eine Laune
jemals zum "Befindlichkeitspegel" spreizt - das sollte 
uns beeindrucken.


0.6 Wortinventar

Gramatik üben - titelte die Verdener Aller Zeitung - laut (Hohl-SPIEGEL 26/2012)
  1. im Sinn unserer (Ausdrucks-)SYNTAX ist festzustellen: die Wortform / GRAMATIK / gibt es nicht im Deutschen.
  2. Es ist klar, was gemeint ist. Schön, dass die Aufforderung der Überschrift zugleich an die eigene Redaktion gerichtet wurde... ;-)

Aus Hohlspiegel (37/2014):

Aus der Passauer Neuen Presse:
"Deutschland-Achter wird seiner Favoritenrolle gerecht und
deglasiert England"

Über diese Fehlleistung werden sich die Engländer aber amüsiert haben ...

0.7 "Erikativ" - Donald Duck und andere

Nach SZ, 25./26.Aug. 2012: Erika Fuchs hat im oberfränkischen Schwarzenbach an der Saale über Jahrzehnte hinweg die Donald-Duck-Comics übersetzt. Dabei hat sie längst schon Wortbildungen geschaffen, die vom Prinzip her heute bei SMS und Twitter in Gebrauch sind. Die Linguisten ehrten diesen Typ von Wortbildung, indem sie den Begriff "Erikativ" aus dem Vornamen bildeten. Der Bürgermeister erläutert:

"Der Erikativ, die Verkürzung auf den Wortstamm, sind Worte wie:
Seufz! Stöhn! Grübel! Würg!"


0.8 Touch screens

Eine weitere Anwendung von Punkt 0.4 (s.o.) sind Tastaturen auf Touch screens, z.B. Navigationsgeräten. Man hat eine Stadt gewählt - damit weiß das Programm, in welchem Sprachbereich man sich befindet.

Nun geht es darum, die Strasse einzutippen. Tippt man den
ersten Buchstaben, so werden bei manchen Geräten sofort die
Tasten ausgeblendet, die als zweiter Buchstabe auf keinen
Fall in Frage kommen. Das ist angewandtes Wissen um die
Verteilung der Buchstaben in der aktuell interessierenden
Sprache,  z.B. Deutsch.
   Will ich "Bahnhofstr." eintippen, so können nach dem "B"
ausgeblendet werden:
X Y S T und andere
Das hat schon mal den Vorteil, dass - (1) - die Wahrschein-
lichkeit des Vertippens geringer wird. 
Und - (2) - hat man auf den meist kleinen Bildschirmen mehr
Platz (mit kräftigen Fingern erwischt man leicht 2 Buchstaben).
   Nach dem Eintippen des "A" fallen wieder einige Buch-
staben weg. Nun kann der Rechner bald schon eine eingegrenzte
Auswahl von kompletten Namensvorschlägen anbieten, so dass
man nicht mehr weitertippen, sondern nur noch den passenden
Vorschlag auswählen muss.

Das ist angewandte Ausdrucks-SYNTAX - nur an der Verteilung der Buchstaben in der jeweiligen Einzelsprache ausgerichtet. Mit "Bedeutungen" hat all dies überhaupt nichts zu tun.

0.9 Assoziationen, ausgehend von Wortteilen

Wortfetzen, Lücken stellen niemanden zufrieden. Folglich sind Leser bestrebt, die lückenhaft gebotene Ausdrucksseite zu vervollständigen. Dabei allerdings sind zwei Ebenen im Spiel:

  1. Buchstaben- und wortstatistisch gesehen hätte man häufig mehrere Möglichkeiten für das gesuchte Wort. - Aber derart streng (wie es ein Computer täte) geht man im Alltag meist nicht vor. Sondern:
  2. Es drängen sich inhaltlich, bedeutungsmäßige Vorlieben dazwischen, so dass die - statisch - anderen Varianten schon gar nicht mehr betrachtet werden. Vgl. 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) Das allerdings kann einen entlarvenden Charakter haben, oder man kann den Mechanismus zu humorvollen Effekten nutzen.
In der Schule wird Wörterraten geübt. "Herr Lehrer, ich
weiß ein Wort, das mit 'A' anfängt und mit 'och' aufhört."
- "Pfui, Walter, ich glaube, dieses Wort will ich gar
nicht hören."
"Komisch. Was haben Sie denn gegen Aschermittwoch?" 
(SWP 1.6.2013)

Man kann auch assoziativ aufgerufene Wortketten einbeziehen. Aus Hohlspiegel (37/2014):

Aus dem Südkurier:
"Nach dem Tod eines Häftlings in Einzelhaft in der
Justizvollzugsanstalt (JVA) in Bruchsal ist Gefängnisdirektor
Thomas Müller vorübergehend entbunden worden". 

Wovon? - Von einem Jungen, einem Mädchen - oder doch eher von seinen Pflichten?

0.91 Stilblüten

... bestätigen unsere scharfe Trennung von Ausdrucks- und Bedeutungsseite, also zwischen (Ausdrucks-)SYNTAX und SEMANTIK.

  • auf Ausdrucksebene haben die Schüler angesichts neuer Wörter meist das Wissen um ähnlich klingende. Diese werden dann auch verwendet.
  • Kleine Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild führen aber meist zu gewaltigen Unterschieden auf Bedeutungsebene - darin liegt dann der Witz von Stilblüten.

Vgl. [4] - Bevor man also über die "Halbbildung" der Heranwachsenden jammert, sollte man sich klarmachen, wie derartige Fehlleistungen zustandekommen. Heranwachsende haben das Recht, auch über "Stilblüten" ihren Wortschatz zu erweitern, durch Beachtung der Reaktion anderer zu stabilisieren.

0.92 Humor durch unerwartete Wörter

Das kann man berechnen, indem man die Entropie bei der Wortbildung untersucht: [5]

1. Einzelsprache: Latein

1.1 Kasus

Die Unterscheidung von Kasus beruht im Lateinischen auf einer Mixtur von unterschiedlichen Kriterien und ist insofern weder theoretisch noch didaktisch befriedigend. Einerseits wird beobachtet, welche Kasus-Zeichen kombiniert mit welchen Deklinationstypen welche faktischen Endungen ergeben. - Das wäre der Gesichtspunkt des gegenwärtigen Moduls: Ausdrucksseite: Wortbildung.

