4.0131 Sprachspielereien

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Sprachspiele machen Spaß, sind ein schöner Zeitvertreib. Aber nicht nur das. Sie lenken den Blick auf die Seite der Münze Sprache, die in aller Regel zugunsten der Bedeutung übergangen, überhört, überlesen, auf jeden Fall für unwichtig erachtet wird. Sprachspiele sensibilisieren für diese Aschenputtel-Seite des Sprachgebrauchs. Folglich dienen sie auch manch sehr ernster Thematik zur mehr Präsenz und Durchschlagskraft.

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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Ohrwürmer, Sprachspiele können auch nerven

Eine - leicht ;-) - überzeichnete Erfahrung von Mark Twain: vgl. [1]

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Journalismus

Vor Jahrzehnten griff die Süddeutsche Zeitung den Konflikt in der katholischen Kirche auf: eine Jugendzeitschrift wollte die Rückansicht eines nackten Mädchens abbilden. Das missfiel den Oberen und sie verlangten das Bild zu ersetzen - was dann auch geschah: eine Sanddüne war zu sehen. - Dazu die Artikelüberschrift der Süddeutschen:

Wüste Gabi raus, Wüste Gobi rein

Andere Beispiele aus derselben Zeitung:

Im Namen der Pose

So heißt der Artikel, der berichtet, dass der Autor des Romans „Der Name der Rose“ sich zum Thema Wahrheit im Internet zum Wort meldete. Umberto Eco beklagte, es herrsche Anarchie im Netz und jeder schreibe alles, was er nur wolle. Es geht darum, dass Eco nicht einmal Falschmeldungen über ihn und seine Werke im Internet gefunden habe. Die Zeitung sagt, er sei „wütend auf das World Wide Web“.

Kosher Nostra

Dieser Artikel handelt von den jüdischen Gangstern in Amerika, die Anfang des 20. Jahrhunderts einige Nachtklubs, Revue-Theater und Broadway-Tempel finanzierten und einen großen Beitrag zu der Entwicklung amerikanischer Pop-Kultur leisteten.

Rock 'n' Rollator

In diesem Artikel, wo auch Jim Morrison figuriert, werden die Gedanken geäußert, ob das Älterwerden eine Frage der Wahrnehmung ist.

Ein amüsanter Druckfehler in einer Kleinanzeige:

DUMMER! gesucht zur Bandgründung!

Kurz, aber für eine Beschreibung der Ausdrucksseite sehr ergiebig. - Die Süddeutsche ist ja für die Vorliebe für derartige Effekte bekannt.

[Möchte hier nicht jemand - ohne neue Bezifferung - weitere interessante / amüsante Beispiele anhängen?]


1.2 Vokal-Wettbewerb

Man kann - wie Sebastian Sick in SPIEGEL-ONLINE - einen Wettbewerb ausloben über den längsten Satz mit möglichst vielen "Ü"s, vielleicht um Türkisch zu simulieren. Ein Beispiel (von H.J. Scholz):

"Brünstiger Wüstling, übler Betrüger, unnützer
Übeltäter, Verrückter, ungestümer Sünder, selbst-
süchtiger Spießbürger, schlüpfriger Rüpel, Lügner,
lüsterner Krüppel, dümmlicher Durchschnittsbürger,
übergewichtiger Würger, rülpsender Stümper,
schwülstiger Schürzenjäger, hündischer Lüstling,
unzüchtiger Lümmel, Miststück, überheblicher Jüng-
ling," - brüllt entrüstet die wütende Bürgerin,
während sie erzürnt die Bruchstücke verblühter
Blüten zwischen den überzüchteten Drüsen ihrer
Hühnerbrust zerkrümelt - über die erdrückenden
Enthüllungen des Bürgers, der blutrünstig wie der
Wüstenwurm im Frühling, sich dem ungezügelten,
unzüchtigen Bedürfnis verblüffend ungerührt hingibt,
sich beflügelt überwältigen lässt, um endgültig die-
ses übersinnliche, unmündige brünette Mündel mit
den fülligen Brüsten kühn über die Türschwelle,
unverzüglich durch die Hintertür zu entführen und
unerschütterlich, unermüdlich die tückische Zwick-
mühle zwischen selbstsüchtiger Erfüllung und der
ungenügend geübten Verhütung mittels Lümmeltüte,
tiefgründig der müden Sünderin mit überwältigendem
Gefühl und zuzüglich viel Spürsinns, nicht wenig
spitzbübisch und spitzzüngig, zu übermitteln. 
Izmir übel!

