4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Der Terminus "Sprechakt" bzw. "Illokution" hat sich im letzten halben Jahrhundert gut durchgesetzt in der Sprachwissenschaft. Er soll bewusstmachen, dass das Reden nicht einfach ein kontinuierlicher Fluss (von Worten) ist, sondern unterteilt werden kann in einzelne Handlungen, Akte eben. Deswegen hatten wir Texte ja auch in "Äußerungseinheiten" = unterscheidbare Sprechakte unterteilt. Vgl. [1]

Der Begriff kommt auch dem Bedürfnis entgegen, nach allen Detailanalysen eine zusammenfassende Orientierung für solch eine Sprechhandlung zu liefern. Soll mit ihr ein Sachverhalt beschrieben werden? Soll der Gesprächspartner zu etwas veranlasst werden? Oder will der Sprecher eine Selbstaussage liefern? Das sind die drei wesentlichen Orientierungen.

Wie alles in der Sprache, so kann / muss - oft - auch die Bestimmung des Sprechakts verdoppelt werden. D. h. wir unterscheiden auch hier eine wörtliche Bedeutung ("Es zieht" - darstellender Sprechakt, wird in der Semantik behandelt) von einer gemeinten, übertragenen ("Mach das Fenster zu!" - Auslösung: der Gesprächspartner möge doch bitte verstehen, dass er aufspringen und die Zugluft abstellen soll = indirekter, pragmatischer Sprechakt).


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Eine Variante zum Thema "Sprechakte" finden Sie unter: 4.092 Alternativ: Sprechhandlungen / Sprechakte


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0. Zur Theorie

0.1 Satzmelodie / Wortstellung im Satz / Pointe

Alle Einzelbedeutungen des Satzes sind nun semantisch analysiert. Es ist aber noch nichts dazu gesagt, in welcher Abfolge und Gewichtung sie im Satz geboten werden.

0.1.1 Endbetonung?

aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl.

(110) "Wahrscheinlich ist es ja mein Problem. Ich
gehöre zu den kindlichen Typen, die auch dann, wenn
sie stumm mit den Augen einen Text lesen, ihn in
seiner Satzmelodie hören. Und das macht mein Lesen
nicht nur langsam, es lässt mich auch stolpern. Und
zwar dann, wenn ich am Satzende bin und merke, dass
die Betonung schon irgendwo früher im Satz hätte lie-
gen müssen. Nehmen wir ein Beispiel (bitte laut lesen!):
'Vor der größten Erweiterung in ihrer Geschichte steht
die Europäische Union.'
   Gewiss, im Deutschen kann man die Wortstellung fast
wählen, wie man will. Insofern ist der Satz ganz in
Ordnung. Aber irgendwie läuft das nicht: 'Vor der
größten Erweiterung in ihrer Geschichte steht die
Europäische Union.' Wir wünschen uns, dass die Pointe
am Schluss steht, und dann müsste es heißen:
'Die Europäische Union steht vor der größten Erwei-
terung in ihrer Geschichte.' Profis schreiben tat-
sächlich meist so, dass diese erwartete Satzmelodie
eintritt.
   Ja, ich gestehe es, wenn ein Satz am Ende versickert,
scheint er mir kraftlos. 'Eine erneute juristische Tä-
tigkeit erwogen beide zunächst nicht einmal.' Frei
sprechen kann man diese Wortstellung durchaus. Denn
selbst weiß man eben, dass schon zu Beginn dieses
'erwogen' betont werden muss: 'Eine erneute juristi-
sche Tätigkeit erwogen beide zunächst nicht einmal.'
Das geht. Aber als Leser brauchen wir es anders, und
deshalb gehen Autoren gern ins Perfekt, um das Wichtige
an den Schluss zu kriegen: 'Eine erneute juristische
Tätigkeit haben beide zunächst nicht einmal erwogen." 

0.2 Sprechakte via Poesie

P. Handke in "Publikumsbeschimpfung" (edition suhrkamp 177) - (Auszug): (95)

"Die Worte, aus denen die Sprechstücke bestehen, sind
theatralisch insofern, als sie sich natürlicher Formen
der Äußerung in der Wirklichkeit bedienen. Sie
bedienen sich nur solcher Formen, die auch in der
Wirklichkeit naturgemäß Äußerungen sein müssen, das
heißt, sie bedienen sich der Sprachformen, die in
der Wirklichkeit mündlich geäußert werden. Die Sprech-
stücke bedienen sich der natürlichen Äußerungsform der
Beschimpfung, der Selbstbezichtigung, der Beichte, der
Aussage, der Frage, der Rechtfertigung, der Ausrede,
der Weissagung, der Hilferufe. Sie bedürfen also eines
Gegenübers, zumindest einer Person, die zuhört,
sonst wären sie keine natürlichen Äußerungen, sondern
vom Autor erzwungen."

0.3 Standard: keine eigene Sprechaktbestimmung

... dann muss der Unterschied in den Konjugationen eben anders in die Interpretation 'gepfriemelt' werden.

H. Genzmer, Unsere Sprache. wbg 2014. S.80:
"Das Präteritum bezeichnet Handlungen oder Zustände,
die in der Vergangenheit abgeschlossen sind."
Nebenbei: "Prozesse / Geschehnisse", die eben keine
"Handlungen" oder "Zustände" sind, gibt es weiterhin
nicht. Zum "abgeschlossen": Der Grammatiker schaut
auf den geschilderten Sachverhalt. Er bekommt nicht
in den Blick, dass durch das "Präteritum" der Leser/
Hörer in bestimmter Weise, u.z. anders als via
"Perfekt", beeinflusst wird.
"Das Präteritum wird meist in der Schriftsprache
verwendet, gesprochen benutzt man das Perfekt, um
Vergangenes auszudrücken." - Wieder: völlige Blind-
heit für unterschiedliche Sprechweisen, -haltungen,
und damit Einwirkungen auf den Adressaten. Bei uns:
Via Präteritum wird scheinbar locker Vergangenes
ausgebreitet; via Perfekt wird die Versicherung
mitgeliefert, das Berichtete entspreche den dama-
ligen Tatsachen - alles als sprachliche Inszenie-
rung. Was von dem Gesagten stimmt, ist nach wie vor
offen. Und unerheblich, ob das Mitgeteilte gesagt
oder geschrieben geboten wurde.

Harald Weinrich - ohne die Sprechakt-Theorie
zu bemühen - unterschied vor einigen Jahrzehnten:
Präsens, Perfekt, Futur seien Tempora, die
vom Leser/Hörer eine gespannte Aufmerksamkeit ab-
verlangten, weil Sachverhalte besprochen werden.
Wohingegen Imperfekt/Präteritum, Plusquamperfekt
zu einer entspannten Rezeption einladen. 
Statt solche Unterschiede im Umkreis von "Tempus" ab-
zuhandeln, sieht man inzwischen, dass es nicht um
zeitliche Fragen geht, sondern solche der Beziehung
zwischen den Kommunikationspartnern: Sprechakt -
ein ganz eigenständiger Gesichtspunkt.

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Erläuterung

"Illokutionen sind, grob verstanden, Gebrauchsanweisungen
für Sätze bzw. Äußerungen. Der Sprecher muß diese
Gebrauchsanweisungen verstehen, um den Satz vollständig zu
verstehen." 
(aus einem Papier der: viadrina.euv-frankfurt-o.de)

Hier wird der Sprechakt als eine Art Rezept beschrieben, um Sätze bzw. Äußerungen zu bilden. Diese Sätze seien nur dann vom Sprecher verstanden, wenn er den Kochkurs absolviert habe. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist aber folgende: Was wird überhaupt gekocht? Es ist absolut unklar, was nun eine Illokution ist.

"Die Sprechakttheorie, auch Sprechhandlungstheorie,
basiert auf der von manchen Richtungen der Sprach-
wissenschaft und Sprachphilosophie nicht oder nicht
genügend beachteten Tatsache, dass man mit sprach-
lichen Äußerungen (Reden) nicht nur Sachverhalte be-
schreibt und sich für deren Existenz verbürgt (Behaup-
tung), sondern darüber hinaus Handlungen (Akte) voll-
zieht, zum Beispiel etwas anordnet (Befehl, gericht-
liche Verfügung), einer Person oder Sache einen Namen
gibt (Taufe, Benennung), sich selbst zu einem Tun
verpflichtet (Versprechen), jemanden auf eine Gefahr
hinweist (Warnung) oder jemanden seelisch verletzt
(Beleidigung). Die Sprechakttheorie untersucht
das Wesen sprachlicher Handlungen, ihre Klassifikation
und ihre Erklärung.
Zu den wichtigsten Vertretern zählen John Langshaw Austin und
John Searle.[2]

Es wird einem jede Menge an möglichen Optionen geboten, was der Sprechakt so sein könnte. In erster Line ist auch hier - wie bei uns - von Äußerungen die Rede. Abgesehen davon, dass diese auch in schriftlicher oder gestikulierter Form dargestellt werden können, sind durch die Äußerungen Möglichkeiten der Interaktion gegeben. Zwei Möglichkeiten, die wir auch haben, sind abgedeckt: Die Darstellung und die Auslösung, aber die Form der Kundgabe wird nicht beachtet.

