4.0613 Prädikat

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Wenn in der üblichen Schulgrammatik zwei Begriffe zur Verfügung stehen – »Verb« und »Prädikat« – kann man von vornherein vermuten, dass diese nicht identisch und auswechselbar sind. Eingeschlichen hat sich aber die Praxis, beide gleichzusetzen: Verb = Prädikat. Häufig wurde nicht darauf geachtet, welchen der beiden Begriffe man verwendete. Irgendwie schien es, als sei es gleichgültig, welchen man verwendet. – Wozu hat man dann aber zwei Begriffe?


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 "Prädikativ" - benötigen wir nicht

Man sollte kennen, was die traditionelle Grammatik unter "Prädikativ" versteht. Aber was dort das Anliegen mit dem Begriff war, fängt die Alternativ-Grammatik auf andere und einfachere Weise ein.

"Prädikative nennen wir diejenigen Teile des Prädikats, die nicht
der Wortart Verb angehören - meist Artikel, Adjektiv, Nomen, Pronomen und
anderen Nicht-Verb-Wortarten zuzurechnen. Sie bilden - anders als Vollverben - nur
gemeinsam mit Hilfsverb/Modalverb/Vollverb ein Prädikat." (J.G.)

Bemerkungen dazu:

  1. Wir stimmen darin überein, dass es um die Identifizierung einer zweiten Bedeutung geht, die benötigt wird, wenn im Zusammenhang mit einem Subjekt ein Satz entstehen soll. In der Alternativ-Grammatik heißt die Verbindung von erster und zweiter Bedeutung - insgesamt also 3 Komponenten! -: Prädikation.
  2. Wir stimmen nicht überein, wenn diese semantische Größe an Wortarten (der Ausdrucksseite) gebunden werden soll - im Verb oder außerhalb. Das ist für eine eigenständige Semantik unerheblich. Folglich benötigen wir den Zusatzbegriff nicht.
  3. Das bedeutet bei den sogenannten "Vollverben": ihre Bedeutungsfunktionen zerfallen grundsätzlich in zwei Komponenten - einerseits liefern sie eine volle, verstehbare, eigenständige Bedeutung - <<RADELN>> -, andererseits sorgen sie - angezeigt über Konjugation - dafür, dass eine Verbindung zum Subjekt möglich wird - du radelst => daraus entsteht die komplette Prädikation
  4. Gemeinsamkeit also wieder bei der Vorstellung: für einen Satz müssen 3 Faktoren zusammenkommen: BEDEUTUNG1 + Verbindung + BEDEUTUNG2; vgl. [1]
  5. Folgerung: wird die BEDEUTUNG2 in einer nicht-konjugierbaren Form geboten - s.o. Artikel, Adjektiv usw. -, muss die Komponente "Verbindung" eben anders angezeigt werden: Hilfsverb ... - Übrigens sollte man auch hier nicht fixiert sein auf eine der Formen von "Verb". Die Verbindung kann auch ganz ohne Verb realisiert sein. In semitischen Sprachen ist das selbstverständlich. Aber Nominalsätze gibt es auch im Deutschen - man achtet nur häufig nicht darauf. Verbindung dann z.B. angezeigt nur durch eine Präposition. Für weitere Varianten öffnet unser "Ostfriesischer Wetterstein" die Augen: [2]
  6. Beachten: 'Anzeigen / Andeuten', dass eine Verbindung besteht (z.B. durch Konjugation, Kontaktstellung) ist ein erster Aspekt. Damit ist semantisch aber noch gar nichts dazu gesagt, welcher Art die Verbindung ist (vgl. in der Rubrik Diskussion die Beispiele). Damit fängt die semantische Beschreibung erst an. Es ist sehr wenig, wenn bei "Franz ist der Kaiser" lediglich erkannt wird, dass das Hilfsverb die Verbindung anzeige. Das inhaltlich Interessante liegt darin, dass semantisch festgestellt wird: zwischen Eigenname und definitem Nomen werde eine Identität ausgesagt. Eine schlüssige semantische Beschreibung der Verbindung sucht man in traditioneller Grammatik vergebens.

0.2 vgl. unter "Diskussion" Beitrag zum "Prädikativ" von J. Germann, 5.10. 2014, und Replik von H. Schweizer

Vgl. [3]

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Erläuterung: Prädikat

Prädikat kommt vom lateinischen praedicare und heisst aussagen. Das Prädikat ist das Element, das zwei Bedeutungen miteinander reagieren lässt, die erste Bedeutung (also das Subjekt = 1.AKTANT) mit etwas Neuem (2.Bedeutung) in Verbindung bringt.

