4.02 Bedeutung / SEMANTIK

Aus Alternativ-Grammatik
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»Sprache« kann man sich durchaus als Fluss vorstellen. Folglich sind zweierlei Ufer im Spiel. Erst durch die beiden Begrenzungen entsteht das Gebilde »Fluss«. Bislang beschäftigten wir uns mit einem Flussufer – bei Sprache ist es die Ausdrucksseite. Nun wird es Zeit, auf die Seite der Bedeutungen überzuwechseln. Und zwar: Zur wörtlich unmittelbar ausgesagten Bedeutung! Aller Bewertung enthalten wir uns hier - noch. D.h. auch: man folgt jeder Unwahrscheinlichkeit, jedem Witz, jeder Lüge genauso wie einer von vornherein und unauffällig seriös klingenden Information. Es wird dann Aufgabe der Pragmatik sein, kritische Maßstäbe anzulegen. Die SEMANTIK nimmt das sprachlich Gebotene für bare Münze. Das geht deshalb leicht, weil wir hier nicht Sachverhalte untersuchen, sondern Sprache - das sollte man nie vergessen!

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0. Zur Theorie

0.1 Ausdrücke + 'SCHLÜSSEL1 + SCHLÜSSEL2' + Bedeutungen = Geheimbotschaften

Versenden kann man keine Bedeutungen, nur physikalische Signale. Der Empfänger liest sie, kennt im Normalfall den Code, d.h. weiß dass eine geschriebene Kette von Schriftzeichen folgende Bedeutung hat: ... Es ist wichtig, dass Sender und Empfänger die gleiche Sprache als Grundlage haben. Nur dann kennen sie die Konvention, die eine Kette mit Schriftzeichen mit einer Bedeutung verknüpft. Geheimdienstler würden von Schlüssel sprechen. Normalmenschen benutzen als Schlüssel ganz einfach ein Wörterbuch. Alles, was kursiv geschrieben ist, meint eine Gleichsetzung, die man gelernt haben muss. Nur so ahnt ein Nicht-Franzose, dass mit agréable die Bedeutung <<ANGENEHM>> verbunden ist. Hat er die Sprache, den Code, den Schlüssel, die Konvention nicht gelernt, steht er wie der Ochs vor dem Berg, d.h. der Wortkette agréable.

Das Senden einer Botschaft durchläuft oft Zwischenstationen. Diese sollen bisweilen nicht lesen und verstehen können, was da gesendet wurde. Also verschlüsselt man die Botschaft. Es kommt also ein zweiter Typ Schlüssel hinzu: er verunstaltet die Kette von Schriftzeichen. Natürlich muss auch in diesem Fall der Empfänger die Kenntnis dieses zweiten Schlüssels haben - ansonsten steht er ebenfalls wie der Ochs vor dem Berg - obwohl er höchstwahrscheinlich die zugrundeliegende Normalsprache beherrscht. Nehmen wir an, diese sei Französisch. Was der Empfänger aber zunächst zu sehen bekommt, ist alles andere als Französisch. z.B. 9a1g8r2é7a3b6l4e5 - Ist das Prinzip des zweiten Schlüssels klar?

Also muss die empfangene Botschaft erst dechiffriert werden, damit sie wieder aussieht, wie eine gewohnte Wortformenkette jener Einzelsprache. Und dann erst kann man sich den Bedeutungen widmen. Um diesen zweiten Typ Schlüssel geht es. Einen solchen zu entwickeln, dazu sind keine Sprachwissenschaftler gefragt, sondern Mathematiker. Geheimdienste sind erpicht darauf, Schlüssel zu verwenden, die der Feind möglichst nicht kennt, so dass ihm die Botschaften rätselhaft bleiben. - Im aktuellen Fall reicht es, die Zahlen aus den Buchstaben rauszunehmen. Ihre tiefsinnige Abfolge braucht nicht beachtet zu werden.

Fachbezeichnung der Verschlüsselungsexperten: Kryptologen. 'Fachleute fürs Verstecken' - so könnte man vom Griechischen her ganz wörtlich übersetzen.

Die Verschlüsselung gelingt bisweilen so gut, dass hinterher weder Freund noch Feind die Botschaft wieder lesbar machen können. Ein Beispiel liefert der SPIEGEL-online Bericht von Ende Nov. 2012. Auszüge:

Kein Code ist unknackbar - das glaubt zumindest jeder,
der Ermittlern oder Geheimagenten in Film und Fernsehen
zusieht. Die geben eine verschlüsselte Nachricht einfach
an eifrig wartende Computerexperten weiter - und können
sich wenig später über das Ergebnis freuen. Dass das mit
der  Realität nicht immer etwas zu tun hat, zeigt sich
nun in Großbritannien.
Dort hatte der Fall einer Brieftaube für Schlagzeilen
gesorgt, die in Surrey bei Renovierungsarbeiten in einem
Kamin gefunden worden war. Das Tier hatte eine undatierte,
verschlüsselte Nachricht aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs
bei sich. Für geübte Codeknacker müsste deren Entschlüsse-
lung nur eine Frage der Zeit sein. Dachte man jedenfalls.
Doch nun müssen selbst die Krypto-Profis vom britischen
Geheimdienst GCHQ ("Government Communications Headquarters")
eingestehen: Der Taubencode ist wohl nicht zu knacken -
zumindest nicht ohne alte Hilfsmittel und viel Glück. Man
habe keine großen Hoffnungen gehabt, den Text lesbar zu
machen, zitiert die "BBC" nun einen Historiker des
Geheimdienstes.
Die handgeschriebene Nachricht besteht aus 27 Gruppen von
jeweils fünf Buchstaben: "AOAKN", "HVPKD" und so weiter.
Ein "Sergeant W. Stot" hat den Text wohl an einen bis heute
unbekannten Empfänger unter der Bezeichnung "X02" geschickt.
Die Verwendung einer Brieftaube war dabei nicht ungewöhnlich:
Die Briten hatten 250.000 von ihnen im Kriegseinsatz,
berichtet GCHQ. Alle Bereiche der Armee hätten ebenso auf
die tierischen Kuriere gesetzt wie auch die Agenten des
Geheimdienstes SOE ("Special Operations Executive").
...Noch schwieriger wird es beim Inhalt der Nachricht. Um
die Botschaft zu verstehen, wären alte Codebücher nötig.
Doch welches der zahlreichen Modelle der Briten? Das weiß
niemand.
Möglicherweise wurde zur Verschlüsselung des Textes ein
sogenanntes One-Time-Pad (OTP) genutzt. Das ist ein vom
US-Kryptologen Gilbert Vernam erstmals vorgeschlagenes
Codierverfahren, das - mathematisch nachweisbar - nicht zu
knacken ist. Zumindest, wenn man es richtig verwendet.
In der Praxis kommen OTPs zwar eher selten zum Einsatz,
weil der nötige Schlüssel mindestens so lang sein muss wie
der zu verschlüsselnde Text. Auf jeden Buchstaben des
Ausgangstextes wird dann einmal der entsprechende Buchstabe
des Schlüssels angewendet - und fertig ist der Code. Aller-
dings kann der Schlüssel, der Name legt es nahe, nur einmal
eingesetzt werden. In der Praxis ist das lästig.
Falls die Nachricht an "X02" nun tatsächlich mit einem OTP
verschlüsselt wurde, bleibt sie womöglich unlesbar. Wenn
der Schlüssel vernichtet wurde, gibt es keine echte Chance
zur Entschlüsselung. Es sei, so sagt man beim GCHQ, in
gewisser Weise auch ein Kompliment für die Krypto-Experten
der Kriegszeit, dass diese trotz des großen Stresses
damals bis heute unknackbare Codes fabriziert hätten.
Vielleicht finde sich ja aber doch noch eines Tages irgend-
wo ein Codebuch, das bei der Lösung des Falles helfe. Man
freue sich über Hinweise noch lebender Mitarbeiter aus den
Kommunikationszentralen, heißt es beim GCHQ...

0.2 Vereinbarung: die selbe Kategorie gilt weiter!

Im Bedeutungsbereich - und weil wir ja maulfaul und rationell ausgerichtet sind - gilt: eine Grundinformation (vgl. die einzelnen Hauptstichwörter der Semantik) gilt so lange weiter, bis sie durch ein anderes ersetzt/abgelöst wird.

Gleichbleibendes Subjekt/1.Aktant: Diesen Fall kennt man.
Im ersten Satz wird deutlich gesagt, wer die handelnde
Figur ist. In den Folgesätzen wird nur noch von "er" oder
"sie" gesprochen. Man weiß ja, wer damit gemeint ist.
Orts-/Zeitangaben - als weitere Beispiele: In meiner
Erzählung teile ich zu Beginn mit, wo und wann der
entscheidende Treff stattfand: "am Bahnhof Mössingen,
mittags um 15 Uhr". Dann wird die Szene geschildert - ohne
dass aber Ort/Zeit nochmals ständig wiederholt werden.
Darüber ist man ja vom ersten Satz her informiert.

Im Grund ist dies schon ein pragmatischer Gesichtspunkt: der einzelne Satz lässt mich im Unklaren über Subjekt / Ort / Zeit - als Beispiele. Aber durch Kontextbeobachtung können diese Leerstellen leicht gefüllt werden.

In diesem Mechanismus können auch Ursachen von Fehlleistungen liegen: ein nachlässiger Schreiber vergisst, die Leser/Hörer darüber zu informieren, dass er geistig schon eine Stufe weitergedacht hat. Dann ist der Schreiber gedanklich z.B. schon beim neuen Ort, die Leser/Hörer sind aber immer noch der Meinung, das Geschilderte spiele sich am zuletzt genannten ab.

0.21 Konvention: Ausdruck + Bedeutung

Wie ein Ausdruckselement zu verstehen sei, muss festgelegt, vereinbart werden. Andernfalls funktioniert die Verständigung nicht. Eine solche Konvention kann man auch ganz praxisnah einrichten:

Der Chef zum neuen Auszubildenden: "Damit du Bescheid weißt:
Ich bin einer, der nicht viele Worte macht. Wenn ich dich
brauche, schnippe ich mit den Fingern, und du kommst sofort.
Ist das klar?" - "In Ordnung, Chef", meint der Azubi.
"Ich mache auch nicht viele Worte. Wenn ich mit dem Kopf
schüttle, komme ich nicht!"

0.22 Fremde Sprache lernen

... kann trotz Vorbereitung in der Schule mühsam sein. Die im neuen Umfeld geltenden Konventionen müssen nicht nur gebüffelt, sondern in Gesprächen solide beherrscht werden: mit welchen Ausdrücken (=Ausdrucks-SYNTAX) verbinden sich welche Bedeutungen (=SEMANTIK) in welchen Situationen (=PRAGMATIK)? Vgl. Erfahrungen des Fußballers Hamann: [1]

0.23 Geheimbotschaften beim Fußball

Bei der Ausführung eines Freistoßes:

Einen Arm heben oder zwei, die Kugel nochmal zurechtlegen
- das kann bedeuten, dass der Ball weit geschlagen wird
oder kurz, erst in drei Sekunden oder dass im letzten
Moment zwei weitere Angreifer aus dem Rückraum vors Tor
laufen sollen. Wer das weiß, kann Gegenmaßnahmen treffen,
Räume verstellen, rechtzeitig Leute zur Bewachung
einteilen. (SPIEGEL 21/2015)

Schön kann man an dieser 'Fußballersprache' ablesen, was für jedes Zeichensystem gilt:

