4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Das Thema des Willens, der Willensfreiheit, des Befehlens, Anordnens, Ratens und Mahnens, des Warnens, der Lust, des gemeinsamen Beschlusses, des Verbots usw. ist allgegenwärtig im alltäglichen Leben. Folglich wird man dem Register INITIATIVE nicht gerecht, wenn man lediglich einige Imperativformen lernt – so sehr man diese kennen sollte.


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0. Allgemein

0.1 "Freier Wille"

Die Frage, ob der Mensch einen freien Willen bei seinem Handeln habe, ist alt und ideologisch aufgeladen. Das werden und müssen wir hier nicht beanspruchen zu klären, aber wenigstens angeben, wovon wir ausgehen:

Freud warnte schon davor anzunehmen, der menschliche
Verstand sei die einzige, oder gar wichtigste seeli-
sche Instanz, die den Menschen zu Handlungen antreibt.
Keiner von uns ist "Herr im eigenen Haus", wobei "Herr"
das eigene Bewusstsein, der Verstand wäre. Stattdessen
nahm Freud das Unbewusste als zweite, letztlich
viel einflussreichere Instanz an. Insofern wäre die Vor-
herrschaft der Vernunft gebrochen; das menschliche In-
nenleben muss als differenzierter unterstellt werden.
Nicht anders spricht heutzutage der Psychologe und Nobel-
preisträger Kahnemann (SPIEGEL 21/2012). 
Er redet von System 1 - entspräche dem Unbewussten, und
System 2: "System 2 bin ich, also derjenige, der glaubt,
die Entscheidungen zu fällen. In Wirklichkeit allerdings
ist der Einfluss von System 1 enorm - ohne dass Sie sich
dessen bewusst wären. Sie werden gewissermaßen regiert
von einem Fremden, ohne dass Sie es merken. System 1 ent-
scheidet, ob Ihnen ein Mensch gefällt, welche Gedanken
oder Assoziationen Ihnen durch den Kopf schießen und
welche Gefühle Sie empfinden. All das kommt automatisch,
Sie haben keine Kontrolle darüber. Und doch müssen Sie
Ihr Handeln darauf gründen."

Das heißt für uns zweierlei:

  • Sprachliche Äusserungen lassen im Wortsinn erkennen, wo ein Handlungswille ausgesprochen sein soll (Befehl, Empfehlung, Verbot usw.). Das erfassen wir und das sieht danach aus, als sei dabei die Vernunft am Werk, das Bewusstsein.
  • Bei der gemeinten Bedeutung kann es Indizien geben, dass der Handlungswille eher unbewussten Motiven, Neigungen, Tendenzen entspringt. Es kann auch Handlungsentschlüsse geben, die aufgrund des expliziten Textes nicht plausibel herzuleiten sind. Auch das wäre ein Verweis auf "System 1" als Triebkraft. - Und generell kann nun mit der oben genannten Gewichtung operiert werden: die Vernunft darf sich nicht zuviel einbilden... Wesentliches kommt aus unbewussten Impulsen.

Aber wir treiben dennoch keine Psychologie, sondern eine literarische Analyse. Insofern sollten die Fächergrenzen eingehalten werden. Bei unserer Arbeit benötigen wir fassbare sprachlich-literarische Indizien. Wichtig dabei: Brüche, Paradoxien, nicht-schlüssige Zusammenhänge.

0.1.1 Luther - heutige Juristerei

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(272) "Das Absurdum existiert, dass die protestan-
tischen Theologen - die katholischen ohnehin - an
der Freiheit des Willens festhalten und keinen
Grund finden, die heutige Strafpraxis in europäischen
Gerichten im christlichen Abendland in irgendeiner
Weise zu hinterfragen. Die Neurologen sind in dieser
Frage bereits viel weiter. Die Neurologen fangen an
zu glauben, wie sie es als Naturwissenschaftler
müssen, dass es Freiheit gar nicht gibt. Sie analy-
sieren Vorgänge im Gehirn und stellen fest: die
Freiheit ist eine subjektive Einbildung. Das Gehirn
legt sich zurecht, es sei der Schöpfer von Handlungen,
die es überhaupt erst bemerkt, wenn sie im Grunde
schon stattgefunden haben. Das lässt sich in Expe-
rimenten zeigen. Es lässt sich auch zeigen, dass
entwicklungspsychologisch die Menschen schon in
Kindertagen in einer Form geprägt werden, die den
Freiheitsspielraum unglaublich einengt."

0.2 "kausal" - Martin Buber

Anknüpfend an [1] folgendes Zitat:

(49) "Das uneingeschränkte Walten der Ursächlichkeit
in der Eswelt, für das wissenschaftliche Ordnen der
Natur von grundlegender Wichtigkeit, bedrückt den
Menschen nicht, der auf die Eswelt nicht eingeschränkt
ist, sondern ihr immer wieder in die Welt der Bezie-
hung entschreiten darf. Hier stehen Ich und Du einan-
der frei gegenüber, in einer Wechselwirkung, die in
keine Ursächlichkeit einbezogen und von keiner
tangiert ist." 

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Lateinische Begriffe

In Grammatiken braucht man Hilfsbegriffe. Üblicherweise werden diese in Latein formuliert, damit man dadurch schon merkt: ich habe es mit einem Hilfsbegriff zu tun, nicht mit der Sprache, die aktuell beschrieben werden soll. Da die Alternativ-Grammatik mehr semantische Nuancen erfassen will, benötigt sie neue, d.h. neu-konstruierte Begriffe. Sie werden hier zugleich mit deutschen Beispielen vorgestellt.