Definition aus Wikipedia: Das Prädikat ist das zentrale Satzglied natürlichsprachlicher Sätze. In der deutschen Sprache, auf welche sich die folgenden Ausführungen beziehen, enthält das Prädikat immer genau eine finite Verbform. Das Prädikat kann aus einem Wort (einteiliges Prädikat) oder aus mehreren Wörtern bestehen (mehrteiliges Prädikat). Mehrteilige Prädikate können ausschließlich aus Verben oder auch aus Verben und anderen Wortarten bestehen. Der Teil des Prädikats, der nicht aus Verben besteht, heißt Prädikativum.

Einteilige Prädikate: Bei einteiligen Prädikaten bestimmt das verwendete Verb, welche Satzglieder mindestens noch benötigt werden. Beispielsweise erfordert das Verb geben ein Subjekt und zwei Objekte, während das Verb schlafen nur ein Subjekt erfordert. (Die weiteren Satzglieder, über Subjekt + Prädikat hinaus, behandeln wir später: Aktanten).

  1. Du liest.
  2. Ich bearbeite einen Artikel.
  3. Er gab ihr einen Tipp.

Mehrteilige Prädikate (ohne Prädikativ): Mehrteilige Prädikate, die nur aus Verben bestehen, treten zum Beispiel bei Sätzen im Perfekt oder Futur oder bei Sätzen mit Modalverben auf.

  1. Ich habe es gefunden.
  2. Man wird sehen.

Der Lehrer muss arbeiten.

  1. Wir dürfen ausschlafen.

Mehrteilige Prädikate (mit Prädikativ): Bei mehrteiligen Prädikaten mit Prädikativ nennt man das Verb Kopulaverb.

  1. Wikipedia ist super.
  2. Alles wird anders.

[4]

KRITIK: Es wird erläutert, in welcher Form die Verben begegnen können. Eine zufriedenstellende Definition von Prädikat wird nicht geboten. Semantisch ist es ausgesprochen falsch zu behaupten, Prädikat werde immer durch ein Verb realisiert. Völliger Blödsinn diese Erklärung - Wo ist in diesem Beispielsatz das Verb? - Es hat Tradition, die Nominalsätze zu übersehen!

Definition aus deutschonline: Das Prädikat sagt aus, was das Subjekt tut oder erleidet. Prädikat kann zum Beispiel sein:

  1. ein Vollverb: Die Suppe kocht. (= Aktiv)
  2. ein Hilfsverb: Ich werde Astronaut.
  3. ein Modalverb: Ich will ... Du sollst ... Er muss...

Das Prädikat in einem Satz findet man, indem man dem Satz die Frage, was jemand (oder etwas) tut oder erleidet, stellt.

[5]

KRITIK: Zustandsaussagen wurden vergessen. "Der Winter ist kalt" - eine Zustandsaussage. Die Pinguine freuts, sie erleiden nichts... Und es lässt rätseln, wie im ersten Satz 'die Suppe (aktiv) kocht', "aktiv" = handelnd? In letzterem Sinn stellt man sich besser einen Menschen vor, der die Suppe kocht... Wie der Satz steht, ist etwas anderes ausgesagt: 'die Suppe unterliegt dem Prozess des Kochens'. Also sollte das Grammatikvokabular zwischen "Handlung" und "Zustand" auch die Aussagemöglichkeit "Prozess" bereithalten.

Kritische Anmerkungen zu den obigen Definitionen:

  1. Es ist die Rede vom zentralen Satzglied von Sätzen, jedoch bleibt der Begriff zu allgemein. Es wird nicht genau definiert, welche Funktion das ach so zentrale Satzglied hat.
  2. Es gibt auch Sätze ohne (finite) Verbformen, z.B. "Alles im Eimer".
  3. "Gott ist." Was tut oder erleidet Gott? Diese Fragestellung ist nicht bei allen Sätzen angebracht.

Erläuterung: Verb

Mit dem Verb ist die äussere Veränderung von Wortformen gemeint.

