4.0723 Futur / Zukunft

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

»Auch morgen wird die Sonne aufgehen«. Astronomisch korrekt ist die Aussage zwar nicht. Aber im Sinn von Alltagswissen kann man zugestehen: der Sachverhalt wird mit Sicherheit eintreten. Woher rührt diese Sicherheit – denn den morgigen Sonnenaufgang gibt es ja noch nicht?


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Futur II

Was - gleichgültig in welcher Einzelsprache - unter "Futur II" verstanden wird, kann man sich grafisch wie folgt verdeutlichen:

Sprecher (= O) peilt an  =>      einen Zeitpunkt in der Zukunft (=R).
                                       Gemessen an diesem, ist das
                                         zukünftige, erwartete Ereignis (=EZ) 
                                         aber schon abgeschlossen     
"Spätestens bei Renteneintritt in 10 Jahren (= R)
werde ich meinen Schreibtisch aufgeräumt haben (= EZ), nach meiner
aktuellen Einschätzung (=O)."   

0.2 Futur <=> Konjugation

Futur ist ein Begriff der Bedeutungsebene, Konjugation bezeichnet, wie man Verben behandelt. Folglich ist beides wichtig, aber zweierlei. - Sehr häufig trifft man an, dass beide Ebenen zusammengezogen werden, man redet von Futur, verlangt aber vom Schüler, er solle die richtige Verbform bilden.

So zu reden ist generell falsch, wenn SEMANTIK und
(Ausdrucks-)SYNTAX im Spiel sind - was im konkreten
Fall auch heißt: das Futur kann man auch einsetzen,
ohne dass eine bestimmte Konjugation im Spiel ist. 
Das ist immer so: eine Bedeutung kann auf Ausdrucks-
seite immer durch mehrere Mittel ausgedrückt
werden. Es gibt keine Eins-zu-eins-Verbindung zwischen
beiden Ebenen!

Zum Thema Futur vgl. H. Petershagen - SWP 5.3.2016:

"Normalerweise verzichten die Schwaben auf werden -
wie das im Übrigen auch die Umgangssprache tut.
Wer sagt schon 'Morgen werde ich ins Kino gehen?'
Üblich ist 'Morgen gehe ich ins Kino', schwäbisch
'Morga gang-e ens Kino.' Denn dass es dabei um die
Zukunft geht, ist durch die Zeitbestimmung ' morga '
schon hinlänglich geklärt. 
   Das heißt, um die Zukunft anzukündigen, verzichtet
der Schwabe in aller Regel auf das Hilfszeitwort
werden. Und damit steht er schon wieder in einer
langen Tradition. ... [das Futur] wurde einst ohne
Unterstützung durch ein Hilfsverb in einem einzigen
Wort ausgedrückt wie heute noch im Französischen,
Italienischen oder Spanischen, wo 'ich werde gehen'
schlicht und einfach irai bzw. àndrò bzw.
andaré heißt. 
   Die Germanen aber haben ihre Futurform des Verbs
aufgegeben und statt ihrer einfach die Gegen-
wart ich gehe verwendet - was sie mehrheitlich heute
noch tun. Erst recht die Schwaben, die i gang
sagen. Oder i gau. ... Damit kündigen sie Ereig-
nisse an, die unmittelbar bevorstehen:
' 'S wird gau naacht' - Es wird gleich dunkel werden.
   Dieses unmittelbar bevorstehende Futur konstruieren
Engländer, Franzosen und Spanier übrigens ebenso mit
gehen, wenn auch jeder auf seine Weise. I'm going
to go - kurz: I'm gonna go, je vais aller;
voy a ir. Auf Schwäbisch heißt das I gau gau.
Wegen des Wohlklangs kann es freilich auch heißen:
'I wer(d) gau gau.' "

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Standarderläuterungen

Futur:

  1. Zeitform, mit der ein verbales Geschehen oder Sein aus der Sicht des Sprechers als Vorhersage, Vermutung, als fester Entschluss, als Aufforderung charakterisiert wird.
  2. Verbform des Futurs

(Quelle: Duden)

  • "Die künftige Entwicklung"
  • "Ich werde meine Prüfungen schaffen"