Illokution sei ein zentraler Teilaspekt eines Sprechakts,
den Handlungsvollzug betreffend. Als Illokution würde
(im Rahmen der Sprechakttheorie) der Teilbereich eines
Sprechakts bezeichnet,der die eigentliche Handlung darstellt. 
"Ein Sprechakt besteht aus drei Teilakten: 
1. lokutiver (lokutionärer) Akt: das Äußern der Laute
   und Verwendung der Wörter in einer bestimmten Be-
   deutung (propositionaler Gehalt); 
2. illokutiver (illokutionärer) Akt: mit der Äußerung
   wird eine bestimmte Handlung vollzogen (Aussprechen
   einer Drohung, eines Wunsches usw.); 
3. perlokutiver (perlokutionärer) Akt: mit der Sprach-
   handlung wird eine Wirkung auf den Hörer ausgeübt
  (er nimmt die Drohung ernst oder macht sich darüber
  lustig)."
  (von: www.wissen.de)

Der lokutionäre Akt entspricht hierbei in unserem Kontext der "Prädikation".

Der Kern des Sprechaktes ist laut obiger PDF - [3] (vgl. alternativ: 4.092 Alternativ: Sprechhandlungen / Sprechakte) - folgender:

  1. Man schaut auf das Th, ist also an der Beschreibung irgendeines Sachverhalts interessiert. Der daraus entstehende Sprechakt ist der der Darstellung: »Er putzt das Fahrrad«.
  2. Man schaut auf den Pt, also den Gesprächspartner. Dabei ist das Interesse des Sprechers, den Partner zu einer Handlung zu veranlassen. Auslösung ist der Sprechakt: »Hol mir ein Eis!«
  3. Der Sprecher stellt sich, als Sp, ins Zentrum, und zwar konsequent: jetzt, in aktueller Gegenwart. Er bringt in seinem Satz also ein jetzt geltendes, eigenes Gefühl zum Ausdruck: »Ich bin happy« – Kundgabe.
  4. Hinzu kommt natürlich, dass durch einen Sprechakt eine Reaktion ausgelöst werden kann, aber nicht muss. Als Begleitakt sollte man sich immer wieder vergewissern, ob der Partner eigentlich noch zuhört, oder ob er eingeschlafen ist bzw. innerlich abgeschaltet hat. Das sind also Äusserungen, in denen es um eines geht: den Gesprächskanal. Ein »Hallo!« kann die Schläfer aufwecken. Eine Frage hat oft den selben Zweck: Der Sprecher bekundet sein Nicht-Wissen (auch wenn es nur taktisch so ist) und fordert den Partner zu einem Redebeitrag auf. Das ist praktische Aktivierung des Partners, eine Sicherung des Gesprächskanals.

Als letzter Punkt wäre noch zu erwähnen, dass es auch zu einer Doppelung der Illokution kommen kann. Dies sei durch folgendes Beispiel erklärt:

  • "Ich bin der Größte" - rief Muhammad Ali nach seinen Boxsiegen. Semantisch, also im Wortsinn, ist das der Sprechakt Darstellung. - Allerdings meldeten sich sofort mehrere Zweifel: Im Wortsinn war er nicht der Größte. - Außerdem: Warum muss man eine Sachverhaltsdarstellung häufig hinausschreien? - Solche Indizien verlangen, eine zweite, nun pragmatische, Illokution anzunehmen:
  • "Ich fühle mich fantastisch!" - das ist der eigentlich gemeinte, indirekte Sprechakt, die Kundgabe: Der Boxer schrie sein aktuelles Gefühl hinaus.

Eine solche Zweistufigkeit der Bedeutungsanalyse ist ohnehin Grundprinzip der "Alternativ-Grammatik".


1.2 Beispiele

Im Folgenden je zwei Beispiel-Äußerungen für Darstellung, Auslösung, Kundgabe und Gesprächskanal.

Darstellung:

  1. DE: Sie gießt die Blumen.
  2. DE: Er repariert das Auto.

Auslösung:

  1. DE: Mach mir bitte etwas zu Essen.
  2. DE: Ich habe Hunger. (Kann erst pragmatisch als Auslösung interpretiert werden. Im Wortsinn ist es Darstellung)

Kundgabe:

  1. DE: Ich bin unglücklich.
  2. DE: Ich fühle mich überhaupt nicht gut.

Gesprächskanal:

  1. DE: Hallo?
  2. DE: Und?


2. Einzelsprache: Spanisch

2.1 Erläuterung

2 Beispiel-Äußerungen für Darstellung, Auslösung, Kundgabe und Gesprächskanal.

Darstellung:

  1. ESP: Ella escribe una carta. >> Sie schreibt eine Karte.
  2. ESP: Él hace un queque. >> Er macht einen Kuchen.

Auslösung:

  1. ESP: Qué pasa con la comida? >> Was ist mit dem Essen? (Im Wortsinn: keine Auslösung, sondern eben ein Wissensbedarf wird darstellend formuliert? In übertragener Bedeutung ist aber schon klar, was diese machohafte Frage - 'all over the world' - bedeutet...)
  2. ESP: Dame el dinero! >> Gib mir das Geld!

Kundgabe:

  1. ESP: Tengo sueño. >> Ich bin müde.
  2. ESP: Estoy triste. >> Ich bin traurig.

Gesprächskanal:

  1. ESP: Oye! >> Ei!/Na hör mal!
  2. ESP: Hey!

3. Einzelsprache: Französisch

3.1 Vergangenheit

Wie Imparfait, Passé simple, Passé composé gebildet werden, ist nicht Gegenstand der Semantik, sondern müsste bei der Ausdrucksseite - ID 4.011, vgl. [4] - besprochen werden. Hier geht es um den Sinn der unterschiedlichen Möglichkeiten im Französischen, wie man auf die Vergangenheit Bezug nehmen kann. In aller Vorläufigkeit - wer präzisieren kann, möge es tun - lässt sich Folgendes sagen (gestützt auf bzw. in Abhebung von Grammatikmaterialien, wikipedia):

Bei allen genannten Typen von Vergangenheitsschilderung liegt der Sprechakt der DARSTELLUNG vor, weil - narrativ - von einem oder mehreren Sachverhalt(en) die Rede ist, die vor der Gegenwart der Fall waren. Die Unterscheidung beruht auf verschiedenen Weisen, wie von der Vergangenheit gesprochen werden kann.

  1. Handelt es sich um sich wiederholende Sachverhalte in der Vergangenheit - vgl. 4.086 Register ASPEKTE: iterativ ("Ständig ging jemand aus und ein.") - so signalisiert ein Sprecher damit schon, dass er diese Inhalte nicht begrenzen und zu einem präzisen, abgeschlossenen Thema wird machen können. Diese schlechte Greifbarkeit, diesen Hintergrundcharakter pflegt man mit Imparfait auszudrücken. Vielleicht ist diese Aussageform auch deswegen geeignet, Gefühle, Wetter, Personen usw. zu beschreiben. So gesehen passt die Benennung der Konjugationsform - imparfait - einigermaßen zu ihrer semantischen Funktion. Aber wie angedeutet: nicht die Sachverhalte selbst müssen deswegen unabgeschlossen sein; sondern der Sprecher nimmt erst unpräzis und locker auf sie Bezug. Sein eigentliches Interesse gilt anderen Fakten. Imparfait somit zur Anzeige des (geringen) Sprecherinteresses. - Aber Vorsicht: nicht hier schon aufschreien! Ein Autor hat viele stilistische Möglichkeiten, entgegen dem distanzierten ersten Anschein die Hörer/Leser doch noch zu packen und an seinen Text zu binden!
  2. Im Gegenzug dazu benötigt ein Sprecher die Möglichkeit, das Interesse der Hörer/Leser auf einen Sachverhalt im Vordergrund zu lenken. Im Vordergrund heißt: diese vergangene Realität, die überschaubar, abgrenzbar, sprachlich gut fassbar, insofern abgeschlossen ist, hebt sich ab von bloßen Begleitumständen, um diesen Sachverhalt soll es aktuell gehen. Um den Vordergrund (im Kontrast zum Hintergrund) zu modellieren, steht das Passé simple zur Verfügung - vorwiegend, aber nicht exklusiv - in literarischer Kommunikation. quand + Imparfait [=Hintergrund], Sachverhalt im Passé simple [=Vordergrund, Thema, um das es weiterhin gehen soll].
  3. In der mündlichen (und natürlich schriftlichen) Kommunikation steht das Passé composé vorwiegend mit der gleichen Funktion wie das Passé simple zur Verfügung. Wird in Grammatiken von "abgeschlossener" Handlung gesprochen, kann das nicht sachverhaltlich gemeint sein. Auch Mutmaßungen wie: 'ein Sachverhalt wirkt weiter', dürfen nicht 'objektiv', sachverhaltlich betrachtet werden. Stattdessen: der kommunikative Akzent interessiert. Beispiel: Bien sûr, il a envoyé une lettre - die Analyse muss nicht klären, ob das Abschicken des Briefes abgeschlossen ist. Mit dem Einwurf in den Briefkasten ist es das - darüber muss man sich grammatisch nicht unterhalten. Vielmehr signalisiert der Sprecher: diese vergangene Handlung ist es, die mich jetzt interessiert und zu der ich mich weiterhin äußern will. - Dieses gegenwärtige Interesse kann ein Sprecher ausweiten und mehrere vergangene Sachverhalte in Kette ansprechen. Im Passé composé zeigt er damit an: diese alle interessieren mich jetzt und ich will sie zur Sprache bringen. Das alte Weiterwirken kann man nicht klären durch Blick auf den Sachverhalt als solchen, sondern nur durch Blick auf den Schreiber/Sprecher/Autor: Was ist ihm wichtig?
Was - nebenbei bemerkt - an einen gravierenden Fehler von
Sprachwissenschaftlern erinnert: Man tüftelt und mutmaßt am
jeweiligen 'Sachverhalt' herum, glaubt daran die Verschie-
denheit der Vergangenheitsformen erklären zu können, statt
dass man sich allein auf das Sprecher-, Redeinteresse
bezieht: Mit welcher Gewichtung will der Sprecher die alten
Sachverhalte jetzt zur Sprache bringen?