1.3 Rapper

Kollegah wird folgende Satzfolge zugeschrieben:

"Ich geh mit einem Messer auf dein Kopf los,
danach bist du kopflos,
was ist mit deinem Kopf los?
Du bist deinen Kopf los,
such deinen Kopf, los!!!
Und wenn du ihn nicht findest,
kauf dir auf dem Jahrmarkt ein Kopflos!"

1.4 Gedicht/1 - Heinz Ehrhardt

aus: H.E., Noch'n Heinz Erhardt Oldenburg 2009. 15:

Das Kälbchen
Es spielt das Kind vom Rind im Wind,
ist guten Mu - Mu - Mutes.
Es kennt nicht Not, nicht den Papa,
nicht den Geruch des Blutes. - 

Der Weg ist weit, der Kasten eng -
das Kälbchen ahnt nichts Gutes.
Der Schlächter ist kein schlechter Mann,
doch muss ers tun - und tut es. - 
Das Kälbchen existiert nicht mehr - 
in unsern Mägen ruht es,
doch nachts erscheint es uns im Traum
und leise mih -  muh - muht es.

(alle Klang-Identitäten einerseits, -Ähnlichkeiten andererseits im Text sichtbar machen, verbinden!)

1.5 Gedicht/2 - Heinz Ehrhardt

Manchmal helfen Sprachspiele, um vergessene Inhalte zu erinnern. Bisweilen hilft aber auch das nicht, v.a. wenn man bei der Hilfestellung nicht genau zugehört hatte - /r/ überhört (dagegen schreibt die zitierte Ausgabe "dummem" - das dürfte ein Druckfehler sein, der von uns korrigiert wurde). Außerdem müsste es inzwischen heißen: "seit vor-vorigem Jahrhundert"

aus: H.E., Noch'n Heinz Erhardt Oldenburg 2009. 105:

In der Schule gegenüber
"Sagt mir, ihr lieben Jungs, geschwind,
wer wohl die beiden Großen sind,
die denen, die reich und bezopft,
erfolgreich auf den Busch geklopft?
Die man seit vorigem Jahrhundert
studiert, versteht, liebt und bewundert?
Die wir durch Wort und Bilder kennen?
Wie mögen sich die beiden nennen?!"
???? --- ????
"Ihr wißt es nicht, ihr dummen Bengels?
Die beiden heißen MARX und --- ?!?"
Da meldet sich Hänschen Klein:
"Das könn'n nur Marx und Moritz sein !?!"

1.51 Gedicht - Heinrich Heine

Aus Reclam 8988, S.56f, "Zur Ollea"

Symbolik des Unsinns
Wir heben nun zu singen an
Das Lied von einer Nummer, 
Die ist geheißen Nummer Drei;
Nach Freuden kommt der Kummer. 
Arabischen Ursprungs ist sie zwar,
Doch christentümlich frummer
In ganz Europa niemand war,
Wie jene brave Nummer. 
Sie war ein Muster der Sittlichkeit
Und wurde rot wie ein Hummer,
Fand sie den Knecht im Bette der Magd;
Gab beiden einen Brummer.
Des Morgens trank sie den Kaffee
Um sieben Uhr im Summer,
Im Winter um neun, und in der Nacht
Genoß sie den  besten Schlummer.
    ( ... )

1.52 Gedicht - Heinrich Heine

Aus Reclam 8988, S.84, Aus dem Umkreis der "Neuen Gedichte"

Die schlesischen Weber
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
   Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
   Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem König, der König der Reichen ,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt,
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
   Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
   Wir weben, wir weben!
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
   Wir weben, wir weben!

1.6 Gedicht/3 - Christian Morgenstern

Vgl. [2] - eine Orgie von Rhythmen, Reimen, Wortwiederholungen, Assonanzen, Alliterationen.

1.7 Gedicht/4 - Hermann Hesse

Vgl. [3] - dito

1.8 Günter Grass, "Blechtrommel"

Vgl. [4] - Man lasse sich durch die Listenform nicht abhalten, einen auf Ausdrucksebene hochinteressanten und dichten Befund des Romans zur Kenntnis zu nehmen. Die Liste ist zwar lang, stellt aber nur eine Auswahl dar.

