4.072 Zeit / Tempus / Chronologie

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Zeitangaben werden von uns als gleich wichtig empfunden wie Ortsangaben. Beide Kategorien sind zudem verwandt, gehen bisweilen in einander über. Und auch beschrieben werden können sie im Grunde gleich. Aber man sollte die häufig anzutreffende Beiläufigkeit, mit der auf Ort / Zeit geachtet wird, überwinden.
Und logische Fehler auch: Was ist "Gegenwart"? Offenbar ein Geschehen, das noch nicht überblickt werden kann, das noch im Gange ist. Also kommen die Aspekte, vgl. [1], ins Spiel: perfectum bzw. imperfectum.
Es klingt dann schon sehr merkwürdig, wenn als "Imperfekt" eine Zeitstufe bezeichnet wird, die "perfekte", also abgeschlossene Sachverhalte anpeilt. - Ein klassisches Beispiel für eine begriffliche Unsauberkeit, die die meisten Schüler wohl nicht rational durchschauen, wo sie aber ein dumpfes und ungutes Gefühl bewahren: da könne bei der herkömmlichen Erklärung doch irgend etwas nicht stimmen!
Alles ist steigerungfähig: Mit "Imperfekt" bzw. "Perfekt" wird meist lediglich eine Konjugationsform bezeichnet - noch unabhängig davon, wie temporal das Gebilde zu verstehen ist.
Reichlich Konfusionen - nicht nur in den Köpfen von SchülerInnen! Die Auslöser stehen auf der anderen Seite...


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Methodischer Hinweis

Es ist in Standardgrammatiken lange Zeit nicht üblich gewesen, auf "Sprechakte" und "Modalitäten" zu achten. Und auch aktuell ist dies noch kein Standard (nachdem diese Gesichtspunkte in den vergangenen 50 Jahren sich immer mehr in der Sprachwissenschaft durchgesetzt haben).

Bezieht man aber "Sprechakte" in sein grammatisches Denken ein, hat dies Rückwirkungen auf "Zeit"-Interpretation: vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte. Für Französisch, Latein, Englisch gibt es dort schon Ausführungen. Das dürfte sich noch mehr ausweiten. Das wird auch für "Modalitäten" - vgl. ID 4.08 - gelten, insofern z.B. manche Konjugationsarten eben nicht primär Zeit-Hinweise geben, sondern etwas über Sicherheit/Unsicherheit des Wissens aussagen, mit der von einem Sachverhalt gesprochen wird. Beides ist ohnehin immer wieder gekoppelt: Über Zukünftiges kann ich prinzipiell erst unsicheres Wissen haben, da nützt alle Beteuerung und Emphase nichts. Manche Sprachfamilien funktionieren sehr stark über Aspekte, vgl. [2].

Daher die Bitte: Zeit-Interpretation nie nur mit dem Thema "Konjugation" verbinden, sondern die weiteren semantischen Basiskategorien einbeziehen! Sogar die Determination kann Hinweise geben, wie in 4.09 für Englische gezeigt wird.

0.2 Zeitqualität - kabarettistisch

D. Nuhr, Der ultimative Ratgeber für alles. Köln 2011. S.126f:

"Unsere historische Sicht ist nicht objektiv, sondern
bezieht sich auf die eigene Geschichte und den persön-
lichen gesellschaftlichen Hintergrund. Eine Unterschei-
dung zwischen Antike und Mittelalter mag dem Europäer
sinnvoll erscheinen, der Islamist in Afghanistan wird
anders trennen. Er unterscheidet vorislamische Zeit und
heute - also Mittelalter.
        Die Neuzeit wird unter Religiösen nicht als
Neuzeit, sondern als Bedrohung empfunden. Man weigert
sich deshalb, ihren Beginn zu akzeptieren und versucht,
Andersmeinende ins Mittelalter zurückzubomben. Man benutzt
im Gazastreifen zwar gerne moderne Waffen, ist aber
geistig mancherorts ungefähr auf dem Stand des 7. Jahr-
hunderts, denn die Worte des Propheten gelten ewig und
dürfen nicht verändert werden. Geistige Entwicklung oder
gar Anpassung des Glaubens an eine veränderte Realität 
gelten als perfider Trick des Teufels. Daraus ergibt sich
eine durchaus explosive Mischung."


