4.0602 Interpunktion

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Man spricht gern von »Zeichensetzung« und meint »Interpunktion«. Das ist ein weiterer Beleg für die inflationäre und gedankenlose Verwendung des Begriffes »Zeichen«. Diese sollte man möglichst abbauen. »Zeichen« ist wesentlich mehr als nur »Satzzeichen«. »Zeichen« ist aber auch mehr als nur irgendwelche Ausdrücke (Buchstaben und ihre Kombination zu Wortformen), die man hinschreibt.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Segmentierung von Texten

Was nachfolgend in Ziff. 1.1 breiter praktisch behandelt wird, stellt ein Kurzvortrag - vgl. [1] - mit stärkerer Gewichtung der Theorie dar.

0.2 Übliche Gedankenlosigkeit

H. Genzmer, Unsere Sprache. wbg 2014. S. 336:

"Der Punkt markiert vor allem ein Ende eines Satzes oder eine Abkürzung. Er
kennzeichnet ein Senken der Stimme. Bei Zahlen und Ziffern hat er eine Son-
deraufgabe.
Morgen fahre ich in die Stadt. "
  • Ein solcher Hinweis zur Segmentierung gehört in unserem Verständnis an den Anfang einer Grammatik, nicht an deren Ende. Ein Text ist viel zu komplex und grammatisch zu dicht, als dass man seine Unterteilung erst spät und beiläufig einführen dürfte.
  • Erst mit einer Segmentierung wird es möglich, Bedeutungsanalyse (Semantik / Pragmatik) zu betreiben - auch deswegen gehört die Segmentierung an den Anfang der Bedeutungsanalyse.
  • Das übliche Klischee: Texte sind nach Sätzen unterteilt. Eine praxisnahe und zugleich theoretisch befriedigende Vorstellung, was ein Satz sei, liegt nicht vor.
  • Auch wird nicht damit gerechnet, dass jeder Text auch nicht-satzhafte Partien enthält, die man nicht dumpf benachbarten Sätzen zuschlagen kann / darf.
  • Das Gegenmodell bei uns: [2] "Äußerungseinheiten", u.z. in zwei möglichen Gestalten: phrastisch - aphrastisch.

1. Komma und Äußerungseinheit

Das Verhältnis zwischen beiden ist nicht eindeutig. Manches Komma kann man so interpretieren, dass damit eine neue ÄE beginnt - z.B. dann, wenn eine Konjunktion oder ein Relativpronomen folgt. Ein anderes, das nur eine Apposition abgrenzt, gilt nicht als trennend. Ratschlag - entsprechend den "Regeln für Äusserungseinheiten": nie nur auf das Komma schauen, sondern berücksichtigen, was in seiner Umgebung steht! Vgl. dazu die - leicht ironisch verstanden - "10 Gebote" in Ziff. 4.0601: [3]

1.1 "Virgel" und "Komma" - Vorreiterrolle Luthers

Wer eine Bibelübersetzung Martin Luthers aufschlägt, z.B. "Die gantze Heilige Schrifft Deudsch". Wittenberg 1545 (die letzte zu Luthers Lebzeiten erschienene Ausgabe. reprint i.S.v. 'diplomatischer Ausgabe' 1973, Darmstadt), wird den Übersetzungstext in folgender Form vorfinden:

JERIHO ABER WAR VERSCHLOSSEN VND VERWARET fur den kindern
Jsrael / das niemand aus oder einkomen kundte. Aber der
HERR sprach zu Josua / Sihe da / Jch hab Jeriho sampt
jrem Könige vnd Kriegsleuten in deine hand gegeben. Las
alle Kriegsmenner ringt vmb die Stad her gehen ein mal
/ vnd thu sechs tage also. Am siebenden tage aber / las
die Priester sieben Posaunen des halliars nemen / fur der
Laden her / und gehet desselben siebenden tages / sieben
mal vmb die Stad / vnd las die Priester die Posaunen
blasen. Vnd wenn man das Halliars horn bleset und denet
/ das jr die posaunen höret / So sol das gantze volck 
ein gros Feldgeschrey machen / So werden der Stadtmauren
vmbfallen Vnd das volck sol hinein fallen / ein jeglicher
stracks fur sich.

