4.0611 Subjekt / 1.Aktant

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

»Subjekt« steht in einer Reihe von weiteren Figuren, die zum Verständnis eines Satzes zwingend notwendig sein können. Dazu gibt es in den bisherigen Grammatiken unterschiedliche Begriffe: Kasus, Rollen, Tiefenkasus usw. Diese Begriffe sind zum Teil missverständlich, daher versuchen wir Klarheit zu schaffen und werden von Aktanten reden. Ein begrifflicher Neustart auf Schulebene hilft, Verwechslungen und Konfusionen zu vermeiden. (Auf wissenschaftlicher Ebene ist "Aktant", aus der französischen Sprachwissenschaft stammend, schon über ein halbes Jahrhundert bekannt.)


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Markieren in Computer-file

Wer einen Text in einem Textverarbeitungsprogramm geöffnet hat und nicht nur lesen will, wer also den Text gestalten, verändern will, der wird entweder an irgendeiner Stelle einen Textzusatz einbringen, oder schon bestehenden Text überschreiben, oder - das ist hier der Vergleichspunkt - einen Ausschnitt des Textes markieren. Bis hierher ist deutlich gemacht, dass mit dem Textausschnitt etwas geschehen soll. Was genau, ist noch offen. Aus den üblichen Möglichkeiten - 'Löschen, Speichern, Verschieben, Kopieren' - muss erst noch ausgewählt werden. Das aber ist bereits der zweite Arbeitsschritt.

Zunächst hat der Benutzer erst sichtbar gemacht, mit welchem Textteil er sich nun beschäftigen will. Zum Thema, Problem, könnte er vieles im aktuellen Text machen. Das Markieren ist also ein Abgrenzen, Auswählen, Hervorheben. Das ist der Vergleichspunkt zum Bestimmen eines Subjekts. "Subjektbestimmung" könnte man auch umschreiben mit Bündelung von Aufmerksamkeit.

0.2 1.Aktant + Instrument / pragmatisch

Um diese mögliche Zusatzangabe soll es gehen. Wenn ich als Handelnder einen Hammer ergreife, um mit ihm einen Nagel einzuschlagen, und wenn der Hammer genau den Nagel trifft - und nicht meine Finger -, so entsteht kein Problem. Ein solches "Instrument" wird grammatisch bisweilen auch "Adjuvant" genannt.

Die gleiche Denkfigur eine Ebene höher, in der PRAGMATIK, eingesetzt, wobei dann das "Instrument" ein Mensch ist - wie im Fall von Soldaten -, entstehen Schwierigkeiten. Das Militär funktioniert nach Arbeitsteilung: Irgendwo werden Entscheidungen getroffen, zur Ausführung sind andere per Eid verpflichtet. Jene Anderen sind aber immer noch denkende/fühlende Menschen. Bisweilen sollen sie als menschliche Instrumente Taten vollbringen, die ihnen selbst zuwider sind. Befehlsnotstand nennt man das dann.

aus: Gerd Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015.

(297) Ein paar Stunden später waren zwischen Rotem Platz
und Weißem Haus lange Panzerkolonnen stationiert. Die
Soldaten saßen auf ihren Fahrzeugen und warteten auf
Befehle. Immer mehr Zivilisten standen um sie herum,
Abgeordnete des russischen Parlaments kamen heran und
begannen mit ihnen zu sprechen. Die Offiziere blieben
abweisend, die jungen Soldaten dagegen zeigten sich
offener. Sie wussten nicht genau, wie sie sich verhalten
sollten, wenn Gruppen von Frauen ihnen etwas zu essen und
zu trinken brachten und manchmal fürsorglich, manchmal
streng auf sie einredeten. "Weiß deine Mutter eigentlich,
was du hier machst?", fragte eine ältere Frau, die neben
mir vor der Panzerkolonne mit ihrem Regenschirm
herumfuchtelte. "Weiß deine Mutter, dass du auf deine
eigenen Leute schießen sollst?" Und eine andere tadelte
den Panzerkommandanten: "Schämen Sie sich, Genosse
Oberleutnant. Warum sind Sie hier? Warum schützen Sie
die Privilegien der Bonzen?" Er halte sich an seinen
Soldateneid und führe nur Befehle aus, antwortete der
Offizier. Da fielen die Frauen erst recht über ihn her.
Was das für ein Eid sei, der Soldaten verpflichte, das
eigene Volk zu bekämpfen und den Präsidenten zu ver-
haften. Der Offizier drehte sich um und ging. Einer der
jungen Soldaten stand nun auf seinem Panzer. "Ich werde
nicht" - er brach ab, schaute sich zu den Offizieren um
und sagte dann: "Ich werde nicht ... Ich werde nicht
auf das Volk schießen." -"Bravo!", riefen die Frauen.
"Ihr seid prima Kerle." Die Offiziere taten, als
hörten sie nichts.

