4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Das Register der IMAGINATION ist also genau das Gegenteil zum vorigen Modalfeld: Damit kann man sich eine Welt im Kontrast zur aktuellen zurechtdenken - in verschiedenen Formen und Intensitäten: von "Träumen / Hoffen" bis zum "planenden Konstruieren". - Hier in der SEMANTIK schauen wir, wie innerhalb des Satzes solche Gedankenexperimente angestellt werden. In der PRAGMATIK vielfältige Weiterführungen, vgl. [1], und erst recht bei den vielen Formen von "Übertragenem Sprachgebrauch", vgl. [2]. Immer geht es auf der Basis von Gefühl + Verstand um das Entwerfen einer Welt, wie sie sein könnte.


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0. Theorie

0.1 Intuition

"Vorausschauen" (prospectiv - vgl. 1.1) kann man nicht nur berechnend, sondern auch ahnend, träumend.

Aus: Viktor E. Frankl, Der unbewußte Gott. dtv 35058. 1995 3. Auf. S.24:

"Um das zu realisieren zu antizipieren, muß das Gewis- 
sen es zuvor intuieren; und in diesem Sinn ist das Ge-
wissen, ist das Ethos tatsächlich irrational und nur
nachträglich rationalisierbar. Kennen wir aber nicht
ein Analogon - ist nicht auch der Eros ebenso irra-
tional, ebenso intuitiv? Tatsächlich intuiert auch die
Liebe; auch sie erschaut nämlich ein noch nicht Seien-
des: sie aber nicht, wie das Gewissen, ein "erst Sein-
sollendes", sondern das noch nicht Seiende, das von der
Liebe erschlossen wird, ist ein nur Sein-könnendes.
Die Liebe erschaut und erschließt nämlich Wertmög-
lichkeiten am geliebten Du. Auch sie nimmt also in
ihrer geistigen Schau etwas vorweg; das nämlich, was
ein konkreter, eben der geliebte Mensch an noch
unverwirklichten persönlichen Möglichkeiten in sich
bergen mag."

Das "Sein-Sollen" verweist auf das nächste Register: INITIATIVE: 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE. Faktisch arbeitet also auch der Psychologe im geistig-emotionalen Bereich mit verschiedenen "Instanzen/Registern". Die Benennungen sind zweitrangig (wenngleich man natürlich darum wissen sollte ...).


0.2 Denken, Fakten

Psychologe Roger Schank in SPIEGEL-Online-Beitrag (12.9.2011):

"Der Denkprozess beginnt mit einer Erwartung oder
einer Vermutung; das Denken erfordert, dass man
Belege findet (oder erfindet), die erklären, an
welchem Punkt diese Erwartung in die Irre ging,
und dass man sich für eine Erklärung des ursprüng-
lich falschen Verständnisses entscheidet. Dieser
Prozess hat sich seit der Zeit der Höhlenbewohner
nicht verändert. Die wichtigen Fragen bei diesem
Prozess sind folgende: Was gilt als Beleg?
Wie findet man sie? Woher weiß man, dass das, was
man gefunden hat, wahr ist? Wir konstruieren Er-
klärungen auf der Grundlage der Belege, die wir
gefunden haben."

0.3 Nicht- / Noch-Nicht-Fakten

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede. Übersetzt von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907. Stuttgart 2010. [Die Torheit spricht:]

(57) Der Geist des Menschen ist nun einmal so ange- 
legt, daß der Schein ihn mehr fesselt als die Wahr-
heit. Wer den handgreiflichen Beweis dafür haben
will, braucht sich in den Kirchen nur die Predigten
anzuhören. Sobald es dort um einen ernsten Gegenstand
geht, schläft und gähnt alles voll Widerwillen. Wenn
aber der Schreier - Verzeihung, ich wollte sagen der
Redner - nach beliebtem Brauch auf eine abgedro-
schene Anekdote kommt, wacht man auf und hört mit
offenem Munde zu. Ein von Wundergeschichten und
Legenden umwobener Heiliger, wie zum Beispiel Georg,
Christophorus oder Barbara, wird auch eifriger verehrt
als Petrus, Paulus oder selbst Christus.

0.3.1 Nicht- / Noch-Nicht-Fakten - WISSENSCHAFT

Die voraufgegangenen Punkte kann man verknüpfen:

In Ziff. 0.2 war von Denken, Recherchieren, Daten
sammeln und so allmählich Gewissheit aufbauen
die Rede gewesen. Diese Geistesfunktion siedeln wir im
Register EPISTEMOLOGIE an, vgl. [3]
So äußert sich Vernunftgebrauch, wissenschaftlich
gesprochen: Methode. 
In Ziff. 0.3 spielt ein anderes Abstraktum eine
Rolle: Hypothese: Ohne allzuviel methodischen
Aufwand konstruiert ein Forscher,
wie eine Lösung des Problems - aus seiner Sicht:
plausibel - aussehen könnte.
Nachgewiesen hat er damit noch nichts, hat auch nicht
übertrieben viel an Arbeit investiert, aber er will
sich den Kollegen als Ergebnisfinder präsentieren.
Das Ergebnis wäre mehrfach attraktiv: 
  (a) man hat das lästige Problem überwunden
  (b) die Lösung klingt irgendwie attraktiv/plausibel
  (c) mühsamer Rechercheaufwand ist nicht mehr
      notwendig.
  (d) Ein Nachdenken über Methoden - denn
      diese fallen ja nicht vom Himmel - ist
      angenehmerweise auch nicht nötig.
Da solide methodische Nachweise fehlen, können die Kol-
legen die Befunde nicht methodisch kontrollieren. Statt-
dessen sind sie gezwungen zu personalisieren: Das
gewinnende oder - in früheren Zeiten: autoritäres
Gehabe des Forschers sollen überzeugen, Gefolgsleute
schaffen.

Durch eine solche vielleicht kreative, letztlich aber doch allzu billige 'Problemlösung' wurden in unterschiedlichen Disziplinen wiederholt schon - und bisweilen über Generationen hinweg - Forschungsrichtungen festgelegt, die sich dann bei genauerer (und allzu später) Überprüfung - Register EPISTEMOLOGIE - als im Ansatz falsch herausgestellt haben. Das war dann 'wissenschaftliche Schulbildung', die den Erkenntnisfortschritt blockiert hat.

An Einzelbeispielen könnte man aufzeigen,
    - dass kritische Geister ausgegrenzt, ihre Kar-
      rieren unterbunden worden waren. Das Potenzial
      dieser Menschen blieb ungenutzt. Bisweilen wur-
      den so auch Biografien zerstört.
    - eine solche Verwechslung von 'Hypothese' und
      'Methode' erzeugte immer auch gesellschaft-
      liche Kosten, seien es real berechenbare,
      seien es 'geistige', die durch Verdrehung der
      Gehirne entstanden: Entwicklungsmöglichkeiten
      wurden versperrt.     

0.3.2 Echnaton - kontrafaktisch

nach dem gleichnamigen Roman von Nagib Machfus. Der in der Wahrheit lebt: Zürich 1999. S.82.Taduchipa, Tochter des befreundeten Mitanni-Königs und Ehefrau Echnatons, neben Nofretete, spricht rückblickend:

"Da hält er die Fackel der Liebe hoch, und in den
Herzen brennen Hass, Ekel und Verderbtheit. Am Ende
war das Land zerrissen und das Imperium verloren.
Schlau wie Nofretete war, hat sie seine Verrückt-
heiten mitgemacht, weil sie ganz allein die Macht
haben wollte. Ihre gierige, schamlose Lust hat sie
in den Armen zahlloser Männer befriedigt. Aller Welt
hat sie weisgemacht, dass sie und ihr Mann das
schönste und treuste Paar abgeben. Überall, mitten
auf der Straße, ob nun in Achetaton oder den Pro-
vinzen, haben sie sich vor den Augen der Leute
geküsst. Dabei waren alle Frauen im Palast der
festen Meinung, dass die beiden nie etwas miteinan-
der hatten. Er konnte ja gar nicht."              

0.4 "Wer Visionen hat ...

... sollte zum Arzt gehen" - so der Ausspruch des damaligen BK Helmut Schmidt. Damit brachte er die Opposition zu seinem Vorgänger Willy Brandt zum Ausdruck. Aber nicht nur das. Schmidt stand tatsächlich für einen anderen Politikstil: pragmatisch die aktuell sich stellenden Probleme gut reflektiert angehen, sich nicht in Zukunftsträumereien verlieren. Eine solche Politik findet Anerkennung im Volk - reißt aber nicht mit, bringt kein attraktives Ziel in den Blick, wird eher als geschäftsmäßig und langweilig empfunden.

Wer will sich zum Richter aufschwingen? - Schmidt war in der praktischen Arbeit sicher besser informiert und fleißiger. Brandt jedoch gab der gesamten bis dahin üblichen Ausrichtung eine Wende, hin zum sog. "Ostblock", mit dem Bestreben der Verständigung, möglichst Aussöhnung. Es war Brandt vergönnt, als Fernwirkung noch den Mauerfall 1989 zu erleben. Die nach vorn gerichtete IMAGINATION - man kann sie auch als menschenfreundliche Strategie bezeichnen - bewegte mehr als solider Pragmatismus, der keinen großen Änderungsimpuls enthält.

0.41 Unterschied zur EPISTEMOLOGIE, sog. "Wirklichkeit"

Das vorige Modalregister EPISTEMOLOGIE lebt davon, dass seine Inhalte von mehreren wahrgenommen, somit auch kommuniziert werden können. Zur weiteren Absicherung können Berechnungen, Querbezüge zu anderen, schon 'gesicherten' Sachverhalten hergestellt werden. In diesem - durch und durch modalen - Sinn spricht man dann davon, man sei mit der Wirklichkeit konfrontiert - und übersieht häufig, dass diese immer zunächst wahrgenommen werden muss.