Von "Imperativ" redet man immer schon, in jeder Gramma-
tik. Dann aber wird es üblicherweise schnell dünn. In
einigen Grammatiken spielt auch der "Jussiv" eine Rolle.
Noch seltener der "Kohortativ". Und bei Verboten wird
noch seltener mit der Unterscheidung von "Vetitiv" und
"Prohibitiv" gearbeitet.

Damit soll gesagt sein: Beim wichtigen Thema des "Willens" merkt man in verschiedenen Sprachen/Grammatiken das Bedürfnis, das Feld mit Termini zu erfassen. Es geschieht semantisch aber selektiv und unzureichend. Daher hier der Vorschlag für eine flächendeckende Erfassung. Das verlangt manchen neuen Begriff.


Erläuterung

Die im Modul "Register INITIATIVE" erläuterten Facetten des Willens lassen sich wie folgt strukturieren:

                             ____________________________
                            /         INITIATIVE          \
                           /                               \
                    _________                               ________________
                   /  Wille    \                           /Zurückweisung   \
                  /             \                         /                  \
          ________             _______                  ______                _______
         / eigener\           /fremder\                /eigene \             /fremde \
        /          \         /         \              /         \           /         \
    ____     __________   _________  ______    _________    ________   _______         _____ 
    Lust     Entschluss   Bitte/Rat  Befehl    Abneigung    Ablehnung  Warnung         Verbot
     1             2        3            4      5             6           7               8
   + 9: kausal

Man beachte, dass die Blätter des obigen Baumes in einer steigenden Intensität der Initiative geordnet sind.

  1. "Lust" = delectativ: Sich zu einer Handlung gedrängt, hingezogen fühlen. (Die lateinische Grammatik kennt hierfür den Begriff Hortativ, v.a. wenn es um ein Pluralsubjekt geht: "Lasst uns die Klappe halten!")
  2. "Entschluss" = decretiv: Handlungswille auf der Basis rationaler Erwägung.
  3. "Bitte/Rat" = jussiv: Jemand anderes bekommt eine Handlungsempfehlung.
  4. "Befehl" = imperativ: Strenge Form der Handlungsanweisung.
  5. "Abneigung" = repudiativ: Ich tendiere dazu, das vorgeschlagene Menü abzulehnen.
  6. "Ablehnung" = refutativ: Gut begründet weise ich die angebotene Wohnung zurück.
  7. "Warnung" = vetitiv: Rat/Empfehlung/Warnung an einen anderen etwas nicht zu tun.
  8. "Verbot" = prohibitiv: strenge Form, jemanden vom Handeln abzuhalten
  9. "kausal" - kennt man aus Grammatiken. Gemeint ist hier: Ein Sprecher fordert nicht einen anderen zu einem Handeln auf, sondern er verknüpft zwei Sachverhalte zwingend: der eine Sachverhalt ist Grund/Ursache/Existensberechtigung für den zweiten. "Weil", "aufgrund" u.ä. stellt die Verbindung zwischen beiden Sachverhalten her. Bsp. aus G. Grass, "Hundejahre": "Als der Deich, der Mäuse wegen, brach, sprang ..."

Das übergeordnete Etikett "Wille" hat man auch bislang schon als voluntativ bezeichnet. Es schließt diverse Nuancen ein, die willensmäßig positiv auf Verwirklichung drängen.
Der negative Gegenbegriff "Zurückweisung" wäre dann - neu -: reiectiv.

Beispiele auf Deutsch

  1. Ich möchte lernen.
  2. Definitiv esse ich jetzt was.
  3. Hilf mir bitte.
  4. Halt die Klappe!
  5. Ich möchte das nicht essen.
  6. Auf keinen Fall!
  7. Du solltest das nicht trinken.
  8. Auf keinen Fall isst du das!

1.2 Literarisch: H. Hesse

In "Der schwere Weg" (vgl. H. Hesse, Die Märchen, Frankfurt 1975), Text von 1916, ist von einer Bergwanderung die Rede. Der Wanderer folgt dem Bergführer nur widerwillig.

"Ich will, ich will, ich will", sang der Führer unent-
wegt. Oh, wenn ich hätte umkehren können! Aber ich war
mit des Führers wunderbarer Hilfe, längst über Wände
und Abstürze geklettert, über die es keinen Rückweg
gab. Das Weinen würgte mich von innen, aber weinen
durfte ich nicht, dies am allerwenigsten. Und so
stimmte ich trotzig und laut in den Sang des Führers
ein, im gleichen Takt und Ton, aber ich sang nicht
seine Worte mit, sondern immerzu: "Ich muß, ich muß,
ich muß!" Allein es war nicht leicht, so im Steigen zu
singen, ich verlor bald den Atem und mußte keuchend
schweigen. Er aber sang unermüdet fort:  
"Ich will, ich will, ich will", und mit der Zeit bezwang
er mich doch, daß auch ich seine Worte mitsang. Nun ging
das Steigen besser, und ich mußte nicht mehr, sondern
wollte in der Tat, und von einer Ermüdung durch das Sin-
gen war nichts mehr zu spüren. (147f)

Offenkundig eine Metapher für einen seelischen Reifungsprozess. Ausgedrückt in dem Schaubild oben (1.1): Das "Ich" fühlt sich "veranlasst, getrieben, unter fremder Entscheidung stehend", kann aber von den Strukturen der Termini 3+4 überwechseln zu denen im Bereich 1+2. Bei ersteren brauchte es einen "Führer", Antreiber, eine Instanz außen, bei den zweiten integriert das "Ich" den Willen, gibt die Opposition auf, alles wird leichter, der "Führer" wird überflüssig (er verflüchtigt sich denn auch am Schluss des Märchens).