Zukunft:
Zeit, die noch bevorsteht, die noch nicht da ist; die erst kommende oder künftige Zeit: eine unsichere, ungewisse Zeit; denkbare Zukünfte

"Wir müssen abwarten, was die Zukunft bringt"

Futur II:
das eine in der Zukunft abgeschlossene Handlung ausdrücken soll. Abgeschlossene Handlungen in der Zukunft werden im Deutschen stattdessen oft durch das Perfekt ausgedrückt:

"Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich meine Masterarbeit gemacht haben"


1.2 Beispiele

  1. Wieviel Zeit wird dazu nötig sein?
  2. Sicherlich wird er kommen
  3. Nächste Woche um diese Zeit werde ich auf dem Mond sein.
  4. Morgen um diese Zeit werde ich meine Hausaufgabe gemacht haben.
  5. Ich hoffe, das wird in Zukunft besser werden
  6. die kommende Generation wird besser sein
  7. Sie werden bald gesund sein
  8. In 20 Minuten haben wir Schluß

2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Erläuterung

Im Französischen kann man obige Alternative ebenfalls anwenden.

Beispiele

  1. Les temps à venir vont être mieux (kommende Zeiten)
  2. Je vais venir plus tard (ich komme später)
  3. Devenir aveugle (erblinden) - Anm.: <<WERDEN>> = "Prozess" nicht mit "Futur" verwechseln!
  4. On doit fêter ça (wir müssen es feiern)- Anm.: Das "Müssen" steht nicht im Futur!
  5. Ils seront bientôt en bonne santé (sie werden bald gesund sein)
  6. Je vais être fâché (ich werde sauer sein)

Laut "Grammaire de Base" (alpha.b) bezeichne das Futur proche (mit aller) une action qui est dans un futur immédiat ou lointain. Bis jetzt erfährt der Lernende, dass jegliches Futur damit bezeichnet werden kann. immédiat ou lointain könnte man schlicht streichen - wenn "heiß und kalt" richtig sind, ;-). Später nichtssagend, es sei ein futur vu du présent - wenn kein anderes R angegeben ist, ist das sowieso das Naheliegendste. Am ehesten überzeugt, dass damit ein unmittelbar drängendes bzw. ein unentrinnbares Futur bezeichnet werden kann (häufig in mündlicher Sprache):

Dépêche-toi! Le train est sur le point de partir.
Il est en passe de devenir le numéro 1 de son entreprise.

2.2 Beispiele

"N'arrose pas ton jardin. Dans une heure, il a plu."
Aus der Verlagsankündigung für ein wissenschaftliches Buch:
Cet énoncé, à la fois naturel et paradoxal, montre bien
à quel point la description des temps verbaux relève
souvent de la gageure: au linguiste, ici, d'expliquer
ce qui permet d'utiliser le passé composé pour exprimer
un fait du futur.

Man kann die Sprachanalyse auch künstlich spannend machen: Die zwei Beispielsätzchen seien eine gageure = Herausforderung für Sprachwissenschaftler. So ärmlich sehen also für Standardlinguisten "Herausforderungen" aus?! Dann fehlt ihnen wohl eine sprachlogische Grundausstattung:

Satz 1 (Sprechakt AUSLÖSUNG - vgl.4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte - 
und Register INITIATIVE - vgl. 4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE)
lenkt schon mal den Blick in die Zukunft. Gemessen
am Sprechzeitpunkt (O) wird noch was folgen.
Satz 2 bestätigt die Deutung "Zukunft": "in einer Stunde"
= R. Ein Orientierungspunkt in der Zukunft wird gesetzt.
Gemessen an R wird man sagen können, dass "es geregnet hat"
(= EZ). Der Regen wird dann schon vergangen sein.

Wo also liegt das Problem? - Es liegt der gleiche Fall wie in Ziff. 0.1 vor, nur dass er einfacher ausgedrückt wird als mit Futur II.