  • Man braucht wahrnehmbare, den Sinnen zugängliche "Ausdrücke", in diesem Fall unterschiedliche Gesten.
  • Die Mannschaften treffen im Voraus eine Vereinbarung, welche Verhaltensweisen aussagekräftig sein sollen, also Sprachcharakter erhalten.
  • Zu vereinbaren ist auch, welche Bedeutung mit der jeweiligen Geste in Verbindung zu bringen ist. Zwei Mannschaften können die gleiche Geste benutzen (z.B. ruhenden Ball hochheben und nochmals hinlegen), aber unterschiedliche Bedeutungen damit anzeigen. Die Verbindung zwischen "Ausdruck" und "Bedeutung" ist - so würden Sprachwissenschaftler sagen - arbiträr, d.h. willkürlich festgelegt.
  • Darin liegt der Grund, warum wir zwischen (Ausdrucks-)SYNTAX und SEMANTIK eine derart radikale Unterscheidung praktizieren (im Gegensatz zur gängigen Schulgrammatik).
  • Folglich im Gegenzug: Pech, wenn ein Mitspieler vergessen hat, welche Bedeutung für eine bestimmte Geste vereinbart worden war. Um kompetent 'im Spiel zu bleiben' muss man die gemeinsame Vereinbarung weiterhin kennen.
  • Gleichfalls Pech, wenn die gegnerische Mannschaft durch Auswertung von Videos oder sonstige 'Spionage' den Code des Gegners knacken konnte. Dann kann man sich strategisch besser darauf einstellen.

0.24 Geld und Opfer

Bezahlt wird mit Münzen und Scheinen. Im online-Verkehr oder bei Kreditkarten - verdünnisiert - mit Zahlenkolonnen und Passwörtern. Das sind "Objekte", Zahlungsmittel sehr unterschiedlicher Art.

Der Zahlungsverkehr ist aber nur möglich, wenn mit jenen "Objekten" = Ausdrücken auch Werte verbunden sind. Wie kommt es zu dieser Verbindung von "Objekt + Wert"? - Aus einem Interview in (SPIEGEL 21/2015):

Türcke: Die Zahlung hat im Opferkult ihren Ursprung.
Das Urgeld war, nach allem, was sich rekonstruieren lässt,
das Menschenopfer. Sein Gegenwert, der Schutz durch höhere
Mächte, war völlig imaginär, die Zahlung selbst aber
furchtbar real.
SPIEGEL: Die Entstehung des Religiösen wäre demnach
gleichbedeutend mit der Entstehung des Geldes und aus der
Verarbeitung des Naturschreckens zu erklären?
Türcke: Man versteht die Geschichte der Opfer und damit
die Geschichte der Zahlungsmittel nicht, wenn man sie nicht
als eine Substitutionsgeschichte durchschaut: vom Menschen-
opfer über das Tieropfer zur Opfermünze bis hin zum
Papiergeld. Die Opfer der Frühzeit wurden im Laufe vieler
Jahrtausende durch immer weniger schreckliche, immer
erträglichere, immer kostengünstigere Zahlungsmittel
abgelöst.
SPIEGEL: Die ursprünglich sakrale Opfergemeinde hatte
damit das Outsourcing von Schuld ersonnen, man kaufte sich
frei?
Türcke: Zumindest wirtschaftete man immer mehr an
den Göttern vorbei und sozusagen in die eigene Tasche.
Nur so haben der Tempel- und dann der Staatsschatz entstehen
können. "Capital" heißt ja wörtlich todeswürdiges Verbrechen.
Die ersten großen Anhäufungen von Edelmetall wurden durchaus
als Unrecht gegenüber den Göttern verspürt.

0.25 Schäkerei zwischen Ausdruck und Bedeutung

Plakat an einem Palais in Wien (eigenes Bild): [2]

  • Als Binnenländer (in Wien) kann man sich durchaus nach dem "Meer" sehnen.
  • Auf Ausdrucksebene = (Ausdrucks-)SYNTAX und dann akustisch realisiert würden "Meer" und "mehr" gleich klingen.
  • Auf Bedeutungsschiene = SEMANTIK/PRAGMATIK: Der Sprecher konstatiert einen Mangel und wünscht sich Zusätzliches - das spräche für "mehr".
  • Die Verbbedeutung <<FEHLEN>> = "Mangel konstatieren" liefert keine Klärung. Daher ist die Frage aufgeworfen: Hat der Schreiber orthografische Schwierigkeiten - schreibt "Meer", bräuchte aber "mehr"?
  • Wenn "mehr"//"fehlen" gelten würde, läge eine Wiederholung vor: 2x das Konstatieren eines Defizits.
  • Es wäre dann aber immer noch unklar, wovon der Mangel ausgesagt würde: Was fehlt; vgl. [3] - irgendetwas ist impliziert, also nicht ausgesprochen?
  • "Meer" ist implizit auch ein Sprachbild für Unendlichkeit, deutet also in unabgrenzbare Weiten; vgl. [4]. Ist der Schreiber unersättlich?
  • Oder handelt es sich um eine weise Selbstbeschränkung: es wird die eigene Begrenzung akzeptiert?

... oder will der Schreiber die Leser an der Nase herumführen (und deswegen das Plakat an belebter Straße)? Jedenfalls funktioniert der Gag genau deswegen und bringt geistig in Schwung, weil klar unterschieden wird zwischen Ausdrucksebene und der der Bedeutungen.

0.3 Mensch <=> Tier

Vor allem die Menschenaffen kommen der Spezies "Mensch" doch recht nah. Oder umgkehrt - nach G. C. Lichtenberg komme unter allen Tieren der Mensch den Affen am nächsten ...

Über Ausdrucksrepertoire - die Ebene von [5] - verfügen Menschenaffen reichlich und differenziert. Laute, Gesten, Bewegungen u.ä. werden eingesetzt, um Botschaften zu übermitteln, Botschaften - das ist der entscheidende Punkt -, die für die aktuelle Zeit, die Zeit der Äußerung, gültig sind: Es werden aktuelle Gefühle signalisiert: Erregung, Drohung, Freude, Angst u.ä. Diese Botschaften folgen zwar nicht einer der menschlichen Sprache vergleichbaren Struktur, aber sie sind verstehbar.

