4.03 Bedeutungsgruppen /allgemein

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

»Der rote Ferrari des Champions mit Faltdach, Doppelauspuff und extrabreiten Reifen« – das sind 11 Wortformen in Folge. Als selbstständige Bedeutungen kann man 10 ausmachen: 〈〈ROT〉〉, 〈〈FERRARI〉〉, 〈〈CHAMPION〉〉, 〈〈FALT(EN)〉〉, 〈〈DACH〉〉, 〈〈DOPPEL〉〉, 〈〈AUSPUFF〉〉, 〈〈EXTRA〉〉, 〈〈BREIT〉〉, 〈〈REIFEN〉〉. Demnach sind +der+, +des+, +mit+, +und+, also 4 Wortformen, als »unselbstständige Bedeutungen eingeordnet. 11 – 10 – 4 – allein an diesen Zahlen sieht man schon, dass die Ausdrucksebene und die Bedeutungsebene ihre eigenen Strukturen entwickeln, erst recht wenn man beachtet, dass manche selbstständige Bedeutungen zusammengeschrieben sind, also als eine Wortform firmieren. Das ist alles ziemlich umfangreich.


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0. Theorie

0.1 Näherbeschreibung <=> Adverb(iale Ergänzung)

Bei der Unterscheidung kann es im Einzelfall zu Missverständnissen kommen, Doppeldeutigkeiten, die auch in Humor münden können.

So wie bei dem Mann, dessen Frau am Freitag vor Bergen von
Brötchen saß, die sie zerschnitt. "Was hast du vor?", fragte
er. Sie: "Am Sonntag möchte ich Semmelknödel kochen. Und im
Kochbuch stand, man solle drei Tage alte Semmeln schneiden."

Die Frau bezog die "drei Tage" offenbar auf den ganzen Satz: Zeit/Dauer-Angabe für das "Schneiden". Bei uns wäre einschlägig: 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie. Andere Möglichkeit - so vom Kochbuch gemeint -: "drei Tage" präzisieren als Zusatzbeschreibung die Adjunktion "alt". Das ist das Thema des aktuellen Moduls (mit Folgemodulen).

0.1.1 Näherbeschreibung <=> Ortsdeixis?

Wäre also nicht eher [1] einschlägig?

In Oberschwaben pflegte man Kinder mit dem Hinweis zu foppen:
"In K. (Vorort von RV) bäckt man Fasnetsküchle nur auf einer
Seite." "K." war/ist wohlbekannt, denn dort liegt die Abzweigung
zum Waldfreibad. Aber wie funktioniert das mit dem Backen? Kann
man die (Apfel-)Küchle im schwimmenden Fett nur auf einer Seite
backen? Und warum dies? Großes Rätselraten hob an, mündete in
Verständnislosigkeit, denn das Backprodukt war ja nicht sinnvoll
zu genießen - auf einer Seite noch roher Teig!
   Die Lösung: die Häuser jenes Ortes sind an einer Bundesstraße
aufgereiht, u.z. nur an deren einer Seite; auf der anderen
Straßenseite verhinderte ein Abhang die Bebauung. Das Backen
konnte also nur auf einer (Straßen-)Seite vollzogen werden. Es
ist anzunehmen, dass die Küchle selbst durchaus beidseitig,
also vollständig gebacken worden waren...

Auch das - noch ohne Fachbegriffe - ein erstes Training im Blick auf die beiden Perspektiven: (a) Soll eine nominale Einzelbedeutung im Satz näher beschrieben werden? (b) Oder interessiert die Lokalisierung des Gesamtsatzes?

0.2 Pädagogik: Beschreiben lernen, statt besserwisserisch zu etikettieren!

Man könnte auch sagen: geduldiges Anhalten zu Detailwahrnehmungen = Beschreibungen. - Aus einer Buchbesprechung (SpiegelONLINE 18.6.2013).