0.3 "Instrument - Begleitung(komitativ) - Adjuvant/Opponent - Benefiziat/Malefiziat"

Das sind die möglichen Zusatzangaben zum 1.Aktanten. Tritt in Fällen wie den folgenden entweder ein Nomen oder ein Pronomen dekliniert als "Dativ" auf, so ist in traditioneller Sprechweise erst etwas gesagt, wie das Pro-/Nomen äußerlich verändert wurde. Nun interessiert uns aber seine semantische Funktion im Satz. Und dazu erfährt man stereotyp - auch bei Genzmer - s.u. -, es handle sich um ein "Objekt". Das verwirrt sogleich. Denn für die Tätigkeit <<KOCHEN>> bzw. <<VERSALZEN>> braucht man ein "Objekt = 2.Aktanten". Der 2.Aktant ist auch in den Beispielsätzen jeweils gegeben: "die Suppe". Was leistet nun aber das je zusätzliche scheinbare "Objekt" (=was jeweils fett gedruckt wird)? Mit unserer Definition von "Objekt/2.Aktant" passt es nicht zusammen.

Des Rätsels Lösung: Zusätzlich zur Prädikation wird eine Figur genannt, zu deren Schaden gehandelt wurde bzw. werden soll. Er ist der Malefiziat, zu dessen Schaden die Suppe gekocht wird. vgl. pdf-Text. Für die eigentliche Handlung des Kochens muss die Figur im Rahmen der Aktanten nicht genannt werden; aber um die zusätzliche Motivation hervorzuheben, ist es möglich.

Der 1.Aktant kann kräftig tätig werden - dabei springt ihm möglicherweise ein Helfer = Adjuvant zur Seite ("Hans trug mithilfe seines Bruders die Kiste mit Äpfeln nach Hause."). Oder das tätige Subjekt muss einen Widersacher = Opponenten überwinden ("Hans klopfte entgegen dem Rat seines Bruders gegen den Käfig.") - Beides muss nicht in personalisierter Form vorkommen.

Täglich kochten wir dem Teufel eine Suppe.
Manche möchten sie ihm heute noch versalzen.
Manche möchten sie dem Teufel heute noch versalzen.
Manche möchten ihm die Suppe heute noch versalzen. 

aus: H. Genzmer, Unsere Grammatik. Die Schönheit unserer
Sprache: nachschlagen und informieren. Wiesbaden 2014,
Wiss. Buchgesellschaft. S.22

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Erläuterung

"Subjekt" kommt vom Lateinischen subjectum und heißt: das 'Druntergeworfene', also das, was eine Basis bildet.

Definition aus Wikipedia: Am geläufigsten ist die Auffassung, dass es sich um die Funktion, die Rolle handelt, die eine Wortgruppe (ein Satzglied) im Satz ausübt. In sehr vielen Sprachen (= Nominativsprachen) steht das Subjekt im Nominativ und bildet mit dem Prädikat die Kernaussage des Satzes. Es handelt sich dabei um das Satzglied eines Satzes, das mit der Frage "Wer oder was?" erfragt werden kann.