1.3 Journalismus

Generell gilt: Was sprachlich erst auf der Ebene der "Modalitäten" eingebracht wird, gibt es so noch nicht, allenfalls erst als innere Vorstellung, Wunsch, Wertung usw. Es ist gut, wenn interviewende Journalisten dies schnell bemerken - damit sie sich nicht einlullen lassen.- Jakob Augstein - SPIEGEL-Online (5.1.2012) - ist offenbar sensibilisiert dafür - es geht um das Fernsehinterview von BP Wulff. Aus dessen Gesprächsbeitrag wird zunächst zitiert:

"Denn ich will besonnen, objektiv, neutral, mit Distanz
als Bundespräsident agieren. Und ich möchte vor allem
Respekt vor den Grundrechten, auch dem der Presse- und
Meinungsfreiheit, haben." Er will und er möchte. Aber er
tut es eben nicht. Er hatte den Respekt vor dem Grundrecht
der Pressefreiheit nicht mal kurz vergessen. Er hat ihn
einfach nicht. Dem Anruf bei "Bild" war ein ähnlicher
Versuch mit der "Welt am Sonntag" bereits vorausgegangen,
es gab auch Anrufe in der Konzernspitze. Und es liegt ja
eine neuerliche Peinlichkeit darin, dass er im Interview
so tut, als habe er die Veröffentlichung der Presse nicht
verhindern, sondern nur verzögern wollen. Wer soll ihm das
jetzt glauben? Wulff ist es offenbar gewohnt, die Presse
zu knebeln, und er wird sauer, wenn diese sich nicht
willfährig zeigt." 

1.4 "kausal" verrutscht

Aus Hohlspiegel 11/2013:

Aus dem "General-Anzeiger": "Diese Frage stellten sich
die entsetzten Franzosen seit der Anklage Strauss-Kahns
wegen Vergewaltigung durch ein New Yorker Zimmermädchen
im Mai 2011."

"wegen" und "durch" - gleich zweimal "kausal" - da kann man als Journalist die Übersicht verlieren ...

1.5 "Befehl" vielfältig im Deutschen

H. Genzmer, Unsere Grammatik. wbg 2014. S.98f wird auf die vielen Formen hingewiesen, wie ein Befehl artikuliert werden kann - beileibe nicht nur durch einen Imperativ. Allerdings ist anzumerken, dass diese Standardgrammatik die 2. Bedeutungsebene PRAGMATIK nicht kennt. Als Auszug:

 Maul halten! 
 Maul! 
 Wunde mit Jod reinigen 
 Du darfst hier nicht rauchen!
 Ich will, dass du schweigst!
 Sie werden hier nicht parken!
 Du setzt dich jetzt an den Tisch! (Intonation mitbedenken)

Nebenbei: Derartige Beispiele zeigen schön, dass die übliche Grammatikkategorie "Imperativ" in die Irre führt bzw. so wirkt, als habe sie einen Alleinvertretungsanspruch. Stattdessen ist eine eigene Bedeutungsanalyse vonnöten, sogar doppelt: SEMANTIK/PRAGMATIK.


2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Beispielsätze

Beispiele auf Französisch

  1. J´ai envie de reviser.
  2. Maintenant je veux manger.
  3. Aide moi s´il te plait.
  4. Tais-toi.
  5. Je refuse de manger ce truc.
  6. Non merci.
  7. Tu ne faudras pas boire ce truc.
  8. Il est interdit de ...


3. Einzelsprache: Arabisch

3.1 Beispielsätze

1.أريد أن ادرس

Ich will lernen.


2.الآن أريد أن أكل

Ich will jetzt essen.


3.ساعدتي ارجوك

Bitte hilf mir.


4.اصمت

Sei still.


5.أنا أرفض أن أكل هذا الشيئ

Ich will es nicht essen.


6.لا شكرا

Nein danke.


7.لا يجوز لك أن تشرب هذا الشيئ

Du darfst es nicht trinken.


8.لن تأكل هذا تحت أي ظرف من الظروف

Du wirst es auf keinen Fall essen.

4. Einzelsprache: Englisch

4.1 WILL / WOULD

"Both of the modals WILL and WOULD retain their original
lexical meaning, i.e. volition; in particular, when this
volitional meaning is stronger, it is close to that of
want (WILL and WOULD) or wish (in the case of
WOULD only) ... The proxima WILL is directly related to
the here and now of the speaker; for example, this en-
ables the speaker to make an instant decision. This
modal is favoured, for example, in comedy, in everyday
speech, and by speakers of lower rank. The distal
WOULD, for example, allows the speaker to refer to
past time, and to make metaphorical and hypothetical
descriptions. This 'distalness' can be considered to
restrict the variety of speech acts, and is connected
to the polite behaviour of the speakers"   
(M.NAKAYASU, The Pragmatics of Modals in Shakespeare. Frankfurt 2009. S. 178)


4.2 "Imperativ" + Sprechakt "Auslösung"

"Imperativ" meint in Standardgrammatiken (z.B. von Kirschning S.51) die " Befehlsform ". Aber die Form sieht im Englischen gleich aus wie der Infinitiv. Mit welchem Recht - das wäre die ausdrucks-syntaktische = morphologische Frage der Alternativ-Grammatik - verwendet man dann zweierlei Begriffe? Das Beispiel zeigt, dass die übliche Formenlehre nicht über Formen belehrt, sondern über die dahinter aktiven Bedeutungsfunktionen.

