4.015 Übersicht: Erkenntnisse zur Ausdrucksseite

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Nochmals, möglichst übersichtlich, soll dargelegt werden, welche Erkenntnismöglichkeiten eine Analyse der Ausdrucksseite bereithält, die sich nicht vom üblichen sprachwissenschaftlichen Glaubenssatz leiten lässt, Bedeutungswissen müsse man immer schon hinzunehmen. Ohne es lasse sich nichts analysieren. Nur als Beispiel: ein "Morphem" sei die "kleinste bedeutungstragende Einheit" - das kann jeder Philologe herunterbeten. - Wir trennen gedanklich, folgen also dieser Art von Frömmigkeit nicht - und haben die Chance, schöne, nachprüfbare Ergebnisse zu erzielen, und problemlos den Computer einzusetzen. Sogar bei Sprachen, die man gar nicht versteht...

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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Übertragungskanäle unterscheiden! - u.a. Gebärdensprache

Beobachtungen anlässlich einer Geburtstagsfeier. Der 'Jubilar' feierte den 60. Geburtstag, ist seit der Geburt - bis auf wenige Hörreste - taub. Beteiligt an der Feier eine Gruppe von Taubstummen, die sich also gestisch unterhielten, und eine Gruppe von Hörenden, die miteinander verbal sprachen.

1. Wer von Lebensbeginn an nicht hören kann, wobei
   aber die Sprechwerkzeuge (und der Geist) funktio-
   nieren, ist nur mit großen Mühen in der Lage, das
   Sprechen in einer Form zu lernen, dass er sich mit
   Hörenden verständigen kann. Anstelle des Hörens
   ist das vom Mund Ablesen wichtig, unterstützt durch
   Gesten - auch wenn sie nicht exakt der Taubstummen-
   sprache/Gebärdensprache entsprechen. Außerdem ver-
   suchen solche Menschen das, was undeutlich vom Part-
   ner artikuliert wird, durch Folgerungen und Schlüsse
   zu vervollständigen - was natürlich dann öfters auch
   fehlerhaft ist und zu korrigieren ist. 
2. Bei jener Feier ging es auch darum, die beiden Grup-
   pen sich gegenseitig vorzustellen. Das führte für
   den Jubilar zu einer paradoxen Situation: seine hö-
   renden Verwandten und Freunde versuchte er der
   nicht-hörenden Gruppe in Lautform vorzustellen.
   Damit konnten die Hörenden relativ gut verstehen,
   was er sagen wollte. 
    => Das bedeutete für den Sprecher jedoch eine un-
       geheure Anstrengung, zudem Konfusion, weil sich
       ihm spontan immer wieder die entsprechenden
       Elemente der Gebärdensprache dazwischenschoben;
       er hatte ständig mit der Irritation zu kämpfen,
       auf welchem "Kanal" er denn eigentlich "Sprechen"
       sollte.
    => Aber auf die Gebärden waren die Angehörigen der
       Hörbehinderten/Taubstummen angewiesen. Sie sollten
       ja erfahren, wer die Mitglieder der Hörenden-Grup-
       pe sind. Eine Beschränkung auf die Gebärdensprache
       wäre angemessen gewesen. Die Hörenden wussten ja,
       wer sie sind ...
    => Einfacher war die Vorstellung der Hörbehinderten.
       Dabei war klar, dass die Adressaten primär die
       Hörenden sein sollten.
   Jedenfalls - nachträglich erst klar geworden - war die
   Mischung der Übertragungskanäle eine große Zumutung/
   Anstrengung für den Sprecher.
3. Der weitere Abend verlief - weitgehend - schön zwei-
   geteilt:
   beide Gruppen verständigten sich intern problemlos,
   die Nicht-Hörende still, hie und da durch einzelne
   Laute unterbrochen, aber gestisch entsprechend va-
   riantenreich, die Hörenden natürlich laut und - vom
   optischen Eindruck her  - eher langweilig.

