4.022 Benennungen – Sprachetiketten – Substantive

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Aus dem Inhalt

Alles, was wir aus der Grammatik als Nomen, als Substantiv kennen, präsentiert eine Bedeutung so, als handle es sich um ein Ding, eine Sache. Die Sprache tut so als ob. Im Fall von »Motorrad, Nelke, Brötchen« entstehen kaum Probleme. Aber im Fall von »Reise, Wahrheit, Teil, Turbulenz, Wasser« wird es unbehaglich: mancher wird zurecht einwenden, dass das doch keine Dinge sind!


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Theorie

0.1 Gedicht: Name als Nomen, als 'Ding'?

Der Poet Kurt Marti nutzte die Erfahrung aus, dass Nomina einen statischen, verfestigten Eindruck vermitteln - selbst bei 'Dingen', bei denen das gar nicht zutrifft: <<WASSER>> u.ä. Da auch in religiöser Sprache mit dieser Wortart gearbeitet wird, wies er per Gedicht auf die schon von der Grammatik her gegebenen Gefahren hin: [1]

Immerhin spricht Marti nicht davon, das Hauptwort solle zum Verb werden, oder zum Handlungs-, Aktionsverb - dann hätte er in allen Fällen einen problematischen Grammatikbegriff verwendet. Sondern er spricht einfach von Tätigkeitswort. Das ist - auch semantisch gedacht - in Ordnung und erspart die üblichen/notwendigen Debatten, ob ein 'Verb' grundsätzlich auch ein 'Handlungsverb' ist (Antwort: nein!) o.ä.

0.2 Eigennamen - adlige

aus: 100 witzigste Witze. Tübingen 2008. (= Sammlung von Witzen, die von Kindern eingereicht wurden). Von Moritz Kiefer, 8 Jahre alt, aus Tübingen:

Zwei Hunde treffen sich im Garten. Sagt der eine zum anderen:
"Hast du auch so einen adligen Namen? Ich heiße Bello vom
Bellstein!"
Sagt der andere Hund: "Aber ja. Ich heiße Runter vom Sofa."

Schön, wie illustriert wird: das gleiche äußere Muster von Wortverkettungen - vgl. [2] - sagt noch gar nichts über die Bezüge/Funktionen auf Bedeutungsebene: vgl. [3]

0.2.1 Eigennamen - Identitätssicherung klappt nicht immer

Das Verhältnis "Ausdrucksseite - Bedeutungsseite" ist grundsätzlich offen und nicht von vornherein gefestigt - arbiträr sagt die Sprachwissenschaft dazu.

Spreche ich eine Buchstabenfolge aus, muss ich früher gelernt
haben, welche z.B. substantivische Bedeutung üblicherweise
damit verbunden ist. Sprachwissenschaftlich: die Verbindung ist
Konvention. Die Existenz vieler verschiedener Einzelsprachen
zeigt das zur Genüge. Die Bedeutung <<TISCH>> kann mit den
unterschiedlichsten Buchstabenfolgen artikuliert werden -
/tavola/, /Tisch/, /table/, /שלחון/ usw. - eine banale, aber zu
oft vergessene Erkenntnis.

Normale 'Objektbezeichnungen' = Appellative - verweisen auf Bedeutungsebene zunächst auf eine Klasse von Objekten: Wer "Tisch" ins Gespräch bringt, dem ist noch kein konkretes und individuelles Objekt wichtig, sondern zunächst der Typ Objekt - wie immer er konkret gestaltet sein mag -, also die Klasse, die man allgemein mit /Tisch/ anzusprechen vermag.

Um bei Appellativen zu sichern, dass ein individuelles, dem Partner verstehbares Objekt gemeint sein soll, bedarf es eigener sprachlicher Operationen, z.B. definite Determination, etwa durch bestimmten Artikel, oder aus ausreichende Näherbeschreibung(en) = Adjunktion(en).

Eigennamen nun beanspruchen, solche Zusatzpräzisierungen schon eingebaut zu haben. Indem man den Eigennamen benutzt, müsse doch eindeutig klar sein, wer damit gemeint sei. In meinem begrenzten Lebensumfeld mag das weitgehend funktionieren - aber selbst da kann es Irritationen geben. Ein Substantiv mit der Einordnung als "Eigenname" erweist sich immer wieder als mehrdeutig, auf verschiedene Personen bzw. Objekte beziehbar. Da hat sich also der Sprecher mit seiner Annahme getäuscht.

