4.01 Ausdrucksseite: Schrift – Aussprache

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Obwohl überall auf der Welt Lippen, Zähne, Zunge, Mundraum/Gaumen, Rachen, Kehlkopf sehr ähnlich gebaut sind, nutzen einzelne Sprachen sie deutlich verschieden. Der Sound ist nur teilweise vergleichbar, teilweise aber sehr unterschiedlich. Das kann man sich - günstigerweise - heutzutage in jeder Klasse durch Vertreter verschiedener Sprachhintergründe demonstrieren lassen: von den Einzelbuchstaben bis hin zur Satzmelodie.

Noch ohne Phonetik-Spezialwissen können SchülerInnen das, was sie bei einem Satz in verschiedenen Übersetzungen akustisch wahrnehmen, beschreiben, vergleichen, vielleicht auch schon grafisch festhalten - es wenigstens versuchen.

Sehr klar sollte dabei ins Bewusstsein rücken, dass Sprache in schriftlicher Form nur bedingt bzw. oft gar keine Rückschlüsse zulässt, wie die Aussprache der Passage ist. Schrift und akustische Realisierung - beides sind eigenständige, auf keinen Fall eins-zu-eins zueinander passende Erscheinungsweisen von Sprache. Lautschrift-Versuche gibt es natürlich schon lange. Die Vereinbarungen, wie man die Lautebene im Bereich der Schrift abbildet, sind jedoch nirgends 'amtlich = verbindlich' festgelegt. Da gibt es also allenfalls Annäherungen.


Die Kluft zwischen beiden Kanälen muss - einem alten Witz folgend - 
nicht immer so groß sein wie bei den Berlinern: 
sie schreiben /PFERD/ und sprechen /JAUL/. 


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Ausspracheprobleme (im Kindesalter)

Aus SPIEGELonline (31.1.2012)

Hamburg - Der Plins heiratet die Plinsessin. Und dann tüssen
sie sich - wie lang ist Kindersprech noch niedlich und ab
wann ein Fall für den Sprachtherapeuten? Laut dem Arztreport
2012 der Barmer GEK wird mittlerweile bei jedem dritten Kind
im Vorschulalter eine Sprachentwicklungsstörung festgestellt.
Insgesamt seien innerhalb eines Jahres  1,12 Millionen Kinder
bis zu einem Alter von 14 Jahren betroffen.
Die Frage, wann die Sprachprobleme eines Kindes behandelt werden
müssen, ist umstritten. Reagieren Eltern und Kinderärzte mitt-
lerweile zu sensibel auf Auffälligkeiten bei den Jüngsten?
Mediziner mahnen, dass katastrophale Entwicklungen auch herbei-
geredet werden. Genau das sei der Denkfehler, sagt Margarete
Feit, Referentin des Deutschen Bundesverbands für Logopädie. 
Die Sprachtherapeuten fordern seit langem, Kinder mit Entwick-
lungsstörungen früher zu behandeln: "Je später man versucht,
fehlerhafte Strukturen zu beheben, desto schwerer wird es."
Dabei haben Jungs offenbar öfter Probleme mit Aussprache,
Wortwahl und Betonung: 38 Prozent der Sechsjährigen haben laut
dem Barmer-Report derartige Schwierigkeiten, bei Mädchen
beträgt der Anteil 30 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich
bei der Behandlung: 20 Prozent aller fünfjährigen Jungen
erhalten eine Logopädie-Verordnung, dagegen nur 14 Prozent der
gleichaltrigen Mädchen. ...

0.11 Sprachprobleme - vorschulisch

SPIEGEL ONLINE 20. Dezember 2013
Berlin/Hamburg - Sprachprobleme von Kindern im Vorschulalter
werden immer häufiger professionell behandelt. Aus dem am
Freitag veröffentlichten Heilmittelbericht 2013 des
Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido), geht
hervor, dass vor allem Jungen vor der Einschulung Unterstützung
beim Sprechenlernen erhalten. Jeder vierte Sechsjährige war
demnach 2012 in sprachtherapeutischer Behandlung, dagegen nur
jedes fünfte Mädchen im gleichen Alter. (...)

0.2 Singen: Vokale und Konsonanten

Goethe wird die ein wenig sarkastische Äußerung zugeschrieben - sinngemäß -, dass man deswegen den Begriff "Vokalmusik" verwende, weil man beim Gesang die Konsonanten ja doch nicht höre ...

Mit diesem Ansporn wurde schon mal zum 10-jährigen Bestehen
eines "(Frauen-)Vokalensembles" auf der Basis der
dazugehörigen männlichen Partner ein "Konsonantenensemble"
(mit allerlei Stimmübungen) gegründet - wenigstens für die
Zeit der Jubiläumsfeier...

0.3 Klang der Sprache

Aus A.M. Schenkel, Tannöd. 7. Aufl. Hamburg 2007. S. 9:

"Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, während der Arbeit
im Stall immer mit den Tieren zu sprechen. Vom Klang seiner
Stimme scheint eine beruhigende Wirkung auf die Tiere
auszugehen. Ihre Unruhe scheint durch den monotonen
Singsang der Stimme, durch die Gleichförmigkeit der
Worte zu schwinden. Der ruhige, einförmige Klang löst
ihre Spannung. Er kennt diese Arbeit schon sein ganzes
Leben. Sie macht ihm Freude."

0.31 schriftlich <=> mündlich: PARTIKELN

Der Gegensatz gilt natürlich in vielerlei Hinsicht. Hier interessiert, dass längst nicht alles, was gesprochen wird, auch geschrieben würde. Die nur gesprochenen Elemente erfüllen in Dialogen meist eine hilfreiche Steuerungsfunktion, die dann bei schriftlicher Übermittlung meist nicht gebraucht bzw. durch optische ersetzt wird.

Wer will, kann sich einen Dialog ausdenken zwischen
einem Norddeutschen, einem Schwaben und einem Schweizer.
Entsprechend dicht werden die drei unterschiedliche
Partikeln oder kurze Floskeln  einwerfen,
  etwa "nu!" "nich wahr?" beim Norddeutschen,
       "hä?", "hano" beim Schwaben
       "oddr?" beim Schweizer

Aber die Unterschiedlichkeit bei derartigen konversationellen Steuerungselementen dürfte noch wesentlich umfangreicher sein.

0.32 Lautschrift

... ist sozusagen 'Schrift hoch zwei': Schriften - wie der optische Kanal vermittelt - gibt es sehr viele, interessante, aber auch das eigene Fassungsvermögen bald überschreitende: Damit ist die 'erste Schriftebene' gemeint.

Dahinter, als zweiten Zugang, hat man die Lautschrift entwickelt - Näheres via [1]. Mit ihr ist es möglich abzubilden, wie Schriftbilder in sehr unterschiedlichen Sprachen auf akustischem Kanal wiederzugeben sind. Die Konventionen, die hierbei gelten, müssen natürlich auch erst gelernt werden. Ab da, kann über viele Sprachen hinweg die akustische Realisierung einer Schriftzeichenfolge vermittelt werden.

Wer z.B. die arabischen Schriftzeichen nicht kennt, kann dann wenigstens über die Lautschrift - vielfach mit Elementen der lateinischen Schrift + Zusatzsymbole - erahnen, wie das Lautbild wohl gemeint ist.

Diesen Weg beschritten auch die Verleger von P. Handke,
Versuch über den Pilznarren. Berlin 2013. 2. Aufl. S. 184,
indem sie den arabischen Teil der Zusammensetzung
"verfemt-haram" so wiedergaben, dass unter dem ersten a
ein Unterpunkt steht.
Mit Verlaub: ein solches a ist in der Lautschrift nicht
vorgesehen. 
Der Unterpunkt ist verrutscht und gehört unter das
h! (Gemerkt hat das niemand auf Verlagsseite, aber die
falsche Wiedergabe sieht weiterhin interessant-exotisch aus ...) 
Akustisches Ergebnis: das h ist ein kräftig-gutturales ch,
über dem 2. "a" kommt ein Querstrich zu stehen - Anzeige für
Länge des Vokals.

0.33 Schrift - Stimme

Rafik Schami, Erzähler der Nacht. Weinheim Basel 1989. S. 33:

"Hörst du diese Worte?" schwärmte der Friseur auf der Straße,
denn auch aus den Geschäften und Fenstern der Häuser tönte die
Stimme des Staatspräsidenten. "Was sind Bücher im Vergleich da-
zu! Was ist die schönste Schrift gegenüber diesem göttlichen
Klang der Stimme? Nur der magere Schatten der Worte auf Papier",
sprach Musa, der Friseur.
   "Übertreibe nicht, mein Freund," erwiderte Faris und winkte
mit der Hand. "Die Schrift ist nicht der Schatten der Stimme, 
sondern die Spur ihrer Schritte. Wir können heute die Stimme der
alten Ägypter und Griechen nur durch die Schrift so lebendig hö-
ren, als hätten sie gerade zu uns gesprochen. Ja, mein Lieber,
nur die Schrift kann eine Stimme durch die Zeit gehen und sie
ewig wie die Götter leben lassen."
   "Nasser hat aber einen verdammt guten Kehlkopf. Wenn ich ihn
höre, bekomme ich eine Gänsehaut und Tränen", schwärmte Musa
trotzig.
   "Ja, das stimmt", erwiderte Faris, "und das ist das Problem." 

0.34 Veränderte Tonlage je nach Partnereinschätzung

Also auch der Stimmklang sagt einiges aus: Vgl. [2]


0.4 Legasthenie

Sorry, folgenden Beitrag kann man fast nur mit Ironie weitergeben. Schreibtechnisch hat die Wissenschaft umstürzende Erkenntnisse gewonnen:

SPIEGEL ONLINE 05. Juni 2012
Legasthenie
Abstand zwischen Buchstaben verbessert Lesefähigkeit
Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche kann mit
einem einfachen Trick geholfen werden, sagen Forscher:
Ein größerer Abstand  zwischen den Buchstaben
verhindert, dass die Schüler von benachbarten Lettern
abgelenkt werden. Das Lesetempo steigt erheblich.
Eine simple Maßnahme erleichtert Kindern mit einer
Lese-Rechtschreib-Schwäche das Lesen: Buchstaben, die
weiter auseinander stehen als im Normalfall.
Ein internationales Forscherteam hat in Tests mit
italienischen und französischen Kindern festgestellt,
dass die einfache Anpassung in der Textformatierung
bereits reichte, damit Kinder mit einer Legasthenie
schneller und fehlerfreier lesen als zuvor.
Offenbar verhindert der besonders große Buchstaben-
abstand, dass die Legastheniker durch die benachbarten
Lettern abgelenkt und in ihrer Worterkennung gestört
werden. Diese einfache Anpassung könne daher
entscheidend dazu beitragen, den Kindern beim Lesen
zu helfen, berichten die Wissenschaftler im
Fachmagazin "Proceedings of the National Academy
of Sciences".
"Unsere Ergebnisse eröffnen einen praktischen Weg,
um die Lesefähigkeit von Legasthenikern zu
verbessern", schreiben Marco Zorzi von der
Universität von Padua und seine Kollegen. Das sei
wichtig, denn der Schlüssel, um diesen Kindern
langfristig zu helfen, liege auch darin, sie so
viel wie möglich zum Lesenüben zu animieren.
...


0.5 Politisch: Keine Diskriminierung Gehörloser

Laut Spiegel-Online (19.6.2012) ist Julia Probst - von Geburt an gehörlos - eine erfolgreiche Twitterin, u.a. bei Fußballspielen: sie kann ablesen, was Trainer und Spieler sich während eines Spiels zurufen. Das stellt sie dann ins Netz. Aber sie ist darüber hinaus erfolgreich:

Ihr Engagement hat schon einiges gebracht: Der
Videopodcast der Bundeskanzlerin zum Beispiel
hat mittlerweile Untertitel, und auch die
Neujahrsansprache zeigte Phoenix erstmals mit
Gebärdensprachdolmetscher. Und in der ARD-Mediathek
zum Beispiel ist der Tatort jetzt auch mit
Untertiteln abrufbar.
Aber Probst will viel mehr: Alle Sendungen im
Fernsehen sollten untertitelt sein, Nachrichten-
und Kindersendungen von Gebärdensprachdolmetschern
begleitet werden. Außerdem wünscht sie sich
Laufbänder in allen Zügen, in denen es bisher nur 
Durchsagen gibt, und die selbstverständliche
Möglichkeit, in ganz Deutschland auch per SMS
einen Notruf absetzen zu können - und nicht nur
mit einem Anruf.
Ihr Fußball-Ableseservice macht seit 2009 indirekt
auf diese Probleme Gehörloser aufmerksam - indem
Probst den Hörenden hilft, wo sie nicht
weiterkommen. Einem größeren Publikum wurde sie
während der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren 
bekannt. Da transkribierte sie, wie Bastian
Schweinsteiger die Jungs vor dem Spiel
einschwor: "Von nichts kommt nichts" oder Jogi
Löws Gemecker im Spiel gegen Serbien: "Scheiße,
das gibt es doch nicht", soll er da geschrien
haben,  und: "Ey, für alles gibt es Gelb!"