0.3 Tiefschürfendes Kabarett

SPIEGEL (40/2011) zitiert im Hohlspiegel aus der "Frankfurter Allgemeinen":

"In gewissem Sinn existiert auch nur Gegenwart: jene,
die sich durch Historie ihre und keine andere Vergan-
genheit erschließt, und jene, für die Zukunft immer nur
Erwartung ist, aber nie als Zukunft eintritt, weil
morgen heute ist."

Ja, so ist es nun mal.

Da kann man von G. Grass noch ein sarkastisches Gedicht anfügen: [3]

0.4 Kleinkinder

Kommen solche in ihr letztes Kindergartenjahr, so wird ihnen häufig vorgesagt: "bald kommst du in die Schule". Die Begleitemotion: das ist ein spannender neuer Schritt, wichtig für dein weiteres Leben!

Aber was ist "bald" für kleine Kinder? Sie können den Zeitraum eines Jahres oder zumindest vieler Monate noch nicht einordnen. Der Effekt: Angesichts immer neuer Hinweise, man komme "bald" in die Schule, stellen die Kinder fest, dass nichts passiert. Die geweckte Erwartung trifft nicht ein. - Eine sichere Methode, in den Kindern Unlust und Enttäuschung zu verankern. Sie werden den Schritt in die Schule tun und dabei schon ziemlich 'geladen' sein.

0.5 Schema

Man kann die Frage nach O, R und EZ folgendermaßen beantworten.

Zeigt sich der für O relevante Sprecher im Text? Wörter wie ich, mein etc. machen das deutlich. Auch wenn der Sprecher sich nicht explizit nennt, muss man dann von einem neutralen Sprecher ausgehen, der zwangsläufig in (seiner) Gegenwart spricht.

Die Relationszeit R findet man anhand Datierungen und ähnlichen Zeitindikatoren raus. Damals, Vor 50 Jahren, 1984 etc. zeigen R an.

Die Ereigniszeit EZ ist oft zur gleichen Zeit wie R. Es kann aber aufgrund der Bedeutung des Satzes auch zu einem anderen Zeitpunkt sein. Ein Prozess oder eine Handlung zu einer genannten Zeit, nämlich der EZ, ist der Indikator.

0.6 Zeitangabe für die Ebene der Prädikation?

... und nicht viel eher als Näherbeschreibung, vgl. [4]. Oder gilt die Zeitangabe erst für das modalisierende Verb - vgl. [5]?


aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl.

(116f) "Aus einem alten Kochbuch: 'Man schneide drei
Tage alte Semmeln...' Klingt nach viel Arbeit, drei
Tage lang. (Und war das nicht früher so: drei Tage 
Küchenarbeit für die Gäste?) Auch diese Schlagzeile
auf der Regionalseite einer Tageszeitung ist schon
auf dem ersten Blick verständlich, danach weniger:
'Das Rathaus erstrahlt bis 2007 in neuem Glanz'. Also
ab da dann nicht mehr? Im Gegenteil! Es dauert sogar
noch 'bis 2007' mit dem Glanz. Aber verstanden haben
wir es gleich, was doch sehr für diese Überschrift
spricht.
   Ja, es ist nicht immer leicht, die Zeitangaben rich-
tig im Satz unterzubringen. 'Mein Kollege trifft jede
Minute hier ein', das ist auch so ein Fall. Und wir
verstehen: Er kann jede Minute da sein.
   'In einer Woche hoffe ich zu Ihnen zu kommen'. Hofft
der Schreiber erst in einer Woche? Nein, wirklich nicht.
Doch jeder versteht es richtig: 'Ich hoffe, in einer
Woche zu Ihnen zu kommen.' So war es gemeint, und es
klingt ja so ähnlich. Dieses Durcheinander gibt es in
der freien Rede fast immer. 'Im Herbst habe ich mir
vorgenommen, die Rosen zu schneiden'. Oder: 'Morgen habe
ich Lust zu Hause zu bleiben.' Nein, schon jetzt
habe ich Lust... Offenbar will unser Gehirn das nicht
anders denken. Dann soll es richtig sein. 
   'Ich freue mich sehr, wenn wir uns morgen sehen.'
So ganz allerdings kann ich mich gerade mit diesem Satz
nicht anfreunden. Gewiss soll er nicht besagen:
'Ich werde mich erst freuen, wenn wir uns morgen sehen',
obwohl auch das eine liebenswerte Ankündigung wäre.
Wenn wir ein einziges Wort ändern (nämlich aus dem
'wenn' ein 'dass' machen), bekommt alles gleich Schick:
'Ich freue mich sehr, dass wir uns morgen sehen'. Aber
so redet man nicht gern, und gleich rutscht die Freude
in die Zukunft." 

