4.016 Muster auf Ausdrucksseite - Blick über die Zäune

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Man unterschätzt oft, wie sehr wir im sprachlichen, aber auch sonstigen Verhalten von Mustern geleitet werden. Zuviele eigene Handlungen werden dem eigenen freien Willen zugemessen, wobei letztlich doch nur das Befolgen eines etablierten, üblichen Musters im Spiel ist.

Und enger beim Sprachgebrauch: es wird oft übersehen, dass es da Muster zweierlei Typs gibt.

  • solche auf Ausdrucksseite - darum geht es im aktuellen Modul. Und dabei muss nicht einmal natürliche Sprache im Spiel sein. Muster gibt es auch bei Musik und Fußball - und sonst noch vielfältig.
  • Später bei der Bedeutungsebene kommen dann Muster inhaltlicher Art ins Spiel, man schaue nach unter: 4.3 Argumentation / samt Unterpunkten

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1. Bilderstreit

1.1 Ostrom, Byzanz, orthodoxe Kirche

Am Verständnis von Bildern schieden/scheiden sich die westliche und östliche Kultur/Kirche. Deswegen kam es im 8./9. Jahrhundert auch zu umfangreichen Bilderzerstörungen. Der entscheidende Punkt war die Frage, ob ein Bild ein Bild ist (Westen) oder ob ein Bild auch schon Zugang zum Dargestellten herstellt (Osten)? Daraus konnten zwei Haltungen folgen:

- Verbot von Bildern, um die Gefahr zu vermeiden,
  dass die  Bilder angebetet würden. Stattdessen sollten
  doch die darauf abgebildeten Personen (Heilige)
  verehrt werden. Daher kam es zum Ikonoklasmus
  = umfangreiche Zerstörung von Bildern.
- Erlaubnis nur authentischer Bilder: verstanden
  werden darunter Stereotypen, Muster von Dar-
  stellungen einzelner Themen. "Von Christus gibt
  es nur wenige Grundtypen (der Pantokrator = Welt-
  herrscher ist am bekanntesten), von der Muttergottes
  immerhin rund 200. Nie ist also eine Ikone Ergeb-
  nis freien Schaffens, andernfalls wäre sie ein
  Götzenbild. Komposition, Aussehen und Farben sind
  größtenteils in speziellen Büchern vorgeschrieben." 
  (Baedecker, Moskau. 2011. 12. Aufl. S.41)

"Authentisch" wird somit verwechselt mit "Schematisierung", und nur diese garantiere den sicheren Bezug zur dargestellten Wirklichkeit. (Eine solche Auffassung passt allerdings überhaupt nicht zur modernen 'Lehre vom Zeichen' = Semiotik). Ausdruck und Bedeutung sind klar zu trennen; und ob die Bedeutung (= begrifflich, als Vorstellung) mit der Realität übereinstimmt, ist nochmals eine große Frage.)

1.2 Statuen, Skulpturen - und "Islamischer Staat" (IS)

Auch Statuen, Skulpturen, Tempelanlagen sind zunächst "Ausdrücke". Denen hat die dazugehörige Kultur/Religion "Bedeutungen" zugemessen, zugeschrieben. Wenn einem die "Bedeutungen" nicht passen, muss man die "Ausdrücke" zerstören. Anders bekommt man die "Bedeutungen" nicht in den Griff. Aus Spiegel-online März/2015:

Bereits in der vergangenen Woche veröffentlichte der
IS Videoaufnahmen von Dschihadisten, die assyrische
Statuen im Museum von Mossul zertrümmern. Ein Lamassu,
das den Eingang zu den Ruinen des nahe gelegenen Ni-
nive bewacht, wurde mit einem Bohrer beschädigt. Auch
Ninive war zeitweilig Hauptstadt des Neuassyrischen
Reiches.
Der IS hat der Vergangenheit den Krieg erklärt. Syste-
matisch verwüstet die Terrormiliz jahrtausendealtes
kulturelles Erbe einer Zivilisation, die in ihrer Zeit
als Weltmacht galt. Das Assyrische Reich erstreckte
sich einst über den heutigen Irak und Syrien bis nach
Südanatolien.

Man stützte sich auf den Koran: Mohammed habe solche Skulpturen als "Götzen" betrachtet, die folglich zu zerstören seien. IS will also einen Schlussstrich zur Vergangenheit ziehen und die Geschichte vollkommen neu beginnen lassen.

2. "Fingerabdrücke" des eigenen Sprachgebrauchs

Der Wörter- und Wortkettengebrauch jedes Menschen hatte Vorbilder. Meist unbewusst ahmen wir solche in unserem eigenen Sprachgebrauch nach. In den vergangenen Jahrzehnten hat mancher bekannte Redner durch seine Sprechweise gezeigt, dass er stark von Thomas Mann beeinflusst war. Gleichgültig, was so jemand inhaltlich sagt: die Art der Wortverbindungen liefert Hinweise auf die geistige Verortung des aktuellen Sprechers, auf seine sprachlichen Vorbilder. Das ließe sich selbst dann behaupten, wenn der Sprecher - direkt darauf angesprochen - eine solche Verbindung abstreiten würde. Was jemand mit Bewusstsein sagt, ist in diesem Fall schwächer als das, was er unbewusst praktiziert, und was statistisch nachgewiesen werden kann.