Wenn es gedanklich um den Gegensatz geht: langandauernder Hintergrund vs. überschaubarer und wichtigerer Vordergrund, dann lässt sich dabei auch das weitere Merkmal verstehen, das üblicherweise bei den Konjugationsformen für Vordergrund (Passé simple und Passé composé) genannt wird: es handle sich um kurzzeitige Ereignisse, Handlungen. Das ist logisch: Gemessen an der Folie des Hintergrundes ist alles, was im Vordergrund erzählt wird, kurzzeitig(er). - Damit bekam die traditionelle Standardauskunft (überraschende Handlung) einen verstehbaren Ort im Gesamtkonzept. Auch dabei interessiert nicht die objektive Dauer (wenn das Zeitungslesen - vgl. Beispiel unten - besonders lang dauert, muss man das Imparfait wählen?). Auch eine vergleichsweise viel Zeit in Anspruch nehmende Handlung kann in ein Vordergrund-Tempus gesetzt werden, wenn es dem Sprecher wichtig ist - im Kontrast zu beiläufig erwähnten Begleitumständen. Letztere überdauern auf jeden Fall die Einzelaktion, die folglich als kürzer, überraschender erscheint.

In wikipedia - dies als Nebenbemerkung - wird noch ein
typischer Grammatiksprech geboten, gegen den die
Alternativ-Grammatik bzw. zuvor schon "Krach oder Gram-
matik?" angehen: Das Passé composé beziehe sich auf
"aktive Handlungen" (= ein "weißer Schimmel"!), die sich
in der Vergangenheit zugetragen haben:
"La falaise est tombée dans la mer" (=Der Felsen stürzte
ins Meer).
- <<STÜRZEN>> - ist das eine "Handlung"? Begriffe sollten
ihren Sinn behalten! <<STÜRZEN>> lässt keine Verantwort-
lichkeit erkennen. Folglich ist "Prozess" die angemessene
Charakterisierung. Vgl. ID 4.06 (mit Unterpunkten).

Das Beispiel aus wikipedia gibt - dort nicht behandelt - einen weiteren Hinweis: Mme. Delacroix a lu le journal pendant que son mari préparait les plats dans la cuisine - Man kann daran einerseits die Funktionen der Vergangenheitstempora ablesen. Zusätzliche Bemerkungen:

  1. Man sollte und kann weitere Indizien hinzunehmen: Mit pendant que beginnt ein temporaler Nebensatz, der als solcher schon - noch bevor das Verb in den Blick kommt - anzeigt, dass ein Begleitumstand genannt werden soll. Im Rahmen dieses Begleitumstandes ist dann - s.o. - das Imparfait zu erwarten. Aber die Konjugationsart trägt nicht alleine die Last der Interpretation. Häufig führen mehrere Indizien zu einer Interpretation, verleihen ihr also Sicherheit.
  2. Es wäre denkbar, sachverhaltlich das <<LESEN>> zu interpretieren: Es dauert eine gewisse Zeit, ist normalerweise ein iterativer Vorgang - man liest selten die Zeitung in einem Zug. Zumindest muss man umblättern usw. - Eine solche Blickrichtung wiesen wir oben als unnütz und deplatziert zurück. Gleichgültig wie sich sachverhaltlich die Handlung abspielte: durch das Passé composé teilt der Sprecher mit: von den beiden erwähnten Handlungen ist es das Zeitungslesen der Mme. Delacroix, das für mich wert ist, erwähnt zu werden, es ist so außergewöhnlich, dass die Mme dasitzt und liest (wobei nebenher der Mann das Frühstück bereitet), dass darüber endlich mal gesprochen werden sollte...--Hs 06:06, 13. Sep. 2010 (UTC)

(bezogen auf Anregungen aus der "Grammaire de base" des Sprachinstituts alpha.b: "dans le cas du passé simple, le fait est envisagé comme lointain, sans contact avec le présent." - Das lointain ist - mit Verlaub - Unfug: Wie soll man das messen? Es liegt Vorzeitigkeit vor - das dürfte genügen. Ob das sans contact eine Interpretationshilfe darstellt, sei ebenfalls bezweifelt.


An anderer Stelle wird unterschieden zwischen actions principales, also solchen, die den Bericht/die Erzählung vorantreiben, sich auf die jeweilige Hauptperson beziehen, und actions secondaires = solchen, die flankierende Beschreibungen, Situationsschilderungen einführen. Das entspricht unserer "Vordergrund - Hintergrund"-Unterscheidung. Beispiel:

       Vordergrund                                      Hintergrund
Paul s'est levé                                pendant que sa femme, Marie, s'habillait
il est allé dans la salle de bains             où sa fille, Christine, se lavait ...
Christine lui a dit bonjour,                   Sa fille chantait ...
il l'a embrassée puis il s'est rasé.           Et pendant ce temps sa femme préparait le 
                                                 petit déjeuner.
Marie les a appelés,                           tandis que Christine revoyait sa leçon   ...

Erzähllogisch kann man daraus folgern, dass der Handlungsstrang des Vordergrunds aus überschaubaren Einzelhandlungen bestehen muss - ansonsten käme die Erzählung nie zu einem Ende. Das heißt: Sobald der Text Signale enthält, die von dieser Überschaubarkeit, Begrenztheit abweichen, meldet sich der Hintergrund, und dafür ist das Imparfait zuständig. Den Blick in solchen Fällen nur auf die Verbform zu richten, wäre falsch. Vielmehr müssen die expliziten Zusatzsignale im Text beachtet werden. Beispiele:

Zustand (allgemein, ohne konkrete Situation)    Mon ami était très fort
Gewohnheit                                      L'enfant tombait tout le temps. 
Wiederholung                                    Il se peignait tous les matins 
Dauer/Unabgeschlossenheit                       A l'arrivée du facteur, mon père 
                                                travaillait déjà depuis trois heures.
Reine Beschreibung                              Le ciel était couvert, il pleuvait 
                                                par moments et, de temps en temps, 
                                                on voyait un éclair.

4. Einzelsprache: Latein

4.1 Vergangenheit

Im unabhängigen Satz können die beiden zur Verfügung stehenden Konjugationsformen für die Vergangenheit ähnlich erklärt werden wie zuvor für das Französische:

Mit dem Perfekt werden die Hauptereignisse der Erzählung markiert, also diejenigen, die im Erzählvordergrund stehen. Vgl. Fink/Maier "Systemgrammatik Latein" (1997 S. 192. Da in diesem Fall - perfectum - die übliche Bezeichnung auch semantisch Richtiges trifft (es sind real verwirklichte, abgeschlossene Handlungen gemeint), sind auch Nuancen wie gnomisch (= allgemeines Wissen, z.B. Dulcia non meruit, qui non gustavit amara.) oder im Präsens geltende Folge (Illum novi = Jenen habe ich kennengelernt = kenne ihn (jetzt)) eingeschlossen.

Das Imperfekt markiert vergangene Ereignisse / Umstände im Erzählhintergrund. Ihnen ist eine gewisse Dauer eigen (Nostri in summa difficultate erant...) oder, wenn es um allgemeine Gepflogenheiten geht, ein iterativer Aspekt (Omnes Galli bello intererant - so war es nämlich üblich). Das nicht-abgeschlossen kann auch heißen: eine Handlung wurde versucht, kam aber nicht zum Abschluss (Romani flumen navibus transibant...).

In beiden Varianten meldet sich also das Register ASPEKTE: 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE


4.2 Darstellung / Realis

Die "Systemgrammatik Latein" S.180ff verwendet die Sprechakttheorie nicht. Die Aussagen zum "Indikativ" kann man aber dahingehend interpretieren. Die Konjugationsform Indikativ signalisiert, was der Sprecher als wirklich ansieht. Mit non kann man auch verneinend Stellung beziehen.

