4.07 Orientierung in Raum und Zeit

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

»Raum« und »Zeit« können zufriedenstellend erst dann beschrieben werden, wenn sie im Textzusammenhang (Pragmatik) gesehen werden. Aktuell befinden wir uns noch auf der Ebene des Satzes, der Semantik. Hier kann es nur darum gehen, Indizien zu sammeln. Ihre Abrundung wird später folgen.


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Bezug zur DIDAKTIK


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Schon Tolstoj ...

Im Modul "Sprachdidaktik" ist unter [1] ein Auszug aus "Anna Karenina" abgedruckt. Es handelt sich um eine geniale Persiflage auf üblichen Grammatikunterricht zum Thema "Umstandswörter der Zeit, des Ortes, der Art und Weise", also genau zu dem Thema, das jetzt in der Alternativ-Grammatik ansteht, nimmt man noch die nächste Ziffer, 4.08 "Modalitäten", hinzu, vgl. [2] samt Unterkapiteln.

Der Standardsprech sagt auch schon was: "Zeit", "Ort",
"Art und Weise" werden in einem Aufwasch genannt - als
seien sie von gleichem Typ. Bei uns in der SEMANTIK handelt
es sich um säuberlich unterschiedene einzelne Kapitel - sie
sind also gedanklich auseinanderzuhalten!
Kleine "Umstandswörter" als vermeintlich einendes Merkmal
höher zu werten als die semantischen Themen ist nachgerade
skandalös. 

0.2 "Kiezdeutsch", "Gettosprache", "Ethnolekt"

Wo Migranten und Einheimische besonders stark zusammentreffen, entwickelt sich - oft als Mischung aus Deutsch und Türkisch, Arabisch - ein eigener Slang. Soll man den vom Hochdeutschen her als "Abweichung, fehlerhaft" bewerten, folglich zurückzudrängen versuchen? Oder ist diese Entwicklung zu akzeptieren: Es entsteht eine Art Dialekt - wie Schwäbisch oder Sächsisch? - Die Debatte dazu läuft.

Besonders auffällig sind die neuen Sprechweisen daran, dass meist die Präposition weggelassen wird bei Ortsangaben. Aus einem Artikel der SWP (12.8.2014):

D.M. "hat dazu intensive Feldforschung betrieben - in
78 achten und zehnten Klassen von Berliner Hauptschulen
und Gymnasien. Durchgängiges Merkmal des dort gepflegten
Sprachstils: Artikel und Präpositionen werden gern weg-
gelassen. Also heißt es: 'Er war gestern Rektor.' Selbst
im Lehrerzimmer schnappte sie den Satz auf: 'Karin, ich
geh mal schnell Bäcker, willst Du was?'"

Bemerkungen dazu:

  1. Man sieht am praktischen und aktuellen Beispiel, wie sich neue Sprachkonventionen herausbilden. Wenn sie einmal in dieser Breite Praxis werden, werden 'oberlehrerhafte' Korrekturmaßnahmen, die die Entwicklung eindämmen sollen, sinnlos.
  2. Merkmale wie das 'Weglassen von Präpositionen' zeigen zweierlei:
    1. Methodisch ganz im Sinn der Alternativ-Grammatik: Präposition und Ortsangabe sind zu unterscheiden. Man kann - (ausdrucks-)-syntaktisch - die Präposition weglassen, es liegt aber immer noch - semantisch - eine Ortsangabe vor - und wird auch so verstanden.
    2. Solche Weglasstendenzen sind nichts anderes als Ausdruck von Sprachökonomie, derber gesagt: von Sprachfaulheit. Bei der Entwicklung von Sprache wurde immer schon getestet, mit wie wenigen Ausdrücken man noch verstanden werden kann. Klappt das Verstehen, kann man einige Ausdrücke einsparen.
    3. Offenkundig: In solchen Fällen ist der Einfluss des Restsatzes gewachsen. Liegt eine Bedeutung der Ortsveränderung vor - <<GEHEN>> - ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass noch eine Ziel-/Richtungsangabe gebraucht wird, vgl. [3]. Wenn das klar ist, kann man das explizite Funktionswort - z.B. Präposition - einsparen. - Der "Rektor"-Satz ist semantisch zunächst eine Klassifikation. Sie wird aber - pragmatisch - sofort wieder verworfen: zum Sprechzeitpunkt gilt die Aussage bereits nicht mehr. Eine Zeit-Angabe wird explizit geliefert; die Erwartung, dass auch ein Ortshinweis gegeben wird, zunächst nicht erfüllt, aber auch via Implikation gesucht: irgendwo im Satz muss die Information stecken. Aus all dem folgert man: "beim Rektor". Auch diese Rekonstruktion heißt nicht, dass der explizite Satz nachgebessert werden sollte - sofern man in jenem Sprachmilieu bleiben will.

1. Beispiele aus der Literatur

1.1 Notwendigkeit von Raum/Zeit-Koordinaten

Aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009. 173f.

