4.093 Sprechakt mit Selbstverpflichtung

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Reden, schreiben kann man Vieles. Man kann dabei auch lügen, fantasieren, andere hinters Licht führen. All das kann entweder lustig, kreativ sein, oder auf der anderen Seite gar kriminell.

Es gibt jedoch Akte, Situationen im menschlichen Leben, wo eine ausreichende Portion Ernsthaftigkeit erwartet und gefordert wird. Bei solchen Weichenstellungen möchte die Gesellschaft davon ausgehen können, dass der/die SprecherIn es ernst meint, 'zu den Worten steht', also in Zukunft verlässlich und berechenbar handeln wird.

Eine Zeugenvernehmung  vor Gericht kann "vereidigt" werden.
Ein Kaufvertrag bedarf einer Unterschrift, die Beantragung
eines Visums der Vorlage des Reisepasses.
Bei der Hochzeit muss das "Ja" unter Zeugen gesprochen
werden.

Eine solche Art zu reden kann aber auch nur wieder verbal vorgetragen werden, allenfalls unterstützt durch Zeugen, durch Begleitakte, die das Gesagte unterstreichen sollen. Insgesamt haftet einer solchen Art zu sprechen etwas Feierliches an. Immer sollen die Begleithandlungen das herbeizwingen, was Sprache eigentlich nie leisten kann: eine feste Verbindung zwischen Gesprochenem und sogenannter Wirklichkeit herzustellen. Was gesprochen wird, soll gelten, ein Faktum sein.


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0. Zur Theorie

0.1 Wie immer: Zweierlei unterscheiden

Wenn von "Sprechakt mit Selbstverpflichtung" die Rede ist, wird offenkundig ein Sprechen angepeilt, dessen Intention eine ganz eigene, nicht selbstverständliche ist: der Sprecher flunkert nicht etwas daher, sondern er bindet seine eigene Existenz und Lebenssituation an das Gesagte. Was zur Folge hat: Sollten die Worte sich als falsch erweisen, hätte das direkte Rückwirkungen auf das Leben des Sprechers - das wird sehenden Auges zugestanden.

Dieser Aspekt zielt also auf die innere Einstellung
beim Sprechen. Kontrolliert sehen/wahrnehmen kann ein
anderer sie zunächst nicht. 

Zweifellos gibt es äußere, standardisierte Signale, über die man anderen mitteilen kann, dass der genannte, besondere Sprechakt vorliegt. "(Eides-, Beteuerungs-) Formeln" gehören dazu, das "Ich" muss thematisiert sein, die Aussage gilt für die aktuelle "Gegenwart", und dabei wird das Sprechen selbst besprochen: "Hiermit gebe ich allen kund und zu wissen, dass ..." - der Sprecher spricht von seinem aktuellen Sprechen.

Ein weiteres Mal haben wir es mit dem Zueinander der beiden Ebenen zu tun: Außen + Innen = Ausdruck + Bedeutung. Gern würde man hinzufügen, dass "Bedeutung" nur in ihrem Wortsinn zugelassen ist, also keine poetische Mehrdeutigkeiten zugelassen sind - die wären ja auch eine Möglichkeit, dass der Sprecher doch wieder entzieht, die Auslegung anderen überlässt.

Aber genaugenommen passt das nicht immer. Sobald z.B.
<<GOTT>> über einen formelhaften Ausdruck einbezogen
ist, mag die Aussage zwar im Wortsinn gedacht sein,
faktisch liegt aber doch übertragene Bedeutung vor.
Vgl. [1]
Die Ebene der "gemeinten Bedeutung" durchzieht unser
Sprechen dichter als nur via gelegentliche Metafern u.ä.   

Folgerung: "Sprechakt mit Selbstverpflichtung" kann höchstwahrscheinlich in recht vielfältiger Form realisiert werden. Man sollte die Sprachbeschreibung nicht zu sehr einengen, indem man nur nach einigen Standard-Merkmalen der Ausdrucksseite schaut.

1. Selbstverpflichtung kann scheitern

1.1 Jan Hus und der deutsche Kaiser Sigismund

Der tschechische Reformator sollte zum Konzil von Konstanz kommen.

