4.061 Neue sprachliche Einheit: der Satz

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Dass ein »Satz« eine neue Bedeutungseinheit darstellt, kann man sich leicht klarmachen: benutze ich eine einzelne selbstständige Bedeutung, z. B. 〈〈GEHEN〉〉, so weiß der Hörer meiner Äußerung nicht, wie er sie verstehen soll. Er wird zurückfragen: »ja und, was ist damit los?« Es fehlt ihm eine weitere Information.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 "Satz" wählt aus der Fülle des Sagbaren aus

Einen Satz zu bilden ist stets mit Verantwortung verbunden, weil man durch eine Äußerung immer den Rest nicht sagt, somit sich auf etwas bezieht und automatisch schon eine Unterscheidung trifft. Ob der Hörer dies akzeptiert oder nicht, ist wiederum auch eine Frage der Verantwortung, weil man eben durch eine Antwort das selbe macht - eine Meinung verkünden:

Luhmann: "Jede Einzelaussage wählt aus einer Fülle von Möglichkeiten aus, legt sich auf diese eine fest, und vieles andere bleibt zwangsläufig ungesagt".

Oder im Umkehrschluss Torch: "Die ungesagten Worte rächen sich."

Was man als "Satz" bezeichnet, benötigt mindestens zwei selbstständige Bedeutungen.

Beispiel für zwei selbstständige Bedeutungen: <<Trainer>> <<Gehen>>

Benutzt der Sprecher nur eine selbständige Bedeutung, z. B. <<Gehen>>, weiß der Hörer nicht, wie er die Äußerung zu verstehen hat. Er wird zurückfragen: "Ja und, was ist damit los?" Es fehlt ihm eine weitere Information. Das bloße Vorbringen eines Begriffes ist also nichts sagend und beliebig. Was man als Satz bezeichnet, benötigt also immer mindestens zwei selbständige Bedeutungen. "Der Trainer geht" - das sind die Wortformen, sie repräsentieren <<Trainer>> und <<Gehen>> als selbstständige Bedeutungen. Und durch Konjugation wird dem Hörer mitgeteilt, er solle die beiden Bedeutungen aufeinander beziehen - und zusätzlich bietet das Konjugieren den Einstieg in das Thema Tempus (mehr als ein 'Einstieg' ist es noch nicht).

0.2 Überblick über Satzdefinitionen

Hilfreich und - zunächst - demotivierend ist die Übersicht in wikipedia:[1]. Zu erfahren, dass es ca. 200 Definitionsversuche gibt, die sich häufig ausschließen, oder die zirkulär angelegt sind, das erzeugt Kopfschütteln und Fassungslosigkeit: Ausgerechnet bei dem als zentral wichtig angesehenen Begriff "Satz" soll ein komplettes Chaos herrschen? Wenn schon die Ebene der Forschung derart widersprüchlich agiert, was sollen Pädagogen dann in Schulen vermitteln? - An dem Punkt "Satz" wird nur nochmals deutlich, was im gesamten Buch, das Auslöser der Alternativ-Grammatik war, an sehr vielen gängigen Grammatikbegriffen (für den Schulunterricht) kritisiert worden war: Vgl. H. Schweizer, Krach oder Grammatik? Streitschrift für einen revidierten Sprachunterricht. Kritik und Vorschläge. Frankfurt/ 2008: Peter Lang. ISBN 978–3–631–57182–8 So wie sie standardmäßig im Unterricht geboten werden, sind sie eine Zumutung an den Verstand auch von Heranwachsenden.

Wenn einfaches logisches Denken derartig von Sprach-
pädagogen unterlaufen wird, braucht sich niemand zu
wundern über geringes Interesse an Sprachen bei Schü-
lerInnen. Das ist zu einem großen Teil selbst
gezüchtet durch die Definitionszumutungen.

Bezogen auf die bei wikipedia exemplarisch genannten Versuche einer Satzdefinition (und deren - nachvollziehbarer - kritischer Würdigung) steht das Konzept der Alternativ-Grammatik gut da. Einige Aspekte:

