4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE

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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

»Wissen«, »Vergessen«, »Verdrängen«, »Zweifeln«, »Überzeugt sein«,"Wahrnehmen" »Mitteilen (=Wissen ermöglichen)«, alle Bedeutungen des Sagens, – und alle diese auch in verneinter Form. Um dieses inhaltliche Feld geht es. Das ist mit »Epistemologie« gemeint. Eine pragmatische Fortführung dieses Gedankens unter [1] - "Wahrnehmung" setzt immer auch eine Form von "Distanz" voraus.

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0. Beiträge zur Theorie

0.1 Was mit »Epistemologie« gemeint ist: Erkenntnislehre, Lehre vom Wissen „Wissenschaft“ + logos „Rede, Kunst“

Epistemologie = Erkenntnistheorie

Im Französischen wird bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen Épistémologie (von griechisch epistéme - Wissen, Wissenschaft, "wahre" Erkenntnis + λόγος, lógos - Wort, Rede, Lehre) und Erkenntnistheorie unterschieden; der Begriff "Épistémologie" wurde jedoch bis fast zum Ende des 20. Jahrhunderts noch zur Bezeichnung der "Philosophie der Wissenschaften", aber in einem bestimmten Sinne (André Lalande, Vocabulaire technique et critique de la Philosophie, Paris 1947) verwendet. Die Vertreter der Épistémologie betonen den Unterschied zwischen Erkenntnistheorie und Épistémologie, weil die Probleme der Wissenschaften unter ausdrücklichem Ausschluss "traditioneller" philosophisch-weltanschaulicher Grundannahmen untersucht werden sollen. Doch besteht selbst in Frankreich etwa seit Anfang der 1980er Jahre mit der massiven Rezeption der englischsprachigen analytischen Philosophie und Wissenschaftstheorie die deutliche Tendenz, die französische Sonderbedeutung des Ausdrucks aufzugeben und den Ausdruck "Epistemologie" im Sinn von "Erkenntnistheorie" zu gebrauchen. Art und Weise (wie etwas geschieht oder gedacht wird); Ausführungsart; <Logik> Bestimmtheitsgrad (einer Aussage); <Gramm.; > (unterschiedl.) sprachl. Form, die das Verhältnis des Sprechers zu seiner Aussage und der Aussage zur Realität ausdrückt.

Quelle: Wikipedia

0.1.1 Logik und Wahrnehmen

In einer Oberstufe kann man durchaus ansprechen, dass "Erkenntnislehre" zwei Wege oder Ebenen umfasst. Davon wussten schon die alten griechischen Philosophen. Auch Kant im 18. Jhd. kam darauf zurück.

  1. Die erste Ebene, bei den Griechen "phainomenon" genannt, arbeitet damit, dass es sinnenhaft etwas wahrzunehmen gilt. Folglich muss es einen Wahrnehmungsgegenstand geben, der von den Sinnen erfasst werden kann. In jeder Bildergalerie oder jedem Konzertsaal wird diese Form von Erkenntnis gefördert: der Geist bekommt reichlich zu denken, weil er über die Sinne einen kräftigen Schub neuer Anregungen erhält.
  2. Die zweite Ebene ist abstrakter. Die Griechen hatten dafür: "noumenon". Bei uns stehen dafür die Begriffe "Logik" oder "semantische Basisterminologie". Damit lassen sich Denkfiguren, Schlussfolgerungen, durchführen. Das Bestimmen einer Prädikation gehört dazu, die Festlegung, was Ursache bzw. Wirkung ist, usw. Man merkt schon: auf dieser Ebene geht es unanschaulich zu. Aber auf dieser Ebene lassen sich Gedanken ordnen, in einen schlüssigen Zusammenhang bringen.

0.1.2 Immanuel Kant

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl.)

"Die Behauptungen der traditionellen Metaphysik be-
zeichnet Kant als 'synthetische Urteile a priori', und
er vertritt die Ansicht, es sei unmöglich, über die
Welt, wie sie unabhängig von der Erfahrung ist, a
priori etwas zu wissen. Doch er schlägt nicht einfach
die Bahn früherer empiristischer Philosophen ein, die
der Auffassung waren, alles Wissen leite sich allein
von der Erfahrung her, und auf diese Weise versuchten,
alles Wissen auf Sinneswahrnehmung und Reflexion zurück-
zuführen. Vielmehr glaubte Kant, daß alle Erkenntnis
eine apriorische Komponente habe. ... Die formalen
Aspekte der erkennbaren Welt sind durch den kogniti-
ven Apparat konstituiert, den wir wie jedes andere
uns vergleichbare endliche Wesen haben müssen; und
dieser kognitive Apparat ist es, der es uns gestattet,
synthetische Urteile a priori über die Welt zu fällen.
Diese synthetischen Behauptungen a priori betreffen
nicht die Wirklichkeit per se. Sie beziehen sich auf
die Wirklichkeit nur in der Weise, wie sie von Wesen
wie uns wahrgenommen wird." (281)
"Kant beschreibt diese Bedingungen einer Erkenntnis
a priori als 'Formen', denen die Erkenntnis notwendig
unterworfen ist. Er unterscheidet drei solcher Formen,
denen die Erkenntnis notwendig unterworfen ist, nämlich
1) Formen der Sinnlichkeit, 2) Formen des Verstandes
und 3) Formen der Vernunft.
   Die erste dieser Gruppen von Formen, die der Sinn-
lichkeit, sind Raum und Zeit. Sie sind keine Merkmale
von 'Dingen an sich', sondern stellen lediglich sub-
jektive Bedingungen für unsere Erkenntnis der Welt
dar. Da wir jedoch nicht umhin können, die Welt als
räumlich und zeitlich zu betrachten, sind Dinge in
Raum und Zeit oder die 'Erscheinungen' für uns ob-
jektiv. Kant sagt, sie seien 'empirisch real', aber
'transzendental ideal'. Wären wir anders verfaßt,
dann wären wir vielleicht in der Lage, Dinge zu
'sehen' (oder zu ahnen), wie sie an sich sind, und
nicht nur, wie sie uns erscheinen. Als endliche Wesen
jedoch können wir nichts ohne unsere Sinne wahrnehmen.
Raum und Zeit sind für uns notwendige Bedingungen je-
der Wahrnehmung. Als solche liefern sie uns eine
apriorische Erkenntnis der Welt unserer Erfahrung. ...
   Zweitens ist unsere Erkenntnis von den Formen des
Verstandes oder von einer Reihe apriorischer Grund-
begriffe abhängig. Diese apriorischen Begriffe erör-
tert Kant im ersten Teil der transzendentalen Logik,
die auch als Analytik der Begriffe bezeichnet wird ...
In der Kritik behauptet er, es müsse genau zwölf
derartige Kategorien geben, und er ist sich sicher,
daß er sie mit einem strengen Beweis von einem ein-
zigen Prinzip abgeleitet hat. Die Kategorien bestehen
jetzt aus den Grundbegriffen der Quantität (Einheit,
Vielheit und Allheit), der Qualität (Realität, Negation
und Limitation), der Relation (Inhärenz, Kausalität
und Gemeinschaft) sowie der Modalität (Möglichkeit/
Unmöglichkeit), Dasein/Nichtsein und Notwendigkeit/
Zufälligkeit)" (283)
"Was ist Aufklärung für Kant? Sie ist ... 'der Ausgang
des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündig-
keit'. Positiv formuliert, sie ist das Reifestadium
der Menschheit. Unmündigkeit ist für Kant 'das Unver-
mögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines an-
deren zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmün-
digkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel
des Verstandes, sondern der Entschließung und des
Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen
zu bedienen.' Wir sollten den Mut haben, selbst zu
denken. Dies bringt das Motto der Aufklärung zum
Ausdruck:
' Sapere aude! ' oder 'Habe Mut, dich deines
eigenen Verstandes zu bedienen!'" (335).

0.1.3 Aristoteles - 4.Jhd.v.Chr.

aus: H. Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes. München 2013. WISSEN ist - in unserer Sprechweise - immer auch im Rahmen der PRAGMATIK zu sehen.

(93) "Eine weitere Differenzierung des Wissensbegriffs 
besteht darin, dass unter den genannten Bedingungen Men-
schen im Zustande der Unbeherrschtheit den Anschein von
Wissen erwecken können. [Zitat von A.:]
   Dass man Sätze ausspricht, die so klingen wie Sätze, 
   die aus Wissen stammen, ist kein Zeichen dafür, dass
   man Wissen wirklich hat. Denn auch die Menschen, die
   in den genannten Leidenschaften verfangen sind, spre-
   chen wissenschaftliche Deduktionen aus oder rezitieren
   Verse des Empedokles. Und wer eben begonnen hat, etwas
   zu lernen, der reiht die Lehrsätze zwar aneinander, 
   aber er hat noch kein Wissen. Vielmehr muss der Gegen-
   stand erst ganz mit dem Menschen verwachsen und das
   braucht Zeit. Was also ein Mensch im Zustand der Unbe-
   herrschtheit spricht, braucht nicht anders aufgefasst
   zu werden als die Rede eines Schauspielers.

WISSEN - ebenfalls Vorblick in die PRAGMATIK - ist Grundlage des Themas "Gehorchen - Herrschen":

(123) "Eine Polis kann aber nicht so zusammengesetzt
sein, dass sie aus lauter guten Menschen besteht. ...
Wohl aber soll dies bei den Herrschenden so sein, wie 
denn den guten Bürger auszeichnet, dass er in der Lage 
ist, zu herrschen und sich beherrschen zu lassen. Befeh-
len kann nur, wer zu Gehorchen gelernt hat. Der Herr-
schende muss Klugheit (φρονησιϛ) besitzen, beim (nur)
Beherrschten ist 'richtige Meinung' ausreichend."

WISSEN baut sich auf, indem vom Konkreten gedanklich zum Allgemeinen vorangeschritten wird.

(243) "Zu den methodischen Vorüberlegungen gehört eine
von Aristoteles ... getroffene Unterscheidung zwischen
dem 'uns Einsichtigen' (γνωριμιον, von manchen Interpre-
ten mit 'Bekanntem' übersetzt) und Deutlichen und dem
'an sich Bekannten' und 'Deutlichen'. Wir erfassen zuerst
ein konkretes Einzelding inmitten einer Mannigfaltigkeit.
   Natürlicherweise geht der Weg methodisch von dem uns
   Einsichtigeren und Deutlicheren zu dem, was seinem We-
   sen nach das Deutlichere und Einsichtigere ist. Es 
   fällt ja keineswegs das Einsichtige für uns mit dem
   Einsichtigen schlechthin zusammen. Daher muss man auf
   diese Weise von dem seinem Wesen nach noch Undeutliche-
   ren, uns aber Deutlicherem zu dem seinem Wesen nach 
   Deutlicheren und Einsichtigeren voranschreiten. Es ist
   ja das, was für uns zuerst klar und deutlich ist, in
   Wirklichkeit eine ungegliederte Mannigfaltigkeit. Erst
   später werden dann in der anschließenden Analyse die 
   Elemente und Prinzipien fassbar. ...
Aristoteles erläutert dies an dem Verhältnis von Wort und
Sache.
   Die gleiche Sachlage haben wir auch im Verhältnis von 
   Wort und Begriff. Das Wort Kreis bedeutet irgendwie
   etwas Ganzes und zwar in noch ganz unbestimmter Weise,
   während seine Definition eine Unterscheidung bis in 
   die Einzelheiten bringt. Die Kinder reden ja auch al-
   le Männer mit 'Vater' und alle Frauen mit 'Mutter' an.
   Erst später können sie die beiden Eltern in ihrer In-
   dividualität erfassen. ...
Der Weg geht also vom konkreten, noch diffusen Einzelding
(ein Kreis) zum definierten Allgemeinen (der Kreis). Das
Wort als solches sagt noch nichts, erst die Definition 
bringt die Erkenntnis. Es ist der Weg, der vom Diffusen
Einzelnen zum definierten Allgemeinen einerseits und
vom diffusen Allgemeinen zum definierten Einzelnen ande-
rerseits führt, jeweils in unterschiedlicher Richtung 
beschrieben. 
 

0.1.4 Luther

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(222) "Der Protestantismus steht am Anfang der Neuzeit. Er
artikuliert alles, was da beginnt: die Entdeckung des Indivi-
duums, die Entdeckung der Unschuld der Natur im griechischen
Sinne, die Widersprüche, die im Menschen leben, die Notwendig-
keit der Gnade in Christus, - es ist ein ungeheurer Aufbruch,
der sich in Luther artikuliert. Und an all dem vorbei kann man
doch nicht weiter mittelalterlich in die Neuzeit marschieren
und alles mit dem Dogma abschmettern, was als wirkliches Lebens-
angebot dringlich integriert gehört. Es ist tatsächlich eine
Tragödie, dass wir heute zwei verschiedene Konfessionen haben.
Dieser Zustand zerreißt die Menschen zwischen Glauben und Wissen,
zwischen Denken und Fühlen, zwischen Person und Institution,
zwischen Individualität und Mitgliedschaft. Es geht ein Riss
zwischen Bewusstsein und Unbewusstem durch die Seele eines jeden.
Am Ende haben wir einen Protestantismus, der in einer Weise
glaubt, dass man keine Inhalte mehr darin vermutet, und einen
Katholizismus, der alles Mögliche glaubt, ohne dass man Leben
darin vermutet. Man hat am Ende zwei Stiefel, mit denen man
passend zueinander niemals gehen kann."
(234f) "Wenn wir ein wunderbares Bild wollen für das, was
Glauben heißt, könnte man das 14. Kapitel im Matthäus-Evange-
lium als Beispiel nehmen (Mt 14,22-33). Da sehen die Jünger des
Nachts, während Sturm geht, Jesus auf sich zukommen, und sie
fürchten ihn wie ein Gespenst. Dann aber begreifen sie, dass 
das ihnen so Fremde Jesus selber ist; alles geschieht wie in
einem Albtraum, der in den Nächten, mitten in der Angst, die
Rettung vorbereitet. So in dieser Szene. Als Petrus hört, es ist
Jesus, steigt er aus dem Boot und will auf ihn zugehen. Doch dann
begibt es sich, dass er den Sturm hört und den Wellengang sieht,
und er bekommt Angst, und er versinkt. - Diese mythische Bild
bietet eine treffende symbolische Beschreibung für das, was für
unser ganzes irdisches Leben gilt. Sehen wir nur die Welt, die
uns umgibt, wird sie uns aufsaugen, dann ist sie selbst ein
haltloser Abgrund, der uns verschlingt. Denn mit dem Blick nur
in die Welt haben wir hundert Gründe, bei dem, was wir betrach-
ten, die Angst noch weiter sich aufschaukeln zu lassen. Oder
aber es kommt zu dem, was wirklich rettet: Petrus geht weiter zu
auf seinen Herrn, und der ergreift seine Hand und sagt: Was bist
du doch ein wenig Glaubender, griechisch; ein Oligopistos.
Dass wir schauen in die Augen des Mannes, der vom anderen Ufer
her - aus der Transzendenz des Extra nos, müsste man jetzt pro-
testantisch sagen - auf uns zukommt, ist die ganze Rettung. Die
Welt bleibt, was sie ist, die Wogen bewegen sich weiter, der
Wind dröhnt weiter in unseren Ohren, aber es ist die gleiche
Welt, die uns trotz allem hinüberträgt, wenn wir auf Christus
in Vertrauen zugehen."

