4.0724 Datierung

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Texte, die unterhalten wollen, können mit sehr fantasievollen oder nichtssagenden Datierungen operieren (»Once upon a time there was . . .«). Dagegen solche, die Erwartungen, Ansprüche an Zeitgenossen stellen, die auf weiterführende Kommunikation bauen, Verantwortlichkeiten festlegen, benötigen solide, überprüfbare Datierungen. Das kann man bei Bewerbungsschreiben, Protokollen, Rechnungen usw. durchspielen – auch jeweils nach den Gründen für diese Präzision fragen. Warum anerkennt das Finanzamt eine Rechnung aus dem Jahr 2007 nicht für die Steuererklärung des Jahres 2006? Ist der klare Schnitt so wichtig?


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0. Nachträge zur Theorie

Zunächst einmal soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass unter dem Begriff "Datierung" das Internet in literarischer Hinsicht nicht viel bietet. Trotzdem soll versucht werden, den Begriff anhand gefundener Definitionen zu erläutern.

0.1 Definition

Als Datierung oder Altersbestimmung werden Methoden bezeichnet, die den Zeitraum der Entstehung bzw. Nutzung von archäologischen, paläontologischen und geologischen Funden oder historischen Dokumenten sowie kunsthistorischen Gegenständen wie Gemälden oder Skulpturen bestimmen. Datierung ist also die Ermittlung des vermutlichen Alter eines Objekts: von archäologische Funden, siehe Altersbestimmung (Archäologie) und Geochronologie von Urkunden, siehe Urkundentechnik, Kriminaltechnik, Urkundenfälschung und Betrug von fossilen Bäumen sowie historischen Hölzern, Anwendung der Dendrochronologie durch Ausmessung der Jahresringe und der Synchronisation mit Vergleichsdaten andere Funde und Klimadaten. Eine jahrgenaue Datierung ist dadurch möglich.

[1]

0.2 Erläuterung

datieren; datierte, hat datiert

  1. etwas datieren (als Experte) die Zeit bestimmen, in der etwas entstanden ist <ein Kunstwerk, einen Fund datieren>: Die Archäologen datierten das Grab auf etwa 500 v. Chr.
  2. etwas datieren das Datum auf etwas schreiben <einen Brief, eine Rechnung, ein Schreiben datieren>
  3. etwas datiert aus etwas etwas stammt aus einer bestimmten Zeit <ein Kunstwerk>: Diese Vase datiert aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.
  4. etwas datiert von + Datum etwas hat das genannte Datum <ein Brief o. Ä.>: Das Schreiben datiert vom 30.9. dieses Jahres

[2]

Die Zeitbestimmung via R, die wir in einigen Modulen kennengelernt haben, soll als Datierung verstanden werden.

0.3 "vor unserer Zeitrechnung"

... so pflegt zu reden, wer sich von der christlichen Gedankenwelt distanzieren will. Das sei unbenommen. Nur produziert die gen. Formel einen logischen Unsinn - darauf weist ein Leserbrief in der SZ (18.Aug.2012) hin: "Wenn man einen bestimmten Zeitpunkt angibt, ist er unweigerlich Teil der Zeitrechnung - ein Zeitpunkt kann nicht vor der Zeitrechnung liegen." - Also bräuchte die Distanzierung von christlichem Gedankengut eine andere Formel, oder - etwas gelassener - sie konzentriert sich auf wesentlichere Punkte der christlichen Religionsgeschichte.


1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Beispiele

  1. Ich bin am 05.Januar 1981 in Sindelfingen geboren. (Die Datierung kann sehr präzise sein.)
  2. Vor einigen Wochen ging es mir nicht so gut. (Die Datierung ist unbestimmt.)
  3. Vom 14. - 28. August 2009 machen wir Urlaub in der Türkei. (Die Datierung kann auch eine Zeitdauer sein.)
  4. Eines Tages werde ich reich sein. (Die Datierung kann unterhaltend, romantisch, fantasievoll oder einfach nur nichtssagend sein.)

2. Einzelsprache: Englisch

2.1 Beispiele

  1. On 5th September 2008 I went to Santiago de Chile. (präzise Datierung)
  2. For a couple of weeks I'm back in Germany. (unbestimmte Datierung)
  3. 7 months ago I've been in Chile. (Zeitdauerangabe für die zeitliche Rückblende; ungenaue Datierung)
  4. Once upon a time there was a mountain. (nichtssagend)

3. Einzelsprache: Latein

3.1 Beispiele

Um einen Zeitpunkt zu benennen, kann das Lateinische auf den Kasus Ablativ zurückgreifen. Es hängt dann vom jeweiligen Nomen ab, ob bei genauerer Betrachtung wirklich ein Punkt benannt ist, oder nicht doch eher eine Zeitspanne . Aber mit ausreichender gedanklicher Distanz kann man auch eine Spanne wie einen Punkt behandeln. Für Anhänger der Alternativ-Grammatik genügt die Auskunft, dass es sich um eine statische Zeitbestimmung = Datierung handele. Man muss sich keinen Spezialbegriff merken wie: Punctualis - Ablativ der Zeit ("Systemgrammatik Latein" Finke/Maier S.127).