Was komplett fehlt, ist die Fähigkeit, mit den Ausdrücken Inhalte zu formulieren, die nichts mit der unmittelbaren Gegenwart zu tun haben. Vorstellungen, Erwägungen, Wertungen von Erinnertem usw. Man könnte nun die Kategorien der Semantik durchgehen, mit denen der Mensch im Wortsinn Sachverhalte beschreiben und einschätzen, überlegen kann, die nicht unmittelbar schon zugänglich sind. Ab der Semantik, erst recht dann bei der Pragmatik wird deutlich, dass natürliche Sprache hilft, sich von der unmittelbaren Lebenswelt zu distanzieren. Man kann vieles auf den Begriff bringen, sich fiktive Geschichte ausdenken, ganze Romane, - Inhalte, die in sich stimmig, spannend, weiterhelfend usw. sind, die aber nichts direkt mit der vorfindlichen Welt zu tun haben müssen.

Die Schwelle zwischen Ausdrücken und Bedeutungen markiert die Grenze zwischen Menschenaffen und Menschen. Sprache als geistiger Raum für Imaginationen, die anderen mitteilbar sind, bleibt den Primaten verschlossen.

0.4 Programmiersprachen

Bisweilen hört man, P. hätten keine Semantik. - Das stimmt so nicht. Ein Programm, das man möglichst korrekt schreibt, vgl. [6], erfüllt ja Zwecke, die in Unterschritten abgearbeitet werden. Also sind sehr wohl Bedeutungsfunktionen auf der technischen Ebene von Computerprogrammen eingeschlossen.

Es ist sogar so, dass die Opposition: Ausdrucksebene - Semantik besonders klar abgebildet wird. z.B. durch das Stichwort Wertzuweisung. Programme sind ja dann besonders nützlich, wenn ein Programm bei vielen Aufgabenstellungen eingesetzt werden kann. Die Objekte / Daten, mit denen man arbeitet, sind dann sehr unterschiedlich. Sie gleichen sich nur darin, dass sie alle - im Fall von Texten - aus Elementen der Klasse "Schriftzeichen" (in natürlichsprachigen Texten) bestehen. Aber die Fragestellung für das Programm soll bei allen zu untersuchenden Texten die gleiche sein.

Es soll z.B. darum gehen, dass mit der "Buchstabenzahl"
eines Textes weitergearbeitet wird. "Buchstabenzahl" ist
eine Teilmenge der "Schriftzeichenzahl".
Mein Programm sieht zunächst nur diese VARIABLE vor: die
mit dem Wort "Buchstabenzahl" benannt wird.
Dieses Wort fungiert als "Name", stellt aber erst eine
Art 'leere Schublade' dar. Es ist noch unklar, worauf,
auf welchen "Wert", dieser "Name" verweist. Anders
gesagt: das 'Etikett' liegt vor.
Es muss noch erkannt werden, worauf es verweist.
Ein Unterprogramm zählt nun beim aktuellen Text die
Buchstaben - und nur sie -, erzielt also einen
"Zahlenwert".
Mit diesem Zahlenwert wird im Hauptprogramm die VARIABLE
"Buchstabenzahl" gefüllt - und mit diesem aktuell gültigen
numerischen "Wert" kann dann das Hauptprogramm
weiterarbeiten.
Beim nächsten Einzeltext mit dann natürlich anderem Zahlenwert
die gleiche Prozedur. Das Programm selbst - mit den vorge-
sehenen 'Etiketten' - kann das gleiche bleiben.

Den Vorgang kann man sehr gut mit dem Verhältnis von (Ausdrucks-)SYNTAX und SEMANTIK vergleichen: Eine Schriftzeichenkette auf Ausdrucksseite (= 'Wort', 'Namen') wird mit einem 'Wert' in Verbindung gebracht. Letzterer ist von nun an der Inhalt der VARIABLEN.

0.5 "Wortarten"

Zur besseren Verständigung: Die Standard-/Schulgrammatik packt manche Gesichtspunkte, die wir in SEMANTIK/PRAGMATIK als Thema der Bedeutungen behandeln, in den Begriff der "Wortarten", kombiniert also - unserer Ansicht nach zu früh - "Bedeutung" und die Frage, wie dieses Bedeutungselement im Bereich der "Wörter" zu erscheinen pflegt. Dennoch sollte man die "Wortarten" der Standardgrammatik kennen. Eine hilfreiche und amüsante Übersicht bietet J. Germann:

[7]

Indem wir "Ausdruck" und "Bedeutung" viel stärker trennen, vermeiden wir Mängel, die der Standardgrammatik anhaften:

  • Die Nicht-Trennung leistet dem Missverständnis Vorschub, jene Bedeutungsfunktion könne nur durch die mitgenannte Wortform realisiert werden. In aller Regel gibt es sehr viel mehr Realisierungsmöglichkeiten.
  • Was durch den Katalog der Wortarten bedeutungsmäßig ins Spiel gebracht wird, ist nur ein geringer Ausschnitt dessen, was SEMANTIK/PRAGMATIK an Nuancen bereithalten.

0.6 Prinzipieller Unterschied zwischen (Ausdrucks-)SYNTAX und SEMANTIK/PRAGMATIK

Von Oscar Wilde gibt es den Satz:

              Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol.

"Kunst" - in welchem Medium auch immer (Buchstaben/Laute, Bild, Holz, Stein, Film, Ballet, Musik usw.) - dient der Kommunikation, will etwas mitteilen. Vollkommen logisch, dass jede Kunst/Sprache zwei Seiten benötigt:

  1. eine Seite, die das Ausgedrückte wahrnehmbar macht - Wildes "Oberfläche".
  2. aber damit ist als zweites und eigenständiges Moment verbunden: die Mitteilung, die den Empfänger/Wahrnehmenden erreichen soll.

Beide Seiten sind für sich vollkommen getrennt. Aber - das macht eben die künstlerische Gestaltung aus: über die Wahrnehmung der gut gestalteten 'Oberfläche' werden wir vorgeprägt, was das Verstehen des 'Symbols', der 'Bedeutung' betrifft. Alltagssprache dagegen verzichtet auf derartig aufwändige Gestaltung, da driften 'Oberfläche' und 'Bedeutung' meilenweit auseinander.

Wie auch immer: Methodisch heißt dies, dass
für beide Seiten eine eigene Methode der Beschreibung
benötigt wird.
Innerhalb des Bedeutungsbereichs unterscheiden wir nochmals:  
'direkt ausgesprochen - gemeint'.