Beispiel aus Wikipedia: Ein Apfel fällt vom Baum. Frage: Wer oder was fällt? Antwort: Ein Apfel (fällt). In diesem Fall ist ein "Apfel" das Subjekt des Satzes. [1]

Definition aus canoo: Das Subjekt ist der Ausgangspunkt, von dem das durch das Prädikat bezeichnete Geschehen ausgeht. Es besteht in der Regel aus einem Nomen, einer Nomengruppe oder einem Pronomen im Nominativ. Das Subjekt stimmt immer in Person und Numerus mit der finiten Verbform des Prädikats überein. [2]

Kritische Anmerkungen zu den obigen Definitionen:

  1. Man kann beim Subjekt nicht von Ausgangspunkt sprechen, vielmehr wird er erst gebildet.
  2. Es ist die Rede von einer Rolle oder Funktion, jedoch wird diese nicht definiert. Der Begriff Subjekt bleibt zu allgemein, wird eher vorausgesetzt als erklärt.
  3. Rolle des Subjektes: Es gibt eine Fülle von Auswahlmöglichkeiten. worüber man sprechen könnte. Der Sprecher, der sich auf ein Subjekt festlegt, hat eine Auswahl getroffen.
  4. Es gibt auch Sätze ohne Verbformen, z.B. "Alles im Eimer", aber sehr wohl mit Subjekt.
  5. Es gibt auch Nomina, die keinen unzweideutig erkennbaren Nominativ bilden.

Die Frage nach dem Subjekt, dem Thema, ist nicht nur im Satz wichtig, sondern wiederholt sich eine Stufe höher, beim Text. Die Frage ist immer: an welches Wissen wird angeknüpft? Subjekt/Thema ist also das, was bekannt und Ausgangspunkt der nächsten Aussage ist, die dann Neues bringen wird.

Statt vom Subjekt oder den oben erwähnten anderen Figuren sprechen wir hier vom 1.Aktanten. "Aktant" meint eine Figur, die in dem, was gerade erzählt wird, eine wichtige, definierbare Rolle spielt. Der Satzgegenstand = 1.Aktant macht es überhaupt erst möglich, dass später ein ganzer Satz gebildet wird. Diese erste Figur wird fortan als 1.Aktant bezeichnet, sie bildet aus einer Fülle von Auswahlmöglichkeiten die Grundlage für die eine folgende Aussage.


1.2 Beispiele zum 1. Aktanten

  1. Er ging mit dem Auto in die Stadt. (ein Instrument, das die Kernaussage "er geht" unterstützt)
  2. Er ging mit dem Hund in die Stadt. (eine Begleitung wird erwähnt)
  3. Er kämpfte gegen den Sturm an. (ein Widersacher, ein Opponent)

In allen drei Fällen ist "er" der 1. Aktant. Die kursiv geschriebenen Teile sind mögliche ergänzende Zusatzangaben.

1.21 nochmals mit

Laut Hohlspiegel 28/2014: "Aus der Frankfurter Allgemeinen:
Ein Himmelreich für ein Nickerchen. Das dachte sich
vergangene Woche wohl auch die Vorstandsvorsitzende
von Yahoo, Marissa Mayer, und legte sich vor einem
Abendessen mit wichtigen Kunden im französischen Cannes
aufs Ohr."

mit wichtigen Kunden - zweierlei Argumentation:

  1. Kontaktstellung zum vorausgehenden Nomen. Also handelte es sich um ein "Abendessen mit wichtigen Kunden" = ADJUNKTION. - Aber:
  2. Wie hier unter Ziff. 1.2 wiederholt (vgl. schon im PDF-Text dieses Moduls): Ein 1.Aktant - hier: "Marissa Mayer" - kann immer auch auf PRÄDIKATIONSebene durch eine "Instrument"- oder "Begleitungs"-Aussage erweitert werden. Also: "M.M. legte sich mit wichtigen Kunden ...". In diesem Fall wird nicht ein Nomen, sondern das PRÄDIKAT weiter beschrieben.