Andererseits werden Wortformen, die äusserlich gleich aussehen, doch noch differenziert. Mit Beobachtungen der Ausdrucksseite geht das ja nicht mehr. Folglich benutzt man semantische Beurteilungen. Bedeutungswissen wird einbezogen - für eine methodisch saubere Grammatikgliederung ist das aber jetzt noch verboten, weil ein ganz neuartiges Urteilsvermögen benötigt wird: nicht mehr äussere Beobachtung dessen, was geschrieben vorliegt, sondern verstehende Introspektion. Letztere kommt in der Alternativ-Grammatik aber erst ab der Semantik zum Einsatz.

Geht man die einzelnen Deklinationen durch (anhand der Liste in Fink/Maier "Systemgrammatik Latein" S.63), so sind folgende Differenzierungen abzulehnen:

a-Dekl.    puella wird als Nominativ-Sg und Ablativ-Sg
                      geführt. Die äussere Form ist aber in
                      beiden Fällen die gleiche. Folglich
                      bräuchte man einen neuen und neutralen
                      Begriff um diesen Kasus zu benennen.
           puellae ist Genitiv-Sg, Dativ-Sg und Nominativ-Pl -
                      ein bisschen viel, was in die eine
                      Wortform hineingeheimnisst wird. Anders
                      gesagt: die Differenzierung klappt nur
                      mit einem ganz anderen Ansatz, einem
                      semantischen
           puellis ist Dativ-Pl und Ablativ-Pl - reduzieren!
o-Dekl.    agri sei Genitiv-Sg oder Nominativ-Pl
           donum sei Nominativ-Sg und Akkusativ-Sg
           amico sei Dativ-Sg und Ablativ-Sg
           deum kann Akkusativ-Sg und Genitiv-Pl sein
           amicis soll Dativ-Pl oder Ablativ-Pl sein
kons.Dekl. agmina sei Nominativ-Pl oder Akkusativ-Pl
           agminibus sei Dativ-Pl oder Ablativ-Pl
           virtutes sei Nominativ-Pl oder Akkusativ-Pl
i-Dekl.    turres sei Nominativ-Pl oder Akkusativ-Pl
           mare sei Nominativ-Sg oder Akkusativ-Sg
           maria sei Nominativ-Pl oder Akkusativ-Pl
           turribus sei Dativ-Pl oder Ablativ-Pl
           turri sei Dativ-Sg oder Ablativ-Sg
Misch-Dekl.cor sei Nominativ-Sg oder Akkusativ-Sg
           noctes sei Nominativ-Pl oder Akkusativ-Pl,
           genauso im Fall von corda
           noctibus sei Dativ-Pl oder Ablativ-Pl
u-Dekl.    cornu sei Nominativ-Sg oder Akkusativ-Sg,
           analog im Plural: cornua
           cursus sei Nominativ-Sg, Genitiv-Sg,
                      Nominativ-Pl oder Akkusativ-Pl - zur
                      teilweisen Unterscheidung des besonders
                      komplexen Befunde wird das Betonungszeichen
                      bemüht. Man wechselt also in einen 
                      anderen Übertragungskanal: nicht mehr
                      schriftlich, sondern akustisch.
                      Wenn wir uns zunächst nur auf die
                      einheitliche schriftliche 
                      Weitergabe konzentrieren, nützt das
                      phonetische Zusatzwissen
                      ebenso wenig wie das semantische.
e-Dekl.    res sei Nominativ-Sg, Nominativ-Pl, Akkusativ-Pl
           rei sei Genitiv-Sg oder Dativ-Sg
           rebus sei Dativ-Pl oder Ablativ-Pl

Beispiele wie die genannten werden üblicherweise differenziert nach semantischen Funktionen, obwohl wir es in der Ausdruckssyntax erst mit beobachtbaren Wortformen zu tun haben. Auf dieser Ebene ist somit eine Differenzierung verboten, weil nicht wahrnehmbar. Folglich würde als erstes eine neue Kasusterminologie benötigt. Sie wäre allein deswegen schon hilfreich, weil sie die tiefsitzende Gleichsetzung mit semantischen Bestimmungen vermeiden oder zumindest erschweren würde.

Der "Nominativ" wird ja doch häufig mit dem "Subjekt =
1.Aktant" gleichgesetzt, der "Genitiv" mit einer Verhält-
nisbestimmung - so dass man in Fällen, wo dies nicht passt
zu Hybridbegriffen greifen muss, z.B wenn ein Objekt im
Genitiv ausgesagt wird. Derartige Mühe kann man sich er-
sparen, wenn man die methodischen Ebenen sauber trennt.
Der "Dativ" wird oft mit dem "Dativobjekt  = 3. Aktant"
verbunden, aber er hat auch ganz andere Funktionen. Der 
"Ablativ" passt - semantisch - ohnehin nicht in das
gewohnte Kasussystem (z.B. des Deutschen) und realisiert
ganz eigene Funktionen. Auch das spricht für klare Trennung.


1.2 Verb

Bei der Behandlung des Verbs kann/soll man ebenfalls - zunächst semantikfrei - erste Beobachtungen zu den Bildungsweisen machen. Wieder dient die "Systemgrammatik Latein" als Stofflieferant (S.19ff). Prinzipiell werden 3 Verbalstämme unterschieden:

Präsens-Stamm
      voca- | mone- | duc-  - damit lassen sich Präsens | Imperfekt | 
                                  Futur I | Infinitiv | Partizip | Gerundium | 
                                  Gerundiv | Supinum
                                  bilden. - Dabei haben wir die traditionellen, meist 
                                  semantik-orientierten Begriffe übernommen.
Perfekt-Aktiv-Stamm
      vocav- | monu- | dux- - damit lassen sich Perfekt | Plusquamperfekt | 
                                  Futur II | Infinitiv bilden. - Zu den Begriffen 
                                  gilt das gleiche wie soeben
Partizip-Perfekt-Passiv-Stamm
      vocat- | monit- | duct- - damit lassen sich im Passiv bilden: Perfekt | 
                                  Plusquamperfekt | Futur II | Infinitiv | Partizip. 
                                  - Zu den Begriffen wie soeben.