2.1 Detektivische Autorüberprüfung: Buch Jona

Schüler der Oberstufe können zweifellos verstehen, was dieses Programm:[1] macht und können damit auch spielen bzw. Ergebnisse gewinnen. Eine Beispieluntersuchung sei kurz geschildert:

Frage: Das alttestamentliche Buch Jona besteht
aus 4 Kapiteln. Die Vermutung ist schon älter, dass
das Kapitel 2 (Psalm, den Jona im Bauch des Fisches
spricht) nachträglich eingefügt sei. Kann man diese
These somit überprüfen?
Versuchsanordnung: Man nehme das Comon-Programm,
dabei das hebräische Korpus des Alten Testaments. Es
ist nicht wichtig, dass man den Text lesen und verstehen
kann. Für die meisten wird es unverständliches Kauder-
welsch sein. Es genügt, sich an den Kapitel- und Versan-
gaben zu orientieren.
Durchführung: Man behandelt jedes Kapitel für sich,
wählt also den ersten und den letzten Vers, um die ge-
samte Spanne des Kapitels zu definieren.
Suchbedingung: Voreingestellt ist die Kettenlänge "3".
Diese korrigieren wir auf "2".

Kettenlänge "2" heißt - unserer Erfahrung nach -, dass Wortverbindungen in hoher Zahl erfasst werden, die weit unterhalb der Schwelle liegen, ab der man von "Zitat" oder "Anspielung" sprechen könnte. Es wird das unbewusste Funktionieren des eigenen Sprachgebrauchs erfasst - eben noch ohne gezielte = beabsichtigte Verweise auf andere Kapitel.

Suchlauf: Man schickt das Programm auf die Reise.
Es sucht in der gesamten hebräischen Bibel, wo die
Zweierketten (bzw. auch längere) des gewählten JONA-
Kapitels sonst noch belegt sind.
Generate conclusion: Ist der Suchlauf beendet,
werden die Ergebnisse übersichtlich präsentiert.
Zunächst als Tabelle. Übersichtlich ist sie zwar, aber
immer noch handelt es sich um einen Zahlenwust.
Heatmap bzw. sorted: Damit kann man sich die
Treffer pro biblischem Kapitel zusammenfassen lassen.
Und per Farbe wird angezeigt, mit welcher Häufigkeit
der JONA-Sprachgebrauch im jeweiligen Kapitel wieder-
zufinden ist.

Ergebnisse zu JONA: - wobei wir uns auf die häufigeren, durch Rottöne angezeigten Treffer-Kapitel beschränken.

  1. In der ersten Spalte (= Zweierketten) ist Jona 2 mit 1 Kön 8; 17, 1 Sam 7; 12, Ex 8-10; 19 und Jos 24 vernetzt. - Wir müssen aktuell nicht wissen, was in jenen Kapiteln inhaltlich steht. Es interessiert die Verteilung der häufigeren, anderweitig belegten Zweierketten. Dieses erste Ergebnis können wir als Muster auf Ausdrucksseite nehmen und damit die Befunde zu den anderen Kapiteln vergleichen.
  2. Jona 1 verweist auch auf 1 Kön 8, auf den Bereich Ex 4-10 (also breiter als bei Jona 2); 19; 1 Sam 12; Jos 24. Dann ist schon Schluss mit den Übereinstimmungen zu Jona 2. Wichtig bei Jona 1 sind zusätzlich: 1 Kön 16; 18; 20; 22; 1 Sam 3, 2 Chr 33; 2 Kön 1; 2; 9; 23; Ex 14; 32 Gen 4; Jer 32; 42; Jes 37; Joel 2; Lev 23; Num 3; 15; 17; 20; Ri 13.
  3. Ohne es hier auszuführen: Ähnlich wie zu Jona 1 sind die Ergebnisse zu Jona 3 + 4.
  4. Folgerung: Was die sprachlichen Hintergründe betrifft, haben Jona 2 auf der einen, Jona 1.3.4 einige Gemeinsamkeiten. Aber: Bei Jona 1.3.4 fällt eine viel breitere Bezugnahme auf weitere AT-Kapitel auf. Gemessen daran ist Jona 2 in seiner Vernetzung mit den weiteren Texten ausgesprochen karg. Die Fingerabdrücke von Jona 2 einerseits und Jona 1.3.4 sind charakteristisch verschieden. Wie haben es mit zweierlei 'Tätern' = Autoren zu tun.