4.0712 Statisch lokalisiert / dynamisch sich entwickelnd

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Ein allgemeingültiges gedankliches Raster für Ortsbeschreibungen bereit zu halten, ist nicht ganz trivial. Mit dem hier gemachten Vorschlag ist ein Kompromiss für Schüler formuliert.


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1. Einzelsprache: Latein

1.1 "Ablativ"

Wie der alte Terminus Ablativ erwarten lässt, wird eine Funktion dieses Kasus darin bestehen, die räumliche Trennung aussagen zu helfen. Fink/Maier ("Systemgrammatik Latein" 1997) S.119ff sprechen von der Funktion als Separativus. Daraus einige Beispiele:

abire consulatu - man registriert nicht nur den Kasus,
                      sondern versteht auch die Bedeutung
                      von abire, erkennt darin die Prä-
                      position ab, die wiederum für
                      den Ablativ verantwortlich sein
                      dürfte. <<WEGGEHEN>> als Bedeutung 
                      legt das Aussagegewicht auf den
                      Anfang einer Gesamtbewegung.
                      Wenn somit ein Nomen im Umkreis 
                      vorkommt, ist die Wahrscheinlichkeit
                      groß, dass es den erwarteten
                      Ausgangspunkt der Bewegung nennt.
desistere (de) incepto - die Präposition verursacht
                      den Ablativ, könnte  auch fehlen
                      - wobei der Ablativ bestehen bliebe.
                      Die Deutung ist die gleiche wie im
                      Beispiel zuvor. inceptu als
                      Wortform steht nicht sicher im
                      Ablativ, könnte auch Dativ sein.
peregrinis interdicere sacrificiis - Äusserlich
                      scheint zweimal der gleiche Kasus
                      vorzuliegen (-is). Jeder
                      Altphilologe wird diese Behauptung
                      zurückweisen, aber nicht, weil er 
                      differenzierter sieht, sondern
                      weil er inhaltlich interpretiert.
                      <<UNTERSAGEN>> als Redeakt verlangt
                      einen Adressaten der Rede = 3.Aktan-
                      ten. Dafür bieten sich die belebten
                      "Fremden" besser an als die "Opfer". 
                      Folglich können letztere  benennen,
                      wovon die Adressaten 
                      ferngehalten werden sollen. 

Oft ist in solchen Fällen also nicht der Ablativ allein schon Anzeiger einer Trennung, sondern er ist es erst im Rahmen einer realisierten oder zumindest angedeuteten Präpositionalverbindung. Man sollte dem Kasus allein also nicht gutschreiben, was er erst durch eine weitere Konstruktion gewinnt. - Nicht anders die Beispiele, die vom Ablativ des Ausgangspunkts handeln:

Roma, Carthagine, Athenis venire - Im ersten und letz-
                      ten Fall sicher von Ablativ zu reden,
                      geht nicht. Eindeutig ist nur der
                      zweite. Wegen solcher klaren Belege
                      pflegt man auch in den anderen,
                      nicht eindeutigen, wohlwollend von
                      Ablativ zu reden.
                      Das ist im Sinn der Alternativ-
                      Grammatik unsauber bzw. vorschnell.
                      <<KOMMEN>> lässt
                      die Nennung einer Zielangabe erwarten.
                      Sie steht im zitierten Beispiel
                      nicht, würde im Fall von "Rom" außer-
                      dem Romam heißen. Das jeweilige 
                      Nomen muss also eine andere Funktion
                      erfüllen. Naheliegend: wenn schon
                      nicht Zielangabe, dann am ehesten 
                      Ausgangspunkt der Ortsbewegung.
                      Gedanklich spielt sich eine solche
                      Entschlüsselung schnell ab, außerdem
                      im engen gedanklichen Rahmen. Man
                      verliert sich nicht in  Willkür. 
a fine incipere - <<ANFANGEN>> benötigt einen Start =
                      Ausgangspunkt. Das wird bei dieser
                      Verbbedeutung erwartet. Der Startpunkt 
                      kann hie und da auch das Ende sein.
                      Manches dröselt man besser vom Ende
                      her auf.
natus nobili genere - <<GEBOREN>> enthält auch die Vor-
                      stellung eines <<KOMMENS>>, einer
                      Ortsveränderung, auch wenn das in den 
                      Bereich einer erstarrten Metapher
                      verweist. <<GEBOREN>> 
                      = in die Welt gekommen vom Aus-
                      gangspunkt eines  edlen Geschlechts
Nemo saepius consul factus est C. Mario - Der Komparativ
                      verlangt nach einem Vergleichspunkt.
                      Auch das letztlich eine erstarrte 
                      Metapher: Niemand ist häufiger Kon-
                      sul geworden 
                      im Vergleich zu, in Relation zu, in
                      Distanz zu C. Marius.

Bislang war die Vorstellung einer dynamischen Ortsveränderung bestimmend. Der Ablativ kann aber auch zur statischen Ortsbestimmung dienen (Lokativ).