Als weitere Verfeinerung/Präzisierung werden bei den Stämmen weitere Ausdrucksmuster unterschieden:

Präsensstamm: nach letztem Buchstaben des Stammes (=Kennlaut) werden unterschieden 
a-, e-, i- (letzteres in 2 Formen) oder 
konsonantische Konjugation (letztere mit weiteren Verfeinerungen). 
Perfekt-Aktiv-Stamm - Kennzeichen im Gefolge des Stammes: -v, -u, -s. 
Möglich ist auch eine Reduplikation (pe-pendi). 
Partizip-Perfekt-Passiv-Stamm - Anfügung der Endung -tu/-ta | -su/-sa, 
mit möglichen weiteren lautlichen Veränderungen.

Nun ist die Basis geschaffen, damit die Tempus- / Modus- / Person-Zeichen angefügt werden können. Das soll nicht in allen Varianten hier wiedergegeben werden. Ein Beispiel genüge:

voca + Tempus = Imperfekt, zugleich = Indikativ: -ba 
         + Person: -m, also: vocabam

Was hier nur der Struktur nach und sehr verkürzt wiedergegeben wurde, zeigt: man kann auch bei der Wortbildung von Verben sehr viel erkennen, ohne irgendwelche semantischen Aussagen zu machen. Würde man die unnötig semantisch orientierten Termini der traditionellen Grammatik abändern, könnte man sehen, dass auch bisher schon viel in dem Feld gearbeitet wurde, was hier Ausdruckssyntax genannt wird.

Das aktuelle Feld ist für Sprachlerner sehr umfangreich, weil es gilt, eine große Zahl an Variationen vieler und unterschiedlicher Verbtypen zu lernen. Aber - wie gezeigt - in dem angesprochenen Bereich gibt es Strukturen, die das Dickicht gliedern, und an die man sich zur besseren Übersicht halten kann. Semantik nützt einem hierbei noch gar nicht.


2. Einzelsprache: Deutsch

2.1 Wortzusammensetzungen, compounds

Dass man durch Wortzusammensetzungen sehr lange Gebilde schaffen kann, ist bekannt. Vor allem durch Boshaftigkeit kann man die Bandwürmer ausweiten. R. Griesbeck, in: Der Turm von Schwafel 2010 bietet S.282 folgende Liste an:

Aktuell sind diese Wörter als die offiziell längsten anerkannt:
1. Platz: Rindfleischetikettierungsüberwachungsübertragungsgesetz
2. Platz: Valenzelektronenaufenthaltswahrscheinlichkeitsfunktionsdiagramm
3. Platz: Feuerwehrrettungshubschraubernotlandeplatzaufseherin
4. Platz: Desoxyribonukleinsäurezersetzungsprozessbeginn
5. Platz: Massenkommunikationsdienstleistungsunternehmen
6. Platz: Rentenversicherungsnachhaltigkeitsgesetz
7. Platz: Kindersicherheitsverschlussmechanismus
8. Platz: Bundesausbildungsförderungsgesetz

2.11 Wortzusammensetzungen - 'Ausdrucksseite' beachten!

Die 'Kinderseite' von SWP 26.7.2014 bringt eine lange Liste von Wörtern, die alle das Element = Wort /REISE/ enthalten.

Weltreise
   Reiselust
Dienstreise
   Reisewecker
Eisenbahnreise
   Reiseprogramm
...

Aber die lange Liste enthalte zwei Elemente, die nicht dazugehören. Diese gelte es zu finden. Gemeint sind offenbar:

Teepreise
   Reisernte

An diesem Rätselspaß kann man - zur Schulung des Blickes - zweierlei Strategien sichtbar machen:

  1. Standard ist, dass gesagt wird, beide Beispiele würden inhaltlichen Unsinn ergeben. Das stimmt natürlich. Aber diesen Wechsel zur Inhaltsebene braucht es gar nicht.
  2. Als Argument auf Ausdrucksebene genügt es zu beobachten, was jeweils übrig bleibt: Im ersten Fall /TEEP/, im zweiten /RNTE/. Auch jemand, der das Deutsche inhaltlich nicht versteht, kann anhand einer Wortliste überprüfen, ob die beiden Reste denn ihrerseits ein deusches Wort ergeben. Antwort: Nein!

Damit ist auf Ausdrucksebene bereits nachgewiesen, dass das zusammengesetzte Wort so jedenfalls nicht zerlegt werden darf und kann - gleichgültig, was die behaupteten Einzelteile inhaltlich besagen. - Eine gute Gelegenheit zu demonstrieren, wie nur auf Ausdrucksebene argumentiert und was hier schon erkannt werden kann.


2.2 Vorsilben

Rafik Schami, Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat, München 2013 S.39:

"Noch am selben Tag lernte ich bei meinem Spaziergang mein zweites
deutsches Wort. Auf dem Schaufenster eines großen Teppichladens
prangte in großen roten Buchstaben die Aufschrift Ausverkauf-
Das war die erste dieser merkwürdigen Vorsilben, die ich lernen musste.
aus-, an-, ein-, ent-, auf-, zer-, ver-, also ausgehen, eingehen,
begehen, entgehen, zugehen, durchgehen, vorbeigehen, hervorgehen,
herangehen, zergehen, aufgehen und so weiter. Die Araber erfinden
für jedes Wort unzählige Synonyme, die kaum ein Mensch im Gedächtnis
behalten kann, und die Deutschen pressen jedes Wort so lange aus,
bis es nichts mehr hergibt.
Ich habe mir das Wort 'Ausverkauf' deswegen gemerkt, weil der
Teppichhändler nach fünfzehn Jahren, als ich Heidelberg wieder verließ,
noch immer das Schild 'Ausverkauf' am Fenster hatte. Ich lernte 
ein für alle Mal, Teppichhändler nicht zu unterschätzen."