0.6 Hören - Schreiben

aus Wolf Schneider, NZZ Folio 2/12:

Wir haben eine Lautschrift aus optischen Symbolen,
die das innere Ohr in Töne übersetzt - unter
elektrischen Spannungen, die ebenso in der fürs Hören 
zuständigen Hirnregion nachweisbar sind und sogar
in der zur Untätigkeit verdammten Zunge. Wer das
Lesen und Schreiben erlernt, spricht 
selbstverständlich halblaut vor sich hin. ...
Folglich ist jeder Schreiber gut beraten, wenn er
prüft, ob sein Text sich hören lässt - falls er
denn den Wunsch hegt, gelesen, verstanden, vielleicht 
sogar gemocht zu werden: Laut lesen muss er ihn! ... 
Es gibt vieles an Wortwahl und Satzbau, was sich
durch lautes Lesen widerlegt: 
Hölzerne Rhythmen nerven die Ohren, fahrlässige
Wiederholungen entlarven sich, pompöse Wortgebilde
machen sich lächerlich, die "Energieeffizienz-
potentiale" sollte der Schreiber vielleicht noch
einmal überdenken.
Franz Kafka, Grossmeister fantastischer Aussagen
in überraschend schlichtem Deutsch, las sie
selbstverständlich laut, bevor er sie zum Druck
freigab. Da erkannte er zum Beispiel, dass ein
Satz sich am andern rieb 'wie die Zunge an 
einem hohlen oder falschen Zahn'; die Vorles-
barkeit ernannte er zum Massstab aller Prosa.  ...
Auch wie lang ein Satz sein darf, teilt sich
bei lautem Lesen mit: Höchstens so lang , wie
der Atem reicht, wie also der Vorleser ihn ohne
Mühe bewältigen könnte. ... Und natürlich dies:
Ein Satz darf nicht überfrachtet sein mit 
Einschüben und Abschweifungen.
...
Testen wir's an einer Passage aus einem Kletter-
führer fürs Berner Oberland, Gebrauchsanweisung
also für keuchende Alpinisten um 5 Uhr früh:
"Nach Überschreitung des zuweilen schwierigen
Bergschrundes quert man nach links auf eine hier
ansetzende und in nordwestlicher Richtung schräg
nach links emporführende Rampe, meist mit etwas
Schnee belegt" 
(10 Wörter also, die man sich merken soll, bis
endlich die Rampe kommt, auf die sie sich
beziehen - und dann noch 23 Wörter bis dahin,
wo sie endet), 
"die am SW-Grat in etwa 3800m Höhe auf einem
schulterartige Gratabsatz und gerade oberhalb
eines hohen und sehr markanten Gratsteilauf-
schwunges endet."
    51 Wörter bis zum rettenden Punkt! ...
Hätte der Autor sein Kunstwerk deklamiert -
er hätte geröchelt wie seine Kletterführer-
leser.  

0.61 Richtig gehört, falsch verstanden

Für Kinder ist das Erzählen von Witzen ein Training, sich Grundkategorien, Denkmuster, die auch hier in der Alternativ-Grammatik wichtig sind, einzuprägen.

"Sagt Paulchen zu seinem Freund: 'Wir bekommen
Kabelfernsehen!' Fragt der Freund: 'Wie kommst
du denn darauf?' 'Na, ich habe gestern heimlich an
der Schlafzimmertür von meinen Eltern gehorcht und
habe gehört, wie meine Mutter zu meinem Vater
gesagt hat: 'Wenn wir zwei satt bekommen, bekommen
wir auch drei satt!' "
 (Linda Schneider, 10 Jahre, in: 100 witzigste Witze. Tübingen 2008)

Es ist spannend, was Kinder mit dem Geschichtchen geistig trainieren können:

  1. Schrift und Aussprache sind zweierlei - aktuelles Modul;
  2. Ausdrucksebene ist eines, dazugehörige Semantik etwas völlig anderes - daher bei uns eine ganz eigene Methodenebene [3];
  3. Wissenshintergründe und Interessenlagen sind vor der Pubertät andere als danach [4].

0.62 Schreiben will gelernt sein

Schreiben unter Benutzung des Hörens, ohne deswegen von einer Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen beiden Medien auszugehen. Interessant der geschichtliche Überblick in: [5]

0.63 Zur Debatte: Schreibschrift - Druckschrift

Kurze Impulse aus dem Artikel "Handschrift im Eigenbau" von S. Clauss: SWP 12.9.2015

"Aus den als erstes erlernten Buchstaben sollen sie (die Schüler)
sich eine verbundene Schrift in Eigenregie zusammenbasteln. Als
Anregung dienen ihnen kleine Häkchen an den Lettern
a, d, h, i, k, l, m, n, p, t, u. Das war's, elf kleine Häkchen
unterscheiden die Grundschrift von der Druckschrift ...
Das von der deutschen Kultusministerkonferenz vorgegebene
allgemeine Lernziel lautet zwar nach wie vor: Schüler
sollen in der vierten Klasse "eine gut lesbare Handschrift
flüssig schreiben". Die meisten Bundesländer überlassen es
den Grundschulen jedoch, zu entscheiden, wie sie das tun -
also welche Art von Schreibschrift sie den Kindern
zusätzlich zur vorgeschriebenen Druckschrift
vermitteln wollen ...
Der Grundschulverband ist für die Grundschrift, der
Philologenverband dagegen, und die Lehrergewerkschaft GEW
erscheint in der Frage tief gespalten ...
In Eigeninitiative hat die beharrliche Pädagogin (Maria
Schulze Brüning) 1000 Schriftproben von Schülern der 5.
und 6. Klasse untersucht und kam zu dem erschütternden
Ergebnis: jeder sechste dieser Schüler hat eine unlesbare
oder kaum entzifferbare Handschrift. Damit fehlt aber das
wichtigste Handwerkszeug zum Erstellen von Mitschriften,
Klassenarbeiten und Klausuren, was zu erheblichen Beein-
trächtigungen bis in die Studienzeit führen kann. Schreiben
mit der Hand ist aber nicht nur schulische Realität.
Schreiben heißt auch Lernen, Behalten, Erinnern ...
Die Kunstlehrerin befürwortet ausdrücklich das Beherrschen
der Tastatur. 'Dennoch ist die Tastatur nicht das
geeignete Medium des Schriftspracherwerbs. Es spricht
nicht alle Sinne an, vor allem nicht das motorische,
prozedurale Gedächtnis.' Schließlich formt der Schüler
auf einer Tastatur kein Zeichen selbst, sondern zeigt
auf Buchstaben, Er 'begreift' die Buchstaben, Silben,
Wörter im wahrsten Sinne des Wortes nicht.
    Wozu braucht der Mensch eine gut lesbare Hand-
schrift? Für das ausdrucksfähige Bewerbungsschreiben,
für die Unterschrift auf jeder Urkunde bis hin zum
Testament. Für schnelle Notizen unterwegs. Um die
Briefe der Großeltern noch lesen zu können. Nicht
zuletzt: um selber Briefe schreiben zu können.
Handgeschriebene Briefe sind Zeugnisse menschlichen
Lebens, sind Ausdruck von Liebe, Freude, Scham, Angst
und Wut. Eine eigene Handschrift ist Ausdruck von
Persönlichkeit und Autonomie in unserer vernetzten
Welt. Es gibt sie nicht als Download.
    Worin bestand in George Orwells berühmtem Roman
'1984' der erste Akt der Rebellion gegen Big Brother?
Winston Smith suchte sich in seiner Wohnung einen
Platz außer Reichweite des Überwachungsmonitors und
holte einen alten Füllfederhalter aus dem Versteck.
Damit begann er, den totalitären Schrecken in ein
Tagebuch zu schreiben."

Aus dem Artikel "Das kannst du besser!" von U. Gallbronner in der selben Ausgabe:

"Seine Handschrift, die er selbst als 'Sauklaue'
bezeichnet, hat dem 16-Jährigen aber zunehmend
Probleme in der Schule bereitet. Das größte: Er
war zu langsam, konnte manches zu Hause nicht mehr
lesen. Henri begann schließlich mit Druckschrift-Varian-
ten zu experimentieren. 'Das ging zwar schneller, aber
ich hatte immer Lücken zwischen den Buchstaben. Die hat
mir meine Lehrerin in der sechsten Klasse mal alle als
Rechtschreibfehler angestrichen. Da hab' ich mir
gedacht: Es muss sich was ändern."

0.64 Didaktik: "Schreiben nach dem Hören"?

Unter diesem Slogan sollte Grundschülern das Erlernen der Orthografie erleichtert werden. - Der aktuelle Unterpunkt äußert sich nicht auf didaktischer Ebene, aber - eine Stufe zuvor - auf sprachtheoretischer.

Demnach stellt das Sprechen in einer Sprachgemeinschaft ein über viele Generationen, viele Konventionen einschließend, gewachsenes Medium auf Ausdrucksseite dar. Mit herleitbarer Logik hat dies in der Regel nichts zu tun - in diese Art zu sprechen, diesen Kanal, müssen Kinder hineinfinden. Immer besser können sie dann sprechend an Kommunikationen teilnehmen.

Die gleiche Auskunft bezüglich des Schreibens: die grafische Artikulierung von Sprache stellt einen zweiten Kanal dar, mit eigenen Gesetzen, Konventionen - über Jahrhunderte gewachsen -, die man lernen muss, aber nicht logisch zwingend ableiten kann.

Entscheidend: Zwischen beiden Repräsentationsformen von Sprache = Kanälen besteht kein zwingender, verlässlich-regelhafter Übergang. Indem man gut artikuliert, ist nicht garantiert, dass man korrekt schreibt. An dieser Voraussetzung muss das Konzept "Schreiben nach dem Hören" scheitern - es erzeugt nur weitere Konfusionen, die nachträglich mühsam erst wieder behoben werden müssen.

0.7 Alphabet-Schriften

0.71 "Karolingische Minuskel"

Schadet nichts, diesen geschichtlichen Hintergrund schon in der Schule kennenzulernen. Karl der Große (um 800 n.Chr.) versuchte nicht nur selbst schreiben zu lernen. Sondern er sorgte auch dafür, dass wichtige Dokumente (z.B. Regel des Hl. Benedikt) abgeschrieben und im Reich verteilt würden.

"Die Verbreitung der Schriftkultur wurde schließlich
sichergestellt durch die 'Erfindung' einer neuen Schrift,
der 'karolingischen Minuskel', eine kulturelle Leistung
von größter Bedeutung. Diese Schrift war leichter zu lesen,
leichter zu schreiben, und besaß genau definierte Buchstaben
- vermutlich ist sie im Kloster von Corbie (Picardie) Ende
des 8. Jahrhunderts entstanden. Unsere eigenen Druckbuch-
staben gehen direkt auf die Carolina zurück, denn die
Drucker im 15. Jahrhundert entschieden sich ausdrücklich
für sie als Leitschrift. Die 'Erfindung' der Mönche aus
der Picardie überlebte so bis in unsere Zeit überall dort,
wo man das lateinische Alphabet verwendet."
(S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011. S. 45)


0.72 Interview mit Herta Müller (Auszüge)

Die Literatur-Nobelpreisträgerin - interviewt in SPIEGEL 35/2012 - pflegt eine besondere Art von Schrift: ausgeschnittene und zusammengeklebte Wörter. Warum das?

Müller: Dort, wo ich aufgewachsen bin, in Rumänien, in
der Diktatur, war es nicht möglich, mit Schreibmaschinen
Flugblätter zu machen, die waren polizeilich
registriert. Man hat Vorhandenes genommen und 
zusammengeklebt. ... Für mich ist es eine Art zu schreiben,
sonst gar nichts. ...
SPIEGEL: Können wir von einer Wortsucht sprechen?
Müller: Ja, es ist unglaublich. Ich kann gar nicht
mehr anders, als beim Lesen Wörter zu suchen. Aus dem
SPIEGEL schneide ich auch aus, es ist gutes Papier.  ...
SPIEGEL: Möchten Sie die Wörter retten?
Müller: Es hat sicher mit meinem Hintergrund zu tun.
In Rumänien waren die Sachen grau, die Druckerschwärze
war hässlich, sie hat scharf gerochen, und wenn
man etwas las, hatte man schwarze Finger. Auch das
Vokabular in diesen Zeitungen war total uninteressant.
Das Graue und Stumpfe hat man auch im Gemüt gehabt. Als
ich 1987 nach Deutschland kam, war plötzlich alles so
bunt. Diese vielen Farben!
Mir haben die Augen weh getan. Und ich habe mir bei
den Zeitschriften gedacht: Mein Gott, was für schönes
Papier. Und die Schriften, die Bilder! Und alles wird
weggeschmissen. Also wollte ich etwas damit machen. ...
     Das Kleben der Wörter ist so sinnlich, die Wörter
können und dürfen alles. Ich nehme immer nur ganz
gewöhnliche, und wenn ich sie zusammenstelle, dann
entsteht etwas, was neu ist, es fängt an zu glitzern.
Es ist nicht wie bei einer Prosa, die einem drei,
vier Jahre im Nacken sitzt und der ich mich ganz zur
Verfügung stellen muss. Die Collagen sind kurz, müssen
auf eine Karteikarte passen, und ich weiß, in einer
Woche bin ich mit einer fertig. Weil die Wörter schon
vorhanden sind, denke ich manchmal, dass ich es gar
nicht bin, die schreibt. Das sind sie selbst. Und der
Reim katapultiert sie dahin, wo sie sonst nicht
hinkämen. Er ist wie ein kleiner Motor. Er schiebt
das Ganze an. ...
SPIEGEL: Der Humor entsteht über die Zusammen-
stellungen von Wörtern: Silbersack, Wolkenglatze.
Sie nutzen dabei die Neigung des Deutschen zu
Komposita.
Müller: Das ist im Deutschen das Schönste, die
zusammengesetzten Wörter. In den romanischen Sprachen
gibt es ja häufig die Präposition: Das Bügeleisen ist
schon mal ein Eisen zum Bügeln. Da kann man in dieser
Hinsicht viel weniger machen. ...
SPIEGEL: Ihnen ist die Schönheit der Worte und
der Kleider wichtig?
Müller: Immer schon. Auch weil ich in Rumänien
sonst nur Angst und Dreck hatte. Wenn ich zu Verhören
ging, war ich tipptopp geschminkt. Als ich das mal
nicht konnte, wusste ich, es geht mir ganz schlecht.
Als ich in den achtziger Jahren nach Deutschland kam,
haben die Feministinnen noch gesagt, man solle
sich nicht schminken. Ich habe mich mit denen
gefetzt: Ihr habt keine Ahnung, weshalb man sich
schminkt. Das hat mit Selbstbehauptung zu tun, auch
mit Angst. Ihr habt nichts erlebt, ihr wisst gar
nicht, wovon ihr sprecht.
SPIEGEL: Gibt es Wörter, die schön aussehen und
nicht gut klingen?
Müller: Nein. Schreiben ist auch hören. Ich
lese alles, was ich schreibe, laut, und wenn es
nicht gut klingt, dann stimmt etwas nicht. Die
geschriebene Sprache sollte immer eine mündliche
sein. Auch das, was man still liest, klingt im Kopf.

0.73 Blindenschrift - Braille

Informativ der Artikel dazu: [6] Es geht auch ohne die gewohnte Form unserer Buchstaben: die unterschiedliche Anordnung von 6 Punkten leistet das gleiche.

