4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Jeder Sachverhalt, von dem man redet, hat einen Anfang, eine gewisse Dauer (auch wenn sie sehr kurz sein sollte) und ein Ende. Diese 3 Stadien kann man sprachlich eigens herausgreifen ("er begann/fuhr fort/hörte auf zu arbeiten"). - Man kann zum Gesamtsachverhalt auch die Häufigkeit herausstellen ("er ging mir ständig auf die Nerven"), oder die Intensität ("Heftig pochte er an die Tür"). - Alle drei Varianten greifen - das ist eine eigene geistige Leistung - einen Aspekt der Realisierung dieses Sachverhalts heraus und präsentieren ihn sprachlich explizit.


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1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Lateinische Terminologie

In Grammatiken braucht man Hilfsbegriffe. Üblicherweise werden diese in Latein formuliert, damit man dadurch schon merkt: ich habe es mit einem Hilfsbegriff zu tun, nicht mit der Sprache, die aktuell beschrieben werden soll. Da die Alternativ-Grammatik mehr semantische Nuancen erfassen will, benötigt sie neue, d.h. neu-konstruierte Begriffe. Sie werden hier zugleich mit deutschen Beispielen vorgestellt.

Aspekte sind Teilstadien eines Sachverhaltes bzw. besondere Modi seines Ablaufs.

1.2 Beispiele

totaliter: Betrachtung des ganzen Sachverhalts

  1. semelfaktiv: betont die nur einmalige Realisierung --> Das passierte nur einmal.
  2. punktuell: nur kurzzeitige Realisierung --> Für einen Moment schaute er zur Uhr.
  3. durativ: besondere Dauer herausgestellt --> Laufend willst du etwas von mir.
  4. iterativ: (häufig) wiederholter Ablauf --> Regelmäßig macht er die selben Fehler.

partitiv: Betrachtung nur einer Teil-Realisierung --> Zum Teil stimme ich mit dem überein.

  1. ingressiv: Anfangsphase des Sachverhalts wird hervorgehoben --> Zu Beginn war noch alles in Ordnung.
  2. resultativ: Endphase des Sachverhalts --> Abschließend lässt sich sagen, dass..
  3. interruptiv: Unterbrechung eines Sachverhalts --> Er trank etappenweise das Glas aus.
  4. continuativ: Wiederaufnahme der unterbrochenen Sachverhaltsrealisierung --> Schritt für Schritt konnte er sich verbessern.

statisch: gleichbleibend

  1. forte: stark --> Er schlug heftig auf den Tisch. Wir spielen unser Spiel (also Fälle von "innerem Objekt", Paronomasie).
  2. piano: schwach --> Sehr leise war das Geräusch zu hören.

(forte steht für Emphase, Nachdruck. - Aktuell interessieren Betonungen/Hervorhebungen der Prädikatbedeutung. Daneben gibt es weitere Möglichkeiten, Emphase zum Ausdruck zu bringen. z.B. durch quantitative Hervorhebungen von Nomina ("tausend Fliegen ..."), oder durch verschiedene Formen übertragenen Sprachgebrauchs - damit beschäftigt sich die Pragmatik.)

dynamisch: Veränderung der Intensität

  1. crescendo: steigernd --> Sie wurde immer lauter.
  2. decrescendo: abschwellend --> Langsam aber sicher kam sie zur Besinnung.


1.3 Literarisch

aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.

(160) Wie hängt das alles zusammen, hat er sich gefragt,
während der Mitch Mitchell nicht und nicht aufgehört hat,
mit seinem Fuß auf die Brust vom Brenner einzuhämmern.
Der ist einfach nicht und nicht müde geworden, und der
Brenner hat mit dem Nachdenken nicht und nicht aufhören
können.

Wortwiederholung zur Anzeige von Nachdruck / Emphase.