Mit dem Register IMAGINATION dagegen werden Eigenwelten entworfen. Diese kann man anderen auch mitteilen, aber die Partner haben zunächst keine Chance der Wahrnehmung/Überprüfung. Folglich hat der, der die IMAGINATION für sich aktiviert, eine große Gestaltungsmöglichkeit: die reale = für andere zugängliche Welt stellt sich nicht in den Weg. - Erläuterung in Romanform: Nagib Machfus, Echnaton. Der in der Wahrheit lebt. Zürich.

"Er bildete sich ein, die Welt nach seiner Vorstellung
formen zu können. Aber er sah ja nur die Welt, die ihm
passte - mit der Wirklichkeit hatte er nichts zu schaf-
fen. Es war eine Welt, für die er sich eigens Gesetze,
Vorschriften, ja Menschen zurechtgebastelt hatte, damit
er sich, mithilfe des Zaubers, der vom Thron ausgeht,
als Gott über die Welt erheben konnte. Weil das Ganze
ein Traumgespinst war, löste es sich beim ersten Zusam-
menstoß mit der Wirklichkeit auf, wurde es von Fäulnis,
Revolten, Feindseligkeiten hinweggefegt, stand der Ket-
zer, vom feigen Pack verlassen, allein da." (88f)

0.42 "Erwartungen" bestimmen das aktuelle Leben

"Erwartungen beeinflussen uns in vielen alltäglichen
Situationen. Jede mitfühlende Mutter und auch jeder
Vater hat schon einmal dem Kind aufs Knie gepustet,
ein 'Aua' weggerubbelt oder einen Saft mit Suggestions-
kraft aufgeladen: Der macht dich groß und stark! Warum
soll das bei Erwachsneen anders sein? So vernünftig
sind wir doch gar nicht. (...)
1. Besorgen Sie sich die Placebovariante der Sorte
   Kaffee, die Sie gewöhnlich im Büro trinken, sprich:
   koffeinfreien Kaffee. Tauschen Sie heimlich die
   Bohnen aus.
2. Erhöhen Sie die Dosierung, damit der Kaffee stär-
   ker schmeckt.
3. Beobachten Sie die Reaktionen Ihrer Kollegen.
Ich wette mit Ihnen, mindestens ein Kollege wird sagen:
'Boah, der ist aber stark heute. Mensch, der geht mir
voll auf die Pumpe, das spüre ich sofort.' (...)
Der Kaffee muss durch Mund, Schlund, Speiseröhre,
Magen und den Darm, von dort ins Blut, vom Blut ins
Hirn, dort in die Nervenzelle. Und dann erst kann
sich etwas tun. Das dauert einen Moment ... mindestens
eine Viertelstunde. Wer also nach einem Schluck schon
eine anregende Wirkung spürt, schafft das mit etwas
Übung auch mit kaltem Wasser. Fakt ist; Kaffee rinnt,
auch wenn Sie beim Trinken den Kopf weit in den
Nacken legen, nicht direkt vom Mund ins Hirn (...)
Es braucht zuerst den Anstoß von außen, es braucht
das wirksame Mittel; aber wenn unser Körper die
Wirkung einmal gelernt hat, übernimmt unser innerer
Heiler mit seiner Apotheke. (...)
Was in der Ausbildung bis heute kaum vorkommt: wie
man ohne Fachsprache so einfühlsam mit Patienten
kommuniziert, dass alle Medikamente Eingriffe und
Ratschläge optimal wirken können. Ärzte können
lernen, mehr auf ihre Wirkung zu achten und ein-
fache Dinge zu beherzigen, die schon einen Unter-
schied machen: BLickkontakt aufnehmen, aktiv zuhören,
Gefühle wahrnehmen und spiegeln, Erwartungen
erfragen, Ängste ausräumen und positive Erwartungen
wecken. Glaube, Liebe, Hoffnung sind uralte Wirkmit-
tel, und sie in der Tablette allein zu suchen ist
einer der großen Irrtümer der Mediziner."
(E. von Hirschhausen, stern 13.10.2016 S.70f)

0.43 "Black Swan"

Schwäne pflegen "weiß" zu sein - so unser Standardwissen (dafür ist also das Register EPISTEMOLOGIE zuständig). Allerdings musste man schon im 17. Jahrhundert lernen, dass es auch anders geht: im Bereich der Südsee gibt es auch schwarze Schwäne - das war überraschend.

Die Metafer vom "Black Swan" kommt aktuell im Bereich Wirtschafts-/Gesellschaftswissenschaft auf, um Ereignisse zu kennzeichnen, die absolut nicht vorhersehbar waren - mögen sie sich extrem positiv oder extrem negativ auswirken. Keiner (oder fast keiner - es gab welche, die die vergangene Weltwirtschaftskrise kommen sahen) kann berechnend, argumentierend, überzeugend für die Zukunft herleitend darlegen, was sich bald ereignen wird.

Von den Menschen ist also verlangt, dass sie mit dieser prospektiven Offenheit leben, akzeptieren, dass sie auf die vollkommen neuen Herausforderungen, die sie aktuell noch nicht kennen können, bereit sind, konstruktiv sich einzulassen - eine Rechnung mit mehreren Unbekannten. - Nochmals anders: unser Standardweltwissen (vgl. [4]) ist kein Granitblock, sondern flüssig, verändert sich ständig.

0.5 prospektiv-PLANEN oder prospektiv-ERTRÄUMEN

Es klang schon mehrfach an, ist inzwischen auch ein Gemeinplatz - folglich wäre es in der Schule ein Beitrag zur Persönlichkeitsbildung -, wenn via Grammatik (= aktuelles Register) im Klartext behandelt würde, dass unsere seelisch-geistige Ausstattung anstehende Entscheidungen, also zukünftige Aktionen, auf zwei Wegen ansteuern kann.

- sog. "Kopfentscheidungen", also vernunft-ge-
  steuerte, rationale, oder
- "Bauchentscheidungen" - also nach Gefühl,
  Neigung, teils unbewusster, nicht ganz auf-
  zuklärender Tendenz.

Obwohl wir uns viel auf unseren Verstand einzubilden pflegen, muss klar werden, dass die "Bauchentscheidungen" viel mächtiger und wahrscheinlicher sind. Die Vernunft kann vielleicht manches durchleuchten, korrigieren. Aber Ausschlag gibt meist ein Zusammenströmen vieler Gefühle, Sehnsüchte, Erwartungen, Auswertung zurückliegender eigener Erfahrungen, Bewertung von Wertungen anderer (z.B. Testberichte), Orientierung an gesellschaftlichen Trends, Mustern, Einschätzungen zur eigenen Stellung in Gruppen, der Clique, Orientierung - mehr oder weniger stark - an von außen beworbenen Werten usw. usw. - Das ist ein solch komplexes Zusammenwirken vieler Faktoren, so dass die Vernunft mit dem Abarbeiten und Bündeln überfordert wäre. Das leistet dann das 'Bauchgefühl', das Unbewusste, die Intuition - oder wie man diese Instanz benennen möchte.

Selbst die BWL weiß inzwischen, dass strategische Entscheidungen primär auf der Basis von "weichen" Faktoren getroffen werden ("Bauchentscheidungen"), weil sie nicht wirklich ausrechenbar sind. - [In der Schule könnte man durchspielen, was alles beim Kauf eines neuen Autos an Faktoren - und mit welcher Gewichtung - berücksichtigt zu werden pflegt.]

Das Ergebnis wird dann an das nächste Register weitergegeben [5], als "Lust oder Entschluss, dieses oder jenes zu tun".

0.51 prospektiv-PLANEN oder prospektiv-ERTRÄUMEN: POLITIK

Besprechung eines Vortragsabends des Publizisten Henryk M. Broder, Thema "Vereinigte Staaten von Europa" (STB 20.3.2014, P. Ertle):

Aus seinem Buch ... sollte man nie nur paraphrasierend
zusammenfassen, seine Sprache verlangt, auch mal eine
längere Passage zu zitieren, wie beispielsweise diese,
die davor warnt, Europa auf Biegen und Brechen
zusammenschweißen zu wollen:
"Das Problem mit den 'Vereinigten Staaten von Europa'
ist nicht, dass eine gute Idee schlecht umgesetzt wird,
das Problem ist, dass sie für die Praxis nicht taugt.
Man kann utopische Vorstellungen haben, man muss nur
wissen, wie man mit ihnen umgeht. Die Juden zum
Beispiel beten jeden Tag für die baldige Ankunft des
Messias - und tun dabei alles, damit er nicht kommt,
denn sie wollen keinen zweiten Super-GAU riskieren.
Ein Sozialist kann ruhig an die klassenlose Gesell-
schaft glauben, solange er sich der Tatsache bewusst
ist, dass der Horizont ein Ziel ist, dem man zwar
näher kommen kann, wenn man sich viel Mühe gibt, den
man aber nie erreichen wird. Wer es dennoch schafft,
dem ist ein Platz im Gulag sicher."

aus SPIEGEL 29/2015:
"Francois Mitterand, Helmut Kohl, der Niederländer
Ruud Lubbers, der Portugiese Mario Soares, der
Franzose Jacques Delors, sie waren, in der Rückschau
betrachtet, sehr großzügige Träumer, sehr romantische
Europäer. Sie luden die Welt zum Urlaub von der Ratio-
nalität ein, auch an die Strände Griechenlands, weil
sie es schön haben wollten in Europa und weil sie die
Kultur so wichtig fanden wie die Finanzen."