Surrealist René Magritte, vgl. [8], malte z.B. täuschend echt eine Tabakspfeife und schrieb in das Bild hinein "Ceci n'est pas une pipe". Das Gleiche bei der Darstellung eines Apfels - "This is not an apple". Damit praktiziert der Künstler genau die Unterscheidung, für die wir hier werben, und die - wenn man sie denn übernimmt - ein starkes Klischee im allgemeinen Sprachgebrauch durchbricht, neue Aufmerksamkeit auf "Sprache" richtet. Der Maler hat in doppelter Hinsicht Recht:

  • das täuschend echt gemalte Objekt, ist in der Tat kein Apfel bzw. keine Pfeife, sondern es ist das Bild jeweils davon. Klingt trivial, sollte man aber nicht stillschweigend übersehen. Eindeutig die Konsequenzen für das Verhalten - auch das ist letztlich ein Gesichtspunkt der PRAGMATIK: auf einer gemalten Pfeife kann ich nicht rauchen, in einen gemalten Apfel nicht reinbeißen.
  • Aber schon ohne Bild, nur den Satz betrachtend, gilt: Weder "ceci" bzw. "this" ist - obwohl ganz wörtlich so ausgesagt - eine "Pfeife" bzw. "Apfel" -, sondern jeweils ein Pronomen, das auf ein passendes Objekt in meiner Vorstellungswelt verweist. Das ist dann erst "Pfeife" bzw. "Apfel", genauer: des Malers grafisch dargebotene Vorstellung davon.


0.6.1 "Wort des Jahres 2016": postfaktisch

[9] Die "Gesellschaft für deutsche Sprache" sieht die Neubildung des Adjektivs als typisch an in der gegenwärtigen bundesrepublikanischen Öffentlichkeit: Immer mehr würden Fakten, Wahrheit und Wirklichkeit ignoriert, stattdessen werde verstärkt auf Meinungen und Gefühle gesetzt. - Aus Sicht der Alternativ-Grammatik kann nur die Fassungslosigkeit über diese Entscheidung/Begründung der Sprach-Experten konstatiert werden. Einige wesentliche Argumente.

  • Seit exakt 100 Jahren (de Saussure) weiß man in der Sprachwissenschaft, dass niemand direkten Zugang zu Fakten/Wahrheit/objektive Wirklichkeit hat, sondern nur durch sprachliche Konventionen - es sei denn, er macht dumpf lediglich rein physische Erfahrungen;
  • Was als "Faktum" gelten soll, darüber muss man sich in der Sprachgemeinschaft vergewissern. Das "Faktum" ist folglich etwas, was von vielen problemlos, in vergleichbarer Ausdrucksweise so artikuliert wird. Es gibt keinen Zugang zum "Faktum" ohne breite, als selbstverständlich angenommene, von der Mehrheit akzeptierte Sprachregelung. - Minderheiten, die zwar eine bessere Erkenntnis / Analyse / Sprachregelung hatten, mussten dies in der Geschichte oft genug schon mit Verfolgung, wenn nicht gar mit dem Tod bezahlen.
  • Dass mit solchen sprachlich erschlossenen Fakten in aller Regel auch Gefühle verbunden sind, ist das Normalste von der Welt.
  • Die GFDS widerspricht sich selbst: Sie kritisiert den Umgang mit dem Wort "postfaktisch" und praktiziert ihrerseits:
    • Sie hat eine Gremienentscheidung zum aktuellen Sprachgebrauch getroffen, also - semiotisch - eine Sprachkonvention übereinstimmend festgestellt. Ob diese ihre Meinung vom Rest des Volkes geteilt wird - also der Wahrheit entspricht -, kann nirgendwo objektiv kontrolliert werden; die sich anschließende öffentliche Debatte wird einen Hinweis geben;
    • Diesen Sprachgebrauch - "postfaktisch" - hat die DGFS als besonders herausragend - "1. Platz" - qualifiziert, also bewertet, damit ein Gefühl artikuliert.

In der Sicht der Alternativ-Grammatik ist darauf mit folgenden Punkten zu antworten:

  1. Unsere "(Ausdrucks-)SYNTAX" [10] ist streng auf Artikulation/Schrift = Codierung in einem physischen Medium - reduziert, frei von Bedeutungen (im Gegensatz zu den Schulgrammatiken).
  2. Die aktuell beginnende SEMANTIK stellt Grundbegriffe - gleichgültig für welche Einzelsprache - unseres Gehirns zur Verfügung. Damit werden BEDEUTUNGEN analysiert, - viel differenzierter als es in Schulgrammatiken Standard ist. Diese Bedeutungen sind in der jeweiligen Sprachgemeinschaft mit jenen Ausdrücken verbunden. Die Verknüpfung - einzelsprachliches Ausdrucksrepertoire + allgemeinsprachliche Bedeutungen - musste also irgendwann in der Gemeinschaft gelernt worden sein. 'Objektiv' vorgegeben ist hier nichts.
  3. Für alles, was wir tun - aktuell interessiert der Sprachgebrauch -, ist das Modal-Register EPISTEMOLOGIE [11] zentral: ohne Wahrnehmung / Wissensverarbeitung - insofern "Meinung" - kann niemand sprechen/handeln.
  4. Dass dabei Wertungen/Gefühle mitlaufen - vgl. [12] - ist weder auffallend noch eigens erwähnenswert, sollte andern schon gar nicht zum Vorwurf gemacht werden.
  5. Es ist Aufgabe einer expliziten PRAGMATiK, vgl. [13], herauszuarbeiten, was aus den semantischen Vorbedingen in konkreten Kommunikationen Sinnvolles oder Unsinniges gemacht wurde.
  6. Pragmatische Auswertung ist auch - vgl. [14] -, dass hochemphatisch, vgl. [15] - etwa mit Redewendungen wie: "Fakt ist doch ...", "Wir müssen uns der Tatsache stellen,..." anderen die Redebeteiligung verboten wird: NII bei den Kategorien zum Sprecherwechsel.
  7. Wer mit "Wirklichkeit", "Faktum", "Wahrheit", "Objektivität" u.ä. operiert, arbeitet mit Abstrakta [16]: Im Wortsinn wird mit offenkundiger Klarheit operiert; genauer betrachtet = pragmatisch liegt sprachlich, geistig anspruchsvolle Komplexität vor. Viele AdressatInnen werden nicht folgen können. Das "postfaktisch" wird damit für die GFDS zur Falle: Was sie anstrebt/behauptet, zerstört sie gleich wieder mit ihrer eigenen Sprachverwendung: Einfache, leichte Überprüfbarkeit ist unmöglich.