0.1.5 Epistemologie im Zeitalter der Elektronik

Vgl. [2] - darin die Zitate von den Buchseiten 248-256.271 "Vergessen oder nicht?" - Vgl. S.461ff - "Geheimhaltung / Verdrängen", vgl. 493. 496 Whistleblower - Leaker vgl. 515-527.

0.1.6 Lehrer als Digitalmuffel?

Vgl. [3] - Wer auf dieser Ebene argumentiert, hat nicht verstanden, was "Digitalisierung" im Schulbereich heißen könnte und sollte.

Es ist zwar verständlich, dass man zunächst die technische
Installation von Vernetzung und Hardware vor Augen hat, v.a. die
immensen Kosten dafür. Aber selbst wenn diese Voraussetzungen
gegeben sind, stellt sich erst die eigentlich interessierende
Frage.
- das Bedienenkönnen der Geräte kann nicht als pädagogisches Ziel
  genügen, 
- das Beherzigen einiger ethischer Hinweise zu einigen Webseiten
  auch nicht.

Was aber dann? - Eine Ebene höher, Informatik in der Universität, stellt sich das gleiche Problem. Es wäre ein Armutszeugnis, würde dort nur in die Bedienung einiger Geräte, Benutzung von Programmen eingeführt.

Auf Schulebene müsste - altersangepasst - das Gleiche praktiziert werden wie später in der Informatik: Schülerinnen sollten einüben (und in Programme umsetzen), ein gegebenes Problem so zu formulieren, dass es in kleinen überschaubaren Schritten beschrieben und dann auch programmiert werden kann. Erst sekundär wichtig ist, in welchem Programmsystem dann die Anweisungen für den Rechner formuliert werden sollen.

Primär wichtig ist die analytische Wahrnehmung des gegebenen und zu lösenden Problems. - Mit Verlaub: Fragestellungen aus dem Bereich natürlicher Sprache eignen sich gut dafür.

Beispiel: Bei Texten sind wir alle ja an den Inhalten interessiert.
Will man bezüglich Sprache durch Programmieren ein Problem lösen, merkt
man sehr schnell, dass der Rechner keine Inhalte versteht, sondern 
nur Buchstaben. Vgl. bei uns hier: [4]
D.h. man landet zwingend bei der Zeichentheorie - geht auch schon
auf Schulebene, vgl. [5],
d.h. man muss sich eine völlig neue Strategie überlegen, wie man die
Ausdrücke mit den dazugehörigen Bedeutungen verbinden
kann.

Zweck der so verstandenen Digitalisierung: die angepeilte Rechnerverwendung zwingt dazu, die eigene Wahrnehmung zu schärfen - deswegen die Einordnung dieses Punktes bei der EPISTEMOLOGIE. Geschieht dies nicht, kann später der Rechner nichts Vernünftiges liefern. Sobald in kleinen, übersichtlichen gedanklichen Schritten der Weg zur Problemlösung vorgedacht ist, ist es ein Leichtes, in einer Programmiersprache - sobald man sich deren Konventionen angeeignet hat - die Anweisungen an den Rechner umzusetzen.

Dieses Lernziel ist durch die ganze Schulzeit hindurch didaktisch zu fördern! Das wäre dann eine auch persönlich bereichernde Digitalisierung. Dagegen ist es albern und extrem hilflos, lediglich die technische Infrastruktur zu meinen und die Lehrenden didaktisch und perspektivisch allein zu lassen.


0.2 Geheimdienste

Das gegenwärtige "Register EPISTEMOLOGIE" kristallisiert sich auf Staatsebene aus in Geheimdiensten, also in Institutionen, die "WISSEN-WOLLEN". Und immer wieder wird dieser "WUNSCH-ZU-WISSEN" auch kriminell, mit Gewalt, Intrigen, Bestechung usw. umgesetzt. NSA, BND, Stasi, CIA, MI5 usw. bieten viele Belege dafür. Während die Alternativ-Grammatik aktuell - semantisch - erst einzelne Sätze interessieren, repräsentieren solche Institutionen am Ende der Pragmatik sozusagen die Groß-Form des "Registers EPISTEMOLOGIE". Wobei es in diesen Institutionen nicht nur um das "WISSEN" geht, sondern auch um die anderen Komponenten: das Verschleiern, Täuschen. Vielleicht kann man auch differenzieren, indem es zwar Aufgabe der Geheimdienste ist, Informationen zu besorgen, so dass man cognitiv besser gestellt ist; aber die Bewertung der Informationen, die Auswirkungen auf das Regierungshandeln - könnte man - pragmatisch - mit creditiv wiedergeben - obliegt der politischen Ebene.

In diesem Rahmen gibt es alle Formen von
"WISSEN VERDRÄNGEN/VERLEUGNEN" usw. Vgl. SPIEGEL 29/2015:
"Leugnen, abwiegeln, kleinreden - mit dieser Taktik
versuchen die Berliner Regierung und ihre Sicherheits-
behörden seit über zwei Jahren, die immer drängender
werdende Abhöraffäre aus der Welt zu schaffen. Statt
wie ein souveräner Staat die eigene Regierung zu
schützen und Schaden vom Volk abzuwenden, wie sie in
ihrem Amtseid gelobte, sendet Merkel zahm bis unter-
würfig vor allen ein Signal nach Washington: Alles
halb so schlimm - Hauptsache, die transatlantische
'Freundschaft' wird nicht belastet.
  Bis heute wollen Merkel und ihre Leute keine Kon-
sequenzen ziehen, sie möchten das Thema vorbeiziehen
lassen wie eine lästige Erkältung. Natürlich hat sich
das Kanzleramt pflichtschuldigst erregt, als klar
wurde, wie dreist die Amerikaner mit dem 'Partner'
Deutschland umgehen. Vorige Woche bestellte der heu-
tige Kanzleramtsminister, Peter Altmaier, sogar den
amerikanischen Botschafter ein.
   Das heißt, er bat ihn höflich zum Gespräch. Eine
Einbestellung hätte die Regierung als zu dramatisch
empfunden, und eigentlich sagt das schon alles aus
über die Art und Weise, wie Merkel und ihre Minister
mit der Geheimdienstaffäre umgehen: Sie verhalten
sich wie Richter, die einen notorischen Gesetzes-
brecher immer wieder mit einem milden Tadel davon-
kommen lassen. Wenn es um die USA geht, ist Merkels
Langmut unerschöpflich.
   Routiniert hat ihre Regierung schon mehrfach den
Verdacht zurückgewiesen, die Amerikaner spionierten
auf deutschem Boden. Die Annahme einer solchen nach-
richtendienstlichen Tätigkeit könne 'nicht bestätigt'
werden, formulierte zum Beispiel das Bundesinnenmini-
sterium im August 2013 in einem Antwortentwurf auf
eine Kleine Anfrage der damaligen SPD-Opposition. -
Dabei wusste man es besser."

0.3 Wissenschaft

Der Name zeigt schon, dass ein gesellschaftliches Subsystem auf das "Register EPISTEMOLOGIE" ausgerichtet ist: seine Aufgabe ist es, das Wissen um die unterschiedlichen Aspekte der Lebenswirklichkeit zu vermehren, zu präzisieren. Es geht um die Erarbeitung von neuem Wissen, neuen Deutungen, neuen Erklärungsversuchen. Nur die Verwaltung schon vorliegenden Wissens würde nicht derart hohe Mittel rechtfertigen, die jährlich in Forschungsprojekte fließen. - Das zu findende Neue muss sich in argumentativer Auseinandersetzung mit dem bisherigen Wissen bewähren. Tut es das nicht, fällt die Idee/Vision in sich zusammen. Daher wird von Dissertationen immer auch verlangt, dass sie im Rahmen ihrer Thematik einen eigenen, kreativen, neuen Beitrag leisten. Basis der Wissenschaft ist intellektuelle Verlässlichkeit: Versuche / Experimente müssen transparent beschrieben und wiederholbar sein. Mit unerklärlichen Zufallstreffern kann man keine Wissenschaft betreiben (sie können allenfalls Ansporn für weitere Forschung sein). Und die argumentative Beschäftigung mit dem bisherigen Wissensstand muss seriös und dem Schutz geistigen Eigentums verpflichtet sein: auf Erkenntnisse/Formulierungen anderer ist unter Namens- und Fundortnennung Bezug zu nehmen. - Wer dies nicht einhält, klaut, ist gleichzusetzen mit einem, der sich an der Ladenkasse bedient. - Der Grund für diese Praxis ist ein kommunikationstheoretischer, ein pragmatischer: Es genügt letztlich nicht, einzelne Sätze, Theorien, Erkenntnisse anzuschauen. Es interessiert auch die Person, die für diese Mitteilungen verantwortlich ist. Man muss zurückfragen können.

0.3.1 Wahrnehmung <=> Wahrheit - man täuscht sich oft beim Wahrnehmen

Aus einer Ausstellungsankündigung (SPIEGEL-online, 4.2.14):

Zeigt ein Bild die Wirklichkeit? Oder nur eine Idee
davon? Oder konstruiert es sogar Wirklichkeit? Eine
Museumsausstellung in Leverkusen geht dieser Frage
mit Fotos, Filmen, Gemälden und Installationen von
24 zeitgenössischen Künstlern nach.
Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild, hieß es früher.
Und heute? Ist ein Bild noch automatisch ein Abbild?
Spiegelt es die Wirklichkeit oder kann es eine Kon-
struktion sein? Photoshop kann Traumgesichter und
-figuren zaubern, und hochspezialisierte Computer-
programme erlauben Film- und Videosequenzen mit den
abgefahrensten Special Effects. Die Methoden moderner
Bilderfindung sind atemberaubend, um nicht zu sagen
beängstigend. Bilder können nicht nur beliebig pro-
duziert, sondern auch manipuliert werden - und dann
vor allem selbst manipulieren.
Die aktuelle Ausstellung "Propaganda für die Wirk-
lichkeit" im Museum Morsbroich in Leverkusen widmet
sich dem Thema Wirklichkeit und ihrer Wahrnehmung
mit rund 50 Arbeiten von 24 zeitgenössischen Künst-
lern, indem sie den Spuren der Bilder folgt und
deren Macht analysiert. "Wenn wir uns im Alltag
bewegen, haben wir einen Konsens von Wirklichkeit",
so die Kuratorin der Schau, Stefanie Kreuzer. Aber
sobald man hinterfragt, wie man Wirklichkeit wahr-
nimmt, wie ein anderer sie sieht oder wie Medien
sie vermitteln, "dann stellen sich viele Fragen".
Das ist nicht die Sonne, die untergeht
Im Parcours der Bilder durch die historischen Mu-
seumsräume des alten Barockschlosses werden dabei
die verschiedensten technischen, aber auch wissen-
schaftlichen Bildverfahren thematisiert. Paul
Pfeiffer legt in seiner Videoinstallation Sonnen-
auf- und -untergang kunstvoll übereinander, so
dass die Sonne sich nicht bewegt, sondern nur der
Horizont auf- und niederschwebt. (...)

0.4 Stilistik und Pubertät

Die Umbrüche körperlicher und geistiger Art in der Pubertät schlagen sich oft auch stilistisch nieder. Es dürfte sich häufig lohnen, Texte von SchülerInnen einmal speziell epistemologisch durchzuprüfen, am besten mit den AutorInnen zusammen, nicht als offizielle Korrektur. Signale für 'Unsicherheit des Wissens' werden gehäuft auffallen.

"vielleicht", "wohl", "man könnte sagen, dass", "es ist
anzunehmen, dass", "es dürfte", "sicher", "offenkundig",
"natürlich" [bitte ergänzen!]

Einmal bewusstgemacht, fallen solche Schutzklauseln den SchülerInnen selbst unangenehm auf und sie produzieren das nächste Mal einen direkteren, sachlicheren und mutigeren eigenen Text. "Mutig", weil man zu den eigenen Beobachtungen und Urteilen steht, sie nicht durch Wahrnehmungsfilter abdeckt.

0.5 Wissen und Glauben (kognitiv vs. creditiv)

Mit diesem Gegensatz verschiedener Wahrnehmungs-/Wissensformen kann man sogar eine Satire gestalten - wobei in diesem Fall einfließt, wie schwer sich die Kirche tat, naturwissenschaftliche Einsichten aufzugreifen: [6]

0.5.1 V. E. Frankl / Psychologe

aus Viktor E. Frankl, Der unbewußte Gott. dtv 35058. 1995, 3. Aufl. S.91f:

"... aber was un-wiß-bar ist, braucht nicht
un-glaublich zu sein. Zwar ist es ...  nicht
möglich, rein intellektuell herauszubekommen, ob
alles letztlich sinnlos ist, oder aber ob hinter
allem ein verborgener Sinn steht; aber mag es da
auch noch so wenig eine intellektuelle Antwort
auf diese Frage geben, so ist ihr gegenüber immer
noch eine existentielle Entscheidung möglich. Wo
die Argumente für und gegen einen letzten Sinn
einander die Waage halten, können wir noch immer
das Gewicht unseres eigenen Seins in die Waag-
schale "pro" werfen, und das heißt eben, sich
für die eine der zwei Denkmöglichkeiten entschei-
den. ... 'Der Glaube ist nicht ein Denken, ver-
mindert um die Realität des Gedachten, sondern
ein Denken, vermehrt um die Existentialität des
Denkenden'."

0.5.2 - Stresstest bei S21

Am 21.7.2011 wurde der Stresstest zum Bahnhofsneubau in Stuttgart mit positivem Ergebnis veröffentlicht. Dazu ein Kommentar in SPIEGEL-online (nachfolgend Auszug). Position: Der Stresstest musste "Wissen (=cognitiv)" zur Grundlage nehmen, also Daten verarbeiten, argumentieren. Die Gegner des Projekts können damit aber nicht erreicht werden, da sie auf "Glauben (=creditiv)" bauen: Überzeugung, dass ... Diese ist mit Daten und Argumenten jedoch nicht veränderbar.

