4.0721 Gegenwart / Gleichzeitigkeit / imperfektiver Aspekt

Aus Alternativ-Grammatik
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An der Überschrift ist zu erkennen, dass wir wieder auf eine Kollision mit traditioneller Terminologie zusteuern. Üblicherweise meint »Imperfekt« bzw. »Imparfait« die Schilderung eines Sachverhalts in der Vergangenheit: »er ging«, »il allait«. Aber diese Kontroverse wird hier nicht nochmals aufgerührt. Es gilt, was im vorigen Modul schon ausgeführt worden war: die Positionierung eines Sachverhaltes in einer Gegenwart verlangt – (a) – dass man den Sachverhalt gleichzeitig zu einem anderen sieht und – (b) – dass man annehmen muss, dass er noch nicht abgeschlossen (imperfektiv) ist.


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1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Erläuterungen

Schulgrammatik

Imperfekt: Zeitform, mit der ein verbales Geschehen oder Sein aus Sicht des Sprechers als unabgeschlossene, unvollendete Vergangenheit charakterisiert wird.[1].
Frage: Was ist "Zeitform"? Gemeint ist wohl nicht die "Zeit", sondern eine "Konjugationsart". - Weitere Frage: Wieso ist etwas Vergangenes unabgeschlossen, also imperfekt? Das ist offenkundig ein Widerspruch.

  1. er ging

Anmerkung zur obigen Definition: Es ist nicht geklärt, ob der Sachverhalt abgeschlossen ist. Annahme: "er geht immer noch". Um es unabgeschlossen zu nennen, wäre dann das Beispiel "er ist gegangen" deutlicher? Anmerkung zur Anmerkung: im Beispiel ist im Wortsinn nur zu vernehmen, dass ein Sachverhalt in der Vergangenheit stattgefunden hat. Um Annahmen, was denn wohl unausgesprochen noch mitzudenken wäre, geht es in der Semantik nicht. Der Einwand gilt für beide traditionellen Termini: 'Imperfekt' wie 'Perfekt'.

Alternativ Grammatik

Imperfekt: Genaugenommen ist dies keine Tempusbezeichnung, sondern eine Aspektaussage - vgl. bei den Modalitäten [2]. Damit betrachten wir den Sachverhalt folgendermassen: eine Handlung, die gleichzeitig zu einem anderen Sachverhalt vollzogen wird, wird als imperfekt bezeichnet, da die Handlung noch nicht beendet ist. Der Begriff wird im Wortsinn also ernst genommen - was für die Schulgrammatik nicht gilt (dort soll er eine Tempusbezeichnung sein).

Gleichzeitigkeit: Es sollen hier 2 Möglichkeiten vorgestellt werden, wie Gleichzeitigkeit zustande kommen kann:

  1. Die EZ (= Ereigniszeit) liegt gleichzeitig zum Reden über das Ereignis -> EZ//O (Ich schreibe ein Buch) (O = Origo = Sprechzeitpunkt)
  2. Der zeitlich einzuordnende Sachverhalt wird ins Verhältnis zu einem weiteren gesetzt (R = Referenzzeit) -> EZ//R (Ich schreibe morgen ein Buch)

Beispiele

  1. Ich schreibe (gerade) ein Buch. Anmerkung: Durch das Signalwort "gerade" wird erst verdeutlicht, dass die Handlung genau zu diesem Sprechzeitpunkt abläuft. Ohne das Signalwort wiederum, kann die Tätigkeit auch länger überdauern und eine generelle Bedeutung annehmen.
  2. Ich treibe (zur Zeit) Sport.
  3. Während der WM nächstes Jahr schreibe ich ein Buch. (WM = Referenzzeit)


2. Einzelsprache: Türkisch

Im Türkischen kann man obige Alternative ebenfalls anwenden.

2.1 Beispiele

  1. (Su an) kitap yaziyorum. (Ich schreibe (gerade) ein Buch.)
  2. (Bu aralar) pek keyfim yok. ((Zur Zeit) bin ich nicht so gut drauf.)
  3. Seneye, dünya sampiyonlugu sirasinda kitap yaziyorum. (Während der WM nächstes Jahr schreibe ich ein Buch.)