0.7 Aristoteles - 4.Jhd.v.Chr.

aus: H. Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes. München 2013.

(256) "Von nicht geringer Bedeutung für die Zeittheorie
des Aristoteles ist das, was er 'das Jetzt' (τὁ νῡν) nennt...
Das 'Jetzt' ist wiederum nur in Relation zum Menschen mög-
lich. Es ist ein von Menschen gemachter 'Zeitschnitt', um
in dem fließenden Kontinuum der Zeit eine Zeitphase he-
rauszuheben. Dazu braucht man zwei durch 'das Jetzt' be-
zeichnete Zeitschnitte, jeweils für den Anfang und für das
Ende einer Zeitphase. Aristoteles nennt das 'Jetzt' eine
'Grenze' ... zwischen dem Früheren und dem Späteren, zwi-
schen Vergangenheit und Zukunft. 'Das Jetzt' bezeichnet
aber nicht eine diffuse Gegenwart, sondern präzise den
Schnitt, der für einen Moment die Dinge, die im Fluss der
Zeit in ständigem Werden und Vergehen begriffen sind, als
das, was sie sind, erfahrbar macht. In diesem Sinne ist
das 'Jetzt' eine Phasenbegrenzung. Mit dem 'Jetzt' enthält
die Zeit ein unteilbares Moment. Wäre das 'Jetzt' teilbar,
würden Vergangenheit und Gegenwart ineinander greifen und
so ineinander übergehen. Das 'Jetzt' ist aber keine Zeit-
strecke, sondern nur der Schnitt als Grenze."

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Beispielsätze

  1. Damals zahlte man noch mit D-Mark.
  2. Im Sommer fahre ich in den Urlaub.
  3. Drei Chinesen mit einem Kontrabass, saßen auf der Straße und erzählten sich was.

O, EZ und R der Beispiele

  1. O = Gegenwart; ich spreche jetzt von damals. R = Damals (vor 2001), als noch mit D-Mark gezahlt wurde in Deutschland. EZ = R
  2. O = Gegenwart; ich plane meinen Urlaub. R = Im Sommer(Futur). EZ = R
  3. O = Gegenwart; R = Vergangenheit (semnatisch: Perfekt --> Vergangene, abgeschlossene Handlung. Konjugation ist sog. 'Imperfekt'). EZ = R


1.2 Beispielsatz

Aus einem Artikel des "Tagesspiegel" - vgl. Hohlspiegel 17/2011.

"Als das Flugzeug auf dem Wasser aufschlug,     = R -  Referenzsachverhalt
                                                       für
flog es geradeaus,                              = EZ - das Ereignis, das 
                                                       zeitlich eingeordnet 
                                                       werden soll. EZ ist 
                                                       gleichzeitig zu R
                                                = O  ist der Journalisten-
                                                       standpunkt, der auf 
                                                       die Ereignisse zurück- 
                                                       blickt, sie also in die 
                                                       Vergangenheit einreiht.
verlor aber sehr schnell an Höhe.               Diese und die folgende Aussage 
                                                werden einfach angefügt - ohne 
                                                weitere Verständnishilfen.
Es krachte weitgehend intakt ins Meer."         Dadurch wird ein sachverhaltliches 
                                                Nacheinander suggeriert. Das kann 
                                                jedoch nicht stimmen, da die letzte 
                                                Aussage nur wieder den Stand der 
                                                ersten erreicht. Leser merken,
                                                dass man sich - kommunikativ - im 
                                                Kreis gedreht hatte.
Da es auch um lokale Auffälligkeiten geht: 
Ergänzung in 4.071 Raum / Ort / Topologie