Aber solchen Meinungsbildungsprozessen / Kommunikationen kann auch die GFDS nicht entrinnen. Sie sollte folglich nicht den Eindruck erwecken, als sei dies möglich. Bedenklich ist, wie blind für kommunikative Zusammenhänge die GFDS Entscheidungen verkündet. Man wüsste gern, welchen Meinungstypen sie das Wort verbieten, sie aus dem öffentlichen Diskurs verdrängen will. - Sprachbewusst auf SPIEGEL-online der Kommentar von J. Augstein: [17] (dort geht es auch um "Wahrheit"; das Thema ist ein anderes)


0.7 Noam Chomsky

Es mag sein, dass Sprachpädagogen während ihres Studiums sich mit "Generativer Grammatik" oder "UG = Universalgrammatik" und den damit zusammenhängenden Konzepten beschäftigen mussten. Hier sei nur festgestellt, dass ein vergleichbar radikaler Umstieg wie bei uns von SYNTAX zu SEMANTIK/PRAGMATIK sich bei Chomsky nicht findet. Seinem jüngsten Buch folgend seien einige Merkmale genannt: Vgl. N. Chomsky, Was für Lebewesen sind wir? Berlin 2016

  • Das gesamte Buch hindurch, mit vielen Blicken auf philosophische Strömungen wird versucht, Sprachanalyse an Materie, biologische Vorgänge, somit auch Naturwissenschaften zu binden. Vgl. S.66.95 u.ö.
  • Für philosophische Übersichten zur gen. Orientierung ist das Buch oft aufschlussreich. Es bleibt jedoch sprach-, zeichentheoretisch unterentwickelt.
  • "Syntax" wird von Anfang seines Wirkens an so verstanden wie in der traditionellen Grammatik ("Ausdrucks-" und "Bedeutungsebene" verquickt). Darin lag keine Neuerung. Auf dieser 'alten' Basis dann neue Formalisierungen. Die 'Sackgasse' der traditionellen Grammatik wird aber immer mitgeschleppt.
  • Semantisch/pragmatische Grundkategorien, als eigenständige geistige Mechanismen, werden nicht entwickelt/diskutiert. Folglich bekommt der Sprachinteressierte kein 'Handwerkszeug', mit dem er auf Bedeutungsebene operieren könnte.
  • Gemessen daran ödet der häufig vorgetragene Versuch, Bedeutungsanalyse an 'Objektivität' rückzubinden, bald an. 'Kognition' wird zwar hie und da erwähnt, wird aber nicht entfaltet, hat nach Ch. keine eigene Struktur. Es wirkt überholt, 'Sicherheit für die Sprachanalyse' durch Anleihen aus dem Bereich Natur/Dingwelt zu beschaffen. Trotz vieler Bezugnahmen auf die Philosophie: ein Vertrauen auf die Eigenständigkeit und Verlässlichkeit kognitiver Operationen wird nicht vermittelt.
  • Die Klarheit und Radikalität der Zeichendefinition - mit ihren methodischen Konsequenzen -, wie sie de Saussure vorgetragen hatte, wird nicht gesehen. Einmal wird zwar - zurecht - eine referenzielle Semantik zurückgewiesen (vgl. 113f). Was man positiv unter "Zeichen" laut de Saussure verstehen sollte, bleibt unerwähnt.
  • Auf solch schwacher Basis lassen sich keine schlüssigen Methodenebenen (wie unser Dreischritt: SYNTAX - SEMANTIK - PRAGMATIK) entwickeln.

1. Akustik/Schrift - direkt Sagen - indirekt Meinen

1.1 Ebenentrennung im Alltag

aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.

(162) Aber der hat das nicht verstanden. Akustisch schon
verstanden, also handymäßig Eins-a-Verbindung, da gibt es
gar nichts, aber rein hirnmäßig nicht ganz verstanden.
(166) "Wie hast du das gemeint?, hat er dem Milan ins Ohr
gebrüllt.
"Was?"
"Wie du das vorher gemeint hast."
"Jaja, ich bin nicht taub. Aber was gemeint?"
"Ihre Freunde, denen nichts ein Problem ist. Wie hast du
das gemeint?", hat der Brenner ein bisschen leiser gebrüllt.

1.2 Wörterlernen durch Kinder

Es ist anspruchsvoll, was Kinder beim Erlernen der Sprache bewältigen müssen:

  1. Auf akustischer AUSDRUCKS-Ebene sollte das Lautgebilde einigermaßen für andere verstehbar artikuliert werden.
  2. Auf BEDEUTUNGS-Ebene sollte die richtige = gängige Inhaltsvorstellung mit dem Lautgebilde verbunden sein - nur so wird sich das Kind andern gegenüber verständlich machen können.

Damit sind auch schon die möglichen Fehlerquellen in dieser Lernphase im Spiel: das Ergebnis der Sprachbemühung mag dann für andere öfters lustig sein - für das Kind steckt regelrecht Arbeit dahinter:

  • das angezielte Wort klingt dann so ähnlich wie das eigentlich richtige;
    • das Kind hat wesentliche Merkmale des Lautbildes verstanden - und ergänzt eigenständig den Rest. Für andere ist das lustig, sie ahnen oft zurecht, was das Kind eigentlich aussprechen wollte.
  • das Kind setzt bei der inhaltlichen Vorstellung an, die das ursprüngliche Wort weckt - nur weiß es das dazugehörige Lautbild nicht mehr. Also werden diese Vorstellungen mit anderen, schon bekannten Wörtern artikuliert. Vgl. nachfolgend "Windbeutel".