Der Auszug aus Jos 6 enthält außer Punkten keine Satzzeichen in unserem Verständnis bzw. unserer Differenzierung. Was auffällt sind jene Schrägstriche "/". Diese Schrägstriche gehen auf Luther zurück und scheinen wichtiger zu sein als die überlieferten Verszahlen, mit denen sich Theologen über den Text zu verständigen pflegten. In der Wiedergabe hier wurden die Verszahlen weggelassen. Der reprint setzt sie ein, im Original fehlen sie aber! Sie wegzulassen war Luthers Praxis in mehreren seiner Bibelausgaben.

Die Schrägstriche "/" werden Virgeln genannt. Da hört man französisch virgule mit, also "Komma". Es gibt die Meinung - vgl. wikipedia -, die Virgeln seien im Grunde Kommata. Diese Auskunft ist aber zu schwach und wird auch nicht von den Herausgebern der hier benutzten Bibelausgabe geteilt. Man müsste ja fragen: "Komma" nach welchen Regeln? Und was genau soll ihre Funktion sein? Daher sei hier der Gegenposition gefolgt: Virgeln entsprechen nur teilweise unseren Kommata:

Da Luther generell daran interessiert war, dass die Heilige Schrift auf Deutsch dem Volk direkt angeboten/vorgetragen wird - anstelle der lateinischen Version, die nur den Klerikern zugänglich war -, war ihm daran gelegen, die Bibel nicht nur zu übersetzen, sie also auf Deutsch zur Verfügung zu stellen. Sein zweites Interesse: Er wollte im Gottesdienst für eine angemessene Rezitation sorgen, so dass der Text nicht unverstanden und damit für das Auditorium unverstehbar rein mechanisch vorgelesen oder in feierlichem Gesang untergehen würde.

Der mit Virgeln geschriebene Übersetzungstext ist in Sinn- = Vorleseeinheiten unterteilt und kommt damit unseren Äußerungseinheiten sehr nahe. Übrigens: Wer genötigt ist, heute ein Gedicht als Fließtext zu schreiben, greift zum selben Mittel: Anstelle des nicht mehr sichtbaren Zeilenwechsels wird ein "/" eingesetzt. Es soll dafür gesorgt werden, dass man beim Lesen/Vortragen innehält, eine Atempause einlegt, und dann erst weiterliest. - Nun also die Überprüfung des obigen Textes auf unsere "10 Gebote für Äußerungseinheiten" hin. G. = "Gebot":

JERIHO ABER WAR VERSCHLOSSEN VND VERWARET 
fur den kindern Jsrael /                          es folgt "das" = unser "dass", 
                                                  also Konjunktion: G.4 
das niemand aus oder einkomen kundte.             Punkt als 'starkes' Satzzeichen: G.2
Aber der HERR sprach zu Josua /                   Übergang zu direkter Rede 
                                                  (statt ': "'): G.2
Sihe da /                                         Interjektion = nicht-satzhafte, 
                                                  eigene ÄE: G.9 
Jch hab Jeriho sampt jrem Könige vnd Kriegsleuten  
in deine hand gegeben.                            G.2
Las alle Kriegsmenner ringt vmb die Stad  
her gehen ein mal /                               G.1 - es folgt gleich noch ein 
                                                  finites Verb
vnd thu sechs tage also.                          G.2
Am siebenden tage aber /                          Betont vorangestellte Zeitangabe: G.8  
las die Priester sieben Posaunen des halliars nemen /  
                                                  normaler Satz, zusätzlich isoliert 
                                                  durch Umgebung
fur der Laden her /                               betont isolierte Ortsangabe: G.5, 
                                                  ähnlich wie G.8
und gehet desselben siebenden tages /             G:1
sieben mal vmb die Stad /                         nachgelieferte Explikation zum 
                                                  fernstehenden Verb: G.10
vnd las die Priester die Posaunen blasen.         G.2
Vnd wenn man das Halliars horn bleset             "Halliar" = Schofar(horn) 
und denet /                                       ="tönet". Erste Stelle, wo ein "/" 
                                                  fehlt, wenn man sich nach den 
                                                  "10 Geboten" richtet: G:1
das jr die posaunen höret /                       Konjunktionaler Nebensatz: G:4
So sol das gantze volck ein gros Feldgeschrey machen /     G.1
So werden der Stadtmauren vmbfallen               G.1 und G.6 
Vnd das volck sol hinein fallen /                 Zweite Trennung, die nicht durch 
                                                  "/" gedeckt ist.
ein jglicher stracks fur sich.                    G.2

