4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Wer semantisch von »Näherbeschreibung« redet, sollte eine ganze Reihe von Realisierungsmöglichkeiten in Betracht ziehen. Es kann sein, dass manche Einzelsprachen noch mehr Formen anbieten als die hier genannten. Nur nach »Eigenschaftswörtern« (Adjektiven) zu schauen wäre jedenfalls viel zu wenig. – Jedenfalls haben die bisher genannten Typen von Näherbeschreibung eine semantische Funktion: sie sollen das im Mittelpunkt stehende Substantiv noch weiter modellieren, beschreiben, unzweideutig dem Hörer / Leser vor Augen stellen. Deskription sei diese Funktion genannt.


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0. Theorie

0.1 "ein fauler Mann"

In der Wortgruppe ist die Beschreibungsaufgabe schnell gelöst: es liegt ein Attributsverhältnis vor: <<FAUL>> beschreibt <<MANN>> näher. Beschreibungstyp: DESKRIPTION. - Das mag als Einstieg genügen, ist aber noch nicht das Ende der Analyse. So wie am Anfang der Pragmatik das PRÄDIKAT (aus der Semantik) kritisch überprüft wird, so sollte es auch mit den NÄHERBESCHREIBUNGEN geschehen. Vgl. 4.1112 Näherbeschreibung als Kontextbildner

0.2 Kontaktstellung - Fernstellung

"Passen Sie gefälligst besser auf ihren Hund auf. Er hat  mich
mindestens vier Straßen auf dem Fahrrad verfolgt". - "Das kann nicht
sein. Mein Hund kann gar nicht Fahrrad fahren."

Die Antwort in dem Witz ist natürlich eine faule Ausrede. Aber diese wird erst möglich durch die Fernstellung der Präpositionsverbindung. Letztere steht zwar näher an der Figur, die tatsächlich auf dem Fahrrad saß. Aber zwingend ist diese Verbindung nicht. Der Hundebesitzer hat - sprachlich - durchaus die Möglichkeit, den Gedanken ins Spiel zu bringen, dass der Hund wohl auf dem Fahrrad saß - und kann ihn dann mit Fug und Recht zurückweisen ...

Wer in seriöserem Kontext für Klarheit sorgen will, sollte die Näherbeschreibung stärker an das zu Beschreibende heranrücken.


Vermutlich das gleiche Problem liegt vor bei dem Schild, das vom "Hohlspiegel" (37/2014) wiedergegeben wurde:

"Überqueren des - Schulgeländes - auf eigene Gefahr
widerrechtlich gestattet."

Eine - ausgerechnet - Schule in Wedel leistet sich dieses Schild:

  • mit unmotivierten Gedankenstrichen
  • mit einer Wertung - "widerrechtlich" -, die als Adverb auf das Verb/Prädikat bezogen ist; vgl. [1]
  • dadurch entsteht ein Paradox: Nicht-Erlaubtes ist erlaubt, vgl. [2]
  • vermutlich war das "widerrechtlich" mal als Adjektiv = Näherbeschreibung/Deskription für "Überqueren" gedacht, somit zuständig: [3] - negative Wertung des 1.Aktanten.

0.3 Missverständnis bei Deskription / Explikation

v.a. dann in der Pragmatik können derartige Missverständnisse ziemlich wirkungsvoll sein, vgl. [4]. In dem Beispiel ist nicht nur die Konjunktion "und" wichtig, die selbst mehrdeutig sein kann. Unterstützend enthält die Replik der Frau: "auch noch". Damit wird vollends klar, dass die Frau keine Explikation annimmt, sondern zwei verschiedene Sachverhalte.


Bloße Nebeneinanderstellung von Nomina, also ohne "und" o.ä., werden bevorzugt als Explikation interpretiert: das zweite Nomen interpretiert das erste. Das sollte man beachten, bes. auch bei Schildern (aus Hohlspiegel 4/2016):

Schild am Krankenhaus in Ingelheim
                                   Warenannahme
                                   Liegendkranke

Satzzeichen sind zwar Elemente der Ausdrucksseite. Aber sie sollen ja Signale geben zum inhaltlichen Verstehen: mit welchen Einheiten soll man semantisch arbeiten? Begegnet kein Satzzeichen, so wird bei einer Wortkette der Eindruck erweckt, es handle sich um eine semantische Größe - sie kann eine Nominalgruppe sein oder ein Satz. Vgl. die Überschrift einer Kleinanzeige im Südkurier:

Prof. verheiratet mit Tochter (16) 
(aus Hohlspiegel 5/2016)

Es wäre für den Herrn Prof. besser gewesen zu schreiben: Prof., verheiratet, mit Tochter (16). Dann folgen auf das erste Nomen zwei Explikationen. Dagegen enthält das Original - etwas schwül - zwei Deskriptionen.


Aus Hohlspiegel 35/2017

Aus der Werbung eines Bio-Supermarkts:
"Königshofer Nackensteaks - 2 Sorten: in Kräuter- oder Paprika-
marinade, die Angabe zur Herkunft des Landwirtes finden Sie auf
der Packung."

Wessen Herkunft soll beschrieben werden - die der Ware oder die des Erzeugers?

0.4 Glaubwürdigkeit / Wahrheit

Beides nimmt zu, je mehr ein Sprecher anschaulich ins Detail geht/zu gehen vermag.

  • Damit wächst nicht nur die Anschaulichkeit - sie lässt auf eigenes Erleben und Beteiligtsein schließen.
  • Es wächst für andere auch die Überprüfbarkeit: sie können einzelne Faktoren herausgreifen und ihnen gesondert nachgehen.

Aus beidem folgt, dass die Wahrscheinlichkeit abnimmt, dass lediglich haltlos, aber phantasievoll geflunkert wurde. Und umgekehrt: Je blasser Ausführungen bleiben, desto wahrscheinlicher - z.B. vor Gericht -, dass gelogen wird. Vgl. [5]

0.5 "Verbindung" ist nicht schon "Deutung"

"Verbindung" zweier nominaler Bedeutungen kann im Deutschen u.a. dadurch angezeigt werden, dass aus zwei Wörtern eines gebildet wird: "Wort" + "Verbindung" = "Wortverbindung". Das ist ein Vorgang auf Ausdrucksseite, gehört bei uns also zur (Ausdrucks-)SYNTAX, vgl. [6]

"Deutung" - Dazu, wie man mit den zusammengeführten Wörtern auf Bedeutungsebene umgehen soll, ist noch nichts gesagt. Der 'äußere Mechanismus' (=Zusammenschreiben) ist jeweils der gleiche. Das kann bedeutungsmäßig aber täuschen - oder kann gar zu einer Ausrede benutzt werden:

Im Cafe beschwert sich ein Gast: "Herr Ober, in dem 'Apfelkuchen'
findet sich nichts von einem Apfel". Antwort des Obers: "Nun ja,
im 'Hundekuchen' werden Sie auch keinen Hund finden."

Der Gast war darauf festgelegt, die Verbindung beider Wörter sage aus, dass <<APFEL>> das Material spezifiziert, aus dem der <<KUCHEN>> u.a. hergestellt ist, vgl. [7]. Der Ober kontert - sprachlich korrekt: in seinem Beispiel bezeichnet <<HUND>> den Adressaten des <<KUCHENS>>, vgl. [8]; woraus letzterer besteht, bleibt ungesagt.


Verbindung kann auch durch Präposition angezeigt/hergestellt werden. Aus dem Amtsblatt "Rottenburger Mitteilungen" (nach Hohl-SPIEGEL 27/2017):

Kinderflohmarkt (Verkauf von Kindern aus Rottenburg
am Neckar im Alter von 6-14 Jahre)

Deutung schillert zwischen 1.AKTANT und 2.AKTANT - deswegen wurde die Notiz überhaupt aufgenommen. vgl. [9] und [10]


ERINNERUNG: Die Begriffe, die wir beim SATZ einführen - z.B. AKTANTEN, PRÄDIKAT - sind so allgemein und grundlegend, dass sie auch auf anderen Analyseebenen eingesetzt werden können, z.B. Näherbeschreibung, später in der Pragmatik, im Zueinander von Äusserungseinheiten, Charakterisierung von Abstrakta usw. Der "Satz" hat kein alleiniges 'Zugriffsrecht'.


1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Näherbeschreibung - Deskription / Explikation

Die Begriffe 'Deskription' und 'Explikation' sind uns aus der traditionellen Grammatik nicht bekannt. Deshalb bezieht sich die folgende Erläuterung auf die "Alternativ-Grammatik".

Methoden der Näherbeschreibung

Um eine Sache oder ein Ding genauer beschreiben zu können, gibt es in der deutschen Sprache verschiedene Möglichkeiten.