Als Hörender ist man jedenfalls beschämt, nicht mal die Grundbegriffe der Gebärdensprache sicher zu beherrschen. Auch diese Art 'Fremdsprache' sollte in Grundzügen über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus bekanntgemacht und gelehrt werden.

Als die ebenfalls nicht-hörende Frau eines Mitglieds
der Hörbehinderten vorgestellt wurde, machte dieser
die Handbewegung, die man unter Hörenden als "geklaut,
(weg-)geschnappt" interpretieren würde. 
Es ist mir jedoch unklar, ob dieser Akzent bei der
Gebärdensprache auch gilt. Vielleicht heißt sie dort
nur "genommen". - Jedenfalls gratulierte ich ihm per
Handschlag - er lachte.       

0.2 Gebärdensprache II

(aus SPIEGEL-Online 13.12.2013:)

Wie funktioniert Gebärdensprache?
"Gebärdensprache funktioniert im Prinzip wie alle
anderen gesprochenen Lautsprachen", sagt Renate
Fischer vom Institut für Deutsche Gebärdensprache
und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg.
Beide verwenden dieselben grammatikalischen Struktu-
ren. Unterschiede ergeben sich vor allem aus den
verschiedenen Ausdrucksform (Modalitäten) und
Wahrnehmungsarten.
Während Gebärdensprache mit Händen, Gesicht, Kopf-
und Körperhaltung produziert und visuell wahrgenom-
men wird, kombiniert das gesprochene Wort Laute mit
begleitender Gestik. Gebärdensprachler setzen den
Körper sichtbarer ein, die Sprache oder eine einzel-
ne Äußerung wirkt dadurch lebhafter: "Diese Lebhaf-
tigkeit wird häufig fälschlicherweise als ein direk-
ter Ausdruck von Emotionen verstanden", so Fischer.
Die Orientierung von Gesicht, Oberkörper und Händen
im Raum hat jedoch vor allem eine grammatikalische
Funktion. Teile einer Äußerung können zum Beispiel
gleichzeitig über die Hände und das Gesicht produziert
werden.

1. Ebene der Wörter

1.1 Wortsuche, Wortkritik, Wortkampf

mit den Wörtern ist ein Aufsatz des Germanisten J. Schwitalla überschrieben, der damit den Dialog-Roman 'Das Wetter vor 15 Jahren' von Wolf Haas analysiert. Die Motivation für diese Stilmittel ist natürlich jeweils eine inhaltliche, fassbar wird die Stilistik auf Ausdrucksebene. Zum vollen Verständnis gehören somit Bedeutungswissen und pragmatisches Wissen (z.B. Dynamik eines Dialogs). Aber nur mit Kenntnis und Einschätzung der Variationen auf der Ebene der Signifikanten / Ausdrücke versteht man die Mitteilungen des Textes umfassend. Die Auszüge zeigen somit, wie Beobachtungen zur Ausdrucksseite in einem größeren Interpretationszusammenhang wirksam werden können. - Einige Zitate:

1. Regionale Färbung der Ausdrucksebene

Die Interviewerin kommt aus Norddeutschland, der
wirkliche Wolf Haas und die Figur im Roman aus
Österreich. Die Interviewerin spricht grundsätzlich
"i" vor "r" als "ü":
würklich, ürgendwie, Kürchenglocken. 
Dies ist neben dem Schwa-Ausfall bei Östreich
und östreichisch die einzige phonetische Beson-
derheit, die vom fiktiven Transkribenten des Gesprächs
festgehalten wird. Der Autor verwendet dagegen außer
zwei Sätzen im Dialekt
(So weit kammert's no; des wor suppa! Gonz suppa!)
hauptsächlich allgemein süddeutsche (eh = 'ohnehin')
oder österreichische Wörter (Kassa, 
Topfen, Watschn, Häusltschick, Überschmäh)

2. Ein Wort des Anderen übernehmen

Es zeugt von Konsens, wenn eine/r der beiden ein
Wort, das der/die Andere eingeführt hat, übernimmt.
Dies gelingt am einfachsten bei regionaldialektalen
Synonymen. So macht es der Interviewerin nichts aus,
das süddeutsche Adjektiv entrisch, das der Autor
mit drüben, auf der anderen Seite und die Inter-
viewerin mit jenseitig übersetzt hat, zu über-
nehmen und damit den Horror (so der Autor) einer
Stromautobahn zu reformulieren. Ebenso übernimmt sie
die Alltagswörter Semmel, grauslich und
Gschichterl.