"Hat das Stuttgarter Kasperltheater endlich ein Ende?
Der Stresstest zu S21 war von Anfang an ein Witz,
denn der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern
drehte sich um reine Glaubensfragen. Jetzt wird der
Bahnhof also gebaut - und die Protestierer sollten
ab nach Hause. Zur Not mit dem Auto.

Jetzt sind die Stuttgart 21-Gegner also aus dem
Schlichtungsverfahren ausgestiegen. Große Aufregung: 
Sie seien nicht früh genug in die Konzeption des
Stresstests einbezogen worden! Die Bahn AG habe von
Anfang an ein abgekartetes Spiel betrieben! Und der
früher so vertrauenswürdige Schlichter Heiner Geißler
sei nun auch nicht mehr so neutral, wie er mal war!
Ach Gottle." 

Denen, die auf feste Überzeugungen bauen, bleibt somit nur der Weg, mit unbewiesenen Behauptungen, Sympathieentzug, Unterstellungen zu arbeiten, um dennoch bei ihrer bisherigen Position bleiben zu können.

0.5.3 Wissen = Glauben ?

Gäbe es keinen Unterschied, bräuchten wir keine zwei verschiedenen Begriffe. Benedikt xvi, in seiner Jesus-Trilogie, strebt an, beides gleichzusetzen: Wenn Historiker sagen, mit ihrer Vernunft könnten sie aus den neutestamentlichen Texten wenig historisch Gesichertes über das Leben Jesu erheben - die Texte hätten einen ganz anderen Charakter, taugten kaum als historische Quellen -, so macht der Papst das Gegenteil: er will eben doch nachweisen, dass die Texte hohen historischen Wert haben und dreht gar - gut-kirchlich dreist - den Spieß um: wo den Historikern die Beweise/Nachweise (= Wissen) fehlen, sollen sie der kirchlichen Dogmatik/Tradition folgen (= Glauben im kirchlichen Sinn). (NB. Historiker wären dann Büttel der kirchlichen Dogmatik und hätten sich und ihr Fach aufgegeben).

Historisch wird also gleichgesetzt mit vernünftig, gesichert. Erst wenn man das annehmen kann, habe der Glaube auch seine Berechtigung - so meint der Papst. - Mit Verlaub: das ist ein armseliger, letztlich irregeleiteter Ansatz. "Historie" wird überschätzt (wohl deswegen, weil sprachliche Aussagen mit 'Realität' = 'Wahrheit' verwechselt werden), und "Glaube" (als Teil des Registers EPISTEMOLOGIE) wird unterschätzt - und das bei einem Kirchenmann?! Ein Gespür für literarische Gestaltung, die Notwendigkeit einer sorgfältigen sprachlichen Beschreibung fehlt völlig (über die nämlich dem "Glauben" gedient wird - ob nun Historisches enthalten ist oder nicht).

Das sind überholte Grabenkämpfe aus dem Vatikan heraus. An diesem Detail wird sichtbar, dass übliche Theologie und das Projekt der 'Alternativ-Grammatik' auf unterschiedlichen Sternen angesiedelt sind, mit tiefer Kluft dazwischen. - Zwingend ist das nicht. Es ist eine sprachbewusste Theologie problemlos denkbar - nur nicht mit einer hierarchisch übergeordneten Wahrheitsinstanz im Hintergrund.

0.5.4 Glauben => Wissen

Im Mittelalter war man schon weiter. Da hat Anselm von Canterbury (1033-1109) die Formel geprägt: "fides quaerens intellectum" - der 'Glaube sucht die Erkenntnis'. Es entstand ein 'Wissensdurst', damit auch das Bestreben, die Gedanken der griechischen Philosophen kennenzulernen, somit zunächst deren Manuskripte zu beschaffen und zu übersetzen. Naturbeobachtungen, Experimente, Sektionen setzten ein - somit schon weit vor der Renaissance.


"Glauben" in unserem grammatischen Sinn, lat. Terminus "creditiv", darf nicht im Sinn der Umgangssprache verstanden werden als "nicht recht wissen" - etwa: "ich glaube, dass es morgen regnen wird". Sondern es ist eine eigenständige Wissensquelle, -verarbeitung angesprochen, die nicht mit dem Verstand, Bewusstsein = "cognitiv" identisch ist. Beides wirkt im Menschen, beide Stränge arbeiten - oft ohne, dass der Mensch dies bemerkt - zusammen. Das ist auch entlastend: das Heil hängt damit nicht allein von angestrengtem eigenem Nachdenken ab. Intuitive Ahnungen, spielerisches Lösungsfinden, und nicht zuletzt: Verarbeitung in Träumen helfen oft weiter. Eine so gewonnene Erkenntnis ist dann oft mit großer Überzeugung verbunden, der Sicherheit: das ists, wonach ich gesucht habe, was ich brauche! Eine solche Einstellung wird immer schon mit "Glauben" bezeichnet.

Nur lösen wir den Begriff aus der lange geltenden re-
ligiösen Verankerung heraus. Die mythischen Zweit-
und Hinterwelten wollten zweifellos oft die gleiche
doppelte Erkenntnisfähigkeit des Menschen ansprechen.
Aber sie verselbständigten sich, wurden nicht in ih-
rem "übertragenen Sprachgebrauch" erkannt, erstarr-
ten fundamentalistisch. In solchen Verdrehungen durch
Theologen können sie uns heute nichts mehr sagen.
Werden solche alten Texte jedoch sprachbewusst an-
gegangen - vgl. unsere PRAGMATIK [7]
- können sie oft noch  mit großem Interesse und Gewinn
gelesen werden - auch heute noch.
Ein direkterer Zugang ist möglich, wenn man sich einen
qualifizierten Übersichtsartikel zu Forschungen in der
Psychologie anschaut, z.B. in SPIEGEL 2/2015
"Im Reich der Träume". Interessiert - und ohne sich zu
zwingen, sich einer der aktuellen Theorien anschließen
zu müssen, nimmt man aus grammatischer Sicht wahr,
dass dort ganz konkret damit gearbeitet wird: wenn im
Schlaf das Bewusstsein ausgeschaltet ist, arbeitet das
Gehirn weiter, setzt Erinnerungsfetzen neu zusammen
und schafft - bisweilen - neue Sichtweisen, Perspekti-
ven. Dem Träumer wird damit vorgehalten: So ginge
es also auch! Aber es geht nicht nur um Träume. Auch
tagsüber gibt es oft Situationen, in denen das Bewusst-
sein sich erholen muss, der Geist abdriftet, vielleicht
unterstützt durch einen Espresso o.ä. - was aber auch
da nicht heißt, das Gehirn sei untätig. Jedoch bekommt
es sozusagen 'Auslauf' - und schafft bisweilen neue
Ideen.

"cognitiv" meint bei uns also das bewusste, rationale, auch angestrengte Nachdenken; "creditiv" steht für den zweiten Typ von Wissensverarbeitung - unangestrengt, "von selbst", eigenständig, daher oft verblüffend. Ergebnisse auf beiden Schienen können in das nächste Register münden, das der IMAGINATION: neue Pläne drängen sich auf, vgl. [8]

0.5.5 Glauben => Wissen / Beitrag Luthers

aus: SPIEGEL GESCHICHTE 1|2015, 54ff, Interview mit Literaturwissenschaftlerin M. Münkler:

Münkler: "Man darf vermuten, dass die Volkfrömmigkeit
allen möglichen Erscheinungen Bedeutung als Zeichen Gottes
beimaß. Wenn ein Bauer einen Stein auf dem Feld fand, dann
dachte er vermutlich: Den hat der Teufel dahingelegt. Oder:
Damit will der Herr mir etwas zeigen. Die Menschen deuteten
ihre Umwelt im Hinblick auf das, was die außerweltlichen
Mächte ihnen sagen wollten. ...
Wenn Martin Luther sagt, 'Sola Scriptura', also 'nur die
heilige Schrift', dann wehrt er sich nicht nur gegen die
Auslegungsmacht der Kirche, sondern auch dagegen, Gott
überall zu suchen, in jedem Stein und in jedem Baum. Für
ihn gibt es die Offenbarung ausschließlich in der Heiligen
Schrift, sie lässt sich nicht durch Beobachtung der Natur
erfassen. Damit aber befreit er das Wissen vom Glauben - und
den Glauben vom Wissen. Die Erscheinungen der Natur ver-
lieren ihre übernatürlichen Bedeutungen. Erst dann entsteht
eine Vorstellung von dem, was wir heute Realität nennen.
Heute sagen wir, damit begann die Neuzeit."

Heute sagt die Systemtheorie: Make a difference and you create a world. Luthers Konzentrierung auf die 'Offenbarungsquelle' "Bibel" entließ all die anderen Lebensbereiche, die nun mit Vernunft, Logik, Wissen angegangen werden konnten/durften.

0.5.6 Ermutigung, geschenktes Vertrauen - Echnaton

nach dem gleichnamigen Roman von Nagib Machfus. Der in der Wahrheit lebt: Zürich 1999. S.70. - Bildhauer Bek schildert die Begegnung mit dem König, die eine Weichenstellung in seinem Leben auslöste: eine ganzheitlich neue Erfahrung des Lebens.

"Ich verdanke meinem Herrn und Gebieter alles, nicht nur
die Kunst, auch meinen Glauben. Er war es, der meine gei-
stigen Fähigkeiten auf den Glauben an Aton lenkte. Er war
es, der mein Herz für den einzigen und alleinigen Schöpfer
öfnnete, der mich mit Frieden erfüllte, als er die ihm
offenbarten Worte des Glauben und der Liebe sprach."
(71) "Aufmerksam lauschte ich, als er mir sagte: 'Hüte dich
vor den Lehren der Kunst, mit denen die Toten uns Ketten
anlegen wollen. Lass den Stein zum Hort der Wahrheit
werden.' Ein andermal riet er mir: 'Treib keinen Frevel
mit den Dingen, die Gott erschuf. Sei wahrhaft und fromm,
und lass weder Furcht noch Gier noch heuchlerisches Ver-
langen die Oberhand gewinnen. Selbst wenn du mich dar-
stellst, zeig mich mit allen Mängeln im Gesicht und am
Körper, denn nur bei Wahrhaftigkeit kann sich die Schön-
heit deiner Werke offenbaren.'"

0.5.7 Botho Strauss - 'Analysieren' vs. 'Ahnen'

... oder cognitiv vs. creditiv. In seinem Beitrag in DIE ZEIT (30.3.2017, S.41f) verwendet der Schriftsteller diese Begriffe nicht, zielt aber genau auf den damit bezeichneten Unterschied. Auszug:

"Es erweist sich wohl als Illusion, dass dem 'neuen
Menschen', dem Vernetzten, ein entwickelteres Sensorium
entstünde für dicht verwobene Hintergründe, Beziehungen
und Zusammenhänge, die jemandem, der sinnlich gleichsam
auf 'analoger' Stufe zurückblieb, niemals zugänglich
wären. Im Gegenteil: Von gesteigerter Empfänglichkeit,
unruhigem Vorausgefühl in Zeiten des Umbruchs ist wenig
zu spüren. Auch das hohe Erwarten ist aus der Schar
verschwunden. Der menschliche Instinktersatz, das einst
hoch entwickelte Wittern wird von der nüchternen Präzi-
sionspflicht, welche die Technik auferlegt, einerseits
und andererseits von ideologischen Gaukeleien bedrängt
und eingeschränkt. Es ist so gut wie abgestorben. Man
widmet sich mit jeweils kurzsichtigem Eifer den 'zeit-
nahen' Umwälzungen. Zudem findet sich jedermann in
jedem Augenblick seines Lebens in Gesellschaft, übt
sich in unmissverständlicher Verständigung. Nichts
trennt den konsensitiven schärfer vom sensiblen
Menschen als seine geschäftige Ahnungslosigkeit."  

Anmerkung: Die klare Entgegensetzung der beiden Wahrnehmungsmodi ist zur Bewusstseinsschärfung sicher wichtig, trifft auch breitflächig das kommunikative Verhalten in unserer Gesellschaft. Ergänzen könnte/sollte man - letztlich mündend in den Bereich Wissenschaft -, dass es nicht bei der Entgegensetzung bleiben muss, sondern beide Wahrnehmungsformen zum Nutzen aller verkettet werden können. Etwa so:

Es ist nicht erst Kennzeichen unserer vernetzten Gesell-
schaft, dass geistige Trägheit die Menschen prägt: das
Nachplappern von Klischees ist allemal weniger anstrengend
- wird im Strauss-Beitrag auch angesprochen - als neue
neue Wege zu suchen. D.h. vorbereitend für das kreative
Ahnen neuer Zusammenhänge ist es oft nötig, erst - mühsam
und rational methodengeleitet - eine neue Basis für die
neue Wahrnehmung bereitzustellen (wir haben nat. als Bsp.
unsere Freilegung der originalen Josefsgeschichte im Hin-
terkopf, vgl. [9]).
Anders gesagt: ohne veränderte Datenlage - dabei erweist
sich die digital unterstützte Analyse als hilfreich, weil
die 'Dummheit' des Rechners bei mir ein 'Ausbüxen' in ge-
wohnte Klischees unterbindet, mich also diszipliniert -
bleibt einem meist nichts anderes übrig, als sich im
gängigen Fahrwasser zu bewegen. 

Es wäre somit ein Fehler, durch klare Oppositionen (und dem impliziten Angebot, sich natürlich auf der 'richtigen' Seite zu positionieren) beim Kampf gegen Klischees nur ein weiteres Klischee zu bedienen.

0.5.8 'Wunsch nach Sicherheit' - in Philosophie bzw. Religion

Vgl. [10]

0.6 "VERDRÄNGEN"

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 131:

"Herr Quangel, nicht wahr?", fragt er. "Herr Otto
Quangel aus der Jablonskistraße, nicht wahr?" Quan-
gel knurrt ein abwartendes "Nu?", ein Laut, der bei-
des, Zustimmung wie Ablehnung, bedeuten kann.
Der junge Mann nimmt ihn für Zustimmung. "Ich soll
sie von der Trudel Baumann bitten", sagt er, "dass
Sie sie ganz vergessen. Ihre Frau möchte die Trudel
auch nicht mehr besuchen. Es ist nicht nötig, Herr
Quangel, dass ..."
"Bestellen Sie!, sagt Otto Quangel, "dass ich keine
Trudel Baumann kenne und nicht angequatscht zu werden
wünsche ..."

VERGESSEN ist ein Prozess, keine willensbestimmte Handlung. Wozu hier aufgerufen wird - VERDRÄNGEN -, ist auf geistiger Ebene gewalttätig. Aber auch das kann von Erfolg gekrönt sein, denn Quangel reagiert ja so, als ob die verlangte Verdrängung bereits vollzogen sei.