Attributverbindung

Beispiele:

  1. >>der grüne Heinrich<<
  2. >>ein geprügelter Hund<<

Attributverbindungen sind also einfache Konkatenationen von "Eigenschaftswort" und "Substantiv", wobei man auch "Partizipien" anstatt "Adjektive" verwenden kann wie bei Beispiel 2. Dabei gilt zweierlei:

  • das beschreibende Element steht in direktem Kontakt = Kontaktstellung mit dem Substantiv, das beschrieben wird
  • das beschreibende Element - distanziert betrachtet - verändert sich, je nachdem, auf welches Substantiv es sich bezieht (damit ist umschrieben, was man als Deklination kennt)

Apposition

Beispiele:

  1. >>die Gans, die unverfrorene<<
  2. >>der König, ein Tyrann<<

Auch hier besteht Kontaktstellung zwischen beiden Bedeutungen. Unterschiedliche Begleiter (die:die und der:ein) ändern nichts an der Struktur der Beschreibung: Begleiter+Nomen // Begleiter+Nomen. Insofern liegt eine ablesbare Parallelisierung vor.

Fernstellung

Beispiele:

  1. >>Dies ist nicht das Ende, sondern erst der Beginn der Geschichte.<<
  2. >>Das Bild war nicht farbig, also schwarz-weiß.<<

Mit dem Wort "sondern" wird eine Bedeutungsgruppe angeknüpft, die das, was der erste Teil der Aussage ("nicht das Ende") schon enthält, nur nochmals klarstellend ausformuliert. Es gibt mehrere solcher Wörter die eine Fernstellung signalisieren, wie z.B.: also, ergo, sondern, nämlich, d.h., und zwar .... - Dieser Typ Näherbeschreibung heißt bei uns: EXPLIKATION.

Präpositionsformen

Beispiele:

  1. >>der König von Timbuktu<<
  2. >>der Graf von Monte Cristo<<

Die Präposition von in diesen Beispielen, beschreibt einen König oder Grafen näher, bzw. identifiziert Selbige. Aus irgendeinem Grafen wird ein bestimmter Graf. = DESKRIPTION

Das SCHWÄBISCHE steht im Ruf, diese Realisierungsform zu privilegieren, den Genitiv dagegen zu meiden. Beispiele aus "Wie Schwaben den Genitiv meistern" (Petershagen, SWP 25.8.2015):

"der Hund vom Nachbarn. Vom = von dem ist ein Dativ oder Wem-Fall. ...
Dem Schwaben ist der Genitiv durchaus geläufig. Zwar sagt er, wenn
es gilt, Besitzverhältnisse zu betonen: 
"Des isch em Nachber sei Hond." Geht es aber um einen anderen Aspekt,
beispielsweise um die Täterfeststellung im Falle eines Haufens auf dem
Gehweg, sagt er lieber: "Des war's Nachbers Hond!" Denn damit
sind zwei Silben gespart bei exakt demselbem Aussagewert. Und was ist
 's Nachbers anderes als der Genitiv des Nachbarn?
   Der Genitiv funktioniert auch im Plural. Das zeigt die Volksweisheit,
dass mit ander Leut Sach - mit anderer Leute Eigentum - nie so
sorgsam umgegangen wird wie mit dem eigenen. Und wer behauptet, "so
ebbes häb er seiner Lebadaag no nie g'säa": Was anderes als einen
Genitiv hat er als Zeitmaß verwendet? Er entspricht der schrift-
sprachlichen Konstruktion zeitlebens.

Manchmal spielt auch der Dativ herein, wird gebraucht. - So gut kritisch der Textbeitrag ist: es sollte noch klarer unterschieden werden zwischen "Zugehörigkeit" = unsere Zuordnung und "Besitz". Es ist der übliche grammatische Kurzschluss, dass beides mehr oder weniger identifiziert wird.

Geradezu unumgänglich wird der Dativ, sobald eine weitere Besitz-
angabe hinzukommt, in diesem Fall der Knochen.
 'S Nachbers Honds Knocha - da verrenkt sich nicht nur der
Schwabe das Maul. Leichter geht es mit
dr Knoch von 's Nachbers Hond- Und noch leichter mit
em Nachber seim Hond sei Knocha.
   Allerdings gibt es im Schwäbischen tatsächlich auch hals-
brecherische Umschreibungen des Genitivs. So ist von einer
Bedienung aus Bietigheim-Bissingen überliefert, sie habe auf
die Frage, wer den guten Apfelkuchen gebacken habe,
geantwortet: Em Chef d' Muader drvo.

Relativsatz

Beispiele:

  1. >>Das Auto, das ich kaufen will, ist sehr teuer.<<
  2. >>Da, wo es schneit, gibt es Pinguine.<<

Durch Relativpronomen oder -adverbien eingeleitete Sätze, beschreiben eine Sache. Aus einem nicht bekannten Auto, wird ein besser beschriebenes Auto. - Da zwei Sätze im Spiel sind, beschäftigt sich damit die PRAGMATIK, Vgl. [11].

Genitiv

Beispiele:

  1. >>Das Dach des Hauses<<
  2. >>Der Besuch der alten Dame<<

Die Genitivbildung beschreibt eine Sache näher. Aus dem allgemeinen Dach, wird ein Hausdach.

compound

Beispiele:

  1. >>Fahrradgeschäft<<
  2. >>Eisdiele<<

Ein zusammengesetztes Wort (sog. compound) kann auch der Näherbeschreibung dienen. Dabei beschreibt immer das zuerst genannte Wort das darauf folgende Wort genauer.

Deskription

Auf diese Weise kann man ein kommunikativ interessierendes "Substantiv" näher beschreiben und modellieren. Diese Funktion nennt man Deskription. Die Bedeutung des Substantivs wird anschaulicher, konkreter vor Augen gestellt. Je mehr dies geschieht, desto präziser weiß der Hörer/Leser, von welcher Substantiv-Bedeutung die Rede ist. Hier besteht also ein Übergang zum Thema "Determination" (s.d. [12]).

Explikation

Explikation kann in verschiedenen Formen begegnen: als Kontaktstellung, oder Fernstellung, mit Anzeiger, oder ohne. Im Unterschied zur Deskription, welche eine sichere Identifizierung ermöglichen soll, liefert die Explikation eine ergänzende Beschreibung einer an sich schon bekannten Substantiv-Bedeutung. Auch wenn die zusätzliche Beschreibung fehlen würde wäre klar, was gemeint ist. Es gibt eine Vielzahl von Ausdrücken, die zwei Bedeutungen explikativ verbinden ("nämlich", "und zwar", "das heißt", "mit anderen Worten", ...) können.

Übungen

Stelle in folgenden Sätzen fest, ob es sich um eine Explikation oder eine Deskription handelt und nenne die Methoden der Näherbeschreibung.

1. Sarah, die Prinzessin von Finnland. 2. Es ist die Rede von David, dem König. 3. In einem Fahrradgeschäft ist klar was man kaufen kann, nämlich Fahrräder.

1.2 Einzelbeispiele

Unter diesem Punkt könnten man alle möglichen Einzelbeispiele versammeln und näher betrachten:

Zwei Funde von J. Germann:
Hölderlin schreibt in "Des Morgens":
"... die Buche neigt / Ihr schwankes Haupt ..."
August Stramm in "Sturmangriff":
"... kreisch / peitscht / das Leben / vor sich her / den keuchen Tod"

Die traditionelle Grammatik würde beiden Poeten einen fehlerhaften Sprachgebrauch nachweisen: ein Verb darf nicht in ein Adjektiv, sondern nur in ein Partizip Präsens umgewandelt werden (schwankendes | keuchendes). - Solche Besserwisserei ersparen wir uns: In beiden Fällen wird ein Nomen durch Deskription näher beschrieben, durch eine Eigenschaft = qualitativ (der Begriff findet sich später auch im Kontext Prädikation vgl. 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen)



Aus G. Grass, Hundejahre (analytisch geschrieben):

... lebte in Schiewenhorst,                  Eigenname
          einem Fischer-dorf                 klassifiziert als "dorf";
                                             letzteres präzisiert 
                                             Zuordnung
               links der Weichsel-mündung    "dorf" lokalisiert durch "mündung",
                                             die der "Weichsel" zugeordnet ist.
...umschloß das große Glas mit den 
Malzbonbons.                                 "mit" zeigt kein Instrument für
                                             die Tätigkeit des Umschliessens an,
                                             sondern eine Spezifikation 
                                             des Glasinhalts. Es handelt sich eben
                                             nicht um das "Essiggurkenglas".                      
Albrecht Amsel, der rührige Händler          A.A. als "Händler" klassifiziert,
                                             zugleich als aktiv-tätig
    vom Weichselufer,                        ergänzend lokalisiert am Ufer;
                                             näherhin der Weichsel  
         ein,                                noch eine Klassifizierung wird
                                             angekündigt
              nebenbei gesagt           explikative Umschaltstelle
              breitschultriger 
              Mitbegründer ...               Klassifikation quasi auf einem
                                             Nebenstrang 