2. Einzelsprache: Englisch

2.1 Beispielsätze

  1. They are not leaving until six in the morning.
  2. When I first met her I did anything to get her.


O, EZ und R der Beispiele

  1. O = Gegenwart R = six in the morning(Futur). EZ = Gegenwart. Jetzt gehen sie nicht. Erst um 6 Uhr morgens. Das Ereignis NICHT-GEHEN findet also zwischen O und R statt.
  2. O = Gegenwart Zwei Äußerungseinheiten, die erste bestimmt allein R = Vergangenheit, als ich sie kennenlernte. EZ = R

3. Einzelsprache: Französisch

3.1 Beispiele

(bezogen auf "Grammaire de base" des Sprachinstituts "alpha.b"). Die Sprachbeispiele kann man so deuten, dass jeweils R gesetzt wird. Und gemessen daran wird - im Hauptsatz - die eigentliche Aussage ausgerichtet:

  1. L'exercice terminé, vous quitterez la classe - Wann immer der Endpunkt der Übung liegt: gemessen daran werdet ihr danach das Klassenzimmer verlassen. Wenn die zit. Grammatik von einer Zeitrelation der Vorzeitigkeit spricht, stellt sich die Frage, was beschrieben werden soll. Gemessen an R ist das Verlassen nachzeitig. - Nicht richtiger wird die Grammatik, wenn gemeint wird, der Aspekt der Vorzeitigkeit könne verstärkt werden:
  2. Dès l'exercice terminé, vous quitterez la classe - Gleiches Problem: Verwechslung von Vor- und Nachzeitigkeit.
  3. Les yeux baissés, il lui a avoué son amour - Es handle sich um eine relation temporelle simultanée.
  4. Ayant bu toute la soirée, il est incapable de rentrer chez lui. - Die Partizipialform als solche drückt zweifellos Vorzeitigkeit aus. Die konjugierte Verbform - est - deutet an, was die wichtige Aussage im Satz ist. R (Besäufnis) ist der Messpunkt für die anschließende = nachzeitige Unfähigkeit... - Nicht anders bei:
  5. Etant rentré chez lui, il a téléphoné à ses amis.

"Quand" exprime une certitude (75) - ein vollkommen nutzloser Satz. Man sollte zunächst klären, welcher Art die gewonnene "Gewissheit" ist! Entgegen dem enstandenen Eindruck geht es nicht um das Register EPISTEMOLOGIE, also Probleme der Wahrnehmung. Stattdessen: "Quand" setzt einen Zeitpunkt als R für einen Sachverhalt, der als nächstes genannt wird - vor-, gleich- oder nachzeitig.

  1. Quand il parle, tout le monde l'écoute.
  2. Quand il parlera, tout le monde l'écoutera.
  3. Quand il parlait, tout le monde l'écoutait.
  4. Quand il est parti, tout le monde pleurait.

Man muss - um Missverständnisse zu vermeiden - klären, was beschrieben werden soll und was der Bezugspunkt ist. Die Beispiele S.64 sind gerade anders gepolt als unsere Sichtweise: es wird der Hauptsatz als Referenzpunkt genommen, und gemessen daran wird die Zeitlage des Quand-Nebensatzes als vorzeitig bestimmt.

