4.02423 Anwendung: "Infinitiv" - "finite Verbform"

Aus Alternativ-Grammatik
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"definit", "infinit", "finit", und dann noch "determiniert", "indeterminiert" - da raucht einem terminologisch schnell der Kopf beim Blick in Grammatiken. Im Gefolge davon: man sollte mal zählen, wie häufig das Attribut "bestimmt" in den grammatischen Erläuterungen begegnet - man kann sicher sein, dann gerade eine besonders schwammige Definition vorzufinden.

Aber von all dem abgesehen: was meinen eigentlich "Infinitiv" bzw. "finite Verbform"? Wie können diese ehrwürdigen Begriffe in die Alternativ-Grammatik integriert werden? - Mal unterstellt, sie würden weiterhin auf auch semantisch Ernsthaftes verweisen ...


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1. Einzelsprache: Latein

1.1 Standard

Laut "Systemgrammatik Latein" von Fink/Maier (1997) S.18 redet man dann von einer finiten Verbform, wenn sie 5 Gesichtspunkte (Bestimmungsstücke) realisiert - das ist die gleiche Auffassung, die im PDF-Text - vgl. link oben - von Grammis zitiert wird:

Person     - ein Fortschritt ist es, dass die Personen
                   nicht nur hochgezählt werden (1.-3. Person);
                   sondern es wird auf die Dialogsituation Bezug
                   genommen: 
                   1.Person = sprechend, 2. Person = angesprochen,
                   3. Person = besprochene Person/Sache.
                   Das entspricht unserer Unterscheidung von
                   SP (Sprecher), KP (Kommunikationspartner),
                   KT (Kommunikationsthema).
Numerus    - Singular/Plural - das hatten wir differenzierter
                   gesehen, und vor allem mit der Frage der
                   Determination verknüpft.
                   Verknüpft ist ebenfalls die bisherige Kategorie
                   Person. 
Tempus     - Zeitstufen: Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft -
                   insgesamt sechs Tempora, verknüpft mit der 
                   Frage der Konjugationsform. Übersehen wird, 
                   dass semantisch Zeitaussagen auch auf anderem
                   Weg möglich  sind: "Morgen komme ich."
Genus verbi- Gemeint ist der Unterschied zwischen Aktiv und
                   Passiv. - In der Alternativ-Grammatik wird von der
                   aktiven Aussageform als der Normalform ausge-
                   gangen. Eine Transformation ins Passiv kann zwar
                   nach großem Umbau des Satzes aussehen; aber
                   semantisch ändert er nichts.
                   Mit dem Passiv ist es lediglich möglich, einen
                   anderen Aktanten in die Subjektposition zu rücken
                   (und damit  hervorzuheben). Daher wird hier dem
                   Aktiv-Passiv-Unterschied semantisch kein
                   Gewicht beigemessen. Auf ihn kommen wir in der
                   Pragmatik zurück, Stichwörter: "Umthematisierung"
                   (was eigentlich den 2.AKTANTEN bildet, wird in
                   Subjektsposition gerückt - und damit betont, zum
                   Thema erhoben.
Modus        Da muss man aufpassen: es werden darunter
                   Konjugationsformen verstanden
                   (Indikativ/Konjunktiv/Imperativ). Sie haben
                   natürlich eine semantische Funktion: 
                   "der Wirklichkeitsgrad des Geschehens" kann
                   unterschiedlich wiedergegeben werden. Übersehen
                   wird dabei, dass Modus ein viel weiteres Feld
                   ist. Z.B. durch Adverb kann ebenfalls eine
                   Modusveränderung vollzogen werden ("Vielleicht
                   komme ich morgen."). Vgl. bei uns: ID_4.08.

Bei konsequent semantischem Blick muss/kann man die Frage nach dem "finiten Verb" anders und einfacher beantworten: Sobald mit einer Verbbedeutung durch Hinzufügung eines Subjekts/1.Aktanten der Kern einer Prädikation gebildet wird, handelt es sich um eine finit gebrauchte Verbbedeutung. Die Frage nach Zeit, Modalität, aber auch - von der "Systemgrammatik Latein" übersehen - Ort, Sprechakt ergeben sich daraus von selbst.

Von einer infiniten Verbform spricht man - laut "Systemgrammatik Latein" -, wenn von den 5 Gesichtspunkten Person und Modus fehlen. Eine infinite Verbform gibt es in 5 verschiedenen Realisierungen:

Infinitiv     Cicero potuit in patriam redire 
Gerundium     Augustus rem publicam bene gerendo summam
                    sibi paravit gloriam 
Supinum       ire salutatum  - Verbalsubstantiv (finale
                    Ausrichtung - gehen um zu begrüßen), 
              Hoc est horribile dictu 
Gerundivum    virtus laudanda  - (passivisches Verbal-
                    adjektiv, sich vollziehender Vorgang)
Partizip      puer diligens  (als Attribut),
                    Pueri a rege Amulio expositi sunt 
                                     (als Prädikatsnomen)

In punkto Theorie sei wichtig, dass "infinit" dadurch zustande komme, dass die genannten zwei Bestimmungsstücke fehlen, dort also eine Nullstelle eingetragen werden kann/muss. Laut Alternativ-Grammatik: Es wird kein Subjekt hinzugefügt, die Verbform wird nicht verändert, also wird keine Prädikation gebildet. Folglich bleibt die Verbbedeutung infinit. Positiv gesagt: sie kann wie eine nominale Bedeutung in den verschiedenen Aktantenpositionen, Modal-Registern und Ort-/Zeitbeschreibungen eingesetzt werden.