Definition aus Wikipedia: Verb ist ein fachsprachlicher Ausdruck der traditionellen Grammatik für eine Wortart, die eine Tätigkeit, ein Geschehen oder einen Zustand ausdrückt, und erfasst Wörter wie gehen, denken, leben und verblühen. Dies lässt das Verb als die Wortart hervorheben, die das Prädikat - nunmehr im grammatischen Sinn - bildet und zusammen mit dem Subjekt den Satz konstituiert. [6]

KRITIK: Immerhin ist - wie von uns weiter oben gefordert - Geschehen (= unser Prozess) zwischen "Handlung" und "Zustand" vorgesehen. Ein Fortschritt gegenüber der bisherigen bipolaren Sichtweise.

Erläuterung: Konjugation

Um anzuzeigen, dass beide Bedeutungen miteinander reagieren, aufeinander zu beziehen sind, konjugiert man das Verb, wie z.B. "Peter lesen". Folglich heißt der Satz: "Peter liest".

KRITIK: Es heißt also nicht "Prädikat=Verb", sondern "konjugiertes Verb=Prädikat". Also immer, wenn ein konjugiertes Verb vorliegt, sei das auch das Prädikat. - Na ja, das ist nur das erste Drittel der Wahrheit.

Das zweite Drittel: Konjugiert sein kann auch lediglich das Hilfsverb - "Der Sommer ist heiß" - bzw. der Modalanzeiger - "Peter sollte Brötchen holen". Die semantisch wichtige zweite Bedeutung steht jeweils danach - <<HEISS>> bzw. <<HOLEN>>. Das "ist" ist nur ein Verbindungs- und Zeitanzeiger. Was das "sollte" leistet, muss über [7] zusätzlich beschrieben werden.

Das dritte Drittel: Es gibt aber auch Sätze mit Prädikat, aber ohne Verb, oben schon erwähnt: "Alles im Eimer!" Sollen diese vergessen bleiben?

Ziemlich schwach also diese wikipedia-Definition. Wegen solcher theoretischer Schludrigkeiten entstand einmal die ALTERNATIV-GRAMMATIK, vgl. [8] - das Buch "Krach oder Grammatik?" weiterführend.

1.2 Weisheit alter Ostfriesen

Man stelle sich einen Stein vor, der an einer kurzen Kette hängend knapp über dem Boden baumelt. Dies ist ein "Wetterstein". An ihm kann man ablesen, was meteorologisch/geologisch 'Sache ist'. Die beigefügte "Gebrauchsanleitung" kommt vielfach mit Nominalsätzen aus (NS), manchmal mit Verbalsätzen (VS):

Stein trocken            = Sonne         /NS "qualitativ"     +  Explikation
Stein schaukelt          = Wind          /VS "dynamisch/fientisch"   "   
Stein schaukelt stark    = Sturm         /VS       "                 " 
Stein heruntergefallen   = Erdbeben      /NS "qualitativ"            "
Stein schlecht zu sehen  = Nebel         /NS       "                 "
Stein gar nicht zu sehen = Nacht         /NS       "                 "
Stein von oben nass      = Regen         /NS       "                 "
Stein von unten nass     = Hochwasser    /NS       "                 "
Stein von oben weiß      = Schnee        /NS       "                 "
Stein weg                = geklaut       /NS "Ortsangabe-negiert"    "         

Das Gleichheitszeichen gehört nicht mehr zur Prädikation. Es leitet eine Explikation ein: kurz gesagt ist damit gemeint ... Bisweilen ist die jeweilige Prädikation noch weiter beschrieben: durch Register ASPEKTE (Intensitätsangaben), durch Negationen, durch Ortsangaben. All dies ist in eigenen Kategorien zu erfassen, hat mit der hier interessierenden Verbindung zweier Bedeutungen nichts zu tun.

[Ist inhaltlich und semantisch so wichtig, dass es unter Ziff. 1.4 in [9] sogar nochmals besprochen wird ;-), sogar mit Bild.]

1.3 Abendmahl: Einsetzungsworte

"Das ist mein Leib" - "Das ist mein Blut" - wird beim Erheben von Brot bzw. Wein in Abendmahlsgottesdiensten gesprochen, basierend auf den sogenannten Einsetzungsberichten in den Evangelien.