4.3 Auslösung

Der Indikativ bei Fragesätzen zeigt das Bedürfnis des Sprechenden an, eine Antwort zu bekommen. Verneinung ebenfalls non. Dabei ist noch nicht entschieden, ob sich die Frage letztlich nicht doch als rhetorische entpuppt, somit als implizite Behauptung, als unechte Frage.

Unter Auslösung - dies als Kritik - ist aber noch viel mehr zu verstehen: Jeder sprachliche Versuch, beim Partner eine Handlung auszulösen. Es geht nicht nur um sprachliche Reaktionen.

4.4 Kundgabe

Ein Äquivalent hierfür war in der "Systemgrammatik Latein" nicht zu finden.


5. Einzelsprache: Englisch

Da auch das Englische zwei Formen hat, Vergangenheit auszudrücken - past tense und present perfect = vollendete Gegenwart - kann versucht werden - in Abhebung von Kirschning. Englische Grammatik, S.19f.38f - das oben für das Französische schon eingeführte Erklärungsmuster auch auf das Englische anzuwenden.

5.1 Past simple

Die Standarderklärung heißt: die Konjugationsform stehe für Handlungen/Vorgänge, die in der Vergangenheit abgeschlossen sind und in keiner Beziehung zur Gegenwart stehen, häufig erkennbar an Zeitbestimmungen, die jenes Ereignis 'auf gedankliche Distanz' halten:

Bob was born on May 5, 2001 - Der Geburtsakt ist
in der Vergangenheit zweifellos abgeschlossen. Der gegen-
wärtige Bob würde sich aber mit Recht dagegen wehren,
wenn Grammatiker sagen würden, seine Geburt habe keinerlei
Auswirkung/Bedeutung für die aktuelle Gegenwart...
Ann died three years ago - gleiche Einwände wie
soeben, zumindest was betroffene Angehörige und Freunde
angeht.

Past simple stehe auch, wenn in der Vergangenheit mehrere Vorgänge aufeinander folgen:

The clerk typed the letter, showed it to his boss and posted it.

Warum löst die Verkettung mehrerer Aktionen das Past simple aus? Und die frühere Argumentation (abgeschlossen, keine Nachwirkung) ist jetzt bedeutungslos?

Vorwiegend stehen die Beispiele bei Kirschning in der sog. "3.Person", sind also "KT" = "Kommunikationsthema", vgl. 4.02421 (Numerus /) Determination. Das heißt: ein Sprecher fasst einen vergangenen Sachverhalt distanziert in den Blick. Und wenn doch ein "SP" = "Sprecher" sich selbst ins Spiel bringt, kann diese 'Nähe' durch eine Zeitangabe wieder zur 'Distanz' transformiert werden: We saw the musical 'Cats' last week. Also steht nicht zur Debatte, ob der vergangene Sachverhalt abgeschlossen ist - das ist er nämlich meist. Die Frage ist vielmehr, wie der Sprecher von dem vergangenen Sachverhalt spricht, ob er diesen erkennbar auf Distanz hält, oder ob er als Sprecher diesen noch - sprachlich erkennbar - 'an sich heran lässt'. Es ist also eine Frage des Sprechakts, einer Differenzierung beim Thema Darstellung.


5.2 Present perfect simple

Standarderklärung: Verwendung dann, wenn die vergangene Handlung/Vorgang bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt heranreicht, womöglich zu dieser noch in Beziehung steht

Steve has finished the crossword puzzle. - Die
Konjugationsform würde demnach signalisieren: das Beenden
des Kreuzworträtsels geschah soeben, wahrscheinlich ist
Steve noch im Raum und zu neuen Schandtaten bereit.
Have you seen this film? - Erklärung analog zum vorigen
Beispiel.
I have drunk too much. I must leave now. -
Nimmt man den zweiten Satz zur Interpretation hinzu, wird
die Erklärung des ersten plausibel. Aus der Betrachtung
des ersten Satzes allein würde die Standarderklärung nicht
erkennbar.

for, since, up to now, not yet, just, never, ever, this week/year, today, in my life unterstützen die Deutung: Vergangenheit ja, aber noch nicht abgeschlossen, ich in meiner Sprechergegenwart (=O im Rahmen von Chronologie: 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie) habe noch zu tun damit: I had a lot of phone calls today. Es wird kein Zufall sein, dass Kirschning in 90% seiner Beispielsätze ein "Ich" oder "Du" als 1.Aktant nennt, d.h. die aktuell gegenwärtigen Gesprächspartner. Sie stehen zugleich für ihr jetziges Interesse, das die sprachliche Äusserungen leitet. Also auch die Beobachtung des 1.Aktanten kann einen Hinweis geben dafür, mit welcher inneren Nähe oder Distanz ein Sprecher von einem vergangenen Sachverhalt spricht.


5.3 Vergangenheit: Vordergrund - Hintergrund

Die Indizien sind nun doch stark, dass auch im Englischen beim Sprechakt DARSTELLUNG-Vergangenheit das Thema der Gewichtung eine Rolle spielt.

  1. 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie - die Grundkategorien für das Thema "Zeit" (auch mit Unterpunkten) - sind wichtig. Darin ist auch der Standort des Sprechers "O" vorgesehen. Aber sie allein erklären noch nicht den - semantischen - Unterschied der beiden Konjugationsarten für die Vergangenheit.
  2. Es muss die Art des darstellenden Sprechakts präzisiert werden:
    • Behandelt der Sprecher den vergangenen Sachverhalt distanziert? Indizien können "3.Person" und entsprechende Zeitangaben sein. In solcher Umgebung ist Past simple als Konjugationsform zu erwarten. So dass auch ein Rückschluss erlaubt ist: Ein (kurzer) Satz ohne diese Indizien, aber nur mit dieser Konjugationsform realisiert die gleiche distanzierte Betrachtungsweise. Eine solche Sicht wird hier als Hintergrund bezeichnet.
    • Verwendet der Sprecher "SP" oder "PT" als 1.Aktant, und auch aktualisierende, den vergangenen Sachverhalt offen haltende Zeitangaben, so signalisiert er, dass er von den vergangenen Geschehnissen noch betroffen ist, Es geht nicht darum, ob der vergangene Sachverhalt abgeschlossen ist, sondern ob der Sprecher innerlich mit dem Sachverhalt abgeschlossen hat. Im Fall des Present simple perfect jedenfalls zeigt der Sprecher, dass das vergangene Geschehen für ihn aktuell noch ein Thema, ein Problem darstellt, das in seine aktuelle Lebensgestaltung einwirkt. Eine solche Sicht wird hier als Vordergrund bezeichnet.

6. Kundgabe - Rede vom eigenen Gefühl

6.1 /Gefühl/ deutet nicht immer auf <<GEFÜHL>>

M. B. Rosenberg, "Erziehung, die das Leben bereichert", S.43:

"Unsere Sprache macht es uns nicht leicht, auszudrücken,
wie wir uns fühlen. Manchmal benutzen wir sogar das Wort
'fühlen', ohne auch nur irgend etwas darüber auszusagen,
wie wir uns tatsächlich fühlen. In den folgenden Beispie-
len beschreibt das Verb 'fühlen' oder der Ausdruck 'ein
Gefühl haben', denen die Wörter 'daß', 'wie', 'als ob',
'ich', 'du', 'er', 'sie' (Singular) oder 'sie' (Plural)
folgen, keineswegs ein Gefühl:
   -> "Ich habe das Gefühl, du solltest es besser wissen."
   -> "Ich habe das Gefühl, ich habe Besseres zu tun."
   -> "Ich habe das Gefühl, daß das nicht fair war."
   -> "Ich habe das Gefühl, ich bin überfahren worden."
   -> "Ich habe das Gefühl, sie wollen, daß ich gehe." 
Wir haben nicht die geringste Vorstellung davon, was die
Menschen, von denen diese Aussagen stammen, tatsächlich
fühlen. Natürlich könnten wir es erraten, aber das muß
dann nicht unbedingt stimmen. Die Person, von der die
letzte Äußerung stammt, kann entweder völlig 'fertig'
sein - oder von der Aussicht, gehen zu können, absolut
begeistert sein."

Nebenbei bemerkt: gewertet wird in den zitierten Äusserungen fraglos vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. Aber nur weil Wertungen vorliegen, ist nicht auch schon der Sprechakt KUNDGABE gegeben. - Eine weitere Illustration, dass Modalitäten und Sprechakte klar zu unterscheidende Kategorien sind.