0.8 Mark Twain - Rhythmus in der Sprache

Twain hämmert einem das, was in diesem Modul wichtig ist und behandelt wird, förmlich ein: Vgl. [7]

Vgl. [8] - Vgl. [9] - Vgl. [10]

0.9 Keine Fixierung auf die 'offiziellen' Sprachen!

"Ausdruck", der verstanden werden kann, kann sehr vieles sein.

Schon ein Mini-Wink kann sehr vieles besagen: [11]

Vielfältiges kann "Ausdruck" zum Zwecke der Kommunikation sein: [12]

0.91 Beobachtungen zur Sprechtechnik

Man kann hier im Sinn von lockeren Beobachtungen Beispiele nennen/addieren, die zeigen, worauf man bei der gesprochenen Sprache achten kann. Die seriöse Vertiefung kann dann Fachleuten vorbehalten bleiben.

A) Kursorisch verschiedene Sprachen überblickend gewinnt
man den Eindruck, dass die Konsonantenfolge:
G - B - R beliebt ist. Die dazwischengeschalteten
Vokale sind dann zwar verschieden, die Schreibweisen
ohnehin. Aber die Dreierabfolge der Konsonanten ist
konstant. Woran könnte dies - zunächst theoretisch
gefragt - liegen. Vielleicht daran:   /G/ wird hinten
im Gaumen gesprochen.
Zunächst interessiert die Form, dass der
           geschlossene Gaumen schnell geöffnet wird.
           Dadurch entsteht ein kleines explosions-
           artiges Geräusch, eben das /G/. - (Wird
           an der selben Stelle im Mund-/Rachen-
           raum statt des Verschlusses ein Fließen
           des Luftstroms zugelassen, entsteht ein
           Zäpfchen-R - im Moment übergehen wir es.)
       /B/ Wird ganz vorne gebildet: Die beiden
           Lippen sind geschlossen, der von innen
           kommende Luftstrom erzeugt einen Druck,
           die Lippen werden geöffnet - dadurch
           wieder ein kleines explosionsartiges
           Geräusch. (Klemmt man die Lippen etwas
           stärker zusammen und wartet mit
           der Öffnung etwas länger, entsteht das /P/). 
       Zwischenfazit: Bei den ersten beiden
       Konsonanten sind zwei völlig verschiedene
       Regionen im Mund-/Rachenraum beteiligt. Daher
       lassen sie sich in der Abfolge leicht
       aussprechen. Es gibt keine Kollision und
       Verhaspelung.
       /R/ Dafür nehmen wir mal den einfacheren Fall
           an, dass ein Zungen-R gesprochen wird. Die
           Zungenspitze wird an den oberen Gaumen
           gelegt, Mund leicht geöffnet, der
           austretende Luftstrom lässt die Zungenspitze
           flattern. - Also wieder ein ganz anderer
           Artikulationsort, sowie eine neue Form der
           Tonerzeugung.
       Fazit: Die Abfolge der drei Konsonanten ist für den
       Sprecher übersichtlich, es kommt - auch wenn das
       alles unbewusst abläuft - im Mundraum zu keinen
       Kollisionen. Das erklärt die Beliebtheit der Kon-
       sonantenfolge in unterschiedlichsten Sprachen. 
       Beispiele: (in Umschrift zur besseren Vergleichbarkeit)
       Deutsch:   GeBeR
       Russisch:  GoBoRio ('ich spreche')
       Hebräisch: GäBäR   ('Mann') 
       ...
       Auch der Name "GiBR[altar]" gehört hierher, und
       zwar in der jetzigen Form des Namens.
       Geschichtlich stecken darin zwei weitere Beobachtungen:
       - Was jetzt nach /GBR/ aussieht, war im Arabischen mal
         /GBL/, kam nämlich von dschebel (= "Hügel, Berg").
         Die Nähe, Auswechselbarkeit von /R/ und /L/ leuchtet
         ein: das /L/  hat die gleiche Sprechstelle im Mund
         (Zungenspitze am oberen Gaumen), nur lässt man das
         Flattern weg.
       - Das jetzige /G/ war mal ein anderer Laut - oben mit 
         /dsch/ wiedergegeben. Da fand tatsächlich eine
         deutliche Veränderung der Sprechstelle im Mund statt. 

0.92 Spracherwerb im Säuglingsalter (einsprachig oder zweisprachig)

SPIEGEL-online (15.2.2013) berichtet von einem Forschungsprojekt, das bei Kleinkindern untersucht, wie sie - v.a. wenn sie zweisprachig aufwachsen - Sprache(n) erlernen. Fazit: Intuitiv wird sehr früh ein Bild der Ausdrucksseite der einzelnen Sprache gelernt, ein Gesamtbild, das sich auf vielen Einzelfaktoren aufbaut. Wechselt beim Hören dieses Gesamtbild (mit seinen Einzelelementen), so weiß der Säugling, dass jetzt die andere Sprache gilt:

Während sich Erwachsene oft mit wochenlangen Volkshoch-
schulkursen abmühen, lernen Kleinkinder Sprachen häufig,
als würden sie diese in sich hineinsaugen. Scheinbar
mühelos meistern sie parallel zwei Sprachen mit völlig
unterschiedlichem Aufbau. Wie Babys diese faszinierende
Leistung vollbringen, beschäftigt Sprachforscher seit
langem. Nun rücken sie der Antwort einen Schritt näher.
Im Gegensatz zu einsprachigen Kindern achten mehrspra-
chige Babys nicht nur auf bestimmte Signalwörter, wenn
sie sich eine Sprache erschließen, sondern orientieren
sich auch an Sprachtempo und -melodie, sogenannten pros-
odischen Merkmalen. Das berichten Judit Gervain von der
Université Paris Descartes und ihre kanadische Kollegin
Janet Werker von der University of British Columbia 
im Fachjournal "Nature Communications" ...
Wie aber soll ein Baby den Durchblick behalten, das mit
zwei Sprachen aufwächst, die wie etwa Englisch und
Japanisch völlig verschiedene Satzstrukturen haben?
Forscher haben jetzt auch darauf eine Antwort gefunden:
Die bilingualen Kinder orientieren sich an anderen Hin-
weisen als die einsprachig erzogenen. Statt auf die
Funktoren achten sie auf Melodie, Intonation, Rhythmus 
und Tempo der jeweiligen Sprache, berichten Gervain und
Werker. Sie testeten Babys im Alter von sieben Monaten
auf deren Fähigkeiten zur Spracherkennung...
"Daraus schließen wir, dass zweisprachige Kleinkinder
schon sehr früh auf Signale wie Intonation und Sprach-
tempo achten, um die Strukturen ihrer gegensätzlichen
Sprachen auseinanderhalten zu können", erklärt Werker.
Damit seien bilinguale Kinder von Anfang an empfäng-
licher für sprachliche Feinheiten, die einsprachigen
Kindern verborgen bleiben. "Einsprachige Kinder sind
nicht auf solche Hinweise angewiesen und verinnerlichen
diese daher auch nicht, was sich auch in ihrer
späteren Wahrnehmung von Sprache bemerkbar machen kann",
sagt Werker. Die Ergebnisse ihrer Studie würden den
weitverbreiteten Irrtum ausräumen, dass zweisprachige
Kleinkinder gegenüber einsprachigen in ihrer Sprachent-
wicklung benachteiligt sind, so die Forscherin.

0.93 Kindergarten: Projekt "Singen - Bewegen - Sprechen" (SBS)

Einige Erfahrungsberichte zu diesem Projekt (1 Stunde pro Woche) führen an:

  1. Vorschulkindern kann/soll man durchaus einiges abfordern, was deutliche Aussprache betrifft. Kinder also nicht in Watte packen und jegliches Nuscheln tolerieren. War ein "sch" oder "rr" nicht zu hören, dann ermunternd nachhaken. Kinder machen dabei oft begeistert mit, weil sie die korrekte Aussprache oft durchaus schon beherrschen. Das deutliche Sprechen muss natürlich nicht nur beim Sprechen selber, sondern auch beim Singen vorgemacht werden. Gut ist, wenn die Aussprache zusammen mit Theatralik geübt werden kann, z.B. bei der "Wetterhexe" - bei einem solchen Wort kann man sich auch emotional 'richtig ins Zeug legen'.
  2. In der Ausbildung der ErzieherInnen sollte überprüft werden: Wird die Aussprache beim Sprechen und Singen deutlich genug behandelt? Es ist nicht plausibel, dass Lehrkräfte von Musikschulen eingesetzt werden, um u.a. mit Zungenbrechern das Sprechen zu üben. Derartiges sollte in der Ausbildung von ErzieherInnen von vornherein Standard sein. - Die Benutzung der "Sprechwerkzeuge" ist auch eine Art von 'Motorik', die man erlernen/verbessern/üben sollte. Sie ist mindestens so wichtig wie im Fall von Fingerspielen u.ä.

0.94 Schlechte Artikulation - Karikatur

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine
Lehrrede. Übersetzt von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907.
Stuttgart 2010.  [Die Torheit spricht:]
(77)[Über Mönche] Alle Welt verwünscht sie und sucht
sogar einer zufälligen Begegnung auszuweichen. Trotzdem
erheben sie sich selbst in den Himmel. Zunächst halten
sie es für den Inbegriff frommen Wandels, die Bildung bis
zur Unkenntnis des Lesens zu vernachlässigen. Wenn sie
dann ihre Psalmen, genau abgezählt, aber ohne Verständnis,
mit eselhaftem Stimmaufwand in der Kirche herunterleiern,
meinen sie das Ohr der Gottheit mit reicher Lust zu
umschmeicheln. Manche sind darunter, die Schmutz und
Bettelhaftigkeit großspurig zur Schau stellen ...

0.95 "Lormen" für Taubblinde

Nur wenig ist die Verständigungsform für Taubblinde außerhalb des Kreises der Betroffenen bekannt. Weil blind, können diese Menschen nicht lesen, zumindest nicht mit den Augen; weil taub, können sie Töne nicht in der gängigen Artikulation hören - und dann das an sich funktionierende Sprechorgan entsprechend trainieren. Aber eine Kommunikation via Akustik ist ohnehin verwehrt.

Ende des 19. Jhd. wurde in Mitteleuropa von Hieronymus Lorm ein Alfabet entwickelt, das getastet werden kann: Handinnenfläche und Finger. Vgl. Näheres in: [13] bzw. [14]

0.96 Sprachgebrauch ohne je gehört zu haben

Von Geburt an taub, findet einer dennoch in die gesprochene/geschriebene Sprache hinein. Kein Wunder aber, dass 'Reste' blieben: ungewöhnliche Anschlüsse von Wörtern, Sätzen usw. Ein solcher Bericht vor diesem biografischen Hintergrund stellt eine große Leistung dar:

"Über Ostern ist die viertägige Fahrt nach Paris  gut
eingegangen. Das Wetter war abwechselnd zu der Sonne
und Kälte verändert. Wir haben Paris viel Schönes zu
sehen bekommen und dort viel kennen gelernt. Die nette
Betreuerin Christine hat mich auf der Stadtrundfahrt
gedolmetscht, was der Reiseführer über die Geschichte
und heutige Gegenwart der französische Hauptstadt
Paris gesagt hat. Christine kennt Paris gut und spricht
fließend französisch. Neben der Reisegruppe aus xx , yy
und zz waren wir 7 Personen vom Wohnverbund tt in Be-
gleitung von 2 Betreuerinnen mit dabei. Am letzten Tag
des Ostersonntag haben wir zum Eintritt mit der
Besichtigung im Schloß Versailles nicht geschafft, weil
wir die Wartezeit nicht aushalten konnten und die Zeit
für 3 Stunden einfach verloren geht. Viele tausende
Touristen/innen aus aller Welt sind mit der Busse zum
Schloß Versailles gkommen. Das Programm mußte gleich
verändert geplant. Wir waren im Waldviertel  als grünen 
Lungen zu der Pferderennbahn und auf der Rundfahrt  zum
Triumphbogen und dann nach links zum  Palast Elysee des
französischen Staatspräsidenten am kleinen Tor  und
anschließend zum Ausflugsboot auf der Seine unterwegs.
Wir wohnten im Hotel nahe an der Seine in einem neuen
Stadtteil La Defense, dem als Pariser Manhattan genannt
ist. Wir spazierten 2 mal am Abend durch den Pariser
Manhattan zum Torbogen. Vom  Torbogen haben wir die
schöne Ansicht auf der langen Hauptstraße zu dem weiten
Triumphbogen bewundert. Der Eiffelturm hat einige Male
beleuchte und schöne Scheinwefer vorgezeigt. Auf der
Rückreise auf der Autobahn habe ich die Krönungs-
kathedrale in Reimis  vorbei gesehen. Im Juli 1962 haben
Bundeskanzler Adenauer und Staatspräsident de Gaulle 
hier  den Gottesdienst in der Krönungskathedrale besucht.
Trotzdem sind wir mit der Fahrt nach Paris zufrieden."


1. Einzelsprache: Englisch

1.1 Schrift | Aussprache

Es folgt ein Text in deutscher Übersetzung (Stephen King, LOVE. Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner. Augsburg 2010). Die Effekte, auf die es ankommt, beziehen sich jedoch auf das Englische:

(57f) "Meine Damen und Herren!" beginnt Dashmiel mit
tragender Stimme. "Es ist miah ein großes Vergnügen,
Ihnen Mr. Scott Landon vorzustellen, den Autor von
Relics, das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet
wurde, und The Coster's Daughter, das den National
Book Award erhalten hat. Er ist mit seiner reizenden
Gattin Lisa eigens aus Maine runtergekommen, um den 
ersten Spatenstich - richtig, endlich ist es so weit!
- für unsere Shipman LAH-brie vorzunehmen. Scott Landon,
Leute, lasst mich jetzt ein gutes altes Nashwiel-Will-
kommen für ihn hören!"
    Die Menge applaudiert sofort, con brio. Die reizende
Gattin applaudiert mit, patschte die Handflächen zusammen,
sieht dabei Dashmiel an und denkt: Den NBA hat er für
The Coaster's Daughter bekommen. Coaster, nicht Coster.
Und ich bin sicher, das weißt du ganz genau. Du
hast den Titel absichtlich vermurkst. Warum magst du ihn
nicht, du kleinkarierter Wicht?