Besonders kurios: Vgl. [4]

Oder vgl. den Gag, den die SPIEGEL-Redaktion anlässlich der Bundestagswahl 2017
inszenierte (SPIEGEL 39a/2017): 
"Vier weitere Jahre Merkel-Regierung also. Einer der darüber wohl
glücklich sein dürfte, ist Willy Brandt. Der Rentner aus dem
Saarland ... war Teil eines ungewöhnlichen Kanzlergipfels. Aus
diversen Teilen der Republik hatte der SPIEGEL Namensvettern von
sechs Bundeskanzlern eingeladen, um über Deutschland im Jahr
2017 zu diskutieren. Außer Brandt kamen Helmut Schmidt, Raum-
ausstatter aus der Nähe von Mainz; Gerhard Schröder, Lehrer für
Pflegeberufe aus Göttingen; Ludwig Erhard, Zahnarzt aus München;
Helmut Kohl, Diplom-Ingenieur aus Brühl; und Angelika Merkel,
Pflegedienstangestellte aus Rheinland-Pfalz."

Dieser Ersteinstieg in die Bedeutungslehre zeigt schon - wie noch viele weitere Etappen der SEMANTIK -, dass später unbedingt eine kritische Neubewertung des bedeutungsmäßigen Ersteindrucks folgen muss: Bedeutungslehre II = PRAGMATIK.

Solches festzustellen ist nicht mit einem Herummäkeln an der Wortbedeutung gleichzusetzen, sondern fängt an, den Blick zu öffnen für die Differenziertheit und Komplexität der Bedeutungsseite - die bis zur künstlerisch-kreativen Ausprägung gehen kann.

Zu bemängeln und zu bedauern sind lediglich diejenigen, die meinen - bezogen auf das aktuelle Beispiel -, mit dem Erkennen der Determination (z.B. Artikel, Pronomina usw.) sei die Bedeutungsanalyse bereits ausreichend erledigt. - Stattdessen begänne nun erst allmählich die semantisch/pragmatische Analyse ...

0.3 Autonamen

Ausgesprochen anspruchsvoll ist die Aufgabe für Marketingfachleute, ein neues Automodell mit einem Namen zu versehen, der -

(a) - attraktiv klingt, - grammatisch ist also die Ausdrucksebene im Spiel,
    vgl. [5]
(b) inhaltlich auf animierende Gedanken führt, vgl. Bedeutungsebene [6],
    genauer die Frage der - möglichst positiven -
    Implikationen, vgl. [7],
(c) - und dies - in sehr unterschiedlichen Sprachen. Schließlich lebt man
    vom Export. Jede Sprache hat ihre eigenen Konventionen - das ist nicht
    leicht zu überblicken.

Hie und da gibt es hierbei positive Volltreffer, - oder auch unfreiwillige Katastrophen.

  • SMART kann man zusammengesetzt betrachten aus S für Swatch (Erfinder dieses Konzepts), M für Mercedes und "art" - engl. für "Kunst". Etwas angestrengt die Bildung des Namens. Da das Ergebnis auf dem Telefonmarkt aber ohnehin in aller Munde ist, ist werbetechnisch die Namengebung im Rahmen der Automodelle clever.
  • Mitsubishi war mit seinem Pajero nicht so glücklich - weil er im Spanischen <<WICHSER>> heißt.
  • Toyota nannte ein Modell MR2 - wehe ein Franzose spricht dies aus, dann landet er nahe bei "merde", was eindeutig <<SCHEISSE>> heißt.
  • Mitsubishi hat ein Modell i-Miev im Programm - nun ja, im Deutschen verbreitet er via Ausdrucksebene starken /Mief/ - auch nicht sonderlich günstig.

0.4 "IS", "AfD" - politische Gruppierungen

Eine Politische Gruppierung ist nicht fest und streng mit einer Benennung verbunden. Sprache und 'Realität' sind nicht eng verbunden. Von ein und der selben 'Sache, Realität' kann man ganz unterschiedlich sprechen. Das sollte man auch im Fall der genannten Beispiele, meint: [8]

0.5 CSU-Forderung in der Flüchtlingspolitik

aus SZ 12.9.2016

"Der Integrationsbeauftrage Martin Neumeyer verteilt an
seinen 'Lies-Ständen' das Grundgesetz besonders gern an
Zuwanderer. Ein guter Ansatz, der aber weiterentwickelt
werden muss. Anstatt Ausländern die Verfassung in die Hand
zu drücken, scheint es derzeit dringender zu sein, der
CSU den Duden ans Herz zu legen. Neben den 'Lies-Ständen'
sollte es dann auch 'Schreib-Stände' geben, an denen
CSUler üben können.
  Der eigentliche Skandal, nämlich um die gar nicht mal
so neue, aber dafür in AfD-Manier formulierten Forderungen
der CSU nach einer härteren Flüchtlingspolitik, wurde bis
jetzt noch nicht entdeckt. Er findet sich auf Seite drei,
Zeile 25: 'Wer bei uns leben will, muss sich integrieren,
deutsch lernen.' Äh, 'deutsch' lernen? Oder vielleicht
doch eher 'Deutsch' lernen? So steht es zumindest im
Duden. Kann es sein, dass selbst die CSU die deutsche
Sprache nicht ganz beherrscht?"