Grammatisch die Struktur:

  • Ein Demonstrativ-Pronomen + Nomen, dazwischen vermittelt ein Hilfszeitwort die Verbindung und liefert die Information, die Aussage gelte jetzt.
  • die Pronomina verweisen auf etwas außerhalb des Satzes, also wird sich die PRAGMATIK nochmals damit beschäftigen müssen. "dies(es)" meint ein nicht-sprachliches Objekt, das aktuell vorhanden und gemeint ist; "mein" zielt auf den aktuellen Sprecher
  • Auch wenn noch Fragen offen sind - der primäre = semantische Eindruck ist: Eine definite Größe wird mit einer anderen definiten Größe identifiziert. Nicht das ist leistet dies für sich schon, sondern alle Elemente des betr. Satzes tragen zur Gesamtaussage bei.

An dieser Grundaussage ist nicht zu rütteln - das sei betont, weil es in der Geschichte sogar Kriege wegen dieser Aussagen gegeben hat. Mindestens Umdeutungsversuche, etwa so, dass das "ist" im Sinn von "significat" = "bedeutet" verstanden wurde. Wir kommen darauf - knapp - in der Pragmatik zurück. Aber der semantische Grundbefund steht und ist klar.

1.4 "Alles Lüge!"

Bemerkungen dazu aus Sicht der Alternativ-Grammatik:

- zwei Wörter und dadurch zwei <<BEDEUTUNGEN>>
- was geboten ist, hat an keiner Stelle etwas mit Konjugation zu tun. 
  Zwei nominal gebotene Bedeutungen liegen vor. Das Thema "Verbalsatz"
  stellt sich nicht, auch nicht via "Hilfsverb".
- die zwei Wörter lassen sich auch nicht als "Näherbeschreibung" verstehen.
  Dazu passt nicht, was man unter 'Kongruenz' versteht: mit diesen Endungen
  bzw. "Genus" lässt sich kein Attributsverhältnis bilden.
- "Alles" = nominal, singularisch, weil von der Bedeutung her keine Ausnah-
  me zulassend: definit.
- "Lüge" - sieht nach Singular aus, ist  indefinit - es könnte auch
  weitere Formen von "Lüge" noch geben.
- Prädikation: "Alles" ist ein Element aus der Klasse der "Lügen".
  Um diese Aussage zu machen, bedarf es keines Hilfsverbs. Also liegt
  ein lupenreiner Nominalsatz vor.
- Prädikat: kann schon semantisch erschlossen werden - auch wenn
  es keine eigene morphologische Repräsentation hat: Klassifikation.
  Das "Alles" - was immer damit gemeint sei - ist ein Element der Klasse
  "Lüge".
- Das "!" am Schluss darf nicht übersehen werden. Offenkundig soll die Aus-
  sage emphatisch unterstrichen, somit modalisiert werden, vgl. [10] 
- Der SPRECHAKT insgesamt - im Wortsinn - ist offenkundig ein "Informieren-
  wollen", vgl. [11]
  Aber pragmatisch wird man dabei nicht stehenbleiben können, denn
  schon semantisch fiel die Emphase auf; pragmatisch müssen die bei-
  den Bedeutungen analysiert werden (Abstrakta 2x auf Modalregister verwei-
  send). Somit nachdrücklicher Hinweis auf den pragmatischen = indirekten
  Sprechakt ERWÄGEN. 

2. Einzelsprache: Türkisch

2.1 Beispiele

  1. Semra okuyor. (Semra studiert)
  2. Semra kitap okuyor. (Semra liest ein Buch.)
  3. Gecen hafta kendime bir parfüm aldim. (Letzte Woche habe ich mir ein Parfüm gekauft.)
Das Wort OKUMAK hat im Türkischen mehrere Bedeutungen.
Die zwei Verben "haben" und "gekauft" finden sich im Türkischen in einem Wort wieder: "aldim"

Übungen

  1. Definieren Sie mit eigenen Worten den Begriff "Prädikat" und machen Sie sich klar, dass die Lehre aus der Schule (was jemand tut oder erleidet?) nicht ausreichend ist. ist-Aussagen = Zustandsaussagen fehlen.
  2. Finden Sie heraus, ob Ihre eigene Definition zu halten ist, d.h. trifft Sie auf alle Sätze zu?


3. Einzelsprache: Latein

3.1 Standarderklärung

Laut "Systemgrammatik Latein" hg. von Fink/Maier (1997) gibt es zwei Arten von Prädikaten, das einfache (meist = finite Verbform: Cicero ridet) und das zusammengesetzte (konjugierte Form von ESSE + Prädikatsnomen: Vita hominum servanda est). Folglich wird Prädikat weitgehend mit konjugierter Verbform identifiziert.