  1. Antériorité par rapport au présent: Quand les serveurs ont fini de dresser les tables, ils commencent leur service.
  2. Antériorité par rapport au futur: Dès que nos parents seront partis, on invitera tous nos copains à la maison.
  3. Antériorité par rapport au passé: Quand elle avait couché les enfants, elle s'installait dans le canapé et s'endormait

Unsere Sicht ist umgedreht: Quand (und vergleichbare Konjunktionen) markiert einen Zeitpunkt R. Ob der in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft liegt, muss über andere Indizien (z.B. konjugiertes Verb, explizite Zeitangaben) erschlossen werden. Der Hauptsatz nennt einen Sachverhalt unmittelbar im Gefolge von R, ist eo ipso also nachzeitig. Zu betonen, der Quand-Satz sei vorzeitig ist so gesehen belanglos, bringt nicht viel weiter.

4. Einzelsprache: Latein

4.1 Beispiele

Fink/Maier in ihrer "Systemgrammatik Latein" (1997) nennen in der unübersichtlichen Sammelkategorie "Adverbiale" u.a. Beispiele, die in der Alternativ-Grammatik als explizite chronologische Angaben einschlägig sind:

Diu laboravi                     = Ich habe lange gearbeitet.
Hoc die laboravi                 = Heute habe ich gearbeitet.
Itaque multas horas dormiam      = Daher werde ich viele Stunden 
                                             schlafen.
Luce apparente laborare incipimus = Bei aufgehender Sonne 
                                             beginnen wir zu arbeiten. - Der 
                                             Ablativus absolutus wird als 
                                             "satzwertige Konstruktion"
                                             verstanden. Dies Attribut ist 
                                             nicht nötig: es handelt sich um 
                                             eine nominale Konstruktion inner-
                                             halb des aktuellen Satzes um 
                                             Gleichzeitigkeit auszusagen.
Laborando discimus.                = Die gleiche Funktion - 
                                             Gleichzeitigkeit - durch 
                                             Gerundium im Ablativ realisiert.

Damit sind Zeithinweise über die Konjugationen noch nicht berücksichtigt. Aber man kann und sollte bei Beispielen wie den genannten semantisch präziser angeben, für welche Funktion sie einschlägig sind. Adverbial sagt semantisch überhaupt nichts, sondern nur, es sei eine Bestimmung in der Nähe des Verbs. Aber welche?


4.2 "Tempora"/"Zeitstufen"

Fink/Maier S.189 erläutern zunächst gut, dass

  1. "alle Handlungen, Vorgänge oder Zustände, die im Prädikat eines Satzes ausgedrückt werden, ... an die Zeit gebunden" sind. Davon geht die "Alternativ-Grammatik" auch aus, folglich wird die "Zeit" nicht nur bestimmt, wenn spezielle Indikatoren vorhanden sind. Stehen sie nicht explizit im Text, so gelten sie von einer anderen Stelle her weiter oder sind impliziert.
  2. dass unter Einbeziehung des Standorts des Sprechenden als Orientierungspunkt (a) die Zeitstufe des Ereignisses bestimmt wird (vergangen, gegenwärtig, zukünftig). So gesehen besteht nur eine Abhängigkeit von "O" (laut Alternativ-Grammatik = Standort des Sprechenden), aber keine von anderen Ereignissen. Daher nennt man diese Art Zeitbestimmung die unabhängige. - (b) Ein Ereignis mit seiner Zeit (=EZ) kann aber auch in Relation zu anderen Ereignissen bestimmt werden. Das andere Ereignis, das als Maßstab genommen wird, heißt in der Alternativ-Grammatik: R. Das aktuelle Ereignis, das bestimmt werden soll, ist dann gemessen an "R" wieder vor-, gleich- oder nachzeitig. Man spricht hierbei von einer relativen Zeitangabe.