2.3 Wortzusammensetzungen, compounds

Der Standardversuch, Wortzusammensetzungen mit Rückgriff auf Bedeutungen zu erklären, wäre wieder eine Flucht von den Strukturen der Ausdrucksseite hin zu Semantik/Pragmatik. Dann ist die Ausdrucksseite nicht richtig beschrieben, und die 'Erklärung' ist meist zu billig, oft sogar falsch. Im aktuellen Fall gibt man sich oft zufrieden damit, eine Wortzusammensetzung drücke einen Genitiv aus. Dass dies falsch ist, kann man auch erzählend zeigen:

E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005.
2. Aufl. S.25f:
"Ein Schriftsteller und Meister der deutschen Sprache saß mit
seiner recht aufgeweckten Tochter Marie beim Abendbrot und sah
gelangweilt in die Luft.
'Warum heißt es', fing das Mädchen an, 'eigentlich Königskrone?
Ich meine, warum ist da ein >s< drin?' Der Vater konnte es
erklären: 'Weil das ein Genitiv ist, Krone des Königs, des
Königs Krone.' 
Es gab eine lange Pause, bis sich Tochter Marie besonnen hatte:
'Man sagt aber Königreich.'
   Der Schriftsteller wischte das weg. 'Eine kleine Geschmacks-
verirrung', sagte er, 'so ein Genitiv ohne s. Überhaupt:
Geschmacksverirrung, eine Verirrung des Geschmacks.
Du siehst, meine Regel stimmt.' Marie ergänzte halblaut:
'... aber Geschmacklosigkeit.'
Das konnte den Vater nicht aus der Ruhe bringen.
'Manchmal sind die Genitive falsch gebildet. Aber meine These
ist schon richtig. Der Jagdhund ist korrekt, denn es ist ein
Hund der Jagd, die Jagd hat kein s im Genitiv.
Daher: Jagdhund.'
   Um vom Thema abzulenken, fragte er Marie: 'Wie war dein
Tagesausflug?' Aber damit gab er ihr nur eine neue Vorlage.
'Steht alles schon in meinem Tagebuch', sagte sie spitz.
Zuerst stutzte der Vater, dann konnte er das erklären: 'Der
Tagesausflug ist der Ausflug des Tages, Genitiv. Im Tagebuch
wird über viele Tage berichtet, Akkusativ.'
Bald bekräftigte er seine Regel: 'Am Wegesrand steht ein
Wegweiser. Einmal ist es der Rand des Weges, Genitiv. Das
andere Mal weist der Weiser den Weg. Akkusativ. Die Sprache
macht das schon richtig. Am Wegesrand ein Wegweiser.
   Inzwischen hatte sich der schwedische Logierbesuch mit
an den Tisch gesetzt.
Der Schriftsteller war erfreut, einen weiteren Schüler zu
haben. 'Der Gottsucher sucht Gott, Akkusativ. Der Gottes-
leugner ist ein Leugner Gottes. Genitiv. Unsere Sprache ist
da sehr feinfühlig.'
   Dem Schweden wurde etwas unbehaglich. 'Wer mühsam
Deutsch gepaukt hat wie ich, wundert sich, dass es
einerseits Todsünde heißt, andererseits Todesstrafe.
Oder dass ein Gesetzentwurf einmal Gesetzeskraft erlangen
soll. Aber wir haben gelernt, das sei niemals ein Genitiv.
Es gibt auch keine Regel, warum das s mal auftritt und
meist fehlt. Es ist ein Fugen-s, ein Buchstabe ohne
Bedeutung.'
   Verlegenheit breitete sich aus. 'Sie sind ein bedeu-
tender Schriftsteller', tröstete der Schwede seinen
Gastgeber, 'und ich kann kein Deutsch, ich kenne nur die
Regeln.' Mit seinen Blicken tröstete er den Gescheiterten.
Der Vater rief: 'Ich bin ein Kindskopf, seit meiner
Kindheit' und beugte sein Haupt. 'Ja, das sind wir alle,
seit frühen Kindertagen', meinte sanft der Schwede. Und
alle staunten über die Fülle der Fugenzeichen. 'seit
Kindertagen', wiederholte der Schriftsteller.
   'Niemand kann', flüsterte der Gast beruhigend,
'seine Muttersprache beherrschen. Sie selbst soll es
sein, die herrscht.' 'Genau! So seh' ich das auch',
sagte Marie, 'von Kindesbeinen an.' "

"Fugenelemente" - das ist auf der Ebene der (Ausdrucks-)SYNTAX ein passender Begriff und eine passende Betrachtungsweise. All die Genitive, Akkusative usw. ersparen wir uns jetzt noch. Die kommen noch ausführlich genug ...

2.4 Endungen bei Fremdwörtern

Das Thema stellt sich z.B., wenn ich beim Pizzabäcker "Zwei Pizz-?" bestelle? Wie lautet die Endung?

- durch das deutsche Zahlwort gebe ich zu verstehen, dass
  ich gern auf Deutsch bestellen würde. Ansonsten hätte
  ich mit due starten müssen. Dann aber ist
  die korrekte Form des zweiten Wortes: pizze.
- Aber wir wollten ja auf Deutsch bestellen. Eine
  Standardform bei einem mit Vokal auslautenden Nomen ist,
  ein -s anzuhängen, also: Pizzas. Klingt
  nicht sehr elegant, ist aber möglich.
- Eine etwas softere Zwischenlösung ist: Pizzen.

Gestützt auf einen Aufsatz von H. Wegener (ZS 2004) kann man unterschiedliche Strategien im Deutschen zeigen:

fremder Plural             deutscher s-Plural                besser angepasst:
Themata                    Themas                            Themen
Conti                      Kontos                            Konten
Mensae                     Mensas                            Mensen
généraux                   Generals                          Generäle
Couches                    Couchs                            Couchen

Es kann auch sein, dass der fremde Plural durchaus auch im Deutschen verwendet wird - und dennoch/zusätzlich gibt es eine weiter angepasst Version:

                           Lifts                             Lifte
                           Fracks                            Fräcke
                           Balkons                           Balkone
                           Cakes/Keks                        Kekse
                           Saunas                            Saunen
                           Datschas                          Datschen
                           Albums                            Alben

In anderen Fällen gibt es keinen s-Plural:

(boxes)                    -                                 Boxen
(bosses)                   -                                 Bosse
(chances)                  -                                 Chancen
(gangsters)                -                                 Gangster-

2.5 Endungen - seriöses Problem im Witz

Für Kinder ist das Erzählen von Witzen ein Training, sich Grundkategorien, Denkmuster, die auch hier in der Alternativ-Grammatik wichtig sind, einzuprägen.