Im "Hohlspiegel" ist das Zitat gelandet, weil die Redakteure davon ausgingen, dass die 2.Deutung sprachlich die kuriosere, aber vom Befund her mögliche ist. Gemeint war natürlich die erste.


Laut Hohlspiegel 36/2017 titelten die Lübecker Nachrichten:

Automat mit Zigaretten aufgebrochen -
  1. das klingt zunächst nach instrumental für die frevelhafte Tat. Dann aber wäre der Automat extrem schwach konstruiert gewesen: die Skepsis drängt auf eine andere Deutung:
  2. das mit wird nicht auf Ebene der PRÄDIKATION wirksam, sondern schon eine Stufe zuvor als ADJUNKTION: der "Automat" wird als auf "Zigaretten" ausgerichtet beschrieben, im "Verbund" komitativ mit ihnen.


1.3 Geheimdienst - Unterstellung

Die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller schildert in SPIEGEL 4/2013 die Verdächtigungen, denen sie bei ihrer Einreise aus Rumänien 1987 bei deutschen Behörden ausgesetzt war. Der Verfassungsschutz blockierte die - richtige grammatikalische - Korrektur durch Müller: es ist in der Tat entscheidend, wer als Subjekt/1.Aktant anzusehen ist. Es ging um den Kontakt mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate. War Müller 'Agentin' oder 'Dissidentin'?

Der Beamte fragt: Hatten Sie mit dem dortigen Geheimdienst
zu tun?
Ich sage: Er mit mir, das ist ein Unterschied.
Der Beamte: Lassen Sie die Unterscheidung mal meine
Sache sein, dafür werde ich schließlich bezahlt.
...
Ich  bekam Faltbögen von Gesichtstypen und sollte das
Aussehen der Securisten beschreiben, mit denen ich zu
tun hatte. Ich korrigierte wieder: Sie hatten mit mir
zu tun. Aber der Beamte stellte sich taub.

1.4 Ausblick in die Pragmatik: Keine 'multiple Persönlichkeit'

Eine eingeführte Figur im Text kann unterschiedliche "Rollen, Funktionen, Berufe" ausüben. Vgl. [3]. Das ist der Normalfall. Zu wünschen ist, dass diese Figur ihr Selbstbewusstsein nicht von diesen "Rollen, Funktionen, Berufen" her bezieht. Falls doch, würde sie als gespalten, wetterwendisch von anderen wahrgenommen. Stattdessen sollte sich jede/r auf den eigenen "Personkern" beziehen, ihn suchen - nun wird es meditativ -, um nicht von den "Rollen usw." zu jeweils anderem Verhalten gedrängt zu werden.

Aus einer Glosse von J. Augstein (SPIEGEL 10/2015):
"Thomas de Maizière ist Innenminister, und er ist Christ.
Es gibt gleichsam einen weltlichen und einen überwelt-
lichen de Maizière. Das sind die zwei Körper des
Ministers. In diesen Tagen ringen sie miteinander.
   Es geht um das Kirchenasyl. Der Minister sagt, es
gebe staatliche Regeln über Aufenthalt und Aufenthalts-
beendigung, und niemand habe das Recht - auch nicht die
Kirche -, sich darüber hinwegzusetzen. Der Christ
dagegen findet, 'dass es auch mal Erbarmen geben kann'. ...
   Das Kirchenasyl erinnert die Menschen daran, dass
jedes Schicksal eines Flüchtlings ein Einzelfall ist.
Diese Einsicht kommt ungelegen in Zeiten, da die Zahl
der Flüchtlinge wächst und die Zahl der AfD-Wähler auch.
   Darum wettert de Maizière gegen das Kirchenasyl - und
spricht dann wahrscheinlich weder als Minister noch als
Christ, sondern einfach als CDU-Politiker."