(Hervorhebungen im Original). Der Auszug erlaubt mehrere Beobachtungen zum Thema Aussprache - Schrift:

  1. Autor und Übersetzer versuchen, in der schriftlichen Fassung Besonderheiten der Aussprache anzudeuten, einerseits durch deutsche Allophone (mir > miah), andererseits durch englische (LAH-brie). Dashmiel wird allein dadurch schon als "außerhalb der Norm", als merkwürdig charakterisiert. Eine Beachtung der Redeinhalte unterbleibt dabei komplett.
  2. Der Erzähler wiederholt aus der Rede Dashmiels die Sequenz reizende() Gattin (= Beispiel für das folgende Modul). Durch die bloße Wiederholung wird der Redner nachgeäfft. Der Redner bringt also auch den Erzähler gegen sich auf.
  3. Coster <> Coaster: die unausgesprochenen Gedanken der Gattin werden wiedergegeben, darin die Empörung über die falsche Aussprache des Buchtitels. Die inkorrekte Aussprache wird als Indiz für Feindseligkeit gewertet.

Methodisch liegen in allen drei Fällen Befunde der Ausdrucksseite (Ausdrucks-SYNTAX) vor. Der jeweilige Wortsinn spielt keine Rolle (SEMANTIK). Aber die Befunde können gedeutet werden (PRAGMATIK): Sprach- und Situationskontext deuten auf zugrundeliegende, mitschwingende Wertungen.

1.2 Schrift | Aussprache/2

Leserbrief auf SPIEGEL-Online (5.12.2011):

Ich arbeite am Münchner Flughafen im Terminal 2, also dem
der Lufthansa. Eigentlich ist die deutsche Fluglinie ein
sehr seriöses Unternehmen. Aber wie ich feststellte, scheint
da in der Abteilung, die die Flugnummern verteilt, ein
Witzbold zu arbeiten. Diese Ansage wird nur vom Band 
abgespielt, weil wohl jeder Mensch, der ein wenig Humor hat,
lachen müsste: "This is the final boarding call for your
Lufthansa flight LH 2222 to  Toulouse."


2. Einzelsprache: Deutsch

2.1 Vokale/Konsonanten

Aus einem Interview mit Günter Grass (SPIEGEL 19.8.2010):

SPIEGEL: An welche heilsamen Wörter erinnern Sie sich?
Grass: Die ganz wunderbaren sind mit meiner Kindheit
verbunden. Adebar, ein anderes Wort für Storch, ruft einen
Kosmos von Erinnerungen in mir wach. Oder Labsal, das ja
schon beinahe verschollen ist. Dieses doppelte lange a ist
wunderbar. Es begeistert auch die Gebrüder Grimm, die trieben
ja  ohnehin Oralverkehr mit den Vokalen. Labsal wirkt so
tröstlich, als gelange man nach großem Schrecken sicher 
nach Hause  zurück.
Spiegel: Das klingt, als bedeute Ihnen die Sprache
Geborgenheit und Heimat.
Grass: So ist es ganz gewiss. Ich habe meinen Roman
"Die Blechtrommel" in Paris geschrieben und dort auch mit
der Arbeit an "Hundejahre"  begonnen. Aber nach vier
Jahren merkte ich, wie verloren ich mich inmitten der
fremden Sprache fühlte. Ich musste wieder zurück, hinein
ins deutsche Sprachgebiet.  Es erging mir ähnlich wie
vielen Autoren, die im Nationalsozialismus in die USA
emigrierten. Obwohl zu Hause eine grausame Diktatur
herrschte, hielten manche von ihnen es kaum aus. Ihnen
fehlte die Sprache zur Verständigung und zum Verständnis.

Gegenmodell (aus SPIEGELonline,5.7.2011):

Wenn Peer Steinbrück davon erzählt, dann zischt und
schnarrt er, dass die Konsonanten ihre Freude haben. 

Überschrift zu einem Artikel über die Olympiaentscheidung (Winterspiele) mit W-Alliterationen und I-Assonanzen (aus SPIEGELonline,5.7.2011):

 Wie wichtig Frau Witt wirklich ist

2.2 Kanalwechsel

Bisweilen geschehen Unfälle, wenn man das, was man auf dem Kanal "Hören" wahrnimmt, in den Kanal "Schrift" überträgt. Innerhalb der Einzelsprache ist das das Thema der Homonyme. Sind verschiedene Einzelsprachen beteiligt, kann es zusätzlich lustig/kurios werden. Die Wahl der falschen Schreibweise kann das unbewusste Motiv erkennen lassen, sich möglichst vornehm und gebildet zu präsentieren, wie wohl in folgender Anzeige (aus: Hohl-Spiegel 32/2010).

Gut erhaltene Marquise 4,10 m breit, zu verkaufen

Die füllige Madame wird sich gefreut haben ... Sich über die Ausdrucksseite zu profilieren - edler sprechen bzw. schreiben, als man es gewohnt ist - und dabei zwangsläufig manche Fehler zu produzieren, ist in der Philologie bekannt als Hyperurbanismus, d.h. ein Bauer will zeigen, dass er sprachlich einem Städter ebenbürtig ist: jemand hat etwas von geltenden Sprachregeln gehört, wendet sie aber falsch an.

Die Überschrift aus dem Kölner Stadt-Anzeiger (zitiert nach Hohlspiegel) geht eindeutig auf einen Hörfehler + Denk-blackout zurück:

Ladendiebe ertappen Verdächtige

Die Ladendetektive sehen ihre Zunft verunglimpft.

2.21 Alltag <=> Religion

Im Württembergischen kann man die Konfessionen nicht allein daran unterscheiden, wie sie sich zum Papst bzw. zu Luther stellen. Es genügt, darauf zu achten, wie das lange e - geschrieben als ee oder eh - gesprochen wird.

Im katholischen Oberschwaben bleibt der e-Vokal erhalten:
geschriebenes /Lehrer/ wird gesprochen als /Leerer/.
Ebenso: /Seele/ -> /Seele/
Im nördlicheren protestantischen Teil wird der /Lehrer/
zum /Läärer/, die /Seele/ zur /Sääle/.

Über die Gründe sei hier nicht weiter nachgedacht. Aber interessant ist, dass die, die ää sprechen, dann, wenn es nicht um Religiöses geht, sehr wohl ihrem Standarddialekt folgen. Mittels Aussprache wird also zwischen 'Alltag' und 'Religion' hin und her geschaltet. Eine interessante Zweigleisigkeit, abgebildet bis in die Aussprache hinein.

2.3 Sprachfehler

Man kann via Schrift einen Sprachfehler anzeigen. So hat die Interviewerin in: Wolf Haas, Das Wetter vor 15 Jahren. München 2010 3. Aufl. konstant Probleme mit dem Vokal /i/, außerdem spricht sie ständig von /östreich/ statt /österreich/:

Diesen ersten Kuss zu Beginn des Buches beschreiben Sie ja
würklich sehr detailliert.(6)
Also bevor Sie ürgendwas von Anni wussten. (11) 
Literaturbeilage Entscheidend für
Sie war, dass es ein östreichischer  Urlaubsort war?
Wolf Haas Nein, das war mir völlig egal! im
Gegenteil. Diese Österreichthematik hängt mir schon von
Wien bis Bregenz zum Hals heraus. (13)
Es ist würklich schrecklich, das zu lesen (20)
Passagenweise würkt das ja fast wie so eine Sniffdroge.
(24)  u.ö.

2.4 Beobachtungen zur Aussprache

aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.

(79) Aber interessant. Sie hat "Marlboro" nicht auf dem
"a" betont, sondern in der Mitte, sprich: "Marlbooro".
Der Brenner hat ...
(82) Da steht sie vor ihm mit einem Liter Milch, einer
Schachtel Marlbooro und einer Zeitung und erklärt: "Die
Zeitung ischt für mich nur deprimierend."
(98) Da könnte ich dir Fälle noch und nöcher erzählen,
wo Entführungsopfer ...
(103) "Zählen sie nach", hat der Knoll in normaler
Zimmerlautstärke geantwortet, weil wenn jemand das
Erwartete sagt, dann verstehst du ihn leichter, auch
aus einer gewissen Distanz. "Was sagst du?", hat 
der Rentner gefragt, weil der hat den Knoll nicht
einmal aus nächster Nähe verstanden. Möglich, dass
diese Regel mit dem leichteren Verstehen des
Erwarteten nur für "aus der Distanz" gilt, aber nicht 
für "schwerhörig und aus der Nähe".
(130) "Woascheh", hat die Südtirolerin zum Brenner
gesagt, aber das war Südtirolerisch und hat eigentlich
nur "weißt du eh" geheißen.
(132) ... weil er war schon so müde, dass ihm das
Wort "Enzym" wie eine Entzündung vorgekommen ist, die
in seine Ohren kriecht.

aus: G. Grass, Sämtliche Gedichte. Göttingen 2007. S.102. Aus Gedicht "FROST UND GEBISS"

Im Miserere bibbert das R.

Ja, so klingt Miserere, die Folge von /er/ noch wiederholt in bibbert, darin noch ein bibberndes /b/. Insgesamt helle Vokale - so dass ein "frostiger" Klang entsteht.

2.41 Sprechenlernen bei Erwachsenen - Herrndorf, tschick

aus W. Herrndorf, tschick. 2014, Hamburg, 36. Aufl. S. 196f

"Was therapiert man denn so als Sprachtherapeutin?" fragte
Tschick. "Die Sprache?"
"Ich bringe Leuten Sprechen bei."
"Säuglingen oder was?"
"Nein. Auch Kindern. Aber hauptsächlich Erwachsenen."
"Sie bringen Erwachsenen das Sprechen bei? Analphabeten oder
was?" Tschick verzog das Gesicht und konzentrierte sich jetzt
ganz auf die Frau. Ich glaube, er wollte sich hauptsächlich
von den Schmerzen im Fuß ablenken, aber irgendwie schien ihn
das Thema auch zu fesseln. 
   Während die beiden vorne sich unterhielten, schaute ich
die ganze Zeit hinten raus und kriegte möglicherweise nicht
alles mit von ihrem Gespräch. Aber wie gesagt,
ich stand vielleicht auch unter Schock. Aber was ich
mitkriegte, war Folgendes:
"Stimmbildung", sagte die Frau. "Sänger und Leute, die viel
vortragen oder die nuscheln. Die meisten Leute sprechen
nicht richtig. Du sprichst auch nicht richtig."
"Aber verstehen können Sie mich schon?"
"Es geht um Stimme. Dass die Stimme tragfähig ist. Deine
Stimme kommt von hier",
sagte sie und zeigte irgendwo auf ihren Hals. Sie war,
seit sie sich mit Tschick unterhielt, vom Gas gegangen,
wahrscheinlich ohne es zu merken. Wir fuhren nur noch
180. Ich tippt Tschick auf die Schultern, aber er war
völlig in seine Unterhaltung vertieft.
"Ich spreche mit dem Mund, wenn Sie das meinen."
"Normal sprechen ist etwas anderes als eine tragfähige
Stimme. Eine gute, tragfähige Stimme kommt von hier,
aus dem Zentrum. Bei dir kommt sie von hier. Sie muss
aber von hier kommen." Beim letzten "hier" schlug sie
sich zweimal unter die Brust, sodass es wie "hiejaja"
klang.
"Von hiejaja?", sagte Tschick und haute sich
ebenfalls unter die Brust.
"Du musst dir das vorstellen wie Sport. Der ganze
Körper ist beteiligt. Das Zwerchfell, die
Bauchmuskulatur, das Becken, das muss alles mit.
Zwei Drittel kommt aus dem Zwerchfell, nur ein
Drittel aus der Lunge."
   160 Stundenkilometer. Wenn das so weiterging,
kriegten sie das Auto mit der Sprachtherapie noch
zum Stillstand." 

2.42 St-il oder Sch-til ?

aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl.

(95f) "Angefangen hat mein Problem vor vielen Jahren,
als ich neu beim Rundfunk war. Da las ich im Studio
einen selbst verfassten Text, den eine Kollegin von
der Technik auf Band aufnahm. Bis sie mich unterbrach
und sagte: 'Sie haben eben von einem <Stilbruch> ge-
sprochen, Sie wollten sicher <S-tilbruch> sagen.
Sollen wir das nochmals machen?'
   Ich war wohl recht verdaddert. Aber dann habe ich
mich schnell gefangen und den Satz wiederholt, dies-
mal mit 'Stilbruch', wie es im Radio üblich ist. Und
warum ist es üblich? Nur die Axt, sagen die Leute vom
Radio, habe einen Schtil, wohl auch die Gabel oder die
Pflaume, während man Fremdwörter mit feinem S-t aus-
spricht. Die Leute vom Radio gelten als Menschen, die
es wissen müssen.
   Gut, ich nahm mir damals vor, zwischen einem deut-
schen und einem Fremdwort zu unterscheiden. 'Im S-tadion
war es schtill', pflegte ich nun zu sprechen, oder 'der
S-tudent saß in der Schtube'. Nein, nach vielen Mühen
sagte ich mir, so kann die Regel auch nicht lauten. Und
tatsächlich, die Aussprachewörterbücher - ja, so etwas
gibt es, und sie werden von Radiosprechern gewissenhaft
zu Rate gezogen - erlauben meist beide Sprechweisen. Ob
bei S-tereo oder der S-tola, beim Film-Schtar  und beim
Stress ... Wenn das Wort jedoch bei uns gar nicht hei-
misch ist, sprechen wir es besser mit S-t aus, etwa die
Streptokokken oder das Stakkato. 
   Und wie ist es nun mit S-til und Schtil? Die Sache
ist umstritten. Unter professionellen Radiosprechern
gilt das eiserne Gesetz, man habe 'Sprach-s-til' zu
zeigen. Andere hochgebildete Leute von Rundfunkanstalten
sprechen hingegen von Schtilfragen. Und die Aussprache-
wörterbücher verzeichnen ganz in deren Sinne als erste
empfohlene Aussprache 'Schtil' ...
  (97) Die Regel lautet, da sind sich alle einig:
Deutsche Wörter und Lehnwörter werden am Anfang 'Scht...'
ausgesprochen. Sonderbarerweise nur am Anfang. Ein 'st'
im Wort selbst wird 's-t' ausgesprochen. Deshalb sagen
wir, um es mal an zwei Oststädten zu verdeutlichen,
'Schtralsund' aber 'Ros-tock'. Ebenso 'Schtrophe', aber
'Katas-trophe'. Oder eben 'Schtil...'"  
  