0.6.1 "Verdrängen, Ablenken" im politischen Geschäft

Pragmatisch dann ist zu beachten, ob bei einer Katastrophe Verschwörungstheorien aufkommen. Auf Verschiedenes ist zu achten:

  1. Allein schon der Plural ist ein Indiz: Bei der Suche nach Urhebern/Verantwortlichen/Schuldigen werden mehrere in Betracht gezogen. Demnach weiß der Sprecher nicht recht Bescheid.
  2. Und selbst wenn eine verantwortliche Stelle benannt wird, ist immer noch darauf zu achten, ob die Verschwörung lediglich behauptet oder auch plausibel nachgewiesen wird. Wenn letzteres ausfällt, handelt es sich doch nur um ein dreist-reflexhaftes Ablenkungsmanöver, ein implizites Schuldeingeständnis.
  3. Nebenbei: Sind die zum Ausdruck gebrachten Reaktionen zum Ausmaß der Katastrophe glaubwürdig? Werden ausreichend Angebote zur Bewältigung der Folgen gemacht?

Vgl.[11]

0.6.2 "Verdrängen" in der Medizin

Als Blick in die Pragmatik hinein: [12]

0.6.3 Auschwitz - Wahrnehmen oder Verdrängen

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 in seiner Rede zum 40-jährigen Ende des 2. Weltkriegs. G.Sporl ind DER SPIEGEL CHRONIK 2015 S.31:

"Dann jedoch wurde der Redner Weizsäcker streng und
zog eine Grenze zwischen Schuld und Unschuld.: 'Wer
seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren
wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deporta-
tionszüge rollten. Die Fantasie der Menschen möchte
für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen.
Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst
der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation,
die wir jung und an der Planung und Ausführung der
Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu
nehmen, was geschah.'
   Diese Passagen über die interessengeleitete Nicht-
wahrnehmung als schuldhaftes Versagen sind wie in
Stein gemeißelt. Hier wird niemand mehr freige-
sprochen, am allerwenigsten die Väter-Generation,
die an den Schalthebeln gesessen hatte und sich
darauf hinausreden wollte, was Auschwitz gewesen
sei, habe man nicht ahnen können."

0.6.4 Verdrängen nach Eugen Roth

Ein Mensch der spürt,
wenn auch verschwommen,
er müsste sich genau genommen,
im Grunde seines Herzens schämen,
zieht vor, es nicht genau zu nehmen.

0.6.5 Verdrängen als Folge von Kriegszerstörungen

Vgl. [13] S. 214f.273.275f. Vgl. 62f: Glaube, Vertrauen durch Krieg zerstört.

0.7 "anscheinend" <=> "scheinbar"

Vor allem wenn Dialekt- und Hochsprache sich mischen, kann es zu Verwechslungen kommen.

"anscheinend ist die kommende Bundestagswahl
schon entschieden. Die Umfragewerte im Vorfeld
weisen ziemlich konstant in die gleiche Richtung."
- Damit soll ein beachtliches Maß an Gewissheit,
Sicherheit des Wissens ausgesagt werden, mit nur noch
einem Rest Unsicherheit, der es vielleicht zulässt,
dass es wider Erwarten eben doch anders kommt. Aber
beachten: Indem sprachlich fassbar die Modalität
ausformuliert wird, wird allein dadurch schon wieder
ein Element der "Unsicherheit" in die Aussage eingeführt.   

Diese Bedeutungsnuance gehört zum Register EPISTEMOLOGIE: noch nicht ganz sicheres Wissen.

"Scheinbar hat der Illusionist die junge Frau
schweben lassen. Wie er das hingekriegt hat, weiß ich
zwar nicht. Aber auf jeden Fall ist ein Trick dahin-
ter." - Darin die Überzeugung, dass der Wahrnehmungs-
inhalt auf einer Täuschung beruht, also nicht stimmt.

Diese Bedeutungsnuance bei der schwebenden Frau gehört zum Register IMAGINATION: Ein Sachverhalt wird - kontrafaktisch - inszeniert, vorgegaukelt. Zur Wahrnehmung würde gehören, dass das Wahrgenommene auch überprüfbar existiert.

0.8 "WISSEN" - "NICHT-WISSEN" - "WAHRNEHMEN" - "VERDRÄNGEN"

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 160:

Auf der Treppe blieb der junge Persicke plötzlich
stehen. "Ist Ihnen nicht was aufgefallen, Herr Kommis-
sar?", fragte er flüsternd.
   "Mir ist Verschiedenes aufgefallen", erwiderte Kom-
missar Rusch. "Aber was ist denn dir zum Bleistift auf-
gefallen, mein Junge?"
   "Fällt Ihnen nicht auf, wie still das Vorderhaus
ist? Haben Sie nicht darauf geachtet, dass im Vorder-
haus kein Kopf zum Fenster hinausgesehen hat, und im
Hinterhaus haben sie doch überall geguckt! Das ist
doch verdächtig. Die müssen doch was gemerkt haben,
die hier im Vorderhaus. Die wollen nur nicht gemerkt
haben. Sie müssten jetzt eigentlich gleich Haussu-
chungen bei denen machen, Herr Kommissar!"

0.8.1 "WISSEN" und seine Grenzen

Alle Modalregister werden hier, in der Semantik, eingeführt und - zunächst - auf die Wortbedeutung bezogen. Aber sie werden auf allen weiteren Stufen der Bedeutungsbeschreibung reaktiviert, bis weit in die Pragmatik hinein.

Sollte jemand all diesem 'Sprachgedöns' entfliehen und das Fach wechseln wollen - um endlich sicheren Boden unter den Füßen zu haben, so sollte der-/diejenige lesen: [14] - eine humorvolle, aber fachkompetente Erinnerung daran, dass auch die moderne Physik ganz auf die epistemologischen Fähigkeiten des einzelnen Menschen zurückverwiesen ist. Auch in der Physik ists demnach nichts mit der "Objektivität".

"AHNEN" ist auch eine Art von "WISSEN" - oft viel zutreffender als eine penibel-transparente Herleitung von Ergebnissen in transparenten, logisch konstruierten Einzelschritten. Hier dann oft der Übergang in andere Sprechweisen: (tiefen-)psychologisch oder religiös, vgl. [15].

0.8.2 Alles eine Frage der Perspektive

Interview mit dem Philosophie-Prof. Markus Gabriel, SPIEGEL 27/2013 (Auszug)

SPIEGEL: Wir bleiben notwendigerweise in frag-
mentarischen Betrachtungen gefangen?
Gabriel: Wir schauen immer auf die Wirklichkeit von
einem bestimmten Punkt aus. Der Beobachter bleibt in
einer Perspektive verortet. Den 'Blick von nirgendwo',
wie der amerikanische Philosoph Thomas Nagel es genannt
hat, können wir nicht erreichen. Deshalb zerbröselt
das sogenannte wissenschaftliche Weltbild zwischen
unseren Fingern.
SPIEGEL: Das klingt ziemlich verwirrend.
Gabriel: Wir sehen immer nur Ausschnitte von
etwas, das unendlich ist. Ein Überblick über das
Ganze ist unmöglich, weil das Ganze nicht einmal exi-
stiert. Wir bewegen uns in einer unendlichen Vielfalt
von Feldern der Erkenntnis, von 'Sinnfeldern', wie ich
es nenne, die alle voneinander unterschieden sind.
SPIEGEL: Die "Welt" wäre demnach nur eine Rede-
wendung, die wir der Einfachheit halber benutzen?
Gabriel: Die Welt ist der Bereich aller Bereiche,
so hat Heidegger es ausgedrückt. Die Welt, in der wir
leben, zeigt sich uns als ein unendlicher, stetiger
Übergang von Sinnfeld zu Sinnfeld, eine endlose Ver-
schmelzung und Verschachtelung, in der wir niemals
ankommen, und ganz sicher nicht bei einem endgültigen
Sinnfeld, das alles umfasst. Das Streben nach
der absoluten Idee, dem universellen Prinzip, sollten
wir uns abgewöhnen.
...
SPIEGEL: Woher kommt dieser metaphysische Trieb
des Menschen, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu
stellen? Ist es das, was wir ziemlich nebulös als
Seele bezeichnen?
Gabriel: Umgangssprachlich ist das gar nicht so
falsch. Man könnte sagen, dass die Seele oder das,
was früher gern so genannt wurde, unser Organ der
Kontaktaufnahme mit Sinn ist. Seelen wären demnach
Verwalter des Sinns, sie sind in den Sinn hinein-
gehalten wie Antennen.
SPIEGEL: Die Fähigkeit des Menschen, über sich
selbst nachzudenken, ein Bewusstsein seiner selbst
zu entwickeln, kann die Wissenschaft nicht mehr er-
klären?
Gabriel: Das ist die absolute Grenze. Die Frage
nach dem Ursprung des Geistes ist irritierend. Viel-
leicht werden wir nie herausfinden, wo und wie diese
Geburt stattgefunden hat. Sicher ist: Unsere Erkennt-
nis der Wirklichkeit ist geistig, auch die Naturwis-
senschaften haben den Geist sozusagen immer schon
im Rücken, sonst würden sie gar nichts erkennen. Denk-
prozesse mögen sich zwar als Gehirnaktivitäten beob-
achten und beschreiben lassen, aber das erklärt den
Denkgehalt, den Gedanken als solchen, nicht.

0.8.3 "verrückt"

Betrachten mehrere ein Ding, einen Sachverhalt, so müssten sie in der Lage sein, ihre Wahrnehmungen mitzuteilen, auszutauschen, Übereinstimmungen zu erkennen, aber auch Differenzen - und dann den Gründen nachzugehen, warum es zu den Differenzen kam. Vielleicht lassen sie sich ja ausräumen.

Bleibt es jedoch bei vollkommen verschiedenen Einschätzungen, liegt womöglich nicht mehr kommunizierbare Wahrnehmung vor, sondern ein krankhafter Befund. Psychologen reden dann z.B. von "Schizophrenie". Dann nimmt jemand nicht einfach wahr - wie andere auch -, sondern er hört 'Stimmen', die andere eben nicht hören, folgt weiteren privaten 'Eingebungen'. Da wird einfacher Austausch schwierig bis unmöglich.

Was die griechische Regierung Anfang 2015 zum Thema "Finanzen" bot, erinnerte den Journalisten an dieses Krankheitsbild: [16]

0.8.4 Meinungsbildung bei / Beurteilung durch Psychologen

S. Lenz, Deutschstunde. München 1973, 45. Aufl. S. 17:

Erstaunt, vielleicht sogar verständnisvoll hörte der
Direktor mir zu, während die Diplompsychologen flüster-
ten, noch näher traten und sich dabei anstießen und
erregt zuraunten 'Wartenburgischer Wahrnehmungsdefekt'
oder Winkeltäuschung oder sogar, was ich besonders wi-
derlich fand, 'Kognitive Hemmung'; da war ich schon
bedient und so weiter, jedenfalls weigerte ich mich
in Anwesenheit dieser Leute, die mich unbedingt durch-
schauen wollten, noch mehr Erklärungen abzugeben: die
Zeit auf dieser Insel hat mich genug gelehrt.

0.8.5 "Sehen"

S. Lenz, Deutschstunde. München 1973, 45. Aufl. S. 410:

Sehen heißt auch: einander entgegenkommen, einen Ab-
stand verringern. Oder? Balthasar meint, das alles
ist zu wenig. Er besteht darauf, dass Sehen auch Bloß-
stellen ist. Etwas wird so aufgedeckt, dass keiner in
der Welt sich ahnungslos geben kann. Ich weiß nicht,
ich habe etwas gegen das Enthüllungsspiel. Man kann
der Zwiebel alle Häute abziehen, und dann bleibt
nichts. Ich werde dir sagen: man beginnt zu sehen,
wenn man aufhört, den Betrachter zu spielen, und sich
das, was man braucht, erfindet: diesen Baum, diese
Welle, diesen Strang. ...
Und auch das kann Sehen sein: Meisterung, Inbesitz-
nahme.  


0.8.6 WAHRNEHMEN - lernen, weiterentwickeln

(aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016.)

"Ein weiteres Beispiel soll demonstrieren, wie Wahrneh-
mung gelernt werden muss und dass erst die geigneten
Konzepte eine angepasste Wahrnehmung erlauben. Wenn wir
nach Afrika oder Asien kommen, erscheinen uns zunächst
alle Afrikaner gleich. Erst nach einiger Zeit beginnen
wir - wie von selbst - individuelle Unterschiede zu er-
kennen. Den Asiaten und Afrikanern geht es mit den Weißen
natürlich genauso, wenn sie erstmals nach Europa kommen.
Wie kommt das?
   Die typischen Gesichtsmerkmale von Afrikanern werden
bei unserer Einstufung immer Extremwerte erhalten, zum
Beispiel extrem braun, extrem breite Lippen, extremes
Krausshaar. Sie liegen absolut am oberen Ende dessen, was
man in Europa gewöhnt ist. Man muss nun erst lernen, im
Extrembereich neue Differenzierungsmöglichkeiten zu fin-
den, sozusagen die Messskala weiter aufzufächern. Ver-
mutlich ist auch auf andere Merkmale zu achten. Es kommt
uns manchmal erstaunlich vor, wenn Tierpfleger oder Ver-
haltensforscher Tierindividuen erkennen können, für uns
aber ein Tier wie das andere aussieht. Hier ist es oft
eine Frage des richtigen Merkmals, wie etwa die Schwarz-
Weiß-Zeichnung des Fells, um die Unterscheidungen leicht
treffen zu können.  Erst wenn wir dann die richtigen
'Feineinstellungen' haben, gelingt die Wahrnehmungsauf-
gabe.
   Die Veränderung der Wahrnehmung in der Zeit führt dazu,
dass sich auch Schönheitsurteile historisch ändern, was
in der Kunst zum Ausdruck kommt. Der Umgang mit Kunstge-
genständen wird wiederum eine Veränderung der Schönheits-
beurteilung bewirken." (47f)

Wenn gestalterisch das Wahrnehmen erleichtert wurde, wird dies dankbar aufgenommen als Erweiterung bisherigen Wahrnehmens, Tendenz somit zur positiven Bewertung, vgl. [17].