0.52 Nachhilfe für die Fantasie? - POESIE

Aus SWP 30.1.2016:

"Schreibe betrunken, überarbeite nüchtern", soll Ernest
Hemingway (1899-1961) mal gesagt haben. Aber braucht
gute Literatur tatsächlich Alkohol? ...
Die Nähe vieler Schriftsteller zum edlen Tropfen,
vorzugsweise zum Wein, lässt sich kaum leugnen ...
So schrieb Ernst Jünger (1895-1998) einst 'In vino error'
neben eine Überkritzelung in seinem Manuskript und führt
seine gestrichenen Gedanken so auf eventuell übermäßigen
Weingenuss beim Schreiben zurück ...
Wein gelte als 'ein Mittel, das die normalen Sinne
erweitert,' sagt Gfrereis. Diese Funktion werde in der
Literatur der Moderne dann zunehmend von Drogen übernommen.."

Weder soll hier eine Empfehlung ausgesprochen, noch bei den widerstrebenden Meinungen eine Position favorisiert werden. Was in der genannten Praxis zum Ausdruck kommt: Wir haben zweierlei Seelen- / Geisteszustände. In der Alternativ-Grammatik sprechen wir von Registern: [6] oder das gegenwärtige: IMAGINATION. Eine alte Erkenntnis: Jedes der Register leistet Unterschiedliches. Folglich sollte man sie in dieser Verschiedenheit auch grammatisch respektieren.

0.53 Reale Welt (EPISTEMOLOGIE) <=> Fantasie-Welt (IMAGINATION)

Aus: Hermann Hesse, Die schönsten Erzählungen. Frankfurt/M 2004: 'Wenn der Krieg noch zwei Jahre dauert (1917):

(371) "Seit meiner Jugend hatte ich die Gewohnheit,
von Zeit zu Zeit zu verschwinden und zur Erfrischung
in andere Welten unterzutauchen, man pflegte mich dann
zu suchen und nach einiger Zeit als vermißt auszu-
schreiben, und wenn ich schließlich wiederkam, so war
es mir stets ein Vergnügen, die Urteile der sogenannten
Wissenschaft über mich über meine 'Abwesenheit' oder
Dämmerzustände anzuhören. Während ich nichts anderes
tat als das, was meiner Natur selbstverständlich war
und was früher oder später die meisten Menschen werden
tun können, wurde ich von diesen seltsamen Menschen
für eine Art Phänomen angesehen, von den einen als
Besessener, von den andern als ein mit Wunderkräften
Begnadeter. 
  Kurz, ich war also wieder eine Weile fortgewesen.
Nach zwei oder drei Kriegsjahren hatte die Gegenwart
viel an Reiz für mich verloren, und ich drückte mich
hinweg, um eine Weile andere Luft zu atmen. Auf dem
gewohnten Wege verließ ich die Ebene, in der wir
leben, und ich hielt mich gastweise auf anderen
Ebenen auf. Ich war eine Zeitlang in fernen Vergan-
genheiten, jagte unbefriedigt durch Völker und Zei-
ten, sah den üblichen Kreuzigungen, Händeln, Fort-
schritten und Verbesserungen auf Erden zu und zog
mich dann für einige Zeit ins Kosmische zurück." 

0.54 "Kreativität" in der Mathematik

Was die im link referierten Berichte bestätigen, gilt für alle Lebensbereiche: Probleme versuchen wir mit dem Verstand, also rational, anzugehen, vgl. vorausgehendes Modalregister EPISTEMOLOGIE. Öfters dabei die Erfahrung, in einer Sackgasse zu landen, nicht voranzukommen.

Es ist dann gut, die bewusste Bemühung zu stornieren. In dieser Phase arbeitet in uns das Unbewusste - und oft kann man die Erfahrung machen, von irgendwoher, wie aus heiterem Himmel ein Lösungsweg gezeigt zu bekommen. Auf diese Weise wird Kreativität real. Was die geistige Innenwelt betrifft: Nähe zu "Träumen, Ahnungen usw." Es wäre eine Verkürzung, ein Armutszeugnis, nur auf die Ratio zu setzen.

Vgl. [7]


0.6 "prospektiv" - Motivation

"Motivation bezeichnet das auf emotionaler und
neuronaler Aktivität (Aktivierung) beruhende Streben
des Menschen nach Zielen oder wünschenswerten Ziel-
objekten. Die Gesamtheit der Beweggründe (Motive), die
zur Handlungsbereitschaft führen, nennt man Motivation.
Die Umsetzung von Motiven in Handlungen nennt man
Volition oder Umsetzungskompetenz." (wikipedia)

Das lässt sich mit unseren Modal-REGISTERN verbinden:

"emotionaler und neuronaler Aktivität (Aktivierung)" = [8]
"Streben des Menschen nach" = aktuelles Modul
"Zielen oder wünschenswerten Zielobjekten." =
Etwas wird als positiv eingeschätzt: [9]
"Beweggründe (Motive), die zur Handlungsbereitschaft
führen," = Wille kommt hinzu: [10]
"Umsetzungskompetenz" = alle inneren und äußeren Be-
dingungen, endlich zu handeln, sind erfüllt: [11] 

0.6.1 "prospektiv" - in Erwartung von ...

Vgl. [12] S.166f

0.7 "retrospektiv" - "o wäre, hätte doch ..."

aus G. Grass, Mein Jahrhundert, S.162 (zu 1940):

"Es ging um Dünkirchen, wohin sich das gesamte briti-
sche Expeditionskorps geflüchtet hatte: an die drei-
hunderttausend Mann sollten eiligst eingeschifft
werden. Der einstige Schmidt, dessen neuester Namen
nicht genannt werden darf, war immer noch satt an
Entrüstung: 'Hätte nicht Hitler das Panzerkorps
Kleist bei Abbeville gestoppt, hätte er vielmehr
Guderians und Mansteins Panzern erlaubt bis zur Küste
durchzustoßen, hätte er Befehl gegeben, die Strände
aufzurollen und den Sack zuzumachen, dann hätte der
Engländer eine ganze Armee und nicht nur deren Aus-
rüstung verloren. Der Krieg hätte frühzeitig entschie-
den werden können, ja, einer Invasion hätten die
Briten kaum etwas entgegenzusetzen gehabt. Aber der
oberste Feldherr verschenkte den Sieg. Meinte
wohl England schonen zu müssen. Glaubte an Verhand-
lungen. Ja, hätten unsere Panzer damals ..."

So träumen sich Möchtegern-Strategen einen anderen Gang der Dinge zurecht - im Gegensatz zum tatsächlichen Ablauf der Geschehnisse. Eine Überprüfung ist naturgemäß nicht mehr möglich.

aus G. Grass, Mein Jahrhundert, S.166f (zu 1941):

"Reichlich angeduhnt (vom Schnaps) standen wir später
auf Westerlands Strandpromenade schräg gegen den Wind.
Anfangs sangen wir: 'Wir lieben die Stürme, die brau-
senden Wogen...' Dann starrten wir stumm aufs Meer,
das monoton anschlug. Auf dem Rückweg durch schwarz-
verhängte Nacht versuchte ich, unseren einstigen
Herrn Schmidt, dessen neuer Name besser ungenannt
bleibt, zu parodieren: 'Stell dir mal vor, es wäre
Churchill gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs
gelungen, seinen Plan umzusetzen und mit drei Divi-
sionen auf Sylt zu landen. Hätte so nicht viel früher
alles ein Ende gefunden? Und wäre der Geschichte dann
nicht ein anderer Verlauf eingefallen? Kein Adolf
und der ganze Schlamassel danach. Kein Stacheldraht,
keine Mauer querdurch. Heute noch hätten wir einen
Kaiser und Kolonien womöglich. Auch sonst wären
wir besser, viel besser dran ...'"

aus G. Grass, Mein Jahrhundert, S.221 (zu 1954): (Fußball WM, Spiel 'Ungarn - Deutschland')

"Der Honvedmajor meint wohl immer noch, damals in
Bern kein Abseitstor geschossen, vielmehr zum 3:3
ausgeglichen zu haben. Womöglich glaubt er, der
Schiedsrichter, Mister Ling, habe Rache genommen,
weil es im Jahr zuvor den Ungarn gelungen war, im
heiligen Wembley-Stadion Englandes erste Heimnie-
derlage zu besiegeln: 6:3 siegten die Magyaren. Und
Fritz Walters Sekretärin, die den König vom Betzen-
berg unerbittlich abschirmt, hat sich sogar gewei-
gert, eine von mir persönlich überreichte 'Puskas-
Salami' als Geschenk anzunehmen. Eine Niederlage,
an der ich immer noch kaue. Wohl deshalb beschleicht
mich gelegentlich der Gedanke: Was wäre aus dem
deutschen Fußball geworden, wenn der Schiedsrichter,
als Puskas traf, nicht 'Abseits' gepfiffen hätte,
wir bei der Verängerung in Rückstand geraten wären
oder das fällige Wiederholungsspiel verloren hätten
und schon wieder als Besiegte, nicht als Weltmeister
vom Platz gegangen wären ..."

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Lateinische Begriffe

In Grammatiken braucht man Hilfsbegriffe. Üblicherweise werden diese in Latein formuliert, damit man dadurch schon merkt: ich habe es mit einem Hilfsbegriff zu tun, nicht mit der Sprache, die aktuell beschrieben werden soll. Da die Alternativ-Grammatik mehr semantische Nuancen erfassen will, benötigt sie neue, d.h. neu-konstruierte Begriffe. Sie werden hier zugleich mit deutschen Beispielen vorgestellt.

Erläuterung

Fähigkeit, sich einen Gegenstand, eine Person oder eine Szene anschaulich und bildhaft vorzustellen. Imagination (lat.: imago „Bild“). [13] Man kann sich also eine Welt im Kontrast zur aktuellen zurechtdenken. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt (z.B. Don Quichote). Die Beispiele unten sollen die verschiedenen Aspekte der Imagination verdeutlichen.