"Der Lehrer zu Claudia: 'Nenne mir ein paar Tiere!' Claudia: 'Hühnchen,
Entchen, Kätzchen, Mäuschen,...' 'Nun lass das doch mit dem ewigen
-chen und sage uns, wie die Tiere richtig heißen!' Darauf Claudia:
'Kanin. Eichhörn. Frett.'  "
(Helena Blickle, 10 Jahre, in: 100 witzigste Witze. Tübingen 2008)

Auf unsere Ausdrucks-SYNTAX bezogen: Aussagen zur Wortbildung müssen solider abgesichert sein, als nur z.B. durch Anhängen oder Löschen einer Endung. Den Stamm /hühn/ gibt es auch mit anderen gängigen Endungen, z.B. /hühn+er/. Auf /frett/ trifft das nicht zu. Also verbietet sich eine Zerlegung von /frettchen/. Umgekehrt wird man bei /eichhörnchen/ durch weitere Zerlegung fündig: es gibt /eich+en/, oder /hörn+er/. Man darf es nur nicht beim bloßen Abstreichen von /+chen/ belassen. - Derartiges werden Kinder nicht ausformulieren - und man muss es ihnen auch nicht entgegenhalten. Aber intuitiv problematisiert der Witz korrekt Fragestellungen der Ausdrucksseite.

2.6 Ähnlichkeiten - Verwechslungen

Bei reduzierter Aufmerksamkeit, kann es sein, dass ein ähnlich gebautes Wort die Stelle dessen einnimmt, das eigentlich korrekt gewesen wäre.

"Warum der bekannte Ökonom Thomas Piketty die höchste französische
Auszeichnung, die Aufnahme in die Fremdenlegion, ablehnt".

... schrieb der "Trierische Volksfreund" (Hohlspiegel 4/2015). Eigentlich verdient der Ökonom volles Verständnis, wenn er schon nicht in die "Ehrenlegion" aufgenommen worden war.

3. Einzelsprache: Englisch

3.1 Partizip

Die Bildung der traditionell "Partizip" genannten Wortart ist - bis auf einige nicht ganz so klaren Sonderfälle - ausdruckssyntaktisch ganz gut beschreibbar. Entweder wird an eine Wortform ein -ing gehängt (to work > working) oder ein -ed (to ask > asked).

Äusserlich nachvollziehbar ist auch die Praxis, dass es bisweilen Verdoppelungen gibt. Da kann man auch in der Begründung auf den Medienwechsel verzichten (to sit > sitting).

Wenn als Begründung auf einen kurzen, vorausgehenden Selbstlaut
verwiesen wird, wird von der Schriftlichkeit zur Akustik gewechselt.
Rein vom Schriftbild her kann man diese Begründung nicht nachvoll-
ziehen. Es wird Expertenwissen von einer anderen Ebene beigezogen.
Wir versuchen auf solch einen Ausgriff zu verzichten.

Ähnlich kann auslautendes e als 'Verfügungsmasse', als Variable, eingestuft werden: to have > having.

Unsicherer ist der Befund beim Austausch von Buchstaben: to lie > lying oder to try > tried. - Ausdruckssyntaktisch sollte man hierbei zugestehen, das man auf Ausdruckebene nicht sicher die jeweils zweite Wortform auf die erste zurückführen kann. Es sei denn - was durchaus denkbar ist -, man kann auf breiterer Basis den Wechsel y <=> i im Englischen plausibel machen.

4. Einzelsprache: Russisch

4.1 "Genus"

Unter Ziff. 6.1 in 4.0241 Genus – grammatisches »Geschlecht« wird thematisiert, dass die Klassifizierung unter dem semantisch klingenden Begriff "Genus - grammatisches Geschlecht" fehlorientiert ist. Genau genommen handelt es sich um phonetisch stimulierte Unterscheidungen, also solche der Ausdrucksseite - Wortbildung.


4.2 "Kasus"

Hinsichtlich der grammatischen Theorie (Ausdrucksseite - Semantik) gilt, was schon für "1.1 Latein - Kasus" gesagt worden war. Daher genüge hier die Erinnerung daran, dass wir aktuell nur darauf achten, was äusserlich beobachtet und erkannt werden kann. - Im Russischen kann - wie in vielen anderen Sprachen auch - bei Wörtern unterschieden werden nach Konstante und Variable. Erstere ist grammatisch als Wortstamm bekannt, an den unterschiedliche Endungen treten können. "An sich" stehen viele unterschiedliche Endungen, die angehängt werden könnten, zur Verfügung. Aber abhängig von der Struktur der Konstanten wird immer nur eine begrenzte Reihe zugelassen.

                         а  ь  ы  е  ей  ем  ени  енем  ё  ём  у  о  ой  ом  я  и  й  ю
квартир                  +     +  +                            +     +                             
1. Stammauslaut hart "Wohnung"  
недел                             +  +                                       +  +     +            
2. Stammauslaut weich "Woche"
лекци                                +                                       +  +     +            
3. Stammauslaut и "Lektion"
врач                ∅    +        +                            +         +                         
4. Auslaut hart/Zischlaut "Arzt!
геро                              +      +                                   +     +               
5. Auslaut й "Held"
апрел               ∅       +     +      +                                   +        +            
6. Auslaut weich "April"
окн                      +        +                            +  +      +                         
7. Auslaut hart "Fenster"
полотец                           +      +                     +                                   
8. "   "Handtuch" 
бель                              +          +          +  +                 +        +            
9. Auslaut weich "Wäsche"
врем                                         +    +                          +                    
10. "Zeit"
пут                         +                              +                     +                
11. "Weg"
ноч                         +                                                    +    +           
12. "Nacht"

Das sind 12 unterscheidbare Reihen von Endungen. Die Begründungen für die Bevorzugung einer bestimmten Reihe sind offenkundig unzureichend, da sie sich weitgehend wiederholen oder nicht angebbar sind (vgl. vorletzte Spalte). Entweder können ausgefeiltere Grammatiken hierbei nachlegen, oder wir haben es weitgehend mit Konventionen zu tun, die man eben lernen muss, die aber nicht weiter begründbar sind.