"Schon im Laufe der bisherigen Darstellung kam die Leich-
tigkeit der Wahrnehmung als Ursache der Schönheitsempfin-
dung in den Blick. Die Reizvariablen 'Symmetrie, Balance,
Goldener Schnitt, Superzeichen, die Entsprechungen ver-
schiedener Betrachtungsebenen und die Wiederholung', die
bisher erwähnt wurden, reihen sich zwanglos in die These
ein, es sei die Vereinfachung der Wahrnehmung, die zur
Empfindung schön führt. (...) Wenn aber eine Ordnung ge-
geben ist, gibt es dadurch eine Wahrnehmungserweiterung,
ein Mehr an Analyse. Was könnte lustvoller sein, als
eigene Wahrnehmungskapazitäten wachsen zu fühlen?" (153f)

0.8.7 - "Ich glaube, was ich sehe" - ?

(Buch von Schuster wie im vorigen Punkt, S.26f)

"Wirklichkeitssuggestion. Die Menschen glauben, was sie
sehen. Der ungläubige Thomas möchte denn(!) auferstandenen
Christus sehen. Worte können lügen, aber was man gesehen hat,
das überzeugt. Insofern erschafft das Bild eine neue Wirk-
lichkeit, zum Beispiel die Wirklichkeit von Himmel und Hölle.
Man kann sich dann 'ein Bild davon machen'. ...
  Allzu gern verwechseln wir das Bild mit der abgebildeten
Sache. Im Mittelalter konnte man 'in effigie' das Bild be-
strafen, wenn man des Abgebildeten nicht habhaft werden konnte.
Wir tragen das Bild der geliebten Person in der Brieftasche,
und so kann es uns ein wenig beschützen wie diese Person
selbst. Das Bild des mächtigen Diktators darf nicht beschädigt
werden ... Diese unsere Neigung, das Bild mit der Sache zu
verwechseln ist erheblich. Ist es die Ähnlichkeit, die diese
Neigung unterstützt? Was macht aber Ähnlichkeit aus? Das
Wachsbild hat eine hautartige Oberfläche, es ist in einem
Aspekt besonders ähnlich. Die Marmor- oder die Bronzestatue
glänzt wie die menschliche Haut, steht aber isoliert im
Raum. Das Bild - nicht so leicht die Skulptur - kann einen
Sachverhalt in eine Szene einbetten und dadurch die größte
Wirklichkeitssuggestion erreichen."

0.9 Wahrheit = Lüge ?

[18] - ein Lehrer zeigt, dass man sich angesichts sprachlicher Darlegungen/Beteuerungen gewaltig täuschen kann (wenn andere eindeutige Beweise fehlen). Auch Beteuerungen wie Schwüre sind zunächst nur Worte, emphatische Unterstreichungen, vgl. [19]. Trotz Strafandrohung (für Meineid) können die Fakten verdreht sein. Der einzelne Lehrer setzte wohl zu sehr auf seine Funktion als Vertrauenslehrer, wogegen seine Kollegenschaft sich eine kritischere Betrachtung zugestehen konnte - und letztlich richtig lag.

Zunächst sehen sprachlich <<WAHRHEIT>> und <<LÜGE>> (nahezu) gleich aus. Oft sind es Begleitinformationen, die weiterhelfen:

  • körpersprachliche Indizien, vgl. [20]
  • pragmatisch: die Rekonstruktion all der Einzelfakten zu einem stimmigen Ganzen. Passt alles plausibel zueinander - oder bleiben unerklärte Reste? [21] und [22]

0.9.1 "Faktum" <=> "post-faktisch"

Unter "Faktum" versteht man umgangssprachlich einen Sachverhalt, der sicher ist, unumstößlich, von dem man fortan auszugehen hat bzw. der seit langem schon - fraglos - als selbstverständlich gilt - 'Wasser ist nun mal nass '.

Man beachte in diesem Satz schon das "sicher" - das
verweist auf Überzeugung, also eine innere
Einstellung, nicht auf ein Ding, das außerhalb von
mir existiert. Die Betonung von "unumstößlich" räumt
ein, dass Zweifel vorgebracht werden könnten.
"selbstverständlich" bringt Mitteilungs-, Verste-
hensprozesse ins Spiel, also Kommunikation.
Folglich enthält der Definitionsversuch bereits
mehrere Verankerungen im Modal-Register EPISTEMOLOGIE.
Anders gesagt:
"Faktum" ist ein Thema von Wissen/Wahrnehmung/Über-
zeugung/Zustimmung von möglichst vielen Menschen,
ist somit auch Resultat von Kommunikationen über
dieses Thema. Man darf folglich nicht die betei-
ligten Menschen ausschalten, übergehen, und
meinen, es genüge, auf irgendein 'objektives' Ding
zu verweisen. Jedes 'Ding' ist zunächst ein
Wahrgenommenes!!

Wenn es nicht um Dinge geht, sondern um komplexere Zusammenhänge, die dann auch als Abstraktum formuliert sind, vgl. [23], fällt das bloße Verweisen ohnehin flach: Gibt es den Klimawandel? Ist er ein "Faktum"?

Man schaue an, wie sich der US-Präsident (ab 2017)
zu dem Thema verhält. 
[24]
Uns interessiert an dem Artikel, wo und wie von
Formen der Wahrnehmung die Rede ist, der profes-
sionellen voran (Wissenschaftler), der methodisch
sauberen Datensammlung, die dann ausgewertet werden
kann.
Also reden wir von einer Kollision, bei der
ein Wirtschaftsmann das Thema gerne vom Tisch hätte,
von wissenschaftlicher Seite her jedoch auf dem
"Klimawandel" zu bestehen ist. Der Streit um das
"Faktum" ist somit ein Streit um Wahrnehmung/Meinung
/argumentfreie Verdrängung von Einsichten/Unterstel-
lungen. Das wird in dem Beitrag gut sichtbar. 

Bei dem Ende 2016 verstärkt in Gebrauch gekommenen Begriff der "postfaktischen Politik", vgl. [25] und [26], ist folglich achtzugeben: Es ist eine Politik, bei der "Fakten" nicht mehr zählen, sondern isolierte Meinungen + Gefühle, die möglichst der eigenen Anhängerschaft gut gefallen.

Man sollte präzisieren: Meinungen werden vorgetragen, die allgemein zugängliche und seriöse Wissensquellen - also z.B. breite wissenschaftliche Untersuchungen - dreist verdrängen, nicht zur Geltung kommen lassen. Mit solch einer Einstellung koppelt man sich ab von dem, was aktuell Wissenskonsens ist. Eigene Interessen (für die eigene Klientel) dominieren über das, was für die Gesellschaft insgesamt gerade über-lebensnotwendig ist. = Wer mit dieser Einstellung die Führung einer Weltmacht erringt, betätigt sich als ökologischer Bombenbauer. Stattdessen wäre seine Aufgabe, sich und seine Klientel kundig zu machen über die Faktenlage - sie gälte es politisch zu beeinflussen, zugunsten eines langfristig erträglichen Weltklimas.


1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Lateinische Begriffe

In Grammatiken braucht man Hilfsbegriffe. Üblicherweise werden diese in Latein formuliert, damit man dadurch schon merkt: ich habe es mit einem Hilfsbegriff zu tun, nicht mit der Sprache, die aktuell beschrieben werden soll. Da die Alternativ-Grammatik mehr semantische Nuancen erfassen will, benötigt sie neue, d.h. neu-konstruierte Begriffe. Sie werden hier zugleich mit deutschen Beispielen vorgestellt.

Formen des Wissens und dessen Aufnahme/Weitergabe

STATISCH

Wissen

  1. cognitiv: sicheres, vernünftiges Wissen --> Ganz bestimmt werden wir in den Urlaub fahren.
  2. creditiv: sicher, i.S.v. ganzheitlich überzeugt sein, ohne zuvor argumentative Anstrengungen anzustellen --> Natürlich können wir gleich losfahren.

nicht Wissen

  1. dubitativ: zweifelnd, nicht so richtig wissend --> Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Satz richtig ist. [da auf zwei Sätze verteilt, vorgreifendes Beispiel aus der Pragmatik]
  2. ignorativ: überhaupt nicht wissen --> Machen wir heute noch die Aufgaben? - Fragesatz. - Keine Ahnung, wie das mit der Epistemologie gehen soll. [wieder Pragmatik]

DYNAMISCH

perceptiv

... meint, dass auf irgendeinem Weg Information/Wissen aufgenommen/wahrgenommen wird.

  1. fientisch: mehr und mehr unbewusstes Handeln --> Er war / fuhr besinnungslos. [Kritische Anmerkung: Ausgesagt ist eher die Negation jeglicher Wahrnehmung. Besser:] --> Sie erkannte mehr und mehr / wie von selbst / zwangsläufig.
  2. initiativ: Absichtliche, gezielte Wahrnehmung --> Sie forschte gezielt / angestrengt / unermüdlich.
  3. dictiv: Expression von Gedanken/Gefühlen (in irgendeinem Medium/Zeichensystem) --> Es geschah folgendermaßen. Obwohl lat. "dicere" = "sagen" im Hintergrund steht, ist nicht lediglich das verbale Handeln gemeint. Auch wer ein Bild malt, verstehbare Gesten produziert, sich rasant kleidet, "drückt damit etwas aus". Inneres soll außen erkennbar gemacht werden.
  4. konzessiv: entgegen dem Wissen, dass . . ., wird gehandelt --> Ich bin arbeiten gewesen, obwohl ich hätte studieren müssen. - Es ist immer von einem gegenteiligen Wissen die Rede, dem das aktuelle Handeln aber nicht folgt.

neglectiv

... meint, dass Wissen abhanden kommt, verloren geht. Auch das geht auf zwei Wegen:

  1. fientisch: Wissensverlust als unkontrollierter Prozess. Damit sind nicht nur Krankheitsformen (Demenz u.ä.) gemeint, sondern auch ganz alltägliches VERGESSEN. "Er verlor die Erinnerung daran." (Vorgriff auf die Pragmatik).
  2. initiativ: Spannend ist diese Form, die man als VERDRÄNGEN kennt, Wissen wird absichtlich weggeschoben. "Er wollte vom xyz nichts mehr wissen." pragmatisch müsste man eine solche Äusserung als VERDRÄNGUNG einordnen.

Beispiele

  1. ich bin nicht darauf gekommen.
  2. Ich habe es nicht gemerkt.
  3. ich kann mich nicht mehr erinnern.

[Kritische Anmerkung: Bsp.1 drückt das Nicht-Wissen durch übertragenen Sprachgebrauch aus, gehört also an den Anfang der Pragmatik. Bsp. 2+3: das konjugierte Verb hat die Bedeutung "Wissen" und wird negiert. Auch das sind Fälle für den Anfang der Pragmatik, wo Verbbedeutungen kritisch überprüft werden. Wir bräuchten jetzt Beispiele, wo zusätzlich zur Verbbedeutung ein Signal gegeben wird - wie oben kursiv angezeigt.]

1.2 Unsicheres Wissen

oder dubitativ - vgl. Ziff. 1.1 oder unten in Ziff. 4. - Vgl. den Beispielsatz:

Peter wird die Prüfung bestimmt bestanden haben.

Traditionell gefragt: warum steht Futur II? Vermutlich bezieht sich der Satz auf ein vergangenes Ereignis. "Futur" ist also vollkommen fehl am Platz. Dennoch spricht man so. Lässt sich das rechtfertigen?

Semantisch tiefer gebohrt, kommt etwa Folgendes zusammen:

- Zukunftsaussagen - gleichgültig wie morphologisch aus-
  gedrückt - sind immer damit behaftet,
  unsicheres Wissen zu repräsentieren.
- daher ist diese Aussageweise geeignet, eben primär
  unsicheres Wissen zu artikulieren, auch bei einem
  Sachverhalt, der gar nicht in der Zukunft liegt,
  sondern in der Vergangenheit
- im Bsp. realisiert "bestimmt" zusätzlich die ASPEKTE: [27],
  d.h. es wird Emphase, Beteuerung eingebracht
- Futur II tut so, als könne man auf einen Sachverhalt
  bereits zurückblicken (auch wenn der erst in der
  Zukunft stattfinden wird). Durch beides, durch
  Nachdruck und simulierten Rückblick wird die
  Gewissheit unterstrichen, dass die Aussage zutrifft.

Der Beispielsatz liefert somit den modalen Widerstreit zwischen "Unsicherheit des Wissens" und gleichzeitig der "Beteuerung der Richtigkeit" der Aussage. Und genau durch diese aufgewühlte Modalstruktur wird die "Unsicherheit" nochmals bekräftigt.

---

E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005. 2. Aufl.

(128) "Es gibt treffendere Worte als 'scheinbar' oder
'anscheinend', wenn wir unseren Zweifel oder unsere
Überzeugung ausdrücken wollen, Man kann sagen 'Er ist
angeblich verreist.' Oder im anderen Fall: 'Er ist
offenkundig verreist.' Es gibt noch weit mehr Wege,
unser Misstrauen auszudrücken, und alle sind eindeu-
tiger, weil leichter zu verstehen, als das Wörtchen
'scheinbar', das wir verwenden sollen. Man kann sagen:
'Er behauptet ...', 'man hört ...', 'es wird vermutet,
er sei verreist'. Oder: 'Er soll verreist sein'. " 


1.3 Wissen - geschenkt, nicht 'selbst erzeugt'

Dafür stand das Begriffspaar perceptiv - fientisch = neue(s) Erkenntnis/Wissen, das aber 'aufsteigt', von mir nicht schlüssig und gezielt hergeleitet ist (= wäre initiativ). Diesen Typ "Wissenserwerb" gibt es - glücklicherweise - auch. Er entspringt nicht der Logik des Gehirns, sondern tieferen Seelenschichten: als Ahnung, Eingebung, Inspiration - oder wie man das benennen will. Das muss aber nicht heißen, dass man nur die Hände in den Schoß legen und warten solle ... Aus einem Interview mit dem Filmkomponisten Ennio Morricone (SWP 22.11.2014)):

Welche Rolle spielt die Inspiration?
MORRICONE: Sehr, sehr wenig! Hingegen ist es sehr,
sehr viel Arbeit!
Wenig Inspiration? Wie sind dann all die originellen
Ideen entstanden, etwa der Kojotenruf als Thema in
"Zwei glorreiche Halunken"?
MORRICONE: Die Frage ist. Woher kommt denn die Musik?
Ich denke, es kommt aus all dem, was ich gelernt und
studiert habe. Aus meiner Erfahrung und meiner musi-
kalischen Kultur. Es kommt aus der Liebe für die
Musik der Vergangenheit. Ja. Inspiration kommt aus
dem Leben. Alles häuft sich an und vermischt sich
mit dem Leben - umso mehr, je älter man ist. Außerdem
sind da die Notwendigkeiten des Films, und zuweilen
hat ja auch der Regisseur Einfälle. Manchmal muss
ich gegen diese ankämpfen, manchmal akzeptiere ich sie.

