4.071 Raum / Ort / Topologie

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Der Komponist Max Reger konnte nicht ahnen, dass sein Frust über eine negative Rezension einmal im Grammatikkontext auftaucht. Reger saß im kleinsten Zimmer, und brachte die Rezension hinter sich - zwei Ortsangaben, die aufeinander abzustimmen sind.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Aristoteles - 4.Jhd.v.Chr.

aus: H. Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes. München 2013.

(225f) "Für Aristoteles gibt es einen für sich existenten
Raum ebensowenig wie das Unendliche als selbstständig Exi-
stierendes. Anstelle eines allumfassenden Raumes setzt
Aristoteles den 'Ort' (Topos, τὀπος). Gemeint ist damit
der von meinem Körper eingenommene 'Platz', der außerhalb
und oberhalb der Dinge keine Existenz hat, der aber die
Abgrenzung der Körper gegeneinander und deren spezifische
Lage markiert. Der 'Ort' ist so etwas wie ein mit einem
bestimmten Inhalt (dem Körper) gefülltes Gefäß. Aristoteles
nennt dies einen 'eigenen Ort' ... Jeder Körper hat einen
'natürlichen Ort', der durch den Richtungsgegensatz von
Oben und Unten bestimmt ist. Leichte Körper streben nach
oben und haben oben ihren 'natürlichen Ort', schwere Kör-
per entsprechend unten. Der einzelne Gegenstand kann sei-
nen angestammten 'Ort' verlassen, wenn er durch äußere
Einwirkung in eine andere Richtung bewegt wird. Dann ent-
steht jedoch keineswegs etwas Leeres oder ein Hohlraum,
sondern der freiwerdende Platz wird durch einen anderen
Körper eingenommen, so dass eine Art Ortstausch stattfin-
det. Wasser und Luft wechseln ihre Orte: wo Wasser ab-
läuft, strömt Luft ein.  
   Der 'Ort' ist dabei die jeweilige Angrenzungsfläche des
einzelnen Körpers. Von diesem 'eigenen Ort' unterscheidet
Aristoteles einen 'allgemeinen Ort'..., in dem sich alle
Körper befinden... Damit kommt Aristoteles dem Gedanken 
eines allgemeinen physikalischen Raumes, wie er gewöhn-
lich angenommen wird, doch wieder sehr nahe. Der Unter-
schied liegt darin, dass dieser aristotelische Universal-
ort lückenlos angefüllt ist mit den Einzelorten entspre-
chend der Bewegungsdynamik des Leichten nach oben und des
Schweren nach unten, wobei die Erde als Weltmittelpunkt
stets an ihrer Stelle bleibt und entsprechend die uns zu-
gewandte Grenzfläche des rotierenden Himmelssystems die
gleiche bleibt. So ist die Lehre vom 'Topos' eine Konse-
quenz des geozentrischen, physikalisch strukturierten
Weltbildes des Aristoteles. Aristoteles wollte die
mathematische Identität des abstrakten Raumes bei Platon
in physikalische Realität umwandeln."  


1. Einzelsprache: Latein

1.1 "Adverbiale"

Fink/Maier in ihrer "Systemgrammatik Latein" (1997) nennen in der unübersichtlichen Sammelkategorie "Adverbiale" u.a. Beispiele, die in der Alternativ-Grammatik als explizite topologische Angaben einschlägig sind:

 In hortum missus sum, ut ... 
             = In den Garten wurde ich geschickt, damit ...                        
               - Akkusativ zur - dynamischen - Richtungsangabe 
 In horto diu laboravi        
             = Im Garten habe ich lange gearbeitet 
               - Ablativ zur - statischen - Ortsangabe

Warum in solchen Fällen nicht die semantisch klare Terminologie benutzen, dass es sich um eine Ortsangabe handelt? -

