4.08 Modalitäten – sprachliche Filter

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Für solche Modifizierungen / Modalitäten sollte man sensibel werden. Wie bei einer Orgel haben wir in unserem Hirn verschiedene Register zur Verfügung. Im Moment sieht es so aus, als seien es sechs Register. Je nachdem, welches der Register gezogen ist, oder ob womöglich mehrere gleichzeitig gezogen werden, ist der Klang = die Färbung des Satzes eine andere.

Der übliche Grammatiksprech hat eine ganz andere Gliederung. Es wird - z.B. bei Adverbien - von "näheren Umständen" gesprochen, unter denen verstanden wird die Frage nach dem Ort (wo? wohin? woher?), der Zeit (wann? wie lange? seit wann?), der Art und Weise (= modal: wie? wodurch?), des Grundes (warum?, wozu?)

Die Alternativ-Grammatik geht ganz anders vor: Ort und Zeit bekommen eigene Kapitel, als elementare Grundkategorien unseres Denkens; Art und Weise ist zu schwammig, wird stattdessen in 6 Modal-Register aufgefächert; Grund/kausal muss man dann nicht eigens erwähnen - als sei es keine Modalangabe; außerdem hat wozu nichts mit kausal zu tun: es liefert eine Zweckangabe (final). - Die übliche Theoriegrundlage klingt nicht durchdacht, eher konfus.


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0. Theorie / Allgemein

0.0 Hermann Hesse

Nachfolgend geht es nicht um Grammatik, aber um eine erzählerische Umsetzung des Bewusstseins um Modalitäten bzw. um - scheinbar - wirklichkeitsgetreue Schilderung.

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973. 'Kinderseele'

(392) "Aber der Stundenschlag hatte mich geweckt und meine
Phantasiespiele gelähmt. Ich war plötzlich sehr schwach,
überwirklich sah mein Zimmer mich an, Pult, Bilder, Bett,
Bücherschaft, alles geladen mit strenger Wirklichkeit,
alles Zurufe aus der Welt, in der man leben mußte, und die
mir heute wieder einmal so feindlich und gefährlich
geworden war 
(...)
(393) Jetzt gab es nichts als fliehen, vor dem Vater, vor
der Strafe, vor mir selber, vor meinem Gewissen, fliehen
und rastlos sein, bis dennoch unerbittlich und unentrinnbar
alles kam, was kommen mußte.
   Ich lief und war rastlos, ich lief bergan und hoch bis
zum Wald, und vom Eichenberg nach der Hofmühle hinab, über
den Steg und jenseits wieder bergauf und durch die Wälder
hinan."

0.1 Autismus

Eine wesentliche Auswirkung der Krankheit kann man im Sinn der Alternativ-Grammatik wohl als modale Endlosschleife beschreiben. Die Betroffenen verfangen sich in den verschiedenen Registern, wechseln vom einen zum anderen, wieder zurück usw. und kommen vor lauter Filterungen / Erwägungen nicht wieder aus den Modalitäten heraus und damit hin zu praktischem Tun. Eine solche mentale Endlosschleife ist enorm anstrengend und lähmt den Betroffenen.

Folglich hilft es, wenn Betreuungspersonen klare Anweisungen geben. Die brauchen ja nicht barsch oder unfreundlich zu sein. Aber ein Befehl - eine Realisierungsform von: 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE - kann den Kranken aus der Endlosschleife herausholen und zu praktischem Handeln bringen:

Eine Handlungsanweisung löst somit viele mentale
Entlastungen aus und durchbricht das endlose, zu keinem
Resultat führende Räsonnieren über das, was nun zu tun sei.

0.2 Geschichte (Rückblick) - Politik (Prognose)

Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge (Der SPIEGEL 2/2012) weist auf die Bedeutung der Möglichkeitsformen hin. Auszüge aus dem Gespräch (mit Kurzkommentaren):

SPIEGEL: Ob man aus der Geschichte lernen kann, ist
höchst umstritten.
KLUGE: Prognosen lassen sich aus ihr nicht ableiten.
Aber man braucht geschichtliche Erfahrung, wenn man nach
Auswegen sucht. Dafür muss man Möglichkeitsformen unter-
suchen. Den Konjunktiv, den ich mir wünsche - Krieg -,
muss ich kennen, um ihn zu verhindern. Die Beschränkung
auf die Aktualität macht vorzeitig blind.

"Prognosen" verweist auf 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION - "prospektiv"; "geschichtliche Erfahrung" ist einigermaßen gesichertes Wissen: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Und ob ich dann immer noch "Krieg" will, wird in 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE zum Ausdruck gebracht.

SPIEGEL:  Was tun?
KLUGE: Im Konjunktiv denken, im Licht der Ge-
schichte und der Zukunft nach Optionen, Möglichkei-
ten suchen.

Damit ist wieder 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION "prospektiv" angesprochen, immer noch mit den Varianten "real"-vernünftige Vorausschau oder "irreal"-hypothetische Möglichkeit. Dennoch kann es sinnvoll sein, auch solch ein Gedankenspiel durchzuführen.

KLUGE: Zu den Erwartungen kommen noch die Wolken des
Zufalls hinzu, die den Globus umkreisen. 

Was ist "Zufall" - modal betrachtet? - Offenbar das Gegenteil von "Erwartung", also direktes Nicht-Wissen: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Es ist zwar eine nette Metapher, wenn das Nicht-Wissen "umkreist". Aber außen spielt sich gar nichts ab. Stattdessen ist etwas in meiner Weltsicht nicht vorhanden.

KLUGE: Geschichte lässt sich auch in der Grammatik-
form des Irrealis lesen: Es hätte ganz anders kommen
können, Hitler zum Beispiel wäre im Dezember 1931 beinahe
bei einem  Autounfall ums Leben gekommen.

Derartige Varianten durchzuspielen ist sinnvoll: 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION - von einer eigenen semantischen Kategorie zu sprechen ist angemessener als vom alten, nur eingeschränkt passenden "Konjunktiv".


0.3 Registerwechsel = Politikwechsel (WOLLEN -> KÖNNEN)

Frage an den Berater des französischen Präsidenten zum veränderten Blick Frankreichs auf Deutschland (in der Euro-Krise), (aus SPIEGEL 4/2012):

SPIEGEL: Gab es einen Moment, an dem dieser Wandel
erkennbar wurde?
Minc: Sarkozys Blick auf die Kanzlerin veränderte
sich, je mehr er Deutschland verstand. Ich habe das förm-
lich gespürt. Zu Beginn sagte er: "Sie will nicht", jetzt
sagt er: "Sie kann nicht". Das ist ein gewaltiger Unter-
schied.

Oder ausgedrückt in unserer Terminologie: Es ist ein großer Unterschied, ob mein Denken und Sprechen durch 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE bestimmt und gefiltert ist, oder durch: 4.084 Modalitäten – »Register« ERMÖGLICHUNG.

0.31 Registerwechsel: WISSEN -> SICH-VORSTELLEN

aus Interview mit Sportdirektor/Trainer Rangnick (SPIEGEL-online 29.12.2014):

Rangnick: Ich war skeptisch, bis Helmut irgendwann sagte:
Ralf, du wirst immer irgendwas zu kritisieren finden.
Aber solange du deine Ängste nicht überwindest, spielst
du eben weiter deine Abzählreim-Manndeckung. Mir war
plötzlich klar, was mein Problem war: Ich konnte mir
nicht vorstellen, so Fußball spielen zu lassen, weil
ich als Spieler anders geprägt worden war.
SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben, wie schwer es ist,
jemanden von seiner Taktik zu überzeugen. Danach
standen Sie als Trainer hundertfach vor dieser
Aufgabe: Ihren Spielern gegenüber. Wie bringt man die
dazu, etwas Neuem zu folgen?
Rangnick: Wir reden hier über Motivation, und Moti-
vation ist Überzeugungstransfer. Ich muss versuchen,
meine eigenen Überzeugungen auf meine Auszubildenden
zu übertragen. Voraussetzung dafür ist aber, dass
ich selbst eine klare Überzeugung habe. Der Film des
perfekten Spiels muss in meinem Kopf sein. Je klarer
desto besser.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihr Film aus?
...

R. spricht von einem Wechsel, den er zu vollziehen hatte: vom Besserwisser, Kritisierer - [1] - hin zu einem, der sich neue, noch unerprobte Konzepte auch vorstellen kann - [2] -. Und auf die Vorstellung folgt der Versuch, die neue Spielweise auch praktisch umzusetzen.