1.4 "endlich"

Der Schlusspunkt einer Entwicklung bzw. Handlung wird anvisiert. Vgl. [1]


2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Beispiele

totaliter:

  1. semelfaktiv: Il appella une fois sa femme. (Er rief einmal seine Frau).
  2. punktuell: Je vais vite cuir un oeuf. (Ich werde schnell ein Ei kochen).
  3. durativ: La situation s'améliore progressivement. (Die Situation verbessert sich allmählich).
  4. Iterativ:Ils veillèrent le malade à tour de rôle. (Sie wachten abwechselnd bei dem Kranken).

partitiv:

  1. Partitiv: À Hanovre et Brême aussi le verglas paralysa partiellement la circulation. (Auch in den Stadtgebieten Hannover und Bremen legte das Eis den Verkehr teilweise lahm).
  2. ingressiv: Au début ils étaient heureux. (Anfangs waren sie sehr glücklich).
  3. resultativ: Il réussisa ces éxams en fin de compte. (Er bestand seine Examen zu guter Letzt).
  4. interruptiv: Il buva petit à petit le verre d'eau. (Er trank etappenweise das Glas Wasser aus).
  5. continuativ: Il commença de parler à nouveau. (Aufs Neue begann er zu reden).

statisch:

  1. forte: Il frappa viollament son adversaire. (Er schlug sein Gegner heftig).
  2. piano: Il ouvra la boîte avec précaution. (Er machte die Dose vorsichtig auf.).

dynamisch:

  1. crescendo: Il chouta le ballon toujours aussi fort. (Immer stärker schoss er den Ball).
  2. decrescendo:Il s'approcha petit à petit de lui. (Immer langsamer näherte er sich ihm).

2.2 Konjunktion "si"

Die Konjunktion "si" entfaltet ihre Wirkung in recht unterschiedlichen Modal-Registern. Es ist Standard, allerdings didaktisch unklug, die Wortform zu nennen und semantisch querbeet aufzulisten, wo überall "si" mit welcher Funktion eingesetzt werden kann. Das verwirrt und verhindert, was hier angestrebt wird: ein Bewusstsein auszubilden für die semantischen Basiskategorien.

Einige Bedeutungsfunktionen von "si" gehören zum Register ASPEKTE (Beispiele neu geordnet und anders beschrieben aus "Grammaire de base" (alpha.b):

totaliter-iterativ = habitude: Si je joue au handball, j'ai mal au genou.
totaliter-forte = Emphase: En hiver, il fait si froid dans cette maison. 
totaliter-forte = Emphase: Als Antwort auf eine negative Frage wird das,
                      was die Frage schon enthielt, nochmals, bestätigend
                      aufgegriffen: Tu n'as pas acheté de pain? - Si.
                      j'en ai acheté.
totaliter-forte = Emphase: Il conduisait si vite qu' il a eut un accident. 
                      - Das wird in der Grammatik als "Konsequenz" verbucht 
                      (würde somit zum Register ERMÖGLICHUNG gehören). Das dürfte 
                      unsauber sein: si für sich unterstreicht emphatisch 
                      die erste Aktion. Erst das qu'  zieht die Folgerung im 
                      Sinn von "so dass" = Register ERMÖGLICHUNG.
totaliter-forte = Emphase: Pierre n'est pas si vieux qu' on le dit. 
                      - Ähnlicher Fall wie soeben. si unterstreicht mit 
                      Nachdruck eine Aussage (und negiert sie). Bis hierher läuft 
                      noch kein Vergleich. Erst mit qu'  wird eine 
                      Messlatte (Geschwätz der Leute) ins Spiel gebracht. Vergleich 
                      setzt ein gesichertes Wissen voraus. Man sollte nicht 
                      si für Vergleich reklamieren. Denn diese Funktion 
                      bringt que ein.
totaliter-forte = Emphase: Si intélligent qu' il soit, il ne pourra pas réussir cet examen. 
                      - Wieder wird eine Aussage steigernd 
                      aufgeladen, an die dann Folgemeinung anschließt.

Für weitere Funktionen von si nehme man noch [4.1118 Modalaussagen per Äusserungseinheit (ÄE)] hinzu. Das Ergebnis: Was in Standardgrammatiken als ungeordneter Haufen von 9 Bedeutungsfunktionen von si aufgelistet wird, schrumpft bei uns - in zwei Kategorien - auf übersichtliche 4 Funktionen. - Ein Gewinn an Transparenz!