Nur in zwei Fällen - ∅ - ist der Wortstamm zugleich eine real begegnende Wortform. In allen anderen Fällen wird die Wortform gebildet nach dem Muster: Konstante + Variable = Wortstamm + Endung

Wichtig: Diese Art Kasusbetrachtung kommt vollkommen ohne Semantik aus, ist damit auch befreit von der Wiederholung gleicher Formen, die allein semantisch begründet ist: wenn - traditionell gesprochen - bisweilen "Genitiv" und "Akkusativ" nicht unterscheidbar sind, oder: "Nominativ" und Akkusativ", oder "Genitiv" und Dativ". Solche Unterscheidungen kann man jeweils an der Ausdrucksseite nicht treffen, sondern rühren von der unterschiedlichen semantischen Funktion her. Dieser methodische Schritt kommt erst später. Auch die semantische Benennung als "Instrumental" kommt hier noch zu früh. Andererseits ist es - sobald Wortgruppen betrachtet werden - möglich, den Präpositiv schon auf Ausdrucksebene zu bestimmen: manche Worte nehmen bestimmte Endungen nur an, wenn eine Präposition vorausgeht, also eine ansonsten unveränderliche Wortform. (Weiterführung unter 4.4)


4.3 "Verb/Konjugation"

Didaktisch verblüfft es zunächst, wenn gesagt wird, im Russischen müsse man zwischen e-Konjugation und i-Konjugation unterscheiden. Denn der Punkt ist ein anderer: Endet der Infinitivstamm auf einen Vokal (работа-ть - "arbeiten") oder auf einen Konsonanten (ид-ти - "gehen")? (Die beiden Beispiele sind genau gegenläufig einzuordnen!)

Wenn Konsonant am Schluss, muss man die anzufügende Endung mit einem zusätzlichen vokalischen Schwung ("i") ausstatten - salopp gesprochen. Erst so kommt man zur sog. I-Konjugation:

у   ёшь  ёт  ём  ёте  ут  

Steht ein Vokal am Schluss des Infinitivstamms, so braucht es diesen zusätzlichen drive nicht: einfaches "e" genügt

ю   ешь  ет  ем  ете  ют  

Was variiert, ist so etwas wie ein Bindevokal, der für die spätere Unterscheidung der Personen unerheblich ist. Im Kern unterscheiden sich die Verbalendungen wie folgt - unter Einbeziehung von 4.02421 (Numerus /) Determination und 4.02422 Numerus (/ Determination ):

ю / у          "ich"                  SP-Sg
шь             "du"                   Pt-Sg
т              "er/sie/es"            Th-Sg
м              "wir"                  SP-Pl
те             "ihr"                  Pt-Pl
ют / ут        "sie"                  Th-Pl

Es entlastet das Lernen, wenn man sich auf diese Kernelemente konzentrieren kann.

4.4 "Deklination"

(Fortführung von 4.2) Was mit dem Typ von Wortformen, die man üblicherweise "Substantiv" nennt (ein semantisch geprägter Terminus), an äusseren Veränderungen möglich ist, kann für die "3. Deklination im Singular" übersichtlich dargestellt werden. Ein Wortstamm - ноч - kann drei unterschiedliche Endungen annehmen:

ночь   ("Nacht")
ночи
ночью

Kenner des Russischen werden nun aufbegehren und darauf hinweisen, dass nicht 3 Rubriken, sondern 6 genannt werden müssen: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Instrumental, Präpositiv. Das sind aber Mischbegriffe (nicht immer eindeutige äussere Form in Verbindung mit einer semantischen Funktion). Ausdrucksformal finden sich die semantischen Differenzierungen häufig nicht wieder. Denn Nominativ = Akkusativ; Genitiv = Dativ = Präpositiv (übergeht man die Präposition davor). Es hat somit keinen Sinn jemanden zu fragen, was ночи für eine Form sei. Als Form = Ausdruck ist es ноч + и. Semantisch - aber das kommt später - sind es in der Alternativ-Grammatik nicht nur 6 Bedeutungsnuancen, die beim Thema "Deklination" in Frage kommen, sondern - wenn man die Terminologie etwas reflektiert - mindestens 10 (die üblichen 6 Kategorien sind z.T. ein ungeordneter Haufen von Einzelnuancen - etwas mehr an gedanklicher Schlüssigkeit sollte schon sein).

Beispiel: Einen "Akkusativ" finden wir nicht, denn es könnte sich genauso gut um einen "Nominativ" handeln - traditionell gesprochen. Man wird ja wohl nicht würfeln müssen, um zwischen beiden zu unterscheiden! Bei einem "Genitiv" ist es im aktuellen Fall noch schlimmer, weil noch zwei weitere Kandidaten möglich sind. Fazit: Die traditionellen "Kasus"-Bezeichnungen nützen nichts. Sie basieren auf einem Zirkelschluss: Weil man schon mit Bedeutungswissen operiert, glaubt man auf Ausdrucksseite mehr und Eindeutigeres zu erkennen, als es nur auf Ausdrucksseite möglich ist. Indem man die windigen "Kasus"_Bezeichnungen weglässt, werden auch solche grammatikalischen Standardsätze überflüssig: "Der Akkusativ dient dem Ausdruck des direkten Objekts" (PONS Powersprachkurs Russisch S.146). Es genügt und ist eindeutig zu sagen: "ночь dient dem Ausdruck des direkten Objekts (in Alternativ-Grammatik: 2.Aktant)". Auf die undeutliche Fatamorgana "Akkusativ" muss man verzichten, kann damit den Grammatiksprech vereinfachen.

Im Prinzip und mit analogem Ergebnis können so nicht nur die weiteren Deklinationen des Russischen betrachtet werden. Die gleiche Fragestellung (und erwartbares Ergebnis) zeigt sich bei jeder Sprache mit "Deklination" (z.B. auch Latein): Ausdrucksebene ist eines, was sich semantisch damit verbindet etwas ganz anderes.


4.5 "Adjektiv"

Es gibt Wortformen, die alternativ mit nachfolgenden Endungen begegnen:

-ой  -ый  -ая  -ое          Varianten wegen hartem Stammauslaut des Grundwortes 
-ий  -яя  -ее                "        "     weichem     "        "       "          

Das ist der Befund auf der Ebene der Ausdrucksseite. - Auf einem ganz anderen Blatt steht - und ist bei der Semantik zu behandeln -, dass es sich hierbei um Adjektive = Eigenschaftswörter handelt. Es ist also damit zu rechnen - wie in anderen Sprachen auch -, dass sie dort bei Näherbeschreibung, vgl. 4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation ("das große Theater"), aber auch auf der Ebene des Satzes eingesetzt werden, vgl. 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen ("Das Theater (ist) groß").

