4.0 (Ausdrucks-) SYNTAX, konsequente Abstrahierung vom Bedeutungswissen

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

In der Grammatiktradition wurde das Verständnis von »Syntax« auf »Satzlehre« eingeengt. Um zum »Satz« etwas zu sagen, muss man die Bedeutung der Satzglieder kennen. »Syntax« - im traditionellen Verständnis, wohlgemerkt! - beschäftigte sich also mit der Zusammenstellung von Wörtern, an denen Bedeutungen haften, zu einem Satz.

Diesem Verständnis wird hier ausdrücklich nicht gefolgt! Wir stemmen uns also gegen eine breite Grammatiktradition, können aber in Anspruch nehmen, dass der griechische Begriff nun ganz einfach und transparent verwendet werden kann: SYN-TAX heißt: ZUSAMMEN-STELLUNG - nämlich von Elementen gleicher Art, z.B. Buchstaben. Nicht von 'Äpfeln' und 'Tintenfischen' - sprich: Buchstaben und Bedeutungen.

So verstandene Syntax lässt sich mit zwei anderen Begriffen zusammengespannen, die erst in jüngerer Zeit in Gebrauch kamen (Semantik, Pragmatik). Diese behandeln viel ausführlicher und präziser die Bedeutungsebene, als es in der Syntax alten Zuschnitts möglich und gewollt war. Diese Weichenstellung ist eine wesentliche Triebkraft für das Projekt "Alternativ-Grammatik"! Folglich kann unsere Syntax ein klares, einheitliches Arbeitsfeld bekommen: sorgfältige Beschreibung der Ausdrucksseite der Sprache, Beschreibung also zunächst nur dessen, was physisch fassbar wird - geschrieben oder gehört oder als Flaggenalphabet oder ...

Bitte hier nicht doch noch einen Fluchtweg benutzen und
unter "Ausdruck" z.B. doch wieder die Bedeutungsseite
ansteuern! Das ist dann der Fall, wenn "Ausdruck" nicht
das unmittelbar Wahrnehmbare meint, sondern das
darin zum Ausdruck Kommende, also z.B. Gefühle - somit
doch wieder eine innere, für andere nicht direkt zugängliche,
allenfalls ahnbare Ebene.
Natürlich ist "Ausdruck" in diesem emotionalen Sinn für
die jeweilige Person eine wichtige Schicht. Das ist aber nicht
unsere aktuelle Blickrichtung: Uns interessiert, was über die
Sinne direkt zugänglich, greifbar und beschreibbar ist. Nicht
interessiert jene emotionale Hintergrundschicht.
Bitte im Sprachbild beachten, dass auch dort zwei Etappen
vorgesehen sind:
Ausdruck + das, was damit angezeigt wird, sind zweierlei!
Dieses Was kommt bei uns noch ausführlich genug bei
SEMANTIK und PRAGMATIK zur Sprache. Folglich können wir uns jetzt
eine ganz schlanke SYNTAX leisten, die sich allein auf die
Sinne stützt - befreit von folgernden Mutmaßungen.

Zwischenfazit: SYNTAX ist bei uns nicht mehr Zielebene der Grammatik ('Satzanalyse'), sondern - komplett anders verstanden - Einstiegsebene im Dreischritt SYNTAX - SEMANTIK - PRAGMATIK. Kann man sich in diesem neuen gedanklichen Rahmen bewegen - theoretisch wie praktisch -, geht man weit über die traditionelle Grammatik hinaus: den Bestandteilen eines Textes (nicht lediglich eines 'Satzes'!) - auf Ausdrucks- wie auf Bedeutungsseite - wird man viel schlüssiger gerecht. Man liest aufmerksamer und entdeckt mehr im Text.

Bisherige Grammatik - so die Behauptung - redet zwar häufig von "Ausdruck" oder "Ausdrucksform", überhaupt ist auch der Begriff "Form" als vermeintliches Synonym für "Ausdruck" in inflationärem Gebrauch. Aber dahinter steht meist Selbsttäuschung (und Täuschung anderer): in aller Regel werden dann nicht "Ausdrücke" beschrieben, sondern Bedeutungsfunktionen.

Im Kontrast dazu gönnen wir uns ein Kapitel nur für ernstgenommene "Ausdrücke". Schon dabei lässt sich viel und Wichtiges erkennen. Es braucht keine Hektik zu entstehen (man sei doch an den Inhalten interessiert): Bedeutungsanalyse folgt so ausführlich, wie es in bisherigen Grammatiken nicht üblich war.

Das Überspringen der richtig verstandenen Ausdrucksebene ist so etwas wie eine linguistische Leib-Verachtung - und diese hat in der Geschichte schon viel Unheil angerichtet...

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0. Zur Theorie

0.0 Kein Beitrag zur Rechtschreibdebatte!

Was mit unserer "(Ausdrucks-)SYNTAX" beginnt, übernimmt Texte in der bei ihrer Entstehung gängigen Orthografie, führt dazu keine neuen Regeln/Konventionen ein. Solche vorgegebenen Texte werden nun durch den Dreischritt SYNTAX-SEMANTIK-PRAGMATIK beschrieben, untersucht und interpretiert.

Es ist natürlich, dass die jeweils gültige Rechtschreibpraxis weiter einer kritischen Betrachtung unterliegt. Vgl. als Beispiel [1]. Solche Beiträge nehmen wir zur Kenntnis, haben aber nicht den Anspruch, unsererseits die Diskussion dazu weiterzutreiben.

0.1 "sinnfreie, schwarze Würmchen"

Der Kabarettist Dieter Nuhr bestätigt auf seine Weise, dass die Ausdrucksseite der Sprache klar von der Bedeutungsseite getrennt werden kann. (Aus: D. Nuhr, Der ultimative Ratgeber für alles. Köln 2011. S. 218):

"Hat es heute überhaupt noch Sinn, Texte zu
erstellen? Kann man junge Leute heutzutage mit
einem Buch überhaupt noch erreichen? Sollte
ich dieses Werk nicht lieber auf 140 Zeichen
eindampfen und dann bei Twitter posten? 
Selbstzweifel!
      Selbst wenn Jugendliche dieses Buch
geschenkt bekommen, werden ihnen die vor ihnen
flirrenden Schriftzeichen möglicherweise wie
sinnfreie, schwarze Würmchen erscheinen."

0.11 Musik

SPIEGEL-Interview mit Daniel Barenboim (12/2014), Auszug:

SPIEGEL: Mit welchen Mitteln arbeitet klassische
Musik?
Barenboim: Jedenfalls nicht mit vorrangig
geistigen, obwohl Musik auf die geistigen Mög-
lichkeiten des Menschen zielt. Interessant, nicht?
Musik arbeitet mit Klang. Klang ist nicht geistig,
er ist ein sehr einfaches, rein physisches Mittel.
Klang steht in Beziehung zur Stille. Man muss als
Musiker wissen: Wie fange ich einen Ton an, wie
lange halte ich ihn, wie beende ich ihn? Wie ist
der Übergang zum nächsten Ton?
SPIEGEL: Musik ist nichts anderes als bewegte
Luft?
Barenboim: Bewegung der Luft, ja. Ich denke,
deshalb wirkt sie so intensiv auf Menschen beim
Hören und beim Spielen, weil sie geistig wirkt,
aber physisch erfahrbar ist. Sie penetriert den
Menschen durchs Ohr, durchs Trommelfell. Das ist,
so glaube nicht nur ich, intensiver als ein
optischer Reiz.

Mit dieser klaren Trennung der physischen, äußeren Seite von der geistigen sind wir ja in bester Gesellschaft. Die Trennung gilt für Musik wie für Sprache, wie für bildende Kunst. Bei der Beschreibung zunächst also auf der Ausdrucksseite einsetzen!

N.B. Kleine Illustration, welche sinnenhafte Impulse auf die Anwesenden wirken, in [2], vgl. den Videoausschnitt. Als Übung könnte man zusammentragen, welche in sich eigenständigen Übertragungskanäle bei so einer Aufführung zusammenwirken - hoffentlich sich gegenseitig verstärkend, so dass ein stimmiger Gesamteindruck entsteht.

0.12 "Sprechend" ist vieles

aus: P. Coelho, Der Alchimist, Zürich 1996. 92

"Der Jüngling schwieg. Er hatte das Schweigen der
Wüste gelernt und begnügte sich damit, die Palmen
am Horizont zu betrachten. Bis zu den Pyramiden
mußte er noch einen weiten Weg zurücklegen, und
eines Tages würde dieser Morgen nur mehr eine
Erinnerung sein. Aber jetzt war er der gegenwär-
tige Augenblick, das Schauspiel, von dem der
Kameltreiber gesprochen hatte, und er versuchte,
ihn auszukosten, ohne darüber die Lehren aus der
Vergangenheit und die Träume für die Zukunft zu
vergessen.
Eines Tages würden diese Tausende von Dattelpal-
men nur noch eine Erinnerung sein, aber in diesem
Moment bedeuteten sie für ihn Schatten, Wasser
und einen Zufluchtsort vor dem Krieg. So, wie das
Schreien des Kamels zum Zeichen für Gefahr werden
konnte, so konnte ein Palmenhain ein Wunder be-
deuten.
   'Die Welt spricht viele Sprachen', dachte der
Jüngling."

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

(69) "Mein Weg führte am Rand des Waldes weiter,
der hier die Wetterseite hatte, und ich fand meine
Kurzweil an den kühnen, bedeutungsvoll grotesken
Formen der Stämme, Äste und Wurzeln. Nichts kann
die Phantasie stärker und inniger beschäftigen.
Zuerst herrschten meistens komische Eindrücke vor:
Fratzen, Spottgestalten, und Karikaturen bekannter
Gesichter werden in Wurzelverschlingungen, Erd-
spalten, Astgebilden, Laubmassen erkennbar. Dann
ist das Auge geschärft und sieht, ohne zu suchen,
ganze Heere von wunderlichen Formen. Das Komische
verschwindet, denn alle diese Gebilde stehen so
entschlossen, keck und unverrückbar da, daß ihre
schweigende Schar bald Gesetzmäßigkeit und ernste
Notwendigkeit verkündet. Und endlich werden sie
unheimlich und anklagend. Es ist nicht anders, der
wandelbare und maskentragende Mensch erschrickt,
sobald er ernsthaft zusieht, vor den Zügen jedes
natürlich Gewachsenen."  

0.13 Juristen haben es verstanden

... und Grammatiker tun sich noch schwer mit der sauberen Trennung von 'Ausdruck' und 'Bedeutung'? - Interview mit Rechtsprofessorin T. Hörnle anlässlich der Reform des Sexualstrafrechts (SWP 7.7.2016):

Frau Hörnle, was bedeutet 'Nein heißt Nein' im Sexual- 
strafrecht?
TATJANA HÖRNLE: Künftig ist es bereits strafbar, wenn der
Täter sexuelle Handlungen am Opfer gegen dessen 'erkenn-
baren Willen'  ausübt.
Und das ist neu?
HÖRNLE: Ja. Bisher war für sexuelle Nötigung und Verge-
waltigung erforderlich, dass der Täter das Opfer entwe-
der mit Gewalt oder mit schweren Drohungen oder durch
Ausnutzen einer schutzlosen Lage dazu brachte, sexuel-
le Handlungen zu dulden.
Es genügt, wenn die Frau zu sexuellen Handlungen 'Nein'
sagt?
HÖRNLE: Ja. Auf den Wortlaut kommt es aber nicht an. Es
kann auch ein 'Hör auf' sein oder 'Lass das'. Es muss
aber eindeutig sein. Ein schlechtgelauntes 'Muss das
sein?' genügt nicht.
Ein Wille kann auch dann erkennbar sein, wenn nichts 
gesagt wird?
HÖRNLE: Ja. Es genügt, wenn der Wille klar zum Ausdruck
kommt. Allerdings reicht das innerliche Empfinden nicht,
wenn es nicht erkennbar ist.
Wie kann ein 'Nein' zum Ausdruck kommen, ohne dass 
gesprochen wird?
HÖRNLE: Zum Beispiel durch Kopfschütteln oder Weinen. 
Genügt auch ein lustloser Gesichtsausdruck?
HÖRNLE: Nein, auch unausgesprochene Signale müssen ein-
deutig sein. 

Im Rahmen unserer Alternativ-Grammatik sind zweierlei Module direkt angesprochen:

  • Bedeutungsebene: Bekundung des Willens, hier konkret des Nicht-WILLENS, vgl. [3]
  • Die Ausdrucksseite ist wesentlich vielfältiger als nur die Benützung von Wörtern: vgl. körpersprachliche Signale [4] - und umgebende Einträge

0.14 Aristoteles - 4.Jhd.v.Chr.

Zur klaren Trennung von Ausdruck und Bedeutung hatte sich schon der antike Philosoph geäußert. aus: H. Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes. München 2013.

(173) "Er beginnt mit dem kleinsten Bestandteil sprach-
licher Äußerung, mit dem Buchstaben. Er ist 'unteilbar',
aber nicht ein beliebiger Laut, wie ihn auch Tiere von
sich geben können, sondern er muss sich dazu eignen,
mit anderen Buchstaben zusammengesetzt werden zu
können. Die Unterscheidung zwischen Vokal, Halbvokal
und Konsonant erläutert er rein physiologisch nach
Anstoßen von Lippe und Zunge, nach Formung des Mundes,
nach Aspiration oder deren Fehlen, nach Länge, Kürze,
Höhe und Tiefe des Lautes.
   Die Silbe ist ein aus Vokal und Konsonant zusam-
mengesetzter Laut, der für sich genommen keine
Bedeutung hat."
   (210f)[Zitat A.:] "Alle Menschen streben von Natur
   aus nach Wissen. Ein Zeichen dafür ist die Wert-
   schätzung der Sinneswahrnehmungen. Denn auch ab-
   gesehen von ihrem Nutzen schätzt man sie um ihrer
   selbst willen, und vor allen anderen die Wahr-
   nehmung mittels der Augen. Denn nicht nur, um zu
   handeln, sondern auch wenn wir nicht gerade
   handeln wollen, ziehen wir das Sehen sozusagen
   allen anderen (Wahrnehmungen) vor. Der Grund dafür
   ist, dass dieser Sinn uns am meisten Erkenntnis
   verschafft und viele Unterschiede offenbart."