Nach dieser richtigen Theorie folgt dann aber wieder einer der grammatisch-verwirrenden Spitzensätze:

"Es gibt deshalb in den meisten Sprachen mehr Tempora
(Zeiten) als  Zeitstufen." (190)

Weshalb "deshalb"? - Und warum der (scheinbare) Widersinn: "Den drei Zeitstufen entsprechen im lateinischen sechs Tempora (Zeiten)"? An dieser Stelle lässt die "Systemgrammatik Latein" die Leser unsystematisch im Stich. Wir bieten im Sinn der Alternativ-Grammatik den Ansatz für eine Erklärung:

Von O aus als unabhängige Zeitbestimmung vorzeitig
bestimmt = Imperfekt/Perfekt
Dieses Ereignis als R genommen für ein weiteres vorzeitiges 
Ereignis = vorvorzeitig

Damit haben wir das Thema Vorzeitigkeit in doppelter Ausführung. Dem dürften die Konjugationsformen entsprechen, die man Imperfekt/Perfekt bzw. Plusquamperfekt nennt. Wir verwechseln terminologisch nicht Tempora (Zeiten) und Konjugationsformen, müssen aber zur Verständigung für letztere die semantisch klingenden (aber nicht so gemeinten) traditionellen Begriffe verwenden.

Demnach sind 3 Konjugationsformen unter der Perspektive "Vorzeitigkeit" im Spiel. Für den Unterschied "Imperfekt/Perfekt" vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte Um auf die genannte Zahl "6" zu kommen fehlen noch drei.

Von O aus als unabhängige Zeitbestimmung nachzeitig 
bestimmt = Futur I
Diesem nachzeitigen Ereignis als 'R kann in der Zukunft ein 
Ereignis voraus gehen = vornachzeitig

Damit haben wir auch das Thema Nachzeitigkeit in doppelter Ausführung, in Konjugationsformen ausgedrückt: Futur I und Futur II. - Die Gesamtzahl der Konjugationsformen ist damit auf 5 angestiegen.

Für die Gegenwart = Gleichzeitigkeit gibt es keine weitere Differenzierung. Ein Ereignis ist zum Sprecherstandort O gleichzeitig oder zu einem anderen Ereignis = R (gleichgültig, auf welcher Zeitstufe es liegt).

Um Gleichzeitigkeit (zu O oder R) auszudrücken bedarf 
es nur einer Konjugationsform = Präsens

Damit ist die Zahl "6" der Konjugationsformen theoretisch gerechtfertigt. - Derartiges würde man gern in einer Grammatik lesen.

5.Einzelsprache: Russisch

5.1 Aspekte

Die Bestimmung der Zeit ist im Russischen mit dem Thema der Aspekte verknüpft (perfektiv vs. imperfektiv), was in der Alternativ-Grammatik einen Bereich der Modalitäten ins Spiel bringt: 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE, genauer: [6]. Meist gibt es die Verben also in beiden Ausprägungen. Hier sind zunächst nur - gestützt auf PONS, Power-Sprachkurs Russisch, S.154 - einige kritische Anmerkungen möglich. Jemand mit größerer Kompetenz kann/sollte den Punkt vertiefen, besser erläutern.

"Die unvollendeten Verben bezeichnen eine in ihrem
Ablauf, in ihrer Dauer oder ihrer Wiederholung
nicht abgeschlossene Handlung sowie eine 
ständige Eigenschaft oder einen Zustand des
Subjekts."

Gemessen am "Register" ASPEKTE (s.o. link) ist dies ein allzu großzügiges Aspektverständnis. Eine Handlung ist dynamisch, hat einen Anfang, eine gewisse Dauer und ein Ende. Davon kann man herausgreifen, dass die Handlung nicht abgeschlossen = imperfektiv ist. Von einer Eigenschaft oder einem Zustand geht dies jedoch nicht. Wer will, kann dessen "Dauer = durativ" betonen - auch wenn es dann doppelt gemoppelt ist. Das gen. Lehrbuch nennt denn auch nur Beispiele für Handlungen, nicht für Eigenschaften/Zustände. Im letzteren Fall müsste man genauer nachfragen, was die Konjugationsart ausdrückt. "imperfektiv" jedenfalls ist unbefriedigend.

"Die unvollendeten Verben haben alle drei russischen
grammatischen Zeiten:  Präsens, Präteritum und Futur."

