4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

"Er schoss einen tollen Fallrückzieher" - das toll dieses Satzes ist hier nicht einschlägig, denn es ist zunächst eine Näherbeschreibung zum benachbarten Substantiv - zuständig: [1].

Dagegen: "Er schoss toll den Fallrückzieher" - das ist unser Thema, weil der Gesamtsatz durch das Adverb eine Wertung erfährt. Es wäre zu allgemein, wenn gesagt würde: Wertungen liegen in beiden Fällen vor. Das ist zwar richtig. Aber die semantischen Bezüge und damit Ebenen sind unterschiedlich.

Wenn der Unterschied klar geworden ist, kann man abwägen (lassen), worin sich die beiden Formen von Wertung unterscheiden. Denn: dass zwei verschiedene semantische Konstruktionen exakt das gleiche besagen, ist unwahrscheinlich.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Lateinische Terminologie

In Grammatiken braucht man Hilfsbegriffe. Üblicherweise werden diese in Latein formuliert, damit man dadurch schon merkt: ich habe es mit einem Hilfsbegriff zu tun, nicht mit der Sprache, die aktuell beschrieben werden soll. Da die Alternativ-Grammatik mehr semantische Nuancen erfassen will, benötigt sie neue, d.h. neu-konstruierte Begriffe. Sie werden hier zugleich mit deutschen Beispielen vorgestellt.

Genau genommen ist hier auch der griechische Einfluss sehr stark: eu-phorisch bzw. dys-phorisch stehen für die positive bzw. negative Wertung. Ob diese jeweils feststeht (statisch), oder ob man durch eine Entwicklung dazu kommt (dynamisch) kann unterschieden werden. Aber selbst das Werten selbst kann sich verändern ("Umwertung"): Was zunächst als Unglück wahrgenommen wird, kann sich letztlich als Glücksfall erweisen. Und umgekehrt: Das Glück beim Lotteriegewinn kann sich als Fluch herausstellen.


0.2 Wertmaßstab - Beispiel: "Geld"

Die Kulturwissenschaftlerin von Braun (SPIEGEL 26/2012) erläutert, dass es für unser Zahlungsmittel keinen objektiven Wertmaßstab gibt, Auch das Gold, das lange diese Funktion hatte, gilt nicht mehr als Sicherheit dafür, dass das umlaufende Geld "gedeckt" sei. Was verleiht also dem Zahlungsmittel seinen "Wert"? Im Rahmen der Börsenspekulationen wird ja nur mit einer Anhäufung von immer mehr Nullen operiert. Diese selbst stellen noch keinen Wert dar, sondern nur extrem abstrahierte Zahlen.

von Braun erläutert (auch im Buch "Der Preis des Geldes"), dass das Geld- und Finanzwesen allein auf "Glauben, Hoffnung, Versprechen" beruhe. Dafür stehe auch der Begriff "Kredit". Im Sinn der Alternativ-Grammatik: Geld ist eine Realisierung von Modalitäten. Eine enge Verbindung besteht zu: [2] - bei jeder Kreditvergabe spielen "genaue, gezielte Wahrnehmung" (des Antragstellers und dessen Einkommens- und Lebensverhältnissen) und "Glauben, Vertrauen" (dass er das Geld zurückzahlen werde) eine entscheidende Rolle.

Letztlich gründet der Wertmaßstab für Finanzen - historisch gesehen - im Opferkult: Wenn Priester für ein schuldhaftes Vergehen zur Sühne im Opfer einen Stier festsetzten, so konnte das von außen betrachtet als willkürlich erscheinen. Aber Widerspruch wurde unterdrückt, weil die Kultbeamten den Kontakt mit dem höchsten Wert, "Gott", sicherten. Also 'zahlte man' und konnte anschließend als befreit von Schuld gelten.

"Diese Symbolik blieb bis heute erhalten in den bei-
den Strichen unserer Geldzeichen für den Dollar, das
Pfund, den Euro oder den Yen: Sie repräsentieren die
beiden Hörner des Stiers. Die Domestizierung von Natur
und Sexualität war und ist Voraussetzung für die
Fruchtbarkeit des Geldes. 
In der Metaphorik des Kapitalismus wimmelt es von Bil-
dern der Fruchtbarkeit: Das Geld strömt und fließt, es
vermehrt sich, das Kapital wächst und gedeiht, sein
Eigentümer ist flüssig. Aber diese Fruchtbarkeit setzt
immer ein Opfer voraus. ... Der Stier der Antike ... war
ein Substitut für das Menschenopfer.
Warum sollten wir ausgerechnet heute, wo das Geld keine
andere Form von Deckung hat, das Ende der Opferlogik
erreicht haben? Ich behaupte: die einzige Deckung, die
das Geld noch hat, ist der menschliche Körper. ...
Das Geld enthält ein Versprechen: Vermehrung und Frucht-
barkeit, aber auch eine Drohung: Verlust und Kastration.
Das Opfer soll das eine sichern und das andere verhin-
dern. ...
In jeder Krise des Geldes - in der Inflation der zwan-
ziger Jahre in Deutschland, der großen Depression von
1929 oder der Finanz- und Bankenkrise, die 2007 begann
und uns noch immer im Würgegriff hält - müssen Menschen
auf ganz existenzielle Weise den Preis für den Verlust
der Glaubwürdigkeit des Geldes zahlen: mit Arbeitslosig-
keit, Entzug ihrer Behausung und sozialer Ausgrenzung.
Man kann diese menschlichen Katastrophen als Begleit-
erscheinungen von Krisen sehen. Man kann in ihnen aber
auch die moderne Beglaubigung des Geldes durch das Opfer
sehen: Die Menschen glauben an das Geld, weil einige
dran glauben müssen."

0.3 Wertmaßstab - Kafka, "Der Prozess"

Gericht und Anklage sind in dem Roman von Anfang an anonym bzw. dubios, nicht erreichbar. Aber am Beginn von Kapitel 3: [3] bekommt "K." unverhofft die Gelegenheit, wenigstens das Gesetzbuch, nach dem geurteilt werden soll, einzusehen. Vgl. in der angegebenen Fassung: Ziff. 54.20 mit 54.83-89.

Nicht nur die Theorie ist lächerlich, auch das praktische
Verhalten. Ein Untersuchungsrichter scheint zwar fleißig
zu sein - nur um nachts recht lüstern die Lampe zurückzu-
bringen, vgl.  54.145-150. Ein zur Untermiete  wohnender
Jurastudent aber ist es, der die Wohnungsvermieterin in
seinen erotischen Fängen hat, sie sogar zum Dachboden
trägt, wo sich - überraschend für K. - die Gerichtskanz-
leien befinden: 57.3-58.7.