0.15 rein quantitativ

... kann man Redebeiträge von Sprechern messen und vergleichen - was sie inhaltlich dabei vorbringen, bleibt bei dieser Betrachtung außer Betracht. Aber schon der Längenvergleich (etwa in Dialogen) ist aussagekräftig für die Art, wie die Partner zueinander stehen, oder für die Dynamik im Dialog.

Sogar Volksstämme könne man hierbei nach ihren
Gewohnheiten unterscheiden - meint Journalist
Petershagen SWP 15.10.2016:
Er behandelt die Geschichte der doppelten Negation
Noi! Etâ - schriftdeutsch etwa "mitnichten".
Manche Schwaben haben damit jedoch ein Problem,
weil Noi! Etâ "den Sprechapparat über Gebühr
beansprucht. Sie weichen daher aus auf Hâ-ââ!" -
Somit ein Beispiel für Maulfaulheit ...

0.16 Noam Chomsky

Wer Chomskys Grammatiksystem im Hinterkopf hat, sollte Vorsicht walten lassen. Auch auf seiner Schiene ist - natürlich - von "Ausdrücken" die Rede, aber von "hierarchisch strukturierten". Das verwundert, ist doch die Ausdrucksebene zunächst mal linear strukturiert - man folgt mit den Augen den Zeilen oder man hört - linear! - eine Wortsequenz. Man beginnt zu ahnen, dass Chomsky nicht wie wir allein die Ausdrucksebene meint, sondern bereits die Ausdrücke, die sinnenhaft wahrnehmbar sind, in Kombination mit Bedeutungsfunktionen. Letztere werden ganz anders wahrgenommen, nämlich kognitiv. Vgl. N. Chomsky, Was für Lebewesen sind wir? Berlin 2016: S.39.55.240. Anders gesagt: Wie die übliche Grammatik trennt auch der Amerikaner nicht klar und sauber zwischen der Ebene der Ausdrücke und der der Bedeutungen. Trotz des anfänglich revolutionär klingenden Ansatzes somit überhaupt kein gedanklicher Fortschritt.

0.17 "Ausdrucksmittel" sind vielfältig

Vgl. [5] - darin die Zitate von den Buchseiten 19-36.66-69.185.188.258f.265.269

0.18 Handke, Publikumsbeschimpfung

vgl. P. Handke, Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Frankfurt 1979. Hier 30. Aufl. 2012. ... weist S.13 die Schauspieler an, es gehe um ein Sprechen abseits von Bedeutungen. Auch eine einfache lineare Wahrnehmbarkeit der Ausdrucksseite soll verhindert werden.

"Die Sprecher sprechen durcheinander. Sie nehmen von-
einander Wörter auf. Sie nehmen einander Worte aus dem
Mund. Sie sprechen gemeinsam. Sie sprechen alle zu-
gleich, aber verschiedene Wörter. Sie wiederholen die
Wörter. Sie sprechen lauter. Sie schreien. Sie vertau-
schen die geprobten Wörter untereinander. Sie proben
schließlich gemeinsam ein Wort. Die Wörter, die sie zu
diesem Vorspiel verwenden, sind folgende: (die Reihen-
folge ist nicht zu beachten) Ihr Fratzen, ihr Kasperl,
ihr Glotzaugen, ihr Jammergestalten, ihr Ohrfeigenge-
sichter, ihr Schießbudenfiguren, ihr Maulaffenfeilhal-
ter. Nach einer gewissen klanglichen Einheitlichkeit
ist zu streben.  Außer dem Klangbild soll sich aber kein
anderes Bild ergeben. Die Beschimpfung ist an niemanden
gerichtet. Aus ihrer Sprechweise soll sich keine Bedeu-
tung ergeben. Die Sprecher sind vor dem Ende der Schimpf-
probe im Vordergrund angelangt. Sie stellen sich zwanglos
auf, bilden aber eine gewisse Formation. Sie sind nicht-
völlig starr, sondern bewegen sich nach der Bewegung, die
ihnen die zu sprechenden Worte verleihen. Sie schauen nun
ins Publikum, fassen aber niemand ins Auge. Sie bleiben
noch ein wenig stumm. Sie sammeln sich."

(Ausdrucks-)SYNTAX - wie wir sie verstehen - sogar mit den Mitteln des Theaters verfochten. Die Besucher werden förmlich gezwungen, die Bedeutungsebene beiseitezulassen - was ihnen einen Lerneffekt beschert und einen bislang (in der Regel) verdrängten Gewinn: Klangbild.

0.19 Passwörter

In der digitalen Welt ist die Trennung von Ausdrucks- und Bedeutungsseite gang und gäbe, ja Grundvoraussetzung. Das zeigt das Beispiel der Passwörter. Vgl. [6]

Gedanklich ist dieser Ansatz äußerst transparent und einfach.
Uns im Fall natürlicher Sprache an die selbe klare Trennung
zu gewöhnen, macht Schwierigkeiten wegen zwei Faktoren:
* bei natürlicher Sprache sind wir in der Regel an den mit-
  geteilten Bedeutungen interessiert; die Ausdrucksketten
  als Vehikel werden häufig übergangen.
* Grammatiken in der Schule praktizieren die bei uns oft be-
  klagte Vermischung, tragen also auch nicht zum gedanklichen
  Fortschritt bei.

Dabei wäre nichts einfacher als dies: die qualitativ verschiedenen Ebenen - Ausdruck, Bedeutung - auch im Grammatikbereich separat anzugehen. Die Erkenntnismöglichkeiten sind dann viel umfassender, als wenn beide Ebenen sich ständig blockieren, dadurch den Blick verengen. Standard-Schulgrammatiken sind jedoch kein Vorbild/Maßstab.

0.2 Selbsttest

Im Schwäbischen Tagblatt 27.8.2011 wird von Josef Guggenmos folgendes Gedicht abgedruckt:

Such's in Paris nicht, such's in Rom,
such es im Kloster, such's im Dom.
Im Krug steckts nicht,
doch steckt's im Topf,
nicht in der Kiste, doch im Kopf.
   
Hat es der Vater? Nein, der Sohn.
In Sonne, Mond und Luftballon
ist es versteckt.
Es sitzt im Boot,
im Rosenstock, im Morgenrot.

Was könnte dieses "Etwas" sein, das an so unterschiedlichen "Orten" vorkommt? Wer sich der Suchaufgabe stellt, wird sich in der Regel mächtig anstrengen - und doch keine befriedigende Antwort finden. Die mächtige Anstrengung resultiert aus unserer eingefleischten Fixierung auf Bedeutungen. Die Antwort, die das Gedicht erwartet, zielt aber auf die Ausdrucksebene: das "o". - Die wachsende Dichte der "o"s gegen Schluss ist zwar schon ein Wink mit dem Zaunpfahl. Dennoch dürfte die Blickrichtung "Bedeutungen" so stark sein, dass man meist die Antwort nicht findet.

0.21 "Ausdruck"sebene - Vorsicht!

Beim Stichwort "Ausdruck" werden Zeitgenossen öfters gefühlig statt vernünftig. Flugs wird dann 'Ausdruck' mit 'Emotion' gleichgesetzt. Das ist verkürzt und daher falsch. Vgl. auch: [7] Gerade um den Emotionen wieder eine Chance einzuräumen, bestehen wir auf der sprachlogischen Eigenständigkeit der Ausdrucksebene - Emotionen können sich auf dieser Basis erst entwickeln.

0.3 Bibliothek von Babel

Die Eigenständigkeit der Ausdrucksseite der Sprache (im Gegensatz zur Ebene der Bedeutungen) kann auch literarisch verdeutlicht werden. Vgl. Jorge Luis Borges, Die Bibliothek von Babel. Reclams Universalbibliothek 9497. Stuttgart 1974:

(47) "Das Universum, das andere die Bibliothek nennen,
setzt sich aus einer undefinierten, womöglich unendlichen
Zahl sechseckiger Galerien zusammen, mit weiten
Entlüftungsschächten in der Mitte, die mit sehr
niedrigen Geländern eingefaßt sind. Von jedem Sechseck
kann man die unteren und oberen Stockwerke sehen:
grenzenlos. Die Anordnung der Galerien ist unwandelbar
dieselbe. ...
(49) Erstes Axiom: Die Bibliothek existiert ab aeterno.
An dieser Wahrheit, aus der unmittelbar die künftige
Ewigkeit der Welt folgt, kann kein denkender Verstand
zweifeln. Der Mensch, der unvollkommene Bibliothekar,
mag vom Zufall oder von böswilligen Dämonen bewirkt sein;
das Universum, so elegant ausgestattet mit Regalen, mit
rätselhaften Bänden, mit unerschöpflichen Treppen für den
umherwandernden und mit kleinen Stufen für den sitzenden
Bibliothekar, kann nur durch einen Gott bewirkt sein ...
Zweites Axiom: Die Anzahl der orthographischen Symbole ist
fünfundzwanzig. Diese Feststellung ermöglichte es, vor
dreihundert Jahren, die allgemeine Theorie der Bibliothek
in Worte zu fassen, ...: die formlose und chaotische
Beschaffenheit nämlich fast aller Bücher. 
Eines, das mein Vater in einem Sechseck des Umgangs
fünfzehnhundervierundneunzig (50) erblickte, bestand aus
den Buchstaben M C V, die sinnlos von der ersten bis zur
letzten Seite wiederkehrten. Ein anderes (das in dieser
Zone sehr gefragt war) ist ein reines Buchstabenlabyrinth,
aber auf der vorletzten Seite steht:
O Zeit, deine Pyramiden. Man ersieht hieraus: auf eine
einzige verständliche Zeile oder eine richtige Bemerkung
entfallen Meilen sinnloser Kakophonien, sprachlichen
Kauderwelschs, zusammenhanglosen Zeugs ... Vor fünfhundert
Jahren stieß der Chef eines höheren Sechsecks (51) auf ein
Buch, das so verworren war wie die anderen, das jedoch fast
zwei Bogen gleichartiger Zeilen aufwies. Er zeigte seinen
Fund einem ambulanten Entzifferer, der zu ihm sagte, sie
seien auf Portugiesisch abgefasst; andere sagten dagegen,
auf Jiddisch; bevor ein Jahrhundert um war, konnte die
Sprachform bestimmt werden: es handelte sich um einen
samojedisch-litauischen Dialekt mit einem Einschlag von
klassischem Arabisch ... In der ungeheuer weiträumigen
Bibliothek gibt es nicht zwei identische Bücher.
Aus diesen unwiderleglichen Prämissen folgerte er, daß
die Bibliothek total ist und daß ihre Regale alle irgend-
möglichen Kombinationen der zwanzig und soviel 
orthografischen Zeichen (deren Zahl, wenn auch außeror-
dentlich groß, nicht unendlich ist) verzeichnen, mithin
alles, was sich irgend ausdrücken läßt:
in sämtlichen Sprachen."
(55) "Die Pietätlosen behaupten, daß in der Bibliothek
der Unsinn an der Tagesordnung ist und daß das Vernunft-
gemäße (ja selbst das schlicht und recht Zusammenhängende)
eine fast wundersame Ausnahme bildet. Sie sprechen
(ich weiß es) von der 'fiebernden Bibliothek', deren
Zufallsbände ständig in Gefahr schweben, sich in andere
zu verwandeln und alles behaupten, leugnen und durch-
einanderwerfen wie eine delirierende Gottheit. Diese
Worte, die nicht nur die Unordnung entlarven, sondern
sie mit einem Beispiel belegen, liefern einen noto-
rischen Beweis ihres grundschlechten Geschmacks und ihrer 
verzweifelten Unwissenheit. 
In der Tat birgt die Bibliothek alle Wortstrukturen, alle
im Rahmen der fünfundzwanzig orthographischen Symbole
möglichen Variationen, aber nicht einen absoluten
Unsinn. Es erübrigt sich zu bemerken, daß der beste Band
der vielen Sechsecke, die ich verwalte, Gekämmter Donner
betitelt ist, und ein anderer Gipskrampf und wieder
ein anderer Axaxas Mlö. Diese auf den ersten Blick
unzusammenhängenden Wortfügungen entbehren gewiß nicht
einer kryptographischen oder allegorischen Rechtferti-
gung; diese Rechtfertigung verbaler Art figuriert -
ex hypothesi - bereits in der Bibliothek. Ich kann
nicht etliche Schriftzeichen  kombinieren
                  d  h  c  m  r  l  c  h  t  d  j
die nicht die göttliche Bibliothek bereits vorausgesehen
hat und die in irgendeiner ihrer Geheimsprachen einen
furchtbaren Sinn bergen. Niemand vermag eine Silbe zu
artikulieren, die nicht voller Zärtlichkeiten und Schauer
ist, die nicht in irgendeiner dieser Sprachen der gewaltige
Name eines Gottes ist. Sprechen heißt in Tautologien
verfallen."

Aus dem Nachwort von J. A. F. Zapata:

(79) "Die Sprache ist ihrem Wesen nach sukzessiv, sie
schildert, wie die aristotelische Zeit, ein Vorher und
ein Nachher, sie folgt der Frage: und was geschah dann?
Sie vermittelt ein Nacheinander und ruft damit in
dem Leser einen vollkommen falschen Eindruck wach, da
das Ereignis oder die Ereignisse ja in Wirklichkeit den
Prinzipien der Simultaneität folgen. Daher haftet der
(80) Sprache, Borges' Meinung nach, etwas Artifizielles,
Literarisches, Falsches an. Erst wenn es dem Menschen
gelänge, in einem einzigen Satz, besser noch, in einem
einzigen Wort alles zugleich zum Ausdruck zu bringen,
hätte er das Problem der Sprache bewältigt. Diesem
alles enthaltenden Satz gilt Borges' ganzes Bemühen,
obwohl dieses Bemühen genauso zum Scheitern verurteilt
ist wie der Versuch, das Chaos zu durchdringen oder die
Zeit in ihrer Simultaneität erkennen zu wollen."