Das Bild zeigt eine Hyäne. Das Kind fragt: "Ist das ein Hund?"
Wie lautet die richtige  Antwort?
Natürlich werden die meisten Erwachsenen sagen, dass auf dem
Bild kein Hund, sondern eine Hyäne zu sehen ist. Manche fügen
vielleicht noch hinzu, dass Hyänen in Afrika leben. Aber es
gibt eine bessere Antwort, nämlich eine Gegenfrage: "Sehen
Hunde wirklich so aus? Lass uns das Tier genau betrachten.
Es hat zwar vier Beine, aber vielleicht gibt es doch Unter-
schiede zum Hund. Was meinst du?" So spielen die Erwachsenen
den Ball zurück, anstatt ihr eigenes Wissen unter Beweis zu
stellen. Das Kind denkt nach, es lernt zu lernen.


1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Exempel

Erläuterung:

Sätze bestehen aus einzelnen Wörtern, welche für sich jeweils eine eigene Bedeutung haben, oder im Falle von Genitivanzeiger, Präposition und Aufzählungsanzeiger keine selbständige Bedeutung haben. Die Worte mit selbständiger Bedeutung werden durch die Worte mit unselbständiger Bedeutung, oder durch Zusammensetzung zu einem neuen Wort in Verbindung zueinander gebracht. Beschreibendes wird durch Beschriebenes näher bestimmt.

Anmerkung: Die Erläuterungen an dieser Stelle stammen aus der
„Alternativ-Grammatik“.
Unserer Auffassung nach wird diese Thematik in der traditio-
nellen Grammatik nicht (korrekt) behandelt.

Beispiel:

"Die Frau des Mannes, welcher täglich das Dachfenster öffnet."

Die Worte <<Frau>>, <<Mann>>, <<täglich>>, <<Dach>>, <<Fenster>>, <<öffnet>> haben eine selbständige Bedeutung.

Das Wort „die“ gehört zur Bedeutung <<Frau>>. Das Wort „des“ (und folgendes Wort) beschreibt, welche Frau gemeint ist. Die Worte „jeder“, „täglich“ und „öffnen“ lassen wir hier vorerst außer Acht. Das Wort „das“ gehört zur Bedeutung <<Dachfenster>>. Es handelt sich nicht um irgendein Fenster, sondern um das Fenster am Dach. Das erste Nomen liefert die Beschreibung für das zweite Nomen, welches das beschriebene Element ist.

Bei einem zusammengesetzten Wort (->Dachfenster) liefert also der erste Teil die Beschreibung bzw. nähere Charakterisierung für den zweiten Teil.

Der zwei Bedeutungsgruppen des obigen Beispielsatzes lassen sich anhand der Konventionen der „Alternativ-Grammatik“ wie folgt analysieren:

1. Bedeutungsgruppe: <<Frau+B+Th+Sg+def+?>> <- <<Mann+A+Th+Sg+def>>

2. Bedeutungsgruppe: <<Dach+C+Th+Sg+def>> -> <<Fenster+C+Th+Sg+def>>

Der Pfeil in der Mitte zeigt vom beschreibenden auf das beschriebene Element.

Übung:

Analysieren Sie folgenden Satz, wie es oben vorgeführt:

  1. "Das Haus des Kaufhausbesitzers, welcher gleichzeitig Vorsitzender des örtlichen Haustiervereins ist, ist ziemlich heruntergekommen, aber dennoch groß und voller Eigenheiten, welche normalerweise untypisch für solche Häuser sind."

1.2 Herausforderung in Gedichtform

Vgl. von G. Grass: [2]

1.3 Herausforderung in der Prosa

Der längste Satz im Gesamtwerk Thomas Manns enthält natürlich viele Näherbeschreibungen (verschiedener Größenordnung). wer will, kann sich der Aufgabe stellen, diese Näherbeschreibungen zu markieren, sichtbar zu machen: [3]

Anschließend kann man aus einer wissenschaftlichen Veröffentlichung das erzielte Ergebnis vergleichen: [4] und [5] [bei Problemen der Anzeige: Dateien herunterladen, als pdf-Dateien, und lokal öffnen]

1.4 Schwülstige Journalistenprosa

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung war begeistert über den VW Passat - und benutzte allzuviele Näherbeschreibungen (aufgeführt von Hohlspiegel 41/2014):

"Mit einem sehr ernsthaften Bemühen um optische und haptische
Werte der VW-DNA zu demonstrieren: Fingerkuppen folgen ener-
gischen Kanten, die sind wie Lebenslinien einer technoiden
Intelligenz, Handballen fühlen längs verlaufende Vertiefungen,
die sinnlich sind wie die weichen Kuhlen an den Schlüssel-
beinen mancher Frauen."