6.2 Wörter für ein <<GEFÜHL>>

M. B. Rosenberg, "Erziehung, die das Leben bereichert", S.44f, bietet zwei unvollständige Listen an, die zeigen, wie sich sprachlich gute bzw. schlechte Gefühlslage ausdrücken lässt. Aber das Vorkommen jener Wörter allein produziert noch keinen Sprechakt KUNDGABE. Es muss erst noch der umgebende Gesamtsatz berücksichtigt werden. Wichtig dabei: Es geht um die Gefühlslage des Sprechers in aktueller Gegenwart! Nur dann ist KUNDGABE möglich. Wird die Gefühlslage von jemand anderem beschrieben, oder die eigene Gefühlslage vor drei Tagen, liegt der Sprechakt DARSTELLUNG vor:

angeregt, aufgedreht, befreit, befriedigt, begeistert, begierig, behaglich, 
bestärkt, bewegt, dankbar, ekstatisch, empfindsam, energievoll,
enthusiastisch, entzückt, erfreut, erfrischt, ergriffen, erleichtert, erregt, 
erstaunt, erwartungsvoll, fasziniert, freundlich, friedvoll, 
fröhlich, gebannt, geborgen, gefaßt, gefesselt, gehobener Stimmung, gekräftigt, 
gelassen, gerührt, glücklich, glühend, gut gelaunt, heiter
hellwach, hingerissen, hoffnungsvoll, inspiriert, lebhaft, liebevoll, 
neugierig, optimistisch, ruhig, selig, sorglos, stolz, strahlend,
überglücklich, überrascht, überschwenglich, vergnügt, vertrauensvoll, verzaubert, 
wach, wohl, wunderbar, zufrieden, zuversichtlich.
abgeneigt, abgeschnitten, abgestoßen, abgetan, angeekelt, ängstlich, ärgerlich, 
apathisch, aufgebracht, aufgedreht, aufgeregt, bedrückt,
bekümmert, besorgt, bestürzt, beunruhigt, deprimiert, einsam, empfindlich, 
empört, entsetzt, enttäuscht, ermattet, erregt, erschöpft, erschrocken,
erstarrt, feindselig, frustriert, gelangweilt, gereizt, gleichgültig, 
haßerfüllt, hilflos, kalt kraftlos, mißtrauisch, müde, mutlos, nervös,
neugierig, niedergedrückt, niedergeschlagen, ratlos, sauer, schläfrig, 
schlecht, schockiert, träge, traurig, trübsinnig, überrascht, unbehaglich,
unglücklich, unnahbar, unruhig, unsicher, untröstlich, unwohl, 
unzufrieden, verängstigt, verärgert, verkrampft, verlegen, verletzt, verwirrt,
verzweifelt, widerwillig, wütend, zitterig, zornig.


6.3 Praktische Übungen

M. B. Rosenberg, "Erziehung, die das Leben bereichert", S.46f, nennt einige Beispielsätze - mal als echte Gefühlskundgabe, mal als nur scheinbare. Sie seien genannt, verbunden mit eigenem Kurzkommentar:

  1. "Ich habe das Gefühl, daß du wütend bist" - keine KUNDGABE eines eigenen Gefühls; ein anderer wird mutmaßend beschrieben
  2. "Ich freue mich darüber, daß Sie den Bericht fertiggestellt haben". - KUNDGABE
  3. "Ich fühle mich traurig, weil ich möchte. daß jeder ..." - KUNDGABE
  4. "Du bist wunderbar" - keine KUNDGABE; eine Wertung wird auf eine andere Person projiziert.
  5. "Als du dem neuen Schüler alles gezeigt hast, habe ich mich sehr gefreut" - Rosenberg wertet als KUNDGABE; im Sinn der Alternativ-Grammatik ist es DARSTELLUNG: Bericht über ein zurückliegendes Gefühl.
  6. "Ich bin dankbar, weil du mir gesagt hast, was dir Sorgen macht." - KUNDGABE
  7. "Ich habe das Gefühl, daß Ihr Schüler/innen euch nicht soviel Mühe gebt, wie ihr könntet." - Keine KUNDGABE, sondern Mutmaßung, kaschiert als "Gefühl". Zudem wird nicht gesagt, welche Art von Gefühl vorliegen soll.
  8. "Ich mache mir Sorgen, daß du vielleicht nicht genügend Zeit hast, um das hier fertig zu machen." - KUNDGABE
  9. "Wenn du nicht tust, was ich dir sage, fühle ich mich nicht respektiert". - Bedingungssatz, der jetzt ohnehin noch nicht gilt. Außerdem: wenn die Bedingung eintritt, sollte positiv beschrieben werden, welches Gefühl gilt.
  10. "Ich fühle mich glücklich, wenn ich sehe, wie viel du lernst" - Das "wenn" meint eine gegenwärtige Wahrnehmung. Folglich gilt das explizit genannte Gefühl des "Ich" in aktueller Gegenwart: KUNDGABE.


6.4 Perversion, wenn befohlen

Nordkoreaner wegen mangelnder Trauer hart bestraft
(t-online, 13.1.2012)
Gespielte Trauer oder echte? Das Regime in Nordkorea will
das beurteilen können und reagiert mit harten Bestrafungen
(Quelle: Reuters)
Nordkorea verhängt nach einem Medienbericht monatelange
Lagerhaftstrafen gegen Bürger, die angeblich im Dezember
nicht genügend um den Tod von Machthaber Kim Jong Il ge-
trauert haben. Die Behörden würden die Beschuldigten,
deren Zahl nicht genannt wurde, für mindestens sechs
Monate in Arbeitslager schicken, berichtet die in Seoul
produzierte Internetzeitung "Daily  NK". Sie beruft sich
dabei auf ihrer Website auf einen Informanten in der
Provinz Nord-Hamkyung im Nordosten des kommunistischen
Landes.
Ganze Familien verbannt
Den Betroffenen werde vorgeworfen, sich nicht an den
organisierten Trauerveranstaltungen beteiligt oder
trotz ihrer Teilnahme nicht geweint oder den Eindruck
erweckt zu haben, ihre Trauer sei nicht echt gewesen,
hieß es. Auch würden Menschen in Umerziehungslager ge-
steckt, wenn sie beschuldigt werden, Gerüchte mit Kri-
tik am dynastischen Machtwechsel zu verbreiten. Selbst
ganze Familien von Beschuldigten würden in abgelegene
Gebiete verbannt. Nach dem Tod Kim Jong Ils wurde des-
sen jüngster Sohn Kim Jong Un zum neuen Machthaber aus-
gerufen. Sein Vater war nach offizieller Darstellung am
17. Dezember an einem Herzinfarkt im Alter von 69 Jah-
ren gestorben. Gleich nach dem Ende der offiziellen
Trauerzeit am 29. Dezember hätten die Beschäftigten in
Fabriken und Unternehmen zu Kritiksitzungen antreten
müssen, berichtet "Daily NK". Nach dem Ende der Sit-
zungen hätten die Behörden mit den Bestrafungen be-
gonnen. Diese Sitzungen "sorgten für eine böse Atmos-
phäre der Angst, die dazu führte, dass die Menschen
den 'jungen Emporkömmling' (Kim Jong Un) beschuldigen,
die Menschen zu quälen", wurde der Informant zitiert.
Zugleich sei die Propaganda zur Vergötterung Kim
Jong Uns verstärkt worden.
Trauerzeit: Handytelefonate ins Ausland verboten
Weiterhin berichtete der Informant der Zeitung, dass
Verfahren gegen Menschen liefen, die Nordkorea
während der offiziellen Trauerzeit verlassen wollten
oder nur mit dem Handy ins Ausland telefoniert hätten.
Diese Informationen hätten allerdings nicht verifiziert
werden können, heißt es auf der Website.
"Daily NK" besteht seit Ende 2004. Die Zeitung
beschäftigt unter anderen Nordkoreaner, die aus ihrer
abgeschotteten Heimat geflüchtet sind und dem Regime
in Pjöngjang gegenüber kritisch sind. In Nordkorea
lässt sich angesichts der strikten Kontrolle der
Behörden über die Bürger keine sichtbare Opposition
ausmachen.

6.5 Auf Textebene: Gedicht

Es ist ja nicht leicht zu definieren, was ein Gedicht zu einem Gedicht macht. Die äußerliche Beachtung von Reim reicht ja schon länger nicht mehr, Rhythmus ist auch kein sicheres Kriterium. Was aber dann?

Am überzeugendsten ist die Betrachtung von den Sprechakten her: die primäre Funktion eines Gedichts ist die Selbstexpression des Autors. Die textliche Gestalt kann sehr unterschiedlich sein. Aber es sollte erkennbar sein, dass der Autor vorwiegend eigene Wahrnehmungen, Überlegungen, Planungen, Gefühle usw. zu Papier bringt und vorlegt. Sein primäres Ziel ist demnach nicht, einen Sachverhalt vernünftig zu beschreiben (Sprechakt DARSTELLUNG), auch nicht andere zu einem Handeln aufzufordern (Sprechakt AUSLÖSUNG). Derartiges kann sekundär einfließen.

Wenn das richtig ist, dann wird man einem Gedicht nicht gerecht, wenn man es argumentativ auf die darin angesprochenen Sachverhalte hin analysiert, auch nicht, wenn man auf möglicherweise darin enthaltene Handlungsaufrufe reagiert. Vielmehr sollte man versuchen, über alle Gefühlsexpressionen/Argumente/Appelle hinweg zu erkennen, welche seelische Befindlichkeit den Autor wohl gerade umtreibt.