In Theorie ("Buch") wie praktischem Verhalten verheißen Wertmaßstab wie Hüter desselben nichts Gutes für K.'s Prozess.

0.4 Widerstreit von Positiv und Negativ

Thematisiert in 2 Gedichten von G. Grass: [4] bzw. [5]

0.4.1 Seitenblick zur Neurowissenschaft

Aus SPIEGEL 10/2017 S.96:

"Ein Projekt (des Nobelpreisträgers Tonegawa) bestand
darin, die Verschaltungen der Neuronen vom Hippocampus
bis in eine benachbarte Hirnstruktur zu verfolgen.
Ihrer Gestalt nach heißt diese 'Mandelkern' oder, mit
griechischem Namen, 'Amygdala'. Hier werden die Erinne-
rungen mit Gefühlen verknüpft. 'Das Gehirn bewertet
fast alles, woran wir uns erinnern', sagt Tonegawa.
'Wir empfinden es, mehr oder weniger intensiv, entweder
als positiv oder als negativ.' Ein Abbild dieser Werte-
skala haben er und seine Mitarbeiter in der Amygdala
gefunden. Gute und schlechte Gefühle, so stellten sie
fest, sind an unterschiedlichen Stellen verortet.
   Vorn in der Amygdala sitzt die Angst, hinten das
Vergnügen. Mäuse meiden Orte innerhalb ihres Käfigs,
an denen der vordere Teil des Mandelkerns aktiviert
wird - zum Beispiel, weil sich die Tiere hier ent-
sinnen, zuvor einen Elektroschock erfahren zu haben.
Dort, wo die Zellen im hinteren Teil dieser Hirn-
struktur feuern - etwa weil dies mit der Erinnerung
an ein Weibchen verbunden ist -, verspüren sie Lust
zu verweilen.
   Natürlich sei unser Gefühlsleben viel zu komplex,
als dass es sich in ein einfaches Gut-Böse-Schema
fassen ließe, meint Tonegawa. Eifersucht, Überra-
schung, Ekel und Hass, Neugier, Trauer, Verliebtheit
und Langeweile - unmöglich, all das allein mit den
Etiketten 'positiv' und 'negativ' zu beschreiben.
Doch für die emotionalen Finessen sind andere Teile
des Gehirns zuständig. Die Amygdala nimmt die
Grundbewertung vor, und diese kennt nur Gut und
Schlecht."

0.5 Widerstreit von Positiv und Negativ: mythisch überhöht und zementiert

Die Pragmatik hat später sichtbar zu machen, dass große Erzählungen, die Zeiten überdauernde Mythen oft nichts anderes bewirken, als feste Wertungen unverrückbar festzuhalten und so weiterzugeben. Im 19. Jhd. beteiligten sich daran der Philosoph Schelling und natürlich der Opernkomponist Richard Wagner. Dabei konnten alte griechische Sagen und überlieferte judenfeindliche Auffassungen gemixt werden. Aus J. Köhler, Der letzte der Titanen. Richard Wagners Leben und Werk. München 2001. S.386f:

"Diesen dunklen Grund sah Schelling in einem der Zwergen-
götter Samothrakes verkörpert. Der Kabire Axieros stellte
die Nacht dar, das 'Älteste in der ganzen Natur der
Dinge'. Die Nacht aber war nichts anderes als Mangel
und Bedürftigkeit. In Axieros verehrte der Mysterien-
kult demnach 'die Sehnsucht des Anfangs, als ersten
Grundes der Schöpfung'. Selbst sein Name verriet, dass
sich in ihm nur Begierde und Schmachten nach Befrie-
digung verbargen. Die hebräische Wurzel dieses Namens,
so erklärte Schelling, trug die Bedeutung des 'Besitzens
(zumal durch Erbschaft)'. Ebenso gut aber konnte sie
heißen 'durch Mangel verzehrt werden'. Dem Begriff des
Mangels wiederum folgte 'der des Ansichziehens, Fest-
haltens, Besitzergreifens'. Hebräisch geschrieben, so
Schelling, würde der Name 'Achsieros' lauten. Das wie-
derum legte ihm den Schluß nahe, es wäre 'denn am Ende
wohl gar der Name Achas-Weros selbst'.
   Ahasveros aber war der mythische Name der Juden, die
für ihre Verweigerung der Liebe vom Gottesohn verflucht
worden waren. Da sie sich gegen die Erlösung verschlos-
sen, blieb ihnen nur die Qual des Grundes, der sich in
ungestillter Begierde selbst aufzehrte. In seinem
'Judentum in der Musik' hatte Wagner dem Ahasver die
Erlösung von diesem Fluch gewünscht. Nur der Untergang
würde sie ihm bringen können."

usw. usw. Pragmatisch kann man mehrere Sprachmechanismen sichtbar machen, die die schlichte "Positiv - Negativ"-Opposition in eine aufgedonnerte Erzählung, in jahrhundertealte Vorurteile übersetzen. Durch die dadurch erzeugte Schein-Anschaulichkeit wird der Eindruck einer Begründung erhoben - auch wenn sie in Wirklichkeit niemand versteht.

0.6 Werten in der Erziehung

Da meldet sich auch schon die PRAGMATIK: Wird gelobt oder getadelt - mit Nebenakzenten, -motiven, -strategien? Vgl. [6]

0.7 Handlung/Prozess/Zustand bewerten, nicht: Personen, Objekte!

Erinnerung: Das Werten als Teil der Modalitäten heißt im Sinn der Alternativ-Grammatik: Es wird ein Prädikat bewertet, vgl. [7].

Dennoch ist es breit belegte Praxis, auch Personen und Objekte zu bewerten. "Der gute Mensch von Sezuan" - heißt immerhin ein Brecht-Stück. Oder: die "fürchterliche Schlucht". Das wären Kandidaten, die in der SEMANTIK als "Näherbeschreibung" zu behandeln wären - dort mit der gleichen Terminologie wie in der AXIOLOGIE: vgl. [8]

Aber: Liegt die Bewertung von Personen, Objekten vor, heißt das: Die semantische Beschreibung genügt noch nicht. Die PRAGMATIK muss sich noch darum kümmern. Es muss eine Interpretation herauskommen, die die "gut/schlecht"-Wertung eben doch als Bewertung eines PRÄDIKATs versteht, und nicht als das, wonach es zunächst aussieht, nämlich also bleibende Eigenschaft. In den genannten Beispielen ist jener "Mensch" wohl deshalb "gut", weil er sich gut verhält. Sobald er sich dabei umstellt, gilt auch nicht mehr das Gut-Sein. Die "Schlucht" ist eben so, wie sie ist. Das "fürchterlich", also die Negativ-Wertung, kommt erst ins Spiel, wenn ich als Beobachter einschätze, wie wohl ein Durchqueren zu realisieren wäre - Da wären wir dann schon weit am Ende der Pragmatik, bei den Implikationen, vgl. [9]

Nebenbei: Eine derartige methodische Weichenstel-
lung ist keine sonderlich neue Erfindung. Im Neuen Testa-
ment wird Jesus mal als "guter Meister" von einem Fra-
genden angesprochen - und im Gegenzug gleich abgebürstet:
Jesus weist zurück, "gut" zu sein - nur einer sei es,
nämlich Gott. - Zur Analyse muss auch hier erst noch die
PRAGMATIK eingeschaltet werden. Offenkundig versucht
einer, etwas schleimend den Gesprächskontakt herzustellen,
vgl. [10],
war allerdings an den Falschen geraten.