0.6 Mark Twain

... protokolliert in "Adams Tagebuch", wie es dem bis dato zwangsläufig monologischen Adam erging, als es nun Eva, das neue Geschöpf, gab (aus: M.T., Meistererzählungen. Diogenes Taschenbuch 1990. Zürich. S. 54), vor allem hat es den Drang, die Welt um die beiden herum zu benennen:

" Freitag. Das Benennen geht unaufhaltsam weiter, ich
kann dagegen tun, was ich will. Ich hatte für das große
Grundstück hier einen sehr guten Namen erfunden, der hübsch
und zugleich musikalisch klang - Garten Eden. Ich ge-
brauche den Namen jetzt noch, aber nicht öffentlich, nur
verstohlen. Das neue Geschöpf behauptet, man sehe in der
ganzen Landschaft nur Wald, Felsen und Wasser, der Anblick
erinnere nicht im mindesten an einen Garten, sondern sehe
aus wie ein Park und nichts anderes. So hat es ihm denn,
ohne mich weiter zu fragen, den Namen Niagarafall-Park
gegeben. Das finde ich wirklich etwas eigenmächtig. Und
schon kann man auf der Wiese eine große Tafel mit der fol-
genden Warnung sehen:
'Es ist verboten, den Rasen zu betreten!' Mein Leben ist
nicht mehr so glücklich wie früher."


1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Erläuterung

Die Alternativ-Grammatik versteht unter Nomen/Substantiv eine Art "Sprachetikett, Namensschild". Erschaffen werden sie im sprachlichen Sinne vom Menschen. Was als Gegenstand angesehen wird, bekommt ein sprachliches Äquivalent. Wichtig dabei ist, dass mehrere Sprachteilnehmer sich darüber einig sind, dass das genannte Etikett einen eigenständigen Charakter hat (auch doppeldeutige Substantive wie zum Beispiel "Bank" oder "Hahn" haben einen eigenständigen Charakter, da der Begriff im Kontext zu verstehen ist). Zu beachten ist allerdings, dass Substantive nicht dinghaft sein müssen, sondern durchaus abstrakt, nicht fassbar sein können. Dadurch, dass abstrakte Wörter Substantive sind, erhalten sie eine Substanz in sprachlicher Form.

Hilfreich für das Verständnis ist folgende Vorstellung. Man stelle sich ein fast endlos langes Regal vor, auf dem, in regelmäßigem Abstand, faustgroße Kugeln stehen. Jede dieser Kugeln steht stellvertretend für eine Sache, für ein Objekt oder einfach ein Ding. Unter jeder Kugel ist ein kleines Schild mit dem Namen der Sache, für die die Kugel steht. Nicht nur konkrete Sachen wie "TISCH" oder "BAUM", sondern auch abstrakte Dinge wie "TRAUM" oder "GLÜCK" stehen in diesem Regal. Jede noch so abstrakte Sache kann man sich so konkret vorstellen, in Form einer Kugel. Aber die Kugel ist natürlich nicht die Sache, für die sie steht.

Beispiele
  1. Beispiele für problemlose, dinghafte Substantive:
    "Haus", "Tisch" (jegliche Form von Gegenständen)
    "Hund" (jegliche Form von Lebewesen)
  2. Beispiele für problematische, abstrakte Substantive:
    "Hahn", "Bank" - doppeldeutige Substantive
    "Bundeskanzler" - beschreibt die Funktion einer Person
    keine konkrete Benennung der Person.
    "Angst", "Liebe" (jegliche Form von Gefühlen)
    ist nicht konkret greifbar, wird sprachlich trotzdem dinghaft behandelt
    "Traum" - bedarf der Konkretisierung durch den Verstand
  3. Beispiel für Substantive deren Bedeutung sich mit der Zeit verändert:
    "Flieger" - früher der Pilot, wird heute als Begriff für ein Flugzeug verwendet.
  4. Beispiel für schwer abgrenzbare Substantive
    "Grenze" - leerer, sehr formaler Begriff; zum genaueren Verständnis ist der Kontext nötig
Übungen
  1. Ordne die Substantive im folgenden Satz den obigen Beispielkategorien zu:
    Eine Begegnung kommt in dieser Kirche selten zustande, worüber der Pfarrer mit seinem Verstand nicht zu urteilen vermag.
  2. Überlege weitere Beispiele für schwer abgrenzbare Substantive.