Folgende Überschrift des "Schwarzwälder Boten" (aufgespießt von "Hohlspiegel" 34/2012) hilft sehr gut, die beiden Formen von Näherbeschreibung zu unterscheiden. Die Überschrift lautet:

            Polizisten wecken betrunken Fahrgast

Man lacht nicht, weil der Satz zweideutig wäre. Er erlaubt vielmehr nur eine Deutung, nur ist die eben leider falsch. Grammatisch - im Sinn der "Alternativ-Grammatik" - kommt zusammen:

  • betrunken Fahrgast - es besteht Kontaktstellung, also könnte eine Deskription vorliegen - in Form eines Attributverhältnisses. Nur passt nicht, dass nach den gängigen Konventionen via - Deklination - das Adjektiv sich nicht nach dem Substantiv richtet. Also doch keine Deskription. (Allenfalls fällt einem die norddeutsche Aussprachepraxis ein, Endsilben wie en zu verschlucken. Akustisches Dünsing ist schriftliches Dünensingen. Aus gefordertem betrunkenen wäre dann schriftlich betrunken geworden).
  • betrunken ist also unverändert, passt nicht zu Fahrgast: es bleibt - in Fernstellung - der Bezug zu "Polizisten". Umschrieben: "Polizisten, und zwar in betrunkenem Zustand, wecken ..." - So wie die Überschrift formuliert ist, liegt eine klassische Explikation vor.


            So wohlmeinend kann sich Bevormundung und Verdummung äußern.

Genau genommen ist kann unpassend. Es soll sich doch auf zwei Nomina beziehen?! Wenn jedoch Singular verwendet wird, so wird der Wille sichtbar, von einer nominalen Größe zu sprechen. Nimmt man dazu die Bevormundung, so muss das mit und angeschlossene zweite Nomen als Interpretament des ersten verstanden werden, als Explikation. - Methodisch zweiteilen:

  • semantisch, im Wortsinn, wird zunächst nur der und-Anschluss ausgewertet: kopulativ
  • pragmatisch erfolgt die Korrektur - wegen des irritierenden Singulars: Explikation


Aus SPIEGEL-online zu Wahlen in den USA (Nov. 2014):

"Denn die Amerikaner sind enttäuscht und verunsichert zugleich:
Enttäuscht, weil vom Aufschwung bei den meisten nichts ankommt;
verunsichert, weil sich gefühlt Krise an Krise reiht: Ebola,
Ukraine, Dschihadisten."
  • durch "und" verknüpft zwei Prädikat-Bedeutungen. Sogar doppelt, also besonders deutlich, ist die Satz-Aussage 'zum Ausdruck gebracht'. Damit könnte der "Denn"-Satz beendet sein.
  • ":" korrigiert den soeben genannten Eindruck und zeigt an, dass doch noch etwas kommt.
  • "Enttäuscht" = Stichwortanknüpfung - die erste Prädikat-Bedeutung von vorher wird wiederholt, und zwar mit Abstand, in Fernstellung. Das zeigt an: Es wird jetzt noch eine Explikation angehängt.
  • "verunsichert" = eigenständig, ohne "und"-Anbindung, mit den gleichen Mechanismen eine zweite Explikation.


Annonce (Fund beim Hohlspiegel - aus dem Gedächtnis widergegeben):

   Nackensteacks, mit Herkunftsangabe vom Bauern.

Mit weiterem Komma hätten wir zwei Explikationen zu N. = separate Erläuterungen. Ohne jedoch wird Mitgefühl mit dem Bauern wachgerufen: Der "Bauer" wird via Deskription näher beschrieben ...




1.3 Gestresste Journalisten

Journalisten müssen immer wieder von schlimmen Ereignissen berichten. Bisweilen ist zusätzlich der Bericht ein schlimmes Ereignis. Aus der Südwestpresse vom 17. Dezember 2010:

"Immer wieder wurde er in alkoholisiertem Zustand brutal,
mehrmals quälte der Mann mit Vollbart und grauen, langen
Haaren seine Frau, wenn er grausamen Sex haben wollte."

"mit" ist mehrdeutig:

  1. Es könnte ein Instrument gemeint sein. Vgl. 4.0611 Subjekt / 1.Aktant (den PDF-Text). Stichwort: Zusatzangaben zum 1.Aktanten, 'Instrument' oder 'Begleitung'. - Hier allerdings fällt es schwer sich vorzustellen, wie das Quälen mit Hilfe von (=Instrument) Vollbart und langen Haaren vollzogen worden sein könnte. Folglich greift eher die zweite Möglichkeit:
  2. mit (...) ist eine Näherbeschreibung = Deskription von "Mann", und zwar wird von dieser Figur eine Spezifikation geliefert: der Journalist konzentriert sich auf die Haarpracht. Andere Merkmale lässt er unberücksichtigt. Diese so ausführlich beschriebene Figur hat gequält...


Noch ein Beispiel, dieses Mal aus Hohlspiegel, der aus der TAZ zitiert:

"Hitze mit Werten über 30 Grad ist in der zweiten Wochen-
hälfte kein Thema mehr  - die Werte liegen bei 19 bis 31
Grad"

Im ersten Teil wird gesagt, was nicht der Fall sein wird. Der Gedankenstrich zeigt an, dass nun eine Explikation folgt. Das ist auch sinnvoll: nun kann positiv beschrieben werden, was gelten soll. Allerdings sollte die Explikation dem ersten Satz nicht direkt widersprechen.


Überschrift bei t-online (30.11.2011): "Autofahrerkosten steigen um fast fünf Prozent"

Das wirft die Frage auf, ob es bei uns wieder Menschenhandel
gibt? Ob also "Autofahrer"  im Preis gestiegen sind? - Das
Beispiel ist in mehrfacher Hinsicht lehrreich:
  - bloße Nebeneinanderstellung (=ausdrucks-syntaktisch)
    von Nomina zeigt zwar den semantischen Wunsch an,
    das eine solle das andere näher beschreiben, sogar
    noch präziser: eine Deskription.
    Welcher Typ von Deskription gemeint ist, ist damit 
    aber noch nicht festgelegt.
  - die Dreierkette muss semantisch von hinten her
    aufgedröselt werden:
      = es handelt sich um "kosten", die mit "fahrern"
        zusammenhängen              
           - primäre         Deskription
      = die "fahrer" ihrerseits sind solche, die etwas mit "autos"
        zu tun haben    
           - untergeordnete  Deskription
  - semantisch wählt man spontan Beziehungen, die eng
    gekoppelt sind - wie bei 
    "milch+preis" (Klassifikation), "gipfel+kreuz" (Lokalisierung), 
    "sieger+lächeln" (Spezifikation), u.ä.
  - "fahrer+kosten" eine vergleichbar enge Koppelung liegt
    nicht vor.
    Nimmt man "auto+fahrer" hinzu, ist klar, dass es um
    Kosten für den Unterhalt eines Autos geht - wobei genau
    genommen der "fahrer" gar nicht der "Besitzer" sein
    muss. In jedem Fuhrpark sind "Fahrer" und "Besitzer"
    unterschieden.

Fazit: Im Wortsinn (=Semantik) bietet die Näherbeschreibung-Deskription Blödsinn; in der Pragmatik kann man die gemeinte Bedeutung - wie zuletzt dargelegt - herausarbeiten. Journalisten vertrauen im Sinn einer abkürzenden Diktion oft darauf, dass Hörer/Leser sofort zur übertragenen Bedeutung mitgehen - und keine so pingeligen Rückfragen stellen wie hier ...