1.4 Handke: Vergleich = "wissend"

vgl. P. Handke, Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Frankfurt 1979. Hier 30. Aufl. 2012. S.53ff wird sehr ausführlich das, was ein "Substantiv" - vgl. [28] oder eine Attributverbindung ist - dann also bei uns zu [29] (und entsprechender Unterpunkt) gehört - neu verwendet als "Modalität". Im Informationsgehalt wirkt das dann nichtssagend. Aber die grammatische Kategorie hat gewechselt - darauf wird der Blick gelenkt. "wie" schließt "sicheres Wissen" ein. Wenn sogar die Worte gleich sind, so ist die Sicherheit des Wissens unüberbietbar... Häufig wird der Blick auch auf sprachliche Floskeln und Stereotypen gelenkt, vgl. [30].

Vier Sprecher (a,b,c,d) tragen vor:

a
Die Fliegen sterben wie die Fliegen
b
Die läufigen Hunde werden schnüffeln wie läufige Hunde.
c
Das Schwein am Spieß wird schreien wie am Spieß.
d
Der Stier wird brüllen wie ein Stier.
a
Die Statuen werden stehen wie Statuen.
b
Die Hühner werden laufen wie die Hühner.
c
Der Verrückte wird rennen wie ein Verrückter.
d
Der Besessene wird heulen wie ein Besessener.
a
Der räudige Köter wird streunen wie ein räudiger Köter.
(...)

2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Beispiele

  1. je crois me souvenir de toi.
  2. oublie-moi un peu, veux-tu?
  3. Elle a oublié son colis dans le train.


2.2 "konzessiv"

konzessiv heißt bei uns: Im Gegensatz zu dem Wissen, dass x, machte er y. - Eine Opposition zwischen zwei Sachverhalten ist also eingeschlossen. Aber umgekehrt gibt es noch weitere Oppositionen, die nichts mit konzessiv zu tun haben. Nur ein Teil davon ist "konzessiv". Beispiele (aus "Grammaire de base" - alpha.b):

Mon mari aime la natation alors que je préfère
la course.

Der eine liebt das, die andere jenes - kein Fall für konzessiv.

Bien qu' il soit gentil, on le déteste.

Obwohl man ihn für ganz nett hält, verachtet man ihn. Das ist zwar ein psychologisches Paradox. Sprachlich ist es ein Fall für konzessiv. Das gegenläufige Wissen X ist vorhanden, dennoch macht man aus unerfindlichen Gründen Y.

Die Wissensaussage muss sich auf den gleichen Akteur beziehen, der dann was Gegensätzliches macht. Verschiedene Akteure können gegensätzlich zueinander handeln, aber nicht im konzessiven Sinn.

Certaines personnes rient souvent, A l'opposé d'autres pleurent 
- kein Fall für konzessiv
Mon frère aime le tennis, moi, je préfère le vélo  
-  durch eigene Themasetzung 
- moi - wird auf ein weiteres Subjekt umgeschaltet. 
Daher nicht: konzessiv. 
Vgl. [4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt]

Positive Beispiele, gebildet mit einer Präposition:

Malgré / en dépit de  son courage, il a échoué.
Contrairement à d'habitude, le professeur a
commencé le cours par une chanson!

Dagegen sind nur "adversativ":

Elle a acheté un pull au lieu d'  une robe 
- ... hat gekauft X, aber nicht Y
Au lieu de faire ses exercices, il s'amuse -

Das waren doch mehrere "Aussetzer" zum Thema konzessiv bei den Grammatikern.

3. Einzelsprache: Arabisch

3.1 Beispiele

  1. أنا لم ألاحض (Ich habe es nicht gemerkt).
  2. لا أستطيع ان أتذكر (ich kann mich nicht mehr erinnern).

[Kritische Anmerkung: wie unter 1.1/Ende (da die Sätze lediglich Übersetzungen sind)]

4. Realisierung in mehreren Sprachen

[In der folgenden Tabellen stehen in der linken Spalte die semantischen Funktionen, die überall gebraucht werden. Die folgenden Spalten können für einzelne Sprachen genutzt werden. Gesucht sind Realisierungsformen für die semantische Funktion in der jeweiligen Einzelsprache im Bereich wörtlicher Bedeutung (also Konjugationen, Modalwörter, spezifische Stellungen usw. - die Mittel bitte kursiv hervorheben). - Bei Bedarf Tabelle kopieren, von den bisherigen Einträgen befreien und so für weitere Sprachen nutzen.]

Die lateinischen Begriffe stehen der Reihe nach für: 1. Wissen / 2. Überzeugt-sein / 3. Unsicheres Wissen / 4. Fehlendes Wissen / 5. gezielte oder 6. zufällige Wahrnehmung / 7. absichtliche oder 8. unabsichtliche Verdrängung / 9. Wissensmitteilung / 10. Wissen um gegenläufiges Wissen (konzessiv). - Die semantischen Funktionen, die über Sprachbilder ausgesagt werden, werden erst in der Pragmatik behandelt.

semantische Funktion Deutsch Englisch Latein Russisch ...
1. cognitiv Logischerweise gibt es im August keine Vorlesungen Obviously, there are no lectures in August. Alternativ: Of course there are .. [Latein] естественно / конечно / само собой разумеется, что летом не бывает снега
Selbstverständlich / natürlich / es ist selbstverständlich, dass es / (gibt es) im Sommer keinen Schnee (gibt).
...
2. creditiv Sicherlich komme ich nächste Woche nicht an die Uni. I will certainly not be at the university next week. Amerikanisch: For sure, I will ... [Latein] она точно не придет
Sie kommt sicherlich nicht.
...
3. dubitativ Vielleicht wird D. Weltmeister. - Ob D. wohl WM wird? - X meint, Y habe den Schatz gefunden. He did it quite unexpectedly [bezogen auf nächstes Register: Imagination] - Sarah is quite good at English. [in beiden: eingeschränktes Wissen]
Dorothy is said to be pregnant.
He may have done it unexpectedly.
He must have failed the exam.
Credat aliquis - Jemand könnte/dürfte glauben = Jemand wird wohl glauben возможно / по всей вероятности / наверное / скорее всего она не придёт
Wahrscheinlich / allem Anschein nach / vielleicht / am ehesten kommt sie nicht.
...
4. ignorativ [jede Frage, auch wenn rhetorisch gemeint, gibt Nicht-Wissen kund bzw. erweckt den Anschein davon] He may be in hospital. [Latein] понятия не имею / не знаю, придёт ли она
Ich habe keine Ahnung / ich weiß nicht, ob sie kommt.
...
5. perceptiv-initiativ Er passte das Teil genau ein. She was driving through the town with great attention. [Latein] она вела машину предельно сконцентрированно / осторожно
Sie fuhr das Auto sehr konzentriert / sehr aufmerksam
...
6. perceptiv-fientisch Zufällig kam er des Weges. She happened to come my way. [Latein] случайно / неожиданно кто—то проходил мимо
Zufällig / unerwartet ist jemand vorbeigegangen.
...
7. neglectiv-initiativ Bedenkenlos bestieg er die Achterbahn. Ignoring the consequences, he stepped into the roller coaster. [Latein] бесцеремонный / без угрызений совести / не раздумывая / наугад
schamlos / ohne Gewissensbisse / ohne sich lange zu überlegen / auf gut Glück
...
8. neglectiv-fientisch Er fährt unkontrolliert von x nach y. He drove carelessly from here to there. [Latein] он беспечно вёл машину
Er fuhr das Auto sorglos.
он наспех / кое—как оделся
Er hat sich schnell+schlampig / schludrig angezogen.
...
9. dictiv Es geschah folgendermaßen It happened thus / in this way. [Latein] всё случилось так / следующим образом
Alles geschah so / folgendermaßen
...
10. konzessiv Entgegen dem Wissen, dass ... , tat er. - Obwohl er Strafe zu gewärtigen hatte, ... Contrary to received opinion, she ... Dicas verum; tamen tibi ... - Magst du auch die Wahrheit sagen, dennoch ... Fuerit cupidus, fuerit iracundus: improbus non fuit - Mag er habgierig, mag er jähzornig gewesen sein: schlecht war er nicht. вопреки здравому смыслу / вопреки опасности / наперекор судьбе / ...
Gegen alle Vernunft / trotz der Gefahr / trotz dem Schicksal ...
...

Anmerkung: Vergleicht man die Punkte 7 + 10, so merkt man, dass bei beiden ein gegenläufiges Wissen im Spiel ist. D.h. man könnte Punkt 10 auch mit Ziff. 7 vereinigen. Oder aus 'Pietät' gegenüber dem alten Begriff "konzessiv" belässt man die Gliederung (wie wir es tun), sieht aber den Zusammenhang.


5. Einzelsprache: Englisch

5.1 "Unsicheres Wissen"

Beim Deutschen Sollen ist zu unterscheiden zwischen Willenskundgabe ("er soll das und das tun") und unsicherem Wissen, weil man nämlich einem Gerücht, einer Annahme folgt. Letzteres würde im Deutschen mit Sollen ausgedrückt (er soll 1 Mio. gewonnen haben), wogegen im Englischen genau dieser Akzent von vornherein klarer artikuliert wird: TO BE SAID TO. Eine Verwechslung mit dem Thema "Wille" = Register INITIATIVE ist ausgeschlossen, stattdessen ist klar, dass einer Vermutung = unsicherem Wissen gefolgt wird.

Nur für Standardgrammatiken ist der Unterschied
nicht so klar. Semantisch dürften somit nicht
Modalaussagen mit Verpflichtungscharakter zusam-
men mit solchen für unsicheres Wissen aufgeführt
werden (nur weil im Deutschen "Sollen" für beides
verwendet wird. Beschrieben werden soll doch wohl
die englische Sprachstruktur).
Die Kritik betrifft: Kirschning S.207.


6. Einzelsprache: Russisch

6.1 "Unsicheres Wissen"

Laut PONS, Power-Sprachkurs Russisch, S.45 drücken folgende 4 Sätze "Unsicherheit des Wissens" aus - sie seien genannt und zugleich kommentiert:

Я ешё точно не знаио  wörtlich: "ich noch genau nicht
weiß". Das unsichere Wissen ist durch das negierte
konjugierte Verb + Verstärkung ("genau") ausgesagt.
Im Sinn der Alternativ-Grammatik: Der ganze
Satz realisiert die Modalfunktion. Letztere wird
nicht ergänzend zu einem Prädikat gestellt. Daher
ist der geeignetere Ort der Analyse in der Pragmatik: 
[4.1118 Modalaussagen per Äusserungseinheit (ÄE)]
Может бытъ, платье    wörtlich: "vielleicht (sein),
ein Kleid" - eine Äußerung in einem Dialog, aber
kein Satz. Klar ausgedrückt ist durch das erste Wort
die Unsicherheit. Welche Handlung damit als unsicher
charakterisiert wird, kann erst durch Kontextbeob-
achtung erkannt werden (irgendwo steht die Frage, was
man "kaufen" möchte - dieses implizierte, nicht noch-
mals genannte <<KAUFEN>> ist noch  unsicher).
 
Наверное, здесь  wörtlich: "wahrscheinlich hier" -
Wieder eine nicht-satzhafte Äußerung als Reaktion
auf eine Frage nach Lokalisierung. Unsicherheit des
Wissens wieder durch "Adverb" - wobei der traditio-
nelle Terminus schief ist, weil aktuell kein Verb
im Spiel ist. Verkürzt wird eine Lokalisierung voll-
zogen (es geht also um einen Typ von Prädikation),
die aber noch unter dem Vorbehalt des Unsicheren
Wissens steht.
Я не уверем  wörtlich: "Ich nicht sicher". - Ein
"Ich" =  1.Aktant wird satzhaft näher beschrieben
durch negiertes "sicher". Das könnte man semantisch
zunächst als Typ 2-Prädikation
- vgl.  [4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen]
- durchgehen lassen. <<SICHER>> - kritisch befragt -
ist jedoch keine äusserlich wahrnehmbare Eigenschaft,
sondern eine innere Qualität bzw. Einschätzung. Folg-
lich gehört auch diese ÄE in die Kategorie der
Pragmatik: 4.1118

Aber: die drei in der Übung enthaltenen Fragen werden vom Sprachkurs als nicht-einschlägig betrachtet (vgl. S. 114). Das ist zu korrigieren: Jede Frage signalisiert ein Nicht-Wissen zum aktuellen Sachverhalt (auch dann, wenn letztlich die Frage sich als rhetorisch herausstellt/Aufgabe der Pragmatik):

Что бы  Вы хотели?             "Was hätten Sie gerne?"
Что ты хотела бы себе купить?  "Was möchtest du kaufen?"
А сколько они стоят?           "Wieviel kostet eine?"

7. Beispiele aus der Literatur

7.1 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010.S.336:
Kitty erwiderte, es sei zwischen ihnen nichts vor-
gefallen und sie begreife einfach nicht, weshalb
Anna Pawlowna auf sie böse sein könne. Kitty sagte
die volle Wahrheit. Sie wußte nicht, warum Anna
Pawlowna ihr Verhalten ihr gegenüber geändert hatte,
aber sie ahnte es. Sie ahnte etwas, was sie der
Mutter nicht sagen konnte, was sie auch sich selbst
nicht eingestand. Es war eines von jenen Dingen,
die man zwar weiß, die man aber auch sich selbst
nicht sagen mag: es wäre zu schrecklich und
beschämend, wenn man sich geirrt hätte.

Die ganze Palette zwischen WISSEN - AHNEN - VERDRÄNGEN ist im Spiel.

7.2 Erinnerungsschwierigkeiten: S. Lenz, "Deutschstunde"

"Von den vielen Gesichtern erzählte ich ihm, von dem
unüberschaubaren Gedränge und all den Bewegungen quer
durch meine Erinnerung, die mir jeden Anfang vermad-
derten, jeden Versuch vereitelten, auch vergaß ich
nicht zu erwähnen, daß die Freuden der Pflicht bei
meinem Vater noch andauerten und daß ich sie
deshalb, um ihnen gerecht zu werden, nur abgekürzt
schildern könne, jedenfalls nicht in willkürlicher
Auswahl. 
    Erstaunt, vielleicht verständnisvoll hörte der
Direktor mir zu, während die Diplompsychologen flüster-
ten, noch näher traten, und sich dabei anstießen und
erregt zuraunten: "Wartenburgischer Wahrnehmungsdefekt"
oder "Winkeltäuschung" oder sogar, was ich besonders
widerlich fand, "Kognitive Hemmung"; da war ich schon
bedient und so weiter, jedenfalls weigerte ich mich,
in Anwesenheit dieser Leute, die mich unbedingt durch-
schauen wollten, noch mehr Erklärungen abzugeben: die
Zeit auf dieser Insel hat mich genug gelehrt." 
(45. Aufl. 2014, S.17) 

8. Ausblick in die PRAGMATIK

8.1 Kontrollverlust - Tortenweitwurf u.a.

In alten slapstick-Filmen gehörte es um Standardrepertoire, dass einem Akteur eine Sahnetorte ins Gesicht gedrückt, oder sogar gekonnt von weiter her entgegengeschleudert wurde. Auch das Ausrutschen auf einer Bananenschale gehört zu den Standards.