Aber selbst diese - wäre Semantik in der Alternativ-Grammatik - werden summarisch geboten:

"Der Imperativ steht in Aufforderungs- und
Ausrufesätzen. Er wird bei einer Aufforderung,
bei einem Ausruf, Rat, Befehl, Verbot oder einer
Ermahnung angewendet. Zur Milderung eines Befehls,
Verbots usw. fügt man "please" hinzu. Der Eng-
länder umschreibt den verneinten Imperativ mit
"to do"; ebenfalls die Verben  'to have' und
'to be'"

Anmerkungen:

  • Warum das Thema "Ausruf" mit dem der "Willensäusserung" vermischt wird, bleibt dunkel. Zweifellos kann man einen Befehl auch brüllen. Es gibt aber genügend Ausrufe, die ohne Imperativform (im Englischen ja ohnehin nicht zu erkennen) auskommen: "Hurra, ich habe gewonnen!"
  • Die ungeordnete und haufenförmige Andeutung semantischer Funktionen wurde hier in diesem Modul unter 1.1 bzw. nachfolgend unter 5.1 systematisch sortiert. Man kann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieses logischen Subsystems deutlich machen.
  • Die Grammatik von Kirschning deutet selbst an, dass der Blick nur auf die Befehlsform (selbst wenn sie sicher identifizierbar wäre, - ist sie aber nicht) nicht reicht um die semantischen Funktionen zu erkennen bzw. zu differenzieren. Vielmehr müssen zusätzliche Indizien beachtet werden: please, do, have, let, "!"
  • Terminologisch heißt der Abschnitt: "VII Der Imperativ". Nimmt man den Begriff ernst, erweist es sich, dass bei den meisten Belegen gar kein "Befehl" vorliegt, der Terminus also unpassend ist. Die ganze Spannbreite von Willenskundgebungen (vgl. 1.1 oder 5.1) ist semantisch differenzierter. Man kann eine Selbstaufforderung ("Wir wollen es versuchen") nicht auch noch als "Imperativ" etikettieren. Letzterer besagt, dass ein anderer tätig werden soll: X will, dass Y tut. - Die allgemeinere, semantisch adäquate Überschrift heißt in der Alternativ-Grammatik: "Register INITIATIVE".
  • Thematisiert ist bei Kirschning die Möglichkeit indirekter Bedeutung nicht. Man sollte sie aber ins Spiel bringen: Ich kann wörtlich so tun, als würde ich "uns" zu einer Handlung auffordern, also unter Einschluss des Sprechers (kein 'Imperativ', sd. 'Hortativ' sagt der Lateiner; in der Alternativ-Grammatik: Nuance 1 oder 2 - siehe Ziff. 1.1 bzw. 5.1). Gemeint kann eine solche Ausdrucksweise sein als Imperativ (z.B. in schiefer Pädagogik: "Wir wollen nun alle schön ruhig sein."). Die Kirschning-Grammatik trifft diese Unterscheidung zweier Bedeutungsebenen (Semantik - Pragmatik) nicht - ein weiterer Grund, der die grammatischen Ausführungen verwässert, die Leistungsfähigkeit des Beschreibungssystems reduziert.

Für die Einordnung der Beispiele aus der Kirschning -Grammatik s.u. Punkt 5.1. - Fazit: Die methodisch-theoretische Bewältigung des Themas "Imperativ" verdient in der Grammatik von Kirschning die Note "ungenügend". - Man kann sich auch überlegen, wie solch eine grammatische Schludrigkeit didaktisch bei Schülern/Studenten ankommt. Implizit lernen sie: Alle Bedeutungsnuancen, in denen ein Wille artikuliert wird, sind "Imperativ". - Ein verheerender Effekt für die Ausbildung kognitiver Fähigkeiten.

Halten wir fest: Wenn in Standardgrammatiken von "Imperativ" gesprochen wird, werden unbedacht zwei Aspekte zusammengeworfen.

  1. Es wird eine Modal-Aussage gemacht: "Es ist der Wille von X, dass Y dies oder jenes tut"
  2. Zugleich wird der Sprechakt der "Auslösung" praktiziert: "X wendet sich direkt an Y und verlangt von diesem ...". Vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte

Wie der folgende Punkt zeigen wird, ist beides nicht identisch.--Hs 16:41, 1. Jan. 2011 (UTC)

4.3 "Imperativ" + Sprechakt "Darstellung"

Es ist auch möglich, dass

  1. die gleiche Modalität ("imperativ") ausgedrückt wird: "Es ist der Wille von X, dass Y dies oder jenes tut"
  2. Aber dies geschieht im Sprechakt der "Darstellung" Vgl. [4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte]. D.h. nun ist nicht gesichert, dass der, der redet, zugleich auch der ist, der den Befehl erlässt. Der Befehl könnte auch von einem Dritten stammen. Und selbst wenn letztlich Sprecher und Befehlender identisch sind, könnten es Gründe der Höflichkeit, des Respektes sein, den Befehl so indirekt zu artikulieren. Jedenfalls gehören hierher die Belege mit must und Umschreibungen. Beispiele nach Kirschning S.203f, dem aber eine terminologische Unterscheidung wie hier vorgeschlagen vollkommen fremd ist.
You must forget it.  - Jemand stellt fest,
                           dass es in aktueller Gegenwart
                           zwingend erforderlich 
                           für das "Du" ist ... Wer den
                           Zwang auslöst, bleibt ungesagt.
You have to keep your promise  oder
You have got to keep your promise  -  gleichbedeutend
Do I have to pay a fine?  -  to have to bei Verneinung oder Frage
You are obliged to return the money.
Oliver was compelled to open his suitcase.