Beschreibungen allzu dicht gepackt oder verrutscht: Hohlspiegel 11/2013:

Aus der Brohltaler Heimatzeitung "Blick aktuell": "Geschossen wird
auf Geld-, Wurst-, Fleisch- und die Jugend auf Wurst- und
Wertadler." 
Aus dem bayerischen "regio//mag.":
        Rezeptidee
Selbst gesäte Garten-Kresse-Suppe

Falls bei zusammengesetzten Nomina - compounds - das erste Glied näher beschrieben werden soll, kommt man in Schwierigkeiten. Man ist zu Fernstellung gezwungen - was allerdings Missverständnisse erzeugt, wie bei folgender Überschrift:

Busfahrer mit 40 Schülern am Steuer eingeschlafen


1.4 Superlativ / Hyperlativ

Auszüge aus: R. Griesbeck, Der Turm von Schwafel. München 2010:

(274ff) "Wem der Superlativ (die beste Show aller Zeiten, die
längste Praline der Welt, die coolste Location in Berlin, der
Gröfaz) zu dürftig ist - und das kommt bei Werbeagenturen und
Privatsendern ständig vor -, der muss 'übersteigern'. Das passt
deshalb so gut, weil die Hyperlativisten meist mit einem
übersteigerten Selbstbewusstsein gesegnet sind.
    Der Hyperlativ ist eine im Deutschen regelwidrige
Vergleichsform, aber das stört doch einen Werbetexter nicht.
Beim 'bestaussehendsten Schauspieler' oder dem
'tiefstgelegensten Punkt' ist das vielleicht nur holprig und
doof, aber manche Adjektive vertragen schon die Steigerung
nicht, geschweige denn die Übersteigerung. 
Der 'optimalste Standpunkt' ist ebenso ein Blödsinn (aber sicher
nicht der blödsinnigste oder gar größtmöglichste Blödsinn) wie
die 'einzigste Lösung'. Auch 'in keinster Weise' funktioniert
nicht, weil man 'kein' ebenso wenig steigern kann wie 'nie',
'optimal', 'einzig' und 'tot'.
    Nachdem man weiß, dass die größten Ballone viel heiße Luft
brauchen, um aufzusteigen, sucht man händeringend nach immer
neuen Steigerungen. Man behilft sich mit dynamischen Vorsilben,
die etwa Konservative zu Erzkonservativen machen und Reiche zu
Schwerreichen, manche gar zu Superreichen.  Aus der
angeblichen Jugendsprache holt man sich ein paar intensive
Wortturbos wie krass, konkret, fett oder voll. Und natürlich
sind wir vom Supermarkt, der in Frankreich schon Hypermarché
heißt, zum Megamarkt gekommen. Hyper-super-mega-obergeil -
aber wo ist das Ende der Fahnenstange? Keine Angst, die ist
noch lang.
    Mathematiker wissen die Antwort. Ähnlich wie die
Speicherkapazität bei unseren PCs (die vor zwanzig Jahren
noch müde Kilobytes hatten, dann kamen die Megabytes, die 
Gigabytes, und inzwischen ist schon der erste Rechner mit
einem Terabyte auf dem Markt) werden auch die Veranstal-
tungen, besser 'Events', alle paar Jahre mit tausend
multipliziert. Die Steigerung sieht so aus:
Mega (Million, vom Griechischen megas: große Zahl),
Giga (Milliarde, gr. ho gigas: riesige Zahl), Tera
(Billion, gr. to teras: ungeheuer groß), Peta
(Billiarde, gr. petanynnein: alles umfassend), Exa
(Trillion, gr. exa: über alles). Wenn das nicht reicht,
fallen uns schon noch neue ein.
    Mega-Giga-Events gibt es schon. Warten Sie mal ab,
wann das erste Tera-Event angekündigt wird. Könnte
natürlich auch ein Tera-Flop sein, etwa eine Super-Mega-
Finanzkrise. Getoppt nur noch von einem Peta-Bankenret-
tungspaket, das unsere Staatsverschuldung in Exa-Höhen
treibt."

1.5 Näherbeschreibung zur Identifizierung - bisweilen schwierig

aus W. Herrndorf, tschick. 2014, Hamburg, 36. Aufl. S.98f

"Deutscher. Ich hab'n Pass."
"Aber wo du herkommst."
"Aus Rostow. Das ist Russland. Aber die Familie ist von
überall. Wolgadeutsche, Volksdeutsche. Und Banater Schwaben,
Walachen, jüdische Zigeuner -"
"Was?"
"Was, was?"
"Jüdische Zigeuner?"
"Ja, Mann. Und Schwaben und Walachen -"
"Gibt's nicht."
"Was gibt's nicht?"
"Jüdische Zigeuner. Du erzählst einen Scheiß. Du erzählst
die ganze Zeit Scheiß."
"Überhaupt nicht."
"Jüdische Zigeuner, das ist wie englische Franzosen! Das
gibt's nicht."
"Natürlich gibt's keine englischen Franzosen", sagte Tschick.
"Aber es gibt jüdische Franzosen. Und es gibt auch jüdische
Zigeuner."
"Zigeunerjuden."
"Und die haben so'n Dings auf dem Kopf und fahren in
Russland rum und verkaufen Teppiche. Kennt man doch, die
mit dem Dings auf dem Kopf. Kippe. Kippe auf dem Kopf."
"Kippe am Arsch. Ich glaub kein Wort."
"Kennst du nicht den Film mit Georges Aznavour?" Tschick
wollte es mir jetzt wirklich beweisen.
"Film ist Film", bügelte ich ihn ab.  "Im richtigen
Leben kannst du nur entweder Jude sein oder Zigeuner."
"Aber Zigeuner ist keine Religion, Mann. Jude ist
Religion. Zigeuner ist einer ohne Wohnung."
"Die ohne Wohnung sind zufällig Berber."
"Berber sind Teppiche."
Ich dachte lange nach, und als ich Tschick schließlich
fragte, ob er wirklich jüdischer Zigeuner wäre, und er
ganz ernst nickte, da glaubte ich es ihm. 

1.6 Fernstellung - Indiz für "Explikation"

... laut S. Lenz, "Deutschstunde", (45. Aufl. 2014, S.370)

Der Maler kam als erster; ich sah ihn über die Wiesen kommen,

Das ihn ist für die folgenden Näherbeschreibungen, die aber schon nicht mehr in Kontaktstellung geboten sind, der Ankerpunkt:

in dem blauen Mantel,
den Hut auf dem Kopf,
beide Hände tief in den Taschen


2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Analyse von Einzelbeispielen

(bezogen auf Anregungen aus der "Grammaire de base" des Sprachinstituts alpha.b). - Beispiel für Explikation mit den Indizien Fernstellung und fehlende Kongruenz (im Gegensatz zur Attributverbindung):

Les enfants dans la cour, chantant, criant, jouant,
font plus de bruit qu'un concert de rock. (96)

Verbale Anzeiger für Explikation sind: par exemple, ainsi, de même.

Kritisch zu sichten ist der allzu freizügige Umgang mit dem Begriff: Cause / Ursache. Darunter kann einerseits fallen die kausale Verbindung zweier Sachverhalte (Ich liege im Bett, weil mich Viren erwischt haben). Das ist Thema des Registers INITIATIVE bei den Modalitäten.

Andererseits gibt es ein interpretatorisches/explikatives "denn": Ein Sachverhalt wird mit anderen Worten nochmals gesagt (Ich liege im Bett, denn Schonung ist derzeit das Beste). Viele car, en effet, comme usw. gehören hierher.


3. Einzelsprache: Latein

3.1 "Adverbiale"?

Laut "Systemgrammatik Latein" von Fink/Maier (1997) ist ein wesentliches Element (von insgesamt 5) eines Satzes das Adverbiale. Wir betrachten Adverbiale als Papierkorbkategorie und behandeln das, was üblicherweise darunter geboten wird, in ganz unterschiedlichen Kategorien der Alternativ-Grammatik (z.B. Topologie/Chronologie, Modalitäten). Dadurch kann der Papierkorb strukturiert und aufbereitet werden.

Eine Form des Adverbiale - laut "Systemgrammatik Latein" - sei das Praedicativum: "Es bestimmt wie ein Adverbiale den Prädikatsvorgang näher, gleichzeitig stimmt es aber mit einem weiteren Satzglied in Kasus, Numerus und Genus überein" (S.104). - Schauen wir die einzelnen Beispiele an:

Cicero consul          = Cicero als Konsul  
Caesar victor          = Cäsar als Sieger
Hannibal puer          = Hannibal als Junge
Cato senex             = Cato als alter Mann
Cicero non invitus ... = Cicero nicht ungern ...
Cicero princeps ...    = Cicero als Erster ...
Solus Cicero           = Cicero als einziger ...

In all diesen Fällen wird das erste Nomen durch das zweite (kann auch Adjektiv sein) näher beschrieben, wobei die deutsche Übersetzung mit als anzeigt: es folgt eine Spezifizierung der gerade genannten Figur. Folglich wird das Erstnomen ein zweites Mal, nun genauer, beschrieben. Zweimal im Prinzip das Gleiche - das ist die Bedingung für Explikation.