hieme      -   im Winter
postero die  - am folgenden Tag
paucis annis - mehrere Jahre werden gedanklich zu einem Block 
                   zusammengefasst, und insofern als Zeitpunkt 
                   behandelt: binnen weniger Jahre

Nicht allein ein Ablativ, sondern eine Präpositionsverbindung mit Ablativ liegt vor, wenn in verwendet wird. Wenn gesagt wird, es sei dann eher von Zeitumständen die Rede im Gegensatz zu einer normalen Datierung, muss man vorsichtig sein: der andere Akzent wird nicht vom Ablativ bewirkt, sondern von der Art des beteiligten Nomens:

in bello - in pace   -  die beteiligten Nomina bezeichnen im 
                            Direktzugang keine Zeit, sondern
                            eine Form, wie ein Zeitraum gestaltet
                            werden kann. Erst nachträglich kommt
                            das Wissen hinzu, dass Krieg/Frieden
                            immer auch  eine  gewisse zeitliche
                            Ausdehnung beanspruchen.
                            Die Deutung Zeitumstände darf man
                            also  nicht dem Ablativ gutschreiben.
                            Vielmehr verhindern die nominalen
                            Bedeutungen geradezu die bloße Nennung
                            eines Zeitraums. 
                            Der Ablativ ist nicht die Ursache der 
                            Umpolung.
in tempore           -  zur rechten Zeit - diese Deutung ist
                            erst pragmatisch möglich. Semantisch, im
                            Wortsinn, ist die Wertung ("rechten")
                            nicht zu erkennen. Semantisch ist die
                            Zeitangabe eine Banalität, da alles
                            in tempore abläuft. 
                            Aus diesem Ersteindruck werden Hörer/
                            Leser folgern, dass ihnen doch wohl
                            keine Banalität mitgeteilt werden soll.
                            Sie entschlüsseln daher - pragmatisch -,
                            dass es sich eher um eine 
                            "rechte/passende" Zeit handeln müsse.

Eine weitere Realisierungsmöglichkeit liegt im Ablativus absolutus. Dabei spricht man von "satzwertigen Konstruktionen". Es ist jedoch die Frage, ob der Begriff dem lateinischen Befund gerecht wird oder unbedacht vom Deutschen abgeleitet wird (weil man da gern Nebensätze zur Wiedergabe bildet). Am Latein orientiert kann man sich die Aussage "satzwertig" sparen:

Prima luce laborare incipimus   -  der morgendliche Arbeitsbeginn 
                            wird datiert auf das zeitgleich erscheinende 
                            erste Licht.

Verbindet man den Ablativus absolutus zusätzlich' mit einem der Partizipien, so lässt sich in die Datierung auch der R-Punkt der Vor-/Gleich-/Nachzeitigkeit einführen. Diese Konkretisierung der Zeitlage leistet das Partizip, nicht der Ablativ:

Roma igne deleta Christiani crudeliter vexati sunt - Gemessen am  
                            Bezugspunkt (=R) der Zerstörung Roms durch 
                            Feuer, sind die Christenverfolgungen als
                            nachzeitig zu beurteilen.
Tarquinio Superbo regnante Pythagoras in Italiam venit. 
                            - Ist R die andauernde Herrschaft des XY,
                            so kam gleichzeitig, parallel dazu Pythagoras ...
Nerone in Christianos crudeliter consulturo multi urbem reliquerunt 
                            - Ist R ein zukünftiges, in nächster Zeit
                            erst eintreffendes Ereignis, so ist gemessen
                            daran die jetzige Fluchtbewegung der Christen
                            vorzeitig.

Also auch hier nicht auf ein einzelnes grammatisches Mittel (Ablativ in verschiedenen Verwendungen) schauen und übersehen, welchen Beitrag zur Gesamtbedeutung die weiteren beteiligten Bedeutungen leisten! Und - zweitens - nicht irrtümlich meinen, Bedeutungsbeschreibung vollziehe sich auf lediglich "einer" Ebene!

Die Unterscheidung: wörtliche - gemeinte Bedeutung sollte auch beim aktuellen Thema eingehalten werden: Auf der Ebene der wörtlichen Bedeutung sind Beispiele wie die genannten temporal zu verstehen. Darauf ist zu insistieren, solange man die lateinische Konstruktion ordnungsgemäß analysieren will. - Es ist bereits ein freies Abdriften auf die Ebene der gemeinten Bedeutung, wenn gesagt wird, solche Konstruktionen könnten auch kausal, modal, konzessiv, kondizional übersetzt werden ("Systemgrammatik Latein" S.162).

Senatu nihil agente Octavianus exercitum contra Antonium duxit 
                            - Zunächst heißt dies: während der Senat
                            untätig war.
                            Ob das auch kausal als weil zu interpre-
                            tieren ist, kann aus dem Satz allein heraus
                            nicht entschieden werden. Sollte trick-
                            reiche Heimtücke ausgesagt werden, ginge das
                            nur über die ursprüngliche temporale 
                            Nuance. 

Man sollte also sehr zurückhaltend sein, mit derartigen Angeboten zur freien Wiedergabe!