  1. optativ: rückblickender Wunsch, bedauerte verpasste Gelegenheit
  2. hypothetisch: rückblickende rationale Überlegung
  3. ___potential: realistische rückblickende Überlegung
  4. ___irreal: in der Vergangenheit nicht wirklich realisierbar
  5. ______konditional: hypothetische Annahme für die Vergangenheit: "wenn die Welt gestern untergegangen wäre, ..."
  6. kontrafaktisch: gegen die aktuell wahrnehmbaren Fakten.
  7. ___konditional: bedingte Annahme im Kontrast zur geltenden Gegenwart: "wenn ich du wäre ..."
  8. prospectiv: Futur (was noch aussteht, ist zwangsläufig erst imaginiert)
  9. ___assoziativ: Hoffen, Wünschen, Erträumen . . .
  10. ___argumentativ: Planung, Schlussfolgern, Berechnung, Konstruktion
  11. ______potential: realistische Erwartung
  12. ______final: Zwecksetzung. "Wir bauen den Bahnhof, um die Kinder mit Schuldenlast zu beglücken" ;-)
  13. ___konditional: hypothetische, bedingte Annahme für die Zukunft "Falls es morgen regnet, fällt die Hochzeit aus."


Beispiele

  1. Oh Mann, hätte ich doch letzten Samstag Lotto gespielt, dann wäre ich jetzt Millionär.
  2. Hätte ich gestern keinen Wetterbericht gesehen, hätte ich heute keinen Regenschirm mitgenommen und wäre nass geworden.
  3. ___Hätte ich geordneter besser gelernt, wäre die Prüfung sicher sehr gut ausgefallen.
  4. ___Wäre ich doch nur als Mann geboren, dann wäre das Leben so viel einfacher.
  5. ______Wenn ich du gewesen wäre, hätte ich es anders gemacht.
  6. Angenommen der Baum ist blau.
  7. ___Wenn jetzt die Welt untergeht, ...
  8. Nächstes Jahr um diese Zeit wird es voraussichtlich etwas schöner.
  9. ___Hoffentlich ruft er mich an.
  10. ___Sicherlich gibt es morgen wieder eine Tagesschau.
  11. ______Die Bahn dürfte gewiss morgen wieder fahren.
  12. ______Er geht arbeiten um Geld zu verdienen.
  13. ___Wenn du das jetzt isst, dann darfst du nachher fernsehen.


1.2 Journalismus

"Fußballspiele sind eine unerschöpfliche Quelle für
Konjunktive. Vor allem in Mexiko wird die Möglichkeits-
form in den kommenden Tagen häufig benutzt werden. Die
Aussagen werden sich ungefähr so anhören: Argentiniens
Torschütze Carlos Tevez stand im Achtelfinale gegen
Mexiko bei seinem Führungstreffer in der 26. Minute
klar im Abseits. Der Treffer hätte nicht zählen
dürfen. Das Spiel wäre in der Folge anders verlaufen.
Gonzalo Higuain  hätte nicht kurz darauf zum 2:0
getroffen (33.). Und die Vorentscheidung wäre nicht
schon eine Stunde vor Abpfiff gefallen"
(SPIEGEL-Online 27.6.2010)

Im Rückblick (retrospektiv) stellt man sich einen Gang der Dinge im Kontrast zum tatsächlichen Geschehen vor. Die Art der Sprache klingt nach realitätsnaher Überlegung. Also könnte man als Analyse vergeben: retrospektiv-potential.

1.3 Indirekte Rede - Orgie an Konjunktiven

aus: W. Herrndorf, tschick. Hamburg 2014. 36. Aufl. 164:

... nachdem sie gehört hatte, dass wir Berliner waren,
sagte sie, das wäre genau ihre Richtung. Und als wir
erklärten, dass wir gerade nicht nach Berlin fahren
würden, sagte sie, das wäre auch genau richtig. Außer-
dem versuchte sie rauszukriegen, wo wir eigentlich
hinwollten, aber weil sie uns nicht sagen konnte, wo
sie hinwollte, sagten wir ihr auch nur, dass wir unge-
fähr in den Süden führen, und dann fiel ihr ein, dass
sie eine Halbschwester in Prag hätte, die sie dringend
besuchen müsste. Und das läge ja praktisch auf dem Weg,
und es war, wie gesagt, schwer, ihr den Wunsch abzu-
schlagen, weil wir ohne sie ja nicht mal Benzin gehabt
hätten.

2. Einzelsprache: Türkisch

2.1 Beispielsätze

Auch im Türkischen kann die Realität verlassen und etwas geträumt werden. [Die Ziffern in 1.1 haben sich geändert. Folglich sollte jemand, der des Türkischen mächtig ist, die nachfolgenden Ziffern anpassen, bzw. auch manche Beispiele nachtragen. Auch die Einrückungen übernehmen!]

Beispiele

  1. Off, keşke dün kupon alsaydım, simdi zengin olmuştum.
  2. Dün hava durumuna bakmasaydım, simdi şemsiyem olmaz, ve ben oldukca ıslanırdım.
  3. Dersimi daha iyi çalişsaydım şimdi süper not alirdım.
  4. Erkek doğsaydım, hayatım daha rahat geçer.
  5. Senin yerinde olsaydım daha degişik yapardım.
  6. Atatürk olmasaydi Türk tarihi nasil gelişir?
  7. Seneye bu zamanlar tahminen havalar daha güzel olur.
  8. Inşallah beni arar.
  9. Şimdi bu yemeği yersen, sonra televizyon seyredebilirsin.
  10. Para kazanmak icin işe gidiyor.


3. Einzelsprache: Arabisch

3.1 Beispiele

  1. لو لعبت اللوتو السبت الماضي لأصبحت الآن مليونيرا Oh Mann, hätte ich doch letzten Samstag Lotto gespielt, dann wäre ich jetzt Millionär.

4. Einzelsprache: Englisch

4.1 shall/should

"With SHALL the speaker can commit him-/herself greatly to prediction ..., or can make the prediction much weaker, resulting in SHALL having a meaning and function close to the future tense. In the case of SHOULD, it functions, so to speak, as a hypothetical marker where the modality is weak." (M. NAKAYASU, The Pragmatics of Modals in Shakespeare. Frankfurt 2009. S. 124)


4.2 any

Laut "Englische Grammatik" von Kirschning S.135 bezeichnet any "etwas nur Gedachtes oder Mögliches. - Man staunt darüber, was any neben dem Beitrag zur Determination - vgl. [4.02421 (Numerus /) Determination] - anscheinend sonst noch alles kann. - Das Staunen verflüchtigt sich aber, wenn man sieht, dass der Grammatiker zwar explizit anführt, dass any meistens in Frage- / Verneinungs- / Bedingungssätzen steht, aber übersieht, dass diese Satzarten mit ganz anderen Mitteln gebildet werden (so dass tatsächlich die Register EPISTEMOLOGIE bzw. IMAGINATION aktiviert werden). - Damit bleibt die Vermutung: any leistet in solchen Sätzen lediglich das, was es in anderen auch tut. Was das ist, gilt es in [4.02421 (Numerus /) Determination] zu besprechen. - Mitnehmen kann man den Eindruck, dass any eine besondere Affinität zu den Modal-Registern hat, die dafür sorgen, dass gerade nicht auf fraglos Gegebenes verwiesen wird, sondern auf erst geistig Produziertes.


4.3 if-Sätze

Laut "Englische Grammatik" von Kirschning S.221f sind 3 Arten von Bedingungssätzen zu unterscheiden:

  • der reale Bedingungssatz
  • der potenziale Bedingungssatz
  • der irreale Bedingungsatz

Bevor man deren Bildung genauer betrachtet (damit auch die sequence of tenses), sollte verstanden werden, was theoretisch mit den genannten Begriffen gemeint ist. Dazu einige Anmerkungen:

  • Die Struktur: "Adjektiv + Bedingungssatz" ist genau genommen falsch. Denn auch der "irreale B." ist ein "realer", d.h. ein echter Bedingungssatz. Nicht das Vorliegen eines Bedingungssatzes wird problematisiert, sondern welche inhaltliche Orientierung der zweifelsfrei vorliegende Bedingungssatz aufweist.
  • "Der reale Bedingungssatz beinhaltet eine realisierbare Voraussetzung.". - Das lässt sich so umsetzen: "Voraussetzung" = Es wird eine theoretische Setzung, Annahme gemacht darüber, was in Zukunft der Fall sein könnte. Das Affix realisierbare gibt einen weiteren Hinweis: Es geht um einen Sachverhalt, den der Sprecher für realistisch hält, für mit einiger Sicherheit erwartbar. Insofern ist der angenommene Sachverhalt "real" (= realistisch/argumentativ erwartbar), nicht der Bedingungssatz (vgl. vorigen Punkt).
Orientiert an der Terminologie der Alternativ-Grammatik
(vgl. nachfolgend Ziff. 5.1) könnte man sagen:
     Mit "if" enthalten solche Sätze explizite
     Markierungen, dass eine "bedingte Annahme" gesetzt
     wird: Ziff.11 für "Bedingung in der Zukunft"
     Die weitere Präzisierung erfolgt durch Punkt 7:
     prospektiv, d.h. man blickt in die Zukunft
     und erwartet problemlos den erwähnten Sachverhalt.
  • "Der potenziale Bedingungssatz lässt die Realisierbarkeit einer Angelegenheit als möglich erscheinen." - Hier wird es zunächst im Deutschen schwierig: "-bar" meint "möglich" - wie soeben gesehen -, und dieses "möglich" sei dann auch möglich. Was meint der Grammatiker bzw. worin besteht der Unterschied zum sog. "realen Bedingungssatz"? - Der neue Aspekt, der hinzukommt, drückt eine zusätzliche Unsicherheit aus, wobei die Überzeugung überwiegt, dass es wie angenommen auch eintreffen werde.
Orientiert an der Terminologie der Alternativ-Grammatik
(vgl. nachfolgend Ziff. 5.1) könnte man sagen:
     Mit "if" enthalten solche Sätze explizite
     Markierungen, dass eine "bedingte Annahme" gesetzt
     wird. Aber diese Markierung durch "if" kann auch
     fehlen, da die Aktivierung des Registers IMAGINA-
     TION durch ein anderes sprachliches Mittel allein
     vollzogen werden kann (z.B. durch should).
     Die weitere Präzisierung erfolgt durch Punkt 8:
     prospektiv, d.h. man blickt nicht nur in die
     Zukunft, sondern räsonniert zusätzlich und letzt-
     lich zuversichtlich über den erwarteten Sachverhalt.
  • "Der irreale Bedingungssatz beinhaltet eine gedachte Voraussetzung, deren Erfüllung eher unwahrscheinlich oder unrealisierbar ist." - Das ist nun auch nicht ein theoretisches Highlight, denn gedacht klingt so, als gelte dieses Merkmal erst hier. Stattdessen: immer im Kontext von "Bedingungen", weiter greifend: überall im Bereich der Modalitäten, geht es um Gedachtes, um Annahmen, um theoretische Konstrukte. Das ist nun wahrlich keine Spezialität des "irrealen Bedingungssatzes". - Das entscheidend Neue gegenüber den vorigen beiden Beispielen wird vom Grammatiker nicht artikuliert: Anstelle der prospektiven Orientierung gilt nun die retrospektive, der Blick in die Vergangenheit. Und in dieser Orientierung, und nur in dieser, kann man durchspielen, wie es gekommen wäre, wenn die Voraussetzungen anders gewesen wären.
Orientiert an der Terminologie der Alternativ-Grammatik (vgl. nachfolgend Ziff. 5.1)
könnte man sagen:
      Mit "if" enthalten solche Sätze explizite Mar-
      kierungen, dass eine "bedingte Annahme" gesetzt
      wird: Ziff.5 für "Bedingung in der Vergangenheit".
      Die weitere Präzisierung erfolgt durch Punkt 4:
      Denkmöglich und formulierbar ist zwar alles,
      aber nun wird eingeschränkt, indem zusätzlich vom
      Sprecher mitgeteilt wird: die erwähnte, denkmögli-
      che Handlung in der Vergangenheit, halte ich für
      weitgehend unrealisierbar - und sie trat dann ja
      auch nicht ein.  

Für "prospektiv" gibt es keine "Irrealität", sondern allenfalls - wenn es um niedrige Erwartungen geht - Befürchtungen ("assoziativ" - mehr emotional) oder Einschätzungen geringer Wahrscheinlichkeit ("argumentativ" - mehr rational), dass ein erwähntes Ereignis nicht eintreffen werde. Das ist nicht das Selbe wie "Irrealität". Sie kann erst rückblickend oder als Gedankenkonstrukt für die Gegenwart ("If I were you, I wouldn't do that") konstatiert werden.

Nicht falsch wäre es, alles, was mit Futur/"prospektiv" zu tun hat, als "irreal" zu bezeichnen, denn all das gibt es per definitionem noch nicht, sonst wärs kein Futur. So wird der Begriff aber üblicherweise nicht verstanden; in einer solchen Allgemeinheit würde er auch nichts mehr erklären.

Die von Kirschning angeführten Beispiele sind in die Tabelle Ziff. 5.1 integriert.

4.4 "subjunctive"

aus einer online-Grammatik fürs Englische:

The subjunctive mood is used to express unreal situations; wishes, hypothetical situations etc.

   For example:-
   I wish I had more time to spend online.

=> Bemerkung:

Man beachte: die erste erläuternde Aussage zielt ganz
auf die Bedeutungsfunktion. Insofern ist die
Perspektive verwandt mit unserem Register IMAGINATION.

The verb that causes the most problems in the subjunctive mood is the verb 'to be'. In the subjunctive we use 'be' in the present tense and 'were' in the past tense, regardless of the subject.

   For example:-
   If I were rich I would buy a caravette and travel round the world.
   If he were rich he would buy a caravette and travel round the world.
   If they were rich they would buy a caravette and travel round the world.

=> Bemerkung:

Der Grammatiker scheint sich fast zu entschuldigen,
weil auf Ausdrucksebene (= unsere SYNTAX) gar keine
Variation zu verzeichnen ist: keine Kongruenz zum
Subjekt, wie man üblicherweise sagt. - Man braucht
sich aber nicht zu entschuldigen. Stattdessen:
durch "if" + unveränderliches "were" bekommt der
Leser/Hörer zwei Signale, aufgrund derer er das
Gesagte auf die richtige = semantisch-irreale Ebene
hebt. Das ist doch positiv, oder? Gefahr von Miss-
verständnissen reduziert!

The best example of the subjunctive mood is the song "If I were a rich man" from the musical "Fiddler on the roof". - See more at: http://www.learnenglish.de/grammar/moodsubjunctive.html#sthash.tgg9YiB2.dpuf

5. Realisierung in mehreren Sprachen

5.1 Deutsch - Latein - Englisch - Russisch

  • In der folgenden Tabelle stehen in der linken Spalte die semantischen Funktionen, die überall gebraucht werden. Die folgenden Spalten können für einzelne Sprachen genutzt werden. Gesucht sind Realisierungsformen für die semantische Funktion in der jeweiligen Einzelsprache im Bereich wörtlicher Bedeutung (also Konjugationen, Modalwörter, spezifische Stellungen usw. - die Mittel bitte kursiv hervorheben).
  • Bei Bedarf Tabelle kopieren, von den bisherigen Einträgen befreien und so für weitere Sprachen nutzen.
  • Bedingungen: Zwei Einträge erforderlich. (1) zur Feststellung, dass ein expliziter Anzeiger für Bedingung vorliegt (z.B. Konjunktion wenn, falls, if...). (2) Inhaltliche Orientierung durch 2. Zelle.
  • Nachträglich ergänzt: Bedingung gibt es nicht nur in Vergangenheit oder Zukunft, sondern auch in der Gegenwart (bei kontrafaktisch)

Die lateinischen Begriffe sind der Reihe weiter oben unter Ziff. 1.1 - erläutert. - Die semantischen Funktionen, die über Sprachbilder ausgesagt werden, werden erst in der Pragmatik behandelt. Jetzt geht es um die wörtliche, direkt fassbare Bedeutung.

semantische Funktion Deutsch Latein Englisch Russisch ...
1. retrospektiv-optativ Oh wären meine Mathe-Kenntnisse doch besser gewesen. [Latein] If only my knowledge in mathematics had been better... [Russisch] ...
2. retrospektiv-hypothetisch Wenn meine Mathe-Kenntnisse besser gewesen wären ... (mit Ziff.5) [Latein] If my knowledge in mathematics had been better ... (mit Ziff.5) [Russisch] ..
3. retrospektiv-hypothetisch-potential Das Prüfungsergebnis hätte durchaus günstiger ausfallen können. Quid agerem? An manerem? - Was hätte ich tun sollen? Hätte ich etwa bleiben sollen? (oft als "Deliberativ der Vergangenheit" bezeichnet) Diceret aliquis - Jemand hätte sagen können. His results could have been better. [Russisch] ...
4. retrospektiv-hypothetisch-irreal ...dann hätte ich verblüffenderweise das Rennen gewonnen. Si tacuisses, philosophus mansisses. - Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben. NS: If (mit Ziff.5) you had passed the exam, (HS: I would have arranged a party). - Wenn du das Examen bestanden hättest, hätte ich eine Party arrangiert. [Russisch] ...
5. retrospektiv-hypothetisch-irreal-konditional Wenn er den Ball voll getroffen hätte, ... [Latein] If mit Plusquamperfekt (modales past perfect) [Russisch] ...
6. präsentisch-kontrafaktisch Vorausgesetzt Wasser fließt bergauf ... Ne vivam, (si verum non dico). Ich will nicht leben (wenn ich nicht die Wahrheit sage). - Nisi mors esset, vita hominum ... Wenn es den Tod nicht gäbe, wäre das Leben ... - Utinam/Vellem amicus viveret - Wenn doch der Freund noch lebte! (Realisierung ausgeschlossen) Given we had good weather ... [Russisch] ...
7. präsentisch-kontrakfaktisch-konditional Wenn ich du wäre, ... [Latein] NS: If (mit Ziff.6.2) I were you, (HS: I wouldn't do that) [Russisch] ...
8. prospektiv Wir werden voraussichtlich kommen. - [Latein] NS: If you pass (mit Ziff.13) the examination, (HS: I will arrange a party.) - Wenn du das Examen bestehst, werde ich eine Party arrangieren.
We will probably be coming.
[Russisch] ...
9. prospektiv-assoziativ Erwartungsvoll hob/hebt/wird heben er die Stimme. - Hoffentlich werden alle das Unglück überleben. [Latein] In expectation of general applause, she finished her lecture. [Russisch] ...
10. prospektiv-argumentativ Wenn ihr euch auf den Hosenboden setzt [, wird das zu schaffen sein]. - Falls die Brücke solide geplant (werden) wird, ... - Quid agam? An maneam? - Was soll ich tun? Soll ich bleiben? (Oft als "Deliberativ der Gegenwart" klassifiziert) [Latein] NS: If (mit Ziff.13) you pass/should pass the exam, (HS: I will/would arrange a party) Wenn du das Examen bestehen solltest, werde/würde ich eine Party arrangieren. [Russisch] ...
11. prospektiv-argumentativ-potential Ziemlich sicher dürften morgen, am Sonntag, die Bäckereien offen sein. [Latein] He may reach his goal.
He might reach his goal. (sehr ungewiss) = He will perhaps reach his goal. (mit dubitativ aus Register EPISTEMOLOGIE)
[Russisch] ...
12. prospektiv-argumentativ-final Er wird ins Freibad gehen um zu kraulen. Supinum I auf -um: ire salutatum - Gehen um zu begrüßen He will go to the swimming pool (in order) to practice ...
He will go to the swimming pool for an extra round of exercise.
[Russisch] ...
13. prospektiv-konditional Wenn mir die Haare ausfallen würden ... Si quis neget deos esse, erret - Wenn jemand die Existenz der Götter leugnen sollte, irrt er wohl. If I lost (modal past) my hair... [Russisch] ...

