4.025 Methodische Ebenen und Vereinbarungen I

Aus Alternativ-Grammatik
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Der Anmarschweg, bis man endlich eine erste Einheit auf Bedeutungsebene zur Verfügung hat, ist - wie hier illustriert - schon ziemlich anspruchsvoll. Im alltäglichen Sprachgebrauch läuft das meiste spontan und unreflektiert ab. Aber wir wollen uns ja Zeit nehmen und die einzelnen Etappen und Ebenen genauer beleuchten.


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1. Einzelsprache Deutsch

1.1 Goethe: "Grau, teurer Freund ..."

Bezug: ID 4.025 http://www.alternativ-grammatik.de/pdfs/id4025.pdf SEMANTIK Methodische Ebenen und Vereinbarungen I

Zum Schluss der 4 Seiten heißt es:

„ [… …] Denn das GOETHE- Zitat muss in mehrere Äußerungseinheiten geteilt werden:

»Grau,| teurer Freund, | ist alle Theorie | und grün des Lebens goldner Baum«.

Der Vokativ steht isoliert. »und grün« führt nicht »Theorie« fort, sondern gegensätzlich das »grau«. Solch ein Bezug in Fernstellung verlangt, dass das »und« als Beginn einer neuen Äußerungseinheit gewertet wird. Also erfüllt das +UND+ seine Funktion bereits im Rahmen der PRAGMATIK (vgl. ID 4.1112).“

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Alternative kombinierte Analyse und Interpretation (J. Germann):


1. Syntax (und Teile der Semantik)

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum«.

Untergliederung des Zitats:

»Grau,| teurer Freund, | ist alle Theorie | und grün [ist] des Lebens goldner Baum«.

(1) Satzbau: H –, Sg [Anrede], – S und S

[HS und S = „zusammengezogener Hauptsatz“ mit eingeschobener Anrede]

(2) Satzglieder

[Prädikativ1+] | Anrede: Attribut + Nomen | [+Hilfsverb] = [Prädikat1] Attribut Subjekt(1) | [Konjunktion] | [Prädikativ2] vorgezogenes Attribut zu Subjekt 2 Attribut Subjekt(2)


(3) Wortarten

Adjektiv Adjektiv Nomen Hilfsverb Numerale Nomen Konjunktion Adjektiv Artikel Nomen Adjektiv Nomen


2. Pragmatik ist der hermeneutische und heuristische „Ansatzpunkt“ einer Interpretation

Die Redesituation ist gekennzeichnet durch die eingeschobene Anrede „teurer Freund“, eine positiv wertbesetzte Anrede an jemanden, der als Freund 1. dem Sprecher nahesteht, 2. wertvoll ist („teuer“) und dem man 3. eine Erkenntnis widmet, ja ihn „belehrt“ aus der Sicht des Sprechers. Das Bonmot ist von seiner Intention her apodiktisch als „Wahrheit“ und Belehrung formuliert und duldet keinen Widerspruch. Der Sprecher gibt sich überlegen.

3. Syntax und Details zur Semantik: Die wertbesetzten Farbadjektive werden gezielt für das „Bonmot“ eingesetzt, das apodiktisch wirkt: Aussage über die Theorie: sie sei „grau“ (Hauptaussage steckt im Prädikativ, einem Adjektiv!); gemeint kann sein sachlich: Hauptbedeutungen (Denotation) „farblos, ohne Farben“ – aber viel mehr wertende, negative Nebenbedeutungen (Konnotationen) können mitgemeint sein und sollen mitgedacht werden: eintönig – unerkennbar einförmig – leblos – langweilig → eben das Gegenteil des bunten „Lebens“. Das verallgemeinernde "alle" Theorie verstärkt das Apodiktische und Negative seiner Aussage.

Die zweite Aussage („Prädikation“) steckt wieder in einem „Prädikativ“ – grün – des zweiten, unvollständigen Satzes[, hier des zusammengezogenen Hauptsatzes „HS und S“, dem der verbale Teil des Prädikats „ist“ fehlt – da dieses Hilfsverb ja schon im HS steht und mitgedacht werden kann]. Auch hier ist die Denotation (Hauptbedeutung) – bezogen auf das neue Subjekt, die Metapher „Baum“ – sachlich nur: „von der Farbe Grün“, wichtig ist hier aber der positive Gegensatz, die Gegenüberstellung zu „grau“: die wertenden, positiven Konnotationen sind hier gemeint und können mitgedacht werden: Grün als positiv anmutende Farbe (für Pflanze, Gewächs, Natur), erfreulicher Anblick, steht für wachsend, dynamisch und nutzbringend – all das, was einen Baum positiv ausmacht.

Die dritte Wertung steckt in einer 2. Attribuierung zur Metapher: „[des Lebens goldner] Baum“ (als Subjekt des „S“ = Satzes im zusammengezogenen HS) steht für „Leben“, das eigentliche Thema der 2. Prädikation und dessen, was der Autor im Gegensatz zur „Theorie“ hoch schätzt. Der „goldne“ – eigentlich sach- und sinnwidrig attribuierte – „Baum“ steht allenfalls für die sehr positive, wertschätzende Konnotation „wertvoll“ und „beständig", dauerhaft. Und dies alles steht im zweiten, gedoppelten Gegensatz zu „grau“: das ist allenfalls etwas Wertlos-Blasses ohne Leben – so Goethes doppelte Geringschätzung und Missachtung der Theorie. Freilich kann der Autor das „Leben“ nicht zum Subjekt gegenüber dem ersten „Theorie“ machen: Das klänge irgendwie a-logisch und lächerlich:

≫Grau,| teurer Freund, | ist alle Theorie | und grün [ist das Leben, ein] goldner Baum≪.

Dabei kommt übrigens auch noch der logisch-sachliche Widersinn der beiden Farbattribute zum Vorschein: das Leben ... ein „goldner Baum“, der „grün“ sein soll, stellt zumindest einen Bruch in der Metaphorik dar. Daher ist die raffinierte Syntax von Goethes Ausspruch zugleich ein Schutz gegen zu offensichtlich widersinnige und kritisierbare Diktion.


4. Fazit: Intention und Botschaft des Goethe’schen Apodiktums und Bonmots ist, nicht nur seinen Freund, sondern alle, die ihm „teuer“ sein wollen, darüber zu belehren, dass "alle" [damals übliche?] "Theorie" – der Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften? – ihm eher wertlos und eintönig-leblos erscheine, ja: minderwertig gegenüber dem Leben sei. Denn das Leben, so seine Botschaft, sei das eigentlich Dynamische, Wertvolle, Farbenfrohe und Reale. Dafür setzt der Autor drei eindeutig wertbesetzte Farbadjektive ein – zweimal als Prädikativ, einmal als Attribut – und die positive Metapher "Baum". Theorie bedeutet für ihn "Verdruss" , "Verlust" - Leben hingegen "Gewinn", "Freude". Sein Bonmot ist überlegen und apodiktisch formuliert, erlaubt keinen Widerspruch und kaschiert seine Schwäche durch eine raffinierte Syntax.


5. Historischer Kontext-Hinweis:

Aus Goethes Biographie und Schriften ist bekannt, wie argwöhnisch und abgeneigt er gewissen „Theorien“ gegenüberstand – nicht zuletzt gegenüber seinem „teuren Freund“ Friedrich Schiller.

--J.Germann (Diskussion) 20:44, 13. Okt. 2014 (MET)