2.43 Harter Wortschluss

aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl.

(108) "Außerdem hat auch die Norddeutschen längst die
neue Härte am Wortschluss erfasst. Unser armes, weiches
ch! Es schwindet selbst in der Tiefebene! Die erregte
Mutter ruft, wenn die Hausaufgaben schon wieder ausfal-
len sollen: 'Die sind wichtikkKk!' Und der Vater erläu-
tert seinem Sohn: Da gehts lankkk!' Warum nur? Ich er-
kläre mir das so: Der harte Ausklang erhöht die Autori-
tät des Sprechenden. Sie mach was her. Leider. Gleich 
wird unsereinem ganz bankkk zumute. ...
   Unsere Freunde aus Westfalen lieben die harten Endun-
gen sogar so sehr, dass sie auch da, wo es eigentlich
keine Chance gab, noch eine Schärfe erfinden, nur um
mit Knall aufzuhören. Ebent!"

2.5 Musik

a b c d e f g - so werden in der Welt die Grundtöne nach dem Beginn des Alphabets benannt.

a h c d e f g - so werden speziell in Deutschland die Grundtöne benannt.

Also gibt es unterschiedliche Benennungs- und Schreibkonventionen. Wer die unterschiedlichen Systeme nicht beachtet, wird zwangsläufig Schwierigkeiten bekommen. Der Ton b im Weltsystem entspricht im deutschen System dem h. Das deutsche b müsste im Weltsystem als b flat, also vermindertes b bezeichnet werden.

Warum dieser Verwirrung stiftende Unterschied? - Unter
Musikern wird erzählt - ob die Erklärung verbürgt ist,
oder nicht, sei dahingestellt -, dass ein müder und
vielleicht auch leicht betrunkener Mönch auf dem 
schreibtechnischen Weg zum b mal auf halber
Strecke hängen blieb und ein h  hinterließ. Den
unteren Bogen brachte er nicht mehr aufs Pergament.
Und dieses eine, fehlerhafte Manuskript war 
folgenreich. Seither bürgerte sich die Konvention
in deutschen Landen ein: 
jener Ton heiße h. Alle Vernunft war dagegen
machtlos.


2.6 Schillers "Glocke"

Der Text ist lang genug, so dass man ausführlich das Verhältnis von Schrift und rhythmischer Aussprache erproben kann. Auf dieser Basis kann man dann der These nachgehen, ob die Verse, in denen vom Glockenbau die Rede ist, vorwiegend trochäisch gestaltet sind: also betonte Silbe am Anfang. Das würde auch dem handwerklich nötigen Zupacken entsprechen. Dagegen beginnen die Zeilen, die allgemeinere Reflexionen zur Lebensführung enthalten, sehr häufig jambisch, also unbetont. Das könnte dem mehr nachdenklichen Charakter entsprechen. - Mit dieser Entgegensetzung ist eine gut belegbare Tendenz angesprochen; es wird nicht ein lückenlos belegbarer Erklärungsschlüssel behauptet.


2.7 Grafische Verfremdung

-Was!isnurmittirlos.Junge: Wasisnur!losmittir-

R. Jirgl. Hundsnächte. S.241


2.8 Satzzeichen

"Zwischenruf" von Magdi Aboul-Kheir in Südwestpresse

vom 8.7.2011: "...Punkte haben noch Anhänger, aber
Kommata werden gesetzt oder auch nicht; an die feine
Differenzierung durch Strichpunkte mag man gar nicht mehr 
denken.
Dabei wird schon an dem aus der Bibel abgeleiteten
Sprichwort 'Der Mensch denkt, Gott lenkt' deutlich, wie
bedeutsam jedes einzelne Zeichen ist. Brecht konnte den
Satz nämlich einfach - Doppelpunkt statt Komma - 
nahezu ins Gegenteil verkehren: 'Der Mensch denkt: Gott
lenkt.' Noch geistreicher und raffinierte ist folgende,
nur durch Kommata erzeugte Variante: 'Der Mensch, denkt
Gott, lenkt.'
Nun lief im Frühjahr Andres Veiels RAF-Drama 'Wer wenn
nicht wir' im Kino, und der sprachkritische Cineast
fragte: Was fehlt da, wenn kein Komma? Grammatikalisch
gesehen sei die Frage berechtigt, räumte Veiel 
ein. Aber der Film erzähle vom unbedingten Aufbruch
seiner Protagonisten, und da störe so ein Komma. Daher
gebe es übrigens auch kein Fragezeichen.
Veiel hat sich also immerhin was gedacht. Doch was ist
mit den anderen Filmemachern und Verleihern, die
kommalos Titel auf die Leinwand bringen? Bliebe
'Der Mann der über Autos sprang' mit einem 
Komma an der Stoßstange hängen? Träfe 'Die Frau die
singt' mit Komma nicht den richtigen Ton? Ja, 'Was
bleibt sind wir', doch Satzzeichen bleiben leider
nicht. Man könnte losbrüllen, aber auch da ist ein 
Filmtitel vor: 'Schrei wenn du kannst', höhnt er.
Ach wir müssen die Zeichen der Zeit wohl akzeptieren
und einfach ohne Punkt und Komma weitermachen die
Leser werden wie die Kinogänger schon verstehen was
wir meinen - Nein! Wir werden uns wehren! Weiter für 
Punkt und Komma kämpfen. Wer, wenn nicht wir? Und 
daher endet dieser Text mit einem: Punkt."

Aus dem "Hohlspiegel" der Nummer 4/2012 des SPIEGEL:

Aus der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Die Gewerkschaft
CFTD gab bekannt, dass die Granit-Stele der
'gebrochenen Versprechen' von Präsident Nicolas
Sarkozy entwendet worden sei."

Der Präsident hat geklaut? - Oder geht es um die "...Versprechen von ..." - dann aber sitzt das einfache Anführungszeichen falsch.


Cervantes hat seinen Don Quichote noch ohne Satzzeichen geschrieben. Und für Goethe waren sie auch noch nicht sonderlich wichtig. Sie einzufügen überließ er öfters seinen Helfern. Demnach bildete sich erst spät heraus: (1) Die Satzzeichen sollten den Rede- /Atemfluss regulieren; (2) Sie wurden als Möglichkeit verstanden, auch den inhaltlichen Gedankenfluss zu strukturieren.



2.9 Gedicht - Aussprache

2.91 schleimig-nachdenkliche Hausschnecke / Christian Morgenstern

... interpretiert von Gert Fröbe [15]

3. Gedicht

3.1 Missachtung der Ausdrucksebene

Ein punktuelles Erlebnis - ob es repräsentativ ist, mögen andere beurteilen: Ein Schüler. wenige Monate vor dem Abitur, berichtet, der Deutschlehrer habe nahezu der gesamten Klasse attestiert, die Schüler würden (Gedichte) lesen wie Erstklässler, ohne Sinn für Rhythmik und Betonung. - Der Schüler blickte zurück und bestätigte: die früheren DeutschlehrerInnen hätten tatsächlich keinen Wert auf angemessenes Vortragen von Gedichten gelegt, geschweige denn dies üben lassen.

Man kann nur zurückfragen: Wozu sind - nach Meinung dieser Pädagogen - Gedichte da? Nur um hehre Gedanken auszudrücken? Dazu braucht es keine Gedichtform. Was ist also der Eigenbeitrag der äußeren Form, der Anordnung der Ausdrücke = SYN-TAX? Wer das mit Schülern nicht herausarbeitet und entsprechend übt, betreibt Leibverachtung - Leib als alte Metapher für die spachliche Ausdrucksseite. Nur im Vorbeigehen allenfalls ein paar rhythmische Merkmale zu erwähnen, Fachbegriffe draufzukleben, das genügt nicht.

3.2 Einige Grundbegriffe

... nach U. Greiner, Lyrikverführer, Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten. München 2009.

3.21 Hexameter, Distichon
(13) "So ist also auch die 'Odyssee' in einem bestimmten
Versmaß gehalten, sie benutzt den Hexameter (die Betonung
liegt auf dem 'a'). Das Wort kommt vom griechischen
'hexámetron' und bedeutet Sechsmaß oder Sechsfuß. Eine
Verszeile im Hexameter hat sechs Betonungen. Lesen wir
noch einmal die erste Zeile der 'Odyssee', dann erkennen
wir die sechs Maße:
Sa-ge mir, Muse, die Ta-ten des viel-ge-wan-derten Mann-es.
Auf eine betonte Silbe folgen zwei unbetonte kurze Silben
(man nennt das Daktylus), manchmal auch nur eine lange
(Spondeus)."
(14f) "Der Hexameter ist übrigens in der Antike oft mit
dem Pentameter kombiniert worden (der hat fünf Takte),
und diese Verbindung nennt man Distichon ...
   Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule,
   Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.
Sie sehen, dass es in der zweiten Zeile eine beabsichtigte
Stauung gibt: Zwei betonte Silben stoßen aufeinander.
'drauf' und 'fällt'. So entsteht ein wechselvoller
Rhythmus. Der Dichterkollege Matthias Claudius hat die
Zeilen von Schiller und Goethe parodiert und geschrieben:
   Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
   Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus."
3.22 Jambus
(32) ..."Jambus, das Gedicht beginnt also mit einem
unbetonten Auftakt hat aber nicht zufällig hier und da
zwei Senkungen statt einer:
   Wer rei-tet so spät durch Nacht und Wind?
   Es ist der Va-ter mit sei-nem Kind.
Wenn Sie das laut lesen, spüren Sie, dass die doppelten
Senkungen einen Beschleunigungseffekt haben, sie ver-
mitteln etwas von der atemlosen Hast, mit der der Vater
sein Kind vor dem Zugriff des Erlkönigs in Sicherheit
zu bringen versucht." 
3.23 Enjambement
(70) "Von einem Zeilensprung übrigens, auch Enjambement,
spricht man, wenn der Satz oder die Bedeutungseinheit
nicht mit der Zeile endet, sondern in die nächste über-
springt. Dadurch wird der manchmal etwas mechanisch oder
aufdringlich wirkende Reim in einen größeren Zusammen-
hang eingebunden.

... Rilke in seinem frühen Gedicht 'Der Knabe' (1902/03) ...
    Ich möchte einer werden so wie die,
    die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,
    mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren
    in ihres Jagens großem Winde wehn.
    Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne,
    groß und wie eine Fahne aufgerollt. (...)

3.24 Reim

Zunächst ein Beispiel für fehlenden Reim:

(72f) "Der Österreicher Georg Trakl war etwa im selben
Alter wie Rilke, als er sein Gedicht 'Grodek' (1914)
schrieb, 27 Jahre alt, Sanitäter an der Front, und
er erlebte in der ukrainischen Stadt Grodek die Grauen
des Ersten Weltkrieges. Er sah die Schwerverwundeten
und die Sterbenden, hatte keine Chance, ihnen zu
helfen, da es an allen medizinischen Mitteln mangelte,
und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Kurz darauf
starb er an einer Überdosis Kokain.
   Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
   Von tödlichen Waffen, die gildnen Ebenen
   Und blauen Seen, darüber die Sonne
   Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
   Sterbende Krieger, die wilde Klage
   Ihrer zerbrochenen Münder.
   Doch stille sammelt im Weidengrund
   Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
   Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle,
   Alle Straßen münden in schwarze Verwesung. (...)
Dies ist wohl eines der fürchterlichsten Gedichte
deutscher Sprache, und wenn Schmerz und Tod sprach-
liche Gewalt gewinnen können, und zwar so, dass sie
dem wirklichen Schmerz und dem wirklichen Tod nahe-
kommt, dann ist das hier der Fall. Kein Reim, der
etwas versöhnen könnte (der Reim ist ja immer auch
eine sprachliche Versöhnung), sondern nur ein leise
bebender Rhythmus, angedeutete Assonanzen (Gleich-
klänge wie
'tönen die ... Wälder / von tödlichen Waffen'...)
und alles klingt wie ein Requiem, wie ein Trauer-
marsch, geschmückt mit immer neuen Bildern des Todes."
(93) "... dass (Gedichte) eine Form sind, will ich
jetzt zeigen. Damit ist gemeint, dass Reim und Klang
und Metrum eine eigene, sozusagen musikalische Logik
entfalten, die den Inhalt derart bestimmt, dass von
einem Inhalt, der nacherzählbar wäre, eigentlich nicht
die Rede sein kann. Wir neigen ja dazu, ein litera-
risches Gebilde von seiner Mitteilung her zu verstehen,
und das kann insofern auch nicht anders sein, als
Sprache immer etwas mitteilt. Nur ist die Mitteilung
im Gedicht oftmals die Sprache selbst, sie besteht
dann aus den Bildern und Klängen, die sie erzeugt.
Das heißt, die Bilder stehen nicht für etwas anderes,
sodass man sie also in etwas sinngemäß Gleiches
übersetzen könnte, sondern sie bedeuten zunächst nur
sich selbst."