0.4 Volkslied

Aus dem 18. Jhd. stammt das Lied "Die Gedanken sind frei". Sein Text betont die scharfe Trennung zwischen dem, was "außen" passiert, und der gedanklich-geistigen Welt jedes Einzelnen. Man ist sich bewusst geworden, dass äußerlich andere, z.B. absolutistische Fürsten, über ein Menschenleben verfügen können, dass es aber immer einen sicheren Ort des Rückzugs gibt, in den niemand eindringen kann, und der der eigentliche Garant für persönliches Glück ist: die eigene geistige Innenwelt. In ihr können unerkannt die Sprengsätze entwickelt werden, die äußere Demütigungen letztlich beseitigen.

"Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? ...
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger
erschießen ..."
"Ich denke, was ich will, und was mich beglücket ...
Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren
 ..."
"Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker,
das sind alles rein vergebliche Werke; denn meine
Gedanken zerreißen die Schranken ..."
"Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen ...
Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen..."

Wir können dieses damals auch politisch brisante Lied zur "Hymne für die Modalitäten" küren: Für ihre Wichtigkeit und für die scharfe Trennung von Innen und Außen. Und dafür, dass sie grammatisch als ein eigenständiger Bereich gesehen und behandelt werden, eben semantisch - und nicht nur en passant abgespeist mit einigen 'modals' oder 'Konjunktionen'.

0.5 Technikentwicklung

Am sogenannten "technischen Fortschritt" kann man die einzelnen Modalitäten erkennen, somit die Denkfiguren, die man in der SEMANTIK schon bei der Analyse einzelner Sätze einsetzen kann/soll. - Einzelaussagen aus einem Artikel von H. Schneider (SWP 11.1.2014) entsprechend aufbereitet.

A: allgemein
"Alles, was technisch möglich ist, muss und wird realisiert 
                         | Das Stichwort "möglich" ist zweideutig.
werden". Dies schrieb kein Fabrikant, sondern der Schrift- 
                         | Also nicht nur darauf reagieren!
steller Jules Verne.     | => denk- und vorstellbar, berechenbar,
                         |    insofern gewünscht: [3]
                         | => was aufgrund der Produktionsbedingungen
                         |    produziert werden kann:[4]
Wer etwas Neues findet, was besser ist als das Alte, wird be-
                         | => wer IMAGINATION weitertreibt: gute Wertung [5]
lohnt. Eine Welt ganz ohne technischen Fortschritt ist unvor-
                         | => Unterdrückung von IMAGINATION (z.B. auch in
stellbar. Nur im Paradies, in der Vollkommenheit strebt nie- 
                         |    totalitären Staaten) ist unmöglich
mand mehr nach Verbesserungen. Auf Erden aber wird der Mensch
                         | => vgl. Handke-Buchtitel "Wunschloses Unglück"
vermutlich nie wunschlos glücklich sein.                     | 


B: Problem - Wahrnehmung und Lösung
Definition: Erhöhung der Mobilität des Menschen              
                         | muss nicht förmlich geschehen; es kann auch die
                         | Wirtschaftsentwicklung die Einsicht wecken,
                         | dass Menschen schneller von A nach B gelangen sollten,
                         | vgl. [6]
[Pferdekutschen] Sollte die Mobilität des Menschen im glei-
                         | zunächst gleiche Modal-Register wie soeben:
chen Tempo weitergehen, würde Manhattan alsbald im Mist er- 
                         | => IMAGINATION: man kann sicher vorhersagen
sticken, rechneten Statistiker aus.              
                         | => ERMÖGLICHUNG: es wird unmöglich sein, 
                         |    sich dort weiterhin aufzuhalten
                         | => die absehbare Existenzbedrohung schließt
                         |    eine negative WERTUNG ein [7]
                         | => auch per IMPLIKATION wachgerufen: der WUNSCH,
                         |    die Entwicklung zu steuern [8]
An einem Tag werden heute in New York und anderswo Menschen-
                         | Problemlösung gelungen, grammatisch: TAT vollzogen, 
massen bewegt, für die Pferdekutschen Monate brauchen würden.
                         | vgl.[9] = angepeiltes PRÄDIKAT realisiert
                         | (beachte Formel im PDF)
C: Folgeprobleme

Der gleiche Ablauf wie in B, mit vergleichbarer Beteiligung der Modalitäten, aber nun mit neuen Inhalten, schließt sich in der Regel an. Mit Schleifen, Iterationen, Verzweigungen, Nebenproblemen usw. wird der angefangene Problemstrang fortgeführt, vgl. [10]. Erst im Paradies hört diese Fortentwicklung auf ... Denkbar beim gewählten Beispiel:

B1: Def.:  Ressourcenverbrauch    B2: Def.: Verkehr                    B3: Def.: neue Mobilität
B1.1: Def.: Erdöl                 B2.1: Def.: Straßenbau               B3.1: Def.: Elektro 
B1.2: Def.: Transport/Raffinerien B2.2: Def.: Landschaftszersiedelung  B3.2: Def.: Flugzeug
B1.3: Def.: Ökonomische Folgen    B2.3: Def.: Sicherheit               B3.3: Def.: e-bike
B1 ... Def.:                      B2...: Def.:                         B3...: Def.:

Eine Ausgangsfragestellung kann somit viele "Söhne und Töchter" haben. - 'Es gibt viel zu tun!' Davor aber viel einzuschätzen, zu klären, planen, organisieren usw. = MODALITÄTEN.

0.6 BWL

In der Betriebswirtschaftslehre wird unter Managementkreislauf ein 5-stufiger Prozess verstanden, der in starkem Maß unserem Set an Modalitäten gleicht, damit verbunden der Bezug von Modalitäten + Prädikation. Das heißt zugleich: es handelt sich um einen geistigen Ablauf, der in vielen Fächern Standard ist - analysiere man ein Unternehmen, einen sprachlichen Satz - oder auch alltägliches Handeln. Solche flächendeckend verwendbaren gedanklichen Grundstrukturen zu vermitteln, wäre ein wichtiges Lernziel des schulischen Grammatikunterrichts - der dann auch vielfältig als praxisrelevant empfunden würde.

Für das erfolgreiche Wirtschaften eines Unternehmens sind wichtig:
   1. Zielsetzung         
                     => entspricht unserem Register IMAGINATION-prospektiv
   2. Planung          
                     =>     "         "        "    EPISTEMOLOGIE,
                        d.h. unter Einsatz des verfügbaren Fachwissens
                        wird das erwünschte Produkt konstruiert
   3. Entscheidung      
                     => entspricht unserem Register INITIATIVE
   4. Disposition    => das Register ERMÖGLICHUNG spricht an, dass
                        für die Realisation günstige Voraussetzungen
                        geschaffen werden. - Die 'Baustelle' -
                        wörtlich oder übertragen - wird zunächst                         
                        eingerichtet. [N.B. dieser Punkt fehlte in
                        den uns vorliegenden BWL-Papieren]
   5. Realisation    => dem entspricht linguistisch das echte PRÄDIKAT,
                        d.h. die HANDLUNG, eine reale Außenweltveränderung
   6.    ---         => das Register ASPEKTE würde einbringen, in welcher
                        Form die Realisation vollzogen wurde: einmal -
                        iterativ, in Etappen oder in einem Zug usw. Der
                        Unterschied von einmaliger oder maschineller
                        Massenfertigung kann damit erfasst werden.
   7. Kontrolle      => das Register AXIOLOGIE ist dazu da, abschließend
                        und auswertend zu beurteilen, wie nun der Ablauf
                        zuvor zu sehen ist.    
  

Einerseits Übereinstimmung, andererseits ist die linguistische Sicht differenzierter. Davon könnte die BWL profitieren.

0.7 "Adverbial" / "Umstandsbestimmung"

Die Begriffe der bisherigen Grammatik sollte man kennen. Aber über diese alten Begriffe sollte man auch kritisch nachdenken, sie selbst zum Thema machen - anstatt sie gehorsam, weil sie seit den Römern im Spiel sind, lediglich zu übernehmen. Klopfen wir die beiden genannten ab:

Adverbial - man fühlt sich bei diesem Terminus
'falsch verbunden', wenn er nun - hoch in der SEMANTIK -
zum Thema werden soll. Denn wenn es um etwas geht,
"was zum Verb" gehört oder hinzukommt - so das
wörtliche Verständnis -, so gehört "Adverbial" genauso
wie "Verb" in das Kapitel der (Ausdrucks-)SYNTAX
[11]
Es soll etwas gesagt werden zur äußeren Organisation
der Sprachausdrücke.
"Bedeutungen" oder "Inhaltsverstehen" werden von dem
Begriff nicht verlangt.
Aber in doppelter Hinsicht ist der Begriff falsch:
- "Gelernt habt ihr die Vokabeln aus Kapitel 5 des
  Vokabeltrainers gut."
  Wenn die Wertung als "Adverbial" gelten soll: Es besteht
  keine erkennbare Nähe zum konjugierten Verb!
- In der Denkweise der Alternativ-Grammatik: der Begriff
  "Adverbial" meint ohnehin nicht das "Verb", sondern die
  "Prädikation"! Also der 1.Aktant "ihr", der die Tätigkeit
  des Lernens vollzogen hat, hat seine Sache "gut" gemacht.
Fazit: Der Begriff "Adverbial" führt doppelt in die Irre.
Anders der zweite Begriff: Umstandsbestimmung. Darin
liegt überhaupt kein Hinweis auf die Art der Realisierung.
Aber bedeutungsmäßig werde ein Umstand benannt. -
Was, bitte? - Man erlaube die Behauptung: "Umstand" ist
einer der sinnlosesten und nichtssagenden Grammatikbegriffe.
In seiner Verzweiflung klammert sich der Schüler an die
Wortbedeutung: Irgendetwas "umstehe die Satzaussage"?
Ist das gemeint?
Ergänzend: Gemessen an der Gliederung der Alternativ-Grammatik -
vgl. Inhaltsverzeichnis zur SEMANTIK - ist "Umstand" ein
"Kraut- und Rüben-Begriff", der Unzusammengehöriges mixt,
zugleich aber Wichtiges immer noch nicht erfasst.
Zu "Umstandsbestimmung" gehören üblicherweise - Beispiele: 
Etwas geschieht ...
wo        also Ortsangabe. Das ist so wichtig, dass es
                eine eigene Schublade verdient: [12]     
wann      also Zeitangabe. Genauso elementar wichtig: [13]

Beide, Ort und Zeit, sind für das Denken so zentral, dass man nicht nur dann danach fragt, wenn nun gerade eine "adverbiale Umstandsbestimmung" vorliegt. Zudem gibt ja auch die Verbkonjugation schon Hinweise - die zu koordinieren sind.

warum     Frage nach dem Grund, der Ursache für ein
                Ereignis. Damit treten wir in die Reihe
                der Modalitäten ein - ein qualitativ anderes
                Begriffsfeld als Ort/Zeit. "kausal" hat
                seinen Platz im Register INITIATIVE [14],
                ist dort aber nicht isoliert, sondern mit
                weiteren semantischen Abstufungen zum Thema
                verbunden.
wie       ist vieldeutig. Es kann ein Vergleich gemeint sein -
                "er schwamm wie ein Fisch". In diesem Fall bringt
                der Sprecher Zusatzwissen ins Spiel. Also ist aktiv
                das Register EPISTEMOLOGIE: [15] 
                Oder ist die Art des Vollzug der Tätigkeit gemeint -
                "er schwamm langsam".
                In diesem Fall ist das Register ASPEKTE aktiv: [16]
                Oder es wird eine WERTUNG ausgedrückt:
                "Er schwamm gut", vgl. [17]
wodurch   Was ist nun das? Wieder eine "kausal"-Angabe? Die
                hatten wir doch schon! Durch die separate Nennung
                des Frageworts wird aber suggeriert, damit sei ein
                bedeutungsmäßig neuer Typ von Zusatzangabe aktiv. 

Es ist didaktisch verheerend, SchülerInnen eine theoretisch derartig konfuse Begrifflichkeit vorzusetzen. - Es geht aber weiter. Denn gemessen an der Alternativ-Grammatik fehlt noch einiges. Vielleicht gibt es dafür nicht immer ein bequemes Fragewort. Aber außen vor sollte man nicht lassen:

Zweckangabe vgl. [18]
          Man kann sich auch mit Präpositionen - und seien sie hässlich -
          behelfen: "zwecks Kritik an der üblichen  Terminologie ..."
Konzessionsangabe vgl. [19] - "trotz des Regens ging er ins Freibad"

Damit hätten wir unsere Liste von "Modalitäten" 'abgearbeitet'. - Fragewörter mögen nützlich sein - sie laufen aber auch Gefahr, dümmlich zu wirken - u.v.a. ist die übliche Liste unpräzis und lückenhaft. Sowohl Ort/Zeit wie auch die Modalitäten enthalten viele Nuancen. Sie sollte man besprechen, damit der Horizont über die Fragewörter hinaus erweitert wird.

Und vor allem - da hier das Kapitel zu den Modalitäten eröffnet wird, sollte klar werden: Immer wenn derartige 'Register' im Spiel sind, drückt der Sprecher des Satzes explizit eine eigene geistige Einschätzung des Sachverhalts aus. Jeder Anspruch auf 'Objektivität' wird damit aufgegeben. - Diese Aussage zur Funktion von Modalitäten wird nie und nimmer erkannt, wenn man sich mit dem drögen Begriff "Umstand" begnügt.

Grundsatzbemerkung: Wir besprechen auch noch andere
Begriffe der traditionellen Grammatik, denn man
sollte sie kennen. Wie aktuell gesehen - es wird
häufig darauf hinauslaufen, dass auch bisher schon
immer erfasst werden musste:
(1) Wie ist die Struktur dessen, was wahrnehmbar ist -
    geschrieben oder gehört? (= unsere Ausdrucks-SYNTAX)
(2) Was wird bedeutungsmäßig damit zusammengesetzt,
    also ausgesagt? (= unsere SEMANTIK / PRAGMATIK)
Diese beiden prinzipiell verschiedenen Ebenen zu erfassen -
das ist die Aufgabe für jeden Grammatiker. Darin bietet auch
die Alternativ-Grammatik nichts Neues.
Die Frage ist lediglich: Wie transparent, schlüssig
bzw. wie verschwurbelt, inkonsequent, irritierend, defi-
zitär wird mit den beiden Ebenen umgegangen? - Je
nachdem, auf welche Seite man sich schlägt, gewinnt von
der Entscheidung die Sprachdidaktik - oder sie
behindert sich selbst.

0.71 "ich würde sagen / I would say / je dirais ._._."

... dass SchülerInnen, die bei solchen Verbformen von Konjunktiv, Subjonctiv, Conditionnel u.ä. sprechen können, semantisch noch nichts gelernt haben. Vgl. auch die folgende Ziff. 0.8. - Wie man die Wortformen in der Einzelsprache behandeln kann - unterschiedlich konjugieren -, ist natürlich wichtig. Mit Begriffen, wie den genannten, werden unterschiedliche Konjugationsformen aber erst mit einem Überbegriff ausgestattet.

Nun gut - und was dann? Ab jetzt begänne erst SEMANTIK. Beim genannten Beispiel sollte man in das Modalfeld IMAGINATION - vgl. [20] - schauen: laut Wortbedeutung geht es darum, dass nach Bestimmung der Konjugationsart nun als Blickrichtung der Aussage prospektiv erkannt werden müsste, dass ein Irrealis vorliegt - was aber häufig unterbleibt. Die Aktion findet ja noch nicht statt, sondern gedanklich wird ihr erst der Weg bereitet. Sobald ihre reale Ausführung beschrieben werden soll, genügt eine einfache Prädikation - ohne jeglichen Modalanzeiger. Das Umschalten in eines der geistigen Register - das ist es, was als semantischer Beitrag der Modalitäten erkannt werden sollte - als eigenständige Erkenntnis neben der Frage der 'Konjugationsformen'.

Auch begegnet öfters eine Begriffsverwechslung in der Standardgrammatik. Möglicherweise wird dort durchaus schon der Irrealis genannt, der Begriff ist im Einzelfall dann aber auf die Konjugationsform bezogen, weil die Art der Verbbehandlung interessiert. Also werden Ausdrucksebene (SYNTAX in unserem Sinn) und SEMANTIK kunterbunt gemischt - was zur Hirnverdrehung bei Schülerinnen führen dürfte.

Aber damit ist noch nicht Schluss: ein solcher Satz muss in der PRAGMATIK nochmals aufgegriffen werden - bei "Übertragenem Sprachgebrauch": es liegt ein Paradox vor. Jemand redet von einem möglichen Reden, dabei spricht er doch bereits!? Also ist eine zweite Bedeutungsebene auszumachen (Unterwürfigkeit?).

N.B. Sie werden bemerkt haben: außer den Fachbegriffen sind
in diesem Abschnitt die Indizien kursiv geschrieben,
die auf das Thema "Modalitäten" verweisen. Gemeint:
Indizien auf semantischer Einstiegsebene, und das auch nur
kursorisch. Vielleicht sollte man im einen oder anderen
Punkt noch diskutieren. Noch nicht berücksichtigt:
'übertragener Sprachgebrauch', kritische Auflösung in der
PRAGMATIK.
        

0.8 Standardgrammatik

J. Germann bietet eine Übersicht, wie 'Modalitäten' im Rahmen der Standardgrammatik gesehen werden: [21] Methodisch - wieder - die Anmerkung: das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Modalformen, also der Frage, wie die Modalitäten praktisch in der Sprache realisiert werden. Das setzt - irrtümlich - voraus, es sei allgemein bekannt, was man unter "Modalitäten" zu verstehen habe, nur noch die Umsetzung sei das Problem. Dazu findet man eine Stellungnahme in der Rubrik "Diskussion" (von J.Germann, 9.3.2015).– Die explizite SEMANTIK der Alternativ-Grammatik sieht das anders: man sollte auch schon in der Schule erst einmal ein Bewusstsein wecken für die verschiedenen Modalfelder und dann noch deren Differenziertheit.