Aber interessant. Auch wenn du nicht das Geringste siehst,
du versuchst doch, dich irgendwie zu orientieren. Wo
bringen sie mich hin? Rein vom Spüren her hast du
natürlich keine Chance in einem Kofferraum. In so 
einem Fall, wenn du nichts siehst und auch nichts
hörst außer dem Verkehrslärm, musst du unbedingt
eine gute Vermutung riskieren. Da musst du auf
Teufel komm raus deinen ganzen Verstand zusammen-
nehmen und dich einfach mutig für eine Annahme
entscheiden, rein aus dem Kopf heraus  und ins
Blinde hinein. Und erst danach kannst du  mit
einem guten Gespür vielleicht vom Rütteln her,
vom Abbiegen her, vom Bremsen und Beschleunigen
her, vom Bergauf und Bergab her sagen, ja,
Annahme richtig  oder falsch.

1.2 Kafka, "Der Prozess"

In Kapitel 2 - vgl. aus Modul 0.12: [4]] - lädt das ominöse Gericht zu "Untersuchungen" vor, die in punkto Raum/Zeit reichlich pervers sind:

  1. Zeit: man werde sonntags tagen - was gleich beim ersten Sonntag den Effekt hat, dass private Kontakte von "K." zerstört bzw. unterbunden werden. Zudem ist nicht klar, wann K. erscheinen soll. Der Termin 9 Uhr galt für einen "Zimmermaler", mit dem wurde K. verwechselt. - Juristische Präzision sieht anders aus.
  2. Ort: Wo die Untersuchung stattfinden soll, bleibt nur vage angedeutet. K. muss in Wohnblocks z.T. mit Tricks erst herausbekommen, wo die Versammlung tagt - was ihn außerdem Zeit kostet. Vgl. im Bereich Ziff. 26.1-34.7.

Vgl. auch: [5]

1.3 Originale Josefsgeschichte

Vgl. [6] und Unterpunkte.

  • Wer hinsichtlich Ortsinformationen die Erzählung liest, lernt zwar eine 'Pendeldiplomatie' zwischen Palästina/Israel und Ägypten kennen. Für Ägypten werden zwar der "Nil" und "Goschen" (=Nildelta) genannt. Aber weitere Stätten und Städte dieser Hochkultur bleiben unerwähnt. Wo stand der Palast, in dem Josef auf den Pharao traf? Von wo aus gab Josef später seine Anordnungen, um die Hungersnot zu bewältigen? - Für Palästina der gleiche Eindruck: Am Textanfang ein Ausblick in den Norden ("Dotan"). Wo aber hielt sich die Sippe Israels standardmäßig auf?
  • Der gleiche Eindruck beim Thema Zeit: Die Erzählung bietet eine in ihrem Ablauf schlüssige Verknüpfungen von Einzelhandlungen, -ereignissen, dabei auch Zeiteinteilungen (z.B. 7-Jahres-Spannen). Aber wann soll sich das alles abgespielt haben? Es gibt keine Datierung, keinen Verweis auf Herrscher / Ereignisse, die man aus anderen Quellen kennt und zeitlich einordnen kann. Wenn Patriarch "Israel" am Schluss stirbt, hätte man erwähnen können, wie alt er geworden war - aber auch das fehlt.

Solche Informationslücken sind indirekt - die PRAGMATIK ist damit angesprochen - eine starke Aufforderung, nicht weiter auf der Schiene "Ort/Zeit" zu suchen, sondern die Informationslücken erzwingen interpretatorisch, vom Aspekt der 'Historizität' abzulassen. Der Erzähler hat offenkundig andere Interessen, z.B. via fiktionaler Erzählung die Leser/Hörer mit anderen Denkformen bekannt zu machen - z.B. "Öffnung für die Welt" außerhalb des sog. 'Gelobten Landes', was implizit zugleich eine massive Kritik an der vorherrschenden heimischen Ideologie (Kult)/Theologenherrschaft in Palästina (Jerusalem) darstellt.

Die stärkste Wertung im Text betrifft die "Hirten" =
Pastoren = damals schon eine Bezeichnung für Theo-
logen, Kultbeamte.
Die Unbestimmtheit von Raum und Zeit der Josefs- 
geschichte - was wir soeben erwähnt hatten - hat
sich noch nicht bis zu den Editoren von Bibelaus-
gaben herumgesprochen. Dort wird meist, im Anhang
eine Zeittafel der biblischen "Ereignisse" - wohl-
gemerkt! Nicht der Abfassung der jeweiligen Texte!
- geboten. Und darin dann auch die Positionierung
des Wirkens Josefs! Das geschieht in freier Will-
kür, ohne verlässliche Indizien. Es wird nicht in 
Betracht gezogen, die Erzählung könne Fiktion
sein.

1.4 Hermann Hesse

Ortsbeschreibung mit einigem Aufwand:

aus: H. Hesse, Meister-Erzählungen. Frankfurt 1973. S.337, 'Knulp'

"Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand
Knulp im dritten Stockwerk eines Hinterhauses in
der Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing wie ein
Vogelnest in den Lüften überm Bodenlosen, denn das
Haus stand an der Talseite, und wenn man durch die
Fenster senkrecht hinabschaute, hatte man nicht
nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm
Hause floh der Berg mit kümmerlichen steilen
Gärten und Grashalden schwindelnd abwärts, endi-
gend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvor-
sprüngen, Hühnerhöfen, Ziegen- und Kaninchenställen,
und die nächsten Hausdächer, auf die man hinabsah,
lagen jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon
tief und klein im Tale drunten."