Ein besonderes Zeichen von Gemeinsamkeit ist es,
wenn die beiden ihr eigenes Wort aufgeben und das
des Anderen übernehmen, also sozusagen die Wortpo-
sitionen tauschen. Der Autor sagt zu Beginn des
Romans, dass Vittorio auf den Kuss von Anni
gewartet habe, und weist die Formulierung
auf ihn hingearbeitet ausdrücklich der Inter-
viewerin zu. Er sagt dann aber selbst
hingearbeitet und bleibt bei diesem Wort,
während die Interviewerin gewartet übernimmt.

3. Dialogisches Reformulieren im Konsens

Beide haben eine Freude daran, solang hin- und
herzuüberlegen, bis etwas Gemeintes mit dem rich-
tigen Wort bezeichnet ist. Meistens ist es der
Autor, der eine Reihe von solchen  teilsynonymen
Umschreibungen startet.
Wolf Haas: Und jetzt erst, wo Sie das sagen, fällt
auf, dass es eigentlich keine Frage ist: "Wer etwas
gegen die Verbindung einzuwenden hat, der spreche
jetzt, oder er schweige  für immer" ist ja streng
genommen keine Frage, sondern eher -
Literaturbeilage: - eine Aufforderung.
Wolf Haas: Ja,
eine Mischung aus Aufforderung und Mahnung
oder so. 
 Eigentlich ist es ja mehr ein Schweigegebot.
 Aber man empfindet's ja doch irgendwie als Frage ...
 Also wirklich eine peinliche Frage einfach.
 Fast wie bei Aktenzeichen XY, wo man das Gefühl
 hat ... Aktenzeichen XY hat auch immer 
 so eine Strenge gehabt.  Also
 so einen stimmlichen Ernst sozusagen.
 Literaturbeilage: Was Inquisitorisches.
Das Vorläufige solcher Formulierungsversuche kommt
in vorangestellten Vagheitsausdrücken wie 
so ein, irgendwie, eher, ein bisschen und in 
nachgestellten Relativierungen  mit oder so zum
Ausdruck.

4. Der Angemessenheit eines Worts des Andern widersprechen

Mit einem expliziten Widerspruch gegen einen Wort-
gebrauch geht man einen Schritt weiter: Man hält
das gewählte Wort für falsch. Sprachliche Formen
für metakommunikatives Widersprechen im Roman sind:
 - Die Formulierung Was heißt (hier) X: Was heißt das
   Wetter an seinem  Urlaubsort!
 - Wortzitat und metakommunikative Charakterisierung mit
   oder ohne doppelte Anführungszeichen:
   "Sein" Urlaubsort ist etwas übertrieben; Na ja, 
   "gleich" ist übertrieben; Unschuld verlieren ist gut;
   Seitenhieb ist vielleicht etwas übertrieben; Eigentliche
   Szene. Ich bin da nicht so sicher.
 - Wortzitat im syntaktischen Zusammenhang einer
   Negation...:
   Ich betone es nicht; Na ja, hochdramatisch ist das noch
   nicht gerade; Na ja, es ist 
   nicht alles, wo ein Licht am Himmel aufflammt, gleich ein
   mystischer Moment; Urlaubsparadies in dem Sinn ist das
   aber keines; Ja, Eklat war's keiner; 
   das Alpha-Männchen; Das ist noch lange kein Zaunpfahl!
 - Wortzitat + Antonymie:
   Hinauf? Von Östreich ins Ruhrgebiet fährt man doch runter!