3.25 Sprache als Medium
(116) "Die moderne Lyrik hat sich, wie auf andere
Weise die moderne Musik, vom traditionellen Lese-
publikum entfernt, teils aus provokativer Absicht,
teils aus sprachlogischen Gründen. Denn wer die
Sprache nicht nur, wie wir es alltäglich tun, als
willenlose Sklavin unserer Selbstdarstellungsbedürf-
nisse ansieht, sondern in die Tiefe ihrer Bedeutung
und Wirkung hinabsteigt, der wird rasch erkennen,
dass die simple Gleichsetzung von Wort, Bedeutung
und Gegenstand dazu taugt, ein Bier zu bestellen,
aber alle anderen Feinheiten, Reizbarkeiten und
Abgründigkeiten dessen, was Sprache ist, grob
verfehlt."
(117) "Aber das Lesen von Gedichten ist ja ohnehin
keine Sache des Verschlingens, das beim Schmökern
angebracht ist, sondern eine der Langsamkeit und
des Nachdenkens oder Hinterherschmeckens."
(138) "Ich rede vom Schüttelreim, und Sie haben
schon erraten, was es mit dem Birkenwald auf sich
hat:
   Jetzt geh ich in den Birkenwald,
   denn meine Pillen wirken bald.
Im Schüttelreim werden die Anfangskonsonanten der
beiden letzten betonten Silben miteinder (!) ver-
tauscht, und dadurch entsteht ein unweigerlich
komischer Effekt. Dieser Effekt nun ist das
eigentliche und einzige Ziel der Schüttelreimerei,
die denn auch eher einer Sportart gleicht als
wirklicher Poesie (...)
Wir sind nun an dem Punkt, wo sich der Blick
völlig von der Bedeutung abwendet und seine Auf-
merksamkeit ganz auf die Magie der Buchstaben
richtet. ... Buchstaben spielen allerdings in einer
sehr speziellen Figur eine Rolle, (139) die auch im
Gedicht gelegentlich vorkommt, im Palindrom. Es
besteht aus einer Abfolge von Buchstaben, die von
vorn nach hinten und von hinten nach vorn gelesen
gleich bleibt. 'Otto' ist eines der kürzeren
Beispiele. Eines der längsten Palindrome, das gerade
noch einen Sinn, wenngleich einen etwas sinnlosen,
ergibt, lautet: 'Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen
nie.' Was nun das Palindrom 'Otto' betrifft, so hat
der wunderbare und zuweilen auch etwas unheimliche
Dichter Ernst Jandl (1925-2000) ein Gedicht
geschrieben, das damit spielt. Hier ist es:
    ottos mops
    ottos mops trotzt
    otto: fort mops fort
    ottos mops hopst fort
    otto: soso 
    (...)
(konkrete Poesie - 141) ... das Gedicht radikal auf
das Wort, auf den Buchstaben reduzierte. Nicht selten
gewann sie aus dieser Reduktion eine visuelle Qualität,
wie sie übrigens ähnlich auch schon die Lyrik des
Barock gekannt hat. Ein Beispiel für das Poem als
Sprachbild ist dieses Gedicht von Eugen Gomringer,
geboren 1925. Er gilt als der Begründer und Theoretiker
der konkreten Poesie:
    schweigen schweigen schweigen
    schweigen schweigen schweigen
    schweigen           schweigen
    schweigen schweigen schweigen
    schweigen schweigen schweigen


4. Reim und Rhythmus - Eigenes Dichten

4.1 Poetry Slam

In Schulen gibt es diese Dicht-Wettbewerbe ja schon. [Bitte Beispiele!]

4.2 Rap Songs

In Schulen wird - vereinzelt bislang - mit Kindern die Produktion von Rap Songs versucht - mit großem Interesse bei den Schülern. Durch rhythmische und gereimte Sprache gewinnen sie eine Form, in der sie eigene Gefühle ausdrücken können. [Bitte Beispiele!]

4.3 Roman

Auch in einem gediegenen Roman kann - ohne dass es durch grafische Zeilenstruktur sichtbar gemacht ist - Reim und Rhythmus integriert sein. Als Leser fühlt man sich durch diesen Stilwechsel in eine andere Wahrnehmungsebene gehoben. Aus G. Grass, Hundejahre:

"Der feuerrote Perkunos? Der bleiche Pikollos, der
immer von unten nach oben schaut? Der Knabe
Potrimpos lacht und kaut seine Weizenähre. Eichen
werden gefällt. Die knirschenden Zähne - und 
Herzog Kynstutes Töchterlein, die ins Kloster
ging: zwölf Ritter ohne Kopf und zwölf Nonnen
ohne Kopf, die tanzen in der Mühle: die Mühle
geht langsam, die Mühle geht schneller, mahlt
Seelchen zu Mehl, doch der Schnee fällt viel
heller: die Mühle geht langsam, die Mühle geht
schneller, sie aß mit zwölf Rittern vom selbigen 
Teller: die Mühle geht langsam, die Mühle geht
schneller, es geigen zwölf Ritter zwölf Nonnen
im Keller: die Mühle geht langsam, die Mühle geht
schneller, so feiern sie Lichtmeß mit Furz und 
Geträller: die Mühle geht langsam, die Mühle
geht schneller ... als aber die Mühle von innen
nach außen brannte und Kutschen für kopflose
Ritter und kopflose Nonnen vorfuhren, als viel
später ..."


5. Geschriebenes und seine Entzifferung

5.1 Mehrdeutigkeit

Aus: Viktor E. Frankl, Der unbewußte Gott. dtv 35058. 1995 3. Auf. S.69:

"Eines Tages wurde ich in den USA während einer
Diskussion nach einem meiner Vorträge mit einer
schriftlich unterbreiteten Frage konfrontiert, die
folgendermaßen lautete: Wie wird in ihrer Theorie 
600 definiert? Kaum hatte der Diskussionsleiter
diesen Text durchgesehen, wollte er den Zettel, auf
dem die Frage stand, auch schon beiseite legen,
indem er, zu mir gewandt, bemerkte: 'Unsinn 
- wie wird in Ihrer Theorie 600 definiert ...'
Woraufhin ich den Zettel zur Hand nahm, ihn überflog
und feststellte, daß sich der Diskussionsleiter -
nebenbei bemerkt: von Beruf ein Theologe - geirrt
hatte; denn die Frage war in Blockbuchstaben abgefaßt
worden, und im englischen Original war 'GOD' von
'600' mit knapper Mühe und Not zu unterscheiden.
Durch diese Zweideutigkeit kam es zu einem unfrei-
willigen projektiven Test, dessen Ergebnisse im
Falle des Theologen und dem meiner selbst als eines
Psychiaters immerhin paradox ausfielen."

Anders gesagt: bei Schwierigkeiten der Entzifferung werden Erwartungen wichtig. Im aktuellen Fall hätte man vom Theologen eher erwarten können/sollen/müssen, dass ...

5.11 Politiker haben es schwer

Nach dem Mauerbau 1961 besuchte Präsident Kennedy Berlin. Seine Rede an die Berliner wurde gut aufgenommen, zumal er sie mit einigen deutschen Sätzen abschloss. Genau betrachtet waren dabei für den Redner einige Hürden zu überwinden, denn

  • der Präsident beherrschte kein Deutsch
  • folglich mussten ihm die Sätze in Lautschrift aufgeschrieben werden,
  • aber Lautschrift nach englischen Konventionen.

Das sah im Manuskript so aus:

ish Froy-er mish in bear-LEAN sue zine.
ish Froy-er mish in DOICH-lont sue zine.
ish bin DONK-bar fear dane HAIRTS-lishen emn-FONG.
dane zee mere eeba-Oll ba-WRY-tet hobben.
ish HAUFER doss mine ba-ZUKE dot-sue BUY-traket,
dee FROYNT-shofts vishen DOICH-lont oont Ay-MAY-ree-cah
VIE-tar sue FEST-iggen. 

5.2 Didaktik des Schreiben-Lernens

Debatte Pro und Contra im SPIEGEL: "Schnörkel-Luxus oder Kulturgut?" [16]

5.3 Handschrift <=> normierte Schrift

H. Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. Berlin 2012. S.184

Sie sieht zu dem Manne hinüber. Während sie dies alles
gedacht hat, ist er erst beim dritten Wort des ersten
Satzes angekommen. Unendlich malt er das "F" von Führer
hin. "Lass mich doch schreiben, Otto!", bittet sie.
"Bei mir geht das viel schneller!"
   Erst knurrt er wieder nur. Aber dann gibt er ihr
doch eine Erklärung.
"Deine Handschrift", sagt er. "Sie würden uns früher
oder später durch deine Handschrift erwischen. Dies ist
eine Kunstschrift, Blockschrift - du siehst, eine Art
Druckbuchstaben ..."
   Er verstummt wieder, malt weiter. Ja, so hat er es
sich ausgedacht. Er glaubt nicht, dass er was vergessen
hat. Diese Kunstschrift kannte er von den Möbelzeichnungen
der Innenarchitekten her, niemand kann einer solchen
Schrift ansehen, von wem sie stammt. Natürlich fällt sie 
bei Otto Quangels schreibungewohnten Händen sehr grob und
klobig aus. Aber das schadet nichts, das verrät ihn nicht.
Es ist eher gut, so bekommt die Karte etwas Plakatartiges,
das sofort das Auge auf sich zieht. Er malt geduldig weiter.

Es geht darum, kleine Botschaften gegen das NS-Regime zu schreiben und zu verteilen - und möglichst nicht erwischt zu werden dabei.

5.4 Alte Schriftzeugnisse

5.41 Naher Osten, um 600 v.Chr.

Vgl. [17]

6. Spracherwerb

6.1 einsprachig - zweisprachig aufwachsen

aus: "Gehirn Zweisprachiger bleibt länger flexibel" (t-online vom 30.8.2011)

Bilinguale Kinder erkennen typische Sprachmuster später
"Wenn Säuglinge in einer zweisprachigen Umgebung aufwachsen,
verschiebt sich die Phase der entscheidenden Sprachprägung
bei ihnen weiter nach hinten. Das haben US-amerikanische
Forscher jetzt herausgefunden. Bilinguale Kinder lernten
erst mit etwa zehn bis zwölf Monaten, die typischen
Sprachmuster ihrer beiden Sprachen zu erkennen, berichten 
die Forscher im Fachmagazin "Journal of Phonetics". Das
lasse sich an einem typischen Hirnstromsignal beobachten.
Bei Kindern mit nur einer Muttersprache sei die Prägungs-
phase dagegen in diesem Alter bereits abgeschlossen. Das
Gehirn reagiere dann nur noch auf typische Laute der
Muttersprache. Schon Säuglinge erkennen die Sprachmelodie
ihrer Muttersprache.
Dass bereits wenige Monate alte Säuglinge die typischen
Laute und die Sprachmelodie ihrer Muttersprache erkennen
können, ist seit einigen Jahren bekannt. "Das Kindergehirn
stimmt sich in dieser sensiblen Entwicklungsperiode auf
die Klänge einer Sprache ein", sagt Studienleiter Adrian
Garcia-Sierra von der University of Washington. Bisher sei
aber fast nichts darüber bekannt gewesen,  wie dieser
Prägungsprozess bei bilingualen Säuglingen ablaufe. 
In ihrer Studie haben Forscher nun wichtige Unterschiede in 
diesem Prägungsprozess bei ein- und zweisprachig aufwach-
senden Kindern aufgedeckt."

6.2 Alphabetisierung (z.B. bei Flüchtlingen) und Didaktik

Die von uns zugrundegelegte Zeichendefinition (seit de Saussure) kann man problemlos umgesetzt finden z.B. in

H. Wäbs, Hamburger ABC. Lehrwerk zur Alphabetisierung und Grundbildung hg. von Arbeitsgemeinschaft
Karolinenviertel e.V. 20357 Hamburg. Aktuell beziehen wir uns auf die Auflage vom April 2015. Teil 1b.

Zeichendefinition meint dabei:

  • Wer über Bedeutungen redet, meint nicht primär reale Dinge/Personen/Sachverhalte, sondern zunächst die inhaltliche Vorstellung, die er sich jeweils gemacht hat. Bedeutung = concept ist also eine geistige Realität. z.B. durch grafische Darstellung kann man über viele Einzelsprachen hinweg vermitteln, worauf sich aktuell mein Interesse bezieht.
  • Beim Erlernen einer Einzelsprache gilt es, eine Relation sich fest einzuprägen: jene Bedeutung pflegt man durch dieses eine Schrift- bzw. Lautbild anzusteuern.
    • Also ist das Schreiben zu üben,
    • genauso das akzeptable Artikulieren - also noch eine Relation: die zwischen Schrift und lautlicher Ebene
  • arbiträr - man macht die Erfahrung, dass ähnliche Bedeutungen keineswegs auf Schrift-/Lautebene (=Ausdrucksseite) ebenfalls ähnlich zu sein pflegen. Bedeutung und Schrift/Laut sind unabhängige Ebenen.

Um die Relation zwischen Bedeutung und Ausdruck stabil zu lernen, sind vielerlei Übungen, Wiederholungen usw. notwendig.

Beispiele:

  1. In einer linken Spalte sieht man - sprachfrei - Personen oder Dinge dargestellt. Die Bildchen stehen für das, was an Bedeutungen nachfolgend behandelt werden soll. Wenn nicht gerade Eigennamen im Spiel sind, erkennt interkulturell jeder, welche bedeutungsmäßigen Vorstellungen, concepts behandelt werden sollen.
  2. Am Beginn der zweiten längeren Spalte steht die schriftliche Wiedergabe in der Einzelsprache Deutsch. Da steht also: /Tanne/ oder /Note/ oder /Ente/. Die Schrägstriche heißen: es interessiert nur das Schriftbild.
  3. Der lange Freiraum dieser Spalte ist die Einladung, selber dieses Schriftbild zu produzieren. Man übt also das Schreiben.
  4. Die gesprochene Sprache ist nochmals ein anderes Medium auf Ausdrucksseite: das korrekte Aussprechen wird nun geübt.
  5. Die Verbindung: Bedeutung + Ausdruck ist grundsätzlich arbiträr, d.h. nicht vorhersagbar, herleitbar. Diese Verbindung muss man lernen, pauken. Das kann dadurch praktiziert werden, dass in der Wortlernliste die zweite Spalte abgedeckt und zu den einzelnen Bildchen gefragt wird, wie das dazugehörige Wort heißt - gesprochen und/oder geschrieben. Dadurch wird schnell bewusst, dass durch korrektes Abschreiben der Schreibvorlage die Verbindung: <<BEDEUTUNG>> + /Ausdruck/ noch nicht sicher gelernt worden war.
  6. Weitere Sicherung: das Lehrwerk zeigt nochmals einzelne Bildchen und notiert dazu ähnlich klingende, vorhin geschriebene Wortpaare - z.B. /Ente/ und /Note/. Dadurch wird bewusst, dass Ähnlichkeit auf Ausdrucksebene nichts zu tun hat mit Verwandtschaft bei den Bedeutungen - das eben ist die Konsequenz des zeichentheoretischen arbiträr.
  7. Ausblick in die SEMANTIK: Man kann die Bildchen ausschneiden und dann versuchen je zwei davon zu kombinieren, wenn man ahnt, dass mit beiden eine Aussage möglich ist. Mit <<SONNE>> + <<SEE>> kann man die Aussage bilden: "Die Sonne [steht über] dem See" - eine Lokalisierung wird also durch die Aussage vollzogen. D.h. nun interessiert, in welcher Art von Beziehung die beiden Bedeutungen zusammengefügt sind, was für eine PRÄDIKATION vorliegt, vgl. [18]
  8. Ausblick in die PRAGMATIK: Die diversen Einzelbedeutungen = ausgeschnittene Bildchen kann man gruppieren, die Gruppen noch weiter ordnen, mit der Frage, welche Bedeutungen in näherer Beziehung zueinander stehen (und wie die Beziehung aussieht). Zum Überbegriff = 'Isotopie <<PFLANZE>> kann man nehmen: <<AST>>, <<ANANAS>>, <<ROSE>>, <<TANNE>> usw. vgl. [19]. <<LESEN>>, <<LERNEN>> und <<LINEAL>> passen auch zusammen. <<LOLLI>> dagegen hat in dieser Isotopie nichts verloren ...