0.4 Was ist neu an der Piratenpartei ?

Vgl. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,827573,00.html

Darin die Meinung, die Piraten würden die üblichen parlamentarischen Prozesse zum größeren Teil lediglich auf das elektronische Medium verlagern. Abgeordnete würden dann lediglich als Interface von Volkes Stimme fungieren. Grundlegend anders - von der Frage des Mediums abgesehen - könnten auch dann die Prozesse der Meinungsbildung, -bündelung nicht ablaufen. Leichte Meinungsbildung kann nicht verdrängen, dass zu den diversen Themen Expertenbeiträge eingeholt werden müssen. Nur so könne man der altbekannten Gefahr: "vox populi = vox Rindvieh" entgehen.

Präzisierung zum Begriff Medium: Auch SchülerInnen  
können die Doppelbödigkeit des Begriffs durchschauen und dann 
dem Allerweltswort kritischer begegnen:
  1. Jede Botschaft braucht ein Trägermedium, damit
     sie die Empfänger erreicht. Im Internet sind es
     elektronische Impulse. 
     Bei gesprochener Sprache ist es die Luft und darin
     transportierte Schallwellen.
     Ein Plakat braucht Papier und Drucktechnik.
     Gebärdensprache Hände, Mimik, Körperbewegungen. In
     der Schifffahrt benutzte man lange zwei Flaggen zur
     Kommunikation usw. 
     Im Sinn des obigen Meinungsbeitrags verlagern die
     "Piraten" ihre Aktivitäten in stärkerem Maß (aber
     beileibe nicht exklusiv) auf ein anderes Trägermedium. 
  2. Medium wird aber auch als Codiersystem 
     verstanden.
     Dann ist unsere (Ausdrucks-)SYNTAX im Spiel: Es
     interessiert, wie - abhängig vom Trägermedium - die
     Botschaften zusammengestellt (=Syntax) werden.
     Benutze ich als Codiersystem eine natürliche Sprache,
     so muss ich nach dem, was z.B. im Deutschen gewohnt
     ist, meine Wörter und Wortketten zusammenstellen
     und so beim Schreiben sichtbar machen. Benutze ich
     das Trägermedium 'Akustik', ist auf Artikulation,
     ggf. entsprechende Verstärkung (damit die
     Hinterbänkler mich auch verstehen können) zu achten.
     Meine Botschaft in Buchstaben sieht in Computer-
     codierung nochmals anders aus, ist für
     Normalsterbliche meist nicht zu durchschauen.

Der Debattenbeitrag hieße folglich: Die Piraten streben eine Änderung bei Begriff (1) an. Den Zwängen von Begriff (2) können sie aber nicht entrinnen. Vielleicht kann man manche Prozesse, die bislang im Parlament ablaufen, ins Internet auslagern. Möglich auch, dass die direkte Demokratie damit eine Stärkung erfährt. Eine substanzielle Änderung - bei Begriff (2) - ist unvorstellbar, weil niemand mehr den anderen verstehen würde.


0.5 Paviane als unsere Verwandten

Der Bericht aus SPIEGEL-Online (13.4.2012) ist hochinteressant, da er unser Verständnis von (Ausdrucks-)SYNTAX bestens unterstreicht. Paviane können gängige/akzeptierte Muster bei der Verteilung von Buchstaben erkennen und von 'Schrott'=Buchstabensalat unterscheiden. Bedeutungsverstehen - (SEMANTIK/PRAGMATIK) - ist etwas ganz anderes und bleibt unseren genetischen Vorfahren verschlossen.

Paviane lernen ein bisschen lesen
Ein Wort von einer unsinnigen Buchstabenfolge
unterscheiden - das können nicht nur Menschen.
Sechs geübte Paviane schaffen es mit einer guten
Trefferquote. Die Tiere widerlegen damit eine
gängige Lehrmeinung. Dan sitzt vorm Monitor, die
Buchstabenkombination "LONS" erscheint. Mit einer
schnellen Bewegung drückt er auf ein Pluszeichen
- er signalisiert damit, dass es sich dabei um
kein Wort handelt. Auch die nächsten unsinnigen
Buchstabenfolgen verwirft er. Erst als das englische
Wort "DONE" auftaucht, drückt er auf ein grünes Oval.
Dan ist ein Pavian. Einer von sechs, die in einem
Experiment von Jonathan Grainger von der Aix-Marseille
Université und seinen Kollegen die Grundlage des Lesens
erlernt haben: Die Affen können Wörter von Nicht-
Wörtern unterscheiden. Mit einer Trefferquote von 75
Prozent liegen sie ganz klar über zufällig erreichten
Erfolgsraten. Innerhalb von sechs Wochen lernten die
Paviane mindestens 81 Wörter. Dan konnte sogar 308 in
einer Flut von mehr als 7000 Nicht-Wörtern identi-
fizieren. Das Erstaunliche: Selbst neue, nie zuvor
gesehene Wörter konnten die Affen häufig anhand
typischer Buchstabenfolgen von Nicht-Wörtern unter-
scheiden, berichten die Forscher im Wissenschafts-
magazin "Science". Das deute darauf hin, dass die
Paviane auch gelernt hatten, dass bestimmte Buch-
stabenkombinationen statistisch besonders häufig
oder aber nie in den echten Worten vorkamen. In
englischen Wörtern findet sich beispielsweise oft
die Kombination "SH", "FX" dagegen nicht. Diese Art
statistischen Lernens sei möglicherweise sogar ein
universeller, bei verschiedenen Tierarten vorkommender
Mechanismus, meinen die Forscher. 
Gängige Lehrmeinung widerlegt
Noch bevor wir den Sinn eines Wortes erfassen, weiß
unser Gehirn, ob es sich um ein Wort unserer Sprache
handelt. Es erkennt die Form der Zeichen und ihre
Position als Buchstaben und Wortteile. Gleichzeitig
registriert das Gehirn auch, ob diese Buchstaben-
kombination in unserer Sprache üblich ist. 
Diese Fähigkeit der Worterkennung galt bisher als
untrennbar mit der Fähigkeit zur Sprache verbunden.
Der Pavian-Versuch hat die gängige Lehrmeinung widerlegt.
Er belege, dass vorheriges Sprachwissen keine Voraus-
setzung sei, um orthografische Zeichen ähnlich wie
der Mensch zu verarbeiten, schreiben die Forscher.
Paviane seien auf ähnliche Weise wie der Mensch
sensibel für die Grundmerkmale einer Schrift, meinen
die Forscher.
Die sechs Paviane hatten in einem Gehege freien Zugang
zu mehreren Touchscreens. Sie beschäftigten sich damit
nur, wenn sie wollten - der engagierteste Pavian kam
so auf 3000 Worttests an einem Tag, der am wenigsten
interessierte auf 400.
Auf den Monitoren erschien in zufälliger Reihenfolge
entweder ein englisches, aus vier Buchstaben bestehen-
des Wort oder eine gleichlange sinnlose Buchstaben-
kombination. Die echten Wörter wurden im Verlauf von
100 Trainingsdurchgängen nacheinander eingeführt und
dann jeweils mehrfach wiederholt, die Nicht-Wörter
tauchten jeweils nur einmal auf. Nach jeder Zeichen-
folge sollten die Paviane durch Berühren zweier
Symbole entscheiden, ob sie ein echtes Wort oder ein
Nicht-Wort gesehen hatten. Bei richtiger Entscheidung
erhielten sie Futter als Belohnung. 
Ähnlich wie beim Menschen war die Anzahl der Fehler
umso größer, je ähnlicher die Nicht-Wörter tatsächlich
existierenden englischen Begriffen waren. Vom richtigen
Lesen seien die Affen dennoch weit entfernt, sagt
Grainger. Sie verstünden ja nicht, was die Wörter
bedeuten, sondern zerlegten sie einfach in ihre
Bestandteile. 

Es ist legitim, solche Versuche als Hinweis auf eine, homogene Beobachtungsebene bei der Sprachbetrachtung zu nehmen, eben die Ausdrucksseite.

Dagegen ist es reiner Zufall, dass auf die Schilderung
der Fähigkeiten der Paviane ein Beitrag folgt 
- Ziff. 1.1 -, der unter Menschen die Behauptung der
Unmöglichkeit einer Trennung von Ausdruck und Bedeutung
zum Inhalt hat. Möglicherweise sind die Primaten schon
einen Schritt weiter, ;-)  

0.6 Tier-Gedicht - Heinz Ehrhardt

aus: H.E., Noch'n Heinz Erhardt Oldenburg 2009. 16f:

Die Polyglotte Katze
Die Katze sitzt vorm Mauseloch,
in das die Maus vor kurzem kroch,
und denkt: "Da wart nicht lang ich,
die Maus, die fang ich!"
Die Maus jedoch spricht in dem Bau:
"Ich bin zwar klein, doch bin ich schlau!
Ich rühr mich nicht von hinnen,
ich bleibe drinnen!"
Da plötzlich hört sie - statt "miau" - 
ein laut vernehmliches "wau-wau"
und lacht: "Die arme Katze,
der Hund, der hatse!
Jetzt muss sie aber schleunigst flitzen
anstatt vor meinem Loch zu sitzen!"
Doch leider - nun, man ahnts bereits -
war das ein Irrtum ihrerseits,
denn als die Maus vors Loch hintritt
- es war nur ein ganz kleiner Schritt -
wird sie durch Katzenpfotenkraft
hinweggerafft! - - -
Danach wäscht sich die Katz die Pfote
und spricht mit der ihr eignen Note:
"Wie nützlich ist es dann und wann,
wenn man 'ne fremde Sprache kann ...!"

0.6.1 Sprache der Pflanzen (!)

Interview von chrismon 10.2016 mit M. Bischoff von der TU Darmstadt. Thema: Zusammensetzung von Pflanzendüften.

chrismon: Talking Plants heißt das Forschungsfeld, dem Sie sich
widmen. Pflanzen sprechen - wie ist das gemeint?
M. Bischoff: Sie kommunizieren mit Hilfe von Düften.
Genauer: über die Verteilung von Molekülen in flüssiger
und flüchtiger Form. Lange ist uns das nicht aufgefallen.
Menschen sind Augentiere. Die Nase leitet uns weniger
durchs Leben. Dabei ist gerade für Pflanzen Kommunikation
wichtig. Sie können sich ja nicht einfach besuchen,
um sich fortzupflanzen.
Dass Pflanzenduft Insekten anlockt, ist doch bekannt.
Stimmt. Pflanzen kommunizieren aber noch viel mehr: zum
Beispiel mit Artgenossen Fressfeinden ... Und ihre Bot-
schaften gehen über die Fortpflanzung hinaus. Der For-
schung war lange nicht bewusst, wie komplex und spezi-
fisch die Kommunikation ist. Die Messmethoden, um diese
Prozesse abzubilden, sind erst seit etwa 25 Jahren ver-
breitet.
Wie sieht das Vokabular einer Pflanze aus?
Es setzt sich zusammen aus unzähligen Variationen mole-
kularer Verbindungen. Auch die Konzentration, sogar
äußere Umstände scheinen eine Rolle zu spielen. Die
chemischen Verbindungen zu kategorisieren ist schwierig.
Wir haben noch kein eindeutiges Schema gefunden. Das
zeigt, wie komplex Pflanzen kommunizieren.
Was für Chancen birgt die Entschlüsselung der Pflanzensprache?
Mit dem Analyseverfahren können wir unter anderem den
Duft gesunder Pflanzen mit dem erkrankter vergleichen
und Maßnahmen entwickeln, die die Ausbreitung von
Infektionen verhindern. 
Bitte ein Beispiel!
Die Apfeltriebsucht ist verheerend für Apfelbauern:
Die Früchte bleiben klein und faulen. Es gibt kein
Gegenmittel. Kollegen konnten zeigen, dass der Duft
der infizierten Blätter Schädlinge anzieht, die die
Erreger verbreiten. Wenn wir entschlüsseln, dass die
Bäume die Krankheit bereits über die Blüten mitteilen,
kann man künftig viel früher Maßnahmen ergreifen.
Sensationell wäre die Erkenntnis, dass sogar Bestäuber
die Erreger im Nektar weitertragen.
In zehn Jahren ...
... sind vorsorgende Analyseverfahren für pflanzliche
Infektionskrankheiten, auch über den Duft, weiter ver-
breitet. Und wir werden mehr darüber wissen, wie unsere
Umweltverschmutzung sich auf die Kommunikation der
Pflanzen auswirkt.

Also: auch Pflanzendüfte können als Ausdrucksseite dienen.

0.7 Die Pfeife von Magritte

Mit einem einfachen Trick hat der Maler auf einem berühmten Gemälde unsere übliche Sehgewohnheit aufgespalten:

- Er malte extrem realitätsgetreu und groß eine Tabakspfeife.
  Nichts sonst - etwa im Hintergrund - lenkt davon ab.
- Darunter der Schriftzug: "Ceci n'est pas une pipe."

Erste Reaktion: Was, das soll keine Pfeife sein? Was denn sonst?! Glaubt der Maler, er könne uns ein X für ein U vormachen? - Eine solche erste Reaktion belegt den Standard, dass wir uns sofort auf die Bedeutung stürzen. Sie ist es ja doch wohl - so die Unterstellung -, weswegen der Maler sich ans Werk gemacht hatte.

Zweite Reaktion: Eigentlich hat der Maler recht. Eine Pfeife ist tatsächlich nicht im Spiel, allerhöchstens das präzis gemalte Bild (von einer Pfeife). Dieses Bild kann denn auch niemand zum Rauchen verwenden. Der Maler macht also bewusst, dass wir das Trägermedium allzu großzügig übersehen hatten. Darin liegt immer auch ein Stück Verachtung - sowohl des Bildes, wie auch der Tätigkeit des Malers. Das Gesamtwerk könnte also auch den Impuls enthalten: Liebe Leute, kümmert euch nicht so sehr um die Pfeife, sondern um meine Kunst, eine solche zu malen und sie euch zu präsentieren!