0.8 Immanuel Kant

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl. S. 328f)

"Er setzt einen absolut guten Willen oder einen
'Willen, der ohne jede Einschränkung gut ist', mit
dem Willen gleich, dessen Grundsatz 'die allgemeine
Gesetzmäßigkeit der Handlungen' ist. Das heißt, ein
absolut guter Wille ist einer, dessen Willensakte von
dem Grundsatz ausgehen:
' Ich soll niemals anders verfahren als so, daß ich auch wollen
könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden. ' 
Wie wir sahen, glaubte Kant, daß dieser Grundsatz,
den er später als den kategorischen Imperativ bezeich-
nete, in der gemeinen menschlichen Vernunft enthalten
und somit jedem moralischen Akteur zugänglich sei und 
von ihm akzeptiert werde."

0.81 Aristoteles - 4.Jhd.v.Chr.

Wertung gibt es nicht isoliert, sondern zugeordnet auf - Dinge, Handlungen usw. aus: H. Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes. München 2013.

   (225) [Zitat von A.] "Es gibt das Schlechte nicht neben
   den Dingen. Denn das Schlechte ist seiner Natur nach
   später als das Vermögen dazu. Folglich ist es klar, dass
   es in den von Anfang an bestehenden und ewigen Dingen 
   nichts Schlechtes gibt, nichts Verfehltes, nichts Ver-
   dorbenes. Denn auch die Verderbnis gehört zum Schlechten.
   ...
Das Schlechte in der Welt ist keine metaphysische Katego-
rie, kein Schicksal, das unabänderlich hereinbrechen würde;
Es ist allein an menschliches Handeln gebunden."


0.82 Luther

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(180) "(zu Gen 3,1-7) 'Gut und Böse' bezeichnet simpel in der
Bibel an dieser Stelle so viel wie 'Glücklich oder unglücklich',
'gelingend oder misslingend', 'sinnerfüllt oder sinnleer' zu leben.
Gott erkennt zum Beispiel, als er Adam geschaffen hat, dass es für
einen Menschen 'nicht gut' ist, allein zu sein. (Gen 2,18) 'Nicht
gut' hat hier überhaupt nichts mit Moral zu tun. Es ist einsam,
quälend, langweilig, unerfüllt, frustrierend, grau und im letzten
zum Verzweifeln. Einen solchen Zustand muss Gott ändern, damit es
'gut' wird." 

0.9 "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es" (Erich Kästner)

Das Zitat aus dem Roman Fabian passt gleich in mehrfacher Hinsicht zu unserem Grammatikkonzept:

  • "Gutes" als Nominalform bietet die WERTUNG so, als sei es eine separate, wie ein Ding eigenständige Größe in der üblichen Lebenswelt. Dies eben ist der Effekt der Kategorie "Substantiv". Vgl. [11].
  • Schnell setzt bei genauerer Betrachtung die Korrektur ein: "Gutes" ist kein Ding, sondern - pragmatisch-kritisch beleuchtet - ein Abstraktum, vgl. [12]. Der Eindruck "Ding" wird zurückgenommen. Damit ist die Bahn frei für den zweiten Satz
  • Die Wertung bezieht sich nicht auf ein statisches Objekt, sondern auf eine Handlungsweise: Ein Sprecher beurteilt ein Handeln positiv. Das trifft genau unser Verständnis der Modal-REGISTER: Sie haben alle die Funktion, ein Prädikat näherzubeschreiben, aktuell interessiert, wie ein Subjekt das genannte Handeln vollzieht, wie die Durchführung zu bewerten ist.

1. Realisierung in mehreren Sprachen

1.1 Erste Runde

[In der folgenden Tabellen stehen in der linken Spalte die semantischen Funktionen, die überall gebraucht werden. Die folgenden Spalten können für einzelne Sprachen genutzt werden. Gesucht sind Realisierungsformen für die semantische Funktion in der jeweiligen Einzelsprache im Bereich wörtlicher Bedeutung (also Konjugationen, Modalwörter, spezifische Stellungen usw. - die sprachlich fassbaren Mittel bitte kursiv hervorheben!). - Bei Bedarf Tabelle kopieren, von den bisherigen Einträgen befreien und so für weitere Sprachen nutzen.]

Die semantischen Funktionen, die über Sprachbilder ausgesagt werden, werden erst in der Pragmatik behandelt. Jetzt geht es erst um die wörtliche, direkt fassbare Bedeutung, innerhalb einer einzelnen satzhaften Äusserungseinheit. Und es müssen zusätzliche Bestimmungen zum Verb bzw. zu den beteiligten Nomina sein.

semantische Funktion deutsch Latein Englisch Russisch ...
1. statisch-dysphorisch Er sang mies. - Deprimiert saß er in der Ecke. [Latein] He felt poorly. [Russisch] ...
2. statisch-indifferent Er sang solala. [Latein] He sang indifferently/passingly well. [Russisch] ...
3. statisch-euphorisch Er sang hervorragend. Diligenter laboravi. - Sorgfältig habe ich gearbeitet. He was welcomed in a friendly way. - He can speak English well. - He has copied the letter properly. - He has correctly answered the question. [Russisch] ...
4. dynamisch-AUSGANGSPUNKT:dysphorisch => Aufatmend[4 + 9] unternahm er einen weiteren Versuch. [Latein] Relieved[4 + 9] he had another go. [Russisch] ...
5. dynamisch-AUSGANGSPUNKT:indifferent => Achselzuckend[5 + 8] begab er sich ans Werk. [Latein] Not giving a damn[5 + 8] he started work. [Russisch] ...
6. dynamisch-AUSGANGSPUNKT:euphorisch => Übermotiviert[6 + 7] baute er einen Sturz. [Latein] In high spirits[6 + 7] he entered the pub. [Russisch] ...
7. dynamisch =>ZIELPUNKT:dysphorisch ... der Boxer schlug ihn k.o. in irregulärer Weise[5 + 7] [Latein] Contrary to all rules[5 + 7] his opponent knocked him out. [Russisch] ...
8. dynamisch =>ZIELPUNKT:indifferent Ihre Anstrengungen verpufften ohne nennenswerten Erfolg.[5 + 8] [Latein] They tried hard without real success.[5 + 8] [Russisch] ...
9. dynamisch =>ZIELPUNKT:euphorisch ... der lacht zu guter Letzt[4 + 9] [Latein] She was laughing in the end/finally[4 + 9]. [Russisch] ...