Ergebnis: Die Virgeln zeigen mit hoher Treffsicherheit die gleiche Unterteilung des Textes wie im Fall der Unterteilung durch die "10 Gebote für Äußerungseinheiten". An zwei Stellen wären - diesen "Geboten" folgend - ebenfalls "/" fällig gewesen. Insgesamt aber ist die Übereinstimmung doch erstaunlich und zeigt: "Virgel" = "Komma" greift zu kurz.

Stattdessen portionieren die "/" zusammen mit den "starken" Satzzeichen linear den Text in Sinn- = Vorleseeinheiten. Differenzierte Zeichensetzungssysteme (manche Satzzeichen fehlen ohnehin noch) entfallen, da sie nicht dem Vorlesen, also der akustischen Realisierung dienen, sondern differenzierter dem privaten Lesen und der dabei eher möglichen - stillen - Rekonstruktion der logischen Abhängigkeiten. Letzteres geht nicht beim lauten Vorlesen.

[Hätte der Reformator unsere "10 Gebote für Äußerungs-
einheiten" gekannt und anerkannt - was ihm trotz
seines cholerischen Charakters hätte leicht fallen
können, da es dabei nicht um Heil oder Unheil des
Menschen geht, auch nicht um die papistische Kirche,
- hätte er womöglich bei unseren Einwänden mit sich
reden lassen ;-)]

Die Ausführungen lassen sich weiter präzisieren anhand von Gen 22,1-19 ("Isaaks Opferung"). Wer möchte, kann vergleichen:

  1. Der Text in Äußerungseinheiten gegliedert und in unserer Übersetzung: [4]
  2. Der Text in der Luther-Übersetzung von 1545 mit allem integriert, was Luther zur Unterteilung einsetzte. Das Repertoire ist übersichtlich: Der Punkt wird verwendet, die Absatz-Gliederung, und - am häufigsten - die Virgeln. Weitere Trennsignale sind nicht im Gebrauch. - Was ist nun das Ergebnis der Textunterteilungen? - Wir haben unsere "Äußerungseinheiten" hinzunotiert, so dass man die Abweichungen schnell erkennt. [5]. Genereller Eindruck: Textsegmentierung nach Luther und die nach Äußerungseinheiten stimmen zum größten Teil überein. Einige Stellen müssen aber besprochen werden:
1a/b nach unseren Zeichensetzungsregeln käme niemand auf
die Idee, hier eine Trennung zu setzen. Wenn Luther
es dennoch macht, beweist er, dass er den hebräischen
Text beim Übersetzen vor sich hat: Die Zeitangabe ist
dort ein eigener Verbalsatz. Den gibt er zwar nicht als
solchen wieder, aber er respektiert ihn durch die erste
"Virgel".
(Übrigens wird die Orientierung am Hebräischen auch
sichtbar in der Verwendung des Wortes "Knabe", wo wir
heute sagen würden: manchmal trifft die Übersetzung zu,
manchmal müsste man aber "Knecht" übersetzen. - Es ist
ein und das selbe hebräische Wort.
Luther macht die Unentschiedenheit im Deutschen sichtbar,
klärt nicht aufgrund von Kontextüberlegungen.)
2c/d - unser 2d entfällt bei Luther. Der Grund
liegt darin, dass er die "Näherbeschreibungen" des
Hebräischen etwas vereinfacht. Genau genommen hätte er
"den Isaak" nachstellen und so eigens hervorheben müssen. 
4a/b - Von Luther wird nicht berücksichtigt, dass
die Zeitangabe isoliert nach vorne gestellt ist. Sie
sollte also nicht mit dem nachfolgenden Verbalsatz
zusammengezogen und damit nivelliert werden.
5c/d - Luther zieht beide Äußerungseinheiten zu
einem Satz zusammen. Dagegen ist das Subjekt im Heb-
räischen sinnvoll vorne herausgestellt, weil die "Knaben"
verstehen müssen, dass die Gruppe nun geteilt wird. Also
zunächst Herausstellung des neuen Subjekts (5c), dann erst,
per "wir" darauf bezugnehmend, die Mitteilung, was das
neue Subjekt zu tun plant.
7a/b - Redeverben werden doppelt verwendet. Übersetzer
mögen das als steif und übertrieben empfinden - und ver-
einfachen dann. So auch Luther. Allerdings streichen sie
damit ein wichtiges stilistisches Signal: Die Gesprächs-
situation ist aktuell natürlich steif. Das sollte auch
sprachlich abgebildet bleiben!
8c/d die Trennungen sind bei Luther die gleichen
wie bei uns. Nur stellt L. den Vokativ nach vorne. - Das
mag für eine normale Unterhaltung angemessen sein. Hier
jedoch ist es von Belang, dass im Hebräischen der Vater
zunächst mit der theologischen Begründung antwortet. Die
Beziehung zum Sohn ist nachgeordnet. Das ist ja das
Problem des ganzen Textes. Das sollte man beim Übersetzen
nicht nivellieren. Außerdem dürfte der nachgestellte Voka-
tiv auch ein Signal an den Gesprächspartner sein: "Halt
endlich die Klappe!" Abraham war durch Isaaks Frage in
eine schwierige Situation geraten.
10b - den hebräischen Infinitiv - "um seinen Sohn
zu schlachten" - lagert Luther in einen eigenen
Nebensatz aus. Das machen wir bei den Äußerungseinheiten
nicht.
13b/c - im Hebräischen ist der Hinweis auf die
neue Erkenntnis aufwändiger und überraschender. Luther
zieht 13bc zu einem Satz zusammen - wodurch dieser
langweiliger wird. Die große Verblüffung - für Abraham
und Leser - wird damit ausgemerzt.