0.71 Text - Formel - Tabelle - Grafik/Bild

Etwas Les- und Verstehbares zu schreiben - auf Papier oder einem anderen 'Trägermedium' -, das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Das sollte man sich zwischendurch bewusstmachen:

  1. Bei natürlicher Sprache interessiert uns die lineare Anordnung der Schrift, die mit einer festgelegten Schreibrichtung einhergeht (während wir von links nach rechts schreiben, wird im semitischen Raum von rechts nach links geschrieben, in Fernost von oben nach unten). Wie immer diese Konventionen sind, wir erwarten, dass in ihrem Gefolge das Schreiben sequenziell geschieht. Bei uns: von links nach rechts schreibend fügen wir Zeile an Zeile, produzieren so Seite um Seite, Buch um Buch - bis letztlich die Bibliotheken überquellen ... Wer sich daranmacht, einen Text zu schreiben, ist gezwungen, einen allgemein akzeptierten Startpunkt zu wählen, im indogermanischen Bereich: Oben links.
  2. Notenschrift muss - je nach Instrument - sowohl horizontal wie auch vertikal gelesen werden. Bei der Flöte genügt das horizontale Lesen, beim Klavier muss auch vertikal gelesen werden, damit beide Hände etwas zu tun haben. Bei der Orgel wollen auch die Beine beschäftigt werden. Das Ergebnis ist keine Bedeutung im Sinn natürlicher Sprache, sondern eben unmittelbar erfahrbare Musik.
  3. Mathematische Formeln gehen mit Linearität und Sequenzialität freier um. Das Lesen hat keinen Fließtext zur Verfügung, sondern man muss oft in Etappen lesen und interpretieren. Der Schreibraum kann freier genutzt werden, abgesehen davon, dass noch viele spezielle Symbole zu den Buchstaben hinzukommen.
  4. Tabellen lösen die Sequenzialität vollends auf: Was wichtig und was auch vergleichbar ist, wird durch das Zusammenspiel von vertikalen und horizontalen Betrachtungsweisen hervorgehoben.
  5. Grafiken, Bilder, v.a. wenn sie gut sind, enthalten selbst einen oder mehrere Blickfänge und weitere Strukturen, denen das Auge folgen soll - schon unbewusst, erst nachträglich, bei genauerer Beschreibung kann man aufdecken, zu welcher Entdeckungsreise der Künstler/die Künstlerin einen animiert / zwingt. Hierbei gibt es keine Konventionen mehr. Wo der Künstler sein Werk beginnt, ist ihm überlassen.
  6. Emojis [8], vgl. auch [9] sind natürlich ein 'Grafik'-Thema, daher grundsätzlich von anderer Art als Schriften natürlicher Sprachen: bei diesen muss zusätzlich auf Ausdrucksebene gelernt werden, wie die Grafik ausgesprochen werden soll. Und ohnehin muss erst noch gelernt werden, welche Bedeutung mit der Realisierung auf Ausdrucksebene verbunden ist. Emojis (und vergleichbare Grafiken) versuchen, den Betrachtern dieses 'lästige' Lernen zu ersparen, also grenzüberschreitend verstehbar zu sein.

0.72 Beipackzettel: Gegenteil von Lesefreundlichkeit

aus SPIEGEL 28/2017

"Die Tabetten wirken, unter anderem, gegen 'Brucellose, Ornithose,
Barthonellose, Rickettsiose, Melioidose, Pest'. Doch welcher Patient,
dem das Antibiotikum Doxycyclin 100 beispielsweise bei einer
Bronchitis verschrieben wurde, kann mit derart gruselig klingenden
Seuchen etwas anfangen? Pest? War die nicht schon ausgerottet?"

Thema somit: Dem nicht-fachärztlich gebildeten Patienten werden Wörter zugemutet (und nicht weiter erläutert), die seinem gewohnten Sprachrepertoire fremd sind.

"Beipackzettel werden in Minischrift auf hauchdünnem Papier gedruckt,
das sonst gern für Bibeln und Gesangbücher verwendet wird, gepresst
auf ein Maß, das kaum jemand nach dem Entfalten elegant zurück in
die Packung zu friemeln vermag, und weitgehend abgefasst in fremdwort-
sattem Ärztesprech: Die Risiken und Nebenwirkungen der Packungsbeilage,
mahnen Experten, seien ein unterschätztes Problem im Gesundheitswesen."

Kritik somit an Schreibmaterial und Druckweise. "Risiken und Nebenwirkungen" - auch das ein ausdruckssyntaktisches Thema - persifliert die Formel in Werbesendungen - nur dass nun die Stelle des Medikaments mit der "Packungsbeilage" besetzt wurde.

0.8 Sehr viele 'Schriftsysteme'

Es ist ein sehr wichtiges Lernziel, früh bewusst zu machen, wie vielfältig man Botschaften kodieren, also schreiben und übermitteln, kann. Die Buchstaben, die wir benutzen, sind nur ein winziges Segment im Rahmen vieler weiterer Möglichkeiten. Indem auf letztere exemplarisch verwiesen wird, lockert sich in SchülerInnen die Fixierung auf unsere Art zu schreiben; sie tun sich dann auch leichter, die Art des Schreibens klar zu unterscheiden von dem, was damit bedeutungsmäßig gesagt sein soll. Sie verstehen dann leicht, dass eine Bedeutung in sehr vielen Schreibweisen sichtbar gemacht werden kann. - Eine Folgerung wird auch sein: Zu lernen, wie man schön die Buchstaben schreibt, ist erst die Hälfte dessen, was man braucht. Die andere Hälfte besteht darin, Begriffe/Notationen zu vereinbaren, wie man die Bedeutungen erfassen will. Beides sollte nicht vermischt werden.

These: Als 'Schreibmaterial' kann alles dienen, was mit Sinnen erfassbar und gestaltbar ist.

Indianer waren geübt im Senden von Rauchzeichen.
Seeleute benutzen Flaggensignale. In der Anfangszeit
des Funkens waren die Elemente: kurz - lang wichtig:
das Morsealfabet. Lichtzeichen mit auf-/abblend-
baren kräftigen Scheinwerfern wirken auch über größere
Entfernungen.
Im digitalen Zeitalter ist es nicht so, dass Töne, Wörter,
Sätze übermittelt werden, sondern elektrische Schwingungen,
die beim Sprechen zunächst erzeugt, beim Hörer wieder in
die Akustik übersetzt werden müssen. - Computer arbeiten
auch nicht nur mit dem Buchstaben - "A" -, den ich gerade
eintippe, sondern sie verwandeln ihn - je nach Codiersystem
- in eine Folge von Nullen und Einsen. - SchülerInnen kann 
man nach ASCII oder UNICODE googeln lassen: sie sollen
herausfinden, wie in diesen Codiersystemen das eine "A"
aussieht.
Um beim "A" zu bleiben: Gestaltungen der einen Schrift -
fett, kursiv und was es sonst noch gibt - Kapitälchen,
Unterstreichungen der verschiedensten Art, Groß-/Kleinschreibung
usw. machen für Suchprogramme aus dem "A" jeweils nichts
anderes: der Wert "A" bleibt für sie der selbe - auch wenn
der Buchstabe ganz unterschiedlich gestaltet ist. - Man nehme
aus einer alten Handschrift noch schön gestaltete Initialen
hinzu!
Aber wenn man schon auf der Ebene natürlicher Sprache ist, ist
die Buchstabenschrift nur eine Variante. Wer will, kann
links die "Hilfe" aufrufen, nach "Sonderzeichen" gehen und
"Lexilogos" anklicken. Dort kann man mit sehr vielen Schrift-
systemen spielen - und sie dabei überhaupt mal zur Kenntnis nehmen.

Man sollte dann auch noch - via z.B. wikipedia - zur Kenntnis
nehmen, dass es schon in ältester Zeit Bilderschrift und
Silbenschrift gab. Die ägyptischen Hieroglyphen sind eine
Mischung daraus. Wird also das Objekt, das ich meine, stili- 
siert abgebildet? Man kann sich klar werden, dass dabei eine
riesige Zahl von Schriftzeichen nötig ist - denn Objekte gibt
es schließlich sehr viele.
Oder hat mein Schriftzeichen einen Lautwert (bei der Sil-
benschrift): z.B. ka. Dann komme ich mit bedeutend weniger
Schriftzeichen aus. - Aber in beiden Fällen ist das 
Schriftsystem noch so kompliziert, dass es nur von Gelehrten
beherrscht werden kann.
Eine Revolution war es, als die Phönizier, zu Beginn des
1. Jahrtausends vor Christus, die Buchstabenschrift erfanden:
Mit ca. 25-30 Zeichen (es gibt Varianten) konnte man nun alle
Silben und Wörter und damit alle Objekte und deren Beziehung
untereinander beschreiben. Das war der entscheidende Schritt zur
Popularisierung des Schreibens. 

Wer obige These akzeptiert, wonach alles Schrift sein kann, was mit Sinnen erfassbar und gestaltbar ist, wird den Blick noch mehr ausweiten: Schließlich ist es aussagekräftig, also interpretierbar, wie jemand seine Wohnungseinrichtung gestaltet, wie er/sie sich kleidet, sich bewegt, wie langweilig/monoton oder variantenreich sein Stimmklang ist, seine Gestik, sein Blick, Haarschnitt, Tattoos usw.

Ein Berg kann mich 'ansprechen'. Er wird aber immer die selbe Gestalt haben; vielleicht ändere ich mich, so dass ich zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Empfindungen angesichts des Berges habe. - Aber von solchen Erscheinungen der Ausdrucksebene ist hier nicht die Rede. Sondern von solchen, die von Menschen leicht gestaltet werden können. Letztlich liegt darin immer eine Botschaft. Es ist unerheblich, ob jener Mensch die Botschaft bewusst codiert hat, oder ob sie ihm unbewusst unterlaufen ist: Das Ausdrucksmittel ist für andere zugänglich und kann gedeutet werden.

Ausdrucksmittel gehören der Physis an, die gestaltet
wird. Dazu gehörten immer schon auch religiöse Riten,
z.B. auch die Beschneidung, z.B. von Jungen, im Juden-
tum und Islam. Von weiteren derartigen
Gestaltungen der Körperlichkeit, z.B. auch unter Ein-
beziehung von Mädchen in anderen Kultur-
kreisen gar nicht zu reden.
Natürlich sagt auch dieser Eingriff viel. Kein Be-
troffener wird ihn sein Leben lang vergessen - was zwei-
fellos ein erster, von der Religionsinstitution erwünsch-
ter Effekt ist: Der Betroffene wird ständig daran erin-
nert, zu welcher Gemeinschaft er gehört. Theologisch
überhöht heißt es, damit werde der "Bund mit Gott"
geschlossen.
Was mindestens gesagt werden kann: die Bindung des Ein-
zelnen wird vollzogen, Bindung nämlich an die Religions-
institution. 
Und das - zweiter Punkt - unter Eingriff in seine Un-
versehrtheit (widerspricht dem Grundgesetz), und -
drittens - ohne ihm die Chance zur (religiösen) Selbst-
bestimmung zu geben (Vollzug an Säuglingen).
Viertens: die Praxis ohne Einwilligung des Betroffenen
kann nur als autoritär-patriarchal beurteilt werden.
(Dies nur aus Anlass der Debatte in  der BRD im Sommer
2012. - In Form von Fragen gäbe es noch weitere
Diskussionsimpulse:
Da nur "Jungen" betroffen sind, fragt sich, wie es mit
der Gleichheit bestellt ist? Es geht nicht um
Gleichheit vor dem säkularen Gesetz, aber - das
sollte noch mehr Gewicht haben - existenziell vor
Gott. Die Frage ist natürlich kein Impuls, eine
Art von Beschneidung nun auch bei Mädchen durchzu-
führen, das gerade nicht. Sondern für beide
Geschlechter eine gleichartige Form der Integration
in die religiöse Gemeinschaft zu finden.)
(Das Christentum hat vor 2000 Jahren sprachlich
in Abgrenzung vom Judentum einen bedeutenden Wandel
vollzogen: 
(a) Verzicht auf Beschneidung, stattdessen Taufe in
Verbindung mit Worten, Sätzen. 
(b) Damit verbunden eine Gleichbehandlung der
Geschlechter. 
- Zwei folgenreiche Änderungen der Ausdrucksmittel.
Der "Sinn", die "Bedeutung" der Taufe war durchaus
vergleichbar mit der Beschneidung: Eingliederung
in die religiöse Gemeinschaft. Aber nicht mehr auf
ewig körperlich sichtbar.)

0.81 Programmiersprachen sind auch Sprachen

... nur lesen sie sich selten 'lustig'. Aber auf dieser Basis laufende Computerprogramme - das erleben wir an allen Ecken und Enden inzwischen - können äußerst wirkungsvoll Arbeiten erledigen. Programmiersprachen und auf dieser Basis geschriebene Programme unterscheiden sich von "Natürlichen Sprachen", wie wir sie im Alltag und in der Poesie verwenden. Aber im aktuell interessierenden Punkt sind sie gleich: die Trennung von Ausdruck und Bedeutung ist glasklar.

Das heißt praktisch bei der Ausdrucksseite:
Das Schreiben der einzelnen Bestandteile (Wörter,
Klammern, Zahlen, Satzzeichen, Zusatzzeichen wie:
-&%@§$* u.ä.) ist streng reglementiert.
Gleichgültig, was damit jeweils gemeint sein, einer
Maschine mitgeteilt werden soll: schon die äußere
Verkettung der Zeichenformen erlaubt kein Wackeln.
Wegen eines Kommafehlers flogen schon Raketen
in die falsche Richtung und mussten im Flug aus
Sicherheitsgründen zerstört werden. Ob irgendwo
ein Komma steht oder nicht - diese
Freiheit besteht nicht. Geöffnete Klammern müssen
an der richtigen Stelle geschlossen werden -
Nachlässigkeiten auf dieser Ebene darf es nicht
geben - oder das Programm bleibt später an dieser
Stelle stehen. Wegen dieser Strenge, können Ein-
gaben von Benutzern - gleichgültig, was sie
bedeuten sollen - schon in einem ersten
Durchgang überprüft werden:
Werden in einem Eingabefeld nur Ziffern erwartet,
dann meckert das Programm, wenn ein Buchstabe
oder ein Satzzeichen dazwischengerutscht war.
Darauf kann man dann den Schreiber hinweisen:
Gefälligst die Eingabe nachbessern! 
 

