4.092 Alternativ: Sprechhandlungen / Sprechakte

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Unter 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte wurde die Standardsicht zu den "Sprechakten" dargelegt. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn die Beachtung dieses wichtigen, aber eigentlich nicht sonderlich komplizierten Gesichtspunktes auch bei Schulgrammatiken Standard würde.

Aber alles kann man verbessern. Was im aktuellen Modul folgt, ist zunächst lediglich als "Zugabe", als "Gedankenanstoß" gedacht, ein bisschen Stoff für Tüftler.

Der Vorschlag lautet, man solle es mit einer neuen Dreiteilung versuchen, nämlich den Sprechakten: INFORMIEREN - ERWÄGEN - ERZÄHLEN. Erläuterungen und Beispiele im PDF-Text. Bemühungen speziell um die Gesprächsbeziehung kann man weiterhin als "phatisch" benennen.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Wechsel zwischen den drei Sprechakten

Ein Absatz aus H. Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Auflage, Berlin 2012, S. 277f, regt zum Nachdenken an:

Und während er mit diesen und anderen Aufträgen vollauf       ERZÄHLEN
schäftigt war, dachte er:                                        "
Sie hat mich gleich gesehen, und sie hat auch sofort ge-      INFORMIEREN 
sehen, dass ich einen Koffer mit habe.                           " 
Dass ich ihn in die Stube setzen durfte, ist eigentlich          "
ein gutes Zeichen.                                               " 
Aber sicher wird sie mich erst ausfragen, sie nimmt alles      ERWÄGEN
so schrecklich genau. Aber ich werde ihr schon irgendeine        "
Geschichte erzählen.                                             " 
  Und dieser Mann um die Fünfzig, dieser alte gewordene
Herumtreiber, Nichtstuer und Weiberheld betete wie ein         ERZÄHLEN   
Schulkind: Ach lieber Gott, lass mich doch noch einmal         ERWÄGEN = Kundgabe der aktuellen 
Glück haben, nur diese einzige Mal noch! Ich will auch ganz      "       Hoffungen, Vorsätze,
bestimmt ein anderes Leben anfangen, nur mach, dass mich         "       Bitten
die Hete aufnimmt!                                               "    
   So betete, bettelte er. Und dabei wünschte er doch, ...     ERZÄHLEN

In die Analyse sind auch schon Vorgriffe auf die PRAGMATIK hereingenommen. Interessant ist, dass man mit den vorgeschlagenen drei Begriffen gut durchkommt.

0.2 Elendes "Perfekt"

Sorry für das wertende Adjektiv. Aber es gibt Fragestellungen, die allmählich anöden. Also, was ist ein "Perfekt"? - In Etappen:

  1. Das "Perfekt" ist nicht eine äusserlich erkennbare Konjugationsart beim Verb. Wäre dem so, dann bräuchte man dafür keine lateinische Bezeichnung, die die Vorstellung von etwas Abgeschlossenem weckt. Wer nur die äußere Seite beschreiben will, muss sich stattdessen etwas einfallen lassen im Sinn von: Hilfsverb + ge-Stamm-Endung - hat ge-/kauf/-t
  2. Mit "Perfekt" verhält es sich umgekehrt: weil ein Verb in der angedeuteten Weise verwendet wird, ist damit - nun auf Bedeutungsebene - die Vorstellung von etwas Abgeschlossenem verbunden. - Die Frage ist nur: Was ist abgeschlossen?
  3. Weil man bis in jüngere Zeit Sprechakte nicht in Betracht zog, konnte man das "perfectum = abgeschlossen" nur auf den vergangenen Sachverhalt beziehen. "Der schiefe Turm ist umgefallen." - Da liegt er nun. Was soll dann aber die Formulierung: "Der schiefe Turm fiel um" ? - Dieser Turm liegt nämlich nun auch - alles in Gedanken natürlich. Wo ist also der Unterschied? Der Sachverhalt ist der selbe. Aber sprachlich ist unterschiedlich davon die Rede. Auf kommunikativer Ebene muss der Unterschied liegen, nicht im Sachverhaltlichen.
  4. Betrachtet man das Abgeschlossensein des Sachverhaltes, von dem die Rede ist, kommt man auf keinen grünen Zweig, selbst wenn man versucht, 'das Gras wachsen zu hören'.
  5. Mit der überfälligen Einführung der Kategorie Sprechakt eröffnet sich eine bessere Möglichkeit: Das "Perfekt" beschreibt zwar auch vergangene Sachverhalte - insofern weiterhin kein Unterschied zum Erzähltempus. Aber die Art, wie davon gesprochen wird, ist anders: Das Ende des vergangenen Sachverhalts wird hervorgehoben. Damit wird er als solcher, als einzelner betont. Diese Akzentuierung eignet sich sehr gut, wenn informiert, berichtet werden soll.
  6. Dagegen Erzählen: Warum pflegte man da zu sagen, es werde das Imperfekt genommen? Mit Blick auf den erzählten Sachverhalt ist der Begriff falsch - s.o. zum "schiefen Turm", der in beiden Fällen definitiv am Boden liegt. Aber meine Sprechweise ist beim Erzähltempus anders: "Imperfekt" ist nicht der Sachverhalt, aber ich signalisiere: das, wovon ich rede, ist Teil eines größeren Ganzen, da kommt noch einiges. Den aktuellen vergangenen Sachverhalt nenne ich quasi als Durchgangsstadium. Der ganze Erzählzusammenhang wird wichtig sein, nicht schon jede einzelne Etappe.

0.3 Verlängerung in die Pragmatik hinein

Die drei Typen von Sprechhandlungen - INFORMIEREN / ERZÄHLEN / ERWÄGEN - sollen aktuell den jeweiligen Einzelsatz in seiner Wortbedeutung beschreiben.

Man kann damit auch in der PRAGMATIK arbeiten, also bei ganzen Texten. Zunächst wird man die Erfahrung machen: Wenn die bisherige Sicht auf alle ÄEen eines Textes angewendet wird, kann man sehen, dass die Sprechakte des Textes nicht sortenrein vorkommen, sondern gemischt. Man muss sich einen Gesamteindruck verschaffen: Welcher Sprechhandlungstyp dominiert? Und entsprechend kommt man zu einer Gesamtcharakterisierung des Textes. Das sei hier ein wenig durchgespielt:

  1. INFORMIEREN würde - wenn (nahezu) ausschließlich im Text vorkommend - aus diesem einen lupenreinen BERICHT machen: Um Präzision bemüht (bei Ort/Zeit, Benennung und Beschreibung der Akteure, unter Wegfall von Modalitäten, Übertragenem Sprachgebrauch, kein Spannungsbogen, Humor u.ä.). Die Leser hätten jederzeit die Chance, die Einzelaussagen zu überprüfen, wären nicht auf einen vermittelnden Schreiber angewiesen. Und wo Informationen fehlen, benennt der Schreiber diese Lücken. Idealbeispiele: Polizeibericht, Protokoll.
  2. ERZÄHLEN wäre im Ton entspannter, unpräzis bei der Schilderung von Ort/Zeit/Akteuren, dagegen würde man 'Lust' an der Erzählweise, an der Struktur des Textes, seinen einzelnen Effekten verspüren. Für diesen 'Erzählton' - so müsste man annehmen - werden alle notwendigen Informationen genannt, der Text und seine fiktionale Welt bilden also ein Ganzes, aber dabei kann dennoch vieles sachverhaltlich im Dunkeln bleiben, nicht nachprüfbar sein. Ein Sachverhalts-/Handlungsgerüst bleibt wichtig, ist aber letztlich eher 'Vorwand': stärker ist nun die "Lust am Text" (Buchtitel von Roland Barthes).
  3. ERWÄGEN liegt auf Textebene dann vor, wenn geistige Innenwelten - von Textakteuren oder des Schreibers - dominierend im Vordergrund stehen: die Frage nach den Erkenntnismöglichkeiten, wie man sich entscheiden soll, wie dieses oder jenes zu bewerten ist, wie flankierende Informationen hinzupassen, welche Erwartung wachgerufen sind - dabei auch Gefühle (Hoffnungen, Ängste, Liebe usw.), Besinnung auf das Ich im Verhältnis zu seiner Umwelt usw. - So einen Text könnte man als Essay bezeichnen, sollte aber beachten, dass unsere Definition ganz auf den genannten semantischen/kommunikativen Funktionen basiert. Anders gesagt: Mit diesen Funktionen - aber gestaltet in gebundener Form - könnte man auch ein Gedicht erfassen (im Standardverständnis wäre das kein 'Essay'; bei unserer eigenen Definition jedoch durchaus, wobei die Eigenständigkeit der Gestaltung - zusätzlich - berücksichtigt wird. Zusätzlich: ein Prosa-Essay wird sich um logische Schlüssigkeit bemühen im Rahmen seiner 'Innenwelt'-Erkundung; ein Gedicht dagegen wird viel stärker mit der Sprache spielen, Assoziationen (Implikationen/Präsuppositionen) wecken, also die Leser aktivieren).

