4.034 Näherbeschreibung – Benefiziat / Malefiziat

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

In bisheriger Grammatik hielt man die Begriffe dativus commodi oder dativus ethicus für diesen Zusammenhang parat. Aber damit sind diverse Nachteile verbunden: von einem semantischen Standpunkt aus muss der Blick weiter sein. Man darf sich nicht durch den »Dativ« fesseln lassen. In den nachfolgend genannten Beispielen liegt er sehr selten vor. Immer kann eine semantische Kategorie auf Ausdrucksseite verschiedenartig realisiert werden - aktuell z.B. auch durch eine Präpositionsverbindung. - Abseitig: Ein Grammatikbuch nahm diese semantischen Akzente alle unter die Überschrift "Kausal"-Angaben - als sei "kausal" eine Papierkorbkategorie für alles Mögliche!


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1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Näherbeschreibung – Benefiziat / Malefiziat: Einstieg

Um eine Handlung zu beschreiben, bedarf es Informationen. Eine einfache Handlung wie >>der VFB schießt ein Tor<< ist ausreichend mit Informationen ausgestattet und lässt sich als eigenständige Handlung verstehen. Fügt man nun zusätzliche Informationen hinzu, wie >>der VFB schießt ein Tor für seine Fans<<, verändert sich die beschriebene Handlung zu Gunsten (oder Ungunsten) einer Partei. Die klassische Grammatik benutzt dativus commodi oder dativus ethicus für diesen Zusammenhang, obwohl der VFB komplett ohne Dativ seine Fans beglückt hat. Die Alternativ-Grammatik hat hierfür die Begriffe Benefiziat und Malefiziat. Die Definitionen für dativus commodi und dativus ethicus folgen.

dativus commodi / dativus ethicus

dativus commodi bzw. incommodi

Der Dativ bezeichnet, zu wessen Vorteil bzw. Nachteil etwas geschieht (auch Dativ des Interesses, Dativ der Beteiligung).

Bsp.: "Er trägt ihr den Koffer."

Vermutung hier: Benefiziat, da - kulturell bedingt - der Gentleman der Dame mit dem schweren Koffer hilft. Ein Malefiziat würde explizit formuliert werden müssen.

Wikipedia-Eintrag zu dativus commodi[1]


dativus ethicus

Der Dativ bezeichnet die innere Teilnahme (meist 1. oder 2. Person).

Er ist im Standarddeutsch unüblich (aber: "Macht mir keinen Lärm!"). Im Kölschen steht er in der 2. Person Singular oder Plural, Beispiel: „Dat wor üch enen Käuverzäll“ (Das war 'euch' ein unsinniges Gequatsche.)

Wikipedia-Zitat zu dativus ethicus[2]

Benefiziat / Malefiziat

Ein Benefiziat/Malefiziat besagt zu wessen Gunsten/Ungunsten die Information des Satzes sich wendet. Es scheint nicht immer eindeutig zu sein, ob es sich um ein Malefiziat handelt oder nicht, jedoch erfordert es ein stetiges Trennen zwischen Pragmatik und Semantik.

Beispiel:

Der VFB schoss ein Tor. -> Keine Zusatzinformation

Der VFB schoss ein Tor für seine Fans. -> Benefiziat

Der VFB schoss ein Tor zu ungunsten der Gegner. -> Malefiziat

Er sündigt für den Teufel. -> Benefiziat


Achtung!!!

Beispiele wie:

Wegen dir sind wir in dieser Situation.

Dank dir habe ich so wenig Geld.

Dank dir bin ich noch am Leben

Sind Kausal-Angaben und haben mit "Benefiziat/Malefiziat" nichts zu tun.

1.2 "mit" - häufige Quelle für unfreiwilligen Humor

Die Präpositionsverbindung mit + Nomen kann - wie alle anderen semantischen Begriffe - auf zwei Ebenen eingesetzt werden:

  • bei den Näherbeschreibungen, bei denen wir uns aktuell aufhalten
  • aber auch eine Stufe höher, auf Satzebene

Nun steht also eine solche Präposition offenkundig innerhalb der Grenzen eines Satzes. Damit ist aber noch unklar, ob "mit" für den gesamten Satz gilt, oder nur Näherbeschreibung eines einzelnen Nomens ist.

Reh flüchtet nach Unfall mit Mercedes, schrieb die "Gelnhäuser Neue Zeitung" (laut Hohlspiegel)
  • auf Satzebene ist ausgesagt: das Reh schwang sich nach dem Unfall in den Mercedes und fuhr damit davon.
  • als Näherbeschreibung ist gesagt: das Reh hatte einen (Unfall mit Mercedes) - und machte sich dann auf und davon, aber auf eigenen Beinen, ohne motorische Hilfe.

Die Mehrdeutigkeit kommt zustande, weil auch das Kriterium von Nah- und Fernstellung nicht hilft, das Problem eindeutig zu lösen. Für die Satzebene ist unter 4.0611 Subjekt / 1.Aktant erwähnt: "Komitativ" (Begleitung) bzw. "Instrumental" - beides kann per "mit" ausgedrückt sein. Es handelt sich zum Zusatzangaben zum "Subjekt = 1.Aktant".