Das Prädikat, vor allem die Copula ESSE, kann in Sentenzen wegfallen. - Das Prädikat kann wegfallen? Wäre dem so, könnte - satzlogisch betrachtet - kein Satz mehr vorliegen, keine Aussage, kein Urteil. Prädikat ist eine logische Größe, muss postuliert werden, sobald man zur Überzeugung kommt, es liege ein Satz vor, muss auch dann postuliert werden, wenn auf der Ebene der Wortformen keine Entsprechung gefunden werden kann. - Das ist in vielen Sprachen das Thema der "Nominalsätze": es sind Sätze, allerdings ohne konjugierte Verbform (Voll- oder Hilfsverb). Statt Prädikat und Verb zu identifizieren, wäre es korrekter zu sagen: Es gibt Sätze ohne Verbform, deren Prädikat erschlossen werden kann/muss.

Die Systemgrammatik Latein liefert selbst ein Beispiel:
Calamitas virtutis occasio - Klammert man virtutis
aus, weil es eine Näherbeschreibung ist, nicht relevant
auf Satzebene, so stehen sich Calamitas und occasio
gegenüber. Nichts spricht dagegen, Calamitas probehalber
als "1.Aktant" zu verstehen. occasio bietet sich als
2. Inhalt einer möglichen Prädikation an. Es werden keine
Hinweise geboten, die auf eine definite "Gelegenheit"
deuten. Daher ist die Annahme, es handle sich um "irgendeine"  
Gelegenheit wahrscheinlicher. Die nämliche Überlegung gilt
für Calamitas.
Folglich stehen sich zwei indefinite Nomina gegenüber:
ein Unglück - eine Gelegenheit. Ob man nun gedanklich
"ist" einfügt oder nicht, ist nicht erheblich. 
Entscheidend ist, dass die zweite Bedeutung indefinit ist.
Nicht entscheidend ist die Determination des 1.Aktanten.
Ergebnis: Aufgrund der beobachtbaren Determinationen -
und nicht etwa aufgrund  hypothetischer und rekonstruierter
Verbformen! - erkennt man, dass der 1.Aktant Calamitas 
verstanden werden soll als
ein Element von all dem, was als occasio  fungieren
kann. 
Diese satzlogische Rekonstruktion eingedeutscht:
Ein Unglück ist-ein-Element-von Gelegenheit  
[zur Tugend/Bewährung]. - Es liegt ein Nominalsatz vom
Typ  "Klassifikation" vor. - Um  derartiges zu erkennen,
hilft nicht allein der Blick auf Wortformen mit Konjugation.
Gleich wichtig ist die Beachtung von Determinationen oder
von Präpositionalverbindungen. Die Fixierung  auf Verb-
formen macht unfähig, Nominalsätze zu erkennen.

"Verb" und "Prädikat" liegen begrifflich auf völlig verschiedenen Ebenen: Ausdrucks-Syntax bzw. Semantik. Folglich kann ein "Prädikat" anzunehmen sein (dann eben aufgrund anderer Indizien), auch wenn kein "finites Verb" im angenommenen Satz geboten ist. "Verb" gehört zur Wortbildung, "Prädikat" ist ein theoretischer Begriff der Satzlogik. Die gedankliche Trennung beider eröffnet eine Reihe neuer Beschreibungsmöglichkeiten.

4. Einzelsprache: Russisch

4.1 Zuordnung

Ему двадцать пять лет - "Mir ( ) 25 Jahre" - Ein schöner Nominalsatz. Die (25) Jahre werden dem Ich zugeordnet. Das Ich steht dabei im sog. "Dativ". Die Zahl wurde eingeklammert, weil sie eine Näherbeschreibung zu "Jahre" ist, ist also bei den Adjunktionen zu beschreiben. Und die leere Klammer in der deutschen Wiedergabe besagt: Es liegt ein verbloser Satz vor, eben ein Nominalsatz.

5. Einzelsprache: Arabisch

5.1 Begriffe

zum Thema "Prädikat" in der alten, gewiss verdienstvollen Grammatik von Brockelmann. Sie war für die wissenschaftliche Ebene gedacht, steigert also, was für Schulgrammatiken erwartet werden müsste. Dennoch lässt sich manches erkennen, was methodisch auf allen Ebenen beachtet werden muss.