0.82 Hörbehinderte: Gebärdensprache

Dieser Typ Sprache hat als Ausdrucksmittel vorwiegend die Hände, auch Arm- und Kopfbewegungen und Mimik. Vgl. [10]

Wer eine Gebärdendolmetscherin im Rahmen eines Konzerts betrachten will, rufe auf: [11], ein ausschnitthaftes Zufallsvideo (das Laden kann einige Zeit beanspruchen).

Die Gebärdendolmetscherin meist am linken Bildrand agierend, die beiden jüngeren Konzertbesucher am rechten Bildrand sind auf sie angewiesen, weil sie Worte und Musik nicht wahrnehmen können. Daher schauen sie auch weniger auf den Chor, sondern auf die Dolmetscherin.

Vgl. auch weiter unten: [12]

0.821 Gebärdensprache - Beispiele

Wer sich genauer informieren will, schaue nach im Umkreis von: [13] Einige 'Regeln' die hier gelten, lassen sich durchaus mit Merkmalen unserer 'Alternativ-Grammatik' in Verbindung bringen. Dank Informationen der Gebärdendolmetscherin Sigrun Schreier, der hiermit herzlich gedankt sei, sollen einige Informationen zur "Gebärdensprache" notiert werden:

Beim Lernen dieser 'Ausdrucksseite' kommt es an auf:
- die Handform
- die Handstellung
- die Ausführungsstelle (z.B. beim Zeigegestus)
- und die Bewegung, die ausgeführt wird (z.B. bei <<WASSER>>
  trommeln die drei mittleren Finger ans Kinn)
Feste Konventionen:
Sollte jemand den Tick haben, grundsätzlich den
kleinen Finger von der Hand abzuspreizen, würde
dies bei Nicht-Hörenden wirken wie ein 'Sprachfehler'
im Rahmen der gesprochenen Sprache und die Antwort
provozieren: "ich krieg Augenschmerzen".
Taube sind stärker visuell gepolt als Hörende.
Beispiel 1: Daumen und Zeigefinger gespreizt,
beide Hände parallel nach auswärts gedreht
= <<FREIZEIT>>
Beispiel 2: Zeigefinger an die Stirn gehalten
und im Wechsel weggenommen - verbunden mit der
Lippenbewegung, die entweder /glauben/ andeutet,
oder /wissen/. Gleichzeitig ist die Intensität der
Gestik bei /glauben/, bei /wissen/ entschlossener.
Beispiel 3: Arme und Hände deuten das Halten
eines Lenkrads an; das Mundbild: /Auto/. Zusätz-
lich mit den Lippen Brummbewegung. = /Autofahren/

Was bei uns unter "Modalitäten" läuft - vgl. [14] und Unterpunkte - z.B. "schnell", "langweilig", "fröhlich"; "ängstlich" usw. wird in der Gebärdensprache simultan durch Mimik ausgedrückt.

Prädikation, also Satzbildung, vgl. [15] und Folgepunkte, kommt ohne Hilfsverben wie sein / haben aus. Stattdessen ist allein wichtig, die beiden beteiligten Bedeutungen zu nennen:

<<TONNE>>  <<GRÜN>>
<<TURM>>   <<HOCH>>
<<ICH>>    <<ESSEN>> - der Sprecher zeigt auf sich,
zusammengenommene Fingerspitzen tippen an den Mund,
Daumen eingeklappt, beide gespreizten Hände fahren
vor dem Körper auf und nieder.
<<morgen>> <<Sonntag>> - Daumen an Wange nach vorne
geschoben; für <<Sonntag>> Hände zusammengelegt -
Betgestus.
<<BUCH>>   <<TISCH>> - gemeint als Lokalisierung.
<<TISCH>>, weil größer, wird zuerst gebildet, linker
Unterarm waagrecht, flache Hand. Rechte Hand
flach, hoch darüber = "oben drauf". 

NB. So etwas wie "Konjugation", das im Standard-Grammatikunterricht einen großen Raum einnimmt, hilft zweifellos in Texten, manche Bezüge besser zu verstehen. Aber die Gebärdensprache kann vollkommen darauf verzichten. Die Nebeneinanderstellung der beiden entscheidenden Bedeutungen genügt, u.U. zusätzlich durch semantische Zusatzhinweise (z.B. zur Lokalisierung) verstärkt. "Prädikation" als semantischer Grundmechanismus braucht die 'Konjugation' nicht. Sprechakte, vgl. [16]:

  • KUNDGABE: "ich" wird mit Mund artikuliert, <<FREUEN>> per Mundbild, gespreizte Hände, Handinnenseite zum Körper, Finger berühren die Brust, werden mehrmals von unten nach oben bewegt.
  • AUSSAGE: "Es ist 8 Uhr." - Die Zahl wird mit 8 Fingern angezeigt. Zugleich wird gewackelt - Sinnbild für <<UHR>>. - Wenn die Finger weiterhin die Zahl andeuten, die Handrücken nach vorne zeigen, zugleich eine Bewegung von oben nach unten vollzogen wird, = Zahl der Monate. - Die selbe Bewegung, aber die Handstellung um 90 Grad gedreht = 100, 200 ... - Gleiche Handstellung, aber Bewegung von links nach rechts und vor dem Gesicht = 1000, 2000 ...
  • AUSLÖSUNG: (...)


0.9 Schall als eigenständige Ebene

Märchen von Christian Morgenstern, "Die Schallmühle": [17]

0.91 Spezifischer Klang der Einzelsprache

Schon Babys weinen unterschiedlich: [18]

0.92 Ton: Emotionen

Zu begründen, dass die Ausdrucksseite eine ganz eigene Ebene ist und so dann auch untersucht/angegangen werden kann, somit nicht mit Fragen der Bedeutung von vornherein zu verquicken, ist auf verschiedenen Wegen leicht.

Besonders plausibel ist, dass wir bei akustischer Sprachproduktion natürlich zunächst mit Schallwellen konfrontiert werden. Irgendwelche Logik - z.B. Frage der Prädikation - ist noch vollkommen deplatziert. Stattdessen sprechen die Schallwellen zunächst das Limbische System des Gehirns an: das bedeutet, dass die Schall-Botschaft zunächst emotional aufgenommen wird. - Erst in einem zweiten Schritt geht man daran, die mit den akustischen Ausdrücken/Ketten verbundenen Bedeutungen zu entschlüsseln - was dann zu Semantik/Pragmatik führt. Bei diesem Weiterschreiten sollte dann nur der emotionale Ersteindruck nicht verdrängt und übergangen werden.

0.93 Ton: Down Syndrom

Die Wahrnehmung via Akustik bleibt, selbst wenn krankheitsbedingt das inhaltlich-logische Verstehen - zuständig: SEMANTIK / PRAGMATIK - ausfällt. Auf die Ausdrucksebene als eigenständiger Wahrnehmungsschiene - zuständig: Ausdrucks-SYNTAX - können Kranke direkt, spontan, körperbetont und unzensiert reagieren - und so allen anderen nebenbei verdeutlichen, was bei ihnen wohl kanalisiert und unterschätzt bleibt. Vgl. [19]

0.94 Plagiat

Wenn jemand aus der Rede eines Anderen Passagen übernimmt - ohne dies kenntlich zu machen -, kann man dies heutzutage via Videovergleich sichtbar machen (man muss also nicht mühsam Buchstaben und Wörter/Wortketten vergleichen und zählen). Vgl. [20]

Das Schöne an dem Beispiel ist, dass nebenbei unsere methodische Trennung bestätigt und illustriert wird: es ist gerade nicht wichtig, dass man die Aussagen inhaltlich versteht. Auch jemand, der des Französischen nicht mächtig ist, erkennt, dass die Rednerin (weil später) vom früheren Redner abgekupfert hat. Dies sichtbar zu machen kann erst unsere Ausdrucks-SYNTAX, die unter Ausschluss der Bedeutungsebene operiert. Auf keinen Fall jedoch die alte Satz-Syntax. Die Frage, was die RednerInnen inhaltlich, als Bedeutungen vortragen, ist hier zunächst noch völlig unerheblich.

0.95 Jahrzehntelang in ausländischem Gefängnis

Nämlich ein Deutscher in USA. Wahrscheinlich aufgrund eines Fehlurteils. Aber nicht die juristische Seite interessiert hier, sondern wie der Journalist - SWP 16.9.2017 - das Deutsch des Inhaftierten im langen sprachlichen Exil wahrnimmt:

"Am Telefon hört man am Anfang des Gesprächs genau,
dass S. lange Zeit nicht mehr in Deutschland war.
Er rollt das R wie ein Amerikaner, das L klingt weich
und halb verschluckt, manche Vokale sind sehr gedehnt.
Leeeeeseeen. Sein Deutsch wirkt ein wenig wie aus der
Zeit gefallen, eher steif. Manchmal sucht er nach den
passenden Wörtern, findet sie aber immer. Er drückt
sich gewählt aus. Im Verlauf des Gesprächs wird sein
Deutsch kantiger, präziser, das R wieder deutlicher.
Als würde er, wenn er eine Weile Deutsch sprechen
kann, wieder deutscher."


1. Gängige Grammatiktheorie - und nötige Revision

1.1 Die Angst der Linguisten vor der Unterscheidung

Also nicht des "Tormanns beim Elfmeter" (Handke)... Mit dem kleinen Beitrag soll niemand geärgert und auch niemand irgendwie zu etwas angestachelt werden. Es sei jedoch die über viele Jahre hin gemachte Erfahrung mit Philologen in Worte gefasst, wonach bisweilen angstvoll gebettelt wurde, man möge doch die Bedeutungen zur Ausdrucksbeobachtung hinzunehmen. Letztere soll und darf also nicht allein betrieben werden. Die Betonung liegt wirklich auf "angstvoll". Belegbar wäre diese Erfahrung von Studierenden bis zu wissenschaftlichen Gutachten. Aber der Einzelnachweis ist nicht das Thema hier. Vielmehr die nahezu unfaßbare Kluft, wonach seit Beginn des 20. Jahrhunderts die theoretisch glasklare Trennung von Ausdruck und Bedeutung von verschiedenen Denkern her artikuliert ist (z.B. de Saussure, Peirce), aber im 21. Jahrhundert der grammatische mainstream sich immer noch sehr schwer tut mit dieser schlichten Erkenntnis. Das Beharren im alten Trott lässt die klare Theorie abprallen. Diese Machtlosigkeit der Theorie gegenüber alten Gewohnheiten ist das eigentlich Provozierende. Man kann es auch umdrehen und von der (unbewussten) Dreistigkeit sprechen, mit der weiterführende rationale Beiträge abgeschmettert werden. Ergebnis dieser Einstellung ist - man kann es in Standardgrammatiken besichtigen -, dass häufig von "Ausdrucksseite", "Ausdrücken" usw. gesprochen wird. In aller Regel folgen dann aber Analysen, die "Bedeutungswissen" erfordern (bei uns also in die Semantik gehören) - und die - in unserem Sinn - ernstgenommene Ausdrucksseite bleibt wieder unerkannt und unanalysiert. Man verwechselt also "Ausdruck" und "Bedeutung", nur um nicht - schön der Reihe nach und ausführlich - beides trennen zu müssen. "Morphem" - "kleinste bedeutungstragende ..." - das Mantra symbolisiert die gängige Nicht-Unterscheidung, zugleich die Schwelle, hinter die niemand treten darf ohne von der 'bedeutungsvollen' Gemeinschaft geächtet zu werden. (Sorry, zwischendurch müssen in der Alternativ-Grammatik auch 'Pamphlete' möglich sein...) --Hs 20:27, 26. Jun. 2011 (UTC)

1.2 Nachhilfe von außen: Computer und "Information"

Nur einige wenige, allgemeinverständliche, aber weichenstellende Hinweise:

Etwa ab den 1930er Jahren und wenig später mit dem Bau
des ersten Computers (Konrad Zuse) wurde das Nach-
denken darüber, was Information sei, sehr wich-
tig. Es entwickelte sich die Informationstheorie,
ein wichtiger Vertreter: Claude Shannon. 
Für die seither rasant sich entwickelnde Computerwelt
ist die Informationstheorie äußerst wichtig.

Wer nun nicht vom Fach ist und das Stichwort Information hört, muss dringend auf Folgendes hingewiesen werden:

  1. In der Alltagssprache verwenden wir Information im Sinn von Bedeutung, als inhaltliche Botschaft, als existenziell für mich wichtige Erkenntnis.
  2. In der Computerwelt hat Information mit den Aspekten unter Punkt 1 nichts zu tun. Hier geht es nur um technische Symbole, elektrische Impulse und die Frage, wieviele durch welchen "Kanal" = Datenleitung in welcher Zeit übertragen werden können. Ob mit den technischen Impulsen eine Bedeutung verbunden ist oder nicht, interessiert bei dieser Betrachtungsweise nicht. Das wäre erst noch separat zu klären.

Der Sinn dieses Hinweises ist also ein mehrfacher:

  • Die Leute von der Computerindustrie führen somit - theoretisch und praktisch - vor, dass eine strenge Trennung von Ausdruck und Bedeutung möglich ist. Ohne diese Trennung gäbe es die ganze schöne neue Internet-Welt nicht.
  • Man muss folgern: Wer weiterhin behauptet, man könne/dürfe 'Ausdruck' und 'Bedeutung' gedanklich nicht trennen, hat nicht mitbekommen, was seit Beginn des 20. Jahrhunderts Sprachtheoretiker vortrugen, was dann durch Computerwissenschaft aufgegriffen und umgesetzt wurde.
  • Vorsicht beim Begriff "Information": Wer immer das Wort hört, sollte beachten, in welchem Zusammenhang es verwendet wird. Ist es alltagssprachlich gemeint, oder computertechnisch?
  • Gleiche Vorsicht beim Begriff "Syntax": Jeder Programmierer versteht unter "Syntax" das festgelegten Normen entsprechende 'Zusammenstellen von Ausdrücken'. Die äusserlich korrekte Schreibung ist wichtig, damit die Maschine später umsetzen kann, was der Mensch ihr aufgab. Dagegen würde jeder traditionelle Grammatiker bei "Syntax" die 'Kombination von Bedeutungen', die Bildung von Sätzen auf der Basis von Bedeutungswissen nennen. Auch da gilt: Informationstheorie und traditionelle Grammatik verwenden den Begriff völlig verschieden.