SPIEGEL-Interview (4/2016) mit Schriftsteller Navid Kermani zur Nahostkrise, IS, Flüchtlingen:

Kermani: Wenn es für Syrien eine Friedensperspektive
gäbe - unter Bewahrung des syrischen Staates, aber
mittelfristig ganz sicher ohne Assad -, könnte sich
die Weltgemeinschaft auf ein gemeinsames Vorgehen gegen
den IS verständigen. Und wenn ein Mandat der Vereinten
Nationen vorläge, wäre ich für den Einsatz auch
ausländischer Bodentruppen, wenn nötig, um Rakka
und Mossul zu befreien. Und ich wüsste keinen Grund,
warum Deutschland sich dann raushalten könnte.
SPIEGEL: Viele Konjunktive.   
Kermani: Weniger kompliziert kann ich es Ihnen
leider nicht bieten. Aber klar ist doch: Der IS
wäre besiegbar. Und er muss besiegt werden. Für
die Menschen dort, die vom IS terrorisiert, vertrieben,
massakriert, versklavt werden. Und für unsere eigene
Sicherheit.

Im Sinn der Standardgrammatik ist der Verweis auf die Konjunktive natürlich richtig. Semantisch ist mit dem Hinweis auf einen Konjugationstyp noch nichts gewonnen. Die Alternativ-Grammatik kann fortfahren und auf das Register IMAGINATION [22] verweisen. Offenkundig sollen durch die Konjugationsformen Denkmöglichkeiten, Gedankenspiele wachgerufen werden. Und sie stehen - schaut man genau hin - in Interaktion mit weiteren Modal-Registern, z.B. INITIATIVE, ASPEKTE, ERMÖGLICHUNG. So entsteht erst - bereits semantisch, also im Wortsinn - ein schlüssiger Gesamteindruck der Passage.


Vgl. H. Genzmer, Unsere Grammatik. wbg 2014. S.28f:

"Verben wie: helfen, hören, lernen, lehren, sehen,
bleiben, lassen werden mit Infinitiv benutzt. 
Ich lasse ihn hinauswerfen.
Ich sehe und rieche ihn kommen.
Er bleibt immer einfach sitzen.
Oft werden Perfektkonstruktionen auf einen Infinitiv verkürzt,
dies geschieht besonders mit dem Hilfsverb sein:
Wo ist er? - Er ist mit seinen Helfern essen.
für:
Er ist mit seinen Helfern essen gegangen. 
Eine Reihe von Verben steht mit dem Infinitiv + zu:
Niemand freut sich, dich zu sehen.
Er scheint völlig unbeliebt zu sein.
Ich fange langsam an, ihn zu hassen."

Und so gibt es noch weitere Konstruktionsmuster. Es ist gut, sie zu kennen. Für uns aktuell ist wichtig: Solche Sprach-/Konstruktionsmuster haben mit dem, was wir unter SEMANTIK verstehen, noch nichts zu tun. Mehr noch: sie leisten einem Missverständnis Vorschub. Wir haben nicht den Eindruck, dass die gen. Grammatik dem vorbeugt:

  • die Rede vom angehängten Infinitiv wirkt so, als sei dies eine Zusatzinformation, die letztlich weniger wichtig ist. Dabei verhält es sich - semantisch - genau umgekehrt: der Infinitiv bietet die eigentlich interessierende Information, ist das semantische Prädikat. Dagegen ist das konjugierte Verb darauf bezogen der Modaloperator. Er steht für eines der Modalregister - man kann die Sätze durchgehen und festhalten, welches Modalregister aktiviert wurde - als Beispiel: "Ich lasse..." aktiviert offensichtlich das Register INITIATIVE. "Ich sehe..." die EPISTEMOLOGIE, "Er bleibt..." die ASPEKTE usw.
  • Solche Belege zeigen, dass die Standardgrammatik noch nicht zu einer expliziten Semantik gefunden hat, sondern noch bei Baustrukturen festklebt - was aber damit gebaut werden soll, bleibt unterbelichtet.

Etwas später, S.89, der Hinweis: "Das Präsens des Konjunktivs II ist identisch mit den Formen des Präteritums" (z.B. öffnete, sagtest). - Im Sinn der bisherigen Standardgrammatik erwartbar, eine solche Aussage. Kein Hinweis jedoch, dass die Ausdrücke für entgegengesetzte semantische Funktionen stehen - Modalisierung bzw. Tempus/Sprechakt. S.92-4: Konjunktiv II steht für irreale Situationen, verleiht Bitten eine größere Höflichkeit, nennt irreale Bedingungen. Methodisch: Eine Form wird genommen und geschaut, was damit quer durch den semantischen Gemüsegarten ausgesagt werden kann. Wir wollen den Blick umdrehen und erst mal schauen, wie der Gemüsegarten strukturiert ist - und welche Formen dann jeweils zum Einsatz kommen können (beileibe nicht nur Konjugationen).

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Erläuterung

Durch die Modalität verändert, verzerrt, formt der Sprecher seine Aussage um, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Hierfür kann der Sprecher 6 Register nutzen, um sich auszudrücken:

  1. Epistemologie (vgl. [23]): es geht um alle Bedeutungen des Sagens, des Mitteilens, des Wissens sowohl in positiver als auch in negativer Form.
  2. Imagination (vgl. [24]): mit diesem Modalfeld kann man in die Phantasiewelt übergehen. Man kann sich eine Welt im Kontrast zur realen Welt aufbauen.
  3. Initiative (vgl. [25]): hierbei geht es um den Willen des Sprechers. Mit Hilfe von Mahnungen, Ratschlägen, Verboten usw. kann er diesen kundtun.
  4. Ermöglichung (vgl. [26]): sind die technischen Voraussetzungen gegeben, um eine bestimmte Aktion durchzuführen?
  5. Axiologie (vgl. [27]): der Gesamtsatz erhält durch Adverbien eine Wertung.
  6. Aspekte (vgl. [28]): die Art wie eine Handlung abläuft, die Dauer, die Häufigkeit oder die Intensität eines Sachverhaltes kann verdeutlicht werden.

Beispiele

  1. Die Türkei wird wohl nie der EU beitreten.
  2. Hätte ich doch gestern Lotto gespielt, dann wäre ich jetzt Millionär.
  3. Hör bitte auf, den Hasen an den Ohren zu ziehen.
  4. Das Wetter am Wochenende war günstig fürs Grillen im Garten.
  5. Ich habe die Klausur super bestanden.
  6. Er ist mir ständig auf die Nerven gegangen.

Übungen

  1. Verdeutlichen Sie in eigenen Beispielen, was Modalitäten bewirken.

2. Einzelsprache: Türkisch

2.1 Beispiele

  1. Kesinlikle bugün dışarı cıkmam. (Auf jeden Fall gehe ich heute nicht aus.)
  2. Ah yaz gelsede tatile cıksak. (Wäre doch Sommer und wir würden in den Urlaub fahren.)
  3. Bence o çocukla artık görüşme. (Wenn du mich fragst, treff dich mit dem nicht mehr.)
  4. Denize girmek için daha çok soğuk. (Es ist noch zu kalt um ins Wasser zu gehen.)
  5. Aferin sana, çok güzel kouşma yaptın. (Das mir deiner Rede hast du gut gemacht.)
  6. Her zaman yanındayım merak etme. (Mach dir keine Sorgen, ich bin immer bei dir.)

3. Einzelsprache: Französisch

3.1 Konjunktionen

In "Thematischer Grund- und Aufbauwortschatz - Französisch" (KLETT) werden im Kap. "Strukturwörter" die '24.3 Konjunktionen' aufgelistet. Die Liste wird durch punktierte Linien in Portionen unterteilt. Was es mit den Portionen auf sich hat, wird nicht erläutert, sie scheinen unreflektierter Intuition zu entspringen. Eine solche Erläuterung jedoch wäre Semantik! Wir gehen die einzelnen Portionen durch und setzen hinzu, welche Kategorie der Alternativ-Grammatik einschlägig wäre:

et | ou | ou bien

4.031 Näherbeschreibung - Koordination / Reihung:

[29].