Nicht hierher gehören:

Cicero orator fuit idemque philosophus  
                            = idemque leitet
                            eine neue, aphrastische 
                            Äußerungseinheit ein:
                            das fuit bekommt 
                            ein zweites Prädikatsnomen
                            nachgeliefert. 
                            Das Beispiel gehört an den
                            Anfang der Pragmatik, wo
                            mehrere ÄEen miteinander verbunden 
                            werden.
Cicero oratoribus Graecis traditus erat erudiendus 
                            = oratoribus Graecis traditus
                            ist eine komplexe Näherbe-
                            schreibung (Deskription)
                            von Cicero. 
                            Aber das Gerundiv erudiendus ist
                            kein Praedicativum, also
                            Adverbiale im Rahmen der Satz-
                            kategorien (der "Systemgrammatik"),
                            sondern es handelt sich um das
                            Prädikatsnomen: es ist die
                            von der Prädikation geforderte
                            2.Bedeutung,  damit überhaupt
                            ein Satzkern zustandekommt.
                            Vgl. dazu  4.0613 Prädikat

Damit entfällt der letzte mögliche Beleg für die Behauptung, das Praedicativum bestimmt wie ein Adverbiale den Prädikatsvorgang näher. Korrekt muss es heißen: es handelt sich um explikative Näherbeschreibungen eines Satzglieds = Aktanten.

Einfache Deskription in Form von Attribut oder Apposition ist natürlich ebenfalls möglich. Die Beispiele bis zum Querstrich zeichnen sich durch Kongruenz (in Kasus, Numerus, Genus) aus, die danach nicht. Die äusseren Formen der Verbindung sind sehr unterschiedlich (verschiedene Kasus, Präpositionsverbindungen), z.T. Häufungen von Näherbeschreibungen:

summus mons          =  Berg wird beschrieben durch
                            höchster   
                         =  monssummus
medio in foro        =  mitten auf dem Marktplatz             
                         =  foromedio
die constituta       =  zum festgesetzten Termin               
                         =  dieconstituta
Qua de causa Helvetii e finibus suis exire constituerunt?      
                         =  causaqua ;  
                            finibussuis  
Caesar una aestate duo maxima bella confecit                   
                         =  aestateuna ; 
                            bellamaxima ;  
                            belladuo
--------------------------------
facultas fugae           = die Möglichkeit der=zur Flucht
homines magnae virtutis  = Menschen von großer Tapferkeit      
                             = hominesvirtutis  ;  
                               virtutismagnae
                               (mit Kongruenz)
consilium regnum occupandi = Entschluss des Einnehmens
                                 (wen?) das Königsreich 
                               = consiliumoccupandi;  
                                 occupandiregnum
homines singulari virtute  = Menschen außergewöhnlicher
                                 Tapferkeit 
                               = hominesvirute ;  
                                 virtutesingulari
xy inimico in Romanos animo erat. = xy war feindlicher
                                 Einstellung gegen die Römer 
                                   =  animoinimico ; 
                                      inimicoin Romanos
Ciceronis de re publica cura ... = curaCiceronis ; 
                                  curade re  ; 
                                  de republica
vir vere Romanus = virRomanus ; 
                       Romanusvere 
                                    - als Adverb lädt es emphatisch (Register ASPEKTE) 
                                    das Attribut auf; analog zur Modalitätsaktivierung 
                                    auf Satzebene
--------------------------------
Urbs Roma   =   die Stadt Rom  = Apposition im gleichen Kasus
a Romulo, primo rege Romanorum  = Romulorege  ; 
                                      regeprimo  ;  
                                      regeRomanorum

Als Explikation hat zu gelten, was in der "Systemgrammatik Latein" unter "Ablativ der näheren Bestimmung" geführt wird. Die Erläuterung deutet selbst schon auf den Kontext des Attributs. In der Alternativ-Grammatik wird die Unterscheidung von Deskription - Explikation virulent:

tres numero -  Wer tres liest, ahnt, dass er es
                   mit "Zahlen" zu tun hat. Folgt nun noch
                   numero wird genau dies überflüs-
                   sigerweise, oder zur  besonderen Ver-
                   stärkung bestätigt. = Explikation
puer aetate -  gedanklich kann man sich gut ein
                   "und zwar, also" denken: einer war ein
                   "Knabe" - "Knabe" hat aber viele
                   Aspekte. Es wird nachträglich präzisiert,
                   dass der Aspekt des "Alters" der Ver-
                   gleichspunkt war.

Man kann überlegen, ob nicht auch das Participium coniunctum explikative Funktion hat:

Carmen cantantes diem coepimus  - 'Als ein Lied
                   Singende begannen wir den Tag' - 
                   so die wörtliche Wiedergabe. Zwischen
                   "wir" und "Singende" ist eine 
                   Distanz (Fernstellung). Keine Frage,
                   dass das Partizip Präsens das 
                   Subjekt näher beschreiben will.

Semantisch überflüssig ist ein Spezialbegriff der lateinischen Grammatik, das Participium coniunctum (vgl. S. 154f): es werde damit ein "näherer Umstand zum Prädikatvorgang" ausgedrückt. Der beliebte wolkige Terminus Umstand ist ebenso entbehrlich wie die Behauptung, es werde irgendwie das Prädikat beschrieben (damit würde es sich in der Terminologie der "Alternativ-Grammatik" um eine Modalität handeln, vgl. Ziff. 4.08).

Stattdessen: es handelt sich um simple Explikationen (meist liegt Fernstellung vor):

Scipio in Africam missus Carthaginem oppugnativ
           - Zweierlei ist offenkundig: 
          (1) missus ist Attribut zu Scipio. Also
          handelt es sich um eine Näherbeschreibung des Nomens,
          nicht des Prädikats! 
          (2) von missus / mittere ist die Richtungsangabe
          abhängig. Das ist auch nichts Auffälliges.

Die Mitteilung, der "Umstand" sei satzwertig, ist überflüssig: es gilt die lateinische Konstruktion zu beschreiben, nicht die Wiedergabe im Deutschen! Alle weiteren Beispiele (Bezugsnomina im Genitiv, Dativ, Akkusativ, Ablativ - mehr geht nicht) funktionieren genau gleich: Deskription. Daran ändert nichts, dass das Partizip auch zum Ausdruck von Zeitverhältnissen eingesetzt wird (Vor-, Gleich-, Nachzeitigkeit):

Servus a domino caesus fugit  -  Näherbeschriebener
                  1.Aktant: der vom Herrn geschlagene Sklave. 
                  Es ist bereits sehr frei, wenn die
                  "Systemgrammatik Latein" übersetzt: 
                  Weil der Sklave vom Herrn geschlagen
                  worden ist, Das setzt eine 
                  Kausal-Aussage voraus, von der aber
                  explizit nichts zu sehen ist. 
                  Der so gezeichnete 1.Aktant flieht.
                  Man sollte sehr restriktiv mit weiterge-
                  henden Deutungen umgehen. Das gilt auch
                  für das weitere Beispiel:
Hannibal a suis in patriam revocatus Italiam reliquit
                  - Ob der Rückruf der Grund für die
                  Rückkehr war, oder ob Hannibal ohnehin
                  die Nase voll hatte, wird nicht gesagt. 
                  Die behauptete kausal-Deutung ist
                  nicht abgesichert. 
Carthaginiensium legati Romam venerunt pacem petituri
                  - Die Legaten kamen nicht um zu erbitten, 
                  sondern als erbitten Wollende. Darin
                  liegt ein Unterschied. Die direkte Final-
                  angabe ist eine Näherbeschreibung des
                  "Kommens". Die Explikation, die vorliegt,
                  beschreibt zunächst das Subjekt - und erst
                  indirekt erschließt man, dass darin ja
                  ein Zweck liegt. 

Indikatoren für Explikation können auch Konjunktionen sein:

ergo, igitur, itaque, ideo, proinde - zum Ausdruck von
Schlussfolgerungen
nam, enim, neque enim - Begründung im Sinn von
Erläuterung, nicht als kausale Verquickung zweier
Sachverhalte. Letzteres  würde zu 4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE
gehören.


3.2 Genitiv

Noch nicht besprochen ist die Form der Näherbeschreibung (zwischen Nomina), nämlich der Genitiv. Äusserlich erkennbare und eindeutige Kasusveränderung zeigt an - nun semantisch gedeutet -, dass das Nomen im Genitiv zugehörig zum ersten Nomen ist. Welcher Art diese Zugehörigkeit ist, darum wird es nachfolgend gehen. Aber der Genitiv als allgemeiner Anzeiger für "Näherbeschreibung" ist sehr stabil.

timor Romanorum  -  Furcht und Römer sind in eine
                        Bedeutungsgruppe gestellt, wobei
                        Romanorum als Näherbeschreibung von 
                        timor fungiert. Das ists, was man
                        semantisch zunächst sagen kann:
                        Die Römer sind der Furcht zugeordnet. 
                        Wohl durchgehend kann und muss ein
                        Genitivverhältnis in der Semantik,
                        d.h. auf Wörtlichkeitsebene, als
                        Zuordnung interpretiert werden.
                        Gestandene  Altphilologen werden sich 
                        damit natürlich nicht zufrieden
                        geben wollen. Sie werden betonen,
                        dass es zwei Deutungsmöglichkeiten gibt:
                           die Furcht der Römer - Genitivus subiectivus, 
                           die Römer sinds, die Furcht haben
                           die Furcht vor den Römern - Genitivus obiectivus, 
                           irgendjemand fürchtet - wen? - die Römer
                        Aus den zwei Wörtern kann man die
                        beiden Varianten weder ableiten,
                        noch kann man entscheiden, welche
                        aktuell gilt. 
                        Man sollte auch nicht den Anschein
                        erwecken, als sei das möglich. 