1.3 Automatisches Übersetzen

Da Computer von "Bedeutungen" nichts verstehen - außer man bringt es ihnen auf vertrackte Weise bei -, aber vor "Ausdrücken"/"Information" wie in Punkt 1.2 erläutert -, stellt sich die Frage, wie man das Projekt "Automatisches Übersetzen" angehen soll.

  • Menschliche Übersetzer müssen immer beides verarbeiten: was die Ausdrücke in der einen Sprache inhaltlich aussagen wollen, ist zunächst mal zu erkennen = zu verstehen. Ab dann kann versucht werden, für die gleichen Bedeutungen in der Zielsprache die richtige Folge der dort geltenden Ausdrücke zu finden.
  • Maschinelle Übersetzer müssen anders vorgehen, da sie extrem schnell (bei den Ausdrücken), aber eben auch 'dumm' sind (keine Bedeutungen). - Folglich geht das Google-Team wie folgt vor (aus SPIEGEL 37/2013):
"Vereinfacht gesagt, setzt der Computer existierende
Übersetzungen in Beziehung zueinander und lernt
eigenständig aus diesen Milliarden und Abermilliarden
von Wörtern, wie er das am besten zu machen hat ...
Am Ende berechnen wir die Wahrscheinlichkeit einer
Übersetzung."
   Und je mehr Daten es gibt, umso besser funktioniert
das System. Der Übersetzungscomputer wurde deswegen
auch erst mit dem Internet möglich: Das weltweite Netz
bietet einen riesigen Schatz bereits vorhandener
Übersetzungen.
   Die Algorithmen durchforsten den Wust, sie sammeln
und lernen. Wenn der Computer beispielsweise einen Satz
vom Französischen ins Deutsche übersetzen soll, sucht
er nach passenden existierenden Phrasen und berechnet,
wie er daraus am besten einen neuen Satz komponieren
kann.
   Das funktioniert oft gut, aber längst nicht perfekt.
Syntax (im gewohnt grammatischen Sinn), Intonation,
Doppeldeutiges bleiben ein großes Problem für die
Maschine. So kommen immer wieder Übersetzungen zustande,
die zwar gerade noch verständlich, für Sprachwissen-
schaftler jedoch ein Alptraum sind. Die Maschine hat
kein Gefühl für Ästhetik.  

1.4 Automatischer "Kanal"-wechsel

Im Prinzip die gleichen Probleme kann man jetzt schon testen: Man sende eine SMS an einen Festnetzanschluss. Beim Empfänger muss also das visuelle Signal in ein akustisches "übersetzt" werden. Das funktioniert auch schon ganz gut, nur eben mit dem in Punkt 1.3 genannten Defizit bei "Intonation" und "Ästhetik". Als Schikane baue man in die SMS ein: Wechsel von der Hochsprache in den Dialekt. Das kann ja aus Gründen des zärtlichen Begleittons erwünscht sein. Aber: die übertragende Maschinenstimme wird dabei vollkommen ins Schleudern geraten - nichts kann mehr verstanden werden.

1.5 Didaktik: Rechtschreibung lernen durch das Hören ??

Da die 'Übertragungskanäle' auf Ausdrucksseite - "schriftlich", "mündlich" - so klar unterschieden sind, weist jeder eigene Merkmale und Funktionsweisen auf. Es ist folglich undenkbar, dass Grundschüler via "Hören" einigermaßen schlüssig und selbstständig zum "richtigen Schreiben" finden, also akzeptabel den Kanalwechsel hinbekommen. Als didaktisches Konzept überzeugt dies vor der Sprachtheorie überhaupt nicht. Es wird immer ein beträchtlicher Zusatzaufwand nötig sein, um die Kinder eben doch noch zu einer akzeptablen Rechtschreibung zu bringen. Nur in der 'ersten Runde' ist der didaktische Aufwand angenehm bequem. Die Didaktiker mögen klären, wie rationell für alle Beteiligten die später nötige 'zweite Runde' ist. Vgl. auch [21] mit Folgepunkten.

Ergänzung (nach einem Kommentar in SPIEGEL 20/2014): Eine Expertenanhörung im Landtag von NRW erbrachte "katastrophale Defizite in der Rechtschreibung" bei Grundschülern, "dass diese Unterrichtsmethode die Kinder zu Rechtschreib- und damit Schulversagern mache." Zusatzaspekt: "Die wahren Verlierer dieser Schreiben-nach-Gehör-Methode sind, auch das zeigen Studien klar, Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, Kinder, deren Eltern selbst kaum Deutsch sprechen. Diese Eltern können nicht mit ihren Sprösslingen das 'ie' üben, bis es sitzt. Sie können auch keinen Nachhilfeunterricht bezahlen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Schule ihren Kindern das richtige Schreiben beibringt."

1.51 Didaktik: Fehlanzeige auf Universitätsebene

Von M. Granzow-Emden erschien 2013 "Deutsche Grammatik verstehen und unterrichten", ist also auf Lehramtsstudierende ausgerichtet. Das Inhaltsverzeichnis legt offen, dass Weichenstellungen, die von der Alternativ-Grammatik durchgeführt werden, in dem Buch keinen Platz haben. Beispiele:

- Kap. 2 "Das Verb als Schlüssel zum grammatischen Verstehen".
  - Verf. meinte wohl  "Prädikat".
  Aber die Verwechslung von "Verb" und "Prädikat" ist Stan-
  dard in traditioneller Grammatik. Nominalsätze gibt es
  auch bei uns im Deutschen - wenn auch seltener als z.B.
  in semitischen Sprachen. Ist der ostfriesische Wetter-
  stein laut Verf. weitgehend unverstehbar?
  Vgl. [22].
  Wenn ja, dann muss der im Inhaltsverzeichnis behauptete
  "Schlüssel" weggeworfen werden.
  Stattdessen interessiert das "Prädikat" beim Verstehen -
  wobei offen ist, ob und wie es auf Ausdrucksseite reali-
  siert ist.
- Mit diesem Start ist die Weiche gestellt, dass eigent-
  lich nur "Sätze" interessieren. Das ist in jeder Spra-
  che zu wenig: es gibt auch Äußerungen, die keine Sätze
  sind. Sie dürfen nicht unter den Tisch fallen, haben
  immer eine wichtige "Funktion".
  Deswegen arbeiten wir mit dem Oberbegriff: "Äußerungs-
  einheit",  vgl. [23].
- Kap.3 bietet häufig das, was wir im ersten Zugang
  trennen, nämlich das Paar "Form und Funktion". Warum
  immer gleich komplex einsteigen, wenn es einfacher
  und übersichtlicher geht - muss man den Didaktiker
  fragen?
  Richtig: "Muster statt Regeln". In der Tat wird der
  "Regel"begriff in Grammatiken überbetont. "Muster"
  ist angemessener.
- Kap.4 ist verkappt, was bei uns SEMANTIK wäre, aber
  auch gleich mit der Frage der 'Position' verknüpft,
  also einem Merkmal der Ausdrucksseite.
- Kap.5 blickt über den Einzelsatz hinaus, behandelt
  Satzverbindungen. Das wars dann schon mit
  pragmatischen Fragestellungen. Man betrachte
  unser Inhaltsverzeichnis zur PRAGMATIK und regist-
  riere, was in dem Schulgrammatik-Vorschlag alles
  fehlt.
  Es fehlt sehr vieles von dem, was - als Lohn der Mühe -
  die Beschäftigung mit Sprache interessant macht.

Die weiteren Kapp. fallen wieder zurück und liefern viele Details zur Wortformenlehre nach. Damit enttäuscht das Buch nicht nur sprachwissenschaftlich, sondern auch didaktisch: Nicht nur eine pragmatische Bedeutungslehre fehlt (darin oft erkennbar: Raffinesse, Humor, gedankliche Fehler = Ansatz für Kritik usw.), sondern einen Großteil des Buches nimmt schließlich das Wortbildungs-Kleinzeug ein. Das ist unattraktiv für Lehrpersonen wie für SchülerInnen. - Merkwürdig, das man dies einem Didaktiker entgegenhalten muß.

2. Eigenwert der Ausdrucksseite: Gefühle

Was akustisch bei gesprochener Sprache oder Musik zu vernehmen ist, was man an der Schrift erkennen kann - entweder Handschrift, oder Kalligraphie - hat zunächst seinen eigenen Erkenntniswert. Dabei geht es gerade nicht darum, was zusätzlich an Bedeutungen mit diesen physischen Ausdrucksketten verbunden ist - so dass man fortan über die Bedeutungen, nicht über die Art der Ausdrücke reden würde. Sondern wie die physischen Ausdrucksketten selbst strukturiert sind und geboten werden, das spricht selbst schon. Das zu erkennen, braucht es nicht erst die Hinzunahme eines ganz neuen Feldes, das der 'Bedeutungen'.

  • Bild - hierbei und bei weiteren Erzeugnissen der bildenden Kunst kann ich ja auch nicht erst zu denken anfangen, sobald ich auf dem beigegebenen Etikett gelesen habe, was dargestellt sein soll;
  • Musik ist 'eindimensional', d.h. die Abfolge und Art der Noten/Töne/Zusammenstellung der Instrumente zählt. Was dabei herauskommt, repräsentiert schon gültig die Botschaft - man muss sie nicht erst durch gelerntes Zusatzwissen ("Bedeutungen") dechiffrieren.
  • Zusatzimpulse bei Musik wie gesprochener Sprache - wirken weitere "Kanäle", auf denen die Botschaft den Adressaten erreicht: mag ein Musikstück in mehreren Darbietungen korrekt wiedergegeben sein, dann machen sich immer noch Unterschiede bemerkbar beim Klang der Instrumente und deren Bauart (Stradivari, Guarneri - im Fall von Violinen, ähnlich bei anderen Instrumenten). - Beim Gesang achtet man darauf, ob Klarheit der Stimme, aber auch Wärme gegeben sind u.ä. - Gesprochene Sprache kann sich unterscheiden in der Geschwindigkeit - darin Hörer überfahrend, oder gut berücksichtigend -, vernuschelte Artikulation u.ä. - Begleithandlungen (Blickkontakt, Gesten usw.) werden beachtet.

Das Thema Ausdrucksseite von Äußerungen kann sich - sobald man genauer hinschaut - als sehr komplex erweisen. Und man muss unterstellen, dass es diese Ebene ist, die viel nachhaltiger spricht und als Botschaft 'verstanden' wird, als Wortbedeutungen, die man zu Sätzen zusammenbaut.

  • Der Kniefall Willy Brandts in Warschau im Blick auf Holocaust-Opfer ging in die Geschichte ein - er wurde stumm vollzogen.

2.1 Musik und die Frage der Stimmungen

Mit Stimmung ist hier nicht die emotionale Gestimmtheit gemeint, sondern die klangliche Ausrichtung der Instrumente. Ein Musikstück zu analysieren und zu üben ist positiv. Zwischendurch sollte sich der Blick auch auf die materiellen Vorbedingungen des Musizierens richten. Das versucht heutzutage ja die "historisch informierte Aufführungspraxis".

"Temperieren heißt ausgleichen; es werden also einige
Intervalle bewußt falsch gestimmt (aber in einem möglichst
erträglichen Ausmaß), damit man in sämtlichen Tonarten
spielen kann. Die primitivste wohltemperierte Stimmung ist
die sogenannte 'gleichschwebende Stimmung'. Dabei wird die
Oktave in zwölf genau gleiche Halbtöne unterteilt, alle
Intervalle außer der Oktave sind etwas unrein. In dieser
heute allgemein üblichen Stimmung gibt es keine Tonarten-
charakteristik, alle Tonarten klingen gleich, nur in
verschiedener Tonhöhe. Wenn man aber, wie im 18. Jahrhun-
dert, unter wohltemperiert gut und brauchbar temperiert
versteht, dann ist diese moderne Stimmung eine der
schlechtesten (sie war übrigens auch damals schon bekannt,
obschon technisch nicht stimmbar; das ist sie erst seit
der Erfindung der elektronischen Stimmgeräte)."  
N. Harnoncourt: Musik als Klangrede. 1985. S. 85.


2.2 Baby-Hirne reagieren auf Gefühle im Stimmklang

Laut einem SPIEGEL-Online-Bericht vom 1.7.2011 wurde erkannt, dass Babys im Alter von 3 Monaten bereits Geräusche unterschiedlicher Quellen unterscheiden können und speziell bei menschlichen Stimmen auf - natürlich wortlos - enthaltene Gefühle reagieren.

"Dennoch vermag das menschliche Gehirn auch im frühen
Entwicklungsstadium mitunter mehr, als man denkt. Dafür
haben Wissenschaftler jetzt erneut deutliche Hinweise
gefunden: Menschliche Stimmen regen schon beim Baby
dieselben Hirnregionen an, die auch beim Erwachsenen für
die Verarbeitung solcher Signale verantwortlich sind. Wie
britische Forscher im Fachmagazin "Current Biology"
berichten, sind Teile des Großhirns im Alter von drei
Monaten bereits weiter entwickelt, als man bisher angenommen
hatte. Mit Hirnaufnahmen durch die sogenannte funktionelle
Kernspintomografie (fMRT) konnten die Neurobiologen zeigen,
dass Babys wortlose menschliche Laute von anderen 
Geräuschen unterscheiden konnten. Auf traurige Lautäußerungen
reagierten sie dabei besonders stark. Dieses Beispiel einer
sehr frühen Spezialisierung von Teilen der Großhirnrinde sei
von großer Bedeutung für das Verständnis der kindlichen
Entwicklung, schreiben die Wissenschaftler. Zuvor hatten
Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und
Neurowissenschaften ähnliche Beobachtungen gemacht: 
Sie fanden heraus, dass Kleinkinder schon im  Alter von
sieben Monaten menschliche Stimmen und die mit dem Stimmklang
übermittelten Emotionen erkennen können."