Ein merkwürdiger Satz. "unvollendete Verben" - das kann nur als abkürzende Sprechweise gemeint sein. Es gibt keine "u. V.". Es gibt aber Verbformen mit Konjugationsindizien für eine besondere (Aspekt-)Verwendung. Das ist etwas anderes als "u. V.". Diese Verbformen gibt es in allen drei "russischen grammatischen Zeiten". Die Alternativ-Grammatik beschäftigt sich in diesem Modul auch mit Gegenwart - Vergangenheit - Zukunft, unterstellt aber, dass diese Kategorien im Deutschen, Schwedischen, Russischen usw. gelten. Wenn der Satz die "russischen g. Z." betont, so ist das offenbar nicht im semantischen Sinn gemeint, sondern für die Ebene der Verbformen/Konjugationsarten. Was wieder einmal zeigt, wie unsauber oft grammatisch gesprochen wird. Denn - letzter Punkt - im Sinn der Alternativ-Grammatik dürfte man nicht derart großzügig sein: nur Gegenwart schließt ein, dass eine Handlung noch andauert, also nicht abgeschlossen ist. Wogegen die anderen Zeitlagen die Handlung insgesamt, somit abgerundet und abgeschlossen in den Blick nehmen ("ich habe das Buch gelesen", "ich werde das Buch lesen"). [Was ergänzend möglich ist: die insgesamt = abgeschlossen in den Blick genommene Handlung wird zusätzlich - vgl. Register ASPEKTE - als besonders lange sich hinziehend oder kurzzeitig ablaufend u.ä. charakterisiert. Das "abgeschlossen" wird nicht gefährdet, wenn gesagt wird: "Ich werde das Buch in einem Zug / mit Unterbrechungen / schnell usw. lesen."]

"Die vollendeten Verben bezeichnen eine abgeschlossene,
zeitlich begrenzte Handlung, unabhängig davon, ob es sich
um ihren Beginn oder ihren Abschluss handelt, sowie eine
einmalige Handlung, die ein bestimmtes Ergebnis hat."

Nun ja, dann ist laut Theorie der Alternativ-Grammatik die Folgerung, dass Verben in dieser Konjugationsform prädestiniert sind entweder für Vergangenheits- oder für Zukunftsaussagen, und genau so fallen denn auch die beiden Beispielsätze aus. Gegenwart ist somit ausgeschlossen:

"Die Präsensformen vollendeter Verben haben Futurbedeutung!"
Я прочитал книгу (Präteritum "Ich habe das Buch bis zum Ende
gelesen") - 
Я прочитаю книгу (Futur "Ich werde das Buch bis zum Ende
lesen"). 

"bis zum Ende" - das wäre ergänzend zur Zeitlage (Vgh, Futur) die zusätzliche Betonung (durch Konjugationsform), dass die Handlung auch zum Abschluss kam/kommen wird. Wenn das so korrekt ist, dann kommen durch die Konjugation zweierlei semantische Kategorien zum Ausdruck: Zeit + Register ASPEKTE-resultativ. Wobei die Aspekt-Aussage zunächst nur die Zeit 'Gegenwart' ausschließt. Wie man dann korrekt erschließt, ob positiv 'Vergangenheit' oder 'Zukunft' zu gelten hat, muss separat geklärt werden. Es sei bezweifelt, dass dies ein didaktisch brauchbarer Satz ist! Denn laut Alternativ-Grammatik werden drei unterscheidbare Kategorien zusammengepackt: Präsensformen hat primär mit Präsens nichts zu tun, sondern ist eine bestimmte Konjugationsart (Ausdrucks-Syntax); vollendet bringt das Register ASPEKTE ins Spiel; die Deutung sei futurisch - damit sind wir endlich bei der Chronologie. - Inhaltlich bestätigt der Satz die zuvor genannte Kritik: wenn "vollendet" gilt, dann keine "Gegenwart" - also ist die Deutung "Futur" möglich.

Oder anders: "Die Präsensformen vollendeter Verben haben
Futurbedeutung!" - o.k. - wirkliche Gegenwarts-,
Gleichzeitigkeitsdeutung ist ja bei dieser
Konjugationsart ausgeschlossen. Dann gewinnt man
Raum, das scheinbare Präsens anders zu belegen.