Es kann nur Ergebnis pragmatischer Entschlüsselungen sein, dass eine der Varianten im aktuellen Kontext als passend angesehen wird. Es ist irreführend, wenn die "Systemgrammatik Latein" nur eine Bedeutungsebene vorsieht. Voraussetzung ist die Erkenntnis, dass timor ein Abstraktum - vgl. 4.13 Abstrakta - ist, das von einer 2-wertigen Verbbedeutung ("X fürchtet Y") abgeleitet ist. Folglich hat ein Genitiv die Chance, indirekt die Subjektposition ("X") oder die Objektposition ("Y") einzunehmen. Welche gilt, muss der weitere Kontext wahrscheinlich machen.

civitas Romanorum  -  es gilt das gleiche wie soeben:
                        der Staat ist-zugeordnet-auf 
                        die Römer. Ob das ein Besitzverhältnis
                        ist, sollte man allein auf der Basis
                        des Genitivs nicht entscheiden,
                        folglich den Terminus vermeiden:
                        Genitivus possessoris. 
                        Beziehung-Haben und Besitzen
                        sind nicht identisch.

Explikation via Genitiv:

nomen virtutis -    es wird ein Name, ein Begriff
                        ins Spiel gebracht.  Das ist aber
                        so allgemein, dass es förmlich nach
                        einer weiteren inhaltlichen Füllung
                        'schreit': Im Genitiv wird die
                        erwartete und nötige Präzisierung
                        geboten: "der Begriff Tugend"
cognomen Iusti - "der Beiname 'der Gerechte'"

Genitiv der Teilung bezeichnet den Bereich oder das Ganze, von dem durch einen Mengen- oder Maßbegriff eine Teilmenge benannt wird:(Systemgrammatik Latein S. 132). Also nicht - wie der Begriff suggeriert - enthält der Genitiv die Teilangabe, sondern benennt die Gesamtmenge, von der das Beschriebene die Teilaussage macht. Korrekter wäre also, von einem Genitiv der Gesamtmenge zu sprechen. - Es ist bisweilen doch etwas schwierig, logisch korrekte Begriffe zu finden...

parva pars servorum  - im Genitiv wird die Gesamtmenge
                         der Sklaven genannt. Im Nominativ
                         = Beschriebenes steht die Teilmenge.
                        pars mit Bedeutung Teil ist 
                        ein rein formaler Begriff, der nach einer 
                        inhaltlichen Füllung verlangt: 
                        Teil von was? Nicht der Genitiv für
                        sich genommen, sondern die 
                        beiden beteiligten Bedeutungen
                        stehen im Verhältnis der
                        Spezifikation: pars 
                        ist-Teil-von Gesamtmenge der Sklaven. 
tantum timoris      - so viel Furcht: adjektivische
                        Zahlangabe im Neutrum weckt auch die
                        Frage wovon?


3.3 Gerundium

Gerundium und Gerundivum 'verdienen' wohl eine eigene Rubrik - was allerdings bereits eine zu kritisierende Konzession an die traditionelle Grammatik darstellt. Denn die Alternativ-Grammatik will nicht - wie es sonst üblich - ist, Ausdrucksmittel als Gliederungsprinzip wählen, sondern semantisch/pragmatische Funktionen. Daran halten wir auch fest. Aber aktuell mag der neue Abschnitt dem schnelleren Zugriff dienen.

Die Beispiele zunächst zum Gerundium sind wieder der "Systemgrammatik Latein" S.166ff entnommen.

Principibus Germanorum non tam imperandi quam suadendi ius erat 
                         - Kern des Satzes: 
                         Principibus ... ius erat.
                         ("Zuordnung" - vgl.
                         4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen. 
                         Diese Kernelemente werden näher beschrieben:
         Principibus durch Deskription: Germanorum (s.o. Ziff. 3.2)
         ius         durch die logische Figur:
                         'nicht x, aber y' 
                         (auch wenn tendenzielle Abschwächung
                         eingeschlossen ist):
                         ius imperandi gilt eher nicht
                         ius suadendi  ist den Fürsten zugestanden
                         ius wird somit durch eine
                         Dreifach-Deskription beschrieben
          Eine solche Analyse des Sprachbefundes ist somit diffe-
          renzierter, als wenn man nur erläutert, es handle sich
          um ein Attribut.

Noch weniger aussagekräftig ist die Grammatikinformation, die folgenden Beispiele repräsentierten das Gerundium als Adverbiale - letzteres kann alles mögliche sein. Der Terminus wirkt wie eine Papierkorbkategorie, semantisch zumindest:

Homo natura discendi cupidus est -  Satzaussage läuft zwischen Homo ...
                         cupidus est. 
                         Die zweite, die Prädikatsbedeutung,
                         wird durch das Gerundium/Genitiv noch
                         näher beschrieben: In welcher Hinsicht
                         ist der Mensch begierig? - 2.Aktant. 
                         <<BEGIERIG-SEIN>> verlangt 2 Aktanten.
                         Ich kann nicht solipsistisch, ohne ein
                         Ziel - und sei es noch so vage - 
                         "begierig" sein.
                         Man kann noch fragen, wie man natura
                         semantisch behandelt: Gesagt
                         werden soll, dass der Mensch aufgrund 
                         seiner Natur immer schon ...
                         aufgrund ist aber nicht eine externe
                         Ursache. Sondern der Mensch und seine 
                         Natur sind eins.
                         Demnach ist natura eine Explikation zu Homo. 

Germani ius suum contra adversarios plus pugnando quam
 agendo obtinebant. 
                         - ius suum ist schon eine Deskription.
                         Die beiden Gerundia dürften also
                         eher beschreiben, wie sich das
                         Behaupten des Rechts vollzog,
                         nicht allein des Behauptens
                         (dann könnten wir auf eines der
                         Modal-REGISTER zurückgreifen, vgl.
                         Ziff. 4.08 und Unterpunke werden
                         also zwei Möglichkeiten genannt, wie 
                         sich das Behaupten des Rechts
                         zeigen konnte:
                           durch Kämpfen    -  das galt
                           mehr für die Germanen,
                           durch Verhandeln -  das war
                           eher die Schwachstelle unserer Vorfahren.
D.h. die beiden Gerundia erweisen sich als doppelte Explikation
von Behaupten des Rechts. Das durch, das man sich beim
Ablativ gern hinzudenkt, kann man auch verstehen als
in Form von, indem. 
Das durch hat keinen kausalen Charakter: nicht ein
zweiter Sachverhalt bewirkt den jetzigen. 
Sondern das Kämpfen ist das Recht behaupten. Eine
solche Identität der beiden Pole ist Merkmal einer Explikation.
Germani consulendi causa conveniebant - Das sieht nach
                          einer Modalangabe aus: 
                          die Idee des  Beratschlagens verursacht
                          die Zusammenkunft.
                          In der Idee liegt zwar ein Zweck
                          - was an das Register IMAGINATION denken
                          ließe, vgl.4.082  Modalitäten – »Register« IMAGINATION
                          und die Idee ist in consulendi auch
                          realisiert. Aber sie ist überformt
                          durch causa: Der Zweck wird als
                          Ursache in Anspruch genommen. 
Folglich gehört dieses Beispiel nicht zum Kapitel Näherbeschreibung,
                          sondern zu 4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE
Germanos semper ad pugnandum paratos fuisse traditum est.
                          - Beschäftigen wir uns mit dem uner-
                          freulichen Gerücht: 
                          Germanos ... paratos fuisse Die
                          Infinitivkonstruktion ist 1.Aktant
                          zur Passivkonstruktion traditum est.
                          Nähme man tradere im Aktiv, sähe
                          dann der Infinitiv als 2.Aktant
                          genau gleich aus. 
                          paratos als Prädikatnomen (auf
                          der Ebene der Infinitivkonstruktion)
                          bekommt eine zusätzliche Zweckangabe: 
                          man ist allzeit bereit zum Kämpfen. 
                          Das Ganze, wie in der Alternativ-
                          Grammatik üblich, ins Aktiv 
                          übertragen heißt: 
                          XY überliefert 2.Aktant: die Germanen
                          [nun folgen diverse Näherbeschrei-
                          bungen, darunter die Zweckangabe für
                          paratos]. 
                          Eine Ebene unterhalb des Satzes, bei
                          den Bedeutungsgruppen, kommt die
                          gleiche Terminologie zum Einsatz
                          wie bei den Modalitäten, hier also:
                          4.082  Modalitäten – »Register« IMAGINATION

3.4 Gerundivum

Auch dieser eigene Abschnitt hat Konzessionscharakter, weil nun mal das Gerundiv so eine typische und wichtige Ausdrucksmöglichkeit im Lateinischen darstellt. Der eigene Abschnitt dient also der Übersichtlichkeit. Im Sinn der Alternativ-Grammatik müsste er nicht sein, da sich das Gerundiv semantisch problemlos in den bisherigen Kategorien behandeln lässt. Das sei anhand der Beispiele aus "Systemgrammatik Latein" S.170ff erläutert.