2.3 Diskussionsanreiz

In kommentierten Etappen können wir ein Zitat zum Thema durchgehen und die Sicht der Alternativ-Grammatik hinzustellen:

"L' information aspectuelle nous dit, de façon globale, si le prédicat est perfectif ou imperfectif (aimer vs. exploser).

o.k. Damit ist noch nicht der einzelne Satz angepeilt,
sondern das "Weltwissen", wonach die eine Verbbedeutung
eine Begrenzung voraussetzt und beinhaltet, die andere
eher einen unbegrenzten Sachverhalt. - Das sollte man
wissen. Aber damit ist noch nichts über die aktuelle
Verwendung der Verbbedeutung im vorliegenden Satz aus-
gesagt.

L' existence de quelques configurations découle de la 'conjugaison' de l' aspect lexical et de l'aspect grammatical.

Es interessiert also näher, was mit grammatischen
Mittel mit jener Verbbedeutung erstellt wird.

Ce dernier est véhiculé en français par des morphèmes de temps verbaux.

Das gefällt uns nicht ganz: Gewiss sollte man auf die
'verbalen Morpheme' achten. "temps" haben wir wegge-
lassen. Denn wir nehmen das Thema "Zeit" ernst und
degradieren es nicht zur morphologischen Kategorie.
Zum Zweiten: Wenn schon über "Modalität" gesprochen
wird, so genügt es nicht, nur auf Verbveränderungen
zu achten. Genauso wirksam kann die "M." auch durch
Adverbien, Präpositionsverbindungen eingebracht
werden. Verf. führt also die für die traditionelle
Grammatik charakteristische Blickverengung weiter.
Eine eigenständige Semantik ist angesagt!

Ces 'temps extérieurs' ont le pouvoir de limiter ce qui est par nature duratif -

'temps', wie angedeutet, als Verbmodifikation verstanden.
Wir verfahren mit dem semantischen Begriff so nicht.

le passé composé et le passé simple, dans, par example, Il l'a aimée ou Elle pensa à lui (toute la nuit).

Hier wird ein Defizit sichtbar: Man kann die
beiden Konjugationsformen als "example" schon nennen,
aber wofür? Augenscheinlich dafür, dass das von Hause
aus unbegrenzte <<LIEBEN>> nun im aktuellen Kon-
text eben doch eine Begrenzung erfährt. - Ähnlich
beim <<DENKEN>>? - Das überzeugt nicht.
Halten wir fest: Verf. will im Bereich Modali-
täten/Aspekte etwas erklären, denkt aber nicht daran,
dass es ergänzend noch einen weiteren wichtigen Ge-
sichtspunkt gäbe: SPRECHAKTE. Vgl. [2]

Ils peuvent également apporter de la durée à ce qui est par nature ponctuel - le présent, l' imparfait. - Des bombes explosaient. Il meurt de peur à chaque prise de sang et créer, des notions aspectuellement momentanées, des constructions itératives. Ainsi, relevons-nous, à part les deux aspects simples - ponctuel et duratif - des configurations aspectuelles qui sont créées: .

  • le début d' un nouvel état (perdre, trouver) - configuration inchoative
  • la répétition d' une action - configuration itérative,
  • le résultat d' un changement d' état - configuration résultative,
  • le déroulement limité par un intervalle (40 jours, pendant la jeunesse, tout sa vie etc.) ou par une borne temporelle (jusqu' à la mort, jusqu' à la gare, jusqu' au petit matin, etc.) - configuration limitative ...
In unserer Sicht überschreitet Verf. hier die Grenze zu
zwei Kategorien, die eigenen semantischen Charakter haben:
[3].
Solche Bestimmungen sollte man von den "Modalitäten"
fernhalten. Diese sind ja keine Papierkorbkategorie...
  • le résultat 'en train de se faire' - configuration télique

aus: I. Pozierak-Trybisz, in: T. Muryn u.a., La phraséologie entre langues et cultures. Ffm 2013. S.64