2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Beispiele

(bezogen auf "Grammaire de base" des Sprachinstituts "alpha.b"). - Mit c'est, il est, il y a - verbunden mit besonderen Herausstellungen (davor, danach) kann man im Französischen das Subjekt, das aktuell wichtig ist, besonders markieren. Vgl. aus Beispielen S. 14:

  1. Gérard Depardieu, c'est un acteur
  2. Le professeur, c'est une femme.
  3. Paul et Pierre, ce sont des étudiants.

nachgestellt wird das Subjekt, wobei nun der Nachdruck auf der Satzaussage liegt:

  1. C'est beau, la neige
  2. C'est fragile, les verres

(Ergänzung bei den Existenzaussagen). - Die zitierten Beispiele würden bei uns als 2 Äußerungseinheiten geführt.

3. Einzelsprache: Latein

3.1 Standarddefinitionen

In der "System-Grammatik Latein" von Fink/Maier u.a. (1997) fallen bei der Suche nach Entsprechungen für den "1. Aktanten" zwei Stellen auf:

S. 93: "Das Subjekt gibt an, wer oder was eine Handlung
vollzieht, ein Geschehen auslöst oder davon betroffen ist."
S.109: "Der Nominativ eines deklinierten Wortes benennt
die Person, die handelt oder von einer Handlung
betroffen ist, 
        die Sache oder den Sachverhalt, über die
        bzw. den eine Aussage gemacht wird."

Das sieht nach doppelt gemoppelt aus, zudem nach einer Verwechslung: Worüber eine Aussage gemacht wird, das ist üblicherweise das Subjekt. Der Grund für die Konfusion: Auch der Kasus Nominativ wird semantisch definiert, statt dass damit sicher/eindeutig erkennbare Kasusendungen auf Ausdrucksebene deklariert würden. Täte man das, wäre das doppelt gemoppelt aufgelöst. In der Semantik interessiert das Subjekt = 1.Aktant.


3.2 "Instrumentalis"?

Im PDF-Text ist von drei möglichen Zusatzangaben zum 1. Aktanten die Rede: Instrument, Begleitung, Opponent. Schaut man in die "System-Grammatik Latein" von Grosser, Maier u.a. (1997) wird man (ab S. 121) mit einer Flut von "Instrumentalis"-Varianten konfrontiert. Und zusätzlich werden diese Varianten an den Kasus Ablativ gekettet, was sich bisweilen als falsch erweist. Es sind also zwei Kritikpunkte zu illustrieren: inflationärer "Instrumentalis"-Gebrauch, unzulässig verengtes Ablativ-Verständnis.

Unter Instrumentalis werden verstanden: Mittel
(entspräche unserer Sicht) - gladio pugnare =
"mit dem Schwert kämpfen". 