  • Adverbiale sagt semantisch gar nichts, sondern teilt nur mit, es handle sich um eine Bestimmung in der Nähe des Verbs. Es ist sozusagen der ausdrucks-syntaktische 'Ort' angedeutet: bei welchem Wort steht das aktuell interessierende? Aber an dem ist die Semantik nicht mehr interessiert: sie will wissen, an welchem realen oder fiktiven Ort der Sachverhalt, von dem der Satz handelt, sich abspielt. Die Beschäftigung mit Verbumgebungen sind gemessen daran Kinkerlitzchen.
  • Es können auch Nominalsätze Ortsangaben enthalten. Wie sinnvoll und schlüssig ist es, auch dabei nach Ad-Verbien zu suchen?
  • Es geht außerdem darum, Ort/Zeit vom Eindruck des Zufälligen, Nicht-Notwendigen zu befreien - 'Adverbien' registriert man eben, wenn sie belegt sind. Semantisch handelt es sich jedoch um elementare, also zwingend notwendige Denkkategorien. Analytisch interessieren sie bei jedem Satz, ob sie hier realisiert sind, ob sie von umgebenden Sätzen her bekannt sind, wie sie mit der Verbbedeutung interagieren, ob sie - künstlich - unterdrückt werden (z.B. um die Allgemeingültigkeit der Aussage herauszustellen).

Viele Präpositionen haben topologische Funktion:

statisch:  adversus, ante, apud, circa/circum, contra,
                  extra, infra, inter, intra, 
                 iuxta, ob, post, prope, propter, supra,
                  ultra, pro, in (Abl.),sub (Abl.)   
dynamisch: ad/usque ad, per, praeter, secundum, trans,
                 ab, de, ex, in (Akk.), sub (Akk.)

2. Einzelsprache: Deutsch

2.1 Hohlspiegel

Aus einem Artikel des "Tagesspiegel" - vgl. Hohlspiegel 17/2011.

"Als das Flugzeug auf dem Wasser aufschlug,    
                   = R  - Referenzsachverhalt 
                     - vertikale Bewegung nach 
                       unten - für
flog es geradeaus,                        
                  = EO - das Ereignis, das lokal 
                         eingeordnet werden soll.
                         EO: horizontale Fortbewegung,
                         schwer mit R zu vereinbaren.
                  = O    ist der Journalistenstandpunkt, 
                         der auf die Ereignisse 
                         zurückblickt, sie also in
                         die Vergangenheit einreiht.
verlor aber sehr schnell an Höhe.             
                  = EO - Korrektur zum ersten EO? Laut 
                         R ist doch das Flugzeug schon 
                         unten ?! 
Es krachte weitgehend intakt ins Meer."        
                  = EO = R. 

Die Raumkoordinaten der Meldung sind unkoordiniert, wirken
konfus, wecken falsche und unnötige Konnotationen (ist das
Flugzeug unter Wasser horizontal weitergeflogen?).  Daher
die Aufnahme in den Hohlspiegel. Da es auch um zeitliche
Auffälligkeiten geht: Ergänzung in  4.072 Zeit / Tempus / Chronologie

2.2 Beispielsatz

"Ich als kleiner Wurm unter einem Fetzen Papier über mir in der großen Bergwelt."

Der Satz (Herkunft unbekannt) diene als Trainingsfeld - auch frühere Aspekte aufgreifend.

<<ICH+SP+Sg-def>>
+als+
<<KLEIN+A+Sg-idef>>
<<WURM+A+Sg-idef>>
+unter+
+einem+
<<FETZEN+A+Sg-idef>>
<<Papier+C+Sg-idef>>
+über+
<<MIR+SP+Sg-def>>
+in+
+der+
<<GROSSEN+?+?>>
<<BERG+A+Sg-?>>
<<WELT+B+Sg-def>>
<<KLEIN+A+Sg-idef>> <<WURM+A+Sg-idef>> - das Adjektiv beschreibt den
"Wurm" näher:  qualitative Deskription