Zunächst die Kritik der beiden Überschriften. Zwei Funktionen erfülle das Gerundiv:

1 Gerundivum als Adverbiale (in Form des Praedicativums)
2 Das Gerundivum als Attribut

Grammatikspezialisten werden mit den Überschriften klarkommen. Andere werden angesichts des Terminologieschwulstes gewisse Schwierigkeiten haben. Wir schlagen zur Vereinfachung für die Semantik und unterhalb der Satzebene vor: Gerundiv ist immer als Näherbeschreibung zu verstehen. Das sei anhand der Beispiele erläutert. Zudem ersparen wir uns auch hier Spekulationen wie satzwertig oder: kann als finaler Gliedsatz wiedergegeben werden. Es soll hier die lateinische Konstruktion beschrieben werden, nicht die deutsche, womöglich großzügig freie Wiedergabe.

Philippus Alexandrum filium Aristoteli educandum tradidit. - 
                         "Alexander" wird zunächst als "Sohn"
                         vorgestellt. Dann aber drängt sich
                         der 3.Aktant dazwischen: 
                         Wer? erhält den Sohn? Und
                         anschließend, also in 
                         Fernstellung, folgt nochmals etwas
                         (das Gerundiv), das offenbar den
                         "Alexander" näher beschreiben soll.
                         Damit ist zunächst ein wesentliches
                         Kriterium für eine Explikation
                         erfüllt. Es handelt sich um eine 
                         nachgelieferte, dadurch aber möglicher-
                         weise hervorgehobene Näherbeschreibung des Sprößlings. - 
                         Noch nicht ist damit die Näherbeschrei-
                         bung detailliert charakterisiert.
                         Wörtlich: "als zu erziehenden". Das
                         Gerundiv repräsentiert also eine
                         Zweckangabe, nicht auf Satz-, 
                         sondern eine Ebene tiefer auf der
                         Ebene der Bedeutungsgruppen. Termino-
                         logisch kann man sich bei 
                         4.082  Modalitäten – »Register« IMAGINATION
                         bedienen.  In Kurzform: 
                         educandus = Explikation-final, beschreibt 
                         Alexandrum näher.
 Nero Romam renovandam curavit - Um die lateinische Konstruktion
                         zu durchschauen, ist es nicht sehr
                         hilfreich als Übersetzung anzubieten: 
                         "Nero ließ Rom wieder aufbauen". 
                         Die deutsche Version ist dann nicht
                         mehr transparent für den lateinischen
                         Befund. Holprig (stört aber nicht), 
                         aber transparent wäre: "Nero besorgte
                         das Rom als wiederaufzubauendes". Erst
                         wenn diese Ebene verstanden ist, kann
                         man die freiere Wiedergabe anbieten.
                         - Was das Gerundiv betrifft, im Gegen-
                         satz zum vorigen Beispiel, besteht
                         keine Fernstellung von 
                         Beschriebenem und Beschreibendem.
                         Daher kann man von Deskription
                         sprechen.

Die weiteren Beispiele können nach diesen beiden Mustern behandelt werden.

Das eigene Kapitel: "Gerundivum zur Bezeichnung der Notwendigkeit" gehört von vornherein nicht zu den Näherbeschreibungen, sondern auf die Satzebene und dann zum pragmatischen Thema der indirekten Bedeutung.


4. Englisch

4.1 Partizip

Laut "Englische Grammatik" von Kirschning

liegt das present participle vor zum Ausdruck der
Gleichzeitigkeit in prädikativem  Gebrauch
(wäre also hier, wenn es um Näherbeschreibung einzelner
Nomina geht, nicht  einschlägig) bei:
        He is playing golf
Das macht keine Probleme und muss auf Satzebene unter 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie 
aufgegriffen werden. Die Erklärung gelte aber auch für:
        I saw him flirting with Irene
Das sei bezweifelt: /to see/ wird konjugiert geboten,
erhebt somit den Anspruch,  prädikativer Satzkern zu
sein. Das Partizip kommt nur als Näherbeschreibung des
him in Frage. Man kann allenfalls - weil Attribute
vor dem Beschriebenen erwartet werden -  disku-
tieren, ob es sich um eine Explikation handelt.
Und auch wenn sich im Deutschen ein Nebensatz zur
Wiedergabe anbietet: analysiert werden soll die
englische Konstruktion, und die verwendet keinen
Satz. Es geht aber auch ohne Nebensatz: 
"Ich sah ihn, gerade mit Irene flirtend".

Allzu sehr scheint die Frage zu dominieren, ob man die englische Konstruktion mit einem Nebensatz im Deutschen wiedergeben solle/müsse. Zu kurz kommt damit eine sorgfältige semantische Analyse:

Having a bad headache, I could not go to the party
- als Übersetzung wird angeboten:  
"Da ich Kopfschmerzen hatte, konnte ich nicht zur Party
gehen". Das Partizip verkürze somit adverbiale Nebensätze.
Halten wir fest: 
(1) Im Englischen liegt eine nominale Konstruktion vor,
die man als gleichzeitig zur Aktion wirkende Beschrei-
bung des Subjekts verstehen kann:
'Ich, aktuell mit Kopfschmerzen behaftet, konnte
nicht...' Das ist zunächst nichts anderes als eine
Näherbeschreibung des Ich. 
Den Ausblick, dass man im Deutschen oft einen Nebensatz
nehme, kann man sich sparen, wenn es zunächst um das
Verständnis der englischen Konstruktion geht. 
(2) Der Übersetzungsvorschlag der Grammatik drückt nicht
Gleichzeitigkeit aus, sondern Kausalität: "weil".
Wenn man - wie in der Alternativ-Grammatik - wörtliche
und gemeinte Bedeutung trennt, ist darauf zu bestehen,
dass zunächst nur Gleichzeitigkeit ausgedrückt
ist. Ob die kausale Interpretation berechtigt ist,
sollte erst nachgewiesen/plausibel gemacht werden.
Man würde dann von der Zeit-Deutung in ein Modal-Re-
gister rutschen: 4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE.

Kein Problem in Sachen "Näherbeschreibung" ist der attributive Gebrauch - das ist sozusagen Standard:

The expected letter finally arrived.  -
Past participle als Attribut.

More sophisticated sind die Belege, wo das Partizip "lassen" heißt:

He had cut off his hair    oder
He had his hair cut off

Im ersten Fall hatte "er" die Haare selbst abgeschnitten. Im zweiten hatte er seine Haare, und zwar im abgeschnittenen Zustand - soweit die wörtliche Bedeutung, also eine Explikation zu "er". Natürlich fragt man intuitiv, wie es zu diesem Zustand ("er - mit abgeschnittenen Haaren") wohl gekommen war - immerhin wurde auffällig vermieden zu sagen, der "Er" hätte selbst geschnippelt. Die Folgerung: "er hatte schnippeln lassen". Das Veranlassen/Zulassen ist somit erst eine Folgerung, gehört zur gemeinten Bedeutung.

Das Musterbeispiel einer Explikation liegt vor in Fällen wie:

He was sitting in his armchair smoking a pipe.
- Es greift das Kriterium der Fernstellung, und klar
ist auch, dass nicht das "Sitzen", sondern die Figur
des "Er" näher beschrieben werden soll.
(Wieder sollte man zurückstellen die Frage, ob
im Deutschen hierbei ein Nebensatz eingesetzt wird.
Im Moment interessiert die englische  Konstruktion
- und die kommt mit einem Satz aus.)

Nach Wahrnehmungsbedeutungen erwartet man die Mitteilung, was wahrgenommen wurde. Wahrnehmung ist nur möglich, wenn der Wahrnehmungsinhalt gleichzeitig zugänglich ist. Bei Objekten, ist dies nicht schwierig. Auch nicht bei fiktionalen - Sprache kann sich von der harten Realität absetzen (Ich sehe einen feuerspeienden Drachen.). Bei Tätigkeiten/Prozessen gilt die gleiche Grundbedingung der Gleichzeitigkeit. Dafür eignet sich das Partizip:

I saw the men playing cards - Das "Ich" sieht
nicht nur Männer, sondern solche, die dadurch beschrieben
werden können, dass sie gerade Karten spielen. 
Wahrnehmungsinhalt sind also the men. Diese werden
direkt im Anschluss zusätzlich durch eine Tätigkeit
beschrieben: Deskription. - Wieder keine Notwen-
digkeit, fürs Englische mit dem Thema 'Nebensatz' zu
liebäugeln.