3. Einzelsprache: Arabisch

3.1 Beispiele

totaliter:

  1. semelfaktiv: اِتَّصَلَ بزوجته لمرة واحدة (Er rief einmal seine Frau).
  2. punktuell: سوف اسلق بيضة بسرعة (Ich werde schnell ein Ei kochen).
  3. durativ: الوضع يتحسن تدريجيا (Die Situation verbessert sich allmählich).

partitiv:

  1. ingressiv:في البداية كانو سعداء (Anfangs waren sie sehr glücklich).
  2. resultativ: في نهاية المطاڤ نجح في الامتحانات. (Er bestand seine Examen zu guter Letzt).
  3. interruptiv: شرب تدريجيا كوبا من الماء. (Er trank etappenweise das Glas Wasser aus).
  4. continuativ: مرة أخرى بدأ الكلام. (Aufs Neue begann er zu reden).

statisch:

  1. forte: ظرب منافسه بقوة. (Er schlug sein Gegner heftig).
  2. piano: فتح العلبة بحذز. (Er machte die Dose vorsichtig auf.).


4. "Aspektuell" kann man überall denken und sprechen

4.1 Realisierung in mehreren Sprachen

[In der folgenden Tabelle stehen in der linken Spalte die semantischen Funktionen, die überall gebraucht werden. Die folgenden Spalten können für einzelne Sprachen genutzt werden. Gesucht sind Realisierungsformen für die semantische Funktion in der jeweiligen Einzelsprache im Bereich wörtlicher Bedeutung (also Konjugationen, Modalwörter, spezifische Stellungen usw. - die Mittel bitte kursiv hervorheben). - Bei Bedarf Tabelle kopieren, von den bisherigen Einträgen befreien und so für weitere Sprachen nutzen.]

Die semantischen Funktionen, die über Sprachbilder ausgesagt werden, werden erst in der Pragmatik behandelt. Jetzt geht es erst um die wörtliche, direkt fassbare Bedeutung, innerhalb einer einzelnen satzhaften Äusserungseinheit. Und es müssen zusätzliche Bestimmungen zum Verb bzw. zu den beteiligten Nomina sein.

semantische Funktion Deutsch Latein Englisch Russisch ...
totaliter-semelfaktiv Er drückte einmal die Taste [Latein] She pressed the key (only) once. [Russisch] ...
totaliter-punktuell Kurz blickte er auf. [Latein] He was looking up quickly. [Russisch] ...
totaliter-durativ So langsam dämmerte ihm, ... Diu laboravi. - Ich habe lange gearbeitet. He was beginning to/started to realise that ... / I continued working. Я читаю книгу ("Ich lese (gerade) das Buch") ...
totaliter-iterativ Abwechselnd riefen wir. Cum / quotiescumque rem publicam pravi homines gerebant, cives in malis erant. - Sooft/Immer wenn schlechte Leute den Staat lenkten, waren die Bürger im Unglück. - Semper aliquid haeret. - Immer bleibt etwas hängen. They were shouting in turns/again and again. Я всегда гуляю по парку ("Ich gehe immer spazieren durch den Park") ...
partitiv-ingressiv Zunächst ging alles gut [Latein] At first, all went well. / They began shouting at each other. [Russisch] ...
partitiv-resultativ Schließlich krachte alles zusammen. [Latein] Finally every thing went well. [Russisch] ...
partitiv-interruptiv Vorzeitig stieg er vom Rad [Latein] He left the pub prematurely. [Russisch] ...
partitiv-continuativ Aufs Neue hob er an [Latein] She started afresh/anew. [Russisch] ...
statisch-forte er schlug kräftig auf den Tisch [Latein] He was seriously ill. - He answered immediately. - The information is strictly confidential. - He worked hard. [Russisch] ...
statisch-piano Sie sang leise ein Schlaflied [Latein] He has hardly worked today. [Tendiert gegen Negation.] [Russisch] ...
dynamisch-crescendo Immer stärker tobte der Wind [Latein] ... more and more. It's increasingly difficult to find good ale around. [Russisch] ...
dynamisch-decrescendo Ständig schwächer ging sein Atem [Latein] ... less and less/weaker and weaker. [Russisch] ...