1.2 "burn out"

Für ein und dasselbe Phänomen kann man unterschiedliche Wörter wählen. Die wiederum haben eigene Effekte. Das gilt generell. Darauf weist aber im speziellen Fall auch die 'Deutsche Depressionshilfe' in einer Stellungnahme hin: Es sei üblich geworden von burn out zu reden, wenn jemand "Erschöpfungszustände" hat. Dieses denglische Wort sei ein schicker Modebegriff, der jedoch medizinisch nirgends definiert sei. Indem man von burn out spricht, suggeriert man, es handle sich um Folgen übergroßer Arbeitsbelastung, die durch Ruhe- und Auszeit abgebaut werden könnten. Das Gesundheitsproblem wird dadurch noch geadelt: viel zu arbeiten flößt Respekt ein. Der auf eine Krankheit deutende, also ein gravierendes Problem anzeigende Begriff "Depression" werde damit vermieden.

Die 'Deutsche Depressionshilfe' erklärt jedoch, dass nichts anderes als "Depression" vorliegt. Durch Urlaub, Freizeit allein lasse sie sich nicht abbauen, da die Depression 'mitreise'. Und das sog. "burn out" trete auch bei Personengruppen auf, die nicht im aktiven Berufsleben stehen - also ist es nicht durch Arbeitsüberlastung zu erklären. - Die Wahl des Sprachetiketts zeigt somit, ob man auch mit Schönfärberei, Selbst-Belügen operiert, oder ob man für ungeschminkte Wahrheit eintritt. Nur im letzteren Fall besteht Aussicht auf Therapie/Heilung.

1.3 Dichte an Nomina

Aus SPIEGEL-Online über meist stilistisch schlechte Reden von Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen. Als Merkmal gehört dazu die extreme Dichte/Häufung von Nomina:

Mit dieser (Computer-) Hilfe lassen sich auch Feinheiten
wie etwa das Geizen mit Verben ermitteln, was die
Lebendigkeit von Texten meist einschränkt. Beispiel vom
Linde-Chef: "Unter Punkt acht der heutigen Tagesordnung
legen wir Ihnen die Schaffung eines Bedingten Kapitals
zur Ausgabe von Bezugsrechten an Mitglieder des Vorstands,
an Mitglieder von Geschäftsleitungsorganen verbundener
Unternehmen im In- und Ausland sowie an ausgewählte
Führungskräfte unseres Konzerns im Rahmen eines 
sogenannten Long Term Incentive Plans 2012 vor." 

2. Einzelsprache: Englisch

2.1 Nomen

Fehlanzeige, zumindest in der Grammatik von Kirschning S.97ff. Der Begriff "Substantiv" bleibt ohne jede semantische Erläuterung, welche Funktion dieser Bedeutungstyp (nicht: Wortart) hat. Folglich hält sich die Grammatik mit der Singular-Gestalt gar nicht erst auf, sondern beschäftigt sich sofort mit der Pluralbildung, also einer morphologischen Frage. Die semantische Perspektive gibt es nicht.


2.2 Gerundium / Infinitiv

In der Grammatik von Kirschning S.254ff wird zunächst betont, dass die Formen von "Gerundium" und "Partizip" gleich sind. Das weckt die Frage, warum man dann von zweierlei Wortarten redet? Der Unterschied liegt allein auf Bedeutungsebene: mal wird die Wortform attributiv/explikativ/prädikativ verwendet und in den Dienst anderer Bedeutungen gestellt, ein ander Mal - das gilt hier - wird die reine Prädikatbedeutung bezeichnet, die ihrerseits noch näher beschrieben werden kann, insgesamt also einen eigenständigeren Eindruck macht. = in unserem Verständnis: Äquivalent zu "Substantiv".

Es ist konsequent, dass in der zweiten Verwendungsform ein gerund verwendet werden kann wie ein Nomen sonst auch. Es kann Subjekt, Objekt, Kern einer Präpositionsverbindung sein, Zeitangabe, kann durch Pronomen ein Subjekt an sich binden.

Swimming is healthy.
They enjoyed dancing.
I apologized for coming late.
On arriving at the airport, the pop singer ...
He insisted on my keeping my word.

Nicht in der äusseren Gestalt liegen die Unterschiede; aber in der semantischen Funktion sind sich Gerundium und Infinitiv sehr ähnlich. Bisweilen ist es daher gleichgültig, welches von beiden man - bei semantischer Blickrichtung - nimmt/bestimmt.

Nebenbei: Mal wieder ein klares Beispiel für die Notwendigkeit,
(Ausdrucks-)SYNTAX und SEMANTIK sauber zu trennen - 
nicht nur im Rahmen methodischer Überlegungen, sondern auch
didaktisch, damit SchülerInnen die gedankliche Orientie-
rung nicht verlieren.