Carthagine vivere - <<LEBEN>> verlangt als Zusatzin-
                      formation einen 1.Aktanten. Der ist
                      durch die Nominalform und nach den 
                      Konventionen des Lateinischen offen-
                      kundig nicht gegeben. 
                      Ein 2. oder 3. Aktant ist bei dieser
                      Verbbedeutung  nicht verlangt, kommt
                      also als Funktionsbestimmung nicht
                      in Frage. Als Kandidaten sind wir
                      damit schon bei den elementaren
                      Denkkategorien Raum/Zeit. Da 
                      Carthagine auf einen Stadtnamen
                      verweist, ist die Annahme naheliegend,
                      dass es sich um eine Lokalisierung 
                      handelt.
illo loco  -      an jenem Ort
tempus in litteris consumere - derartige Beispiele sind
                      wieder weniger originell, da der Ab-
                      lativ durch die explizite Präposition 
                      bedingt ist. Dies konzediert kann man
                      rekonstruieren: 
                      "Zeit verwenden" soll offenbar in
                      einem Raumbild geschehen 
                      (=erstarrte Metapher): "in den Wis-
                      senschaften". 
                      Semantisch, im Wortsinn, ist dies
                      eine Lokalisierung. 
                      Erst pragmatisch, in freierer Über-
                      setzung mag man dies auflösen und
                      übersetzen:
                      "Zeit auf die Wissenschaften verwenden". 

statische Ortsbestimmung ist natürlich auch durch Präpositionsverbindungen möglich:

in Italia              - in Italien
in urbe Roma           - in der Stadt Rom
in sede alta considere - sich auf einem hohen Sitz niederlassen

Bisweilen reichen zur statischen Ortsbestimmung alte Kasusendungen:

domi       -  zu Hause
Tarenti    -  in Tarent
Romae      -  in Rom

Nimmt man diese Beispiele, unterstellt wohlwollend (tun wir aber nicht), der Ablativ sei immer als Kasus eindeutig erkennbar, so könnte man sagen: dieser lateinische Kasus realisiert konstant ein und die selbe semantische Kategorie. Damit hätte man methodisch endlich einmal eine einfache und eindeutige Verbindung zwischen Ausdrucksseite und Semantik. (Ansonsten dominierte ja immer die Nicht-Eindeutigkeit im Verhältnis beider Ebenen).

Aber es gehört Wasser in den Wein: Der Ablativ taucht auch bei ganz anderen semantischen Funktionen auf: Er kann Instrument oder Begleitung aussagen, vgl.4.0611 Subjekt / 1.Aktant, er hat explikative Funktion vgl. 4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation, er kann bewerten vgl.4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE, kann eine Kausalangabe liefern vgl. 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE, und kann eine Zeitbestimmung geben vgl. 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie.

Mit anderen Worten: die eine Ausdruckskategorie "Ablativ" jagt einen, wenn man nach den semantischen Funktionen fragt, kreuz und quer durch die Semantik. Wieder ein Beispiel, dass 'Ausdruck' und 'Bedeutung' in einem höchst prekären Verhältnis stehen. Das sollte so akzeptiert werden. Oder anders: Eine Grammatikkonzeption sollte bipolar sein: einerseits stellt man sich auf die Seite des Ausdrucksinventars (das sicher erkennbar ist), andererseits stellt man sich auf die Bedeutungsseite: dann allerdings sollte das Gehirn in grammatisch modernem Sinn trainiert sein, um all die möglichen semantischen Bedeutungsfunktionen, die infrage kommen könnten, parat zu haben.


1.2 Zielangabe

Nach dem Weggehen sollte irgendwann die Ankunft an einem Ziel in den Blick genommen werden. Dies zu benennen wird gern der Akkusativ verwendet:

Delum proficisci  -   nach Delus abreisen

Oder es wird eine Präpositionsverbindung verwendet:

in Cretam navigare  - nach Kreta schippern


1.3 Ausdehnung

Die statische Erstreckung kann auch durch Akkusativ erfasst werden:

decem pedes altus    - zehn Fuß hoch


1.4 Innenraum

Statisches Drin-Sein kann mit Ablativ ausgesagt werden:

memoria tenere    - mit der Einschränkung, dass das
                              "Gedächtnis" nicht zweifelsfrei
                              als Ablativ bestimmt werden kann.
certamine vincere - im Wettkampf besiegen

2. Einzelsprache: Russisch

2.1 Richtungs-/Zielangabe

Я иду к свой подруге Даше - "Ich gehe" - nun folgt eine Präposition - "zu meiner" - nun folgen zwei Substantive - "Freundin Dascha" -, von denen gesagt wird, sie stünden im "Dativ". (Die Form unterscheidet sich in diesen Fällen aber nicht vom "Präpositiv"). Die gesamte Präpositionsverbindung liefert für das Bewegungsverb das Ziel.