3. Einzelsprache: Latein

3.1 Typen von Futur

Da jede Form, ein Futur auszudrücken, von einem Sachverhalt spricht, den es noch nicht gibt, eignet sich diese Konjugationsform auch, die modalen Vorbedingungen für eine Handlung zu umschreiben: anstelle des "Werdens" kann also ein "Müssen/Sollen" eingesetzt werden. - Unterlässt man es bei der Zukunftsaussage, konkrete Rahmenbedingungen nach Ort/Zeit zu nennen, so dass offen bleibt, für welchen Punkt in der Zukunft die Aussage gilt, so wird aus der individuellen Sachverhaltsbeschreibung eine generelle = gnomisches Futur, man kann damit allgemeine Urteile und Gebote formulieren, die immer gelten.

videbimus                   wir werden sehen
Omnes homines morientur     Alle Menschen werden sterben -
                                Beispiel 
                                für eine generelle Erkenntnis
Diliges proximum tuum!      Du sollst deinen Nächsten lieben!

Im Fall des umschreibenden Futurs wird nicht die Verbbedeutung mit dem Zukunftsaspekt versehen (durch Konjugation), sondern das Subjekt bekommt eine Eigenschaft zugemessen: "XY ist ein-im-Begriff-Seiender-zu-tun": Wenn so jemand also schon dabei ist zu handeln, kann man ihm problemlos die Absicht zu handeln unterstellen. Es liegt ja fast schon klar auf dem Tisch - wogegen Futur von Hause aus immer auch Unsicherheit einschließt:

Libere dicturus est/erat    Er will/sollte freimütig sprechen bzw. 
                            Er hat/hatte die Absicht frei zu sprechen.


3.2 Futur II

Futur II - wie schon früher erläutert, vgl. 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie (dort Ziff. 4.2), - entsteht dadurch, dass der Sprecherstandort O zusätzlich einen Bezugspunkt R erhält (ein zukünftiges Ereignis). Und gemessen an dem R ist die neue Ereigniszeit (EZ) vorzeitig. Aber sie ist immer noch nachzeitig = zukünftig gegenüber O. - Da in solchen Fällen häufig zwei konjugierte Verben im Spiel sind, gehören solche Analysen bereits zur Pragmatik. Ist das vorausliegende R z.B. durch ein Präpositionsverbindung oder ein Adverb ausgedrückt ("Morgen abend, zur Tagesschauzeit, wird der Nikolaus schon dagewesen sein."), nimmt sich bereits die Semantik des Satzes an.

Si domum ad tempus rediero,       Wenn ich rechtzeitig nach Hause 
                                  zurückgekehrt sein werde,
epistulam scribam                 werde ich den Brief schreiben.

(Die "Systemgrammatik Latein" S.196 übersetzt stilistisch großzügiger in beiden Fällen mit deutschem Präsens. Man sollte zunächst die wörtliche Bedeutung bieten, denn es soll ja die Tempuskonstruktion erkannt und logisch verstanden werden, bevor man sich eine stilistisch elegantere, aber - grammatisch - vernebelnde Wiedergabe erlaubt.)

4. Einzelsprache: Englisch

4.1 Präsens für Futur

Man kann sich natürlich dumpf einprägen, dass bei feststehenden Terminen das Futur durch "present simple" ausgedrückt werden kann. In dieser erläuterungsfreien Kurzform (z.B. in Kirschning, Englische Grammatik, S.29) klingt der Hinweis aber ziemlich paradox, wenn nicht widersinnig. Man vergibt sich nichts, wenn man diese sprachliche Möglichkeit (gilt auch im Deutschen) etwas herleitet - das wäre dann der Übergang vom reinen Pauken zum Verstehen der sprachlichen Struktur:

Ein Sprecher (O) orientiert sich in Richtung Zukunft. Durch eigene Setzung oder z.B. durch einen Fahrplan datiert er dort einen Zeitpunkt (R). Und zu diesem in der Zukunft fixierten Zeitpunkt fährt dann gleichzeitig (=EZ) ein Zug ab.