Vgl. [18]

2. Direkt Sagen - indirekt Meinen

2.1 William Shakespeare, "The Merchant of Venice", oder: Juristensprache

Shylock ließ es sich schriftlich geben, dass er dann, wenn der Kreditnehmer zum vereinbarten Zeitpunkt rückzahlungs-unfähig sei, von diesem 1 Pfund Fleisch abschneiden dürfe. Prompt fügte es sich, dass dem Kreditnehmer einige Schiffe untergingen und er tatsächlich den Kredit nicht zurückzahlen konnte. Vor dem Tribunal des Dogen klagt Shylock sein vertraglich, schriftlich festgehaltenes Recht ein. Der Konflikt eskaliert, aber juristisch ist gegen Shylock nichts zu machen. Er wetzt bereits das Messer, der Kreditnehmer wird gefesselt und angeschnallt.

Da gebietet ein junger Jurist Einhalt - die integrierte Verkleidungsszenerie übergehen wir - und verweist auf ein Problem im Vertragstext: Von "Fleisch" ist dort zwar die Rede, nicht aber von "Blut". Würde Shylock das Pfund Fleisch herausschneiden, dabei aber Blut vergießen, wäre er über den Vertrag hinausgegangen und hätte sich seinerseits schuldig gemacht.

Methodisch spielt Shakespeare durch:

  1. Juristensprache muss sich exakt und eng auf das beziehen, was geschrieben ist, auf die Wortbedeutung. Man muss also sehr genau zu lesen verstehen.
  2. Was möglicherweise mitgemeint ist, ist nicht justiziabel, sprachlich nicht fassbar, daher ohne Relevanz. Methodisch kämen also herein Präsuppositionen: 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen) - man weiß doch, dass Fleisch von einem lebenden Menschen nicht ohne Blut zu gewinnen ist - oder Implikationen: 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) - Shylock könnte sagen: Indem ich von "Fleisch" sprach, habe ich natürlich "Blut" mitgemeint. - Alles recht und gut. Aber im Vertrag, im Wortsinn, stand davon nichts. Juristisch sind diese Zusatzannahmen unerheblich.

Shakespeare führt damit - gewiss dramatisch überspitzt - hervorragend vor, was hier methodisch als Unterschied zwischen SEMANTIK und PRAGMATIK bezeichnet wird.

3. "Handlung" - geistige Vor- / Begleitstufen

Nachfolgend wird im Kapitel "SEMANTIK" ein Begriffsinventar ausgebreitet - es kann dann noch mehrfach wiederverwendet werden. Wird eine einzelne Handlung berichtet, so ist damit schon ziemlich viel vorausgesetzt. Dafür sollte sich der Blick öffnen - auch mit Hilfe von passenden Begriffen.

3.1 Paul Valéry

"Ich komme zurück auf den Mann, der geht. Wenn dieser
Mann seine Bewegung beendet, den Ort, das Buch, die
Frucht, den Gegenstand seines Verlangens erreicht hat,
so hebt diese Besitzergreifung seine ganze Handlung auf,
die Wirkung verschluckt die Ursache, der Zweck sein Mit-
tel; und von allen Modalitäten seiner Handlung und Unter-
nehmung bleibt nur das Ergebnis. Der Lahme und der Gich-
tische, von denen Malherbe sprach, sitzen, wenn sie ein-
mal ihren Sessel mühselig erreicht haben, nicht weniger
als der behendeste Mann, der diesen Sitz gewandten und
federnden Schrittes erreicht. 
    Ebenso verhält es sich mit der Prosa. Die Sprache,
derer ich mich soeben bediente, die soeben Absicht,
Wunsch, Befehl, Meinung, Frage oder Antwort ausgedrückt
hat, diese Sprache, die ihre Schuldigkeit getan hat, ist
damit auch verhallt. Ich habe sie gesprochen, damit sie
vergehe, damit sie sich unwiderruflich umforme in Ihnen:
und an der wichtigen Tatsache, daß meine Worte nicht mehr
existieren, erkenne ich, daß ich verstanden wurde. Sie
sind vollkommen und endgültig ersetzt durch ihren Sinn
oder wenigstens durch einen gewissen Sinn, nämlich durch
Bilder, Beweggründe, Reaktionen oder Handlungen der an-
geredeten Person, kurz durch ihre Abänderung oder Neuer-
schaffung im Innern derselben. Wer sie aber nicht ver-
stand, der bewahrt und wiederholt die Worte."

aus: W. Urbanek (Hg.), gespräch über lyrik. texte 16. 2.Aufl., Bamberg o.J. S.57f.

4. Übersetzen

Das Thema stellt sich natürlich erst, wenn Bedeutungen ins Spiel kommen. Mit den verschiedenen Ausdrucksseiten einzelner Sprachen hatten wir uns bei der SYNTAX schon beschäftigt. Nun wäre es gut, wenn die verschiedene physische Erscheinungsweise von Texten, hinsichtlich ihrer Bedeutung das Gleiche aussagen würde. - Ein weites und oft kompliziertes Feld.

4.1 Der griechische Philosoph Aristoteles

lebte um 400 v.Chr. und prägte - zusammen mit seinem Lehrer Platon - das Abendland sehr nachhaltig. Unsere Frage: Auf welchen Wegen erlangten die Denker in Mitteleuropa, sagen wir ab ca. 1200 n.Chr., Kenntnis von den Schriften des Philosophen? Denn die Zwischenzeit war durch große Kulturbrüche, Kriege und Katastrophen gekennzeichnet gewesen. - Die Antwort darauf muss erstens sehr vereinfacht werden; außerdem interessiert primär das Thema Übersetzung. Wir stützen uns auf S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011.