4.6 "Personal-/Possessivpronomen"

"Personal", "Possessiv" und "Pronomen" - alle Begriffe deuten auf die Semantik, sind als solche in der Ausdrucksseite fehl am Platz. Dem entspricht die Reihe der Pronomina, denen äusserlich nicht anzusehen ist, dass sie eine Klasse bilden. Das kann weitgehend nur semantisch erkannt werden:

я, ты, он/она/оно/они, мы, вы/Вы   - etwas umgestellt. Nur wo es Varianten gibt 
- mit "/" - ist zu erkennen, dass die Wortformen zusammengehören.
Ansonsten unterscheiden sich die Bildungen stark.

Als weitere ausdrucksformale Gruppierungen könnte man bilden:

-я, -е, -ой - diese Endungen verbinden sich mit den Stämen: м(е)н, теб

Andererseits: dass (н)его, (н)ему, (н)им, (н)ём untereinander zwingend verwandt sind, kann man per Augenschein nicht annehmen. Schließlich wird es wieder übersichtlicher, wenn man sieht:

на, ва,    +с  +м   +ми     zwei Stämme lassen die selben Endungen zu
(н)и       +х  +м   +ми     ein weiterer Stamm variiert nur bei der ersten Endung
Das setzt sich fort - nun sind wir bei den sog. "Possessiva" (nur neue 
Endungen werden genannt):
на, ва     +ш  +ша  +ше 
Die Stämme мо, тво   können folgende Endungen annehmen:    +й,  +я,  +ё 

на ohne eine Endung kommt auch vor und ist dann Präposition. Das Russische (wie andere Sprachen auch) bildet sein Wortinventar sehr rationell.

5. Einzelsprache: Schwäbisch

5.1 Partizip

Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.158f:

"Oft fällt die Vorsilbe 'ge-' bei den Partizipien
von Verben auf  -g, -k, -b, -p, -d und -t weg:
'ganga', 'komma', 'brochd', 'butzd', 'donnerd',
'dronga' (gegangen, gekommen, gebracht, geputzt,
gedonnert, getrunken). Bei den Partizipien, die
mit anderen Buchstaben beginnen, reicht uns
Süddeutschen ein 'g-', wo die Norddeutschen mit
'ge-' eine ganze Silbe benötigen: 'ghet',
'gnomma', 'gessa' (gehabt, genommen, gegessen).
Ein Beispiel im Stuttgarter Schwäbisch: 'Wo dia
Finanzblos platzt isch, hädded mir womeglich
Geld verlora, wenn mr onser Häusle net schon
abzahlt ghet häddet, aber domols hot meira Frau
ihr Vadder ons a bissle ebbes geba.' - Als die
Finanzblase platzte, hätten wir vielleicht auch
Geld verloren, wenn unsere Immobilie nicht schon
abbezahlt gewesen wäre; damals unterstützte uns
mein Schwiegervater."

5.1.1 Partizip zum Zweiten

Aus H. Petershagen, SWP 20.2.2016:

Dr Mesner hat ausg'litta
Was soll man dazu sagen: Gott sei seiner Seele
gnädig? Gott sei Dank? Schade?
   Das hängt davon ab. Nichtschwaben werden der
Seele des Dahingeschiedenen alles Gute wünschen
und sich damit trösten, dass sein Leiden ein Ende
hat. Schwaben hingegen verstehen den Satz eher
so, dass der durchaus noch lebendige Mesner das
Glockenläuten eingestellt hat, was die Lärmgegner
begrüßen und die Heimatverbundenen bedauern mögen.     
   Der Grund dieser unterschiedlichen Interpreta-
tion liegt darin, dass g'litta die schwäbische
Form nicht nur von gelitten, sondern auch von
geläutet sein kann. [Sonderbildungen auch bei
anderen Verben]
   Aus diesen Verben, die zu den schwachen zählen,
haben die Schwaben starke gemacht. Starke Verben
zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Stammvokal
verändern: singen, sang, gesungen.
Das unterscheidet sie von den schwachen, deren
Stammvokal gleich bleibt: machen, machte,
gemacht.
   ... Die starke schwäbische Form g'schniia
etwa knüpft letztlich an die althochdeutsche Tra-
dition an, als sniwan (schneien) noch ein
starkes Verb war. ...
   Was g'litta (geläutet) betrifft ... Das dazu
passende Präteritum litt sei schon im 16. Jahr-
hundert nachzuweisen (laut Grimmschem Wörterbuch)
   ... Die geschwächten starken Verben sind eben-
falls keine schwäbischen Schöpfungen: Nicht nur
Schiller hat gesaugt, sondern auch Goethe. Wer
übrigens an g'hebt Anstoß nimmt, muss sich vom
Grimm'schen Wörterbuch belehren lassen, dass auch 
gehoben nicht der Weisheit letzter Schluss ist:
Es müsste eigentlich gehaben  heißen.

5.2 Einzahl und Mehrzahl

Geübte LeserInnen der Alternativ-Grammatik müssen an dieser Stelle rebellieren. Denn die Fragestellung ist keine der Wortbildung, sondern so, wie die Überschrift lautet, eine eindeutig semantische. Vgl. dort die entsprechende Rubrik: [6]

Aber mit diesem - richtigen - Einwand braucht man ja nicht das Denken einzustellen ;-) Die beiden inhaltsbezogenen Begriffe der Überschrift bilden einen Gegensatz: Entweder ich rede von einem Ding/Sachverhalt in der Einzahl - dann gibt es davon eben nur ein Exemplar -, oder ich weiß, räume ein, dass es davon mehrere gibt, kann das womöglich auch durch eine Zahlangabe unterstreichen.

Es sollte folglich bei meinem Sprechen - jetzt kommt die (Ausdrucks-)SYNTAX in den Blick - deutlich genug dieser inhaltliche Gegensatz 'zum Ausdruck kommen' - ansonsten stifte ich bei meinen Gesprächspartner große Verwirrung. - Diese Überlegung ist Ausgangspunkt für die "Schwäbisch"-Kolumne von H. Petershagen in SWP (26.9.2015). Auszüge:

"In der Tat tragen die Schwaben Hemder
anstatt Hemden, wie ihnen  auch
Beiner, Rösser, Bröter und Stücker
eher zusagen als
Beine, Rosse, Brote und Stücke.
Was ist richtig, was falsch?