3. Einzelsprache: Französisch

Im französischen Sprachgebrauch kann die obige Alternative ebenfalls angewendet werden.

3.1 Beispiele

  1. j´écris un livre.
  2. En ce moment j´ écris un livre. - Mit dem Signalwort "en ce moment" wird der gleichzeitige Sachverhalt verdeutlicht. Ohne das Signalwort kann der Sachverhalt auch länger überdauern und eine generelle Bedeutung annehmen.
  3. Pendant la prochaine coupe du monde j´écrirais un livre.

Wenn in einer franz. Grammatik gesagt wird, das Présent diene auch dazu une vérité générale auszudrücken, dann zieht das beim genannten Beispiel nicht: L'argent ne fait pas le bonheur, weil die Konjugationsart nichts zur behaupteten Interpretation beiträgt. Stattdessen sind wichtig: Fehlen von Orts- und Zeitangaben; zwei Abstrakta (Thema in der Pragmatik, vgl. [3]). Sind diese beiden stilistischen Merkmale gegeben, könnte der Satz auch in der Vergangenheit (Geld hat noch nie Glück erbracht) oder in der Zukunft (Geld wird nie Glück hervorbringen) stehen. Immer hätte man es mit der einen vérité générale zu tun.

4. Einzelsprache: Arabisch

Im Arabischen kann man die obige Alternative ebenfalls anwenden.

4.1 Beispiele

  1. انا اكتب في الخامسة صباحا (Ich schreibe um 5Uhr morgens)
  2. انا اكتب في هذه الاونة كتابا(Ich schreibe in diesem Moment ein Buch)
  3. في هذه فترة انا طيب المزاج (Zur Zeit bin ich gut drauf)


Durch die Signalwörter ("في الخامسة صباحا" um 5Uhr Morgens), ("في هذه الاونة" in diesem Moment), ("في هذه فترة" Zur Zeit) wird der gleichzeitige Sachverhalt verdeutlicht.


5. Einzelsprache: Latein

5.1 Gleichzeitigkeit

Um Gleichzeitig auszudrücken, eignen sich das Gerundium:

Laborando discimus  -  Indem = während wir arbeiten, 
                                 lernen wir.

und das Gerundivum:

Laboribus subeundis discimus - Mit zu übernehmenden Arbeiten 
                                         lernen wir.


5.2 Beispiele

Zur Pragmatik gehört, weil mehrere ÄEen umfassend, folgendes Beispiel. (Aber die Alternativ-Grammatik stellt ja eine abgespeckte Version eines Grammatikkonzepts dar. Adressaten sind eher Schüler; Studierende müssten auf dieser Basis noch manches expliziter vorsehen.)

Helvetii iam in Haedorum fines 
pervenerant eorumque agros populabantur.
                           2x Vergangenheit aus Sicht von 
                           O = des Erzählers: die 
                           Helvetier waren angekommen und 
                           verwüsteten. Diese Information 
                           ist nun bekannt und kann zum 
                           neuen R werden.
Haedui legatos ad Caesarem mittunt.
                           Konjugationsform Praesens um 
                           Gleichzeitigkeit zu R 
                           auszusagen. Aber natürlich liegt 
                           auch dieses Senden in der 
                           Vergangenheit.

Die stilistische Irritation - "sie senden" nun gleichzeitig zum aktuellen Sprechakt oder zum damaligen Ereignis des Verwüstens? - wirkt als Erhöhung der Dramatik, der Anschaulichkeit, weshalb man auch von historischem Präsens spricht. Auch dieser Effekt ist ein Vorgriff aus der Pragmatik.

6. Einzelsprache: Englisch

6.1 Verlaufsformen

Imperfekt / Perfekt

Zum Unterschied "Imperfekt / Perfekt" enthält 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte einiges. Das muss hier nicht wiederholt werden. Jedenfalls kann die past continuous-Form ein länger laufendes Geschehen ins Spiel bringen, innerhalb dessen die Handlung, die erzählt werden soll, stattfand.