Anwendbar sind die Wörter als Verbindung zwischen Nomina (dann
im Rahmen der Semantik);
oder es können damit Teilsätze verbunden werden (wird bei uns
am Anfang der Pragmatik beschrieben).

mais | par contre | pourtant | quand même

Die Gruppe ist uneinheitlich. mais bildet einen einfachen
Gegensatz, gehört also noch zu 4.031:
[30].
Die anderen drei Konjunktionen haben eine konzessive Funktion,
gehören also zu 4.081:
[31]
- Register "Epistemologie": Entgegen dem vorhandenen Wissen,
dass ..., macht man "trotzdem" jenes. 

d'abord | puis | ensuite | enfin

4.086 Register "Aspekte":
[32]
ein Gesamtsachverhalt wird in einzelne Stadien aufgegliedert, 
Anfang - Zwischenstadium - Wiederaufnahme - Ende.

car | c'est pourquoi | donc | ainsi

Der Fall ist interessant, weil in mehreren Sprachen 
(auch Deutsch, Hebräisch usw.) das denn | deshalb
mehrdeutig ist. Darauf zu achten sollte man lernen.
Wenn in diese Reihe donc aufgenommen ist, gibt
das die gemeinte Richtung an: die genannten
Konjunktionen zeigen einerseits eine folgende
Explikation an. Folglich ist Modul 4.032: [33]
einschlägig.  Es war eine Aussage gemacht worden
car | c'est pourquoi | donc | ainsi - und nun
wird mit anderen Worten der gleiche Gedanke nochmals
ausgesprochen:
"Die Sonne war untergegangen,
car | c'est pourquoi | donc | ainsi
es war dunkel".
Eine solche Begründung verdeutlicht lediglich, sie
verknüpft aber nicht zwei unterschiedliche Sachverhalte
nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip. Wobei darauf nicht
nach physikalischen Zusammenhängen zu fragen ist,
sondern danach, was der Sprecher mit seiner Formulierung
sagen will. Im genannten Beispiel stellt der Sprecher
keine sachverhaltliche Verknüpfung her
(aufgrunddessen war es dunkel), sondern er beschreibt
ein Phänomen doppelt.

quand | pendant que | depuis que | avant que | après que | jusqu'à ce que

4.07 - Zeit bzw. Ort betreffend:
[34].
Durch Bezug auf einen Zeitpunkt (quand), Parallelisierung (pendant),
Positionierungen (ab dem Punkt, davor, danach, zum Ende), wird dazu
beigetragen, ein Zeit-/Ortssystem aufzubauen.

comme | parce que | puisque

Wieder sind Begründungen im Spiel. Aber Vorsicht! Der
Begriff ist mehrdeutig.
FCB gewann (A), weil sein Sturm intelligenter kombinierte (B).
Sachverhalt B verursacht, löst aus, begründet
Sachverhalt A.
Die im gen. Buch angeführten Beispielsätze sind nicht
glücklich gewählt, da sie nur mit Negationen arbeiten,
z.B. "Da ich kein Mehl hatte (B), konnte ich keinen
Kuchen backen (A)".
Jedoch kann man auch da argumentieren: der begründende
erste (negative) Sachverhalt B veranlasst, bewirkt
Sachverhalt A.
Da es beide nicht gibt, liegt ein reines gedank-
liches, unanschauliches Konstrukt vor. Aktiviert wäre
damit Register INITIATIVE: "kausal".  Vgl. Modul 4.083:
[35].
- Den anderen Typ von Begründungen hatten wir an
all den Stellen, wo von Explikation gesprochen worden
war. Ein denn oder weil bringt dann nicht einen
zweiten Sachverhalt ins Spiel, sondern 'mit anderen
Worten' den schon bekannten nochmals - auf dass er bes-
ser verstanden werde.

que | pour que | de sorte que

Semantisch müssten hier auch
de manière que | de façon que
aufgeführt werden. Aus unerfindlichen Gründen werden
sie erst 2 Seiten weiter genannt.
Jedenfalls wird mit diesen Ausdrücken jeweils das Signal
gegeben:
"es ist möglich dass" = "sodass". Weil Sachverhalt A gilt, 
konnte Sachverhalt B in Kraft treten. Es handelt
sich um Register ERMÖGLICHUNG = Modul 4.084: 
konsekutiv, vgl. [36].

tandis que | alors que | quoique | bien que | sans que

Wieder das Thema "Gegensatz". Jetzt geht es nicht um
eine bloße Aufzählung gegensätzlicher Fakten (wäre mit
mais s.o. vergleichbar). Sondern die beiden
Sachverhalte haben eine innere Beziehung.
Obwohl er aufgepasst hatte, fiel er ins Loch.
Gegensätzliches Wissen / Erwartung ist im Spiel.
Das deutet auf konzessiv. Man weiß, dass zwei
Aussagen nicht zusammenpassen, vgl.
[37].

si | même si | à condition que

Gedanklich wird ein Sachverhalt vorweggenommen -
prospektiv / planend oder träumend. Und falls
er eintritt, gilt ...  
Modul 4.082 Register IMAGINATION: konditional:
[38]. 

d'un côté ... de l'autre | d'une part ... d'autre part | sinon | autrement | en revanche | cependant | ou ... ou | or | par conséquent | voilà pourquoi

Die Gruppe ist uneinheitlich. Zunächst werden
Alternativen artikuliert, nach dem Motto:
"einerseits ... andererseits" bzw.
"sowohl ... als auch".
Das wird über Modul 4.031 erfasst, die 4 verschiedenen
Formen von "Reihung": [39].
par conséquent klingt jedoch "konsekutiv",
somit nach Register ERMÖGLICHUNG, Modul 4.084: [40]. 
voilà pourquoi ist nicht einfach "kausal",
sondern deutet einen Erkenntnisprozess an, klingt
nach logischer Schlussfolgerung = Register EPISTEMOLOGIE, Modul 4.081: [41].

au moment où | dès que | tant que

Damit sind wir wieder im Bereich der Zeitbeziehungen: Modul 4.072:
[42]

d'autant plus que | afin que | malgré que | pourvu que | de manière que | de façon que

Zum Teil sind diese Konjunktionen schon besprochen wor-
den. - Die erste führt einen Steigerungsfaktor ein:
'Ich plane X, umso mehr als Y'.
Intensitätsaussagen werden durch Modul 4.086 erfasst: 
Register ASPEKTE: [43].
afin que verweist auf eine Zweckbestimmung, also:
Modul 4.082, Register IMAGINATION, "final".
Im gleichen Register realisiert "konditional": pourvu que
- gesetzt den Fall, mal angenommen, dass:
[44]

Geht man der Reihe nach die Kategorien durch, wie sie von uns in den eingerückten Passagen sichtbar gemacht wurden, und hält man sich vor Augen, dass vergleichbare Erläuterungen im genannten Lernbuch fehlen, nur schwach durch Gruppierung unterstellt wurden, kann man als Wirkungen auf Schüler erwarten:

  1. Schüler müssen eine Wortliste und Beispielsätze pauken, bekommen aber keine Erläuterung, wie die Funktion der einzelnen Konjunktionen zu verstehen ist. Das wird der Intuition überlassen.
  2. Die Reihung der Wortliste erzeugt - gemessen an den Kategorien der Alternativ-Grammatik - Konfusion. Unbewusst wird - semantisch - den Schülern eine Kraut- und Rübenabfolge zugemutet. Lerntechnisch ist dies verheerend.
  3. Es wird sichtbar, dass die übliche Grammatik an Wortformen (und ihren Grundbedeutungen) interessiert ist, dass aber - wenigstens - eine rudimentäre Semantik nicht geboten wird. Man lässt an dieser Stelle die Intuition, das '(Sprach-)Gefühl' oder was auch immer sprechen. Vernünftige Hinweise bleiben aus. Das stellt sprachtheoretisch und didaktisch eine Kapitulation dar - die nicht sein müsste.
  4. Die "Alternativ-Grammatik" kann sich zugute halten: die vorgeschlagene semantische Terminologie (samt Definitionen) 'bringt Ordnung und Transparenz' in das Feld der Modalitäten - und hat den Vorteil, dass diese Begriffe auf weiteren Ebenen, bis zum Text hinauf, noch mehrfach verwendet werden kann. Das ist ökonomisch, auch lerntechnisch.
NB. für philosophisch Interessierte: Wir wenden
"Ockhams Rasiermesser" an (vgl. wikipedia):
das Prinzip der 'Sparsamkeit' bei der Verwendung
von Analysebegriffen.

3.2 Modalitäten verstreut

Kursorisch herangezogen: "Grammaire de base (alpha.b)". Das Wissen um die Wichtigkeit der Modalitäten, das wir in einem, dem gegenwärtigen, Ziff. 4.08 Kapitel behandeln (Register = Modalitäten), ist vorhanden, wird aber - weil man sich nicht an der Semantik, sondern an unterschiedlichen Umsetzungsformen orientiert - verstreut über die Grammatik behandelt. Didaktisch kein empfehlenswertes Konzept.

In einem Nebensatz nur wird - korrekt - angedeutet, worum es semantisch geht. Der Fehler ist, dass dabei nur eine Realisierungsform im Blick ist. Beim subjonctif handle es sich um einen mode qu'on utilise pour juger, apprécier, estimer la réalisation ou les possibilités qu'une action se réalise.