Indirekte Rede - der Terminus sagt es schon - lässt Sprecher und Urheber des Imperativs auseinanderfallen. Folglich liegt wie in folgenden verneinten Fällen zwar das Register INITIATIVE vor (jemandem wird etwas verboten zu tun), aber kein Sprechakt Auslösung. Sondern es wird über das Verbot gesprochen = Sprechakt Darstellung. Beispiele aus Kirschning S.229:

The teacher told his pupils not to crib from their
neighbours               - Verneinter Imperativ durch
                             not + Infinitiv
The man said (that) I should not tell anybody ()
                             - semantische Funktion 'verneinter 
                             Imperativ' = prohibitiv
                             (s.u. Ziff. 5.1) durch
                             not + should + Infinitiv

4.4 "Jussiv" + Sprechakt "Darstellung"

Weniger streng als "imperativ", aber doch mit gut hörbarem Verpflichtungscharakter ist "jussiv" zu werten: "X wünscht nachdrücklich, dass Y tut". Sollen steht häufig dafür, Aber Vorsicht: Die Wortform alleine besagt nichts; sie kann auch für das Register EPISTEMOLOGIE ("unsicheres Wissen" - er soll schon 100 Jahre alt sein.) stehen.

Es geht hier also nur um die Willens-Modalität: X will, dass Y ... Und das weniger streng als ein "imperativ". - Kirschning, Englische Grammatik, S.206f bestätigt - eher unfreiwillig - das Konzept der Alternativ-Grammatik: er legt die eine semantische Funktion des Sollens zugrunde und listet dann diverse Varianten auf, wie sie realisiert werden kann. Zwar ist die Überschrift Shall - should. Aber von diesen Hilfsverben ist kaum die Rede, weil alle möglichen anderen Ausdrücke für die eine semantische Funktion zum Einsatz kommen:

Shall I ask Joyce? - Besteht also eine
                               Aufforderung, Joyce zu fragen? 
You are to come to the boss? - Ein Befehl ist es
                               nicht, aber ein Auftrag.
She was also to book a flight to S.F.
You should follow his advice.
You ought' not to smoke so much. - Eine
                               dringende Empfehlung.


4.5 dare

Wenn dare einerseits als Hilfsverb, andererseits als Vollverb verwendet wird, so sind damit keine Bedeutungsunterschiede gemeint - die Bedeutung ist in beiden Fällen <<WAGEN>> -, sondern

  • als Hilfsverb wird es nur bei Verneinung und Ausrufen mit "how" verwendet - und dann mit einigen Restriktionen (kein s in der 3.Pers.sg., keine Umschreibung mit to do, kein Infinitiv-Anschluss mit to)
  • als Vollverb - Wegfall der soeben genannten Einschränkungen, jedoch Verwendung nur in Frage- und verneinten Sätzen, nicht bei Ausrufen mit how.

Nicht die Begründung für diese Eigentümlichkeiten ist hier das Thema, sondern der Hinweis, dass ein anderes Verständnis von Vollverb vorliegt als in der Alternativ-Grammatik: Vgl. [4.0231 Vollverben und ihre Bedeutung / Funktion] - hier geht es nicht um morphologische Besonderheiten, sondern um Semantik.

Die Bedeutung <<WAGEN>> heißt nicht, dass mit dem, was gewagt wird, schon begonnen worden ist (wäre im Register ASPEKTE "ingressiv"). Vielmehr kommt ein Entschluss zu eigener Tat zum Ausdruck ("decretiv" im Register INITIATIVE (s.u.)), und dies sicher auf dem Hintergrund einer Vorstellung(Register IMAGINATION), dass die Realisierung durchführbar sein müsste - ob kalkuliert oder erträumt sei offen gelassen. In diesem Sinn sind die Einträge unter Ziff. 5.1 zu verstehen.

4.6 need

Wer einen neuen Pullover braucht, braucht ein Objekt, einen Gegenstand. Wenn auf need ein Nomen folgt, zählt das Beispiel nicht zu den Fällen, die im Zusammenhang mit den Modalitäten abzuhandeln sind. Denn bei diesen geht es um Modifikationen von Prädikaten.

Allenfalls indirekt, pragmatisch, wird man fragen
können, ob in solchen Fällen ein Zwang für ein
impliziertes Prädikat (z.B. <<BESITZEN>>)
ausgesagt ist.

<<BRAUCHEN>> als Filterung einer weiteren Verbbedeutung besagt, dass jene Verbbedeutung einer Art Zwang, direkter Notwendigkeit unterliegt. Das deutet auf kausal: Need I phone you tonight?, d.h. besteht ein dringender Zwang, dass ich anrufen muss? Das funktioniert auch bei Verneinung so.

Morphologisch verhält sich need vergleichbar
wie dare (s.o.)

5.1 Realisierung in mehreren Sprachen

[In der folgenden Tabellen stehen in der linken Spalte die semantischen Funktionen, die überall gebraucht werden. Beigefügte Ziffern greifen auf, was im Baumdiagramm unter 1.1 schon dargestellt wurde. Die folgenden Spalten können für einzelne Sprachen genutzt werden. Gesucht sind Realisierungsformen für die semantische Funktion in der jeweiligen Einzelsprache im Bereich wörtlicher Bedeutung (also Konjugationen, Modalwörter, spezifische Stellungen usw. - die Mittel bitte kursiv hervorheben). - Bei Bedarf Tabelle kopieren, von den bisherigen Einträgen befreien und so für weitere Sprachen nutzen.]