..........................     Simon and Jack were playing chess        
                                           = past continuous
                x                          when I arrived                           
                                           = past simple     
Vielleicht waren Simon und Jack so unhöflich, dass sie auch
nach der Ankunft noch stundenlang weiterspielten. Es ist nicht ganz
korrekt zu sagen: "Was geschah gerade, als etwas Neues begann?"
(Kirschning S.20). Es muss auch im Deutschen heißen:
"Was war gerade am Laufen, als ..." Nur so kommt zum
Ausdruck, dass die erste Handlung irgendwann begonnen hatte,
und irgendwann wohl geendet hat.

Die beiden Handlungen können auch exakt parallelisiert werden:

...........................     While Jack was watching the talk          
                                           = past continuous
...........................     I was dropping a line to Ann.      
                                           = past continuous
Es ist die Konjunktion, die sichtbar macht, welche der Handlungen
nur die Hintergrundfolie abgibt, welche dagegen die ist, die
eigentlich erzählt werden soll.

(NB. das Plusquamperfekt liegt lediglich eine Zeitstufe früher, bietet ansonsten keine spezifischen Probleme.)

im Präsens

Wenn R = O, also der Akt des Sprechens ist zugleich Bezugspunkt, um zeitlich die zu berichtende Handlung einzuordnen, so kann natürlich zur Sprechergegenwart eine Gleichzeitigkeit ausgesagt werden:

I am writing a letter.         =  present continuous

Die Verlaufsform wird am besten mit "gerade" wiedergegeben.


im Futur

Futur ist und bleibt die Zeitstufe, die mit Unsicherheit behaftet ist. Das Zukünftige kann eben noch nicht besichtigt und kontrolliert werden. Insofern ist das Futur von anderer Qualität als Vergangenheit oder Gegenwart.

Eine Möglichkeit, im Englischen ein zukünftiges Ereignis auszudrücken, besteht darin, die Verlaufsform im Präsens zu verwenden. Das sieht zwar nach einem Paradox aus, ist letztlich, d.h. pragmatisch, durchaus erklärbar. Das Beispiel kommt allerdings hier, im Rahmen der Semantik noch zu früh:

I am leaving       klingt so, als sei man jetzt, in 
                         unmittelbarer Gegenwart am Weggehen. 
                         Eindruck überprüfbarer, fragloser Sicherheit.
tomorrow.              Klarstellung: nicht die Gegenwart gilt, 
                         sondern die Zukunft = R liegt in 
                         der Zukunft. Dazu gilt Gleichzeitigkeit.
Aus dieser Reibung, diesem Widerspruch, resultiert die - pragmatische - 
Interpretation: sicherer Entschluss bei der Form: present continuous.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass man beim Thema "Zeit" komplexer 
argumentieren und mehr Indizien beachten muss, als nur eine Verbform 
zu bestimmen.


Auch das Futur mit going to ist ein Fall für die Pragmatik. Die Handlung, auf die es ankommt, steht im Infinitiv, was besagt: es gibt sie noch nicht. Da kann drumherum noch so sehr die Entschlossenheit und Sicherheit betont werden:

It is going to rain soon.   -   Schön und gut, aber es regnet 
                                    eben noch nicht. Genau genommen 
                                    liegt eine erstarrte Metapher vor. 
                                    soon = R, das liegt in der 
                                    Zukunft, und dazu regnet es 
                                    gleichzeitig.

future continuous: Kommen bei der Zukunftsaussage Dauer, hohe Wahrscheinlichkeit, auch besondere Höflichkeit zusammen, kann man 'will be + ing-Form' einsetzen. Wieder sind wir bei solchen Zusatzaspekten bereits in der Pragmatik:

I'll be staying in London -  Es ist üblich, bei Zeitinterpretationen 
                                    nur den Beitrag der Verbform hervorzuheben. 
                                    Das reicht aber nicht,                 
for two weeks.                denn eine explizite Dauerangabe trägt erst 
                                    zum vollen und korrekten Verständnis bei. 
                                    Zu dieser Dauer ist das 
                                    staying gleichzeitig.