Fazit: Die divergierenden Stellen gehen auf Übersetzungsprobleme zurück, haben somit keinen direkten Einfluss auf die Frage der Textsegmentierung. Luthers Verständnis des deutschen Textes passt hervorragend mit unseren Äußerungseinheiten zusammen. Es entsteht damit eine Unterteilung, die man mit heutigen Kommaregeln nicht erzielen würde. Gerade weil das Repertoire an Trennzeichen (inklusive dazugehörender Regeln) sehr verschieden ist, ist es besonders bemerkenswert, im Textverständnis über die Zeiten hinweg eine sehr hohe Übereinstimmung festzustellen.

Anders gesagt: Eine Textauslegung (Exegese), die sich heute zwar der überkommenen Versunterteilung bedient, ansonsten aber sich begnügt, heutige Zeichensetzungen zu beachten - vgl. die Übersetzung aus dem Genesis-Kommentar von Westermann: [6] -, bleibt hinter Luther zurück, oder - anders gesagt -, hinter heute möglichen textwissenschaftlichen Segmentierungskriterien. Sie ist allein deswegen schon ausgesprochen bieder, weil sie damit nicht in der Lage ist, der Erzähldynamik des vorliegenden Textes genau zu folgen.

Luthers Verdienst bei der Entwicklung des Deutschen
liegt also nicht allein im Übersetzen. Dies zu betonen
würde eine Verkürzung darstellen. Weil sein Interesse war,
die biblischen Texte gut verstehbar, und damit in der
Regel mündlich den Menschen nahezubringen, bemühte er
sich um eine dem  Gedankenverlauf - und damit auch der
hebräischen Grammatikstruktur - entsprechende
Segmentierung. Dies mit Zeichensetzung, womöglich
noch als Vorform unserer heutigen Praxis, gleichzu-
setzen, verkennt den Sinn der Virgeln.  

Der folgende Text Mk 1,40-45 nimmt Luthers Virgeln in der Schreibung ernst, d.h. lässt damit eine neue Zeile beginnen. Außer "." begegnen keine Satzzeichen in der Ausgabe von 1545. Wenn eine Verszählung steht, fällt die Virgel aus. Vgl. [7]. An einer Stelle wurde der Luther-Text ersetzt durch das, was nach Expertenmeinung textkritisch die wahrscheinlichere Variante ist.

1.2 Erwartetes, aber fehlendes Komma

Aus A.M. Schenkel, Tannöd. 7. Aufl. Hamburg 2007. S. 12:

"Wenn der kleine Bruder mal in den Schnee gefallen ist,
hat er angefangen zu weinen und hat meistens auch noch
in die Hose gepieselt und Marianne hat dann nach Hause
gemusst und schlimmen Ärger bekommen."