Geht es etwas konkreter? - Versuch: Was im Gedicht-Text
an identifizierbaren Sachverhalten/Personen enthalten ist, darf
nicht als "KT" = "Kommunikationsthema", vgl. 4.02421 (Numerus /) Determination,
verstanden werden, über das nun einige Aussagen gemacht
werden (dann wäre man beim Sprechakt DARSTELLUNG). Das
über würde eine Art Distanzierung bezeichnen, eine
nüchterne Betrachtung, die zwar bei der Beschreibung
irgendeines Sachverhalts nützlich ist, die aber gerade
nicht zum Sprechakt KUNDGABE passt: ich kann mich nicht
wirklich von mir selbst distanzieren.
   Sind identifizierbare Sachverhalte/Personen
genannt, so werden zu diesen keine der Alltagslogik
genügenden Beschreibungen geliefert. Sondern sie dienen
dazu, die innere Denk-/Gefühls-/Gemütslage des Autors
zu beschreiben. Was im einzelnen benannt wird - und sei
es noch so anschaulich (z.B. Ballade, episches Gedicht)
oder brisant-aktuell (z.B. politisches Gedicht) - dient
nicht dazu, diese Inhalte angemessen und zufriedenstel-
lend zu analysieren, zu beschreiben (= wäre "KT" =
distanziert betrachtetes Kommunikations-Thema). Sondern
alle derartige Inhalte haben in ihrem Zueinander die
Funktion anzuzeigen, wie es zum Zeitpunkt des Schrei-
bens im Geist des Autors aussieht.
   Das Gedicht "Ein Gedicht" von M.L.Kaschnitz
bestätigt: woher die Worte kommen, kann nicht gesagt
werden
   (Aus den Fugen wie Asseln). Nach kräftiger Bear-
   beitung können sie vorgetragen werden 
   (Von den Lippen zerrissen, / Vom Atem gestoßen).
Zeile für Zeile repräsentiert entweder die eigene Wüste
oder Mein Paradies. 
- Der Sprechakt KUNDGABE ist damit gut wiedergegeben:
  Unverfügbar kommen die Worte. Das lässt sich nicht
  steuern. Aber der aus dem Unbewussten kommende Impuls
  kann bearbeitet, geformt werden. Die Selbstexpression
  nimmt Gestalt an.

Der Autor/die Autorin gibt somit einen Einblick in die eigene innere Verfassung zum Zeitpunkt des Schreibens. Jedes Indiz, dass gebundene Sprache vorliegt, stellt die Weiche in Richtung Sprechakt KUNDGABE. Demnach wäre es verfehlt, würde man auf ein Gedicht damit reagieren, dass man inhaltliche Fehler, sachverhaltliche Lücken usw. nachweist.

Vielleicht hilft aus der Malerei der Vergleich mit
Impressionismus oder Pointillismus weiter: Auch
da kann man jeweils  dargestellte Objekte bzw. Personen
erkennen. Es wäre aber ein fundamentaler Fehler, sich
nun weiterhin mit den Objekten zu beschäftigen und zu
übergehen, wie sie denn gemalt wurden. Die eigent-
liche Botschaft und das eigentlich Neue des Künstlers
liegt im Wie. 
Claude Monet malte zu Beginn des 20. Jhd. 10x Themse
und Houses of Parliament in London, immer im selben Bild-
ausschnitt. Allzu vernünftig eingestellte Zeitgenossen
könnten sagen: mir genügt eine Luftaufnahme des Komplexes.
Die ist präziser und leichter zu benutzen als 10 teure
und undeutliche Gemälde. Damit wäre weggestrichen, dass
das Objekt bei unterschiedlichen Tageslicht- und Wetter-
bedingungen gemalt worden war. Thema ist also nicht -
entgegen dem ersten Anschein - das dargestellte Objekt,
sondern - nun kommt analog der Sprechakt KUNDGABE ins 
Spiel - die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen unter
verschiedensten Bedingungen (das Objekt als solches wäre
damit austauschbar). 

Der ebenfalls genannte Pointillismus verstärkt die Analogie zum 'Gedicht', da es sich um eine Maltechnik handelt, die nicht mehr einheitliche Flächen malt, sondern letztere in viele Punkte und Striche zerlegt. Was immer der dargestellte Gegenstand ist: der Betrachter muss auf Abstand zum Bild gehen, damit sich in seinem Geist erst das Gesamtbild zusammensetzt. Aus der Nähe betrachtet, besteht ein solches Bild nicht nur aus Tupfen/Strichen, sondern auch aus den Lücken dazwischen.

Gedichte entsprechen diesem Modell häufig: sie lie-
fern Einzelgedanken zum angeschlagenen Thema. Die
gebundene Sprache unterstreicht: Es liegt kein
langer Fließtext mit dem Anspruch vor, das Thema ko-
härent und erschöpfend zu behandeln. Sondern es wer-
den kleinräumig portionierte Gedanken geboten. 
Gedankliche Lücken sind damit von vornherein einge-
räumt. Der Poet kann sie denn auch zulassen, da er
nicht den Sachverhalt kohärent, jeden Widerspruch aus-
schließend darlegen will. Sondern Einblicke in seine
Empfindungen geben will. Mehr als punktuelle, dennoch
möglichst zusammenpassende Einblicke sind dabei nicht
möglich.

ÜBUNG: Wenn die Ausführungen zutreffen, müsste es problemlos durchführbar sein, an irgendeinem Gedicht beckmesserisch, d.h. penibel aufzulisten, was mir an Informationen nicht geboten wird, wenn ich den Text als zufriedenstellende Sachverhaltsbeschreibung (Sprechakt DARSTELLUNG) nehmen müsste. Eine solche Gegenprobe - an einigen Gedichten durchgeführt - müsste SchülerInnen die Augen öffnen dafür, dass diese Textgattung offenkundig eine ganz andere Stoßrichtung hat. - Dann kann man versuchen zu rekonstruieren, was der Autor als seine Empfindung - Sprechakt KUNDGABE - mitteilen will. - Letzte Bemerkung: Im wörtlichen und im übertragenen Sinn - dabei alle Formen von Symbolen, Sprachbilder einbeziehend - zielt die Textgattung auf die Innenwelt des Autors, im Sinn der Alternativ-Grammatik auf die 4.08 Modalitäten – sprachliche Filter (mit Unterpunkten und jeweiligen Differenzierungen).

Also waren das schon Ausführungen, die auch die PRAGMATIK
einbezogen, die den Unterschied von "Sagen" und "Meinen"
berücksichtigten. Das kann sich so zeigen: Im ersten
Zugang = SEMANTIK erkennt man, dass ein Gedicht vorliegt,
somit der Sprechakt KUNDGABE. Diese Stufe - wie darge-
legt - muss auf jeden Fall ernstgenommen werden. Wer
sie missachtet, ist schon auf der falschen Spur.
Nach Betrachtung dessen, was gesagt ist - und vor
allem wie -, kann die zweite Ebene, die der PRAGMA-
TIK = die des Meinens folgen: bei einem politischen
Gedicht kann nun wahrscheinlich sein, dass nicht mehr
KUNDGABE angesagt ist, sondern AUSLÖSUNG, also Hand-
lungsaufforderung. 
Das kann man bei "Was gesagt werden muss" von G. Grass
annehmen.  Vgl. 4.75 Todsünden beim Lesen
Im Unterschied zu Essay, Pamphlet, Parteiprogramm u.ä.
wird das 'Politische Gedicht' allenfalls eine Ziel-/Wunsch-
Vorstellung enthalten, aber keine unmittelbar umsetzbaren
Schritte nennen - primär ist es eben weiterhin KUNDGABE. 

Leserreaktionen: Es gibt Holzwege und angemessene Reaktionen. Zu den Holzwegen gehören: (a) Mit dem Autor über seine Aussagen und Thesen zu diskutieren ist deplatziert. Das wurde weiter oben dargelegt (ein Gedicht ist kein Sprechakt DARSTELLUNG). (b) Man kann dem Autor auch nicht seine Gefühlsexpression streitig machen. Das steht anderen generell nicht zu. In dieser Hinsicht ist ein Autor geschützt und unangreifbar - wie im übrigen jeder Mensch.

Als angemessene Reaktion kann gelten: (c) Leser nehmen - das geht mit der äußeren, der Ausdrucksseite los - die Gestaltungselemente, die (oft ungewohnten) Gedankenverknüpfungen, die Implikationen des Autors auf und prüfen von ihrer eigenen Weltsicht her, ob dieses KUNDGABE-Tableau stimmig, interessant, bedenkenswert, usw. ist, sie 'anspricht', ob sie es in ihre eigene Weltsicht übernehmen können - sei es als (bislang unbewusste, unartikulierte) Bestätigung eines schon vorhandenen dumpfen Gefühls - das aber nun eine sprachliche Form bekommen hat, oder als Korrektur: man bekommt - überzeugend gestaltet - eine alternative Weltsicht geboten, mit der man es ab jetzt versuchen möchte. Das muss nicht angenehm sein: Provokationen können mich treffen, mein Inneres in Wallung bringen - bis weit in die rationale Ebene hinein. Aber dann war der Text inspirierend.