6. Zukunft / prospektiv

6.1 prospektiv - assoziativ / argumentativ

Das Beispiel aus DER SPIEGEL 41/2010 gehört methodisch zur Pragmatik. Es kann aber hier schon erläutern, wie die unterschiedlichen Typen von Zukunftsaussagen aussehen. Der Artikel zu Stuttgart 21 stellt zwei Formen von Zukunftsaussagen gegenüber. Die erste wird bei uns als "assoziativ" erfasst: Es geht um Träumereien, Hoffnungen - ob sie begründet und sicher sind, bleibt offen:

Wie und wo die Budgetplaner fast 900 Millionen Euro sparen
wollen, haben sie auf den Seiten fünf und sechs der Vorlage
zur Bahn-Aufsichtsratssitzung vom 9. Dezember 2009 summiert ...
Auf Basis einer "Markt- und Vergabeanalyse" ... dürfe man
beispielsweise 598 Millionen herausstreichen. Weitere 294
Millionen an Einsparungsmöglichkeiten hat die Bahn bei der
"Optimierung der Bauwerke" identifiziert. 
Ein "geringerer als angenommener Quelldruck" in den unter-
irdischen Streckenteilen habe zudem "Auswirkung auf die
benötigte Stahlmenge in den betroffenen Tunnelbauwerken". 
Das heißt: Deren Wände könnten einfach dünner gebaut werden.
So brauchte man weniger teuren Stahl. Und das "ohne Beein-
trächtigung der Qualität und Sicherheit", versicherten die
Planer.

Als "argumentativ" würde bei uns eine Zukunftsaussage bezeichnet, die versucht, absichernde Indizien hinzuzunehmen. Genau diese - so der Artikel - fehlen im genannten Projekt. Die Sparvorschläge ...

...wurden "ohne vertiefte Planung abgeschätzt", wie die
Bahn in einer Auflistung einräumt. Zum anderen sind "zur
Realisierung dieser Punkte zum Teil die Zustimmung des
Eisenbahnbundesamtes, der Architekten, der Projektplaner,
der Bauherren und Gutachter notwendig".
Soll heißen: Für keine der Änderungen ist bislang eine
Genehmigung erteilt worden. Auf Nachfrage musste die Bahn
vergangenen Donnerstag gar erklären, dass entsprechende
Anträge, etwa beim Eisenbahnbundesamt, überhaupt noch
nicht gestellt wurden. Bis jetzt seien "noch keine
Aufträge für den Tunnelbau vergeben worden, entsprechend
gibt es auch noch keine Ausführungsplanungen".

Die Öffentlichkeit kann leicht notieren, dass dann, wenn es um sehr viel Geld und um die Sicherheit der Fahrgäste geht, nicht mit derart unabgesicherten Träumereien operiert werden darf. Die Proteste richten sich offenbar nicht allein gegen das Projekt selbst, sondern zugleich gegen den fahrlässigen Umgang mit dem "Register IMAGINATION" durch die politisch Verantwortlichen: "assoziativ" sollte man in der Öffentlichkeitsarbeit nicht als "argumentativ" ausgeben.


6.2 Lernziele

Werden in Lehrplänen Lernziele vorgegeben, muss dies auf Schüler als dunkler Mechanismus wirken, dem sie ausgeliefert sind - so könnte man den Terminus assoziativ anwenden. Das allein schon untergräbt die Bereitschaft mitzuarbeiten. M.B.Rosenberg, "Erziehung, die das Leben bereichert", S.100-101, plädiert für eine gemeinsame Festlegung der Lernziele und dann auch die Klärung, wie messbar das Erreichen festgestellt werden soll. Das wäre eine Zukunftsorientierung im Sinn von argumentativ.

"Wenn Ziele gemeinsam festgelegt wurden und meßbar sind,
engagieren sich die Schüler/innen stärker dafür, das Ziel
tatsächlich zu erreichen, als wenn andere es für sie defi-
niert haben. Ich glaube, daß die für viele Klassen typische
Apathie größtenteils auf einem Mangel an Engagement der
Schüler/innen  für die Ziele, auf die sie hinarbeiten,
beruht. Es wurde bereits erwähnt, daß den Schüler/innen
vielfach nicht einmal klar ist, um welche Ziele es sich
handelt. Betriebspsychologen haben nachgewiesen, wie stark
sich Arbeitsmoral und Produktivität auf das Engagement für
Ziele auswirken. Ich halte es für einen Fehler, wenn
Lehrer/innen Schüler/innen irgendwelche Anweisungen geben,
bevor sie davon überzeugt sind, daß alle Schüler/innen mit
den angestrebten Zielen einverstanden sind. Wenn sich
Schüler/innen aktiv für Ziele engagieren, wirkt sich das
auch sehr günstig auf Disziplinprobleme aus."


6.3 Finanzmarkt

Als der Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft 2011 von Borussia Dortmund feststand, sanken die Aktien des Vereins. Wie ist das zu erklären. Dazu ein Auszug aus SPIEGEL-Online vom 2.5.2011:

Händler begründeten das deutliche Minus trotz dieser
positiven Nachricht mit der alten Börsenweisheit "Buy the
Rumor, Sell the  Fact". Demnach kaufen Investoren Aktien
in Erwartung eines Ereignisses und verkaufen wieder, wenn
dieses tatsächlich eintrifft.
Die BVB-Aktie hatte seit dem Zwischentief Mitte März bei
knapp 2,40 Euro in Reaktion auf die sportliche Bergfahrt
des BVB in der Spitze ein Drittel an Wert gewonnen. Über
Jahre dümpelte das Papier sogar nur bei rund einem Euro.
Beim Börsengang im Jahr 2000 kostete die Fußballtitel
allerdings noch elf Euro. ...
Oliver Roth, Kapitalmarktstratege von Close Brothers
Seydler, sagte: "Gewinnmitnahmen drücken die Aktien ins
Minus. Was soll auch jetzt noch kommen? Die Fantasie ist
zunächst mal raus." Auch Andreas Lipkow, Aktienhändler
bei MWB Fairtrade, sagte: "Die Euphorie für die Fußball-
aktie ist in den vergangenen Wochen förmlich in den
Himmel geschossen. Jetzt fehlen aber die weiteren Im-
pulse in den kommenden Wochen." 

Anders gesagt: solange aus dem Register IMAGINATION das "assoziativ" relevant ist ("hoffen, träumen") - denn wirklich berechnen ("argumentativ") kann man die Endplatzierung in der Tabelle nicht -, solange bekommt die Spekulation (die Gier) neue Nahrung. Sobald das Endergebnis klar ist, ist die Luft raus: der Kurs sackt ab.--Hs 12:14, 2. Mai 2011 (UTC)


6.4 Konfliktlösung

Rational argumentieren und visionär träumen müssen nicht harte Gegensätze bleiben. Die Kunst ist, die zunächst utopisch klingende Vision mit Argumenten zu unterfüttern. Wo dies nicht gelingt, bleibt es bei der sich verhärtenden Konfrontation, die letztlich "Gewalt" als Lösung einsetzt, vgl. [4.391 Ich-Stärke/Selbstbewusstsein - Dominanz - Macht]

In einem Interview sagte der Friedensforscher Johan Galtung (Schwäb. Tagblatt 16.7.2011):

"Für eine Konfliktlösung gibt es meines Erachtens ein
Prinzip: Man muss etwas Neues einführen. Wenn die alten
Parameter genügen würden, hätte man die Lösung ja schon
gefunden. Für etwas Neues braucht man Fantasie und Krea-
tivität. Die meisten Vermittler haben die nicht, das ist
mehr Kunst als Wissenschaft. Aber es gibt Vorbilder wie
die französischen Gründerväter der Europäischen Union
nach dem Zweiten Weltkrieg, Jean Monnet und Robert Schu-
mann: Statt zu sagen, dass man die Deutschen demütigen
muss, haben sie gesagt, die Deutschen waren so furchtbar,
man muss sie in die Familie einbinden. Monnet hat es ge-
schrieben; Schumann hatte es nicht gelesen. Aber dann
gab es plötzlich eine Zugverspätung, und er hatte eine
Stunde der Muße. Da fand er zufällig dieses Dokument
und las es.
Eine Sternstunde der Menschheit?
Ja, es lebe die Zugverspätung!"