5. Ein Wort des Andern in einer "Retourkutsche"

Das alltagssprachliche Wort Retourkutsche bezeich-
net das Zurückgeben desselben Sprechakts durch den
Rezipienten an den Initianten; meistens ist es ein
Vorwurf und enthält oft auch dasselbe lexikalische
Material. Retourkutschen sind typisch für Streitge-
spräche. Gleich im ersten heftigen Streit hat die
Interviewerin die  Beschreibung des Kusses von Anni
als fast technokratisch bezeichnet. Das bekommt
sie insofern verschärft zurück, als nun der Autor
das Adjektiv über die Interviewerin selbst aussagt: 
Also jetzt sind Sie  technokratisch.


1.2 Wortwiederholungen (Rekurrenzen)

Damit ist ein Abschnitt in der "Systemgrammatik Latein" von Fink/Maier (1997) S.258 überschrieben. Die Ausführungen sind ein - lobenswertes - Element unter mehreren, die die Grammatik für die Ebene 'Text' öffnen, somit nicht mehr - wie es Standard war - mit dem 'Satz' die Erläuterungen einstellten. Vollkommen unverständlich ist es allerdings, dass Beobachtungen zu den Wortwiederholungen zur "Textsemantik" gezählt werden. Wird damit - wieder einmal - die Ausdrucksseite der Sprache missachtet, der Grammatik für nicht würdig befunden? Bzw.: welches merkwürdige 'Semantik'-Verständnis tut sich da kund?

"In jedem Text wiederholen sich bestimmte Wörter
(Eigennamen, Bezeichnungen für Sachen und Vorgänge,
Verbalaussagen u.a.m.) in unveränderter oder leicht
veränderter Form. Solche Wörter sollen die Aufmerk-
samkeit des Lesers auf sich ziehen, indem er sich
jeweils an ihr vorheriges Auftreten erinnert. Wort-
wiederholungen haben häufig als feste Punkte im Text
die Funktion von Leit- und Schlüsselwörtern, mit
denen der Leser zum Thema, das im  Text vorrangig
behandelt ist, 'geleitet' wird oder an denen sich
das Verständnis einer wichtigen Textaussage ent-
wickelt. Wortwiederholungen können auf Sach- und 
Bedeutungsfelder hinweisen und helfen einen Text
thematisch zu strukturieren."

Mehrfach wird versucht eine Verbindung herzustellen: von den Wortwiederholungen zur Auswertung auch auf Bedeutungsebene. So wenig - letztlich - dagegen einzuwenden ist, so sehr ist darauf zu bestehen, dass die Ausdrucksseite - zunächst - ihren Eigenwert und ihre eigenen Effekte hat, die man für sich - ohne Bedeutungen - beschreiben kann und sollte.

2. Ebene der Wortketten

2.1 Wortketten und homogener Gesamttext

Folgendes mag zunächst für die Schulebene als zu abgehoben klingen. Zumindest ist es vollkommen ungewohnt für dortigen Sprach- und Literaturunterricht. Es sei jedoch die Gegenthese aufgestellt: Was nachfolgend illustriert wird, kann sehr wohl im Rahmen der Oberstufe behandelt werden, am besten in Verbindung mit dem/r VertreterIn für Mathematik. Man muss dabei nicht komplizierte Berechnungen selber durchführen, aber zumindest das Prinzip erläutert bekommen haben.

Es geht um die Behauptung/Erfahrung, dass ein Autor z.B. beim Schreiben einer Erzählung natürlich mit einem ersten Wort beginnen muss. Indem er das zweite hinzufügt, hat er ein Wortpaar geschaffen. Leser lernen - unbewusst natürlich -, dass dieses Wortpaar beim aktuellen Autor in Gebrauch ist. Bei Wort 2 in Verbindung mit Wort 3 ist es genau gleich - und so durch den gesamten Text hindurch.