Diese semantische Grundfunktion (bei uns in 6 Felder unterteilt und aufgefächert) - so erfährt man viel später - kann aber auch durch La valeur modale des temps realisiert werden. Diverse Adverbien und Konjunktionen muss man ohnehin hierbei beachten. Also könnte man doch - ergänzend zur üblichen Grammatikstruktur - für jede Einzelsprache zusammentragen - mit der Semantik als Leitfaden - mit welchen direkten oder indirekten Mitteln ausgesagt werden kann:

Wissen - sicheres / unsicheres; Mitteilungsakte - direkt /
indirekt.
Imagination - Hypothese, realistisch / unwahrscheinlich,
auf Vergangenheit oder  Zukunft bezogen, kontrafaktisch
Willen - wie kann man Entschlüsse, Befehle, Anraten, - und
all dies auch in negierter Form ausdrücken?
Ermöglichung - Einschätzung günstiger/ungünstiger
Vorbedingungen für eine Handlung
Wertungen - negative oder positive Bewertung von Handlungen /
Plänen usw. Erstaunlich, welch geringen Widerhall diese zentrale
kommunikative Funktion üblicherweise in Grammatiken  erfährt.
Aspekte - diverse Einschätzungen zum Realisierungsgrad,
-modus von Handlungen.

(Näheres bei den nachfolgenden Unterpunkten zu den einzelnen Modal-Registern.)

4. Einzelsprache: Latein

4.1 Modalitäten - Überblick

Die §§ 99-101 in der "Systemgrammatik Latein" von Fink/Maier (1997) gehen in die Richtung von dem, was die aktuelle Ziff. 4.08 (mit Unterpunkten) bezweckt: nicht einzelsprachliche Realisierungsformen stehen im Vordergrund, sondern zunächst die semantischen Funktionen, damit klar wird, was mit den einzelnen Realisierungsformen erreicht werden kann. Wir werden die Hinweise bei den folgenden Einzel-REGISTERN auswerten. Hier wird zunächst die Gesamtreihung der "Systemgrammatik Latein" geboten und es wird die Gliederung der Alternativ-Grammatik daneben gestellt.

Dadurch wird sichtbar, welches semantisch-theoretische Durcheinander und welche Lückenhaftigkeit gängig ist in der Standard-Grammatik - ganz abgesehen davon, dass die anvisierten Funktionen (= linke Spalte) noch traditionell-grob sind. Eine Reihe von Nuancierungen fehlt. (man titelt zwar "Systemgrammatik", aber eine solche Liste ist ausgesprochen unsystematisch und lückenhaft):

OPTATIV       Wunschvorstellung         =>  REGISTER Imagination
KONZESSIV     Zugeständnis                  REGISTER Epistemologie
HORTATIV      Aufforderung                  REGISTER Initiative
JUSSIV            "                            "       "
PROHIBITIV    Verbot                           "       "
POTENTIALIS   Annahme einer Möglichkeit     REGISTER Ermöglichung
IRREALIS      Unwirklichkeit                REGISTER Imagination
DELIBERATIV   überlegende Frage             REGISTER Imagination
   ??                                       REGISTER Axiologie
   ??                                       REGISTER Aspekte
IMPERATIV     Befehl                        REGISTER Initiative

Zwei Einschränkungen:

  1. Auch wo es Entsprechungen zur Terminologie der Alternativ-Grammatik zu geben scheint, werden aus den Möglichkeiten des jeweiligen semantischen REGISTERs immer nur Einzeltermini realisiert. Das jeweilige Modalfeld ist aber differenzierter und vollständiger. Das war oben mit "lückenhaft" gemeint.
  2. Standardgrammatiken - selbst wo sie (wie hier) relativ explizit mit den semantischen Funktionen umgehen - machen den Grundfehler, dass sie die Realisierung nur von Konjugationsarten erwarten. Stattdessen sollte zugleich beschrieben werden, dass oft die gleiche Funktion z.B. durch Adverb oder Präpositionsverbindung aktiviert werden kann. Die enge Koppelung von semantischer Funktion + Ausdruckskategorie (hier: Konjugationsart) bewährt sich nirgends (verbietet sich im übrigen auch von der Zeichentheorie her: Stichwort "Arbitrarität"). Hier hat die "Systemgrammatik" den traditionellen Ballast noch nicht abgeschüttelt.

4.2 Negation: ne oder non + Verb

Man beachte in dem Ratgeberportal sowohl die Antwort auf die Frage - vgl. [45] -, aber auch die Kommentarrubrik. Anscheinend dominiert auf Schulebene immer noch die alte Denkform: es ist eben so - und es ist zu lernen -, dass bei der einen Negation anschließend ein Konjunktiv folgt, im andern ein Indikativ. Irgendeine Bedeutungsveränderung ist damit nicht verbunden. Es genügt, wenn man grammatisch Über-/Gleichordnung von Sätzen unterscheiden kann - aber auch das wird nachgeplappert. Denn eine solche (Nicht-)Hierarchisierung wird ja auch ihre Funktion im Text haben. Stattdessen spielt (Nicht-)-Modalität keine Rolle. - Die Kommentare zur Frage+Antwort sind jedenfalls umfangreich und nicht weiterführend.

Im Sinn der Alternativ-Grammatik:

non + Indikativ - diese Verbindung bezieht sich auf anscheinend klare Fakten.
Daedalus hätte nach dem Absturz des Ikarus sagen können: non volavit
(wenn er des Lateinischen mächtig gewesen wäre...)
ne + Konjunktiv bringt unser Modalregister IMAGINATION ins Spiel: [46]
Es geht darum - prospektiv - ein mögliches zukünftiges Faktum = Verhalten
zu unterbinden. Nach dem Römer Seneca: "nemo prudens punit, quia
peccatum est, sed ne peccetur" Die vergangene schlechte Tat inter-
essiert nicht allein, sondern die zukünftige Perspektive.

Grammatisch gesagt: Statt nur dumpf lernen zu lassen, im einen Fall folge der Indikativ, im anderen der Konjunktiv, sollte semantisch deutlich gemacht werden, dass eine Modalität ins Spiel kommt, die das Verständnis des gesamten Satzes dreht: statt eines Faktums interessiert nun eine Denkmöglichkeit. Folglich ist die Konjugationsform nicht nur mechanisch zu büffeln, sondern die Form des Verbs ist es, die im Verstehen für den Wechsel zu dem Modal-Filter sorgt.

5. Einzelsprache: Englisch

5.1 modals

Es gibt als 5er-Gruppe die Modalverben: can, may, must, will, shall. Der Zahl nach reicht dies fast an die 6 Modal-REGISTER dieses Abschnitts heran. Aber Vorsicht! Was die Wortformen semantisch beitragen, ordnet sich völlig anders:

can               geistige Fähigkeit            =>   Register EPISTEMOLOGIE
                  physische Fähigkeit           =>   Register ERMÖGLICHUNG
                  Erlaubnis                     =>   Register ERMÖGLICHUNG    
Ersatzform: may
                  Verbot                        =>   Register INITIATIVE
                  Möglichkeit                   =>   Register ERMÖGLICHUNG
may               Erlaubnis                     =>   Register ERMÖGLICHUNG
                  Bitte um Erlaubnis            =>   Register INITIATIVE
                  denkbare Möglichkeit          =>   Register IMAGINATION
                  (mildes) Verbot               =>   Register INITIATIVE
must              etw. ist verlangt             =>   Register INITIATIVE
                  Hypothese/Wahrscheinlichkeit  =>   Register IMAGINATION
will              Wunsch, Bitte                 =>   Register INITIATIVE
                  Absicht                       =>   Register IMAGINATION
                  Bereitschaft                  =>   Register ERMÖGLICHUNG
shall             Vermutung, Annahme            =>   Register EPISTEMOLOGIE    
                                                          "sollen" = unsicheres Wissen, 
                                                          Umschreibung: to be said to
                  Ratschlag                     =>   Register INITIATIVE       
                                                          "sollen" als Handlungsempfehlung: should, 
                                                          mit stärkerem Nachdruck: ought to

Mit den Wortformen sind z.T. sehr unterschiedliche Bedeutungen = SEMEME verbunden. Daher gibt die Ordnung auf semantischer Ebene ein völlig anderes Bild. Zudem hat das Englische - wie jede andere Sprache auch - noch weitere Möglichkeiten, Modalitäten zu realisieren. Diese sind nachfolgend bei den einzelnen Registern zusammenzustellen. Dann wird angesichts der gegenwärtigen Liste auch die Unwahrscheinlichkeit korrigiert, wonach sich für zwei Modal-Register (AXIOLOGIE, ASPEKTE) bis jetzt noch keine Realisierungsmöglichkeit gefunden hat. Die 5 modals sind zwar eine nette Gruppe. Sie haben aber keinerlei Alleinvertretungsrecht, was "Modalitäten im Englischen" angeht.