Der Rest der Beispiele gehört im Sinn der "Alternativ-Grammatik"
in 'andere Schubladen:'
Zu Instrumentalis gehören laut Lateingrammatik auch Fälle wie:
              ornare se veste pretiosa - das soll man -
              laut Grammatik - als Adverbiale deuten =
              ein semantisch nichtssagender Begriff
              (heißt ja nur: irgend etwas 'beim Verb Stehendes').
              afficere aliquem poena/laude - die Nomina im
              Ablativ (nur beim zweiten sicher erkennbar) sollen
              das Objekt bezeichnen!? Hierbei lässt die
              deutsche Übersetzung nicht erkennen, von welcher
              Konstruktion sich die Lehrbuchschreiber leiten
              lassen: jemanden bestrafen/loben.
Vorschlag: bei Arbeitsübersetzungen sollte man so nah wie  möglich
an der Originalkonstruktion bleiben, etwa so: "jemanden durch
Strafe/Lob bearbeiten". Dann wäre wenigstens die lateinische 
Konstruktion transparent. Eine bessere Eindeutschung könnte dann    
folgen.   
              fungi munere - hier stehe der Ablativ auch
              für das Objekt, kein Wunder, wenn übersetzt
              wird: "ein Amt verwalten". Das wirft die
              Frage auf, ob die semantischen Rollen an
              der flüssigen (und freien) deutschen Über-
              setzung bestimmt werden sollen, oder ob
              der lateinische Befund getroffen werden
              soll? Ich plädiere für letzteres.
Begleitung -
Consul cum collega oppidum expugnare constituerat
- es ist unsauber, diesen Fall lediglich unter Ablativ
zu verbuchen, denn die Realisierung geschieht durch
Präpositionsverbindung, und erst in diesem Zusammenhang
mit Ablativ.
             Statim cunctis copiis moenia circumvenit -
             Das Beispiel belegt, dass - wie auch in
             anderen Sprachen - die Grenze zwischen
             Instrumental und Begleitung bisweilen 
             fließend ist. Beide Kategorien sind gleich-
             wertig.
             Per nuntios enim cognoverat urbem capi
             posse sine ullo periculo - 
             Das hat nun mit Ablativ überhaupt nichts
             zu tun: Präposition mit Akkusativ. - D.h.
             die Lehrbuchschreiber widerlegen sich
             sehenden Auges selbst.
nähere Bestimmung - soll auch ein Instrumentalis
sein (z.B. puer aetate; iudicare aliquid legibus) -
"nähere Bestimmung" ist  semantisch nichtssagend. Gehört 
bei uns zur  "Näherbeschreibung": vgl. [4]
Unterschied  nihilo minus = "trotzdem". Von der Wort-
             bildung her (Ausdruckssyntax) steckt zweifel-
             los ein Ablativ drin. Nun interessiert aber
             die semantische Funktion. Im aktuellen Fall:
             Register EPISTEMOLOGIE: "konzessiv" vgl. [5]. 
      multo malle ist offenbar eine emphatische Betonung,
      also: Register ASPEKTE: "forte" vgl. [6]. 
Art und Weise - als Terminus nichtssagend. Die genannten
Beispiele kann man durchweg - von der wörtlichen Konstruk-
tion ausgehend - als Instrumental (in unserem Sinn)
deuten. Dazu braucht es  keine Art und Weise:
             cum diligentia colere - Präpositions-
             verbindung + Ablativ
             cum lacrimis petere - es soll ja heute
             noch vorkommen, dass Tränen instrumental ein-
             gesetzt werden ...
Beschaffenheit - mulier eximia forma - das sieht
nach einer hingerissenen explikativen Näherbeschrei-
bung aus. 
Bewertung - magno (con-)stare - einschlägig ist das
Register ASPEKTE: "forte". Zunächst ist gesagt, dass
etwas "viel" kostet. Noch nicht ist damit bewertend
ausgedrückt, dies sei gut oder schlecht (wäre: Register
AXIOLOGIE. vgl. [7]).
Statt Bewertung wäre Einschätzung geeigneter.
Dass dies auseinanderzuhalten ist, wusste schon
Oscar Wilde: "Die meisten kennen von etwas nur den
Preis, die wenigsten erkennen auch den Wert."
Grund  - opprimi doloribus. Das hat mit
"Instrumental" nichts zu tun, vielmehr sind die "Schmerzen"
die Ursache = kausal für das Unwohlsein.
             laetus victoria - Wohlwollend unter-
             stellt, es handle sich um einen Ablativ
             (sehen kann man ihn nicht), gilt wieder:
             Froh sein aufgrund des Sieges. - In
             beiden zuletzt genannten Fällen gilt das
             Register INITIATIVE: "kausal", vgl. [8].
             desiderio motus = "von Sehnsucht
             umgetrieben" - genauso "kausal"
             vi = "daher, deshalb" - "kausal"

Fazit: Die Anhäufung semantisch unterschiedlichster Beispiele unter "Instrumentalis" ist ein nutzloser Beitrag zur Geistesverwirrung. Oder von grammatischer Gedankenlosigkeit. Nur sehr wenige Beispiele sind im engen Verständnis von "Instrumental" akzeptabel. Alle anderen gehören - semantisch - in andere, hier verfügbare Kategorien. Damit kann in der aktuellen Grammatik dieses Kapitel ("Subjekt / 1.Aktant") wesentlich entschlackt werden. Auch die scheinbare (ohnehin nicht konsequent durchgehaltene) Bindung an die Ausdruckskategorie Ablativ kann aufgegeben werden (weil es für die jeweilige semantische Funktion meist auch noch andere Realisierungsformen gibt).