Die lateinischen Begriffe sind der Reihe nach weiter oben unter Ziff. 1.1 - erläutert. Von dort wird die Bezifferung übernommen. - Die semantischen Funktionen, die über Sprachbilder ausgesagt werden, werden erst in der Pragmatik behandelt. Jetzt geht es erst um die wörtliche, direkt fassbare Bedeutung, innerhalb einer einzelnen satzhaften Äusserungseinheit.

semantische Funktion deutsch Latein Englisch Russisch  ???
1. initiativ-voluntativ-delectativ = Lust auf eigenes Handeln Ich möchte gern nach Hause gehen. Bezogen auf die 1.Pl.: Taceamus - Lasst uns schweigen (Hortativ). Let's try it. - Lass(t) es uns versuchen.
Let's do it. - Lass(t) es uns tun!
I would like to go home.
Я хотела бы съесть мороженое! "Ich möchte ein Eis essen" - Давайте съедим мороженое! "Wollen wir ein Eis essen?" - Я хотела бы позвонить. "Ich möchte anrufen."
2. initiativ-voluntativ-decretiv = Entschlossenheit zu eigenem Handeln Definitiv gehe ich jetzt heim. Salus publica suprema lex esto - Das Wohl des Volkes soll das höchste Gebot sein! How dare you contradict me.
I didn't dare to contradict him.
I will' go home now.
Я определенно хочу эту машину. "Ich will definitiv dieses Auto (haben)."
3. initiativ-kausativ-imperativ = Befehl an Anderen Gib den Ball ab. Tace! - Schweig! Be quiet! - Sei(d) ruhig!
Get out! - Geh(t) hinaus!
Shut up! / Do shut up now. - Halt(et) den Mund! / You are to be silent now. [Sprechakt Darstellung]
Замолчи! "Schweig!" - Вы должны сейчас переводить этот текст. "Ihr sollt jetzt diesen Text übersetzen!"
4. initiativ-kausativ-jussiv = Empfehlung/Bitte an Anderen Mach bitte das Licht aus. Taceat! - Er/Sie soll schweigen. Videant consules - die Konsuln sollen sich drum kümmern. Be careful. - Seien Sie vorsichtig!
[Sprechakt Darstellung:]
You should keep your eyes open.
Закрой, пожалуйста, дверь! "Schließ bitte die Tür zu!" - Вам необходимо прийти завтра. "Es ist für Sie notwendig morgen zu kommen."
5. recusativ-reiectiv-repudiativ = Zurückweisung (freundlich) der Handlungsinitiative eines Anderen Nein danke [ich nehme keinen Zucker] [Latein] No thank you. / Not for me, thank you. Спасибо, нет. "Nein danke".
6. recusativ-reiectiv-refutativ = strikte Ablehnung einer Handlungsinitiative eines Anderen Keinesfalls mach ich das. [Latein] Never (on earth) will I do that. Ни в коем случае / ни за что на свете / ни при каких обстоятельствах / никогда в жизни я не полечу на самолёте. "Auf keinen Fall / Um nichts in der Welt / Unter keinen Umständen / Nie im Leben fliege ich mit einem Flugzeug"
7. recusativ-impeditiv-vetitiv = Bitte, die Anderen vom Handeln abhalten soll Iss bitte kein Eis ! [Latein]
[Sprechakt Darstellung:]
Such things ought not to be allowed.
No, you may not. (mildes Verbot; + Sprechakt AUSLÖSUNG)
Не забывайте, пожалуйста, делать перерыв! "Vergessen Sie bitte nicht, ab und zu eine Pause zu machen!"
8. recusativ-impeditiv-prohibitiv = strikte Verhinderung des Handelns Anderer Iss kein Eis ! Ne tacueris! - Schweige nicht! Ne cunctatis sitis! - Zögert nicht!
Cave dicas - Hüte dich zu sprechen!
Don't be so foolish. - Seien Sie/Sei nicht so töricht! [= Sprechakt Auslösung]
[Sprechakt Darstellung:] You must not park here. [allgemeines Verbot]
...told his pupils not to crib ... [s.o. Ziff.4.3]
Не суй руки в розетку! "Tu die Hände nicht in die Steckdose!" Курить запрещено. "Rauchen verboten"
9.1 objektiv-kausal = ein Sachverhalt verursacht zwingend einen anderen Autos haben 4 Räder aufgrund der weisen Planung der Ingeniöre [Latein] Need I phone you tonight? He need not work today. Thanks to competent planning we are done. В результате / из-за неправильной эксплуатации самолёт разбился. "Wegen / Als Ergebnis des menschlichen Versagens ist das Flugzeug abgestürzt."
Благодаря Вашей помощи я продвинулся в своей работе. "Dank Ihrer Hilfe bin ich mit meiner Arbeit vorangekommen."


Beachten: In den semantischen Funktionen 5-8 sind Negationen eingeschlossen. Hier schon, aber erst recht, wenn in der Pragmatik übertragene Ausdrucksweise hinzukommt, zeigt es sich, wie vielfältig im Sprachgebrauch negiert werden kann. Dafür sollte der Blick geöffnet werden. Das Lernen lediglich vereinzelter Negationswörter ist zu wenig.


6. Einzelsprache: Latein

6.1 "kausal"

Die Funktion kausal kann u.a. durch Ablativ realisiert werden. Beispiele aus "Systemgrammatik Latein" von Fink/Maier 1997 S.125:

opprimi doloribus     -  die Schmerzen sind der
                             eigentliche Grund,
                             warum sich jemand 
                             geplagt fühlt
dolere morte alicuius -  dito
iratus tanta audacia  -  dito
dolore motus          -  durch Schmerz angetrieben,
                             veranlasst  > aus Schmerz
ira impulsus          -  durch Zorn angestachelt
                             >  im Zorn, aus Wut
vi                    -  aufgrund von Gewalt
ea re                 -  daher, deshalb

kausal lässt sich auch mit Genitiv realisieren:

damnare sceleris      -  wegen
                             eines Verbrechens verurteilen
accusare proditionis  -  wegen Verrats anklagen

kausal geht auch mit Präposition:

condemnare de vi      -  wegen
                             einer Gewalttat verurteilen

kausal geht vor allem auch mit Konjunktion - das führt auf kausale Nebensätze, greift also an den Beginn der Pragmatik voraus (Adverbialsätze). Zu denken ist an cum (Konj.), quod/quia (Ind.), praesertim cum (Konj.) propterea quod (Ind.), quoniam (Ind.) - vgl. "Systemgrammatik Latein" S.229:

Hannibal dolo pugnabat, cum Romanis non esset
aequus viribus  -      Hannibal kämpfte mit List,
                           weil 
                           er den Römern an Männern
                           nicht ebenbürtig war.