- so ziemlich der dümmste Ansatz ist der des Schulduden:
  Satz sei eine "geschlossene sprachliche Einheit, die sich
  aus kleineren Einheiten (Wörtern und Wortgruppen)
  zusammensetzt". - Damit werden SchülerInnen traktiert!
  Fehler 1: "geschlossene sprachliche Einheit" -
  allgemeiner und nichtssagender geht es nicht.
  Fehler 2: "aus kleineren Einheiten (Wörtern ...)".
  Woraus denn sonst - möchte man gegenfragen!
  Wieder nichtssagend: "Einheit". Fragwürdig der Plural:
  Es müssen mehrere Wortformen zusammenkommen, dann
  erst kann von "Satz"
  gesprochen werden. - Was falsch ist - wie auch
  wikipedia kontert: "Geh!" ist ein Satz, aber
  nur 1 Wort. -
  Fehler 3: "Satz" wird mit - in unserem Konzept -
  der AUSDRUCKSseite verknüpft ("Wörter"). Es wird nicht
  gesehen, dass "Satz" einer eigenen, neuen Ebene
  angehört:
  Nicht eine Ansammlung von Wörtern ist für die
  Satzdefinition zu betrachten, sondern der
  Zusammenbau von Bedeutungseinheiten, also geht
  es um: SEMANTIK. Eine eigene Ebene für die
  Bedeutungsanalyse sieht die traditionelle Grammatik
  nicht vor.
- Eine Ebene höher die Duden Grammatik - genauso
  fehlerhaft und unbrauchbar. Übergehen können wir
  das zweimalige Verweisen auf die Syntax (im alten
  Sinn von 'Satzlehre'). Das erklärt und erläutert
  im aktuellen Fall nichts. Dann aber: „Ein Satz ist
  eine Einheit, die aus einem finiten Verb und allen
  vom Verb verlangten Satzgliedern besteht." Nichts
  falscher als das!
  Fehler 1: Auch im Deutschen gibt es Nominalsätze.
  Sie sind mit dieser Definition nicht beschreibbar,
  weil kein Verb vorhanden (bemerkt? - Nominalsatz!).
  Fehler 2: "Satz" soll wohl nur so definiert
  werden (und dann auch noch falsch), dass damit das
  Deutsche beschrieben werden kann. Sollen für alle
  anderen Sprachen spezielle Satzdefinitionen gefunden
  werden? - Die Alternativ-Grammatik bietet
  inzwischen schon für das, was den Kern eines Satzes
  ausmacht - die Prädikation - Beispiele aus
  vielen Sprachen. An der Definition muss sich dabei
  gar nichts ändern. -
  Fehler 3: "allen vom Verb verlangten ..." Nein!
  Man muss unterscheiden zwischen "Kern der Prädikation"
  und den weiteren "Satzgliedern" - bei uns:
  Aktanten. Letztere können fehlen, wenn aber der
  "Kern" realisiert ist, liegt ein Satz vor: "Der Athlet
  warf, nun warten wir ..." - vor dem Komma steht ein
  Satz, dem aber das Objekt ("was" warf er denn?) fehlt,
  erst recht Orts- und Zeitangabe.
- Satzdefinitionen, die sich an die Logik anlehnen,
  stehen zunächst in dem schiefen Licht
  - bei wikipedia kritisiert -, dass sie nur
  Aussagesätze ('Deklarativsätze') erfassen können.
  Das ist für eine Grammatik natürlicher Sprachen
  entschieden zu wenig. - Aber auch diese Kritik trifft
  die Alternativ-Grammatik nicht, obwohl sie sich
  unzweifelhaft auch an der Logik orientiert. Aber es
  ist eben auch die Sprechakttheorie integriert, die
  den Blick für die anderen Satztypen öffnet
  (Appell, Kundgabe), es sind die Modalitäten sehr
  ausführlich entwickelt. Und die Bedeutungsbeschreibung
  - damit ist die klassische Logik spätestens verlassen
  - ist verdoppelt: durch die Pragmatik.
  Aber abgesehen von alledem:
  'Subjekt, Prädikat usw.' sind alte logische Begriffe. Es
  besteht keine Notwendigkeit, diesen Zusammenhang zu
  leugnen. Sprachbeschreibung benötigt - immer schon - eine
  eigene Beschreibungssprache. Dies zu betonen ist ein
  alter Hut.  

Für die Position der Alternativ-Grammatik ziehe man, am Ende der Semantik, am besten heran: [2] Ein Satz, auf semantischer Ebene mit diesen Begriffen beschrieben, kann in vollkommen verschiedenen Sprachen artikuliert sein. Er lässt sich damit erfassen. Von den kritischen Einwänden, wie sie bei wikipedia bezüglich der anderen Definitionsversuche ausgesprochen wurden, ist dieses Konzept nicht betroffen.

0.3 Versuch einer eigenen Satzdefinition

Wenigstens als Richtungsangabe sei der Versuch gewagt:

Ein Satz liegt dann vor, wenn der Adressat einer Äußerung erkennen kann, dass der Sprecher ihm gegenüber einen Sachverhalt sprachlich darbieten will.