0.4 Sportberichterstattung weiß auch Bescheid

Aus SPIEGEL-online (27.10.2013). Erläuterungen mit Ausgriffen in die PRAGMATIK:

"Tatsächlich scheiterte Boateng mit seinem mäßig ausgeführten Strafstoß und schuf damit eine Szene, die die Schalker zum Schlüsselmoment des Nachmittags erklärten, als ihre 1:3-Niederlage im 143. Revierderby amtlich war.

4x ERZÄHLEN. Damit es aber nicht zu locker wird, werden
zusätzlich Pflöcke eingehauen:
"tatsächlich" und "amtlich". Durch sie wird der Infor-
mationsgehalt, der durch ERZÄHLEN ohnehin schon behauptet
wird, noch strenger betont. Daher liegt pragmatisch
ein INFORMIEREN vor: Genau so war es! Abgrenzung zuvor
mit negiertem "scheitern". Das wäre ERWÄGEN gewesen,
aber das gilt ja gerade nicht.

Wenn diese Chance nicht verschwendet worden wäre, 'kann das Spiel ganz anders ausgehen', sagte beispielsweise Dennis Aogo, Schalkes Manager Horst Heldt formulierte ganz ähnliche Überlegungen, was im Nachhinein natürlich niemand widerlegen kann. Der Konjunktiv ist ein beliebter Fluchtort für Verlierer.

Der Berichterstatter selbst gibt ja schon den nötigen
Hinweis. 'Konjunktiv' = ERWÄGEN.
Pragmatisch zusätzlich: direkte Rede; Nominal
("Überlegungen") - und Verbal("sagen, formulieren,
widerlegen") - Bedeutungen zeigen ein geistiges Ringen an. 
"verschwenden" meint eine negative Wertung. Ebenso
"Fluchtort für Verlierer" als Metapher. "kann" ist
Register IMAGINATION - eine Denkmöglichkeit, Hypothese.
- Nichts bleibt in dieser Passage übrig, das sicher
informieren würde.

Viel wahrscheinlicher ist, dass der BVB trotzdem gewonnen hätte. Dass die Mannschaft von Jürgen Klopp einfach das Tempo erhöht, und noch ein paar Tore mehr erzielt hätte. Der BVB ist eben einfach besser, als Summe von Einzelspielern, als Kollektiv, auf allen Ebenen.

Das vorige ERWÄGEN alternativ weitergeführt. Die Verb-
bedeutungen - pragmatisch durchleuchtet - bewegen
sich alle im Bereich der Modalitäten.