Falsch ist nur die Frage. Denn es sind ganz
einfach verschiedene Formen, die sich zu ver-
schiedenen Zeiten entwickelt haben. So waren
die Hemder überall in Deutschland verbreitet
... Die Schwaben leisten sich zudem eine andere
Einzahl dieses Wortes: Hemad. Aber damit
erweisen nicht sie sich als Abweichler,
sondern alle jene, die Hemd sage. Denn das Wort
lautete bereits im Althochdeutschen hemidi.
Daraus wurde das mittelhochdeutsche hemede,
dem die Schwaben nur das abschließende -e
gestrichen haben. Ihr Hemad ist ganz offen-
sichtlich dem hemede näher als das schrift-
sprachliche Hemd. [Genauso gab es damals schon
Rösser, Stücker, Bröter]
Wenn die schwäbische Mehrzahl vom Schriftdeutschen
abweicht, hat das einen triftigen Grund: Die klare
Unterscheidung zwischen Ein- und Mehrzahl. Die
fehlt im Schriftdeutschen bei Wörtern wie
Wagen, Kragen, Misthaufen. Hier sorgen die
Schwaben für Klarheit, indem sie das -a- in
-ä- umlauten: Wäga, Kräga, Mischthäufa.
Ähnlich verhält es sich mit Tag und Arm,
Plural Tage und Arme. Da die Schwaben das
abschließende -e verschlucken, würden Ein-
und Mehrzahl gleichermaßen Arm und Tag
lauten. Auch dies vermeiden sie mit zwei
Pünktchen: Ärm, Täg.
Zu einer anderen Maßnahme greifen sie beim Bein,
womit sie aber 'Knochen' meinen. Die Mehrzahl
Beine endet ebenfalls mit -e. In diesem Fall
vermeiden die Schwaben den Gleichklang von Ein-
und Mehrzahl, indem sie das Plural-e zu -er
erweitern. Das ergibt die Mehrzahl die Beiner
respektive Boiner.
Doppelt moppeln die Schwaben im Fall der Wörter
Ross, Brot und Stuck: Die erhalten nicht
nur die erweiterte Plural-Endung -er, sondern
auch noch den Umlaut. Das originelle Resultat
lautet Rösser, Bröter,, Stücker."


6. Lesen von Wörtern

6.1 "Erstaunlich, aber: Vöillg rihctig"

= Überschrift eines kleinen Beitrags in SWP 2/2013:

Gmeäß eienr Stduie eienr enlgishcen Unviertsität
mahct es nihcts, in weclher Rehienfogle die
Buhcsatben in eniem Wrot angerodent snid, enizig
wihctig ist, dsas der estre und lztete Bchusatbe
am rchitigen Paltz snid.
     Bergnüdnug: Wir lseen nchit jeedn Bchutsaben
einznlen  snorden das gnaze Wrot.

(Die automatische Rechtschreibkontrolle des Computers hat in diesem Fall viel zu tun...)

6.2 SPAM-mails

Auch Computer "lesen" Texte - verstehen aber nichts. Bitte beachten: "Lesen" im Sinn von Einzelzeichen korrekt entziffern. Nicht "Lesen" im Sinn von 4.7 Lesen lernen und Unterpunkten. Angesichts des 'Gelesenen' sind Computer folglich weder erfreut noch beleidigt, zeigen auch sonst keine Reaktionen.

Da auf e-mail-Wegen viel Schrott unterwegs ist, den die menschlichen Adressaten nicht zu Gesicht bekommen wollen - sie wollen sich auch nicht ständig der Mühe unterziehen, diesen Schrott zu markieren und zu löschen und dann vorzeitig den Papierkorb im mail-Programm zu leeren - gibt es Schutzmechanismen, so dass derartige Schrott-mails schon gar nicht zugestellt werden:

Einer davon besteht darin, dass jemand einige Wörter
definiert: kommen sie in einer mail vor, womöglich
gehäuft, so wird die mail aussortiert und nicht
zugestellt. Vor allem um Wörter aus dem erotisch
-sexuellen Bereich geht es.

Auf diese Schutzmechanismen kann man jedoch reagieren - und damit das Schutzprogramm austricksen. Sobald man die "Betreff"-Zeile verfremdet schreibt, kann ein Worterkennungsprogramm die beteiligten Wörter nicht mehr erkennen. Und für Nutzer, die doch auf derartiges scharf sind, erhöht sich der aufreizende Effekt beim Entziffern der rätselhaften Zeile. Bsp.:

Wat ch thi s vid eo and I'll ma ke y our r pant s burn

7. Englisch

7.1 irregular verbs

... sind das Verben, die es eigentlich nicht geben dürfte? - Das wäre allerdings - auf unserer (Ausdrucks-)-SYNTAX - eine merkwürdige Assoziation. Denn Wortformen, die es gibt, die in Gebrauch sind, die gibt es eben - weder regulär noch irregulär. Also hat sich eine Grammatik ohne zu Meckern damit abzugeben! - Aus einer online-Grammatik:

Irregular verbs have no rules for conjugation. These can only be learnt in context - sorry!

=> Bemerkung: Völlig überflüssige Entschuldigung!

They all have a base form. e.g. to run

A gerund (ing) form where ing is added to the end of the verb. e.g. running

An -s form where s is added to the end of the verb. e.g. runs

A past tense form which must be learnt. e.g. ran

A past participle form which must be learnt. e.g. run

- See more at: http://www.learnenglish.de/grammar/verbirregular.html#sthash.Kkjg4wV6.dpuf

=> Bemerkung: "must be learnt" - das hat das Erlernen einer Fremdsprache so an sich. Die kleinen Variationen beim gewählten Beispiel (gegenüber der Masse der Verben) sollte man nicht so aufbauschen und mit dem schlimmen Term "irregular" belegen. Außerdem ist anzunehmen, dass die sog. "Ausnahmen" jeweils benennbare Gründe haben - z.B. mit der gegebenen Wortstammstruktur zusammenhängend. Das zu erläutern sollten sich Anglisten Gedanken machen. Dann können auch Schüler erkennen/ahnen, warum es nachvollziehbar zu den Variationen kommt.