Der Gesamtsatz besteht aus 5 Teilsätzen - und spätestens beim Subjektwechsel erwartet man ein Komma. Die Poetin verzichtet darauf.

"Weil sie nicht auf ihn aufgepasst hat und weil er wieder
in die Hose gemacht hat und  so weiter."

"und weil" = "und"+Konjunktion - davor wäre ein Komma angesagt, das zugleich den Beginn einer neuen Äußerungseinheit anzeigt.

"Am nächsten Tag in der Schule war sie dann ganz traurig
und hat mir erzählt, dass sie weg möchte, denn der Groß-
vater ist so streng und die Mama von ihr auch."

Auch ohne Konjunktion: mehrere "und" verbinden hier nicht zwei Nomina zu einer Reihung, sondern leiten neue ÄEen ein. Die Beispiele zeigen zweierlei:

  1. selbst nach Standardregeln der Satzzeichensetzung ist auf "Komma" kein Verlass, denn bei gleichbleibendem Subjekt darf es fehlen, obwohl ein neuer Teilsatz = neue ÄE beginnt.
  2. die Poetin setzt sich zusätzlich über die Konventionen hinweg, so dass erst recht das "Komma" keine Hilfestellung gibt. Der Grund für die Freiheit, die sie sich nimmt, ist sicher ein poetischer. Wenn im ersten Satz der kleine Bruder "gepieselt" hat, dann lässt die Poetin den Satz eben auch "fließen" ...


1.3 Rechtschreibregeln und Äußerungseinheiten

Man ziehe flankierend zurate: Duden online Rechtschreibregeln. Natürlich gibt es Überlappungen, gleiche Ergebnisse, wenn man diesen Regeln folgt, mit den Segmentierungen nach Äußerungseinheiten. Es gibt auch Unterschiede. Sie sollen nach und nach herausgearbeitet werden. Zunächst: die Dudenregeln - vgl. [8] - sind knapp 170 an der Zahl (z.T. mit Untergliederungen). Die für ÄEen fast ein 1 Zwanzigstel davon. Warum diese Aufblähung bei Duden?

- ein wesentlicher Unterscheidungspunkt: die
  Alternativ-Grammatik arbeitet konsequent auf der
  Basis der Semantik, also inhaltlichem, an den Sprechakt
  gebundenem, am Wortsinn orientiertem Verstehen. Die
  Duden-Regeln pendeln: mal wird nach Inhaltsverstehen
  gearbeitet, mal nur nach Wortarten - gleichgültig, was
  ihre Funktion ist (also z.B. nach 'Partizip',
  'Adjektiv' usw.)
- Wenn semantisch bei Duden angesetzt wird, bleiben
  die Erklärungen schwammig. "Erläuterung" (z.B. Regel 45)
  oder "Zusatz" (z.B. R. 103) - sind beide gleichbedeutend?
  Bei Duden ist kein Konzept im Hintergrund, wie man -
  unsere - "Näherbeschreibungen"/"Adjunktionen" erfassen
  soll und kann: "Deskription" bzw. "Explikation". Und zur
  Unterscheidung würde reichen, auf den Unterschied von
  "Kontaktstellung" bzw. "Fernstellung" zu achten. 
  Auch das fehlt bei Duden. (Nebenbei: ein "und zwar" |
  "also" | "näherhin" usw. = Anzeiger für Explikationen
  kann man auch als 'Abstandshalter' verstehen. Es gibt
  somit Explikationen mit und ohne verbalem Anzeiger,
  beide aber mit der selben Funktion: nachträgliche, mit
  Verzögerung eingeführte Erläuterung.
- Nicht ausreichend gewürdigt wird die Wichtigkeit
  konjugierter Verben: stoßen sie aufeinander, kann es
  zwar sein, dass kein Komma gesetzt werden muss -
  Warum? -, klar ist aber, dass der Sprecher zweierlei
  Sachverhalte hintereinanderschaltet. Jeder für sich ist
  eine eigene Aussage (=> Äußerungseinheit) und sollte
  so gewürdigt werden. Mehrere solcher 'Teilsätze' ledig-
  lich hinzunehmen und dann, wenn der Punkt kommt, nur von
  "Gesamtsatz" zu sprechen, ist zu dürftig.
- Das zeigt: Duden hat kein Konzept, wie wir nach Semantik
  und Pragmatik zu unterscheiden (die Begriffe tauchen
  in den Regeln auch nicht auf). Hätte man es, könnte
  bestens ein derartiger Gesamtsatz zunächst in die einzel-
  nen Teilsätze aufgeteilt werden (auch dort wo kein Komma
  verlangt wird); beim nächsten Schritt, in der Pragmatik,
  wird dann bei der Frage, welche Äußerungseinheiten
  einen "Gesamtsatz" bilden, der Zusammenhang hergestellt,
  den der Autor wollte. 
- Man hat so die Möglichkeit beides zu beschreiben: jede
  einzelne Sachverhaltsschilderung für sich; und dann den
  Befund, dass der Autor mehrere davon zusammengepackt
  darbieten wollte ("Makrosatz").
- Duden hat kein Konzept, das unseren "Modalitäten" ent-
  spräche und im Zusammenhang damit dem Unterschied zwi-
  schen Infinitiv und konjugiertem Verb Rechnung trüge.
  Regel 117 Abs, 2 könnte dadurch entfallen.
- Unser einfaches Kriterium der "Parallelisierung" ist
  auch nicht vorgesehen. 
  Wir können zu Fuß gehen oder wir können die Straßenbahn nehmen.
  - Kein Komma. Wahrscheinlich wegen des parallelisierten
  Eindrucks.
  In der Alternativ-Grammatik benötigen wir zunächst
  aber die einzelnen Satzaussagen: mit "oder" beginnt also
  die neue Äußerungseinheit.
  Der Duden-Eindruck, alles sei eine ungegliederte Einheit,
  ist falsch.