0.5 Kirchen/Theologie: allzu häufig "Bericht"

Die literarische Gattung "Bericht" verbindet man gern mit unserem Sprechakt INFORMIEREN. berichtet - möglichst mit Protokoll - wird sehr vieles heutzutage, nicht nur bei der Polizei, auch in der Medizin, nach Konferenzen - immer wird möglichst präzis festgehalten, was der Fall gewesen war - auf dass man später darauf zurückgreifen und die Meinungsbildung weitertreiben kann. Gar nicht passend ist bei "Bericht" phantasievolles Ausschmücken, womöglich nicht-überprüfbare Behauptungen; und Poesie hat 'außen vor' zu bleiben. Es geht nicht darum, Mutmaßungen anzustellen ("ERWÄGEN"), auch nicht darum, zukünftige Leser gekonnt zu unterhalten ("ERZÄHLEN").

Mit Kenntnis der entsprechenden neutestamentlichen Texte wundert man sich, wie breit in Kirchen/Theologie sich die Gattungsbezeichnung "Bericht" eingebürgert hat. Standard ist, dass gesprochen wird von

  • Wunderberichten
  • Passionsberichten
  • Einsetzungsbericht
  • Auferstehungsberichten

Würde man besser auf die Texte eingehen, müsste jeweils von Erzählungen gesprochen werden. Warum tut man dies nicht? Hinter solchen Verdrehungen müssen ja handfeste Interessen stehen. Ist man theologischerseits zu unsensibel für verschiedene literarische Gattungen? Oder soll gezielt das Denken der Gläubigen in Richtung 'objektive Richtigkeit, Sachaussage' gelenkt werden? Und hat man nicht verstanden, dass WORTBEDEUTUNG und GEMEINTE BEDEUTUNG zusammenwirken können, also SEMANTIK und PRAGMATIK? Konkret: Was als freundliche, gedankenanregende, fiktionale Erzählung daherkommt, kann sehr wohl wichtige existenzielle Anstöße geben - dazu braucht es keine verbürgte 'sachliche' Berichterstattung.

1. ERWÄGEN

1.1 Höchste Wertung durch Selbstlob

Ein literarischer Fund, der allenfalls indirekt zum Thema passt. Die sprechende "Frau Torheit" reflektiert darüber, dass sie eigentlich nur selbst geeignet ist, sich zu präsentieren. - N.B.: Manche vorgreifende pragmatische Kritik/Dekonstruktion schon vorausgesetzt.

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede.
Übersetzt von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907.  Stuttgart 2010. 
(8) Wer könnte mich besser darstellen, als ich selbst?
Bin ich doch keinem besser vertraut als mir selbst! Das
ist doch viel bescheidener als der gemeine Brauch der
Ehrenmänner und Weisen, die sich meistens aus falscher
Scham gegen Geld einen Lobhudler oder Reimschmied
bestellen, um von ihm unter dreisten Lügen ihr Lob zu
vernehmen. Und dann schlägt der Biedermann doch auch
nach Pfauenart ein Rad, und der Kamm schwillt ihm,
wenn der unverschämte Lobhudler den Nichtsnutz zu
einem Gott macht, wenn er ihn als höchstes Muster aller
Tugend hinstellt, von dem er sich doch selbst meilenweit
entfernt weiß, wenn er seine Helmzier mit fremden Fe-
dern schmückt, wenn er eine Mohrenwäsche und geradewegs
aus der Mücke einen Elefanten macht.

2. INFORMIEREN

2.1 ... unter heutigen Bedingungen

Vgl. [1] - darin die Zitate von den Buchseiten 300-311

2.2

3. ERZÄHLEN

3.1 Sehen / Hören beim Erzählen

aus Rafik Schami, Erzähler der Nacht. Weinheim Basel 1989. S. 142f:

"Tuma hatte eine Angewohnheit, die keiner seiner Freunde
verstehen konnte. Wenn jemand anfing zu erzählen, setzte
er seine Brille auf, die er sonst nur morgens bei der
Zeitungslektüre gebraucht hatte. Als Faris sich wieder
einmal darüber lustig machte, jammerte Tuma: 'Okay, du
kannst es nicht verstehen, aber ich kann nicht gut hören,
wenn ich die Brille nicht aufsetze. Ich muss die Augen und
die Hände des Erzählers sehen.'"