Schon bei einfachem Lesen gewinnt man den Eindruck, dass der Autor mit Wörtern und Ketten spielt. Er hängt oft Wörter hintereinander,

  • die am Wortanfang je gleich beginnen - gleicher Erstbuchstabe bis zu gleichen ersten 6 Buchstaben
  • und mit diesem Muster lassen sich dann z.T. lange Ketten bilden - bis zu 7 Wörter, die nach diesem Muster gebaut sind.

Das lässt sich umdrehen: gleiche Struktur am Wortende. Es erzeugt einen eigenen sound, wenn 16 Wörter in Folge auf /n/ enden und selbst diejenigen, die nicht unmittelbar passen, das /n/ ebenfalls aufweisen, nur an anderer Position, so dass mit dieser gelockerten Bedingung eine Kette von 21 entsteht.

Man versuche sich vorzustellen, wie ein Gesamttext wirkt, der derartig dicht schon auf Buchstaben/Wort-Ebene durchgestaltet ist!

1.9 Schüttelreime

... erfreuen auf zwei unterschiedlichen Ebenen:

  • durch Umstellung von Buchstaben - bei ansonsten gleichem Buchstabeninventar = Ausdrucks-SYNTAX - entsteht wieder
    • ein Wort, das in dieser Einzelsprache gängig und zugelassen ist
    • und ein Reim kommt dabei auch zustande.
  • Auf Bedeutungsebene = SEMANTIK wird durch die Manipulation kein 'Schrott' erzeugt, sondern es ergibt sich ein neuer Sinn - selbst wenn er Unsinn sein sollte...
Der Pianist der Meisterklasse
haut das Klavier zur Kleistermasse.

____

1.10 Lutherbibel - Vokale, Assonanzen, Rhythmus

Vgl. [5], von dort auch das Beispiel

"Die Lutherbibel ist ein Sprachkunstwerk, vor dem die
Germanisten bis heute staunend stehen. Es ist eine über
weite Strecken rhythmische Prosa. Luther arbeitet mit
Lautklängen. Er bildet in seinen Sätzen oft ganze
Cluster mit einem Vokal. Ein prominentes Beispiel findet
sich in der Weihnachtsgeschichte: 'Ihr werdet finden das
Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.'
Das sind lauter >I's<. Da scheint die Weihnachtsfreude
schon in der Sprache durch. Oder: >Das Volk, das im
Finstern wandelt, sieht ein helles Licht.<  Auch da
strahlt das Licht in der Sprache auf. Das ist sehr
charakteristisch für Luther." 

1.11 Lautmalerische Interjektionen

Vgl. H. Genzmer, Unsere Sprache. wbg 2014, S. 292:

Lachen:              haha, hihi, hoho, lol
Aufprall:            klatsch, platsch, patsch 
Niesen:              hatschi
Reißen/Schneiden:    (ritsch)-ratsch
Tempo:               zack(zack), hui, bromm
Knall:               peng, knall, bum, roms
Plötzlichkeit        schwups, haste-nicht-gesehn
(...)

2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Sprachspiele

Aus Materialien des Sprachinstituts alpha.b, Nizza:

1.  Je veux et j'exige d'exquises excuses.
2.  Doit-on dire: "Seize sèches chaises, ou bien seize
    chaises sèches"?
3.  J'ai vue 606 Suisses suçant 606 saucisses dont 6
    sont en sauce et 600 sans sauce.
4.  Bonjour Madame Sans Soucis, combien sont ces 606
    saucissons-ci?
    - Ces 606 saucissons-ci sont 606 sous.
    - Si ces 606 saucissons-ci sont 606 sous, ces 606
      saucissons-ci sont 606 sous trops chers!
5.  Cinq saints sains de corps et d'esprit et ceints
    de leur cordon, portaient sur leur sein le 
    seing de leur Saint-Père.
6.  Tas de riz, tas de rats.
    Tas de riz tenta tas de rats.
    Tas de rats tenté, tenta de tâter tas de riz tentant.
7.  La vache mâche sans relâche dans le champs où
    le chien niche en léchant son chiot.
8.  La jolie rose jaune de Josette jaunit dans le
    jardin.
9.  Lara râle-t-elle? Non, rarement, Lara râle après
    le rat roux, elle en sourit, elle en rit.
10. Le fisc fixait des taxes excessives au luxe et
    à l'exquis.
11. Les chaussette de l'archiduchesse sont-elles
    sèches et archisèches?
12. Suis-je bien chez ce cher Serge? Il fait si
    chaud chez ce cher Serge.
13. Un chasseur sachant chasser doit savoir chasser
    sans son chien.
14. Qu'a bu l'âne au quai? - L'âne au quai a bu l'eau.
    Qu'a bu l'âne au lac? - L'âne au lac a bu l'eau.
15. J'ai bu un bien bon verre de bien bon vieux vin
    blanc.
16. L'ouïe de l'oie de Louis a ouï. Ah oui? Et qu'a
    ouï l'ouïe de l'oie de Louis? Elle a ouï ce 
    que toute oie ouï. Et qu'oit toute oie? Toute
    oie oit, quand mon chien aboie le soir au fond
    des bois, toute oie oit ouah ouah', qu'elle oit,
    l'oie.  - (Raymond Devos)
17. Paul se pêle au Pôle dans les piles de pulls et
    de polos pâles... Pas plus d'appel de la poule
    à l'Opel que d'opale dans la pelle à Paul. -
    (Philippe Geluck)
18. Chez les Papous, il y a des Papous papas et des
    Papous pas papas. Il y a aussi des Papous papas
    à poux et des Papous papas pas à poux. Il y a
    encore des Papous papas à poux papas et des
    Papous pas papas à poux papas.
19. Kiki était cocotte, et Koko concasseur de cacao.
    Kiki la cocotte aimait beaucoup Koko le concas-
    seur de cacao. Mais Kiki la cocotte convoitait
    on conquet caraco kaki à col de caracul. Koko
    le concasseur de cacao ne pouvait offrir à Kiki
    la cocotte qu'un coquet caraco kaki mais sans
    col de caracul. Or un marquis caracolant, caduc
    et cacochyme conquis par les coquins quinquets
    de Kiki la cocotte, offrit à Kiki la cocotte un
    coquet caraco kaki à col de caracul. Quand Koko
    le concasseur de cacao l'apprit, que Kiki la
    cocotte avait reçu du marquis caracolant, caduque
    et cacochyme un coquet caraco kaki à col de
    caracul, il conclut: je clos mon caquet, je 
    suis cocu! - (Bernhard Haller)
20. Buvons un coup ma serpette est perdue, mais le
    manche, mais le manche. 
    Buvons un coup ma serpette est perdue, mais le
    manche est revenu. 
    (A Répéter en changeant de voyelles:
    "Bavans an cap ma sarpatta parda ...")

3. Einzelsprache: Englisch

3.1 Härtetest mit "th"

Loriot und E. Hamann: [6] Bitte korrekt und flüssig nachsprechen!

4. Einzelsprache: Schwäbisch

4.1 Sparwitz

/Spar/ bezieht sich auf die akustische Realisierung folgender Äußerung (besprochen von H. Petershagen in SWP 30.1.2016):

I han oin kennt ghet, der hat oina kennt ghet, und
die hat a Kend ghet, aber net von dem, wo i kennt
ghet han, weil der hat net kennt ghet, aber der hat
oin kennt ghet und der hat kennt ghet, und von dem
hat se's Kend ghet.

Die Auflösung muss zwei Aspekte beachten:

  • die 2 Wortformen, die akustisch gleich klingen, stehen für 3 unterschiedliche Bedeutungen:
    • kennt = gekannt
    • Kend = Kind
    • kennt = gekonnt
  • Etwas komplexer: Schwaben ersparen sich auslautendes -e. Sie essen Supp, aber keine Suppe . Folglich können sie keine Vergangenheitsformen bilden wie machte, kannte, konnte, hatte - die würden nämlich häufig wie 'Gegenwart' aussehen. Folglich lässt man im Schwäbischen das Präteritum weg und begnügt sich mit dem Perfekt.

Auf dieser Basis - vollkommen logisch - entstehen dann Äußerungen wie die zitierte: Semantisch nicht zu beanstanden, sondern gut verstehbar: auf Ausdrucksebene (=Ausdrucks-SYNTAX) klingt sie für Außenstehende debil. (Wer genauer hinschaut, erkennt aber, welch hochgezüchtete Sprachkompetenz bei den Schwaben vorausgesetzt wird ;-))