Zwar übersteigt diese Grammatik die Schulebene. Von den
Begriffen her - vgl. Inhaltsverzeichnis - wird klar:
* als Begriffe haben sie mit dem Arabischen noch nichts zu
  tun. Sie könnten bis auf ganz wenige Ausnahmen
  auf jedwede andere Einzelsprache angewendet werden. -
  Das passt zu unserer These: Das grammatische
  Besteck muss allgemein genug sein und unabhängig von
  der Einzelsprache.
* Die Hauptkapitel:
  Schriftlehre, Lautlehre, Formenlehre, Syntax - das
  ist alter Standard, der zu einseitig sich - so würden wir
  sagen - auf die Ausdrucksseite stellt und von dorther
  zu wenig eigenständig einbezieht, was damit bedeutungsmäßig
  geleistet werden kann. Was bei Brockelmann "Syntax" heißt,
  wäre bei uns eine eigenständige "SEMANTIK", ergänzt um eine
  "PRAGMATIK". 

Folglich gibt es kein eigenständiges Kapitel "Prädikat". Es gibt aber eines für "Nominalsatz", und darin wird zum "Prädikat" gesagt, es könne bestehen aus einem "Nomen | Pronomen | Zahlwort | Präposition mit ihrem Kasus | Adverb | Nebensatz".

Man beachte:

  1. Aber im aktuellen Fall geht es um Sätze ohne Verb (§ 100ff). Bei ihnen wird nur gesagt - s.o. -, wie das "Prädikat" realisiert werden kann. Was es aber ist, welche Funktion es erfüllt, das hat man zu wissen. Das wird nicht definiert. Hierbei ist die wissenschaftliche Grammatik auch nicht weiter als die Schulgrammatiken. Sollte Brockelmann gemeint haben, was ein "Prädikat" ist, müsse von der Schule her noch bekannt sein, so hat er sich damals schon getäuscht - und das gilt genauso noch heute.
  2. Werden einem beim "Prädikat" nur an die 10 Realisierungsformen genannt (Verbalsätze noch hinzunehmen!), ist ein Lernwilliger nur verwirrt - und das angesichts eines Begriffs, der - semantisch - als sehr einfach zu bestimmen ist: Verbindung (inkl. Funktionsangabe zwischen zweiter selbstständigen Bedeutung in einer Satzaussage mit dem "Subjekt" bzw. "1.Aktanten".
  3. Wie kann das Prädikat, die Verbindung, realisiert sein?
    1. Auf Ausdrucksebene wird ein Verb konjugiert, oder es werden Präpositionen eingesetzt, oder die beiden Bedeutungen werden nebeneinandergestellt, ohne äußerlich gut erkennbare Veränderungen.
    2. Auf semantischer Ebene arbeiten wir bei "Prädikation" mit 6 Typen, wie man die beiden Bedeutungen zueinander in Verbindung setzen kann. Das ist eine abstrakt-logische Ebene, die genauso beim Chinesischen u.a. zutrifft. - Brockelmann und andere kennen implizit diese 6 Typen auch, lassen sie aber in den Grammatikdarlegungen mitlaufen, machen sie nicht bewusst, zum eigenen Thema. Das ist lerntechnisch ein großes Handicap - ist es auch heute noch bei Grammatiken im Schulbereich.
    3. Semantisch ist eine Reihe wie die der obigen Realisierungsformen nichtssagend. Das ist kein Wunder, weil man es sich versagt. in die Bedeutungsanalyse einzusteigen. Dennoch gibt man vor, den jeweiligen Satz nun zu verstehen - ein innerer Widerspruch. Wieso eine solche Zurückhaltung? Lähmte der traditionelle "Syntax"-Begriff - so verwaschen wie er war? Und darüber hinaus gab es ohnehin nichts mehr?

Die fundamentale Zweiteilung: Ausdrucks-SYNTAX + SEMANTIK (später noch PRAGMATIK) ist banal bzw. zeichentheoretisch fundamental, müsste sich daher in Grammatiken für Schule oder Wissenschaft explizit wiederfinden. Das brächte auch lerntechnisch große Vorteile, Übersichtlichkeit (Wer diskutiert gerade auf welcher Ebene? Welche andere Ebene fehlt also noch?). Und es wäre der demotivierende Eindruck vermieden, es würde Grundlagenwissen vorausgesetzt, das von anderswoher schon vorliegen müsste. Als Lernender kann man nicht durchschauen, dass die, die mit solchen Voraussetzungen arbeiten, oft auch zu keinen transparenten Definitionen in der Lage sind. Und in solch einem Klima getraut man sich oft auch nicht nachzufragen ...