4. Einzelsprache: Englisch

4.1 "Subjekt" in verschiedenen Formen

Infinitiv als Subjekt, d.h. als 1.Aktant, entweder unauffällig (Bsple aus Kirschning, Englische Grammatik, S. 270):

To read is instructive. (Reading is instructive)

Oder mit auffallender Nachstellung, was dann beim Hauptsatz einen Stellvertreter-1.Aktanten verlangt: it

It was impossible for me to help him out of his difficulties.

Derartige Konstruktionen sind einfacher dadurch erklärt, dass das it in Fernstellung noch eine Explikation erhält und dadurch erst inhaltlich gefüllt wird. Vgl. 4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation und 4.0321 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation. Eine solche umständliche Konstruktion hat ihre stilistische Funktion, die im Lauf der weiteren Beschreibung (Pragmatik) sichtbar werden sollte.


5. Einzelsprache: Russisch

5.1 "Instrumental"

Es gibt eine äussere Veränderung der Wortformen, nämlich die Anhängung eines Suffixes wie -ом: So betrachtet gehört das Phänomen laut Alternativ-Grammatik zur Ausdrucks-SYNTAX: vgl. 4.011 Ausdrucksseite: Wortbildung. - Aber dieses Muster auf Buchstabenebene wird - alter Fehler traditioneller Grammatiken - mit einem semantischen Terminus belegt: Es handle sich um den Instrumental-Kasus.

Wir müssen den Ball aufnehmen und fragen: Liegt semantisch ein Instrumental vor? - Antwort: Nein! In Fällen wie: "Ich arbeite als Arzt" ist врачом nicht ein Instrument, mit dem das "Ich" arbeitet, sondern der erst allgemein beschriebene Sachverhalt des Arbeitens wird durch Substantiv + ом | -ой | -ою | -ею | -ёю | -ю (je nach Deklinationsart) explikativ präzisiert. Fortsetzung bzw. richtige methodische Platzierung also dort: 4.0321 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation

Wir versuchen auch hier, einem Begriff seine angestammte Bedeutung zurückzugeben, so dass er nicht zum Platzhalter für "irgendetwas" degradiert wird.

Aber, es gibt die Verwendung der - wie beschrieben - veränderten Wortformen auch im echten semantischen Sinn von "Instrumental", wie es auch von der Alternativ-Grammatik vorgesehen ist: Ein 1.Aktant handelt mit Hilfe von etwas:

я пишу карандашом - "ich schreibe mit dem Bleistift"

Aber es geht auch anders, - nun bitte aufpassen, dass sich kein Knoten im Gehirn bildet: Я еду на машине = "Ich fahre mit dem Auto" Semantisch zweifellos ein "Instrumental"; aber die Präposition на regiert nicht den seltsamerweise so benannten "Instrumental", sondern den "Präpositiv".

- eine Präposition verlangt nachfolgend ein Nomen mit
  einer speziellen Endung, Präpositiv genannt. Das
  sieht nach einem Mechanismus auf Ausdrucksebene aus,
  sagt aber semantisch noch gar nichts.
- Zwar hätte die Grammatik einen semantisch passenden
  Terminus im Repertoire. Der kann/darf aber nicht ver-
  wendet werden, da er - sinnwidrig - für ein anderes
  Phänomen der Ausdrucksseite verwendet wird.
- Folglich wird das aktuelle Sprachbeispiel nicht akzep-
  tabel beschrieben.