Um ein Beispiel der Duden-Rechtschreibregeln zu erläutern, sei herausgegriffen: Regel 35. Sie lautet: "Der Doppelpunkt steht vor Sätzen, die das vorher Gesagte zusammenfassen oder eine Schlussfolgerung daraus ziehen." Das Textbeispiel:

"Du arbeitest bis spät in die Nacht, rauchst eine Zigarette
nach der anderen, gehst kaum noch an die frische Luft:
Du machst dich kaputt, mein Lieber!"
Damit mag der Doppelpunkt erläutert sein. Zugleich ist
ein falscher Eindruck erweckt, nämlich dass die Teile
davor und danach in sich homogen seien. Das sind sie
aber nicht.

Aus Sicht der Alternativ-Grammatik könnte anders und einfacher argumentiert werden. a. 'Doppelpunkt' ist auf jeden Fall ein 'starkes Satzzeichen', trennt also. Die obigen Zusatzüberlegungen ('zusammenfassen' - '...ziehen') kann man sich sparen. - b. Es liegen 4 konjugierte Verben (mit jeweiliger Satzumgebung) vor. - c. Am Schluss ein Vokativ (wäre bei Duden die Regel 132). - Das Ergebnis:

  1. "Du arbeitest bis spät in die Nacht,
  2. rauchst eine Zigarette nach der anderen,
  3. gehst kaum noch an die frische Luft:
  4. Du machst dich kaputt,
  5. mein Lieber!"

Eine Andeutung muss hier zum Schluss genügen: Zeichensetzung - es fragt sich, was ihre Funktion ist. Ist sie als Signal an die Leser gedacht? Diese sollen in ihrem Lesefluss gelenkt werden? Das könnte sinnvoll sein. Hat Zeichensetzung im Blick auf die Verfasser den Zweck, diese auf eine hochsprachliche, von einem Gremium festgelegte Norm zu verpflichten? - Das muss hier nicht entschieden werden. Aber ein Eindruck ist nach der Lektüre der Duden-Regeln deutlich: die Regeln widerspiegeln eine schwache, undifferenzierte und unentwickelte Grammatikvorstellung. Vielleicht sind deswegen die Regeln derartig aufgebläht. - Beachte nochmals oben Luthers Vorgehen, Ziff. 1.1: Die wenigen Segmentierungsmittel sind dort eindeutig sowohl Sachverhalts(=Prädikations)- und Leser-orientiert.