dynamisch - überall, wo dieses Stichwort steht, handelt es sich um Umwertungen. Für sie ist eine doppelte Bestimmung zu treffen: ein AUSGANGSPUNKT und ein ZIELPUNKT des Wertens. In den Beispielen sind beide in [ ] beigefügt. Es sind dabei die unterschiedlichsten Kombinationen möglich. Wichtig ist, dass das WERTEN, also das Register AXIOLOGIE, damit beschrieben wird, nicht primär die Prädikatbedeutung.

2. Einzelsprache: Französisch

2.1 "Grammaire de base"

Mühsam ist es, in der "Grammaire de base (alpha.b)" Hinweise zum Thema "Wertungen" zusammenzusuchen. Der Befund ist aber typisch: Man kann froh sein, Verbbedeutungen zu sentiments / Impression / Jugement zusammengestellt zu finden. Aus dieser ungegliederten Anhäufung kann man dann heraussuchen, was speziell zu "Wertungen" einschlägig ist.

Craindre / avoir peur, Etre satisfait / heureux, se contenter,
se réjouir, se féliciter, (ne pas) être mécontent / fâché,
être triste / peiné / affligé / chagriné,
Regretter, Déplorer, Trouver bon / juste, Estimer valable, 
Considérer normal, Juger anormal, 
Aimer / Adorer, Apprécier, (Ne pas) détester, avoir horreur, Haïr /
Exécrer, Abhorrer, Etre furieux, Se plaindre

Die Liste ist reduziert, gereinigt von solchen Verbbedeutungen, die in andere Register gehören, z.B. douter (EPISTEMOLOGIE) oder attendre (IMAGINATION). - Um eine Ahnung für Wertungen zu bekommen - schließlich sind sie für den einzelnen ungemein wichtig - sollte solch eine Liste pur wahrgenommen werden. Bei der Suche nach der Umsetzung in Sätzen allerdings, lässt die grammaire dann doch weitgehend im Stich und zwar deswegen, weil sie nur an solchen Fällen interessiert ist, die einen Subjonctiv im Gefolge haben.

Elle couvre son enfant de crainte qu'il ne prenne froid.
Il n'a pas dit la vérité de crainte qu'on ne le punisse.

Das ist ein allzu eingeschränkter Blickwinkel. Es wird nicht sichtbar, in welch vielfältigen Formen Wertungen auf Handlungen (die Haupt-Verbbedeutung) bezogen werden können. - Außerdem bräuchten wir in der SEMANTIK Beispiele, wo innerhalb eines Satzes die Wertung auf die PRÄDIKAT-Bedeutung wirkt. Die beiden Beispiele bestehen je aus zwei Sätzen, gehören also bereits zur PRAGMATIK.


3. Einzelsprache: Latein

3.1 Wertungen mit Ablativ/Adverbien

Eine Form, wie im Lateinischen bezogen auf das Prädikat gewertet werden kann, ist die Verwendung des Ablativus pretii. Zu unterscheiden ist davon die Wertung bezogen auf ein Nomen:

iuvenes summa virtute inventi sunt - Zur Verdeutlichung wird
                     dieses Beispiel genannt, das nicht
                     hierher gehört: Beließe man die Wertung
                     ("höchste Leistungsfähigkeit") hier im
                     Code AXIOLOGIE, dann würde - das sind die
                     'Spielregeln' bei den Modalitäten - das
                     Prädikat bewertet. Zu umschreiben etwa so:
                     "mit höchster Leistungsfähigkeit wurden
                     befunden - wer?was? - die Jugendlichen". -
                     Skepsis: wie wertet man 'mit höchster
                     Leistungsfähigkeit'? Also ist dieser
                     Deutungsansatz zu verwerfen.
                     Eher gemeint ist, dass "Jugendliche" -
                     von irgendjemandem eingeschätzt - als
                     "sehr leistungsfähig" anerkannt wurden.
                     Also handelt es sich um eine Näherbe-
                     schreibung (eines Nomens).
                     Somit keine Modalität, sondern:
                     [13]
magno emere  -   teuer einkaufen
minimo vendere - sehr billig vekaufen

Aber gewertet werden kann auch mit ganz anderen Mitteln, z.B. durch Genitivus pretii, Adverbien, Akkusativ:

magni | parvi | tanti | quanti interest
magnopere | magis | maxime |, minime interest
multum | paulum interest

Es tritt ein, was immer eintritt, wenn man die Blickrichtung umdreht, also von der Semantik aus in Richtung Ausdrucksseite schaut: die eine semantische Funktion wird durch mehrere ausdrucksseitige Mittel realisiert. - Ein ganz normaler Befund.

Der Standard bei Grammatiken ist, dass man von der Ausdrucksseite her zu Bedeutungsfunktionen schaut. Man will die Einheitlichkeit des Ausdrucksmittels wahren, z.B. nur über den Ablativ reden. Weil der aber sehr verschiedene Bedeutungsfunktionen realisiert, muss man unterschiedlichste Begriffserweiterungen anfügen, z.B. A. pretii usw. Diese Hybridbildungen kann man sich sparen, wenn beide, Ausdrucks- und Bedeutungsseite, eigenständig dargestellt werden. Man erzielt dann auch jeweils eine homogene Sicht der Dinge. Methodisches Fazit: Auch die traditionelle Grammatik kann dem Grundmerkmal jeder Sprache nicht entrinnen (klare Trennung: Ausdruck - Bedeutung). Statt dies in der Sprachbeschreibung zu beachten (klare Ebenentrennung), mauschelt man sich durch, mit allerlei Ersatzhandlungen. - Es geht einfacher und transparenter!


4. Wertungen in Alltagssprache

4.1 Einschätzung schulischer Leistungen

M. B. Rosenberg, "Erziehung, die das Leben bereichert", S.36, plädiert dafür, dass die "Einschätzung einer schulischen Leistung auf Wertvorstellungen basiert, dann erfahren die Lernenden, ob ihre Leistungen mit den Bedürfnissen oder Wertvorstellungen der Lehrenden in Einklang stehen". Weder statische moralische Urteile noch Komplimente/Lob werden geäussert. Vielmehr Stellungnahmen wie: "Das sehe ich auch so" oder: "Das sehe ich anders" - verbunden mit dem Hinweis auf Aktivitäten, die sich die Lehrenden von den SchülerInnen wünschen. Festnageln, das dem Partner keine Wahl lässt ("du musst", "das kannst du nicht machen"), ist dabei verpönt.