5. Einzelsprache: Englisch

5.1 "iterativ"

Joyce usually goes to the office by underground. -
Ein schönes und problemloses Beispiel dafür, dass der
Modalaspekt "iterativ" durch ein Adverb ausgedrückt
werden kann. 
Das Verb steht im "present tense", aber semantisch
ist eine generelle Deutung verlangt. 
Joyce pflegte/ pflegt/ wird pflegen die U-Bahn zu
benutzen. Nur scheinbar bezieht sich die Aussage
auf die Zeitstufe "Gegenwart".
Rein logisch ginge das auch gar nicht: In der
Gegenwart kann man nur einmal die U-Bahn benutzen.
Mit gleicher Nuance könnte man auch sagen: 
Harold is used to going to the office by underground. - 
Harold pflegte immer schon (und wird es weiterhin
so halten) ...
Gab es die Gewohnheit, sie ist inzwischen aber
vorbei, verwendet man used to.
Joyce used to go to the office by underground. - "iterativ"
in der Vergangenheit, inzwischen aber vorbei.

Vielleicht kann jemand ergründen und dann mitteilen, warum diese Beispiele bei Kirschning, Englische Grammatik S.210f, aufgeführt werden im Kapitel unter will - would. Es scheint eine auffällige gedankliche Konfusion vorzuliegen. Im Sinn der Alternativ-Grammatik kann man das Thema "Wille" = [4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE] und das gegenwärtige Modul der Ablaufformen ("Register ASPEKTE") sehr gut trennen.


Kommt ein Patient zum Arzt und klagt: "People keep ignoring me.". Darauf der Arzt: "Next please!" - to keep hier in Modalverbfunktion, um ständig wiederkehrend bezüglich to ignore auszudrücken.


6. Einzelsprache: Russisch

6.1 Aspekte und Konjugation

Anders als in vielen weiteren Sprachen hat das Russische die Möglichkeit, ASPEKT-Differenzierung nicht nur zusätzliche (z.B. Adverb) Mittel auszudrücken, vielmehr gibt es von den Verben zweierlei Formen, wobei die eine den imperfektiven, die andere den perfektiven Aspekt realisiert. In der Terminologie der Alternativ-Grammatik kann man sich wie folgt orientieren:

imperfektiv im Russischen entspricht den Aspekten,
die unter totaliter erfasst sind (s.o. Ziff. 4.1).
Nicht-abgeschlossen bringt den Gedanken der Gleichzeitig-
keit ins Spiel.
perfektiv  nimmt auch die Handlung als ganze in den
Blick (nicht einen Teilabschnitt ihres Verlaufs, z.B.
Anfang, Schluss), kann sie so aber entweder in der
Zukunft oder in der Vergangenheit positionieren.
Mit diesem Thema  beschäftigten wir uns schon, vgl. [4.072 Zeit / Tempus / Chronologie].

Das bedeutet: Die Mehrzahl der im aktuellen Modalfeld = "Register" unter "Aspekte" versammelten Nuancen werden durch die verbale Zweiteilung nicht erfasst. Das durchaus berühmte 'russische Aspektsystem' erweist sich somit als lückenhaft. Die meisten Aspekt-Nuancen müssen weiterhin z.B. durch Adverbien realisiert werden. - Und positiv: Bezüglich imperfektiv/perfektiv hat das Russische eine eigene, spezifische (ausdrucks-)syntaktische Realisierungsweise. Semantisch stellt uns dies nicht vor neue, unerwartete Aufgaben. Hierzu passende Beispielsätze wurden in die Tabelle unter 4.1 eingetragen.

Missverständnis: Es heißt, die unvollendeten Verben würden sich wiederholende, insofern nicht abgeschlossene Handlungen bezeichnen. Das ist jedoch logisch-semantisch nicht sauber. Man vergisst dabei zu unterscheiden zwischen der Handlung selbst und der zusätzlichen Modal- = Register-Aussage.