+als+ zeigt an, dass die ganze vorige Bedeutungsgruppe
in anderen Worten wiedergibt, was/wer mit dem <<ICH>>
gemeint ist. Da steckt natürlich auch ein Vergleich drin.
<<FETZEN+A+Sg-idef>> <<Papier+C+Sg-idef>> - weder
äußerlich (ausdruckssyntaktisch) noch semantisch kann man
die Verbindung angezeigt sehen. Es bleibt die bloße
Kontaktstellung, die man üblicherweise durch Genitiv oder
"von" wiederzugeben pflegt. Welcher Art bedeutungsmäßig
die Verbindung zwischen den beiden selbstständigen
Bedeutungen ist, erfährt man damit noch nicht. Erst
pragmatisch, bei: 4.13 Abstrakta, kann man sichtbar
machen, dass <<FETZEN>> offenbar einen kleinen, einzelnen
Teil der ungegliederten Materialnennung <<PAPIER>>
herausgreift. +unter+ das Funktionswort hilft, den zuletzt
genannten <<WURM>> noch näher zu lokalisieren: Die
Position des Wurms (EO) hat als R den Fetzen
Papier und ist gemessen daran "darunter". 
+über+ nun wird es unübersichtlich: "über" positioniert
den Fetzen "darüber", nimmt also das "Ich" = "Mir"
als R. 
<<GROSSEN+?+?>> <<WELT+B+Sg-def>> das Adjektiv beschreibt
die Welt als große - Deskription.
<<BERG+A+Sg-?>> <<WELT+B+Sg-def>> "Berg" charakterisiert
die Welt näher.
Da es zwei Nomina sind, ist wieder der allgemeinste
Beschreibungstyp gegeben: Zuordnung (galt auch
schon für "Fetzen Papier"). Weitere Aufschlüsselung
später.
+in+ - die doppelt beschriebene Welt leitet über zur:
<<ICH>> +in+ <<WELT>>. Der 1.Aktant wird statisch
in einem Raum angesiedelt. Später, bei den
Abstraktionen - vgl. 4.13 Abstrakta - könnte/müsste
man deutlich machen, dass <<WELT>> die Grenze markiert,
über die wir nicht hinausdenken können, jenseits derer
allenfalls mythische, bildhafte Sprache verwendet wird.
Die jetzige Lokalisierung ist also denkbar unpräzis,
ist eigentlich eine Null-Aussage. Derartiges greift die
Pragmatik auf und fragt, warum jemand zu solch einer
Ausdrucksweise gedrängt sein konnte.
Das ist der Kern = Prädikation des Satzes.

2.3 Journalistischer Anfängerfehler

Alle semantischen Grundkategorien kann man auf zwei Ebenen einsetzen: bei den Näherbeschreibungen eines Nomens, und auf Satzebene. Mischt man und stopft Ortsangaben beider Ebenen in einen Satz, wird es etwas unübersichtlich. Das spießt Journalist Ertle in einem satirischen Beitrag auf (SWP 8.7.13): Ein Hospitant würde schreiben:

"Gestern Mittag kam auf der B27             
                            Fortbewegung in einer Richtung 
ein aus Stuttgart kommender 37-jähriger     
                            Präzisierung: von Stgt her. Unschön:
                            nochmals /KOMMEN/ 
Peugeot-Fahrer                    
                            o.k., der fährt also. Marke tut
                            nichts zur Sache.
aus Balingen                          
                            das wäre die Gegenrichtung. Gemeint
                            offenbar nicht die aktuelle
                            Fahrtrichtung, sondern der Heimatort
                            des Fahrers
auf Höhe K.furt           
                            liegt nun Balingen auf Höhe K.furt?
                            Kaum. Stattdessen weiter Rückgriff
                            auf das obigen Kommen und dessen
                            Richtung.
von der Fahrbahn ab."  
                            Sprachlich ist der Hospitant schon
                            früher von der Fahrbahn abgekommen.  

3. Einzelsprache: Russisch

3.1 "Präpositiv"

Eine zwar übliche, dennoch ungute Vermischung zu trennender grammatischer Ebenen liefert der Kasus-Begriff "Präpositiv". Wie im Deutschen und sehr vielen (allen?) anderen Sprachen ist damit gesagt:

  1. es gibt Wortformen, die wenig veränderlich sind; bedeutungsmäßig sind sie unselbstständig: in dieser Kombination von Merkmalen pflegen sie vor anderen Wortformen zu begegnen (das Englische macht hierzu bisweilen Ausnahmen: Prä-positionen können auch einen Satz abschließen, also nachgestellt sein - folglich sollte man sie dann auch anders benennen).
  2. Im Standardfall - so auch im Russischen - folgt auf eine Präposition eine Wortform vom Typ Substantiv; an letzterer tritt in Kombination mit einer Präposition eine für diesen Fall vorgesehene Endung an die Wortform. Damit wird signalisiert: Präposition und Substantiv sollen verstanden werden als gedankliche = semantische Einheit. Nur der Begriff - "Prä-positiv" - sagt genauso wenig etwas über die semantische Funktion aus wie die deutsche "Präpositions-Verbindung". Der Begriff sagt etwas über die äußere Konstruktion aus. Die dafür zuständige Beschreibungsebene ist bei uns die (Ausdrucks-)SYNTAX. Die ist aber auf dem aktuellen Stand längst überwunden.