"Um Lehrer/innen wirklich für diese Idee zu gewinnen,
so schwierig dies auch sein mag, verwenden wir in
lebensbereichernden Schulen eine Art 'Detektor'. Kein/e
Lehrer/in wird in das Gebäude gelassen, so lange sich
Wörter wie 'richtig', 'falsch', 'korrekt', 'unkorrekt',
'gut', 'schlecht', 'normal', 'abnorm', 'respektvoll',
'respektlos', 'begabt', 'unbegabt', 'muß' und insbeson-
dere 'sollte' in ihrem Bewußtsein tummeln." (S.36)

Das ist die lebenspraktische Anwendung des Registers AXIOLOGIE und zugleich die Erkenntnis, wie didaktisch billig und gefährlich der unbedarfte Umgang mit dieser sprachlichen Möglichkeit = Register sein kann.


4.2 Journalisten - Superlativ

In Interviews hätten Journalisten die Antworten gern kurz, bündig, zugespitzt. Entsprechend sind es auch die Fragen. "Wer ist Ihr Lieblingskomponist?", "Was war Ihr schönstes Erlebnis bei ...?", "Was befürchten Sie besonders angesichts ...?" Wenn der Antwortende mitspielt, ist ein ganzer Themenbereich auf einen Punkt, ein Merkmal reduziert. Antworte ich auf die Frage nach dem Lieblingskomponisten mit "Brahms", suggeriere ich, dass Bach und Strawinsky und viele "dazwischen" mir nichts sagen. Das "schönste Erlebnis" sticht natürlich aus einer Mehrzahl von "schönen" heraus, es ist kein Solitär in der Wüste.

Superlative sind also grobe Vereinfachungen der Weltsicht. Der Sieger der Kandahar-Abfahrt in Kitzbühel hatte vielleicht nur 2 Hundertstel Sekunden Vorsprung - schon trennt aber der Medienapparat gewaltig zwischen dem Sieger und dem, der "nur" Zweiter geworden war. Solche Simplifizierungen sind also reißerisch, daher sollte stilistisch darauf geachtet werden, dass sie nicht allzu gedankenlos zum Einsatz kommen. Ein Superlativ ist eine Form, große Teile der Wirklichkeit auszublenden - und sich das Leben scheinbar einfacher zu machen. Da aber ein differenzierter Blick anzustreben ist, sollte man sich gegen diese Tendenz zur Wehr setzen.--Hs 19:52, 29. Jul. 2011 (UTC)


4.3 "recht herzlich"

Die beiden Wörter repräsentieren zweierlei Modal-REGISTER:

"herzlich" steht natürlich für positive Wertung. 
"recht" -  wofür steht das? Im Wortsinn am ehesten für
"ziemlich",
"relativ", ... Angesprochen ist also: 4.086  Modalitäten – »Register« ASPEKTE
und darin die Möglichkeit, einer besonders starken oder
besonders schwachen Betonung/Emphase. "recht" liegt aber
eher in der Mitte und heißt etwa: ganz gut, aber da
besteht noch Luft nach oben, könnte also besser sein.
Es schwingt somit auch Kritik mit: das nächste Mal bitte
besser machen!

Das wirft zweierlei Fragen auf:

  • (1) Kann man die polaren Wertungen eigentlich sinnvoll steigern? "Gut" ist "gut" - was ist dann "sehr gut"? Ist das dann erst so richtig "gut"? War also das "gut" zuvor doch noch nicht ganz akzeptabel? Ähnlich beim Gegenpol: "schlecht" und "ganz schlecht" - was ist der Unterschied? - In beiden Fällen sieht es so aus, dass nicht die Wertung skalierbar ist. Was aber dann?

Von Schulzeugnissen bis in viele Alltagsbereiche hinein redet man doch so! - Andererseits ist es konsequent, wenn in einigen Sprachen die Wertung und der davon abgeleitete Superlativ gleich aussehen. Ob ich "gut" meine oder "ausgezeichnet" sieht man dann der Wertung direkt nicht an. Ebenso im Gegenteil: "schlecht" oder "sehr schlecht/hundsmiserabel".

  • (2) Abgestuft = skaliert kann werden meine Beteiligung, mein Engagement, mit dem ich die Wertung vortrage. - Besonderer Nachdruck beim "sehr gut" kann dann heißen: "es war so gut, dass ich, der Wertende, begeistert bin". Am "gut" ändert die Aussage nicht viel,

aber sie zeigt, dass der Funke auf den Wertenden übergesprungen ist. - "sehr schlecht" heißt dann: "das war so mies, dass ich als Wertender mit meinem Latein am Ende bin". - Oder als Zwischenton: "das war schon ganz gut", heißt dann: "ich als Wertender sehe da ne Perspektive, dass es vollends gut werden wird".

Soweit dieser Versuch, mit scheinbar abgestuften Wertungen umzugehen. Nun ein Alltagsbeispiel:

Eine Musikschule hatte beim Wettbewerb "Jugend musiziert"
auf Bundesebene mehrere Preise errungen. 
Ein toller Erfolg. Im örtlichen Mitteilungsblatt wurden
die TeilnehmerInnen, ihre Altersstufe, Instrument, der
errungene Preis korrekt aufgelistet. Am Schluss hieß es
von Seiten der Leitung, dass sie den SchülerInnen und
LehrerInnen "recht herzlich" gratuliert. 

Was ist nun das im Wortsinn? - Anlass für eine nachdrückliche Gratulation hätte es genügend gegeben. Aber "recht herzlich"? Soll damit gesagt werden: 'Ganz gut habt ihrs gemacht, ist aber noch steigerungsfähig! Schon recht, aber wirklich überzeugend wars noch nicht?' Wenn dieser Wortsinn das letzte Wort wäre, würde es sich um eine arrogante Herablassung handeln, eigentlich eine Verhöhnung der Anstrengungen im Vorfeld.

Auf der Ebene der gemeinten Bedeutung sieht es zweifellos anders aus. Aber warum erst dort? Wohl deswegen, weil man sich nicht traut, in der Öffentlichkeit uneingeschränkt positiv zu werten, und zwar die eigenen Leute. Zurückhaltung, Bescheidenheit, Nicht-Auffallen-Wollen usw. diktieren die Feder. Dabei hätte man sich nur auf das Urteil mehrerer Jurys - auf Regional-, Landes- und Bundesebene - beziehen müssen - schon wäre die Gefahr selbstverliebter, hochnäsiger Lobhudelei gebannt gewesen. Das Ergebnis der Wort- in Verbindung mit der gemeinten Bedeutung: verklemmte Sprache. Und zusätzlich: schlechte Öffentlichkeitsarbeit.