Beispiel: "Immer morgens, am Stand, aß er eine Wurst".
- Das setzt voraus, dass jedes einzelne Mal die Wurst auch
komplett gegessen wurde. Der Zusatzaspekt besteht darin,
dass von dem jeweils abgeschlossenen Wurstessen eine nicht
näher definierte Häufigkeit ("iterativ") ausgesagt wird.
Das ist aber etwas anderes, als wenn ich behaupte, es
handle sich um eine, nicht abgeschlossene Handlung.
Dann wäre die Wurst vom ersten Mal immer noch nicht
gegessen ... Das gilt oben unter Ziff. 4.1 auch für das
"Gehen im Park".

Klarer sind die Verhältnisse bei den vollendeten Verben (= mal wieder ein merkwürdiger Grammatikterminus). Sie bezeichnen eine einmalige, zum Abschluss gekommende Gesamthandlung. Punktum. Auch hier werden weder Teilaspekte (Anfang, Dauer, Unterbrechung, Ende) herausgegriffen, sondern die Handlung insgesamt. Logischerweise entfällt bei dieser Konjugationsart die Möglichkeit bei der Zeit-Interpretation - vgl. [4.072 Zeit / Tempus / Chronologie] -, eine Gegenwartsaussage zu bekommen. Stattdessen wird entweder eine Vergangenheits- oder eine Zukunftsaussage vorliegen.

In unserer Terminologie sind die vollendeten Verben für das "Register ASPEKTE" gar nicht einschlägig, sondern gleich bei der Chronologie.

7. Einzelsprache: Schwäbisch

7.1 Häufigkeitsangaben

Auszüge aus H. Petershagen, Schwäbisch offensiv, in SWP 25.6.2016:

"Möglicherweise liegt es an der landestypischen
Vorliebe für saure Linsen und an deren häufigem
Genuss, dass eine beliebte schwäbische Frequenz-
angabe äll Furz lang lautet. Denn nur, wer
gezwungen ist, den geblähten Darm ständig zu
entlüften, wird mit dieser Redensart eine
schnelle Abfolge von Ereignissen verbinden.
Es ist gewissermaßen die menschliche Variante
von äll Hennaschiss.  ...
"Ällbot braucht dui nuie Schuah", beob-
achtet etwa die aufmerksame Nachbarin - auch
wenn sie nicht weiß, was dieses ällbot,
das sie statt alle Augenblicke verwendet,
im Grunde bedeutet. ...
Bot war die Grundform, aus der mit Hilfe
des Kollektivpräfixes Ge- das Gebot wurde,
so wie aus dem Land das Gelände, dem Berg das
Gebirge. Aber da die Schwaben dieses Ge-
regelmäßig zu G'- verkürzen und G'bot
unaussprechlich ist, beließen sie es beim Bot,
das zunächst eine Aufforderung oder Vorschrift
beschreibt. So stand das Wort bot für das
Recht der Obrigkeit, Personen zu sich zu zitieren.
Das schwingt heute noch mit im Aufgebot, der
Aufforderung an die Allgemeinheit, sich mit
eventuellen Ansprüchen bei den Behörden zu melden,
etwa bei Erbschaften oder Eheschließungen.
Damit entwickelte sich (Ge-)Bot zur Bezeich-
nung für Vorladungen, sei es zum Gericht oder zu
Zunftversammlungen, die daher ebenfalls als 
(Ge-)Bot  bezeichnet wurden.
Dass Bot auch den Sinn des aufzählenden mal
erhalten hat - einbot, zweibot, dreibot
- führt das Schwäbische Wörterbuch auf die
Häufigkeit dieser Aufrufe und Versammlungen zurück.
Und ällbot - alle Bote lang - wurde zum
Synonym für eine hohe Frequenz. Die Abschätzigkeit,
die in ällbot mitschwingt, mag daher rühren,
dass diese Zusammenkünfte häufiger stattfanden,
als den Zünftlern - oder deren Frauen? - lieb war.