Semantisch - auf dieser Ebene befinden wir uns gerade - liefert eine Verbindung mit 'Präpositiv' meist eine Ortsauskunft, beantwortet die Frage: Wo fand etwas statt? Маша работает в банке = "Mascha arbeitet bei einer Bank".

4. Einzelsprache: Schwäbisch

4.1 Ortsadverbien

aus W.-H. Petershagen, Wir Schwaben. Band 3 So sprechen wir. Darmstadt 2015.

(20f) "Da fällt einem natürlich die Geschichte von
dem Gågen ein, der mit seinem Sohn die Stufen des
Weinbergs hinaufschnaufte. Als ihn der Sohn auf
eine noch recht brauchbare Hacke aufmerksam machte,
die ein anderer hatte liegen lassen, bedeutete ihm
der Alte, dass er den Gegenstand längst erblickt
und in seine weitergehenden Planungen einbezogen
hatte, und deren Ergebnis lautete: "Em raa". 
   Hätte er nicht "Em naa" sagen müssen?
   Schließlich meinte er, dass er sich der Hacke
   auf dem Heimweg, wenn er die Stiegen wieder
   hinunter'steigen würde, annehmen wolle. Doch
   das situativ ausgestoßene raa war vollkommen
   richtig. Der Mann formulierte von seinem aktuellen
   Standpunkt aus, sah sich also im Geiste wieder
   herunter- oder raakommen und nicht etwa
   hinab- oder naagehen. Denn dazu hätte er
   körperlich und geistig erst einmal sein bergauf-
   wärts liegendes Ziel erreicht haben müssen.
Statt herüber und hinüber kennt das Schwäbische
kein rüber und nüber, sondern rom und nom.
Das entspricht dem Hochdeutschen herum und hinum.
Ebensowenig verwendet der Schwabe die Richtungsadverbien
hinunter und herunter. Er bevorzugt hinab und
herab, was schwäbisch verkürzt naa und raa heißt.
Das ist, wie obige Gågengeschichte beweist, eine andere
akustische Qualität: Der Witz wäre keiner, hätte der alte
Gåg anstatt: "Em raa" "Em runter" gesagt.
   Nun gibt es im Schwäbischen noch ein beliebtes und
stark genäseltes Lokaladverb nââ - nicht zu ver-
wechseln mit naa (hinab). So bedeutet nââlangen
(zugreifen) etwas anderes als naalangen (hinunter-
fassen). Im langen a von naa steckt das b
von hinab. Das nasalierte â verrät ein weiteres
n. Ergänzen wir vorn noch das verschluckte hin,
haben wir hinan, eine alte Vokabel, die im Hoch-
deutschen längst ihr Hinterteil verloren hat, so dass
nur noch das hin übrig blieb. "Gang nââ!" heißt
daher "Geh hin!" Umgekehrt heißt es allerdings nicht
"Komm rââ!", sondern "Komm her!" - wie im Hochdeut-
schen.

4.2 Ortsadverbien II

aus: "Schwäbisch offensiv!" - H. Petershagen SWP 2.7.2016 - es wird darin praxisnah deutlich, dass wir zur Orts-bestimmung - ähnlich beim Thema "Zeit" - einen Bezugspunkt R brauchen, vgl. dazu den pdf-Text.

Er funktioniert nicht, der alte Witz vom Schwaben,
der zu Fuß und triefnass aus der Autowaschanlage
kommt, weil er das Schild Gang raus! missdeutet
hat. Funktionieren würde der Witz nur, wenn auf dem
Schild Gang naus! gestanden hätte. Denn das
könnte ein Schwabe tatsächlich als Aufforderung
verstehen, seinen Wagen zu verlassen.
   Wir befinden uns im Kapitel über Richtungsad-
verbien, die im Schwäbischen gerne mit r- oder
n- beginnen: naus - raus, nauf - rauf, nei -
rei, nom - rom, naa - raa oder, was dasselbe ist:
nonder - ronder. In all diesen Fällen unterschei-
det das Schwäbische ungleich präziser als die Stan-
dardsprache, in welche Richtung es geht. Komm naus!
ist für einen Schwaben undenkbar. Denkbar wäre allen-
falls Komm mit naus! oder Komm, gang naus! Aber
Komm naus! geht genauso wenig wie Gang raus!
   Der Grund ist einfach: das n- am Anfang dieser
Wörter ist der Rest von hin-. Und das beschreibt
eine Bewegung, die vom Sprecher hin-weg führt. Das
r- hingegen ist von her- übriggeblieben, das
eine Bewegung zum Sprecher her signalisiert. Sagt
jemand Komm!, lockt er die oder den Angesprochene(n)
zu sich her, also heißt es korrekterweise:
Komm (he)raus /(he)rauf / (he)rüber /(he)rab -
schwäbisch raa.
  Es sei denn, der Sprecher geht selber mit hinaus.
Dann sagt er: Komm mit naus! (...)
  Was bedeutet das für nicht-lineare Richtungsadverbien
wie rom und nom (herum - hinum)? Während das
(hi)n- eine klare Hinwegbewegung angibt, egal
in welche Himmelsrichtung (Fahr da nom!, deutet das
(he)r- an, dass etwas oder jemand zwar bewegt, aber
nicht entfernt wird, etwa wenn wer em Reng rom fährt.
Man dreht den Euro dreimal rom statt nom und steht,
wenn's keine Zinsen gibt, domm rom und nicht etwa
nom. (...)
  Bleibt die Frage: Nimmt der schwäbische Autofahrer den
Gang raus oder naus? Ganz klar: Wer etwas nimmt,
nimmt es zu sich her. Also nimmt er den Gang (he)raus.
Und zwar ohne (hi)nauszugangen.