Das Bild ist - wie bei allen Bedeutungsfunktionen - auch hier das gleiche: eine semantische Funktion steht einer Mehrzahl von Realisierungsmöglichkeiten auf Ausdrucksseite gegenüber. Die Liste ist offen und wird noch ergänzt werden. Grammatiken sind aber immer so organisiert, dass sie nur die Perspektive der Ausdrucksmittel einnehmen, was dann immer auf eine Mehrzahl der Bedeutungsfunktionen führt, die damit ausgedrückt werden können. - Ergänzend sollte - wie hier - der semantisch/pragmatische Standpunkt eingenommen und von hier zur Ausdrucksseite geschaut werden. Erst dann ist das Bild vollständig.


6.2 Verneinung des Imperativs?

"Der Imperativ I wird in der Regel nicht durch eine Negation verneint." ("Systemgrammatik Latein" (1997) Fink/Maier S.189). Ein kleines Beispiel für ein flächendeckendes Problem in der üblichen Grammatikkonzeption. Der Satz löst - unnötigerweise - folgende Überlegungen aus, als kritische Stellungnahme aus Sicht der Alternativ-Grammatik:

Der Imperativ kann nicht verneint werden. Oder doch?
Wie ist die Zusammenballung von  3 Negationen
(nicht ... Negation verneint) zu verstehen? Der
weitere Text zeigt: Verneinung ist doch möglich, nämlich
durch Prohibitiv. Darunter werden Bildungen mit ne
verstanden (+ Konjunktiv Perfekt: ne tacueris).
Neben ne gäbe es das Verneinungswort non. Es
öffnet sich die Möglichkeit, dass Verneinung des Impe-
rativs (nun semantisch gedacht) doch möglich ist, nur 
nicht die Verbindung von non/ne + Imperativform .

Kürzer gesagt: wie selbstverständlich wird im zitierten Satz der semantische Terminus Negation verwendet, aber es werden Phänomene der Ausdrucksseite gemeint (bestimmte Wörter, Konjugationsarten). Es wird unterstellt, diese Begriffsverdrehung sei selbstverständlich, so dass der Fehler den Grammatikschreibern schon nicht mehr auffällt.

Genau diese Verdrehung in Standardgrammatiken war Anlass gewesen - (a) - zunächst zur Kritik an üblichem Grammatiksprech, vgl. [2], hat - (b) - als positiven Gegenentwurf die aktuelle "Alternativ-Grammatik" hervorgerufen.


7. Pädagogik / Didaktik

7.1 "Jussiv/Imperativ" + Sprechakt "Auslösung"

M.B.Rosenberg, "Erziehung, die das Leben bereichert", S.64f:

"Natürlich hören manche Menschen immer Forderungen und
Kritik, so sehr wir uns auch bemühen, nicht so zu kommu-
nizieren. Besonders groß ist die Gefahr, daß Äußerungen
von uns als Forderungen interpretiert werden, wenn wir
eine Autoritätsposition innehaben und die Menschen, mit
denen wir sprechen in der Vergangenheit Erfahrungen mit
Autoritätsträgern gemacht haben, die aufgrund ihrer 
Position Dinge erzwungen haben. 
Wir können anderen helfen, Vertrauen dazu zu entwickeln,
daß unsere Bitten tatsächlich Bitten und keine Forderun-
gen sind, indem wir ein paar Worte darüber sagen, daß
wir nur dann möchten, daß Menschen tun, was uns wichtig
ist, wenn sie dazu tatsächlich bereit sind. Beispiels-
weise können wir formulieren:
'Wärst du bereit, die Tafel abzuwischen?', statt zu
sagen: 'Ich möchte, daß du die Tafel abwischst.'"

8. Einzelsprache: Schwäbisch

8.1 Register INITIATIVE + Abtönungspartikeln

Die meisten der nachfolgenden Beispiele geben eine wunderbare Illustration für unser Grammatiksystem ab:

  • primär soll eine Form von INITIATIVE ausgedrückt werden
  • zusätzlich liefern jene Partikeln eine Zusatznote. Diese sollte man jedoch grammatisch ebenfalls erfassen. Sich damit zu begnügen, es handle sich um eine Abtönungspartikel, ist zu billig, führt gelegentlich gar auf eine falsche Fährte (weil man 'Abtönung' als 'Abschwächung' missversteht).

Die meisten der in den Beispielen genannten Partikeln bringen ein weiteres Modalregister ins Spiel, addieren es also zur INITIATIVE, die durch das Verb ausgedrückt wird. Eine solche Kumulation von Modalitäten im Satz ist ja möglich.

  • Meist wird ein weiteres Modalregister, das mit INITIATIVE nichts zu tun hat, aktiviert - z.B. ASPEKTE-Emphase oder WERTUNG/AXIOLOGIE
  • Hie und da wird innerhalb von INITIATIVE eine Modifikation vorgenommen.

Wer will - auch Nicht-Schwaben können sich angesprochen fühlen ;-) - kann bei den Beispielsätzen (samt ihren Erläuterungen) zu Übungszwecken in Sachen "Modalität" zweierlei bestimmen:

  1. Welche Nuance aus dem Register INITIATIVE wird durch das Verb repräsentiert?
  2. Welche semantische Zusatzbotschaft - aus welchem Modalregister - liefert die Partikel?