1.3 Hohlspiegel

Laut SPIEGEL 14/2013 hatte die "Thüringische Landeszeitung" getitelt: Polizei ging Diebespaar ins Netz Interessanter Fall, den man grammatisch aufdröseln kann:

  1. Polizei zeigt als Wort und durch fehlenden Artikel keinerlei Veränderung an. Das Wort kann so in allen "Fällen" stehen.
  2. Erstposition im Satz: Dort erwartet man primär das Subjekt (=1.Aktanten); abgestuft könnte auch das Objekt stehen (=2.Aktant) - jedenfalls wird vorrangig einer der wichtigen Satz-Aktanten erwartet.
  3. Die Verbbedeutung <<GEHEN>> benötigt nur einen 1.Aktanten. Nach 2. oder 3. Aktanten muss man daher schon gar nicht suchen. Wahrscheinliche Deutung: das Subjekt "Polizei ging".
  4. Diebespaar - selbst als Adjunktion gebildet - steht an 3. Position; als semantische Funktion kommt allenfalls noch Benefiziat/Malefiziat in Frage: die Polizei ging: zugunsten/zum Schaden von ...
  5. die letzten 2 Worte komplettieren die (erstarrte) Metapher. Überträgt man sie in nicht-bildhafte Sprache, ist das Ergebnis: Das Diebespaar hat - wen/was? - die Polizei (=2.Aktant) gefangen.
  6. Im Rahmen der Metapher ist Diebespaar eigentlich unnötig. Es ist die Polizei, von der ausreichend klar eine Handlung berichtet wird.

In den 'Hohlspiegel' geriet die korrekt gebildete, wenngleich einigen Erwartungen widersprechende Überschrift aber, weil es sich genau umgekehrt verhielt: Polizei (= 1. Aktant) fing - wen/was? - das Diebespaar (2. Aktant). - Noch im metaphorischen Wortsinn muss Polizei somit als "Benefiziat" gedeutet werden, Diebespaar als 1.Aktant - also gerade anders herum, als man beim ersten Lesen denkt.

1.4 Spiegel-Online

Nicht als Humorbeitrag, sondern als seriöse Information - allerdings am 1.4.2013(!) - ist folgende Überschrift gedacht:

Dieb sägt Elefant des Sonnenkönigs Stoßzahn ab
Was hat ein Dieb abgesägt? - den Elefanten
Was für einen Elefanten? - den des Sonnenkönigs. Anscheinend hatte der einen.

Bis hierher verläuft die sprachliche Analyse der Überschrift problemlos - allerdings sind einige Fragen aufgeworfen: Wie kann man einen Elefanten (ab)sägen? Die Bedeutung "SÄGEN" ist nicht die Tätigkeit, die man üblicherweise mit "ELEFANTEN" verbindet. Es geht weiter:

des Sonnenkönigs Stoßzahn - Hatte der einen? Wenn die Bedeutungs-
gruppe so zu verstehen ist, dann gilt die vorherige Deutung nicht,
wonach der Elefant dem Sonnenkönig gehöre. Unser bescheidenes
Sachverhaltswissen würde eher Elefant und Stoßzahn verbinden.
Beide stehen im Satz aber weit entfernt.
Aber dann müsste man den Stoßzahn zum 2.Aktanten erheben, und
nicht den Elefanten. Was ist dann letzterer, wenn er von der
Rolle des "Objekts = 2.Aktanten" befreit ist?

Man ahnt es aufgrund des gegenwärtigen Moduls: Elefant ist Malefiziat, der noch näher durch "des Sonnenkönigs" beschrieben wird. Die eigentliche Aktion (Prädikation): Der Dieb sägt den Stoßzahn ab. Leidtragender ist der Elefant, und indirekt auch der Sonnenkönig - der wird das aber nicht mehr wahrgenommen haben.

1.41 Spiegel-Online - Spam

... vom 13.4.2014, nicht als Witz gemeint, sondern ein real existierendes Bild in einer Metzgerei:

Auf Wunsch zerhaue ich gern meiner Kundschaft die Knochen - Der Metzgermeister

Gemeint natürlich als Kundenservice: zugunsten der Kundschaft. An masochistisch Veranlagte ist dabei nicht gedacht - ansonsten hätten wir grammatisch Malefiziaten vor uns. Vielmehr: Es geht nicht - Spezifikation - um Knochen der Menschen, die gekommen waren, sondern - auch Spezifikation - um Knochen von Tieren, die gekauft worden waren (aber gesagt wird dies im expliziten Wortsinn nicht; wir haben durch pragmatischen Vorgriff gedeutet). Zu den zwei Typen von Näherbeschreibung/Deskription, die aktuell in Konkurrenz stehen, vgl. [3]

2. Russisch

2.1 "Benefiziat"

Квартира мне очень нравится - "Die Wohnung gefällt mir sehr." Die Prädikation - die Wohnung gefällt - wirkt sich günstig auf "mich" aus. Das "Ich" ist indirekt von der Aussage betroffen. Der BENEFIZIAT wird durch das Kasusmuster "Dativ" realisiert.