4.3 Ortsadverbien III

aus: "Schwäbisch offensiv!" - H. Petershagen SWP 16.7.2016 -

"Hommâdomm - henderschefir: Die Schwaben ver- 
fügen auch über richtungsweisende Fürwörter, die in
keine Richtung weisen - oder gar Orientierungslosig-
keit mitteilen. Das liegt in der Eigenart dieser Wör-
ter, entgegengesetzte Richtungen in sich zu vereinen.
Das Ergebnis: Verwirrung.
  Manche sagen lieber dommâdomm statt hommâdomm
und henderschefirsche statt henderschefir. Am
Ergebnis ändert das nichts.
  Hommâdomm besteht aus zwei Ortsadverbien, nämlich
hommâ und aus dem verkürzten dommâ. Mit denen
verhält es sich wie mit hannâ und dannâ: das h-
ist der Rest von hie(r), das d- der Rest von da(r).
Und das  am Emde - die schriftdeutsche Entsprechung
ist -en - ist eine Ortsbestimmung wie bei innen
und außen. Während bei hannâ und dannâ im Kern
ein an steckt, ist es bei hommâ und dommâ
ein -om - das schwäbisch ausgesprochene um. Es
beschreibt keinen bestimmten Punkt in der Landschaft,
sondern den Bereich um einen Punkt herum. Also
bedeutet hommâ 'hier herum' und das entgegen-
gesetzte dommâ 'dort herum'. Ist etwas weder
hommâ noch dommâ, sondern allgegenwärtig, etwa
die menschliche Dummheit, dann ist es respektive sie
hommâdomm: überall.
  Das Gegenteil ist neanâ: nirgends. Lautlich passt
es zu heanâ (diesseits) und deanâ (jenseits).
Auch bei diesen Umstandswörtern rüht das h- von
einem früheren hie- und das d- von da(r).
Doch das eanâ ist das schwäbische Überbleibsel des
längst vergessenen ennen, dem mittelhochdeutschen
Wort für 'jenseits, drüben'. Also ist heanâ - deanâ
dasselbe wie hiba - diba. Hingegen ist neana
das mittelhochdeutsche nienen, die verneinte Form von
ienen (irgendwo).
  Henderschefir ist manchen so unverständlich ...
Es ist das schwäbisch ausgesprochene für, die alte
Form von vor, der entgegengesetzten Richtung von
hinter... Was bedeutet jenes -sche?
  Das ist ein verschludertes sich. Mit diesem
hendersche haben die Schwaben den alten Begriff
hintersich am Leben erhalten. Einst hatte er die
Stelle von 'zurück eingenommen, bis es von diesem ver-
drängt wurde. Denn wer hintersich schaut, blickt
zurück.
  Das Gegenteil davon war fürsich, wobei, wie gesagt,
jenes für als vor zu verstehen ist: vor sich.
Fürsich wies also nach vorn. Auch das ist im Schwä-
bischen erhalten geblieben in der Form firsche. Somit
bedeutet henderschefirsche nichts anderes als
'rückwärtsvorwärts'. Henderschefir ist dasselbe, nur
kürzer. Beides offenbart Verkehrtheit. Wer die Waschan-
leitung an der Gurgel trägt, hat das Hemd henderschefir
an."