7. Einzelsprache: Russisch

7.1 Russisch - geschrieben / gesprochen

Zweimal die gleiche Wortkette - und doch mit verschiedener Bedeutung:

Ты дирижёр.    "Du bist Dirigent."
Ты дирижёр?    "Bist du Dirigent?"

Allein das unterschiedliche Satzzeichen gibt auf schriftlichem Weg den Hinweis, dass zwischen Aussage- und Fragesatz unterschieden werden soll. In der gesprochenen Sprache ist es die Intonation. Es wird also nicht umgestellt oder ein spezielles Fragewort hinzugefügt. (Betroffen sind davon Fragen, auf die einfach mit ja/nein geantwortet werden kann).

Der freundliche Wunsch "Viel Glück!" wird geschrieben: Счастливо! und wirft aus deutscher Optik die Frage auf, wie man zwei Zischlaute - С + Ч - unmittelbar hintereinander korrekt spricht. Im Wortinneren lässt die Zusammenstellung von - in deutschen Buchstaben - S + T + L Ausspracheschwierigkeiten erwarten. Zumindest vor dem L würde man sich einen Vokal wünschen. Die vorgesehenen Vokale dagegen scheinen keine Schwierigkeiten zu bereiten.

All diese Impressionen sind irrig. Die Aussprache sieht deutlich 
anders als das Schriftbild aus. Dazu sei das geschriebene Wort 
in seine Bestandteile zerlegt:
  Сч           die kombinierten Zischlaute werden zu einem 
               zusammengezogen: geschärftes "c"
    а          schönes volles "a" wird zu "i"  
     стл       das "T" verdampft; übrig bleibendes "S + L" 
               bekommt am Schluss einen Drall durch 
               abschließendes "j"
        и      "i" bleibt "i"
         в     das scheinbare "b" wird zwischen zwei Vokalen 
               weich: "v" - diesen Wechsel gibt es in vielen 
               Sprachen (Bilabial).
          о    statt eines schönen runden "o" wird lediglich 
               ein schwacher Murmelvokal gesprochen
Das Gesamtergebnis sieht gesprochen ungefähr so aus:  [c:i'sljiv(e)]

7.2 stimmlos / stimmhaft

Bei dieser Opposition können nur die Konsonanten das Thema sein. Dagegen sind Vokale immer Klinger, also stimmhaft. Es gibt Paare von Konsonanten, einmal stimmhaft, einmal stimmlos, die jeweils aber im Prinzip gleichartig gesprochen werden: es geht um Lippenstellung, Platzierung/Bewegung der Zunge an den Zähnen/im Gaumen, Kehlkopfbeteiligung (offen/Verschluss/Explosion). (Bei den deutschen Beispielwörtern auf die akustische Realisierung des jeweiligen Konsonanten achten!)

                             Goliat        Sonne
                     Bank        Dach
                         Warm         Journal
entspricht deutsch:  B   W   G   D    SH   S  
                     б   в   г   д    ж    з     = stimmhaft
                     п   ф   к   т    ш    с     = stimmlos
entspricht deutsch:  P   F   K   T    sch  S
                         Form    Tomate
                             kalt          Saft
                     Papier           Chef
                                                         

Was man unter "stimmhaft" zu verstehen hat? Offenkundig mehrere Faktoren: der Konsonant wird mit weniger Druck gesprochen als der parallele "harte", der an der selben Stelle im Mund/Rachen und im Grund auf die gleiche Weise artikuliert wird. Damit der Wechsel funktioniert, muss anschließend ein Vokal folgen. Steht jedoch ein sogenannter "stimmhafter" Konsonant am Wortende, folgt also kein Vokal, wird er stimmlos gesprochen.

7.3 Zischlaute

Eine kleine Orgie bietet das Russische auf diesem Sektor.

Ш ш   = sch
Щ щ   = schtsch
Ж ж   = sh (stimmhaftes sch)
Ч ч   = tsch
Ц ц   = z 
ст    = ist reingeschmuggelt: man kann "st" auch zusammensetzen, 
        dann zischt es auch in spezieller Weise
З з   = S (stimmhaft) 
С с   = S (stimmlos)

7.4 Russisch - Entzifferungsprozeduren

Es ist beachtlich, was bei dem schlichten Wort лят ("fünf") im Hintergrund an Überlegungen/Strategien abläuft - nur damit es richtig ausgesprochen wird, nämlich pät. Salopp dargestellt etwa so:

Der Buchstabe "я" würde eigentlich verlangen, dass man
nach dem "л" ein /ja/ spricht.
Das wäre die einfachste Lösung, die aber - aus irgendwelchen
Gründen - unerwünscht ist.
pat soll aber auch nicht die Aussprache sein - für klares
/a/ hätte man ein Schriftzeichen.
Also die Vereinbarung - die man eben entgegen dem schriftlichen
Eindruck lernen muss -, dass "я" zwar geschrieben wird, aber
nicht auf /ja/ verweist, sondern auf /ä/.

8. Einzelsprache: Italienisch

8.1 gesprochen/schwer zu verstehen

Franz Kafka, Der Prozess, DTV-Ausgabe 1998, S.245f:

Er antwortete mit einigen glatten Sätzen, die der
Italiener wieder lachend hinnahm, wobei er mehrmals
mit nervöser Hand über seinen graublauen buschigen
Schnurrbart fuhr. Dieser Bart war offenbar parfü-
miert, man war fast versucht, sich zu nähern und zu
riechen. Als sich alle gesetzt hatten und ein
kleines einleitendes Gespräch begann, bemerkte K. mit
großem Unbehagen, daß er den Italiener nur bruch-
stückweise verstand. Wenn er ganz ruhig sprach,
verstand er ihn fast vollständig, das waren aber
nur seltene Ausnahmen, meistens quoll ihm die Rede
aus dem Mund, er schüttelte den Kopf wie vor Lust
darüber. Bei solchen Reden aber verwickelte er sich 
regelmäßig in irgendeinen Dialekt, der für K. nichts
Italienisches mehr hatte, den aber der Direktor nicht
nur verstand, sondern auch sprach, was K. allerdings
hätte voraussehen können, denn der Italiener stammte
aus Süditalien, wo auch der Direktor einige Jahre
gewesen war. Jedenfalls erkannte K., daß ihm die
Möglichkeit, sich mit dem Italiener zu verständigen,
zum größten Teil genommen war, denn auch dessen
Französisch war nur schwer verständlich, auch
verdeckte der Bart die Lippenbewegungen, deren
Anblick vielleicht zum Verständnis geholfen hätte.

Süffisant wird der Autor in Ziff. 131.30 - vgl. [20] -, denn für Italiener sei es gar nicht so wichtig verstanden zu werden ...

9. Einzelsprache: Polnisch

9.1 Sprachliche Schwierigkeiten für Touristen

Anlässlich der Fußball-EM 2012 in Polen/Ukraine schrieb G. Knehr eine "Randnotiz" (SWP 6.6.2012):

Wer sich in Polen um die Landessprache bemüht, der
droht zum notorischen Ja-Sager zu werden. Denn die
polnische Sprache ist eine schwere Sprache. Doch keine
Regel ohne Ausnahme. Ja heißt tak. Zwei Buchstaben im
Deutschen, drei im Polnischen. Manches geht so einfach.
   Doch schon wer sich entschuldigen möchte, gerät in
die Bredouille. Tritt man jemandem gegen das Bein, wäre
ein "Przepraszam" fällig. Entschuldigung! Doch selbst
wer sich diese Vokabel eingeprägt hat, ist noch nicht
viel weiter. Denn die Aussprache ist ein eigenes
Kapitel für sich. Es müsste klingen wie "Pschäprascham".
Da nimmt mancher lieber in Kauf, ein ungehobelter Rüpel
zu sein und schweigt, statt sich die Zunge zu brechen. ...
   Da ist es nur allzu tröstlich, dass sogar viele
Polen an ihrer eigenen Sprache scheitern. Zumindest,
wenn sie den angeblich berühmtesten Zungenbrecher aufsagen
sollen: "W Szczebrzeszynie chrzaszcz brzmi w trzcinie"
lautet die Schriftform. In Lautschrift klingt das in etwa
so:
"W Schtschebscheschinje chschonschtsch bschmi w tschtschinje". 
Wer diesen Satz als Ausländer einigermaßen unfallfrei 
aussprechen kann, der darf sich der Sympathie und 
Anerkennung der Einheimischen sicher sein. Tak, tak. 
Wer nun diesen tiefgreifenden Satz ("In dem Ort 
Szczebreszesyn zirpt ein Käfer im Schilf") üben will, 
dem seien ein paar vorbereitende Bierchen empfohlen.

9.2 Wohin wird "Theo" fahren?

Aus dem "Streiflicht" der SZ (24.8.2012) zum alten Schlager von Vicky Leandros. Nach "Lodz" wolle man fahren, oder besser geschrieben: nach "Łodz". Nun gut, aber wie spricht man das aus?

"Dieses Zeichen zählt zu den letzten echten Heraus-
forderungen für unsere Nachrichtensprecher, die bei
Namen wie Walesa oder Wojtyla nie genau wussten, ob
"Wawansa" und "Wojtiwua" reicht, oder ob sie noch etwas
Nasales draufsetzen sollten. Im Deutschen wurde Lodz 
schon immer, besonders aber nach Vicky Leandros' Erfolg,
als "Lotsch" ausgesprochen, was uns die Polen erfreuli-
cherweise nie verübelt haben. Sollte Vicky die polnische
Einladung annehmen, wäre das eine gute Gelegenheit zu
zeigen, daß wir auch im Hinblick auf Lodz dazugelernt
haben. Was für ein polnisch-deutsches Highlight wäre
es, wenn Tom Buhrow "Vicky - sie fährt nach Wudsch"
sänge und dazu so verschmitzt lächelte, wie nur er das
kann!

10. Aussprachefehler - literarische Beispiele

10.1 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010. S.545:

"Ja, Sie denken nur an sich! Aber die Leiden des Mannes,
der Ihr Gatte war, sind Ihnen gleichgültig. Es kümmert
Sie nicht, daß sein ganzes Leben zerstört ist und daß er
so viel dulch... dulch... dulchgemacht hat.
Alexej Alexandrowitsch sprach so schnell, daß er stotterte
und dieses Wort nicht herausbringen konnte. Er sagte
schließlich >dulchgemacht<. Das erschien ihr lächerlich,
aber sie schämte sich sofort, daß sie in solch einem
Augenblick etwas lächerlich finden konnte. Und zum
erstenmal fühlt sie mit ihm, versetzte sich in seine
Lage und hatte Mitleid mit ihm. Aber was konnte sie
sagen oder tun? Sie senkte den Kopf und schwieg. Auch er
schwieg eine Weile und redete dann mit weniger kreischender,
kalter Stimme weiter, wobei er willkürlich herausgegriffene, 
völlig bedeutungslose Worte betonte.


Obwohl überall auf der Welt Lippen, Zähne, Zunge, Mundraum/Gaumen, Rachen, Kehlkopf – also die »Sprechwerkzeuge« – sehr ähnlich gebaut sind, nutzen einzelne Sprachen sie unterschiedlich. Der Sound ist nur teilweise vergleichbar, teilweise aber deutlich unterschiedlich. Das kann heutzutage in jeder Klasse erkundet werden: von den Einzelbuchstaben bis hin zur Satzmelodie.

Sehr klar sollte dabei ins Bewusstsein rücken, dass Sprache in schriftlicher Form nur bedingt bzw. oft gar keine Rückschlüsse zulässt, wie die Aussprache der Passage ist. Schrift und akustische Realisierung - beides sind eigenständige, auf keinen Fall eins-zu-eins zueinander passende Erscheinungsweisen von Sprache.

Die Kluft zwischen beiden Kanälen muss - einem alten Witz
folgend - nicht immer so groß sein wie bei den Berlinern: 
sie schreiben /PFERD/ und sprechen /JAUL/. 


11. Einzelsprache: Türkisch

11.1 Türkisch - Geliebtes "Ü"

Der deutsche Satz "Sind sie nicht traurig?" lautet - nach einer Leserbriefmitteilung: "üzüntülümüsünüz mü?"

12. Einzelsprache: Ägyptisch

12.1 Hieroglyphische Sauklaue

Immerhin richtig erkannt: das äußere Schriftbild hängt von vielen Zufälligkeiten ab. Kleine Veränderung - und schon ist die Bedeutung eine völlig andere. Anders gesagt: zwischen Ausdrucksseite und Bedeutungsseite klafft ein tiefer Graben.