"Als Sicherheitsgarantie verlangte er aber vom rö-
misch-deutschen König Geleitschutz, den Sigismund von
Luxemburg am 18. Oktober 1414 dem 'ehrenwerten Magi-
ster Johannes Hus ... der demnächst vom Königreich
Böhmen zum allgemeinen Konzil ... reist' auch ge-
währte. Bei Hussens Abreise aus Prag lag dieser Ge-
leitbrief also noch nicht vor, er erreicht Hus erst
nach seinem Eintreffen in Konstanz. Im Geleitbrief
selbst wandte sich der römisch-deutsche König an sämt-
liche geistlichen und weltlichen Stände - von den
Fürsten über Grafen bis hin zu Ratsherren und Gemein-
devorstehern - in allen Orten des Heiligen Römischen
Reiches und gebot diesen, Hus 'freundlich aufzunehmen
und höflich zu behandeln'. Ferner wurde den Empfän-
gern des Schreibens auferlegt, 'ihm [also Hus] auf
jede Weise behilflich zu sein, in allem, was seine
Reise nicht nur erleichtern, sondern auch jegliche
Beschwer von ihm fernhalten könnte [...]. Sodann for-
dern wir von euch: dass ihr ihn mit Dienern, Pferden
und seiner gesamten Habe durch Gebirgspässe, Häfen,
über Brücken, durch Länder, Herrschaftsgebiete, Gaue,
Gerichtsbezirke, Städte, Marktflecken, vorbei an
Wachtburgen - außerdem allerorten von jeglicher Geld-
zahlung, ebenso von Zoll- und Steuergebühren befreit -
sowohl sicher und völlig unbehindert durchreisen,
wohnen oder verweilen als auch vollkommen freizügig
zurückkehren lasset. ..."
   (aus: Th. Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer.
         Persönlichkeit und Geschichte 170. Gleichen.Zürich 2011. S. 148)
         

Der Geleitbrief selbst ist der protokollarische und feierliche Akt, der uns interessiert, darin die Gegenwartsaussage: "fordern wir". Was gefordert wird, liegt naturgemäß in der Zukunft. Aber entscheidend ist, dass der König in der Gegenwart deklariert und feierlich nach außen als gültig verkündet [nun erst folgen die Inhalte]. Nur hatte alle feierliche, auf Papier mit Siegel festgehaltene Selbstverpflichtung des Königs keinen Wert: Hus wurde Mitte 1415 in Konstanz verbrannt.

2. Beten

Man kann versuchen, diese Art der Sprachverwendung im Sinn von [2] zu charakterisieren. Formeln können im Spiel sein, müssen es aber nicht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch sind die genannten Merkmale für "Sprechakt mit Selbstverpflichtung" im Spiel:

  • das "Ich" spricht für sich selbst (auch wenn es sich chorisch artikuliert),
  • was es spricht, hat Geltung aus der aktuellen "Gegenwart" = Lebenssituation heraus
  • Das Ich verzichtet auf jedes Räsonnieren / Erwägen von Sachverhalten, verzichtet erst recht auf Streitgespräche über den richtigen Weg, sondern trägt seine Hoffnungen, Bedürfnisse dem ungreifbaren Partner vor - das kommt einem jetzt, hiermit geltenden Sich-Ausliefern gleich und schließt ein das jetzige Akzeptieren dessen, was kommen mag.

2.1 Rede des Friedenspreisträgers Kermani

Vgl. [3] - nach der Schilderung konkreter Erlebnisse und Vorgänge im derzeit (Ende 2015) chaotischen Syrien - dazu braucht es keinen "Sprechakt mit Selbstverpflichtung", das Geschilderte sollte lediglich zuverlässig recherchiert sein -, folgt im Video etwa ab Minute 47 allmählich das Umschwenken in eine neue Art von "Sprechakt": er wird unterstrichen durch eine andere Körperhaltung - Aufstehen, Hände anders positioniert - und durch Stille, d.h. inneres Sprechen - jede/r nach seiner Art und Weise, ob religiös oder nicht. Aber im Gegensatz zum Vortrag zuvor, wo einer zu einem Auditorium sprach, soll nun jede/r Einzelne für sich die ihm/ihr jetzt wichtigen Wünsche und Hoffnungen artikulieren. Selbstexpression, verbunden mit allen Fasern des eigenen Daseins.