Standardauskunft: Die Schriften der griechischen Denker
waren zunächst verschollen. Im 8. Jhd. n.Chr. eroberten
die Araber Spanien, brachten diese Schriften (auf arabisch)
mit. Gelehrte wie Avicenna und Averroes arbeiteten
damit. Und via Spanien / Islam wurden die Schriften der
griechischen Philosophen schließlich auch in Mitteleuropa
bekannt. 
Zweifel:
- Wie kamen die islamischen Gelehrten an die Schriften.
  Weitgehend war man in diesen Kreisen des Griechischen
  nicht mächtig. Wer also übersetzte?
- Wie muss man sich den Transfer vorstellen? Einen kultu-
  rellen Austausch Islam <-> Christentum gab es eigentlich
  nicht. Viel eher: man betrachtete sich als Konkurrenten.
- Wozu benutzten die islamischen Gelehrten die griechischen
  Philosophen - von Abhandlungen zur Heilkunde abgesehen
  wurden diese nicht als hilfreich, sondern als koranfremd,
  als heidnisch angesehen.
Lösung:
- Übersetzungstechnisch gab es zwei Stränge: 
  = unabhängig vom Islam wurden nicht alle, aber einige
    griechische Schriften in Mittelalter schon im frühen
    Mittelalter verbreitet und direkt vom Griechischen ins
    Lateinische übersetzt. Eine wesentliche Zentrale hierfür
    war das Kloster auf dem Mont St. Michel in der Normandie.
    Jakob von Venedig hat dort um 100 n.Chr. fast den
    gesamten Aristoteles übersetzt.
  = der Islamstrang war umständlich: syrische Christen
    waren des Griechischen mächtig; und sobald sich der
    Islam etabliert hatte (6./7. Jhd.), waren sie in der
    Lage, die griechischen Texte ins Arabische zu über-
    setzen. "Syrisch" ist ohnehin mit dem Arabischen als
    semitische Sprache verwandt. Die Texte, die in Spanien
    auftauchten, gingen also auf syrische Hände zurück.
    Von Spanien aus wurden die arabischen Texte übernommen
    und ins Lateinische übersetzt.
- Man konnte durch Vergleich nachweisen, dass die über den
  Islam importierten Texte wegen der vielen Sprachetappen
  "Fehler im Überfluss"(154) aufwiesen. - Kein Wunder, denn
  jede Übersetzung bedeutet auch Unschärfe und Verlust.

5. Didaktik

Die zentralen (und eigentlich banalen...) Unterscheidungen der Sprachtheorie, sollten sich natürlich in Sprachlehre widerspiegeln. Man kann auch die Erwartung aufbauen: Die Theorie muss sich in der Sprachlehrpraxis bewähren! - Tut sie das nicht, stimmt etwas nicht.

5.1 "Hamburger ABC"

Untertitel: "Lehrwerk zur Alphabetisierung und Grundbildung". Im Moment beziehen wir uns auf "Teil 1b. Grundkurs Kompakt neu" von Herma Wäbs, Illustrationen von Ole Könnecke. April 2015.

Für die Ausdrucksseite ist das Lehrwerk schon an passender Stelle erwähnt worden: [19]

Nun geht es darum - von der Sprachtheorie her -, den Schülern das zu vermitteln, was Sprachtheoretiker unter arbiträr verstehen. Die Schüler sollen lernen, dass eine

Folge von Buchstaben  bzw. Folge von Lauten in der Einzelsprache
z.B. des Deutschen üblicherweise mit dieser oder jener Bedeutung
verbunden ist.
In der nächsten Einzelsprache, wird die gleiche Bedeutung ganz
anders ausgesprochen oder geschrieben.

Wichtig: Es gibt überhaupt keine Logik, dass eine Bedeutung so oder so benannt werden muss! - Das eben meint arbiträr. Wäre es anders, dürfte es nicht so viele verschiedene Einzelsprachen geben. Didaktisch besteht die Aufgabe, diese willkürliche, nicht herleitbare Verbindung von Ausdruck + Bedeutung zu lernen. Das bleibt mühsam und daran führt kein Weg vorbei. Die Didaktik kann - indem sie diese klare theoretische Unterscheidung beachtet - Vorschläge entwickeln, wie die zu lernende Verbindung gut und sicher erlernt werden kann. Das genannte Lehrwerk vollzieht folgende Schritte:

  1. Das Schriftbild des neuen Wortes, das immer auch gesprochen werden soll, wird mit einer Illustration verknüpft. Soll /Sonne/ gelernt werden, so steht daneben, getrennt, eine rudimentär gezeichnete Sonne. Durch die Illustration wird eine Vorstellung geweckt, die die Schüler aufgrund ihrer Lebenserfahrung sofort mit einer Erinnerung verbinden können, die sie zunächst in ihrer Heimatsprache ausdrücken können. Es muss gerade keine Sonne scheinen - jede/r hat eine innere, geistige Repräsentation dessen, was /Sonne/ meint. Aktuell lernen sie, dass das Wortbild /Sonne/ mit der ihnen vertrauten Vorstellung zu verbinden ist. Und zusätzlich erkennen sie den Bezug zum passenden Ausdruck in ihrer Heimatsprache. Das sind im Prozess des Fremdsprachenlernens schon mal zwei wichtige Errungenschaften.
  2. Die Illustrationen werden wiederholt, und es werden zwei der soeben eingeführten Wortformen, öfters relativ ähnliche, angeboten. Aber nur eine ist richtig. Mit der Stiftung von etwas Verwirrung + bewusster Korrektur (es wird öfters radiert hierbei), soll die Verbindung von Ausdruck + Vorstellung abgesichert werden.
  3. Die Illustration wird vorgegeben und vorneweg werden listenförmig die Wörter wiederholt, die man gerade gelernt hatte. Nicht mehr eng zwei zur Auswahl, sondern gleich die ganze Gruppe, so dass die Auswahl des richtigen anspruchsvoller wird.
  4. Es wird nur die Illustration vorgegeben - der Schüler/die Schülerin soll aus der Gruppe der neu gelernten, inzwischen gemerkten Wörter das richtige auswählen und hinschreiben/sprechen - eben ohne die Liste der Wörter nochmals vor Augen geführt zu bekommen. Es wird erwartet, dass die Wortformen inzwischen gelernt worden sind - nun geht es nur um die richtige Zuordnung zu den Bedeutungen. Die Verbindung von Ausdruck + Bedeutung wird somit noch eine Stufe schwieriger präsentiert.