6.5 "Superprognostiker"

Was macht sie aus? - Der Buchautor Philip Tetlock ging dem nach. Aus einem Artikel in SPIEGEL 33 (2016) 125f dazu:

"Sie lesen viele Bücher, sie informieren sich vorrangig aus
sogenannten Qualitätsmedien, sie können gut mit Zahlen
umgehen. Und sie zählen zu den intelligentesten 20 Prozent
der Bevölkerung. Aber: Sie sind, gemessen an ihren Intelli-
genzquotienten, keine Gnies.
   Wissen und Intelligenz spielten eine Rolle, schreibt
Tetlock, 'aber nur bis zu einem gewissen Punkt'. Super-
prognostiker seien neugierig und offen, vorsichtig und
selbstkritisch, bescheiden. Sie würden sich 'als Betaver-
sion' ihrer selbst begreifen, seien stets bereit zu Aktua-
lisierungen. 'Für Superprognostiker sind Überzeugungen
Hypothesen, die man überprüft, und nicht Schätze, die man
hütet.'
   Es ist eine Art zu denken, die sich bis zu einem ge-
wissen Grad von jedem trainieren lässt. Wichtig ist, sich
dafür einige Mechanismen bewusst zu machen: das Gehirn ist
eine Sinnstiftungsmaschine, darauf programmiert, sich auf
alles einen Reim zu machen und so die Welt zu ordnen. Das
Problem: Die meisten Menschen neigen dazu, nach der erst-
besten Erklärung für ein Phänomen zu greifen und dann nur
nach Beweisen zu suchen, die diese Erklärung stützen,
statt ebenso nach Beweisen, die ihr widersprechen (...)
   Ein vermeintlicher Nachteil wird für Superprognostiker
zum Vorteil: 'Sie sind keine Experten und Profis, weshalb
bei ihren Vorhersagen ihr Ego nicht mit auf dem Spiel
steht.' Hinzu kommt, dass sie nicht so selbstsicher sind,
also weniger dazu neigen, neue Informationen unterzube-
werten. Sie ändern ihre Überzeugungen leichter. (...)
   Tetlock plädiert dafür, ungefähre Ahnungen und Mut-
maßungen in konkrete Zahlen zu übersetzen, so wie Meteo-
rologen, die im Wetterbericht nicht ankündigen, dass es
'vielleicht' irgendwann 'demnächst' regnen wird, sondern
die eine Niederschlagswahrscheinlichkeit für den nächsten
Tag angeben, zum Beispiel 70 Prozent. Womit sie entgegen
einem verbreiteten Missverständnis übrigens nicht meinen,
dass es am nächsten Tag 70 Prozent der Zeit regnet,
sondern  dass es regnen kann oder auch nicht. Von 100
vergleichbaren Tagen, so ist die Prognose zu lesen, regnet
es an 70 Tagen und an 30 nicht. Das mag unbefriedigend
sein, aber es ist ehrlich: 'Das Denken in Wahrscheinlich-
keiten setzt die Erkenntnis voraus, dass sich die Unge-
wissheit nicht beseitigen lässt.'"

7. Einzelsprache: Französisch

7.1 Bedingungssatz

Dass im Französischen - (wie im Englischen: If I were a rich man) - mit si + Imparfait eine Hypothese ausgedrückt wird, mag verwundern. Ist doch das Imparfait weitgehend auf Vergangenheitsaussagen (im Hintergrund) spezialisiert. vgl. [4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte].

Si j'étais riche, j'achèterais une ferrari

Eine Lösung könnte darin bestehen: diese Konjugationsart (üblicher Weise für Vergangenheit) steht zugleich für einen sicheren Sachverhalt. Was in der Vergangenheit geschah, an dem ist nicht mehr zu rütteln. Also würde jetzt nicht der Aspekt 'Vergangenheit' gebraucht, sehr wohl aber der der sicheren Aussage. Daher der Griff zur scheinbaren 'Vergangenheitskonjugation'.

Ausgesprochen falsch ist der semantische Begriff für die Konjugationsform (Imparfait - unabgeschlossen): Was vergangen ist, ist vergangen, mithin "perfectum/parfait", also "abgeschlossen". (Wie das in Grammatiken beliebte, meist aber schwammig erklärte "Weiterwirken eines vergangenen Sachverhalts" zu deuten ist, wird in 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte behandelt.) - Ein weiterer Beleg dafür, dass man semantikfreie Begriffe für Konjugationsformen benutzen sollte. Dann lösen sie im Bereich der semantischen Funktionen keine Verwirrung aus.


7.2 Übersicht

Gestützt auf Anregungen aus der "Grammaire de base (alpha.b)": Zwar stehen - wie üblich - wieder Konjugationsformen im Vordergrund - statt dass die semantischen Funktionen im Zusammenhang dargestellt würden. Aber es ergeben sich manche Annäherungen an unsere Terminologie - s.o. Ziff. 5.1:

retrospektiv
Elle aurait eu une robe de bal et elle aurait dansé
'toute la nuit. 
retrospektiv-konditional  = L'hypothèse non réalisée:
SI + conditionnel présent / imparfait
Si tu ne t' étais pas levé aussi tard, on
serait partis en randonnée.
kontrafaktisch - wird in der Grammatik umschrieben
mit le conseil; das ist irreführend, da auf Register
INITIATIVE deutend (empfehlen, raten, drängen). Zunächst
geht es aber nur um ein  Gedankenspiel. 
Erst im Gefolge kann man darin eine Willensbekundung
sehen:
Si j'étais toi, je n' irais pas
(Moi), à ta place, je ferais ça autrement.
Tu ferais bien d' arrêter de fumer.
Il vaudrait mieux aller consulter un médecin.
Je serais le roi et tu serais la reine.
prospektiv
Demain nous partirions sur la lune. 
Il serait intéressant de construire des avions
éléctriques.
prospektiv-argumentativ = l'hypothèse possible:
SI + conditionnel présent / imparfait
S'il étudiait plus, il aurait de meilleurs
résultats.
 = l'hypothèse certaine: SI + présent  / futur simple
S'il fait beau ce week-end, on ira pique-niquer.
prospektiv-final  =  Le but
Nous lui expliquerons la situation afin qu'il soit
au courant.
Je parle lentement pour que tu me comprenne.


8. Literarische Beispiele - Einbeziehung der Pragmatik

8.1 L. Tolstoj, Anna Karenina

(Ausgabe Berlin 2010) - Mit "Versuchung" ist der Aufbau einer Zweitwelt gemeint, die als 'kontrafaktisch' wieder verdrängt wird. Ob das angemessen ist, ist eine andere Frage.

(773) Und dieselbe Scham und Reue empfand er, wenn er
an seine ganze Vergangenheit mit Anna und an die unge-
schickten Worte dachte, mit denen er ihr nach langem
Zögern einen Heiratsantrag gemacht hatte.
   "Aber was habe ich denn verschuldet?" frage er
sich. Und aus dieser Frage ergab sich immer eine
zweite Frage: ob diese anderen Leute, diese Wronskijs,
Oblonskijs, diese Kammerherren mit den dicken Waden,
anders fühlten, anders liebten, anders heirateten. Er
sah im Geist eine ganze Reihe dieser gesunden,
starken, selbstbewußten Männer vor sich, die immer und
überall unwillkürlich seine Neugier und Aufmerksamkeit
erregt hatten. Er wies diese Gedanken von sich, er
suchte sich einzureden, daß er nicht für das zeitliche,
irdische Leben, sondern für das ewige lebe, daß in sei-
ner Seele Frieden und Liebe wohnten. Daß er aber in
diesem zeitlichen, nichtigen Leben einige, wie er mein-
te, nichtige Fehler begangen hatte, quälte ihn so, als
wenn es die ewige Erlösung, an die er glaubte, gar nicht
gäbe. Diese Versuchung dauerte aber nicht lange, und
bald herrschte in Alexej Alexandrowitschs Seele wieder
die Ruhe und Erhabenheit, die ihm vergessen halfen,
woran er nicht denken wollte.

8.2 Komponist Richard Wagner

nach J. Köhler, Der Letzte der Titanen. Richard Wagners Leben und Werk. München 2001. S.708f: Im Traum = Alpträumen traten W.'s frühere Frau Minna und seine jetzige, Cosima, auf.

"Eigentlich traf der Vergleich mit Minna nicht ganz zu.
Die Traum-Cosima war viel schrecklicher. Sie schaltete
und waltete in Wagners Traumwelt nach Belieben, und was
er ihr bei Tag verschwieg, ja vielleicht nicht einmal
sich selbst eingestand, drückte die nächtliche Vision
in unmissverständlicher Deutlichkeit aus. Alle Eigen-
schaften, mit denen er jemals die 'böse Mutter' ausge-
stattet hatte, fanden sich einträchtig in Cosima wieder.
Die wortreich Vergötterte brillierte als Hexe, die
Heilige als Ausgeburt der Hölle. Wartete sie auch mit
einem reichhaltigen Arsenal raffiniertester Seelenqua-
len auf, so führten sie am Ende doch immer zum gleichen
Resultat: seinem Selbstverlust. Aus der Begegnung mit
Cosima ging Wagner als vollständiger Verlierer hervor. 
   Der bei weitem häufigste Traum Wagners handelte von
Cosimas Verrat. In endlosen Variationen musste sie in
ihre Tagebücher notieren, dass sie mit ihm gebrochen,
ihn hintergangen und verlassen hatte. Dass sie sich von
ihm schied und trennte, mit anderen Männern, zumal
ihrem Vater, ins Blaue davonreiste, einfach nichts mehr
von ihm wissen, ihn nicht einmal mehr kennen wollte.
Voll Kälte und Hochmut verstieß sie ihn als Fremden,
der sein Bleiberecht verwirkt hatte, sorgte dafür, dass
er ins Zuchthaus kam, während sie Mazurka tanzte oder
mit Papa vierhändig spielte. Die Geliebte ließ ihn im
Stich und lachte noch dazu. ...  Um ihn loszuwerden,
wurde sie wahnsinnig, bekam die Pest, ging ins Wasser,
suchte aus Liebeskummer den Tod, ließ sich von Liszt
aus Buße hinrichten oder gleich im Leichenwagen vor-
fahren."