The first train to Edinburgh leaves at 6:15 a.m.  - 
So ist der Satz bei Kirschning geschrieben. Durch
Fettdruck wird suggeriert, dass allein die Verbform
(auf dunkle Art und Weise) dafür sorge, dass der Satz
für Futur taugt. 
Bei unserer Erklärung spielten 3 Bezugspunkte
eine Rolle, die letztlich besagen, dass die Verbform
keinesfalls das Futur ausdrücke, sondern das, was sie
angestammter Weise tut: Gleichzeitigkeit aussagen. 
Das futurische Gesamtverständnis resultiert aus dem
Zusammenwirken mit den anderen beiden Komponenten.


4.2 Futur II

S.o. Ziff. 0.1. - Beispiele aus Kirschning', Englische Grammatik, S.29 entsprechend angepasst:

(Ein Sprecher sagt in seiner Gegenwart =O:) Next month (=R) 
I will have finished the computer course.(=EZ)
(Ein Sprecher sagt in seiner Gegenwart =O:) When Jack is back 
from New York (=R), I'll have got my diploma. (=EZ) 
- Bei diesem zweiten Beispiel sind zwei Äusserungs-
einheiten betroffen, also gehört die Interpretation auf
die Ebene der Pragmatik.


4.3 Futur mit "will"

Nach Kirschning', Englische Grammatik, S. 210f wird "will" als modales Hilfsverb weitgehend durch Ersatzformen umschrieben, um eine Verwechslung mit "future" und "conditional" zu umgehen.

Eigentlich ist die Verwendung von "will" die Normalform der Futurbildung. Allerdings sei auch hier davor gewarnt, nur die Verbform in den Blick zu nehmen und weitere Indizien im Satz zu übersehen. Die weiteren Indizien helfen ebenfalls, Unsicherheiten auszuräumen, die beim Blick allein auf "will" entstehen könnten:

I'll go on an tour of Wales in June - Offenkundig ist
an den "kommenden Juni" gedacht. Außerdem vermittelt die
Verbform - so mehrdeutig sie sein mag - nicht den Ein-
druck, die Rundreise habe schon stattgefunden. Aus
beidem resultiert die Folgerung: futurische
Aussage. (Sprecher redet in der Gegenwart = =O,
Walesrundfahrt in Zukunft, datiert, EZ = R.

Dass manche Verbbedeutungen eigentlich Modalanzeiger sind, wird in der Alternativ-Grammatik am Anfang der Pragmatik sichtbar gemacht. Vgl. 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt. Es fehlt bei Kirschning der Hinweis, dass genauso Nomina kritisch analysiert werden können, vgl. 4.13 Abstrakta. Es folgt gleich ein Beispiel mit advice. - Sobald derartiges erkannt ist, verwundert es nicht mehr, dass im dazugehörigen Satz häufig futurische Aussagen stehen. Das gilt aber auch schon - in der Semantik - für adverbiale Modalanzeiger.

Maureen will certainly follow your advice -
certainly gibt schon semantisch die sichere
Erwartung kund, vgl. 4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE.
advice ist ein Nomen, benennt aber - nach kriti-
scher pragmatischer Nachfrage - kein Ding, sondern
meint eine "Anordnung", gehört somit zu: 
4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE. Folglich
enthält der Satz zwei klare Impulse für eine
futurische Deutung von "will".
Auf beide wird bei Kirschning nicht verwiesen.

Verbbedeutungen wie: to hope, to expect, to suppose, to think, to believe, to be afraid, to fear, to be sure werden alle unter 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt als Modalaussagen erkannt, d.h. sie lassen im Gefolge mit hoher Wahrscheinlichkeit "Futur" erwarten:

I suppose that they will come to see me tomorrow. -
Aber wohlgemerkt: Es geht nicht nur um to suppose.
Stattdessen deutet to see auf einen Zweck, also
einen Vorgang, der noch aussteht, aber angestrebt
wird. Und dann nicht zu vergessen:
tomorrow - der klarste Verweis auf die Zukunft.
In dieser Umgebung ist es dann nicht mehr schwierig,
"will" richtig zu deuten. 

Mantra der Alternativ-Grammatik: Standardgrammatiken haben einen verengten Blick auf Verbformen und lassen weitere Indizien, die ein Satz bietet, unberücksichtigt. Zeit-Interpretation muss/kann/sollte jedoch alle Indizien nutzen, die ein Satz enthält.