In solchen Fällen wird die Gesamtwertung des Gedichts als "gut" ausfallen.

Ergeben die sprachlichen Gestaltungselemente ein zu plattes, ein nicht-interessantes KUNDGABE-Tableau, 'sagt das Gedicht nichts', nagelt nur auf schon bekannte Muster fest. Klischees heißen immer auch: sprachlich hatte ich nichts Auffallendes, Überraschendes geboten bekommen. Oder die Einzelimpulse des Gedichts ergeben kein stimmiges Gesamtbild. All der Aufwand und das Sprachgetöse führen zu keinem rechten Ziel.

In solchen Fällen wird das Gedicht als öde und "schlecht" empfunden.

6.6 ModeratorInnen

Vor einigen Jahren scheint man in der Ausbildung von M. erkannt zu haben, "Gefühlsexpression" wollten die Hörer/Zuschauer von Interviews hören. Also wird seither penetrant gefragt: "Was fühlen Sie gerade?" - nachdem ein siegreicher Autofahrer verschwitzt und müde aus dem Cockpit geklettert ist. Auch ein Pimpf, der bei "Jugend musiziert" einen ersten Bundespreis erzielt hatte, wurde bei einer öffentlichen Veranstaltung der Landesregierung so gefragt.

Der Pimpf konnte die Frage nicht verstehen, antwortete
clever: "Ich habe gerade die Händel-Sonate F-Dur gespielt." -
Gelächter/Beifall beim Publikum, Moderatorin bloßgestellt.

Ohne dass zuvor eine persönliche Beziehung aufgebaut worden wäre (wozu in diesem Metier meist keine Zeit besteht), soll dennoch etwas sehr Persönliches vom Gefragten herausgekitzelt werden. Das ist heikel, dreist, naiv. Der Lohn der Mühe ist entweder Verweigerung beim Gefragten (wie beim Pimpf), oder Standardfloskeln (häufig bei Fußballern direkt nach dem Spiel) - v.a. wenn der Gefragte weiß, dass Millionen zuhören/zuschauen. Jegliche Intimität ist damit verbaut. Sie wäre jedoch nötig, um Gefühle zur Sprache zu bringen. Oft verhindert die Körpersprache der ModeratorInnen zusätzlich Intimität, z.B. flott, ja aggressiv, dem andern vor die Nase geschobenes Mikro.

Auch durch eigenes Verhalten der ModeratorInnen soll die Emotionalität der Hörer/Zuschauer angestachelt werden. Das lässt sich trainieren. Man kann sich vornehmen, in bestimmten Abständen Auskunft über die eigene Befindlichkeit einzustreuen - "Huch, jetzt wirds aber spannend!" - Das kann oberlehrerhaft wirken: Direkt zur Sprache gebrachte eigene Gefühle (ob echt oder simuliert) garantieren nicht, dass andere die selben Gefühle spüren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Hörer/Zuhörer angeödet sind, ist dagegen hoch.

Das Gegenmodell: durch kompetente Beschreibung des Sachverhalts, um den es geht (Musikdarbietung, Sportereignis, Herz-OP usw.), Erläuterung für Nicht-Fachleute, unterstützt durch passende Hilfen (Zeitlupe o.ä.), entsteht von alleine eine Gefühlsreaktion der Hörer/Zuhörer. Man muss nicht ständig über Gefühle reden. [NB. aus diesem Grund wirbt die Alternativ-Grammatik ja auch für die Kompetenz, Texte sorgfältig beschreiben zu können. Mit Standardgrammatiken geht das nicht.] Der Umweg über Beschreibungen lässt ein genaues Bild des 'Objekts' (reales Bild, Musikstück, auch ein Fußballspiel, Text, Schauspiel usw.) vor dem inneren Auge des Addressaten entstehen. Je besser die Beschreibung, desto sicherer folgen Gefühlsreaktionen im Schlepptau.

6.7 Bewerbungen

Netter Zufall: Ziff. 6.6 war geschrieben, als auf SPIEGEL-online am selben Tag (Nov. 2012) ein Betrag zum Thema "Bewerbungsschreiben" zu lesen war. Tendenz genau die selbe. Wer sich bewirbt, solle sich in die Lage von Personalern versetzen, solle alles Gefühls-Gedöns beiseite lassen, denn damit könnten die Adressaten nichts anfangen. Die wissen, dass jeder Bewerber sich gern als den einzig möglichen hochjubelt. Fakten sind von Interesse. Auszug:

Feuerwerk, das einfach nicht zündet
Nach einem langen Tag der Beschäftigung mit rhetorischem
Bewerbefeuerwerk, das einfach nicht zünden will, kommt
Sonja zum Schluss, dass Jobsuchende und ihre Berater
sich gewöhnlich um zwei Fragen drücken: Für wen schreibst
du? In welchem Rahmen?
Jobanbieter tun ihren Job. Wenn sie ihn gut machen,
besteht er keinesfalls darin, sich über ein hohes
Interesse zu freuen, Fanbotschaften abzunicken,
Ergebenheitsadressen huldvoll entgegen zu nehmen,
die korrekte Motivation für den Jobwunsch zu
prüfen, sich von Werbebotschaften verführen oder
sich gar von gewieften Einschmeichlern um den
(Damen-) Bart streichen zu lassen. Die Damen und
Herren vom Rekrutierungsfach erwarten nichts weiter,
als knapp, nüchtern und präzise über eine
besondere Jobeignung informiert werden. Bewerben
heißt, eine Entscheidungsvorlage abzugeben.
Ein geübter Personaler blendet konsequent das gesamte
Bewerber-Blabla aus, vor allem die beliebten Augenfänger,
Appelle, Allgemeinplätze, Beteuerungen, Bitten,
Bezugsfindungen, Ich-bin-Botschaften, Überredungsver-
suche und Wie-gut-dass-es-Sie-gibt-Seufzer. Wieso sollte
er sich davon auch ablenken lassen? Was immer die Berufs-
texter an Eingeölt-Hölzernem drechseln: Es kommt nicht
an.

Bitte keine klassischen Briefe mehr!
Klar ist doch auch: Wo Fachleute in Datenbanken einge-
speiste Bewerbungen verarbeiten, braucht es keinen
Bezug, keinen Kontext, keine Einleitung und keinen
ausgetüftelten Attention-Getter. Jobanbieter sind
hungrig nach Jobeignung. Sie haben null Zeit
und wollen nur über Sachverhalte instruiert werden.
Sie werden aber zu jeder Zeit mit inhaltsfreien Bot-
schaften bombardiert.
Wozu also ein Brief? Gebraucht wird ein Briefing. Das
perfekte Anschreiben von heute folgt nicht den bewähr-
ten Vorschriften und Mustern papierener Korrespondenz.
Es missachtet sie komplett. Damit ein Anschreiben per-
fekt passt, braucht übrigens auch kein Bewerber perfekt
tun. Es soll seinen Job perfekt erfüllen. Bewerben
heißt zuarbeiten:
   Umstandslos mit dem (aus der Sicht des Personalers)
   stärksten Argument starten. Ungerührt aufzählen:
   Job- und Lernleistungen. Schwerpunkte. Abschlüsse.
   Besondere Verdienste. Wissen und Können. Referenz-
   personen, die einem die für den Job erforderlichen
   Qualitäten  bestätigen. Starke Verben verwenden.
   Sich auf konkrete Hauptwörter beschränken. Vertrauen
   bildet nur, was Fakt ist.
   Alle Ich-bin-Aussagen streichen und durch
   Ich-habe-gemacht-Statements ersetzen.
Sonja schwört sich am Ende: Gelobt und getextet sei, was
mich stark macht. Darum startet sie so:
   "Bereits während meines mit 1,0 absolvierten Master-
   studiums Wirtschaftsrecht an der Universität Irgendwo
   habe ich Assistenzfunktionen für die Geschäftsleitung
   des Berliner Startups Laws & Ordnung GbR übernommen.
   Insbesondere habe ich die Gesellschaftsgründung ju-
   ristisch vorbereitet, die allgemeinen Geschäftsbe-
   dingungen ausgearbeitet, eine Patentanmeldung verfolgt
   und durchgesetzt und die gesamte interne Rechtsbera-
   tung geleistet." 
Zu arrogant, zu nüchtern? Ach was. Perfekt!

6.8 Musik - und die Unfähigkeit zu Sprechen

Musik - gehört oder selbst ausgeübt - führt zu einem emotionalen "Gleichklang" der Beteiligten. Der lässt sich sogar messen und via Diagramm sichtbar machen - wenn man die aufwändige Apparatur dazu hat: Hirnströme etwa von Ensemblemitgliedern werden während des Spiels nahezu identisch, wodurch ein starkes Gemeinschaftsgefühl entsteht. Aber auch ohne Technik: Wer sich auf ein kunstvolles Werk hörend einlässt, wird in die selbe Gefühlsentwicklung hineingezogen, die der Komponist beim Schaffen des Werks durchlebte und vor Augen hatte. Dadurch wird meine emotionale Verfassung, mit der ich in den Konzertsaal gegangen war, möglicherweise heftig provoziert, es wird erlebt, dass auch andere innere Gestimmtheiten möglich sind. Da man sich nicht einfach entziehen kann, werden Lerneffekte bei mir provoziert - bis dahin, dass man den Konzertsaal u.U. als innerlich Umgekrempelter wieder verlässt.