4.4 Wertungen wohlfeil - jeder ist gern Schiedsrichter

Wer wertet, ist in einer Machtposition. Erhält ein zu bewertender Kandidat in einem Wettbewerb ein "gut", wird er weitergeleitet. u.U. eröffnen sich Karrierechancen. Wer als "schlecht" bewertet wird - nun ja, der ist eben durchgefallen, Erwartungen, Hoffnungen sind enttäuscht. Die Suche nach den Ursachen kann beginnen.

"Werten" kann anstrengend sein, wenn nämlich die Einhaltung von Regeln zu überwachen ist, wenn anhand von unterschiedlichen und differenzierten Kriterien letztlich ein Gesamturteil getroffen werden muss.

"Werten" kann "wohlfeil", d.h. dumpf, billig und faul-bequem sein, ja sogar gefährlich, wenn - abseits von Regeln, Anstrengung und Kriterien - lediglich Vorurteile, Voreingenommenheiten oder Ärger über getroffene Entscheidungen abgesondert werden. Unter dem Vorwand des Wertens somit ein Rachefeldzug, oder ein Ausüben von Eifersucht, oder ein Ausleben ideologischer (z.B. rechtsradikaler) Prägungen. Die Machtposition übt man gerne aus, sie kostet auch keine Anstrengung, die ein begründetes Urteil anstreben würde. Mit Klicks, die so zustandegekommen sind, kann man Existenzen zerstören (z.B. Fußballbereich bei Spielern oder Schiedsrichtern).

4.5 Ausreden usw.

Politikerin Künast suchte einen auf, der sie im Internet übel bewertet hatte und stellte ihn zur Rede.

"'Und warum nennen Sie mich Gesindel? Wollen wir denn so
in einer Demokratie miteinander reden?'
  Er sagt: 'Ach.'
  Ach, er habe das doch gar nicht so gemeint. Er habe
nichts gegen sie. Man rede doch so daher, ob sie denn
nie so mit ihren Kumpels rede? Ihm sei auch gar nicht
klar gewesen, dass sie das lese. Er habe eben gedacht,
dass da eine Frau, die noch nie eine Waffe in der
Hand hatte, einen Polizisten beschuldigt. Da habe er
einfach irgendwas geschrieben.
  Ein bisschen wirkt er, als sei er erstaunt, dass
Künast überhaupt existiert.
  Sie spricht mit ihm, als müsste sie eine Rede vor
der Uno-Vollversammlung halten.
  Ob er denn nicht wisse, dass vor der Tat das Wort
kommt? Dass es sie schockiere, dass ganz normale
Menschen, so wie er, mit einem Job, einer Frau, einfach
solche Dinge schreiben. Sie sagt, dass sie damals auch
vor Wasserwerfern der Polizei gestanden habe, um gegen
den Staat zu protestieren. Dass sie Kohl auch Birne
genannt habe und es in Ordnung fand, als man ihn mit
Eiern bewarf. Aber sie hätte doch nie gefordert, dass
man ihn umbringt. Sie habe doch eine Mission gehabt,
eine inhaltliche, damals." SPIEGEL 44/2016 29

4.6 Interjektionen

... sind gewiss ein wichtiges Mittel der Sprache zu werten. Im Moment haben wir H. Genzmer, Unsere Sprache. wbg 2014, S. 291f im Blick. Dort wird aber nicht gesehen, dass "I." generell den Effekt der Überraschung liefern. Daher heißen sie auch so. Die Komponente "Wertung", die in folgender Liste von S.291 stark vertreten ist, wird damit noch nicht erfasst!

"neutral         ah, oh ach, aho, hoi, huch, hoppla, 
                 nanu, Mensch, Mann, Menschenskind, okay
positiv          ah, oh, ui, ach, oho, hei, eiei,
                 Junge-Junge, Donnerwetter, super, toll, geil                  
negativ          oh je, o weh, auweia, au backe, ogottogott,
                 meine Güte, um Gottes willen, mein Gott, Gott
                 bewahre, Mist, Scheiße, verdammt
Schmerz          au, aua, autsch                 
Bedauern /Seufzer oh, ach, hach, o jeh, o weh, auweia, o mei
Erleichterung    uff, puh, Gott sei Dank
Gleichgültigkeit phh, pf, pah, ba, blabla
Rechthaberei     ätsch, bätsch
Triumph          ha, haha, yeah
Ekel             ih, bäh, puh, pfui (Spinne), igitt(igitt), 
                 würg, kotz
Tadel/Ablehnung  ts, na na, buh, papperlapapp
Zustimmung       topp, aha, ne? (Zustimmung fordernd)

5. Umwertungen

Die Beispiele gehen alle über die Satzebene hinaus, gehören also schon der Pragmatik an.

5.1 Tolstoj

[folgt]

5.2 Krimis

In gedruckter, erst recht in verfilmter Form ist die Beliebtheit von Krimis auffallend. Sie sind für die mentale Hygiene breiter Konsumentenkreise so wichtig, dass sie große Teile z.B. des wöchentlichen Fernsehprogramms ausmachen. Warum das Bedürfnis derartig stark ist, mögen Sozialpsychologen beurteilen. Literarisch kann folgendes gesagt werden:

  • Es wird jeweils eine Umwertung vor Augen geführt. Der Ausgang ist ein Verbrechen, möglichst auch drastisch und innovativ (neue Formen, mit Raffinesse und neuer Technik) dargestellt; dann setzen die Aktivitäten von Kommissar/in und Polizei ein, am Schluss ist der Spuk bewältigt, der Übeltäter verhaftet oder getötet.
  • Eine gedankliche Vorstufe - bevor also die Justiz tätig wird - ist beschrieben in [4.332 Einer gegen den Rest der Welt]: Verbrecher halten sich für derartig überlegen, dass "der Rest der Welt" ihnen - ihrer Meinung nach - nicht auf die Schliche kommen werde.
  • Das Bedürfnis nach Krimis könnte daher kommen, dass es uns nicht angeboren ist, sich an Recht und Gesetz auszurichten. Die Lust, seine Gier, Brutalität, Egoismus u.ä. auszuleben, ist auch in sog. 'zivilisierten' Menschen nicht ausgelöscht.
  • Diesen gesellschaftlich nicht erlaubten Triebkräften in einem selber - sofern sie nicht gebändigt (Gesetze) und kanalisiert (ethisches Grundgerüst) sind - kann man via Krimi wieder begegnen, sie anschauen. Gleichzeitig wird vorgeführt - und damit der gesellschaftliche Standard wieder gerettet -, dass derartige nicht-gesellschaftsfähigen Handlungsweisen eben doch durch die letztlich überlegene Justiz beherrscht werden. Betrachtern wird damit das Verbot derartigen Verhaltens in Erinnerung gerufen, vgl. [4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE] + Sprechakt APPELL/AUSLÖSUNG [4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte]