U. Timm, Rennschwein Rudi Rüssel. München 1993. 2. Aufl.
"Ägyptologen sind Leute, sie sich mit den alten Ägyptern
beschäftigen, die so seltsame Dinge wie die Pyramiden,
die Mumien und die Hieroglyphen hinterlassen haben. Diese
Hieroglyphen sind Schriftzeichen, die aus kleinen Figuren,
Vögeln, Balken und Schlangen bestehen. Diese Hieroglyphen
entziffert mein Vater, wenn er nicht gerade kocht oder
Staub wischt ...
   Rudi lief sogleich zu einer Pfütze, legte sich hinein,
wühlte sich in den Schlamm und quiekte begeistert.
   Er war über und über mit Schlamm beschmiert, rannte
fröhlich durch den Garten und - oh Schreck - in die
Wohnung zurück ... Deutlich sah man die dreckigen Abdrücke
seiner Pfoten auf dem Teppich ... [R.] rannte über das
auf dem Boden ausgebreitete Pergamentpapier, mit dem Vater
einige Hieroglyphen von einem Stein abgepaust hatte ...
  Sonderbarerweise war es in Vaters Zimmer ganz still.
'Vielleicht ist er in Ohnmacht gefallen,' sagte Betti.
Leise gingen wir in Vaters Zimmer. Er stand da und starrte
auf das am Boden liegende Pergamentpapier, über das Rudi
gelaufen war und auf dem seine dreckigen Klauen ihre Spuren
hinterlassen hatten. 
Wie kleine Keile und Balken standen sie zwischen den anderen
Schriftzeichen.
   'Papa', sagte Zuppi ganz leise, 'ist dir nicht gut?' Und
dann sagte sie noch: 'Schweine sind doch sehr lustige Tiere,
nicht?'
   Aber Vater stand auf und schwieg, als sei er plötzlich
taub geworden und starrte auf seine Hieroglyphen mit Rudis
Abdrücken.
   'Interessant', sagte Vater endlich. 'Wenn man Rudis
Zehenabdrücke mitliest, kommt ein ganz neuer Sinn aus der
Inschrift. Da steht nämlich jetzt: Den Vater ließ alles
kalt, was er nicht ändern konnte.' " (14-17)

13. Einzelsprache: Bayrisch, besser: Bairisch

13.1 Standardtest mit Schmai = Schnupftabak

Wer beansprucht, mit Fug und Recht zum Land und Volk der Bayern zu gehören, sollte den Standard-Aussprachetest, das Durchkonjugieren des Satzes, fehlerfrei vortragen können:

Wann i an Schmai hääd, schnupfad i´n!
Wannst an Schmai hädst, schnupfadstden!
Wann ar an Schmai hääd, schnupfad an!
Wanns an Schmai hääd, schupfadsn!
Wann mar an Schmai häädn, schnupfad m´an!
Wannts an Schmai häds, schnupfads´n!
Wanns an Schmai häädn, schnupfad´n s´n!

14. Einzelsprache: Schwäbisch

14.1 Hȃ-ȃ! Ȃ-hȃ! Hȃ?

nach H. Petershagen (SWP 27.12. 2014)

Verneinen, bejahen, fragen: Der Schwabe schafft das
mit Kombinationen aus h und einem genäselten ȃ ...
Hȃ?   Mit diesem durch die Nase gepressten Urlaut
gibt der Schwabe zu erkennen, dass er etwas nicht
verstanden hat.
ha!   mit offenem -a dient dazu, Staunen,
Verwunderung, Erschrecken oder Entrüstung auszudrücken
oder eine Denkpause zu überbrücken: ha no!
Hȃ? als Fragepartikel entspricht dem umgangs-
sprachlichen hä? oder dem schriftsprachlichen he?
Man kann es auch einsetzen, um Zustimmung zu heischen
oder die Meinung anderer abzufragen: "Hȃ? Was moinsch?"
Gilt aber nicht als salonfähig.
"Sait mȃ au zu 'me Pfarrer hȃ??" Die richtige Antwort
lautet: Hȃ-ȃ! = schwäbische Verneinung. 

Ȃ-hȃ! = bejahend. Damit wird auch ausgedrückt, dass man
etwas entdeckt hat. Entspricht schriftdeutschem aha!
Ȃ-hȃȃȃ! - gedehnt = mühsamer Lernprozess
Immer ist das   betont, wohl wegen korrespon-
dierenden Kopfbewegungen.

14.2 brotene Göckele

nach H. Petershagen (SWP 24.1. 2015)

Hähnchen im Brotteig? Nein. Es ist der missglückte
Versuch eines Mundart-Kolumnisten, gebratene Hähnchen
schwäbisch zu schreiben. Sein Problem ist allen
Schwäbisch-Literaten vertraut: Wie soll man die
Laute, die zwischen o und a oder a und e
liegen, zu Papier bringen? Wie kennzeichnet man die
schwäbischen Nasale so, dass jeder sofort versteht,
was gemeint ist? ...
   die Aussprache des Schwäbischen ändert sich alle
paar Kilometer. Insofern ist es unmöglich, für einzelne
Wörter eine verbindliche schwäbische Schreibweise
festzulegen
... Das Wort unangenehm, schwäbisch ooaag'nehm,
spricht ein Stuttgarter anders aus als ein Ulmer, dem
die Stuttgarter Aussprache ooååg'nehm  ôôââg'nehm
ist.
Die feineren Unterschiede schildern zu wollen, bedürfte
es entweder vieler Worte oder der Lautschrift der Dialek-
tologen. Die aber umfasst an die 100 Zeichen, die kein
normaler Mensch entziffern kann...
   Jeder kennt jenes å, das aus skål, dem schwedi-
schen "Prost!", tönt, und weiß, wie es ausgesprochen wird:
ein offenes o. Dieses Zeichen macht im Schwäbischen
sogar Sinn. Denn das kleine o über dem a wird im
Ostschwäbischen mitunter ausgesprochen: Wo es weiter
westlich  und  heißt, klingt es dort nao
und dao.
   Wie aber stellt man die Nasale dar? Jenen, der am Ende
eines Verbs steht, schreiben die meisten Schwaben
-a: schreiba.
Schwieriger wird es, die Nasale zu kennzeichnen, die
weiter vorn im Wort erscheinen, etwa am Anfang. Hier
bietet sich an, das -n-, das mit dem Vokal verschmolzen
ist, in Form eines Dächles über diesen zu stellen: Âfang.
Und da der Schwabe diesen Initial-Nasal auch noch dehnt,
drängt sich gar die Schweibweise Ââfang auf...
   Wie halten wir's mit schp- und scht-? Soll man
es jedesmal ausschreiben oder nur, wo es vom Schrift-
deutschen abweicht (du steigscht oder
schteigscht? Soll man überall, wo die Schwaben das
-e- verschlucken, ein  '  setzen (v'rschlucka)?
Nein! Es lebe die Lesbarkeit und die Ästhetik! Die aber
würde unter allzu vielen Sonderzeichen und Apostrophen
ebenso leiden wie unter dem Versuch, an der Aussprache
festzukleben: Ein Grischtkendle en dr Grippe sieht
einfach ungesund aus.

14.3 Schillers Reimkunst

nach H. Petershagen (SWP 7.3. 2015)

Welcher Deifel - pardon: Teufel - hat Friedrich Schiller
geritten, als er in seinem Gedicht 'Die Kindsmörderin'
Meilen und Heulen reimte und Schwanenkleid
auf gestreut? Oder in der 'Elegie auf den Tod eines
Jünglings' Jugendfreude auf Rosenkleide? Oder in
seinem Epos 'Der Künstler' durcheilen auf Säulen?
   Gar keiner. Er reimte einfach so, wie ihm der Schnabel
gewachsen war: schwäbisch. Und da heißt es statt
Heulen eben Heiilen, das sich ohne
weiteres auf Meiilen reimt. Gestreut lautet beim
Schwaben nicht gestroit und Freude nicht Froide.
Er sagt gestrait und Fraide, was trefflich zu
Klaid(e) passt. Und anders als die Soilen
haben die Seiilen keinerlei Problem mit einem
schwäbisch akzentuiertem(!) durcheiilen.

14.4 maulfaul

nach H. Petershagen (SWP 28.3. 2015) - anknüpfend an die amerikanische Mode, Wörter durch Zahlen wiederzugeben:

"... Der Schwabe lächelt müde. Diese Methode ist ihm längst
vertraut; er verweist auf den Spruch I bin dir 3, 4 + 4.
Das funktioniert aber nur hierzulande. I bin dir drei,
fier und fier. Denn die Schwaben kennen keinen vernünftigen
Grund, für Laute wie -eu-, -ü- und -ö- den Mund zu
runden. Derlei gesichtsgymnastische Übungen praktizieren
sie allenfalls zum Küssen respektive Kissa, wie sie
diese Art der zwischenmenschlichen Begegnung nennen, die
mitunter in de Kissa endet. Der Unterschied zwischen
Küssen und Kissen ist ihnen nicht geläufig, jedenfalls
aussprachetechnisch.
   Diese Weigerung, den Mund zu spitzen, nennt man Entrundung.
Sie bewirkt, dass die nur durch Rundmund zu erzielenden Laute
-ü-, -eu-, -äu- und -ö- nach Art des Breitmaulfrosches
zu -i-, -ei- und e- geplättet werden.
Die Schwaben sind damit nicht allein. Das zeigt ein Blick nach
England, wo das altenglische cyssan (küssen) ebenfalls
entrundet wurde zu to kiss.
   Das Ergebnis kann mitunter irritieren: Kündigt
Du sollsch net leida! den Gnadenschuss an? Nein: Das Klingeln
soll unterbleiben. Beklagt ein Schwabe die schlimme Sehne
seines Nachbarn, meint er damit dessen ungeratene Söhne.
Es könnte sich rein theoretisch auch um eine Sühne handeln,
denn wenn auf das -ü- ein -m- oder -n- folgt, wird es
zu -e- anstatt -i-.
(..)"

14.5 Zischlaute

nach H. Petershagen (SWP 4.4. 2015)

"Im Kampf geschlagen, flohen die Männer des Stammes Ephraim
heimwärts. Am Ufer des Jordan aber warteten die siegreichen
Gileaditen. Da sie nicht wussten, wer von den Vorbeieilenden
Freund oder Feind war, befahlen sie ihnen, das Wort Schibbolet
zu sagen. Ephraims Männer aber konnten kein sch aussprechen,
sagten  Sibbolet und wurden getötet - insgesamt 42 000,
wenn das Buch der Richter, Kapitel 12, Vers 6, nicht übertreibt.
Ein biblischer Massenmord auf der Grundlage eines Mundarttests.
Seisse.
   Den Schwaben wäre das nicht passiert. Sie wären stattdessen
am Wort Sibbolet gescheitert - sofern man dem weitverbreite-
ten Vorurteil folgen will, dass sie das s generell durch sch
ersetzen. Doch das ist ein Irrglaube. Der manifestiert sich auf
unappetitlichste Weise darin, dass Menschen, die von den Fein-
heiten des Schwäbischen keine Ahnung haben, es nachäffen, indem
sie vor sch-sch-sch überschäumen.
   In der Tat enthält das Schwäbische mehr sch als die
Standardsprache. Aus einem einfachen Grund. Die Schwaben haben
eine sprachliche Entwicklung konsequent vollendet, die in
der Standardsprache auf halbem Wege steckengeblieben ist:
die vom sp/st zum schp/scht.
   Dazu muss man kurz in die Entstehung des sch zurück-
blenden. Vor etwa tausend Jahren stand an seiner Stelle noch
ein sk, das auch so gesprochen wurde, etwa im Wort skalk.
Das war der Knecht, der später zum Schalk degenerierte.
Und das schwäbische Lieblingsverbum schaffen lautete damals
noch skaffon. Auch bei den Schwaben. Der Wechsel zum Zischlaut
sch vollzog sich im 12. Jahrhundert ...
   Doch bekanntlich wird das gesprochene sch nicht in jedem
Fall geschrieben. So gilt auch in der Standardsprache, dass
sp- und st- am Anfang eines Wortes wie schp- und
scht- ausgesprochen wird.
   Die Norddeutschen haben diesen Schritt nicht mitgemacht und
s-tolpern daher nach wie vor über den sch-freien
s-pitzen S-tein. Die Schwaben hingegen sind den Weg bis zu
Ende gegangen. Sie sprechen sp- und st- auch dann als
schp- und scht- aus, wenn es im Innern des Wortes
oder an dessen Ende steht.
Obwohl er a Schwob ischt. Und da kommen eben die feinen
Unterschiede zum Tragen.
   Dieses vermeintlich allgegenwärtige sch benutzt der
Schwabe nur in den Kombinationen sp- und st- und dabei,
abweichend zur Standardsprache, auch im Wort oder am Wortende.
Und sonst nirgends. Doch auch am Wortende verzichtet er, wie
die Beispiele isst oder frisst beweisen, mitunter
auf das -scht: Er misst die Höhe des Regals, aber er
mischt sie nicht. Denn früher hieß es
er isset, frisset, misset: Zwischen s und t stand
ein -e-. 
   Fazit: Es gibt kein schwäbisches Schibbolet. Schonscht
täte schich Schwäbisch schon schaublöd anhören.

15. Einzelsprache: Hebräisch / Jiddisch

15.1 Richard Wagners Antisemitismus

Der Komponist wollte seine Einstellung nicht durch Verweis auf die Ausdrucksseite, also den Klang der Sprache begründen, aber illustrieren. Aus E. Oeser, Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie. Darmstadt 2015, 393:

" 'Bei allen Reden und Schreiben für die Judenemanzi-
pation', sagt Wagner, 'fühlten wir uns bei wirklicher,
tätiger Berührung mit Juden von diesen stets unwill-
kürlich abgestoßen' (). Das aber sei nicht nur eine
emotionale Angelegenheit, sondern hat nach Wagners
Meinung vielmehr einen realen Grund. Denn der Jude ist
'bereits mehr als emanzipiert: Er herrscht und wird so
lange herrschen, als das Geld die Macht bleibt, vor
welcher all unser Tun und Treiben seine Kraft ver-
liert'. () Dass das geschichtliche Elend der Juden und
die 'räuberische Rohheit der christlich-germanischen
Gewalthaber' ihnen diese Macht in die Hände gespielt
haben, wird zwar von Wagner nicht geleugnet, aber dass
dadurch auch der 'öffentliche Kunstgeschmack' seiner
Zeit in ihre geschäftigen Finger gebracht worden sei,
erbost ihn auf eine Weise, dass er sich zu geradezu
unglaublichen Beschimpfungen nicht nur ihrer Musik,
sondern auch ihrer Sprache und Literatur hinreißen
lässt. So sagt er über die jüdische Sprache und Aus-
drucksweise: 'Als durchaus fremdartig und unangenehm
fällt unserm Ohr zunächst ein zischender, schrillen-
der, summsender und mirksender Lautausdruck der jüdi-
schen Sprechweise auf: eine unsrer nationalen Sprache
gänzlich uneigentümliche Verwendung und willkürliche
Verdrehung der Worte und Phrasenkonstruktionen gibt
diesem Lautausdruck vollends noch den Charakter eines
unerträglich verwirrten Geplappers.' "