Werden Profi-Musiker zu einzelnen Werken oder ihrer Tätigkeit befragt, kann es sein, dass sie unfähig sind zu beschreiben, was bei der Realisierung eines Werks abläuft. Wenn dann noch eine - verbreitete - Scheu hinzukommt, über eigene Gefühle, Empfindungen zu sprechen (also nicht nur über Analysen eines Werks), ist das Ergebnis - grammatisch betrachtet - Unsinn auf der Ebene der Wortbedeutung. Der muss dann weitergeleitet werden zur Pragmatik um herauszufinden, was der Profi eigentlich sagen wollte.

Bezogen auf J. S. Bach äußerte ein Chorleiter, dessen
Musik sei relativ objektiv. Eine solch haarsträubende
Aussage (in sich paradox) muss wohl so betrachtet
werden:
- objektiv/1 - kann heißen und gemeint sein als:
  "über jede Kritik erhaben", "alle Menschen ansprechend",
  "für alle wichtig" - im Grund auf musikalischer Ebene
  das "Evangelium".
- objektiv/2 gilt als Inbegriff von "Richtigkeit und
  Wahrheit", als höchste Wertung, die nichts mit dem Ein-
  fluss eines Subjekts zu tun hat. - Allerdings stam-
  men die Werke Bachs von eben diesem Subjekt, auch
  die Ausführenden sind lauter Subjekte. Daher:
- relativ lässt das Wissen erkennen: so ganz losgelöst
  von menschlicher Mitwirkung existieren die Kompositionen
  doch nicht. Aber kann/soll man die Beteiligung der Men-
  schen möglichst auf ein Mindestmaß reduzieren - nur um
  die objektiv-Aussage doch noch irgendwie zu retten?
- die Äußerung befreit den Chorleiter davon,
  eigenes Erleben und Gefühle zu artikulieren, erlaubt
  es ihm, sich selbst als Musik-ausübendes Subjekt zu
  verstecken.
- Es könnte darin eine Rechtfertigung für die Konzentra-
  tion auf Bach liegen und zugleich eine Abwehr, sich
  mit gleicher Intensität mit Werken der auf Bach folgen-
  den 250 Jahre zu beschäftigen.
  Vielleicht offenbart der Chorleiter für diesen Bereich,
  erst recht für die Moderne, seine Inkompetenz - das
  wäre der Beitrag der Implikationen, vgl. [5]
  - wenn es dafür Anhaltspunkte gibt (z.B. Wie sieht das
  übrige Repertoire des Chorleiters aus?).
Die fünf Punkte sind alles schon pragmatische kritische
Analysen, solche, die die gemeinte Bedeutung und die in
ihr sichtbar werdenden Sprechstrategien in den Blick nehmen: 
Es will einer seine Faszination über Bachs Werk ausdrücken -
kann es aber allgemeinverständlich nicht. Stattdessen baut er
einen Objektivitäts-Popanz auf. 
Wer sich dennoch nicht das Denken und den Mund verbieten
lassen will, muss zunächst die Kombination der beiden Wörter
durchschauen. (N.B. Es wäre ein Leichtes, zur vorgetragenen
Position Gegenakzente  zu setzen:
=> Bachs musikalische Meisterschaft steht nicht in der
   Diskussion.
   Sehr wohl aber, dass heute in vielen Gemeinden das
   'musikalische Heil' grundsätzlich in der 1. Hälfte des
   18. Jahrhunderts gesucht wird;
=> Es ist geradezu albern betonen zu müssen, dass vor und
   nach Bach - bis in die aktuelle Gegenwart - genügend
   Musikwerke existieren, die die Menschen ansprechen;
=> Das Problem ist also nicht Bach, sondern das anti-
   quierte Auswahlverfahren heute, die Verdrängung 
   dessen, was das heutige Lebensgefühl in Töne umsetzt.
   Dadurch wird Kirchenmusik museal.
=> Das Problem sind auch Musiker, die die Gefühlsexpres-
   sion heute in der aktuellen Musiksprache nicht
   beherrschen, auch nicht die Gefühlsexpression in na-
   türlicher Sprache.)

6.9 Trauerfeier

Vgl. [6] S.273

7. Kundgabe via körpersprachliche Signale

Um erkannt zu werden, müssen Gefühle nicht verbalisiert werden. Wie jede/r weiß - dennoch sollte man sich explizit mal damit beschäftigen - gibt es vielfältige Gesten, Signale der Mimik, Bewegungsabläufe des ganzen Körpers, die die Gefühlslage ausdrücken, kundgeben. Dieses sprachliche Medium hat gegenüber der Wortebene den entscheidenden Vorteil, dass es echter und zuverlässiger ist. Zwar gibt es einstudierte Theatralik. Meist jedoch gibt körperliches Verhalten einen direkten Durchblick auf die tatsächliche Gefühlslage - und möglicherweise widersprechen dem die gleichzeitig geäusserten Worte. - Dies sei angedeutet, damit es nicht übersehen wird, ist dann aber Aufgabenfeld der Pragmatik. Vgl. 4.128 Selbstwiderspruch, geistig-körperliche Stimmigkeit

7.1 AfD und Talkshows

Wer mit Bernd Lucke in einer Talkshow sitzt, sollte auf
dessen Oberlippe achten. Solange es um Sachfragen geht
wie den Euro, liegt sie freundlich entspannt über den
Zähnen. Mit Eloquenz und Sachverstand trägt der Vorsitzende
der AFD seine Punkte vor, entfernt erinnert er an Alfred E.
Neumann aus den MAD-Heftchen, und das ist gar nicht mal
unsympathisch. Kommt die Runde jedoch auf den Charakter
seiner Partei zu sprechen, zieht sich Luckes Lippe streng
und straff, sie fängt an, hochfrequent zu zittern. Hat
er dann das Wort, wird er laut, nicht selten sogar grob.
    In diesen Momenten geht es um Deutungshoheit: Was ist
die AfD?
Kurzlebige Protestpartei oder eine neue politische Kraft?
Wer nach einem angemessenen Umgang mit dem vollmundigen
Anspruch sucht, den die Alternative für Deutschland im
Namen trägt, muss die Frage beantworten. 

(Nikolaus Blome in SPIEGEL 38/2014)

7.2 Tätlichkeit

Vgl. [7] S.192

7.3 Alte seelische Verletzung (=Trauma)

Vgl. [8] S.198-208f - mit dem Effekt, dass der Betroffene nicht zu Sprechen fähig/bereit ist: NI, vgl. [9]


8. Einzelsprache: Schwäbisch

8.1 Vergangenheit

Die oben eingeführte semantische Deutung verschiedener Vergangenheitsformen nach Vordergrund - Hintergrund hat auch schon völlig korrekt Eingang in die Beschreibung des Dialekts gefunden: Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.158:

"Das Präteritum, also die klassische Erzählvergangen-
heitsform - Beispiel: Ich sagte - klingt für einen
südwestdeutschen Dialektsprecher, als ob das Gesagte
nichts mit seinem Leben zu tun hätte. Das ist ganz
einfach zu vage, lieber geht man davon aus, dass
etwas vollendet ist, von einer Tatsache.
Hier zeigt sich im schwäbischen Dialekt ein boden-
ständiger Realitätssinn. Im schwäbischen-alemanni-
schen Sprachraum wird deshalb zum Berichten der
Vergangenheit fast ausschließlich das Perfekt
(lat. 'vollendet') verwendet, wie zum Beispiel:
'I han gsait' - Ich habe gesagt"

(Die lästige Fixierung auf "vollendet" wirkt zwar immer noch nach. Im Kontrast zur - richtigen - Beschreibung des "Präteritums" könnte man aber sagen: "Perfekt" signalisiert, dass das Vergangene immer noch mit meiner Gegenwart zu tun hat, es ist weiterhin relevant, wichtig, muss in die Überlegungen einfließen. Die Anerkennung als "Tatsache" bedeutet, dass ich mich ihr jetzt immer noch stellen muss. Dagegen würde das "Imperfekt" ein Loslassen, irgendwie auch ein Desinteresse anzeigen. Unter Sprechakt-Gesichtspunkten bedeuten die beiden Begriffe also genau das Gegenteil von dem, was der Wortsinn zunächst herzugeben scheint.)


9. "explizit-performativ" - verbindliches Sprechen in der Gegenwart

Vgl. die Erläuterung am Ende von 4.092 Alternativ: Sprechhandlungen / Sprechakte - wo und wie bindet sich ein Sprecher-Ich im Moment seines Redens explizit an das, was er gerade sagt?