Ein Text, bestehend aus einer linearen Kette von n Wortformen, weist demnach n-1 Wortpaare auf. Der entscheidende Punkt ist, dass natürlich ein Autor nicht n-1 verschiedene Wortpaare verwendet. Sondern er wiederholt sich. Die Zahl der verschiedenen Wortpaare wird also deutlich geringer sein.

Aber auch das reicht noch nicht: die Verteilung der Wortpaare - ob wiederholt oder neu - darf man sich nicht als einigermaßen gleichmäßig vorstellen. Vielmehr gibt es im Text einen Anfangs- = Lernbereich, in dem der Autor den größten Teil seiner Wortpaare einführt. Davon zehrt er dann im Hauptteil, d.h. dort setzt er ganz überwiegend nur noch Wortpaare ein, die schon im Lernbereich genannt worden waren.

Daraus kann man Schlüsse zur Homogenität ziehen. Bei Gedichten, vor allem kurzen, mögen die Befunde abweichen. Bei Erzählungen jedoch wird es oft so sein, dass das erste Textdrittel dem Lernbereich entspricht, die restlichen 2 Drittel dem Hauptteil, in dem es fast keine Überraschungen mehr gibt, was neue Wortpaare betrifft.

Eine Illustration bezüglich der ursprünglichen Josefsgeschichte: [1]

Dort ist der biblische Endtext, der sehr viele
nachträgliche Überarbeitungen aufweist, zunächst
untersucht worden. D.h. fremde Autoren mit ihren
Sprachgewohnheiten haben im Original 'herumgepfuscht'
- mit dem auch grafischen Ergebnis (inhaltlich gilt 
es auch), dass der Text verwässert wurde. Gelingt
es, diese Zutaten zu eliminieren, so dass der Origi-
naltext übrig bleibt, so sieht das grafische und er-
zählerische Ergebnis deutlich anders aus: 1/3 : 2/3.

Entropie wird damit am Text betrachtet. Mag ein Autor inhaltlich bis zur letzten Zeile kreativ sein - in punkto Wortwahl und Wortpaar-Bildung hat er sein Pulver schon viel früher verschossen. - Für das Leseerlebnis ist das aber gut: es kann der Eindruck einer homogenen Sprechweise entstehen. Auch für die Unterscheidung von Autoren sind solche Daten/Befunde wichtig: man gewinnt so etwas wie einen sprachlichen Fingerabdruck.


3. Stimmklang

... und was er mitteilt. Verbindung also mit der Ebene Pragmatik.

3.1 Verarbeitung von Kriegserlebnissen

Vgl. S. Bode, Die vergessene Generation. Stuttgart 2004.
(291) "Ich erinnere mich, wie sehr es mich in den
ersten Jahren meiner Recherchen für dieses Buch irri-
tierte, wenn die Interviewpartner völlig emotionslos
von ihren Kriegsschrecken berichteten, in einer
Stimmlage, als läsen sie aus einem Telefon-
buch vor. Sie klangen wie betäubt. Wer so redet,
dem kann man nicht lange zuhören.
   Erst jetzt, im Alter, fangen viele Menschen an zu
begreifen, wie stark sie von ihren frühen Verlusten
und Bedrohungen geprägt wurden. Der Prozess der Re-
konstruktion der eigenen Kriegskindheit wird in sei-
nem Ergebnis überwiegend als entlastend, wenn nicht
gar als befreiend erlebt. In meinem Bekanntenkreis
fällt mir immer wieder auf, wie stark sich während
dieser 'Befreiungsarbeit' Sprache und Stimmlage verän-
dern. Beides wird lebendiger. Das schlägt sich auch
in den Fernsehbeiträgen zum Thema nieder. Wenn Zeit-
zeugen Zugang zu ihren Gefühlen haben, berühren uns
ihre Aussagen tief. Nach langem Schweigen haben viele
Kriegskinder endlich ihre Sprache gefunden - und sie
werden gehört."