Zudem ist mit Komplikationen zu rechnen: die aufgrund ihrer Grundbedeutungen schon zu unterschiedliche 'Modal-Registern' gehörenden modals werden in der sprachlichen Praxis

  1. konjugiert. Sie erhalten auf diesem Weg u.U. weitere Modalkomponenten zugeordnet. Man wird also klären müssen, was die Kombination aus Grundbedeutung und Konjugationsform letztlich semantisch ergibt.
  2. weitere Erschwerung: konjugierte modals können natürlich auch mit Adverbien verbunden werden, die zum großen Teil ebenfalls Modalkomponenten beitragen. Inwiefern verändern sie die Bedeutung der schon vorliegenden verbalen Modalanzeiger?
Zumindest ergibt sich terminologisch Korrekturbedarf,
wenn unter die Überschrift tenses = Zeiten gewohnt
unscharf eben nicht nur Ausdrucksformen für "Zeiten" (nun
streng semantisch verstanden, nicht lediglich als
Ersatz für Konjugationsform), sondern auch für "Modali-
täten" zusammengefasst werden. Ein eigenes Kapitel
"Modalitäten" gibt es in Standardgrammatiken nicht, 
auch nicht für "Sprechakte". Methodisch dürfte es
sich wie bei der Chemie von 'Textilveredlung' verhalten
(nur nicht ganz so komplex): dort seien z.T. 600 ver-
schiedene Einzelsubstanzen im Spiel. Führt man diese
zusammen, so kann man zwar beurteilen, wie das Ender-
gebnis beim behandelten Stoff aussieht, man kann im
einzelnen aber nicht rekonstruieren, wie die Einzel-
substanzen untereinander reagieren.
Somit lässt sich nicht sauber rekonstruieren, welche
Einzelreaktion nebenbei welche Giftverbindung produ-
ziert (wäre wichtig für das Thema "Emissionen").


5.2 adverbs

Die "Englische Grammatik" von Kirschning behandelt ab S. 168 zunächst die Bildung/Steigerung/Stellung im Satz/Besonderheiten (Adjektiv oder Adverb). Was ein "Adverb" semantisch ist, erfährt man höchstens durch den Begriff Umstandswort in der Überschrift des Kapitels. Dieser ist - wie manche andere - seit 'ewigen' Zeiten derart 'abgelutscht', dass er kein erklärendes Profil mehr hat.

Es gibt immer wiederkehrende Begriffe in Grammatiken,
die nichts besagen, die folglich auf die Müllkippe
gehören. "Umstand" ist einer davon. ("bestimmt" ist
ein zweiter. Wo so gesprochen wird, liegt sicher eine
besonders unbestimmte Analyse vor... - Wir werden
weiter Ausschau halten nach solchen nichtssagenden
Grammatikstandards). Es wird auch nicht besser, wenn
man im Gefolge der Dependenzgrammatik den Terminus
nur ins Lateinische überträgt und nun von "Circum-
stanten" redet. "Umstand" klingt so, als würde
lästigerweise etwas im Weg stehen, auf das man
eigentlich auch verzichten könnte. Mit solchen
Implikationen kann man allenfalls ein Kabarett auf-
ziehen, aber keine vernünftige Analyseterminologie
etablieren. Uns interessiert hier, welchen Beitrag
Adverbien zu Modalitäten leisten.

Zunächst sei eine grobe Verteilung der Kapitelabschnitte auf die Module der Alternativ-Grammatik vorgeschlagen. Die Besprechung der Einzelbeispiele findet sich dann dort:

Besonderheiten des Adverbs
He worked hard            -   Er arbeitete schwer = offenkundig
                                        eine Intensitätsaussage    
                                        =>  Register ASPEKTE
He has hardly worked      -   Das "kaum" (i.S.v. "schwach", "wenig")
                                        verweist ebenfalls auf                            
                                        =>  Register ASPEKTE
                                        Wenn "unsicheres Wissen" gemeint ist:
                                        =>  Register EPISTEMOLOGIE
I have just written ...   -   "gerade" ist eine ungenaue Zeitangabe                        
                                        =>  Deixis-Chronologie
I have justly blamed...   -   "gerechterweise" ist eine Wertung                            
                                        =>  Register AXIOLOGIE
...to your early reply    -   Attribut - semantisch. Wie verträgt
                                        sich damit der Terminus "Adverb"?                                                     
                                        =>  Näherbeschreibung-Deskription
He got up early.          -   Die gesamte Tätigkeit vollzog sich "früh"                    
                                        =>  Deixis-Chronologie
...good swimmer.          -   Attribut - wieder die Frage, wieso dies
                                        ein "Adverb" sein soll?                                                    
                                        =>  Näherbeschreibung-Deskription
He swims well.            -   Tätigkeit wird bewertet                                      
                                        =>  Register AXIOLOGIE
... a fast train.         -   Attribut - "Adverb" - semantisch gefragt?                             
                                        =>  Näherbeschreibung-Deskription
He is running fast.       -   Ablauf der Tätigkeit wird eingeschätzt     
                                        =>  Register ASPEKTE
My watch is fast .        -   zum Subjekt wird die zweite
                                        Prädikatbedeutung genannt 
                                        =>  Prädikat-statisch-qualitativ
                                            <<SCHNELL-SEIN>>

Ähnlich kann man verfahren mit dem sogenannten "prädikativen Adjektiv" - ein unnötiger Begriff im Rahmen dessen, was die Alternativ-Grammatik inzwischen eingeführt hat. Was die Grammatik fett druckt, ist jeweils zu eng betrachtet. Um anzudeuten, dass jeweils eine komplexere Verbbedeutung im Spiel ist (anstelle einer üblichen Kombination von Verb + Adverb), müsste auch das sogenannte "prädikative Adjektiv" fett geschrieben werden. - Ich deute nur an, dass das Phänomen auch im Deutschen gang und gäbe ist. Nur 2 der 8 Beispiele sind in diesem Sinn zu deuten, die anderen 6 sind falsch bestimmt und können wie sonstige vollgültige Adverbien behandelt werden:

That's great.             -   zum Subjekt wird die zweite
                                        Prädikatbedeutung genannt
                                        =>  Prädikat-statisch-qualitativ <<GROSS-SEIN>>
You are lucky.            -                 "                                   
                                        =>           "               <<GLÜCKLICH-SEIN>>
Anne looks beautiful      -   "schön" ist eine Wertung (Bsp. gehört
                                        nicht hierher)
                                        =>  Register AXIOLOGIE
Jim turned red.           -   wie im Deutschen: <<ROT>> gehört zur
                                        Prädikatbedeutung 
                                        =>  Prädikat-dynamisch-fientisch
They kept quiet the...    -   "keep" ist nahezu Hilfsverb, braucht also eine
                                        2. Bedeutung
                                        =>  Prädikat-statisch-qualitativ <<RUHIG-BLEIBEN>>
The orange tastes good.   -   "gut" ist eine Wertung (Bsp. gehört nicht hierher)
                                        =>  Register AXIOLOGIE 
(letzteres gilt auch für die weiteren 2 Beispiele)
Die 'übriggebliebenen' "great, lucky" = "prädikative
Adjektive" belegen nebenbei eine Unsicherheit der
Autoren, was eine 'Prädikat-Bedeutung' sei (u.U. durch
2 Wörter zusammengesetzt), im Unterschied zu einer
modalen Ergänzung der Gesamt-Prädikation (dafür nur sind
die "Modalitäten" = "Register" zuständig). 

Nun wären die vermeintlichen oder echten Besonderheiten im Adverbien-Gebrauch des Englischen geklärt. Nun könnte der Beitrag der Adverbien zu den Modalitäten beschrieben werden (nach einer Gliederung ähnlich wie unsere 6 Register). An dem Punkt, in dem die "Semantik der Adverbien" beginnen könnte, stellt die Grammatik jedoch ihren Betrieb ein. - Aber das ist allgemeiner Standard.


5.3 "u.a."

Kirschning S.256 nennt folgende offene Liste von Verben - am Schluss "u.a." - nach denen Gerundium oder Infinitiv stehen können. Also handelt es sich um Verbbedeutungen, die auf eine selbstständig genannte Verbbedeutung hingeordnet sind:

to intend, to prefer, to like, to dislike, to love, to begin, to start,
to continue, to hate, to forget, to learn, to remember, to regret, to stop
u.a.