Was unter Verkürzung adverbialer Nebensätze durch das Partizip läuft - vgl. Kirschning, "Englische Grammatik" S.243f -, operiert mit Defiziten:

  1. Es wird vom Deutschen her gedacht (dort würden Nebensätze gebildet). Gemessen daran biete im Englischen das Partizip eine kürzere Version an.
  2. Es wird nicht zwischen Wortbedeutung und gemeinter Bedeutung unterschieden: zunächst drückt das Partizip Gleichzeitigkeit aus. Ob man es letztlich temporal, kausal usw. zu verstehen hat, muss in einem zweiten Schritt erst geklärt werden.
  3. Es wird betont, solche Verkürzungen seien nur möglich, wenn die Subjekte in Haupt- und Nebensatz gleich seien. Wenn nun aber im Englischen gar kein Nebensatz vorliegt, erübrigt sich auch die Suche nach dem Subjekt, und man muss auch keinen geistigen Salto vollführen und behaupten, das Subjekt "im Nebensatz (sei) in der Partizipform versteckt". - Folglich muss eine andere Erklärung greifen: das nur einmal genannte Subjekt wird durch eine vorangestellte Explikation, die eine gleich-/vorzeitige Tätigkeit nennt, schon mal beschrieben, bevor das eigentliche und einzige Prädikat des Satzes genannt wird.

Gehen wir einige Beispiele durch und versuchen die englische Konstruktion nachzubilden/zu verstehen:

Arriving at the airport, I was interviewed by a reporter. 
- Die Voranstellung stellt sicher, dass das Ankommen
dem "I" gilt, nicht etwa dem Reporter. Die Voranstel-
lung dramatisiert auch, stellt die Bewegung heraus.
Keine Frage ist, dass es um eine Näherbeschreibung des
"Ich" geht. Die Deutung Gleichzeitigkeit gilt
zunächst eine  Ebene unterhalb des Satzes, bei den
Bedeutungsgruppen. Erst indirekt gewinnt dadurch der
Gesamtsatz auch eine zeitliche Orientierung.
Having arrived at the airport, I phoned Irene.
Das gleiche Erklärungsmuster, nur wird nun durch das
Partizip die Vorzeitigkeit gemessen am Prädikat
betont.
Being ill, he could not go to the party. -
Das ist nun ein Fall, der die Frage aufwirft, ob die
Gleichzeitigkeit sofort als kausal interpretiert
werden soll/darf. 
Im Wortsinn - das sei festgehalten - gibt es keinen
Anzeiger für Kausalität. Es ist erst ein Folgeschritt,
wenn man feststellt, dass wir gewöhnlich in solchen
Fällen schnell mit Kausalität zur Hand sind.
Ausgedrückt ist sie nicht.
In spite of (though) having a sore throat,
Henry went to school. - In diesem  Fall kann schon
auf der Ebene der Wortbedeutung gesagt werden, dass ein
konzessiver Sinn vorliegt, denn mit  In spite of (though)'
liegt ein expliziter Anzeiger für diese Nuance vor. 

Das letzte Beispiel zeigt an, dass auf der Ebene der Bedeutungsgruppen (Näherbeschreibungen) alle Kategorien, die später für die Satzebene eine Rolle spielen, auch bereits vorkommen können. Hier geht es um "konzessiv" im Register EPISTEMOLOGIE, vgl. 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Paraphrasiert liegt also vor:

1.Aktant:      Henry   
                      Explikation: obwohl Halsschmerzen habend
Prädikat       <<GEHEN>>
Topologie      zur Schule
Chronologie    Vorzeitigkeit


4.2 Genitiv

Laut "Englische Grammatik" von Kirschning S.103f werden zwar morphologisch die Varianten vorgestellt: "of"-Genitiv oder "s"-Genitiv. Was aber der Genitiv semantisch leistet, wird nicht erläutert.

5. Einzelsprache: Russisch

5.1 "Instrumental"

Unter 4.0611 Subjekt / 1.Aktant wird erläutert, dass das, was üblicherweise pauschal als "Instrumental-Kasus" im Russischen geführt wird, zumindest zum Teil eine Explikation darstellt. In solchen Fällen liegt nicht eine babylonische, aber eine grammatologische Sprachverwirrung vor. Irgendjemand hat fälschlich begonnen von "Instrumental" zu reden - und niemand ist bislang in der Lage, zu korrigieren: es ist eine Explikation.

Weiteres Beispiel für die Explikations-Funktion: Иван зработает официантом - Zunächst erfährt man, dass Iwan arbeitet. Das ist zwar interessant, aber noch sehr allgemein. Daher wird als drittes Wort nachgeschoben: als Kellner.

Кем Вы работаете - Als was arbeiten Sie? - Das Fragewort verlangt nach einer Erläuterung.

Я работаю врачом - die fett gedruckte Endung am dritten Wort wird üblicherweise und semantisch blödsinnig als Instrumentalkasus bezeichnet. Von "Instrument" ist jedoch nichts zu sehen. Stattdessen heißt die nachgeschobene Erläuterung als Explikation "(Ich arbeite) als Arzt".


5.2 Genitiv / "Spezifikation"

Ein Genitiv drückt häufig eine "Relation" aus, lässt unter diesem allgemeinen Begriff aber unterschiedliche Typen von Relation zu. Eine spezielle Konstruktion ist:

Хотите уаю  "Möchten Sie etwas Tee?"  Der Genitiv
"von Tee" meint also eine Teilmenge des Gebräus.

In Ergänzung zur Ziff. 5.1: Die Endung "ом" ist zunächst eine Endung - und sonst nichts [= (ausdrucks-)syntaktische Feststellung]. Sie kommt auch in Verbindung mit vorausgehender Präposition zum Einsatz, etwa bei der Frage, ob man den Tee "mit Zucker / "с сахаром" möchte: "mit etwas Zucker?" NB. eine 'Portionierung' des Nomens ist sinnvoll, da <<ZUCKER>> als Abstraktum nur den 'Stoff' (=Qualität) nennt, aber keine Vorstellung von der Menge (=Quantität) mitliefert, die im Spiel sein soll. Semantisch haben wir bei dieser Endung inzwischen zwei Funktionen gefunden. Keine von beiden deckt die Vorstellung eines "Instruments".


5.3 Explikation

In Ergänzung zu 5.1: Man pflegt zu fragen "Кто Вы ?" - "Wer ( ) Sie?" Ein schöner Nominalsatz. Nur ist die Frage noch sehr allgemein gehalten. Sie sollte also präzisiert und eingegrenzt werden. Das ist möglich durch Präposition "по" = "in Hinsicht auf" und folgendem Nomen: "профессии" (irreführend - s.o. - als "Instrumental"kasus bezeichnet).

Damit ist die russische Konstruktion beschrieben, "in Hinsicht auf/bezüglich des Berufs", damit als Explikation kenntlich gemacht. Das mag umständlich klingen, hat aber den Vorteil, dass die russische grammatische Konstruktion transparent beschrieben ist. In flüssigeres Deutsch übertragen lässt sie sich wiedergeben als: "Was machen Sie beruflich?" bzw. "Was sind Sie von Beruf?" Vor der Übertragung sollte aber immer die präzise Übersetzung stehen! Nur damit lässt sich kontrollieren, ob der Ausgangstext verstanden worden war.



6. Haupt-Überschrift - Zweit-Überschrift

6.1 "Explikation"

Sicher in vielen Sprachen kann die Überschrift eines Zeitungsartikels, eines Sachbuches, pfiffig, Interesse weckend, für sich aber noch unverständlich gewählt werden. Danach, als Zweit-Überschrift, sollte dann aber eine sachlich präzise Information folgen, eben eine Explikation, damit der Leser im Bilde ist, was ihn bei der Lektüre erwartet. Vorausgesetzt ist dabei, dass beide Teile der Gesamtüberschrift zusammenpassen, sich ergänzen. So muss es ein Leser - nachträglich wenigstens - auch verstehen können.

Driften jedoch - unfreiwillig - beide Überschriftteile auseinander, beziehen sich auf Verschiedenes, liegt keine Explikation mehr vor, sondern ein Sprachunfall.

Schmutzig hinein, sauber wieder heraus. 
Viertklässler besuchen Kläranlage - Überschrift
in der "Fuldaer Zeitung".