2.3 Computer reagieren auch auf Gefühle im Stimmklang

Aus SPIEGEL-Online (7.12.2011):

Spracherkennung - Vorsicht, Ihr Computer hört Ihre Angst...
Der Supercomputer, der in dem Kinofilm "2001: Odyssee im
Weltraum" die Besatzung eines Raumschiffs bis auf eine Person
auslöscht, kennt seinen letzten  verbliebenen Nutzer
erstaunlich gut. Nicht nur, dass HAL 9000 versteht, was der
Mensch ihm sagt, der Rechner kann auch dessen emotionalen
Zustand deuten. Das mit dem Verstehen von Anweisungen und
Fragen klappt schon recht gut, wie Apples Spracherkennung
"Siri" im aktuellen iPhone zeigt. Nun arbeiten Informatiker
und Sprachexperten daran, dass auch der einfühlsame Rechner
keine Science-Fiction bleibt.
Erste Systeme sind bereits im Einsatz, in Callcentern
sollen sie Kunden aufspüren, bei denen sich ein Verkaufs-
gespräch lohnt. Wie das funktioniert, erklärt Bin Yang,
Professor am Institut für Signalverarbeitung und System-
theorie an der Universität Stuttgart:
"Wenn jemand traurig ist, spricht er meistens langsam und
nicht so laut. Wenn jemand wütend, glücklich oder überrascht
ist, hingegen lauter und schneller." 
Aus solchen Merkmalen wird ein digitales Sprachprofil
berechnet. "Wir setzen ein mathematisches Verfahren zur
Mustererkennung ein, so wie es auch bei Spracherkennung,
einem Fingerabdruck oder Iris-Scan gemacht wird."

2.4 Gefühle via Grafik/Farben - Olympische Spiele 1972 in München

Problem bei der Planung laut Chefdesigner Otl Aicher - erwähnt bei Pörksen, zitiert aus DA A. Sperrle 65:

Das damalige äußerliche Erscheinungsbild Deutschlands sollte verändert werden. "Die letzte sportliche Großveranstaltung zu diesem Zeitpunkt waren die Olympischen Spiele 1936, die von den Nationalsozialisten propagandistisch inszeniert worden waren. Die damaligen Werte, wie sie in Leni Riefenstahls Film Triumph des Willens übermittelt wurden, waren totale Organisation, Perfektion, Ästhetik der Technik und 'nationalbürgerliche Kultur', wie Pörksen ausführt. 1972 sollte ein entspannteres, weltoffeneres, freundliches und tolerantes Klima die Spiele begleiten, so Otl Aicher:

"Wir hatten also zu überlegen, mit welchen farben wir die
olympischen spiele in münchen zu belegen hatten. diese frage
nahmen wir sehr ernst. Es war unmöglich verbal zu erklären,
die deutschen sind anders. Niemand macht sich solche beteue-
rungen zu eigen. Sie werden als konstruierte selbstrechtfertigung
verstanden. Viel bestimmender ist eine aussage mit nichtverbalen
Mitteln wie zum beispiel mit farben. Wir hatten also zu überlegen,
welche teile des farbkreises schaffen glaubwürdige identität mit
einem anderen Deutschland. Verzichtet man auf rot und gold, ergibt
sich eine wesentliche verschiebung und profilierung des
erscheinungsbildes. Verzichtet man noch auf die dunklen
farbgewalten von bayreuth und das pathos der oper, gewinnt man ein
spektrum der spielerischen leichtigkeit, um die sich auch der barock
bemüht."

Erkenntnis: Ohne die Ausdrucksebene läuft nichts. Aber längst nicht muss das, was einem wichtig ist, in bedeutungsschweren Sätzen ausformuliert werden - dieser Meinung sind nur schlechte Prediger. Stattdessen: die Ausdrucksseite spricht bereits ohne Semantik, oft sogar wirkt sie viel stärker. - Das Design der Spiele war natürlich auch eine Art Propaganda, aber eine sympatische.

2.41 Malen = Reden

Berlin bleibt Berlin, sagte mein Vater, und dann: Warum glaubst du,
Max? Warum verlangen sie es von dir? Warum sollst du aufhören zu
malen? Der Maler zögerte.
Vielleicht rede ich zuviel, sagte er. Reden? fragte mein Vater.
Die Farbe, sagte der Maler, sie hat immer was zu erzählen: mitunter
stellt sie sogar Behauptungen auf. Wer kennt schon die Farbe.
(S. Lenz, Deutschstunde. 45. Aufl. 2014. S.41)

2.5 Namensgebung nur nach Klang ?

... das wurde zumindest Eltern in Tennessee per Gerichtsbeschluss verboten. Sie wollten den Neugeborenen "Messias" nennen. Die Richterin argumentierte von religiösen Gefühlen her, also inhaltlich, die Mutter vom Klang her - im Verbund mit den Namen ihrer weiteren Kinder (aus Spiegel-Online, 13.8.13):

Das Wort Messias stammt aus dem Hebräischen und bedeutet
"der Gesalbte" - es steht meist für den im Alten Testament
der Bibel verheißenen Erlöser.
"Ich habe meinen Sohn nicht Messias genannt, weil das Gott
bedeutet. Ich hätte nicht erwartet, dass eine Richterin mich
zwingen könnte, den Namen meines Sohnes wegen ihrer
religiösen Ansichten zu ändern", sagte die Mutter. Ihr habe
einfach der Klang von Messias gefallen - vor allem zusammen
mit den Namen ihrer anderen Kinder Micah und Mason. Sie
kündigte umgehend Einspruch gegen das Urteil ein. 
Die endgültige Entscheidung wird im September erwartet."

2.6 Bombenterror => Beethoven

aus SZ 16./17.5.2015: In Bagdad regieren Tod und Terror. Diese Stadt lässt sich nur aushalten, wenn man auf die Bomben mit Beethoven antwortet. Zum Glück gibt es noch Künstler und Musiker. Sie spielen, um sich selbst zu retten - und ihr Publikum. ...

Welch ein Kampf! Hier: die Kräfte der Finsternis, die
unfrisierten Horden des Islamischen Staates, die Iraks
Wüsten und Städte in stumme, geschundene Blutlande
verwandelt haben. Dort: ein Mann und sein Cello.
  Beim ersten Mal war die Bombe im Edelstadtteil Mansur
im Westen Bagdads explodiert, einen Steinwurf von Karim
Wasfis Haus entfernt. Fünf Menschen starben. In der
Nacht zuvor hatte er ein Stück komponiert, 'Baghdag Morning
Melancholy'. Nun trug er sein Cello zur Stelle des
Anschlags und spielte, ein wildes improvisiertes Aufbäumen,
ein Impromptu auf verbranntem Asphalt.
Die Zuschauer waren sprachlos, Dschassim, der Krüppel, der
Bäcker, der Schumacher, der Besitzer des Kaffeehauses, wo
Wasfi sonst über Partituren brütet, 'sie waren wie
hypnotisiert', sagt Wasfi. Das Internetvideo verbreitete
sich in Windeseile. Licht oder Dunkelheit. 'Man muss das
Gleichgewicht wiederherstellen', sagt Wasfi. 
   Das klingt bombastisch, ist aber nicht falsch ... Unter
irakischen Bedingungen ist Kunst mehr als Ablenkung, sie
ist Nothilfe, ja, Erlösung.
'Aseisa' heißt das Stück von Bassem Al-Tajeb, der Titel
meint irgendwas zwischen Krise und Chance. ...
   [Zum Orchester:] Nach der Pause spielen sie Beethoven,
die Fünfte, tausendmal gehört ... hier klingt die
Symphonie wie gerade fertigkomponiert. All das Beben,
das Leiden, die Hoffnung eines Landes im Kampf mit sich
selbst liegen in ihrem Spiel, etwas Zwingendes,
Unbedingtes, das sich nicht in Noten fassen lässt, aber
das Ziel aller Musik ist.
   Danach ist die Truppe erschöpft, aber auf seltsame
Weise ruhig, ja friedlich. Bereit für einen neuen Tag
in Bagdad. 

2.7 Gedrucktes Buch

Wohlgemerkt: Was wir als saubere Trennung von "Ausdrucksseite", also das, was man hört oder geschrieben sieht, und "Bedeutungsseite" - was man an Inhaltsvorstellungen damit verbindet, zuvor demnach gelernt haben muss - propagieren, ist in Ziff. 2.7 nicht das Thema.

Stattdessen geht es davor schon um Eigeneffekte, -beiträge, spezielle Begrenzungen des Mediums, in dem die Sprachübermittlung abläuft - die sollten auch nicht übersehen werden...

Eine Liebesbeteuerung, die mich in Form einer Morse
-Botschaft erreicht, mag ja anrührend sein, wirkt
zunächst aber öde, eintönig, technisch, 'schwierig',
verdunkelt.
 

In einem Interview - SWP 13.1.2016 - geht der Kinderbuchautor Paul Maar auf das Thema E-book ein:

Vor zwei, drei Jahren haben die Buchverlage große
Hoffnung in E-Books für Kinder gesetzt. Ist das die
Lösung? Der Markt stagniert ja.
MAAR: Mich wundert das nicht. Ich glaube an das
gedruckte Buch, das man abends mit ins Bett nimmt,
das beim Umblättern knistert, das nach Buch riecht.
E-Books sind sicher für manche eine tolle Sache,
wenn sie viel lesen und unterwegs sind. Das
Elektronische wirkt etwas kühl, nicht emotional -
aber genau das müssen Bücher für mich sein."

2.8 Kleidung

nach dem gleichnamigen Roman von Nagib Machfus. Echnaton. Der in der Wahrheit lebt: Zürich 1999. S.94. - Tij, die Frau des Weisen Eje, von Nofretete in den Hofstaat aufgenommen, blickt zurück:

"Es kam der Tag, da der dreißigste Jahrestag Amenophis'
des Dritten (NB. Vorgänger von Echnaton) gefeiert wurde,
und wir hatten die Ehre, daran teilzunehmen. Ja, selbst
die Töchter durften uns zum ersten Mal begleiten. Sie
freuten sich, einer Feier im Palast der Pharaonen beizu-
wohnen. Ich gab mir große Mühe, die beiden Mädchen gut
aussehen zu lassen, damit sie der auserlesenen Schar jun-
ger Männer gefielen. Sie trugen lange, fließende Gewänder,
und die Schultern bedeckte eine brokatbestickte Stola. Die
Riemen ihrer Sandalen waren aus purem Gold."

2.9 Haarschnitt - Barber Angels Brotherhood

aus SWP 5.12.17. - Alle wissen, dass Haarschnitt "spricht". Nachfolgend geht es um solche, Obdachlose, die sich diesen finanziell nicht leisten können. Dem kommt die angezeigte freiwillige, gesponserte Vereinigung entgegen. Interessant, dass die Arbeit an diesem Ausdruck letztlich zu neuen, vielleicht weiterhelfenden Kommunikationen führt.

Niedermaier und seine mittlerweile mehr als 70
Mitstreiter aus ganz Deutschland haben inzwischen
in mehr als 20 Städten rund 2600 Obdachlose
frisiert und dabei Erfahrungen über die Wirkung
eines Haarschnitts gesammelt. "Wir sehen, wie
unsere Kunden aus dem Stuhl herauswachsen", erklärt
der Chef der Barber Angels. Die Haltung der
Menschen werde aufrechter, es mache sich ein Lächeln 
im Gesicht breit. "So etwas stärkt das Selbsbewusst-
sein," sagt Niedermeier. Immer wieder bekomme er
nach seinen Einsätzen Anrufe von Obdachlosen, die
er gestylt hat. Sie berichten ihm, dass sie sich mit
dem neuen Äußeren getraut hätten, in einem Super-
markt nach einem Job zu fragen oder sich eine
Wohnung anzuschauen. 
... Auf dem Friseurstuhl kommen die Kunden immer
wieder ins Reden, und berichten den Barber Angels
von ihrem Lebensweg. "Wir hören immer wieder drama-
tische Geschichten von Krankheit, Sucht,
Beziehungsproblem und tiefen Enttäuschungen", sagt
Niedermeier. Um damit klarzukommen setzen sich die
Mithelfer nach ihren Aktionen immer zu einem Nach-
gespräch zusammen. "Da gibt es am Anfang immer
eine zehnminütige Phase, in der keiner spricht und
jeder das Erlebte erstmal mit sich selbst ausmacht",
erzählt der Gründer der spenden-finanzierten Aktion. 


3. Sprachlicher Fingerabdruck

Gentests überführen in unserer Zeit Kriminelle - mögen die noch so sehr die Täterschaft abstreiten: Gegen die Sicherheit echter Fingerabdrücke oder genetischer kommen Worte nicht an. So sicher sind die Nachweise. - Gibt es Vergleichbares auch bei der Sprache? - Antwort: Ja. Gleichgültig, was einer inhaltlich beteuert: schon seine Schriftzüge, Wortverbindungen oder Stimmklang, -modulationen geben meist sichere Hinweise über die Identität der Person. - All das liegt auf der Ebene der SYNTAX - so wie wir sie verstehen, also ohne bereits auf die Bedeutungen zu achten.

3.1 Psalm im Jonabuch

Wie ein solcher Nachweis ablaufen kann, sei bewusst an einer Fragestellung erläutert, die 'Normalbürger' so leicht nicht durchführen und überprüfen können. Aber man nehme nur mal die Ergebnisse zur Kenntnis und vergleiche sie - dann wird die Art der Fragestellung klar:

  1. Im alttestamentlichen Büchlein Jona (der von einem großen Fisch verschluckte Profet) wurde diskutiert, ob der Psalm, der sich in 2,2-10 findet, ursprünglich zur umgebenden Erzählung gehörte. Oder ob er nachträglich eingefügt worden war.
  2. Es lassen sich durchaus Beobachtungen nennen, die zum Ergebnis haben: ja, der Psalm ist nachträglich hinzugefügt, von einem anderen Menschen als dem Autor der Grunderzählung.
  3. Das kann man testen, indem aus der angenommenen Grunderzählung einerseits, aus dem Psalm andererseits alle Zweierwortketten genommen werden und geschaut wird, wo sie im restlichen Alten Testament sonst noch vorkommen. Die Suche am hebräischen Text ist natürlich sehr aufwändig und nur vom Computer durchführbar.