Derartiges reizt natürlich zum Lachen; Schadenfreude, Aggression, Freude über die angerichtete Unordnung usw. mögen mitwirken. - Zunächst aber wird bildhaft, körpersprachlich ausgesagt, dass der getroffene bzw. betroffene Akteur schlagartig jegliche Selbstkontrolle verliert - was dann dem Opponenten Vorteile verschaffen mag. Umgesetzt in eine Szene wird somit durch Handlungen eine epistemologische Botschaft vermittelt, dröge begrifflich ausgedrückt: neglectiv-fientisch, d.h. der "Ziel-Akteur" unterliegt einem Prozess des Wissensverlustes. Selbst angefacht hat er ihn ja nicht. Also keine Handlung auf seiner Seite.

8.1.1 Kontrollverlust/geistige Desorientierung durch Krieg

Auszug aus dem Museum Franz Kafka-Ausstellungsführer, Prag (68) - Kafka in einem Gespräch mit Gustav Janouch:

"Durch den Krieg wurden wir in einen Irrgarten verbor-
gener Spiegel versetzt. Wir stolpern von einer Schein-
perspektive zur anderen, verwirrte Opfer falscher
Propheten und Quacksalber, die einem mit ihren bil-
ligen Glücksrezepten nur die Augen und Ohren verkle-
ben, so daß wir durch die Spiegel wie durch Falltüren
von einem Verließ in das andere stürzen."

Zum selben Thema: "Unfähigkeit zur Wahrnehmung". - Aus S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004.

" 'Wir waren wohl alle wie narkotisiert,' hörte ich
einmal einen Mann sagen. Er meinte damit die Gemüts-
verfassung, mit der die Kinder Luftangriffe, Flucht
und Tieffliegerbeschuss ertrugen, aber auch die vor-
herrschende Atmosphäre in den ersten Nachkriegsjah-
ren. Eine große Betäubung lag über dem Land, der
sich vermutlich nur wenige Menschen vollkommen ent-
ziehen konnten. Wie mag es auf die Kinder gewirkt
haben, wenn Erwachsene sie umgaben, die 'nicht ganz
bei sich' waren?" (216)

Nochmals aus dem Buch von S. Bode zu "Verdrängung", "Nicht-wahr-haben-wollen": Aus einem Reisebericht im Nachkriegsdeutschland von Hannah Arendt

"Die Bewohner der Städte beschrieb sie wie Gestalten
ohne Innenleben, wie Schatten oder Roboter.
   'Nirgends wird dieser Alptraum von Zerstörung und
   Schrecken weniger verspürt und nirgendwo wird we-
   niger darüber gesprochen als in Deutschland.
   Überall fällt einem auf, daß es keine Reaktion auf
   das Geschehene gibt, aber es ist schwer zu sagen,
   ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche
   Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer
   echten Gefühlsunfähigkeit handelt. Inmitten der
   Ruinen schreiben die Deutschen einander Ansichts-
   karten von den Kirchen und Marktplätzen, den öf-
   fentlichen Gebäuden und Brücken, die es gar nicht
   mehr gibt. Und die Gleichgültigkeit, mit der sie
   sich durch die Trümmer bewegen, findet  ihre ge-
   naue Entsprechung darin, daß niemand um die Toten
   trauert, sie spiegelt sich in der Apathie wider,
   mit der sie auf das Schicksal der Flüchtlinge in
   ihrer Mitte reagieren oder vielmehr nicht reagieren.
   Dieser allgemeine Gefühlsmangel, auf jeden Fall aber
   die offensichtliche Herzlosigkeit, die manchmal mit
   billiger Rührseligkeit kaschiert wird, ist jedoch
   nur das auffälligste äußerliche Symptom einer tief
   verwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen
   Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stel-
  len und sich damit abzufinden.'
Hannah Arendt drückte ihre Empörung, ihr Entsetzen über
die Gleichgültigkeit der Deutschen aus. Sie sah ein
Verleugnen der Zerstörung im eigenen Land, aber auch
ein Verleugnen der ungeheuren Verbrechen der National-
sozialisten. Es muss für die Philosophin äußerst
schmerzhaft gewesen sein, dass die Deutschen offenbar
nur sich selbst als Opfer im Blick hatten. Wenn Hannah
Arendt im Gespräch mit ehemaligen akademischen Kolle-
gen die Verbrechen von Hitler-Deutschland berührte, das
so viel Tod, Gewalt und Elend über Europa gebracht
hatte, wurde ihr bedeutet, dass die 'Leidensbilanz
ausgeglichen' sei - mit dem Ergebnis, dass sie von
niemandem so etwas wie ein Schuldbekenntnis hörte.
Dass sie ihre Eindrücke in bitterem, vorwurfsvollem
Tonfall niederschrieb, ist nachvollziehbar."


8.1.2 Kontrollverlust - zwischengeschlechtlich

Im Vorgriff auf die Pragmatik: Die Dialogsituation - vgl. [31] mit Unterpunkten - bewirkt, dass eine ruhige und zuverlässige Wahrnehmung nicht mehr möglich ist.

aus: W. Herrndorf, tschick. Hamburg 2014. 36. Aufl. 171f:

"Hast du schon mal gefickt?", fragte Isa.
"Was?"
"Du hast mich gehört."
   Sie hatte ihre Hand auf mein Knie gelegt, und mein
Gesicht fühlte sich an, als hätte man heißes Wasser
draufgegossen.
"nein", sagte ich.
"Und?"
"Was und?"
"Willst du?"
"Was will ich?"
"Du hast mich schon verstanden."
"Nein", sagte ich.
Meine Stimme war ganz hoch und fiepsig. Nach eine Weile
nahm Isa ihre Hand wieder weg, und wir schwiegen 
mindestens zehn Minuten, von Tschick immer noch keine
Spur. Auf einmal kamen mir die Berge und das alles
ziemlich uninteressant vor. Was hatte Isa da gerade
gesagt? Was hatte ich geantwortet? Es waren nur unge-
fähr drei Worte, aber - was bedeuteten sie? Mein Gehirn
nahm ungeheuer Fahrt auf, und ich würde schätzungsweise
fünfhundert Seiten brauchen, um aufzuschreiben, was mir
in den nächsten fünf Minuten durch den Kopf ging. Es war
wahrscheinlich auch nicht sehr spannend, es ist nur
spannend, wenn man gerade drinsteckt in so einer Situation.
Ich fragte mich nämlich hauptsächlich, ob Isa das ernst
gemeint hatte, und auch, ob ich das ernst gemeint hatte,
als ich gesagt hatte, dass ich nicht mit ihr schlafen
will, falls ich das überhaupt gesagt hatte. 

8.1.3 Hermann Hesse

"turbativ" - im Grund also eine Negierung geordneter Wahrnehmung. Die äußeren Umstände lassen sie nicht zu.

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

'Taedium vitae'

(209) "Als der Donnerstag gekommen war und es Abend wurde,
zog ich mich an, kaufte im Laden einen großen Strauß
rote Rosen und fuhr damit in einer Droschke bei Maria vor.
Sie kam sogleich herab, ich half ihr in den Wagen und gab
ihr die Blumen, aber sie war aufgeregt und befangen, was
ich trotz meiner eigenen Verlegenheit wohl bemerkte. Ich
ließ sie denn auch in Ruhe, und es gefiel mir, sie so mäd-
chenhaft vor einer Festlichkeit in Aufregung und Freuden-
fieber zu sehen. Bei der Fahrt im offenen Wagen durch die
Stadt überkam auch mich allmählich eine große Freude,
indem es mir scheinen wollte, als bekenne damit Maria, sei
es auch nur für eine Stunde, sich zu einer Art von Freund-
schaft und Einverständnis mit mir, es war mir ein fest-
tägliches Ehrenamt, sie für diesen Abend unter meinem
Schutz und meiner Begleitung zu haben, da es ihr hierzu
doch gewiß nicht an anderen erbötigen Freunden gefehlt
hätte."

'Ladidel'

(238) "Ladidel trieb ohne Ziel und  ohne Willen umher,
von der Menge mitgenommen, und sah und hörte und roch
und atmete so viel Erregendes ein, daß ihm wohlig
schwindelte. Es rauschte aus Trompeten und Hörnern da
und dort und überall feurige Blechmusik, und in Pausen
drang von der Ferne her, wo das Tafeln begonnen hatte,
eindringlich und süß die weichere Musik von Geigen
und Flöten. Außerdem geschah auf Schritt und Tritt in
der Menge des Volkes viel Sonderbares, Erheiterndes
und Erschreckendes, es wurden Pferde scheu, Kinder
fielen um und schrien, ein vorzeitig Betrunkener sang
unbekümmert, als wäre er allein, sein Lied. Händler
zogen rufend umher, mit Orangen und Zuckerwaren, mit
Luftballonen für die Kinder, mit Backwerk und mit
künstlichen Blumensträußchen für die Hüte der Bur-
schen, abseits drehte sich unter heftiger Orgelmusik
ein Karussel. Hier hatte ein Hausierer laute Händel
mit einem Käufer, der nicht zahlen wollte, dort führ-
te ein Polizeidiener ein verlaufenes Büblein an
der Hand.
   Dieses heftige Treiben sog der betäubte Ladidel in
sich und fühlte sich beglückt,an einem solchen Treiben
teilzunehmen und Dinge mit den Augen zu sehen, von
denen man noch lange im ganzen Lande reden würde."

"vergessend / verdrängend" - "Das erste Abenteuer"

(138) "Sonderbar, wie Erlebtes einem fremd werden und
entgleiten kann! Ganze Jahre, mit tausend Erlebnissen,
können einem verloren gehen. Ich sehe oft Kinder in
die Schule laufen und denke nicht an die eigene Schul-
zeit, ich sehe Gymnasiasten und weiß kaum mehr, daß ich
auch einmal einer war. Ich sehe Maschinenbauer in ihren
Werkstätten und windige Kommis in ihre Büros gehen und
habe vollkommen vergessen, daß ich einst die gleichen
Gänge tat, die blaue Bluse und den Schreibersrock mit
glänzigen Ellenbogen trug. Ich betrachte in der Buch-
handlung merkwürdige Versbüchlein von Achtzehnjährigen,
im Verlag Pierson in Dresden erschienen, und ich denke
nicht mehr daran, daß auch ich einmal derartige Verse
gemacht habe und sogar demselben Autorenfänger auf den
Leim gegangen bin."
(141) "O Donnerwetter, dachte ich, und bekam Herzklopfen,
während sie zurücktrat und so tat, als betrachte sie die
Krawatte. Statt dessen aber sah sie mich wieder an,
ernst und voll, und nickte langsam ein paarmal mit dem
Kopf.
'Du könntest droben im Eckzimmer den Spielkasten holen',
sagte sie zu ihrem Neffen, der in einer Zeitschrift
blätterte. 'Ja, sei so gut.'
Er ging und sie kam auf mich zu, langsam, mit großen
Augen. 
'Ach du!' sagte sie leise und weich. 'Du bist lieb.'
Dabei näherte sie mir ihr Gesicht, und unsre Lippen kamen
zusammen, lautlos und brennend, und wieder, und noch
einmal. Ich umschlang sie und drückte sie an mich, die
große schöne Dame, so stark, daß es ihr weh tun mußte.
Aber sie suchte nur nochmals meinen Mund, und während
sie küßte, wurden ihre Augen feucht und mädchenhaft
schimmernd.
Der Volontär kam mit den Spielen zurück, wir setzten uns
und würfelten alle drei um Pralinés. Sie sprach wieder
lebhaft und scherzte bei jedem Wurf, aber ich brachte
kein Wort heraus und hatte Mühe mit dem Atmen. Manchmal
kam unter dem Tisch ihre Hand und spielte mit meiner oder
lag auf meinem Knie."

8.2 Wissenserweiterung - durch Spiel und Humor

... funktioniert beim Menschen wie in der Tierwelt. Aus Spiegel-Online (11.1.2015):

Spaß und Spiel ermöglichten es Tieren, Fähigkeiten in
relativer Sicherheit zu erwerben und zu verbessern,
schreibt Richard Byrne von der Universität St Andrews
in einem Essay. Für junge Steinböcke sei es zwar ris-
kant, aus Jux über steile Berghänge zu toben - für die
spätere Flucht vor Räubern aber sei dies eine gute
Schule. Und dieser Vorteil überwiege.
Auch für das soziale Miteinander sei das Spielen zum
Spaß wichtig: Pavian-Jungs rauften sich gern mit ih-
resgleichen und trainierten so für den Kampf um so-
zialen Status in der Gruppe. Pavian-Mädchen hingegen
spielten lieber mit dem Nachwuchs hochrangiger Weib-
chen, der zum idealen - weil ebenfalls hochrangigen
- Verbündeten heranwachse.
Zumindest beim Menschen spiele ein weiterer Faktor
eine Rolle: die Kreativität. Spielen aus Spaß er-
weitere das mentale Repertoire und ermögliche Kon-
zepte und Verknüpfungen, die es unter realen
Bedingungen gar nicht gebe.
Eine wichtige Voraussetzung dafür, etwas lustig zu
finden, sei in vielen Fällen, sich in andere hi-
neinversetzen zu können, erklärt Byrne. Dies gelte
etwa beim Erzählen eines Witzes - aber auch bei
Neckereien. Paviane etwa seien dabei beobachtet
worden, wie sie Kühe ärgerten, indem sie an ihren
Schwänzen zogen - wenn diese hinter einem Zaun
standen und nicht angreifen konnten. "Necken macht
uns Spaß, weil wir erfassen, wie sich das Opfer
fühlt."

Vgl. auch [32] mit Unterpunkten.