8.3 Skat, indirekte Rede

... laut S. Lenz, "Deutschstunde", (45. Aufl. 2014, S.380)

Der Maler behielt den Horizont im Auge, und hinter ihm
begannen sie, anfangs noch zerfahren und hier und da
lauschend, dann aber immer intensiver und unbesorgter,
die Zeit mit einem Dauerskat zu überspielen; da wurde
lamentiert und nachgerechnet und bewiesen: Wenn du
nicht, dann hätte ich, somit wären die letzten beiden
Stiche ... Man kennt das.

(566) Nun aber sei es genug. Es dürfe nicht mehr
weitergehen. Die zumutbare Grenze sei ein für allemal
erreicht. Ob ich mich dazu äußern möchte? Nicht? Dann
möchte er mich fragen, was ich davon hielte, die Insel
in zehn Tagen zu verlassen, für immer. Dim-da-da. Es
sein in meinem Fall ein Erlaß erwirkt worden, ich könne
gehen, wohin ich wolle, zwar hätte ich keinen Beruf
erlernt - was er persönlich bedaure -, aber die
Leistungen, dich sowohl in der Besenwerkstatt als auch
in der Inselbibliothek gezeigt hätte, seien überdurch-
schnittlich gewesen, so daß es ihm leichtfalle, mir
entsprechende Zeugnisse mitzugeben. Ob das beschlossen
sei? Ja, das sei unabänderlich, nun könne es keinen
Aufschub mehr geben. Auch nicht für einige Wochen? Auch
nicht für einige Wochen. Aber die Arbeit sei noch nicht
fertig. Das sei gleichgültig, solch eine Arbeit könne
ja ohnehin nur zu einem vorläufigen Abschluß gebracht
werden, das reiche aus.
Wann ich denn abliefern solle? Morgen früh. Und das sei
unabänderlich?

8.4 Hermann Hesse

Ein Ringen um die Berechtigung von Fantasien wird vorgführt. Oder muss man 'vernünftig' bleiben, d.h. immer nur [14] akzeptieren? - 2 kurze Ausschnitte aus einem längeren Ringen:

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973. 'Heumond'

(115) "Paul stand in dem offenen Türflügel und schaute
zu, ohne viel Aufmerksamkeit und ohne viel dabei zu
denken. Er dachte wohl, aber nicht an das, was er sah.
Er sah es Nacht werden. Aber er konnte nicht fühlen, wie
schön es war. Er war zu jung und lebendig, um so etwas
hinzunehmen und zu betrachten und sein Genüge daran zu
finden. Woran er dachte, das war eine Nacht am nordi-
schen Meer. Am Strande zwischen schwarzen Bäumen wälzt
der düster lodernde Tempelbrand Glut und Rauch gen Him-
mel, an den Felsen bricht sich die See und spiegelt
wilde rote Lichter, im Dunkel enteilt mit vollen
Segeln ein Wikingerschiff. (...)
(129) 'Gehen Sie denn nicht gern ins Gymnasium?'
'Kennen Sie jemand, der gern hineingeht?'
'Sie wollen aber doch studieren?'
'Nun ja. Ich will schon.'
'Aber was möchten Sie noch lieber?'
'Noch lieber? - Haha -. Noch lieber möcht ich Seeräuber
werden.'
'Seeräuber?'
'Jawohl, Seeräuber. Pirat.'
'Dann könnten Sie aber nimmer soviel lesen.'
'Das wäre auch nicht nötig. Ich würde mir schon die Zeit
vertreiben.'
'Glauben Sie?'
'O gewiß. Ich würde -'
'Nun?'
'Ich würde -, ach, das kann man gar nicht sagen.'
'Dann sagen Sie es eben nicht.'
Es wurde ihm langweilig. Er rückte zu Berta hinüber und
half ihr zuhören. Papa war ungemein lustig. Er sprach
jetzt ganz allein, und alles hörte zu und lachte."

8.5 Spielsucht

Der franz. Schriftsteller Michel Houellebecq im Interview (SPIEGEL 25/2016 S.124):

Dostojewski war ein Spieler. Balzac hat über Spieler ge-
schrieben, ohne selbst einer zu sein. Es gibt bei ihm
packende Szenen, in denen Menschen versuchen, im Spiel-
saal ihr Leben neu zu erfinden. Ich glaube, dass man
heute einen wirklich guten Roman über die Spielsucht
schreiben könnte, sogar mehr denn je, weil die Armen
unglaublich viel spielen. Wie viele Rubbelspiele es
allein gibt! Je ärmer man ist, desto mehr spielt man.
In manchen Lebenssituationen scheint das Spielglück
die einzige Rettung. Das ist erschütternd. Ich hatte
nie daran gedacht, bis ich mal in Calais, einer der
ärmsten Gegenden Frankreichs, den Arbeitslosen und
Sozialhilfeempfängern zusah, wie sie an den Automaten
der Spielhallen ihr armseliges Geld verjubelten. Mir
war das vorher nicht bewusst, dabei hätte ich es wis-
sen müssen: Es sind nicht die Reichen, die spielen,
um zu gewinnen. Es sind die wirklich Armen, die dem
Traum vom großen Los nicht widerstehen können.

8.6 Nagib Machfus, Echnaton

Untertitel: Der in der Wahrheit lebt. Zürich 1999. - Nachet, ehemaliger Minister des Pharao blickt, zurück:

(130f) "Er besaß eine unglaublich draufgängerische
Fantasie, das war seine Stärke. Aber gleichzeitig machte
sie ihn auch, ohne dass er es merkte, zu ihrem Gefange-
nen. Wir alle hatten unsere Fantasien und Träume, aber
wir waren uns ihrer bewusst. Er hingegen hielt das, was
er sich vorstellte, für das einzig Wahre. Genau das war
der Grund, warum man ihn für verrückt oder töricht
hielt. O nein, er war nicht geistesgestört, er war
nicht wahnsinnig, aber normal war er auch nicht. Schon
als Jugendlicher gab er seinen Eltern und der Prie-
sterschaft Anlass zur Sorge, und uns, seine engsten
Gefährten, machte er ratlos und verwirrt. Erst stellte
er Amon, den Herrn aller Götter, infrage, dann betete
er Aton an, und schließlich beglückte er uns mit der
Entdeckung eines einzigen und alleinigen Gottes, neben
dem es keinen anderen gebe. Ich bezweifle nicht, dass
er ehrlich war, aber ich habe auch nicht den mindesten
Zweifel daran, dass er irrte."

8.7 "Inschallah"

vgl. [15] - "Wenn Gott will". Eine auf die Zukunft gerichtete Aussage wird unter eine Bedingung gesetzt. Etwa so: Ich als Sprecher kann mir Folgendes vorstellen und vornehmen, aber ich weiß, dass Zukünftiges grundsätzlich unwägbar ist - es könnte alles auch anders kommen. - Eine solche Einstellung ist alt, begegnet schon im Jakobusbrief des Neuen Testaments, wird im Koran aufgegriffen. Man braucht darin keinen "Fatalismus" zu sehen, auch keine befremdliche "Demut", sondern es drückt sich darin eine realistische Einstellung aus. Natürlich kann man diese auch missbrauchen - indem man sich eingegangenen Verpflichtungen doch wieder entzieht, sich ein Hintertürchen offenhält. - Auch braucht die Einzelbedeutung <<GOTT>> den Blick vor klischeehafter Ehrfurcht nicht zu irritieren und erwachsene Menschen immer noch auf personifizierendes Kindheitsverständnis festzunageln. Vielmehr sollte kritische Dekonstruktion selbstverständlich geworden sein, vgl. [16]


8.8 Funktion von Fiktion, Literatur

Vgl. [17]

9. Politik

Was als "Gewaltenteilung" bekannt ist, lässt sich auch mit den Mitteln der Modalregister ausdrücken.

9.1 Rolle des Bundespräsidenten

Bei der Frage, ob sich die Bundeswehr stärker bei Auslandseinsätzen engagieren solle, hat sich BP Gauck dezidiert positiv geäußert. Er musste Kritik einstecken. Überschritt er seine Befugnisse? Oder vollzog er genau das, was seine Aufgabe ist - Handlungsperspektiven aufzuzeigen, Debatten anzuregen? Es sieht so aus: Modalregister IMAGINATION, nun aber schon auf der Ebene der Pragmatik. - Die praktische Durchführung obliegt dann Parlament + Regierung. - Vgl. Interview [18]

9.2 Trick: Hoffnung wecken

(SPIEGEL-online 11.5.2015:)

"Die BND-Affäre ist um ein schmutziges Kapitel reicher.
Der damalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla hat
vor der letzten Bundestagswahl so getan, als seien
Deutschland und Amerika auf bestem Wege, ein
No-Spy-Abkommen abzuschließen. Also eine Vereinbarung,
die amerikanische Spionage in Deutschland für alle
Zeiten ausgeschlossen hätte. Das sollte die Wähler in
der NSA-Abhöraffäre beruhigen, Vertrauen schaffen.
Und Merkels Wiederwahl absichern.
Wie sich jetzt zeigt, war das Ganze offenbar nicht
mehr als ein Wahlkampftrick. Interne E-Mails, über die
die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, belegen, dass das
Weiße Haus wohl nie die Absicht hatte, einem solchen
Abkommen zuzustimmen."

10. Wirtschaftswissenschaft

10.1 "Controlling"

Vgl. [19] - den Fachbegriff platt im Deutschen mit "Kontrollieren" wiederzugeben, würde in die Irre führen.

Stattdessen enthält - nun pragmatisch gedacht - der Begriff viel von dem, was das aktuelle Modalregister IMAGINATION einschließt: es geht um Steuerungen, um strategische Konzepte, welche Ziele mit dem Unternehmen realistischer Weise angestrebt werden können/sollten und darum, mit welchen Zwischenschritten diese Ziele operational angegangen werden können.