- Sachverhalt meint ein Aussagethema und damit
  verbunden eine zweite Bedeutung. 
  Also drei Elemente! - Die Aussage gilt abseits der Frage,
  in welcher Form die Verbindung zweier Bedeutungen
  realisiert wird (ob als Verbal- oder Nominalsatz). Dieser
  Aspekt ist semantisch belanglos. Ebenso belanglos
  ist das Hilfszeitwort /SEIN/.
- Das Interesse des Sprechers, damit der "Ton", in dem er
  formuliert, kann sein: er will etwas beschreiben, zu einem
  Handeln animieren oder eine eigene Gefühlsaussage kundtun.
- Weitere Inhaltskomponenten - Orts-/Zeitangaben, Aktanten,
  Modalanzeiger, Näherbeschreibungen jedes einzelnen Glieds
  - können hinzukommen.
  Sie sind jedoch für die Satzdefinition nicht konstitutiv.

In all dem interessiert die Ebene der Wortbedeutung. Die Frage der übertragenen Bedeutung wird in einem eigenen Schritt angegangen. Dabei kann es zu (umfangreichen) Revisionen des semantischen Befundes kommen.

0.4 Weigerung, sich satzhaft-verständlich auszudrücken

... also schon ein Vorgriff in die PRAGMATIK:

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

'Die Verlobung'
(219f) "Da er von Hause aus im Sprechen unbeholfen und
ängstlich war und schon früher nur selten einen voll-
kommenen Satz mit Subjekt und Prädikat ausgesprochen
hatte, fand er nun in diesem sonderbaren Wortschatz eine
Hilfe und gewöhnte sich daran, unter Verzicht auf Sinn
und Verständlichkeit sich und andern eine Art von Sprech-
vermögen vorzutäuschen.
Sagte jemand: >Heut ist aber ein Prachtswetter<, so
antwortete der kleine Ohngelt: >Gewiß - o ja - denn, mit
Verlaub - allerdings -.< Fragte eine Käuferin, ob dieser
Leinenstoff auch haltbar sei, so sagte er: 'O bitte, ja,
ohne Zweifel, sozusagen, ganz gewiß.< Und erkundigte sich
jemand nach seinem Befinden, so erwiderte er: >Danke
gehorsamst freilich wohl - sehr angenehm -.< In besonders
wichtigen und ehrenvollen Lagen scheute er auch vor Aus-
drücken wie >nichtsdestoweniger, aber immerhin, keines-
falls hingegen< nicht zurück, Dabei waren alle seine
Glieder vom geneigten Kopf bis zur wippenden Fußspitze
ganz Aufmerksamkeit, Höflichkeit und Ausdruck. Am aus-
drucksvollsten aber sprach sein verhältnismäßig langer
Hals, der mager und sehnig und mit einem erstaunlich
großen und beweglichen Adamsapfel ausgestattet war. Wenn
der kleine schmachtende Ladengehilfe eine seiner Antworten
im Stakkato gab, hatte man den Eindruck, er bestehe zu
einem Drittel aus Kehlkopf."


1. Einzelsprache: Deutsch

1.0 Eine einfache Definition von "Satz" (für die Schule):

Ein „Satz“ im Deutschen besteht – syntaktisch betrachtet – aus einer meist vollständigen Reihe von Satzgliedern, Wortgruppen und Einzelwörtern in erlaubter Reihenfolge, semantisch betrachtet ist er mit erkennbaren, verstehbaren Inhalten und mit interpretierbaren Aussagen bzw. mit Sinn ausgestattet, pragmatisch gesehen lassen sich Aussageabsicht und Wirkungen erschließen. Als Oberbegriffe eignen sich für semantische und pragmatische, syntaktisch zuweilen unvollständige Gebilde die Ausdrücke "Äußerungseinheit" bzw. "Mitteilungseinheit".

Als Gesamtsatz [Äußerungs- bzw. Mitteilungseinheit zwischen Satzschlusszeichen] besteht ein "Satzgebilde" aus zulässigen wählbaren Kombinationen von Satzarten und Satzgliedern sowie Wortgruppen und Einzelwörtern, d.h. aus Satz-Bau-Modulen / Satzkonstituenten, die von Lesern/Hörern als Mitteilung entschlüsselt bzw. interpretiert werden können.

[J. Germann, 1.3.2015, revidiert 21.6.2017]


1.1 Satztypen

[3]: Übersicht von Jürgen Germann zu allen Satzarten und Satzbautypen im Deutschen. Das pdf-Papier kann hier kommentiert / ergänzt werden. Diese ältere Version von mir stammt aus dem Jahr 2009 und soll in nächster Zeit durch eine kürzere Version ersetzt werden.

Die aktuelle Version von 2017 – hier nicht wiedergegeben – bietet einen erweiterten fünfstufigen Satzbegriff, der induktiv gewonnen wurde.