8.3 Wissen/Schule/Studium <=> Ideologie, Fanatismus: Thema ISLAM

Ahmad Mansour, Psychologe, anlässlich des Charlie Hebdo-Attentats in Paris zu innerislamischen Strukturen bzw. deren notwendiger Veränderung (SPIEGEL 4/2015):

Verlässt man die oberflächliche Analyse und gräbt
etwas tiefer, zeigt sich, dass Taten wie die in
Paris erst möglich wurden, weil wir Muslime Gene-
rationen von Kindern entmündigt haben. Sie durf-
ten, dürfen nicht denken, sie dürfen nicht hinter-
fragen - Fragen werden als Anmaßung, als Frechheit
geahndet. Wir haben den Heranwachsenden ein reli-
giöses Weltbild präsentiert, das ausschließlich
Schwarz und Weiß kennt. Farben und Schattierungen
scheinen bedrohlich. Der Prophet sagt: "Das ist
halal, das ist haram, das ist rein, das ist un-
rein" - und dann ist es so. Daran ist nicht zu
rütteln.
Ein Allah wird den Kindern geschildert, der zor-
nig ist, keinen Zweifel zulässt, keine Selbst-
entfaltung duldet, eine schreckliche Hölle
schafft. Ein patriarchaler Gott aus dem Mittel-
alter, der Gehorsam und Hingabe fordert. Das ist
ein brutaler und furchterregender Fundamentalist,
der mit Allah dem Barmherzigen, kaum etwas gemein
hat. Aber er passt exakt zum realen autoritären
Vater, der seine Macht mit "Ehre", mit Kontrolle
und Strafen sichert. Jugendliche, die mit diesem
Gott-Vaterbild aufwachsen, sind in demokratischen 
Strukturen oft überfordert, verloren und orientie-
rungslos. Auch das macht sie anfällig für Radika-
lisierung, für Verschwörungstheorien und Gewalt,
solche Jugendliche sind dauerbeleidigt. Und Karika-
turen, Filme, Kritik oder Meinungen, die nicht in
ihr enges Weltbild passen, kommen da gerade recht.
Sie lehnen sie ab, kämpfen dagegen oder werten sie
ab. Dass ab und zu deshalb auch gemordet wird,
sollte niemanden verwundern. ...

Europas Gesellschaften müssen verstehen, dass Schu-
len nicht nur Bildungsinstitute sind, sondern für
sogenannte marginalisierte Gruppen vor allem ein
Sozialisationsapparat - und zwar oft der einzige!
Hier müssen Kinder erfahren, dass es Raum für Den-
ken und Fragen, Spielen und Lernen gibt, dass Kri-
tik aufregend und Demokratie spannend sein kann.
Nur durch das Bildungssystem können sie einen Weg
finden zur Beschäftigung mit Ethik und Politik.
Im Unterricht und in den Aktivitäten, die eine
demokratische Schule ermöglicht, wie Arbeitsgrup-
pen, Projekte in der gesellschaftlichen Umgebung,
auf gemeinsamen Reisen und in Wettbewerben und De-
battierklubs. Gebraucht werden Milliardenvesti-
tionen für eine neue, der Realität angepasste
Schul- und Pädagogikpolitik.   ...
Mein eigener Islam ist offen für Kritik, er macht
mir keine Angst und anderen auch nicht. Mit dem
Studium und mit meiner Befreiung aus fixierten,
autoritären Denkmustern habe ich aufgehört, mich
über die Religion zu definieren. Ich habe aufge-
hört, Verbote und Gebote zu befolgen, deren Sinn
mir nicht einleuchtet und die mir nicht menschlich
erscheinen. Als ich angefangen habe, Fragen zu stel-
len, kritisch zu denken, historische und soziale
Kontexte zu sehen, haben sich auch falsche Schuld-
gefühle gelöst. 
   Ich darf lieben, ich darf denken und zweifeln,
ich darf auch ab und zu mal ein Glas Wein trinken,
ohne dass Hölle oder Verdammnis drohen. Wenn Allah
und die Natur uns Verstand und Liebe, Sexualität
und Genussfähigkeit gegeben haben, dann ist es
richtig und gut, all diese Fähigkeiten zu nutzen.
Ein ethischer Mensch zu sein, ein echter Demokrat,
der die Menschenrechte achtet, darauf kommt es an.
Mein Islam ist eine private, intime Angelegenheit.
Keinen anderen will und muss ich damit missionie-
ren oder überzeugen.

8.3.1 Zwei Ideologien des 20. Jahrhunderts

... verarbeitet im Roman "Trutz" von Christoph Hein, vgl. [33]

8.3.2 "Glaube" in geistig abgeschlossener Kirche

Vgl. [34]

8.4 Hitler-Attentäter Georg Elser - VERDRÄNGEN

Aus Interview mit Autor Fred Breinersdorfer (SWP 2.4.2015):

Frage: Zu den Mythen im Nachkriegs-Deutschland
gehörten Sätze wie: Wir haben nichts gewusst! Und wenn,
hätten wir nichts tun können! Elsers Geschichte
enttarnt das als Lüge ...
Breinersdorfer: ... Wie konnte eine derartige
nationale Katastrophe passieren? Fragen an eine
Generation, die sich immer als Opfer gesehen hat -
wahlweise als Opfer der Nazis, also fehlgeleitete
arme Menschen, wahlweise als Opfer der "Amis" oder der
Juden - dann hätte man nur mir das tun müssen, was
Elser getan hat: genau hinschauen.
Frage: Was hat man sehen können?
Breinersdorfer: Es gab nach 1933 eine massive
Aufrüstung, die nicht im Geheimen stattfand, damit
wurde geprotzt. Hitler hat die Juden nicht heimlich
nachts verfolgt, die Progrome waren ein Propaganda-
spektakel. Er hat die Legion Condor nicht heimlich
Guernica bombardieren lassen. Er ist auch nicht bei
Nacht und Nebel in die Tschechoslowakei einmarschiert.
Und bei all dem muss man bedenken, dass der Erste
Weltkrieg 1938/39 gerade mal 20 Jahre vorbei war -
die Traumata waren noch frisch. Nein, man hat wirk-
lich bewusst wegsehen müssen, um den Nazis zu folgen.

8.4.1 VERDRÄNGEN des NS - Elfriede Jellinek

[35] - via Schauspiel wird das Verhaltensmuster des Verdrängens vorgeführt (Werk des Autors Labiche, 19. Jhd). Die Schriftstellerin erläutert, wie dieses Muster sich u.a. im Fall der NS-Gräuel heutzutage noch auswirkt (Bier, Wein, Torten usw.).

8.4.2 VERDRÄNGEN nach traumatisierenden Erfahrungen

Vgl. [36] S.208f. 214f. 275f.

8.5 "WISSENS-Ritual"

(aus SZ 16/17.5.2015, Art. v. C. Emcke)

Toni Morrison beschreibt in ihrem jüngsten Roman 'God
help the child' ein wunderbares Ritual. Jeden Sams-
tag, noch vor dem Frühstück, halten die Eltern von
Booker kleine Konferenzen ab. Jedes Kind soll (und
darf) zwei Fragen beantworten:
"What have you learned that is true (and how do you know)?"
und "What problem do you have?" Anschließend gibt
es, wie zur Belohnung, ein festliches Frühstück mit
allerlei Köstlichkeiten.
   Das ist auch für Erwachsene eine schöne Übung.
Einmal in der Woche innezuhalten und sich zu fragen:
Was habe ich erfahren oder gelernt, was wahr ist?
Und: Wie kann ich da so sicher sein? Woher weiß
ich, dass es wahr ist? Wer es probiert, wird schnell
feststellen, dass spätestens am zweiten Teil der
Frage - woher weiß ich, dass es wahr ist? -,
wenn es also darum geht, Gründe zu liefern, warum
etwas für wahr gehalten werden kann, einige Gewiss-
heiten zerschellen. Aus "was habe ich gelernt, das
wahr ist" wird schnell "was habe ich erfahren, das
doch nicht so wahr ist wie bislang angenommen."

8.6 (falsches) WISSEN + Ideologie

(aus SPIEGEL 1/2016 S.39)

Der Text bestand aus einer kruden Mischung aus
anonymem Geraune und Tatsachenbehauptungen: Eine
"Ausländergruppe" aus mindestens fünf Männern
solle "demnach ein Mädchen bedrängt, geschlagen
und zum Oralverkehr gezwungen haben", hieß es
zunächst vage, aber mit genauer Ortsangabe. Und
danach, als Faktum: "Nur der heftigen Gegenwehr
des Opfers war es zu verdanken, dass weitere Er-
niedrigungen des Opfers (größtenteils) verhindert
werden konnten."
   Die Tat hat nach Erkennntnissen der Polizei nie
stattgefunden. Das Kommissariat habe akribisch vor
Ort ermittelt, als sich das Gerücht verbreitete.
Bis heute hätten aber weder ein Opfer noch Zeugen
gefunden werden können, sagt ein Sprecher der
Dortmunder Polizei. Dennoch löste der Post bra-
chiale Reaktionen im Internet aus: "Alle zurück-
schicken, die Kameltreiber", kommentierte etwa
einer mit dem Pseudonym "suchmich" den Bericht.
"Einfach alle fünf Gliedmaßen mit einem stumpfen
Löffel abschneiden", verlangte ein "max". ...
   Gerüchte verbreiteten sich dann besonders gut,
wenn sie Stereotypen aufgriffen, die in der Gesell-
schaft bereits verankert seien, sagt der Leipziger
Sozialpsychologe Immo Fritsche. Teile der Bevöl-
kerung hielten Asylbewerber offenbar für Menschen,
die zur Kriminalität neigten und die Gutmütigkeit
der Bevölkerung ausnutzten. Strategisch platzierte
Gerüchte, die diese Grundstimmung bestärkten,
fielen besonders in unsicheren Zeiten auf frucht-
baren Boden, so der Psychologe.
   Manche Personen fühlten sich dadurch in fremden-
feindlichen Stereotypen derart bestärkt, dass ihre
Hemmschwelle zur Gewalt sinken könne, befürchtet
auch der erfahrene Fahnder Keilen. Seit fast 25
Jahre beschäftigte er sich nun beim Mainzer LKA
mit Rechtsextremismus, aber so ernst wie im Moment

8.7 Politik

8.7.1 Denkmal gegen das Vergessen

Das Modul EPISTEMOLOGIE ist bei der von der AfD angestoßenen Debatte gleich mehrfach aktiviert. Zugleich schönes Beispiel, wie das Modal-Register nicht durch sprachliche Formen und Mechanismen aktiviert wird, sondern durch Betonstelen und ihre Gruppierung. Die aufgeworfene Frage: Will/soll man nun das WISSEN wachhalten, oder es verdrängen? Vgl. [37]

8.8 Nagib Machfus, "Echnaton"

Zürich. 1999. S.177 . - Nofretete schildert, wie ihr und Echnatons Tocher starb:

"Aber ihre Seele entzog sich unserer liebenden
Hand, schlich sacht davon, schwang sich hinauf zum
Sternenzelt. Schluchzend beugten wir uns über den
kleinen Körper und überließen uns laut klagend dem
reißenden Strom der Trauer. Echnaton barmte und
rief: 'Warum, mein Gott, warum? Warum stellst du
meinen Glauben so hart auf die Probe? Warum zeigst
du mir auf solch grausame Weise, dass ich noch weit
entfernt bin, dich zu kennen? Warum behandelst du
mich mit dieser Strenge, da du der Barmherzige bist?
Mit solcher Kälte, da du die Liebe selbst bist? Mit
solchem Zorn, da ich dir doch in allem folge? Mit
welcher Finsternis, da du doch das Licht bist? Warum
gabst du ihr solche Schönheit und solche Klugheit?
Warum hast du uns sie so lieben lassen? Warum hast
du uns sie für den Dienst an dir erziehen lassen
und uns sie dann genommen? Warum, mein Gott, warum?'"
(...)
"Ich leugne nicht, dass mein starker Wille von
Schwermut überschattet war und Angst und Unruhe
mich gefangen hielten. Mein Gatte hingegen hielt dem
Sturm mit einer Kraft stand, als wäre er die größte
aller Pyramiden. Mit unerschütterlichem Vertrauen
sagte er ein ums andre Mal: 'Gott verlässt mich
nicht. Keinen Fingerbreit weiche ich vom Pfad der
Liebe ab.' Seine unglaubliche Kraft gab mir Mut.
Ich lebte wieder auf und bekämpfte all meine Ängste
und Zweifel. Ich bereute meine momentane Schwäche."

8.9 Auch Tiere "wissen" ...

... und drücken es körpersprachlich aus, vgl. [38] bzw. [39] bzw. Bewegungen mit dem Kopf als Ausdrucksrepertoire [40]

8.10 Lüge, Fake-News

Die Unwahrheit verbreiten - das kann unterlaufen, also unbeabsichtigt geschehen, oder eben gewollt praktiziert werden. Dabei legen wir uns hier nicht fest. Jedenfalls wird das Kommunikationsmittel "Sprache" zur Verzerrung der Wirklichkeitswahrnehmung eingesetzt.

8.10.1 D. Trump nach 1 Monat

Es ist beachtlich, wie sehr von denen, die sich gern über Fake-News beschweren, Journalistenschelte betreiben, in kurzer Zeit Falschmeldungen in die Welt gesetzt werden: [41]

8.10.2 Trump blockiert Wissenschaft

Deutsche Biologin sieht keine Arbeitsmöglichkeiten mehr, vgl. [42]. Dort Verweis auf weitere vergleichbare Beiträge.

8.10.3 "Lüge" in offiziellem Gewand

SWP 7.11.2017, Kommentar von Th. Veitinger:

Strenge Hand ist nötig
Wer jeden Cent umdrehen muss und seine Kosten für
Benzin anhand der Verbrauchsangaben der Hersteller
berechnet, lag schon immer falsch. Doch ein 42 Prozent
höherer Verbrauch ist eine Frechheit. Und das ist
nicht alles. Vor einem Jahr wurde bereits die gleiche
Abweichung zwischen Realität auf der Straße und Wunsch-
denken der Autobauer festgestellt. Was hat sich getan
in den vergangenen zwölf Monaten? Nichts.
Nach einer weiteren ICCF-Untersuchung ist nur jeder
zehnte Diesel der Abgasnorm Euro 6 im Alltag so sauber
wie auf dem Papier. Damit verspielen Hersteller die
Glaubwürdigkeit, die sie so dringend brauchen. Ihre
Beteuerung, die Diesel der neuesten Generation sind
sauber, ist nichts wert.
Dazu passt: Im Jahr 2016 wurden laut Umweltbundesamt
wieder mehr Treibhausgase freigesetzt. Eine Schlüssel-
stelle kommt dabei dem Verkehr zu.
Es hilft nichts: Wenn sich schon die Bundesregierung
und ihre Ministerien nicht in der Lage sehen, die
Treibhausgasemissionen im Verkehr zu senken, muss es
die Europäische Union machen. Es ist zu hoffen - und
das muss man sich einmal klar machen - dass die EU
Grenzwerte für CO2 setzt, damit Deutschland seine Ziele
von 40 bis 42 Prozent Treibhausgas-Reduzierung bis 2030
erfüllen kann. Deutschland braucht eine strenge Hand.