Erst beide Aspekte zusammen - gleichberechtigt! - bilden das Modal-Profil des jeweiligen Satzes.

aus SWP 24.9.2016. "Schwäbisch offensiv" - Kolumne von H. Petershagen.

"Bitten kann der Schwabe sehr differenziert aus-
drücken. Kleine, einsilbige Wörtchen, sogenannte
Abtönungspartikeln, ermöglichen ihm, quasi stufen-
los von der freundlichen über die dringliche bis
zur drohenden Aufforderung zu wechseln.
   Natürlich könnte man es beim schlichten komm!
belassen. Aber komm no! klingt beruhigend,
weckt Vertrauen. no drückt, dem schriftdeutschen
nur entsprechend, sinngemäß aus: Komm nur,
ich tu dir nichts. Anders verhält es sich, wenn
jetzt davor steht. Jetzt komm no! will
sagen: Reiß dich am Riemen!
   Komm ao! Jenes ao ist das schriftdeutsche
auch, bedeutet aber nur dann 'ebenfalls', wenn
es betont ist. Unbetont dient es dazu, alle mög-
lichen Signale zu setzen. Im Fall von Komm ao!
baut ao einen gewissen Druck auf und entspricht
dem umständlicheren schriftdeutschen 'Dass du mir
auch kommst!'
   Erstaunen signalisiert das unbetonte ao in
der Frage 'Wo kommsch jetzt ao du her?' Von
tiefer Skepsis zeugt 'Isch des ao wohr?' Und
Unwille tönt aus 'Was willsch jetzt ao du?'
Mahnend wirkt ao in Sätzen wie 'Denk ao an
dein Hochzeitstag' oder 'Pack ao deine Herz-
tropfa ei!' Es ersetzt die Formel 'Dass du mir
auch nicht vergisst...'
   Komm bloß! ist ambivalent. Es kann eine fle-
hentliche Bitte sein; es kann aber auch als
Drohung verstanden werden, etwa wenn es aus dem
Telefonhörer zetert: 'Komm du bloß hoim!' Ein
gezischtes 'Lass me bloß in Ruah!' deutet auf
ein extrem strapaziertes Nervenkostüm. Und
'I han's doch bloß guat g'moint' drückt das
Bedauern über eine missglückte Wohltat aus.
   Komm halt! Hier schwingt die Ungeduld
gegenüber einem Zaudern und Zögern mit. Einsicht
in das Unabänderliche, mitunter auch Bedauern, of-
fenbart halt in dem Satz 'Des isch halt so.'
Er unterscheidet sich grundlegend von dem katego-
rischen  halt-losen 'Des isch so!' Dieses
halt hat wohl nichts mit halten zu tun. Im Alt-
hochdeutschen bedeutete es 'eher, lieber, mehr,
trotzdem', im Mittelhochdeutschen 'mehr, vielmehr'
und wurde schon damals im Sinne von 'eben, frei-
lich, ja, allerdings' benutzt.
   Komm jo! ist so nachdrücklich, dass es schon
einer Drohung nahekommt. Das ist freilich nicht nur
im Schwäbischen so. Rein schwäbisch hingegen ist
die Kombination mit fei: Komm fei jo! Dieses
genäselte fei entspricht dem schriftdeutschen
aber: Komm aber ja! Es ist eine Spur milder -
obwohl die Partikel fei ansonsten dazu dient,
den Nachdruck zu erhöhen, etwa im Supermarkt: 'Des
isch fei mei Eikaufswaga!' Hier steht fei
für: 'Dass das klar ist!' []

9. Vorausblick in die PRAGMATIK

9.1 Film "Before the Flood" (2016)

hg. von National Geographic, mit Leonardo di Caprio - sozusagen als Moderator. Das Werk ist gut strukturiert, am Anfang und Ende auf Hieronymus Bosch Bezug nehmend. Es ist der Klimawandel aufgrund von übermäßigem CO2-Ausstoß das Thema. Eindrucksvolle Bilder dokumentieren, dass der Klimawandel längst im Gange ist, aus allen Weltteilen werden sowohl verursachende Naturausbeutungen sowie als Folgen Überschwemmungen, Luftvermutzungen gezeigt. Und nebenbei Politiker, die jedes Reden von "Klimawandel" ins Reich der Märchen verweisen - also Musterbeispiele für Wissensverleugnung, Verdrängung.

Der Sinn all der gut präsentierten Details: Offenkundig - das ist dann das pragmatische Fazit - soll durch alle Informationen und Gestaltungen hindurch bei den Betrachtern erreicht werden, dass sie umdenken, ihren Lebensstil umstellen, helfen, den Trend umzukehren - es wird auch erläutert, dass dies im Prinzip möglich wäre. Dazu werden auch praktische Vorschläge unterbreitet.

Pragmatisch wird also Handlungsinitiative angestrebt, ein impliziter Befehl ausgesprochen - denn es sei 5 vor 12 Uhr. - Erschütternd ist nur, dass dies im Jahr 2016 immer noch notwendig ist. Wir haben an der Uni Tübingen bereits 1985 (publiziert 1986 unter dem Titel "Bäume braucht man doch!"), unterstützt durch den Künstler O.H.Hayek, mit Beiträgen aus mehreren Fakultäten in einer semesterlangen Ringvorlesung mit guter Publikumsresonanz das Ökologiethema aufgegriffen. Von der Öffentlichkeitswirksamkeit her lassen sich beide Aktionen nicht vergleichen. Dass mehr als 3 Jahrzehnte später erst immer noch für die Fragestellung geworben werden muss (also: Modalregister Wissen / Wertung / Initiative), die Verhaltensänderungen nicht schon weit vorangeschritten sind, das erschüttert.