Dazu Bemerkungen:

  1. die Liste wirkt wie ein ungeordneter Haufen. Vor allem ist das "u.a." bedrohlich: Wie sollen Studierende erfahren, was da noch alles hinzugehört?
  2. Gemessen an unseren "6 Registern" hier in ID 4.08 [47] wird klar, dass sämtliche Verben zu einem der Modalregister gehören. Man kann dann auch leicht rekonstruieren, welche Verbbedeutungen noch fehlen, also ebenfalls aufgeführt werden müssten/könnten/sollten.
  3. Die begründungsfreie Auflistung unterlässt es zu sagen, dass es sich bei den Verbbedeutungen ebenfalls um Modalverben handelt, was in der Alternativ-Grammatik spätestens in 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt sichtbar gemacht wird. Das ist der Grund, weshalb solche Verbbedeutungen die Hinordnung auf ein "volles" Prädikat sogar brauchen.
  4. Die Schmalspurperspektive in Standardgrammatiken, wonach "Modalität" allenfalls bei einigen Adverbien, Konjugationsformen und wenigen modals abgehandelt wird, reicht nicht. Es gehört auch die kritische Analyse der Verbbedeutungen dazu.

5.4 Politik

... ist zweifellos öfters eine schwierig-anstrengende Arbeit. Aber in unserem streng-grammatischen Sinn wird darin nicht gehandelt. Stattdessen werden Probleme wahrgenommen, Weichen gestellt, Entscheidungen gefällt, Visionen entwickelt, gute oder schleche Rahmenbedingungen entworfen, gewertet. - Das alles ist noch kein Handeln! Das muss und kann erst erfolgen, wenn die Politik ein Themenfeld bearbeitet hatte. Insofern kann man sagen: Politik ist auf pragmatischer Ebene ein Durcharbeiten von Modalitäten - und in Presseerklärungen weitgehend in Englisch. - Vgl. M. Bauchmüller zum G7-Gipfel in Elmau, 2015: SZ 9.6.2015:

"Wir bekennen uns" (commit to ...): Das ist die
stärkste Formulierung in einem Gipfeldokument, in
Elmau vorbehalten für das Ziel, aus den fossilen
Brennstoffen auszusteigen. Bei dieser Vokabel wird es
ernst, anders als bei "Wir zielen auf" (aim): Da nimmt
sich die G7 lediglich etwas vor - leider mit ungewissem
Ausgang. Nicht viel anders sieht es aus, wenn sie
"nach etwas streben" (strive for) - es klingt nur
etwas visionärer.
   Das ist beides aber noch allemal besser als
"Wir nehmen zur Kenntnis" (take note). Bei der
Formulierung ist klar: Im Kreis der Sieben herrscht
Uneinigkeit. Weil sie weder bekennen noch zielen
noch streben wollen, stellen sie einfach nur fest.
Konkrete Bedeutung für die Welt null. Ähnlich
verbindlich ist es, wenn die G7 etwas "hervorhebt"
(highlight), sich über "die Notwendigkeiten
Gedanken macht" (reflect the need), etwas
"unterstützt" (support) oder "die Wichtigkeit
wahrnimmt" (recognize the importance).
Nett, dass wir mal darüber gesprochen haben.
   Große Findigkeit haben die G7-Staaten im Lauf der
Jahre auch entwickelt, wenn es um die Verteilung
von Lasten geht. Findet sich etwa die Formulierung
"mit unseren Partnern" (with other partners),
dann wollen die Sieben zwar gerne handeln, aber
keinesfalls alleine. Auch ist es nicht dasselbe,
ob die Staaten Geld "bereitstellen" (provide)
oder nur "mobilisieren" (mobilize). Denn
bereitstellen müssen die Staaten Geld aus ihrer
eigenen Schatulle. Mobilisieren lässt es sich
auch bei anderen, etwa privaten Quellen. 

6. Pragmatik: Beispiele aus der Literatur

6.1 Kafka, "Der Prozess"

Im Roman ist der Protagonist - mit der Zeit muss man sagen: rührend - darum bemüht, Kontakt mit dem Gericht zu bekommen, er vertraut darauf, nach dem Gesetz als unschuldig erkannt zu werden. In Kapitel 9: [48] trägt ihm der Geistliche = Gefängniskaplan im Dom die "Türhüter"-Parabel vor (143.17ff). Der Türhüter sorgt dafür, dass niemand zum Gesetz vordringt, steht selbst also mit dem Rücken zum Gesetz, hat also keinen "Einblick". Wogegen der, der Einlass begehrt, zwar manches aus dem Inneren des Gesetzes sieht, insofern im Vorteil ist, aber keinen Einlass bekommt - auch wenn er Jahre am Eingang auf einem Schemel ausharrt und sogar die Flöhe des Türhüters anbettelt.

Etwa 144.100ff allmählich eine Art Fazit.
Die Kernaussage durch den Geistlichen 144.114:
"man muß nicht alles für wahr halten, man muß es
nur für notwendig halten". - Das quittiert K.
mit der Einschätzung: "trübselige Meinung", "Lüge".

In den Kategorien der Alternativ-Grammatik: K. hat auf korrekte Wahrnehmung, auf Wahrheit gebaut, die sich herausstellen werde - und deswegen werde er als für unschuldig Befundener aus dem Prozess hervorgehen. Er baut auf: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. - Jetzt hört er zu seiner Verblüffung - und deswegen reagiert er auch so gereizt -, dass etwas anderes entscheidend ist: die Frage der Macht. Wer befiehlt im Rahmen einer Hierarchie wem? 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE.

Ein solches Ausspielen von Modalitäten gegeneinander verheißt immer Unheil. Gutes Handeln braucht die Beteiligung aller geistigen Register.

6.2 William Shakespeare

Anlässlich seines 400. Todestages - SPIEGEL 17/2016 S.118f:

"Und während der ganze Globus unterworfen wurde,
baute eine Theatertruppe am Ufer der Themse eines der
ersten Schauspielhäuser der Welt mit Platz für 3000
Zuschauer und nannte es The Globe, den Globus, die
Welt als Modell und Bühne, auf der unser Mann aus
Stratford den inneren Kosmos des Menschen entfaltete.
Die hellsten und die dunkelsten Regionen der mensch-
lichen Psyche, von Königen und Kaisern genauso wie
von Bettlern und Anwälten, Totengräbern, Gärtnern,
Kaufleuten aus aller Welt. Kontinent um Kontinent
menschlicher Abgründe eroberte er, steckte Fähnchen
um Fähnchen in nie zuvor beschriebene Regionen des
Inneren, um sie der Welt zu präsentieren,
den Zuschauern, auf seinem Planeten, im Globe."
 

7. Einzelsprache: Biblisches Hebräisch

Diese Sprache steht sicher nicht auf dem Lehrplan einer öffentlichen Schule. Dennoch kann der Seitenblick hier erwähnt werden:

  1. Vielleicht gibt es irgendwo eine AG, die sich für die Sprache und damit die Fragestellung interessiert. Spätestens im Rahmen mancher Uni-Studiengänge ist die Thematik wichtig.
  2. Selbst wer mit der Einzelsprache nichts zu tun hat, kann interessiert zur Kenntnis nehmen, dass die Frage der "Modalitäten" eine direkte Auswirkung auf die Konjugationsarten hat.
In  [49]
Ziff. 2.42 wird an der kompletten ursprünglichen
Josefsgeschichte das sog. "Interpretationskonzept 'Mathilde'"
durchgespielt. Ihm liegt die These zugrunde:
1. die Konjugationsform qatal beansprucht, eine
   modalitätsfreie, sichere Aussage zu machen.
2. dagegen yiqtol deutet auf Modalisierung, wobei:
     = die ganze Palette unserer 'Register' zu beachten ist, also kein
       'Schrumpfverständnis'
     = im Verbund mit weiteren Indizien im selben Satz,
     = unter Beachtung auch des unmittelbaren Textkontextes
3. wayyiqtol steht für entspanntes Erzählen.

Die Punkte 1+2 können innerhalb der Semantik schon angegangen werden; zum Abschluss kommt die Fragestellung in der Pragmatik: Sobald Kontextindizien hinzugenommen werden.

8. Einzelsprache: Schwäbisch

aus W.-H. Petershagen, Wir Schwaben. Band 3 So sprechen wir. Darmstadt 2015.

(68) "Schwaben würden nicht, sie täten beziehungsweise
dädet. Sie würden nicht sagen, sondern dädet sage,
würden nicht heimgehen, sondern dädet hoim-
gange. Sie bilden die Möglichkeitsform nicht mit werden,
sondern mit tun, das sich damit in ein Hilfszeitwort
verwandelt.
   Diese Besonderheit passt trefflich ins Selbstbild
der Schwaben, demzufolge sie schaffig sind bis zum
Umfallen und demzufolge sie selbst dann, wenn sie ein-
mal nichts tun wollten, lieber schlafen täten
als schlafen würden. Denn tun ist aktiv,
während werden inaktiv ist und ein Geschehen schil-
dert, das sich auch ohne äußeres Zutun abspielen kann."