5.3 "Reue" als Umwertung - Eulenspiegel tut sich schwer

"Gut" und "schlecht" - die Wertungen benötigen Maßstäbe. Manchmal hat einer vollkommen andere als der Rest der Gesellschaft. Was macht man mit so jemandem? Es nützt nicht, ihn zur "Reue" aufzufordern. - Die Eulenspiegelgeschichte ist nicht jugendfrei, durch die altertümliche Sprache aber auch nicht leicht zu lesen. Vgl. [14]

5.4 "Moral" will vom Bösen zum Guten lenken

... klappt aber nicht nicht immer, laut Mark Twain. Vgl. aufeinander aufbauend: [15] - [16] - [17]

5.5 Dante, "Göttliche Komödie"

"Fegefeuer", 31. Gesang (Übers. W. Naumann):

Der Reue Nessel stach mich da so sehr, daß das,
    was mich von allen anderen Dingen am meisten in Liebe
    verstrickt hatte, mir jetzt zum verhaßtesten wurde.
Solche Zerknirschung bedrängte mir das Herz,
    daß ich überwältigt zu Boden fiel, und wie es mir da
    erging, weiß sie, die mir den Grund dazu bot.

5.6 Christentum und Torheit

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede. Übersetzt von Anton J. Gail.
Reclam Nr.1907.  Stuttgart 2010.  [Die Torheit spricht:]
(106) ... Kinder, Greise, Frauen und einfältigen Seelen,
die mehr als alle anderen ihre Freude an Gottesdiensten
und religiösen Übungen haben und deshalb, wie von der
Natur getrieben, immer in unmittelbarer Nähe der Altäre
sind. Zudem seht ihr ja auch, daß die ersten Glaubens-
boten in ihrer unverbrüchlichen Einfalt heftige Gegner
der Wissenschaft waren. Schließlich gibt es keine bes-
seren Narren als die von christlicher Glaubensinbrunst
einmal ganz Erfaßten. Sie verschleudern ihre Habe, er-
tragen Ungerechtigkeiten, lassen sich hintergehen und 
machen keinen Unterschied zwischen Freund und Feind;
Vergnügungen sind ihnen zuwider, und sie haben ihr Ge-
nügen an Hunger, Nachtwachen, Tränen, Mühsal und Schmä-
hungen; sie hassen das Leben und wünschen sich nur den
Tod; kurz, sie scheinen jedes Gefühl für gesunden Men-
schenverstand eingebüßt zu haben, als ob ihr Geist nicht
im Körper anwesend wäre. Was ist denn das anders
als Unverstand, Verrücktheit? Um so weniger erstaunlich
mag es sein, wenn die Apostel "voll süßen Weines" schie-
nen und Paulus dem Richter Festus wie ein Verrückter
vorkam.

6. Widerstreit der Wertungen

6.1 Enzensberger-Gedicht

Schon für die Ebene der Pragmatik vgl. [18]

6.2 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010.S. 436:
'Er hat recht, er hat recht!' sagte sie. 'Selbstverständ-
lich hat er immer recht, er ist ein Christ, er ist groß-
mütig! Was für ein niedrigdenkender, widerlicher Mensch!
Und das durchschaut niemand außer mir, und niemand außer
mir wird es je durchschauen, und ich kann es niemand klar-
machen. Alle sagen: ein religiöser, moralischer, ehrenhaf-
ter, kluger Mann. Aber sie sehen nicht, was ich gesehen
habe. Sie wissen nicht, daß er acht Jahre lang mein Leben
erstickt hat, alles erstickt, was in mir lebendig war,
daß er kein einziges Mal daran gedacht hat, daß ich eine
lebendige Frau bin, die Liebe braucht.

6.3 Überwinden oder Verstärken/Ausnützen des Negativen?

Vgl. [19] S. 176-180.

7. Werten und Reden

Als Vorgriff auf die Pragmatik kann man beachten, wer in einem Text jeweils wertet - nicht dass Wertungen unbedacht der falschen Figur unterstellt werden.

7.1 ÜBUNG an Ps 91

Tabellarische Präsentation beider Gesichtspunkte - zum Ausfüllen, vgl. [20]

8. Kaufen und Werten

8.1 Online-Handel

Kauft man ein Buch, Ersatzteil fürs Küchengerät, eine Pizza usw. online, wird man abschließend um eine Bewertung gebeten: "Wie waren Sie mit der Lieferung / dem Lieferanten zufrieden?" - Hierbei regelmäßig gute Noten zu bekommen, ist für spätere Kaufwillige ein wichtiges Auswahlkriterium. "Wertung = Werbung".

Es wird damit praktisch abgebildet, was grammatisch, semantisch in der 'Alternativ-Grammatik' gilt:

Auf ein Prädikat - in diesem Fall eine Aktion - 
vgl. 4.0613_Prädikat bzw. 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen
wird abschließend eine Wertung bezogen, also die
gegenwärtige AXIOLOGIE.
Damit ist die Aktion definitiv abgeschlossen.

Unser Grammatikkonzept beschreibt somit auch direkt Anwendungen im Wirtschaftsleben. - Aber völlig neu ist dies nicht: Auch im face-to-face-Handel in der Gemeinde wurde man oft schon nach Kaufabschluss gefragt: "Waren Sie zufrieden?" Ebenso in Restaurants usw. Das sah nach purer Höflichkeitsfloskel aus - und entsprechend nichtssagend und damit folgenlos fallen oft auch die Antworten aus. face-to-face traut man sich oft auch nicht, Kritik vorzubringen. Bei Anlässen zur Beanstandung wird eher der Vorsatz gefasst, das nächste Mal irgendwo anders einzukaufen und Zufriedenheit zu heucheln. Kritik jedoch, die face-to-face benannt wird, kann betriebsintern durchaus positive Folgen haben, die späteren Kunden zugutekommt.

online-Bewertungen haben jedoch die Anonymität als Vorteil und in dieser Form eine breite Öffentlichkeit. Meine face-to-face vorgebrachte Kritik bleibt sozusagen im Raum dieses einzelnen Gesprächs. Andere erfahren unmittelbar nichts davon. online-Bewertungen können leicht abgegeben und statistisch aufbereitet werden. Durch ihre Vielzahl werden einzelne Missgeschicke nivelliert, das Gesamtbild wird verlässlicher.