1.5 Klischeehafte Näherbeschreibungen

P. Handke in "Publikumsbeschimpfung" (edition suhrkamp 177) - (Auszug): (82)

"Ich habe die Mannigfaltigkeit bunt genannt. Ich habe die
Traurigkeit dunkel genannt. Ich habe den Wahnsinn hell
genannt. Ich habe die Leidenschaft heiß genannt. Ich habe
den Zorn rot genannt. Ich habe die letzten Dinge unsagbar
genannt. Ich habe das Milieu echt genannt. Ich habe die
Natur frei genannt. Ich habe den Schrecken panisch genannt.
Ich habe das Lachen befreiend genannt. Ich habe den Nebel
milchig genannt. Ich habe die Oberfläche glatt genannt. Ich
habe die Strenge alttestamentarisch genannt. Ich habe den
Sünder arm genannt. Ich habe die Würde angeboren genannt.
Ich habe die Bombe bedrohlich genannt. Ich habe die Lehre
heilsam genannt. Ich habe die Finsternis undurchdringlich
genannt. Ich habe die Moral verlogen genannt. Ich habe die
Grenzen verwischt genannt. Ich habe den Zeigefinger mora-
lisch genannt. Ich habe das Mißtrauen schöpferisch genannt.
Ich habe das Vertrauen blind genannt."

2. Literarische Beispiele

Bei diesen kann man also einzelne beschreibende Bedeutungsgruppen wahrnehmen und beschreiben. - Zusätzlich liegt darin ein Vorgriff auf die PRAGMATIK, da solche Bedeutungsgruppen verkettet sind, somit in einem Text etwas bewirken wollen, eine Funktion haben.

2.1 Hermann Hesse

Auszug aus der Erzählung 'Knulp', abgedruckt in: H.H. Meister-Erzählungen. Frankfurt 1973. S.383f:

"Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und den
Duft, die Geräusche und Gerüche der Heimat und die ganze
erregende und sättigende Vertrautheit des Daheimseins:
Gewühl der Bauern und Bürger auf dem Viehmarkt, durch-
sonnte Schatten brauner Kastanienbäume, Trauerpflug später
dunkler Herbstfalter an der Stadtmauer, Klang des vier-
strahligen Marktbrunnens, Weingeruch und hohes hölzernes
Gehämmer aus der gewölbten Kellereinfahrt des Küfer-
meisters, wohlbekannte Gassennamen, jeder dicht behängt
von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. Mit allen
Sinnen schlürfte der Heimatlose den vielfältigen Zauber
des Zuhauseseins, des Kennens, des Wissens, des Sich-
erinnerns, der Kameradschaft mit jeder Straßenecke und
jedem Prellstein."
(384f) "Hier hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch
ehe er sich aus der Lateinschule hatte wegjagen lassen,
hier hatte er einst ein volles Glück, Erfüllungen ohne
Rest, Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet, diebesselige
Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück im
Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter Goldlack,
lustige Winde, zärtlich samtenes Stiefmütterchen, und
Kaninchenställe und Werkstatt und Drachenbau, Wasserlei-
tungen aus dem Markrohr des Holunders und Mühlräder aus
Fadenrollen mit Schaufeln aus Schindelstücken. Kein Dach,
dessen Katzen er nicht gekannt, kein Garten, dessen
Früchte er nicht versucht, kein Baum, den er nicht
bestiegen, in dessen Krone er nicht ein grünes Traumnest
besessen hatte."