Solche Bemerkungen sind keine Kritik an der schönen russischen Sprache, sehr wohl aber an der Art, wie Grammatiker sich ihr nähern. (Aber derartige Nachlässigkeiten stellen wir ja in Grammatiken vieler verschiedener Sprachen fest.) Der Impuls der "Alternativ-Grammatik", etwas Ordnung, somit akzeptable Logik, in die üblichen Grammatiktermini zu bringen, ist mehr als notwendig ...

5.2 "1.Aktant / Subjekt"

Die Frage, ob die Ausdrucksseite des Russischen sichere Hinweise darauf gibt, ob ein Wort semantisch die Funktion des 1.Aktanten einnimmt, muss mit nein beantwortet werden. "Der Arzt sieht das Meer" - wer den Satz übersetzt, stößt darauf, dass beide Nomina sowohl "1.Aktant" oder auch "2.Aktant" sein könnten. Es könnte also auch gesagt sein: "Der April sieht das Meer". Vgl. 4.011 Ausdrucksseite: Wortbildung Ziff. 4.2.

Auf die Hilfe der Ausdrucksseite ist also kein Verlass. Folglich wird intuitiv semantisch argumentiert: Welchem der beiden Kandidaten traut man die Tätigkeit des Sehens am ehesten zu? Im vorliegenden künstlichen Beispiel ist das schwer zu entscheiden. Bisweilen muss man bedenken, dass man fantastische, mythische Literatur vor sich haben könnte.

Das Operieren mit inhaltlichen Wahrscheinlichkeiten - das ist die Standardstrategie bei der Satzanalyse. Ergibt sich die Möglichkeit von Varianten, sucht man sich Hilfe bei der Ausdrucksseite - manchmal führt das zur Klärung, hie und da aber auch nicht. Klärung dann, wenn eine Wortform breit belegt nur eine semantische Funktion zu realisieren pflegt - was vorkommt, aber eher die Ausnahme ist.

Läge ein Satz vor mit der Wortform врач + einem
konjugierten Verb + eine Wortform, die man in
üblicher Diktion sowohl als "Nominativ" wie als
"Akkusativ" ansehen kann, dann ist Mehrdeutigkeit 
(Wer ist denn nun 1.Aktant?) ausgeschlossen, denn
die Wortform врач wird exklusiv nur für - nun 
semantisch gedacht - "1. Aktant" eingesetzt.
Folglich bleibt für die zweite, mehrdeutige Wort-
form nur die Rolle des "2. Aktanten". Denn 2 erste
Aktanten können wir in einem Satz nicht 
gebrauchen - wieder semantisch argumentiert.

Sprachübergreifend: Damit ist geklärt, was die üblichen Kasusbegriffe bezeichnen. Es sind keine Begriffe der Formenlehre = Morphologie = Ausdrucksseite. Es sind auch keine semantischen Begriffe, denn dafür gibt es - traditionell schon - eine eigene Begriffsreihe ('Subjekt, Objekt ...'). Vielmehr sind die sogenannten "Kasusbegriffe" ein Kürzel für ein gut belegtes, aber nicht zwangsläufig exklusives Muster einer Verbindung von äusserer Gestalt und semantischer Funktion.

Im aktuellen Fall: Wortform врач ist (ausnahmsweise)
zwingend mit der semantischen Funktion "1.Aktant"
verbunden. Und für diese Kombination pflegt man
"Nominativ" zu sagen.

So gesehen ist es falsch, den Begriff "Kasus" allein der Morphologie zuzurechnen. - In der Alternativ-Grammatik ziehen wir es vor, für jede Ebene die geeigneten/vorgesehenen Termini zu verwenden. Mischbegriffe wie "Kasus" werden möglichst vermieden.

Am Rande: Als Wortform ist свой unveränderlich. Es stellt eine Art Joker dar mit der Funktion: Possessivpronomen. Es wird damit aber immer eine Beziehung des folgenden Objekts zum 1.Aktanten ausgesagt:

Я дал  ему свой  телефон = "ich habe-gegeben ihm
meine Telefonnummer".
Wäre der 1.Aktant eine andere Figur, würde sich
свой darauf beziehen.