9. Vorblick in die Pragmatik: Wertung durch Handlung

9.1 Symbolische Abwertung

Handlung in Verbund mit Worten (Verfluchungen) stellen eine besonders starke negative Wertung dar. Im Beispiel geht es darum, den tschechischen Reformator Jan Hus, einem katholischen Priester, Zug um Zug seiner priesterlichen Insignien zu berauben - als Vorstufe zur Hinrichtung:

"Es folgte der dramatische Ritus der feierlichen Degra-
dation. Hierzu hatte Hus zunächst alle bereitgelegten
priesterlichen Gewänder anzulegen, die man ihm dann
Stück für Stück - begleitet von den vorgeschriebenen
Worten der Verfluchung - wieder abnahm: Kasel, Stola
und alle anderen Abzeichen der priesterlichen Würde.
Schließlich folgte das Zerschneiden der Tonsur.
Am Ende dieser Prozedur erklärten die Bischöfe den Wor-
ten unseres Augenzeugen Peter von Mladionowitz zufolge:
'Jetzt hat die Kirche bereits alle kirchlichen Rechte
von ihm genommen und hat weiter nichts mehr mit ihm zu
schaffen. Deshalb übergeben wir ihn dem weltlichen
Gerichtshof.' Eindrucksvoll bezeugen die Bilder des
namentlich nicht bekannten Illustrators in der Chronik
des Ulrich Richental diese Vorgänge: Hus, eingerahmt
von zwei Bischöfen, die Hand an das Messgewand legen,
um es dem Verurteilten im nächsten Augenblick abzu-
streifen. Dann setzte man Hus eine Papierkrone mit
drei gemalten schauerlichen Teufeln auf, die ihn als
'Häresiarchen', also als Erzketzer, auswies und führte
ihn aus dem Münster zur von vielen Bürgern der Kon-
zilsstadt, Teilnehmern der Kirchenversammlung sowie
unzähligen Bewaffneten umsäumten Hinrichtungsstätte."
          (aus: Th. Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer. Persönlichkeit und Geschichte 170.
              Gleichen.Zürich 2011. S. 181)

9.2 ISLAM: halal <=> haram

"rein vs. unrein" - zwei Anschlussfragen/-erfahrungen sind damit aufgeworfen:

  • Solche scharfen Wertungen sind Kennzeichen von Ideologien, vgl. [21], mit ihrer starken mobilisierenden Kraft - bis hin zu großer Aggressivität.
  • Was wäre das Gegenkonzept? Was hilft weiter? Vgl. [22]

9.2.1 ISLAM: Zurückweisen westlicher Werte

Das sei das eigentliche Interesse derer gewesen, die Anfang 2016 in Köln Frauen attackierten - meint die Professorin Ahmed im Interview mit SPIEGEL-online (29.1.2016). Methodisch ist also zweierlei im Bewusstsein:

  • nicht nur durch Worte, sondern auch durch Handlung kann man sprechen vgl. [23]
  • was direkt wahrnehmbar ist, ist die eine Ebene; indirekt spielt die letztlich wichtige mit: die gemeinte Bedeutung. Vgl. [24]
Ahmed: ... Ich bin mir aber sicher, dass die
Männer hinter den Attacken in Köln genau wussten, wie sie
den Westen treffen, wenn sie in Deutschland Frauen belä-
stigen oder anderweitig unterdrücken. Deshalb ist die
Gewalt gegen Frauen auch hier ein strategisches Mittel,
das ganz gezielt ausdrückt: Wir achten eure Werte nicht.
Vordergründig geht es dabei um die Ehre der Frauen, im
Grunde werden sie aber zu Verhandlungsobjekten. 

9.3 Kafka

vgl. [25] Auszug aus dem Museum Franz Kafka-Ausstellungsführer, Prag (21):

"Seine Tagebücher zeugen davon, wie sehr er sein 'jäm-
merliches Aussehen' hasste, das er den 'schlechten Klei-
dern' zuschrieb, was ihn bis zur Selbstverachtung trieb.
'Infolgedessen hab ich den schlechten Kleidern auch in
meiner Haltung nach, ging mit gebeugtem Rücken,
schiefen Schultern, verlegenen Armen und Händen herum.'"

9.4 Bewerbungsschreiben

9.41 Negative Wertungen

Vgl. [26]

9.5 Arabische Bildwelt

Vgl. das Zitat S.202f aus der Erzählung von Rafik Schami in: [27]

9.6 Unbewusstes Werten

(aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016.)

"Konfrontiert man Versuchspersonen mit zwei völlig gleichen
Fotos desselben Gesichts, die sich nur in der Größe der Pupil-
len unterscheiden, so werden die meisten Betrachter auf die
Frage, welches Gesicht irgendwie attraktiver sei, die Abbil-
dung mit den größeren Pupillen wählen. Dieses Bild signali-
siert also stärker als das andere, dass die abgebildete Per-
son etwas Attraktives anblickt: Sie schätzt den Betrachter
also mehr. Einen Teil der Gesichtsschönheit scheint die
freundliche Sozialstimmung (Lächeln usw.) auszumachen: Das
Bild das eine freundlichere Stimmung erkennen lässt, wird
bevorzugt." (128)

9.7 Statistik: Welche Wertungen in Texten?

Standardwörter für gutes oder schlechtes Urteilen kann man in elektronisch gespeicherten Texten entsprechend markieren, sie auszählen und dann je nach Jahrgang vergleichen, wie sich das Verhältnis von positiven bzw. negativen Wertungen verhält/verschiebt. Vgl. [28]

9.8 "Werte" in anderen Kulturen

Vgl. [29] - darin die Zitate von den Buchseiten 167-173. 349.352f

10. Einzelsprache: Schwäbisch

aus W.-H. Petershagen, Wir Schwaben. Band 3 So sprechen wir. Darmstadt 2015.

(109) "Die Skepsis gegenüber Lob bedeutet jedoch kein
Ablehnen von Anerkennung. Die aber wird stets wohldo-
siert erteilt, bestimmt von der Sorge, dass sie be-
rauschen und zum Größenwahn verleiten könnte. Die
Skala anerkennender Äußerungen beginnt im nonverba-
len Bereich mit freundlichem Grunzen, steigert sich
über ein achtungsvolles 'âhâ' zu dem bereits hochach-
tungsvollen 'net schlecht' zum Superlativ
'Mâ kââ's lasse.' Wortreich gelobt wird in manchen
Gegenden Schwabens nur der Christbaum. Dieser Brauch,
genannt 'Christbaumloben', fogt allerdings niedrigen
Beweggründen: Für das Lob gibt es einen Schnaps."