Grund der Versuchsanordnung: Wenn wir einen Text schreiben, achten wir nicht bei jeder Wortverbindung darauf, wo sie sonst noch in Gebrauch ist. - Da hätten wir viel zu tun und es wäre vielfach auch gar nicht leistbar. - Sehr vieles fließt unbewusst in unser Schreiben ein. Genau das ist die Chance und zugleich der Zweck des Tests: die Herkunft der Sprechweisen soll erkannt werden. In welchen Texten wird vergleichbar gesprochen? Oder überlappen sich die Ergebnisse? - In diesem Fall wäre nachgewiesen: Grunderzählung und Psalm haben den selben Autor. - Wir konzentrieren uns auf die besonders deutlichen Befunde:

  1. Für die Grunderzählung (1,1-2,1; 3,1-Schluss) ergibt sich eine große Verwandtschaft mit 1 Kön 8; 22; 1 Sam 12; 16; 2 Chr 6; 18; Dtn 28; 31, Ex 4-10. Das sind Kapitelangaben, die niemand nachschlagen, sondern nur zur Kenntnis nehmen muss.
  2. Für den Psalm gelten vorrangig folgende Verweise: 1 Kön 8; 1 Sam 7; 1 Sam 12; 2 Chr 6; 2 Kön 17; Ex 8-10; 19; Jer 42; und besonders stark Jos 24.

Man muss vom hebräischen Alten Testament nichts verstehen und kann doch auswerten:

  • Es gibt gleiche Sprachgrundlagen in der Grunderzählung und im Psalm
  • Vorwiegend jedoch sind die Sprechweisen (Verbindung zweier Wörter) / sprachliche Hintergründe verschieden.

Folglich: Auch von dieser Seite her - und nun mit einem sehr hohen Maß an Sicherheit - ist nachgewiesen, dass Grunderzählung und Psalm nicht vom selben Verfasser stammen können.

4. Kommunikation via Elektronik

... ist weitgehend die Frage der "Zeichenerkennung, -umwandlung, -verschlüsselung" - wobei an diesem Sprachgebrauch nur der Begriff "Zeichen" nicht gefällt. Gemeint sind nämlich nicht "Zeichen = Verbindung von Ausdruck + Bedeutung", sondern es sind nur die Ausdruckselemente gemeint. Steht an irgendeiner Stelle Ƿ oder Ȝ oder Ð oder eben nicht? Den Rechner interessiert nicht, was mit diesen Ausdrücken (und ihrer Zusammenstellung - SYN-TAX) an Bedeutungen verbunden ist.

Das wäre dann bei Spähprogrammen die Aufgabe der Schlapphüte
- sie müssten im konkreten Fall jedoch die Konventionen des
Altenglischen beherrschen.

Gemeint bei Schnüffel- und Spionageprogrammen sind also Ausdrücke und ihre Verkettung.

4.1 Verschlüsselung

Angenommen, es solle die Ausdruckskette "ÐȜǷ" übertragen werden - und das komme mir als zu brisant vor -, kann ich mir eine Verfremdung überlegen. Sie liegt ganz bei mir - und ich sollte sie nicht publik machen. Bestandteil meines Verschlüsselungssystems ist auch die Festlegung, dass das fragliche Schriftzeichen immer durch zwei andere wiedergegeben wird. Auch die Schreibrichtung muss klar sein (im aktuellen Fall ist ein anschließendes inhaltliches Verstehen nur möglich, wenn man von rechts nach links liest - und merkt, dass die Einzelsprache Hebräisch im Spiel ist).

Ƿ  soll als "xy" übertragen werden
Ȝ  grundsätzlich als "lk"
Ð  als "üä"

Dann sieht die Ausdruckskette während der Übertragung so aus: "xylküä". Niemand - sofern er nicht meinen Schlüssel kennt - wird auf die Idee kommen, es stecke "ǷȜÐ" dahinter. Das Dechriffrieren benutzt den selben Schlüssel nur eben rückwärts, um das ursprüngliche Wort wiederherzustellen. - Natürlich sind komplexere und damit noch schwieriger zu erkennende "Schlüssel" möglich.

Merkt ein Schuft, der Botschaften abfangen will, dass er sich mit der Verschlüsselung schwertut, kann er versuchen, die Botschaft abzufangen bevor sie der Verschlüsselung unterworfen wird. Das geht - und dann ist die Verschlüsselung ausgehebelt. Um diesen Trick zu unterbinden, gibt es "gehärtete Betriebssysteme", die verhindern, dass man auf die noch unverschlüsselte Botschaft zugreifen kann.

Wenn die Verschlüsselung klappt, ist es dennoch möglich, wenigstens Metadaten herauszuziehen. Die Botschaft selbst bleibt zwar verborgen. Aber ich erkenne dann wenigstens - das kann auch schon aufschlussreich sein -, wer mit wem kommuniziert hat, wann, von wo aus?

5. Zeichnen, Bilder

Wir sprechen, oder schreiben - und damit Schluss der Kanäle auf Ausdrucksebene? - Was ist mit Artikulation via Grafik, Bildern?

5.1 Comics

Laut SPIEGEL 52/2013 behauptet US-Psychologe Cohn, Comics sprächen eine eigene Sprache - die durchaus einer festen Grammatik folgten. Auszüge:

Cohn erkannte ein eigenes Vokabular. Flackern in Donalds
Augen Herzen, ist er gerade in Liebe zu Daisy entbrannt;
steht in seiner Sprechblase "@#S%&!", rast er vor Zorn.
Sein Körper, in gestrichelten Linien gezeichnet, bedeute,
er ist unsichtbar, und leuchtet über seinem Kopf eine
Glühbirne, kommt ihm eine Idee. Läuft hingegen einer
Manga-Figur aus der Nase eine Blase, ist das das
japanische Zeichen für Schlafen ...
"Wir haben gelernt, auf drei Arten Geschichten zu
erzählen," erklärt die Comic-Figur Cohn. "1. Wir können
mit unserem Mund Laute bilden - so sprechen wir. 2. Wir
können unseren Körper bewegen - und in Zeichensprache
reden. 3. Wir können zeichnen - woraus in unserer Kultur
Comics (und Ikea-Bauanleitungen) hervorgingen." ...
Wenn Aborigines in Zentralaustralien Geschichten
erzählen, setzen sie sich und zeichnen in den Sand.
Zunächst wischen sie Äste und Steine weg. Den
Zeigefinger abgespreizt, malen sie mit dem Mittelfinger.
Ein Strahlenkranz: Feuer. Ein Halbkreis mit einer Linie
darin: Jemand schläft in einer Höhle. Ein Schlag mit dem
Handrücken auf den Boden beendet schließlich die
Geschichte. Nur wer das Zeichnen beherrscht, gilt auch
als fließender Sprecher.
    Zusätzlich beherrschen sie eine Zeichensprache.
Simultan erzählen die Aborigines so auf drei Ebenen -
präziser, als gesprochene Sprache allein es vermag: Ist
die Skizze eines laufenden Mädchens nach Norden
ausgerichtet, weiß der Zuhörer, in welche Himmelsrichtung
das Kind ging. Er erfährt, wo es stand, ob andere dabei
und wie nah sie waren.

6. Gebärdensprache

Die Bedeutungen, die Hörende via Akustik rekonstruieren können, müssen für Gehörlose auf anderem 'Kanal' = mit anderen 'Ausdrucksmitteln' zugänglich gemacht werden.

6.1 Fernsehkanal Phoenix

Vorschlag: man kann eine Nachrichtensequenz aufnehmen und durch wiederholtes und schrittweises Analysieren

  • ohne auf die Bedeutungen zu achten zunächst zu isolieren versuchen, welche einzelnen Gebärden / Gesten zu dieser Art Sprache gehören, welche Körperpartien - Mund, Kopf, Hände usw. - offenkundig als anerkannte und beim betroffenen Kreis von Adressaten bekannte Signale vorausgesetzt werden können;
  • wie in der natürlichen Sprache ist es erst ein neuer Schritt, dann auch zu fragen, welche Bedeutungen sich mit den einzelnen/kombinierten Signalen verbinden = SEMANTIK.

Dabei hat man bei einer Nachrichtensequenz auf Phoenix eine gute Kontrollmöglichkeit, weil der akustische Übertragungsweg ebenfalls zur Verfügung steht. Nach diesem Reinschnuppern kann man eine(n) kompetente(n) Sprecher/in der Gebärdensprache hinzuziehen und befragen.

7. Spracherwerb bei Kleinkindern

Was wir methodisch auf 3 Ebenen verteilen, kann natürlich auch helfen zu verstehen, wie Kleinkinder den Sprachgebrauch lernen.

7.1 Aufwändiges Forschungsprojekt

  1. (Ausdrucks-)SYNTAX - ihr entsprechen alle umfangreichen Analysedaten, die die Wiederholung der selben Wortform erfassen. Auch einfache, deutliche Artikulation ist wichtig, die Wiedererkennbarkeit zu gewährleisten.
  2. SEMANTIK - Nomina stehen zunächst im Vordergrund, also Einzelbedeutungen. Deren Sprachklang - so lernt das Kind - ist mit immer der selben Person bzw. Objekt verbunden.
  3. PRAGMATIK - das Erlernen der Sprache wird sehr durch konstante Situationen gefördert, die auch - hoffentlich meist - positive Gefühle vermitteln.

Vgl. [24]

8. Didaktik

Die zentralen (und eigentlich banalen...) Unterscheidungen der Sprachtheorie, sollten sich natürlich in Sprachlehre widerspiegeln. Man kann auch die Erwartung aufbauen: Die Theorie muss sich in der Sprachlehrpraxis bewähren! - Tut sie das nicht, stimmt etwas nicht.

8.1 "Hamburger ABC"

Untertitel: "Lehrwerk zur Alphabetisierung und Grundbildung". Im Moment beziehen wir uns auf "Teil 1b. Grundkurs Kompakt neu" von Herma Wäbs, Illustrationen von Ole Könnecke. April 2015.

Das Lehrwerk beachtet schön,

  • Die vollkommene Eigenständigkeit der Ausdrucksseite. Sie will
    • richtig geschrieben sein,
    • und sie sollte verstehbar ausgesprochen werden.

Folglich werden in 20 Schüben Buchstaben/-Gruppen eingeführt und schreibend/sprechend geübt. Wie mit diesen Ketten von Ausdrücken - Lautfolgen oder Verkettung von Schriftzeichen - Bedeutungen im Deutschen verknüpft sind, ist ein weiteres, ganz eigenständiges Thema, vgl. [25].

9. Sprachwandel

Die klare Trennung von "AUSDRUCK und BEDEUTUNG" in der Alternativ-Grammatik erlaubt es, unterschiedlichste Einzelsprachen zu behandeln. Auf Ausdrucksebene sind sie natürlich verschieden (bei uns: Ausdrucks-SYNTAX); auf Bedeutungsebene gilt für alle Sprachen das gleiche 'geistige Repertoire', das zur Formulierung von Gedanken notwendig ist (bei uns: SEMANTIK + PRAGMATIK).

Die gleiche Einstellung gilt innerhalb der Einzelsprache, wenn man sie diachron, d.h. durch die Zeiten hindurch, verfolgt: immer stellt man fest, dass sie sich ändert. 'Man' redet heute nicht nicht mehr genau so, wie vor 200 Jahren zu Zeiten den Weimarer Klassik.

9.1 Sprache und Flüchtlingszustrom

Interview mit Integrationsforscherin Naika Foroutan in SPIEGEL 42/2015:

Foroutan: ... Ich glaube allerdings, dass wir in zehn
Jahren in Deutschland auch eine andere Sprache sprechen
werden.
SPIEGEL: Welche denn? Englisch? Arabisch?
Foroutan: Natürlich Deutsch, aber es wird zusätzliche
Klangfarben geben, und das Deutsche wird flexibler gesprochen
werden. Sie kennen das aus Großbritannien, wo Sie von Kranken-
schwestern, Beamten, Managern ein Englisch hören, das in
Pakistan oder Nigeria geprägt wurde. In diesem Sinne werden
wir uns auch an ein anderes Deutsch gewöhnen, neue Wörter und
Redewendungen hinzunehmen.

10. Verhandlungen

Natürlich geht es in solchen um inhaltliche Ergebnisse. Aber: Nach unserer Auffassung könnte man die erzielten Ergebnisse mit ganz unterschiedlichen Wortketten umschreiben, weil Ausdrücke und Bedeutungen nicht fest aneinander gekettet sind.

10.1 BRD - DDR

aus: E. Bahr, "Das musst du erzählen". Erinnerungen an Willy Brandt. Berlin 2014.

"Zu keinem Thema äußerte sich Honecker ausführlicher und
facettenreicher als zur Nation. 'Kein Vertrag wird unter-
schrieben werden, in dem das Wort 'Einheit der Nation'
oder 'Wiedervereinigung' vorkommt', erklärte er. ... 
Er könne das nicht in gleicher Weise von Bonn erwarten -
er kannte die Grenzen, die das Grundgesetz zog -, lege
aber Wert auf das Wort 'Nichteinmischung', das
'zu den elementaren Grundsätzen zwischen Staaten gehört'.
Das Thema 'Friedensvertrag' solle man 'vorläufig' aus
den Verhandlungen herauslassen: 'Es wird keinen Frie-
densvertrag geben. Das wissen wir heute schon. Vielleicht
kann man das Wort zum Schluss hineinschreiben.
Ich weiß es nicht.'" (135)

11. Theologie - Abendmahlsstreit

vgl. [26] - wie ist Christus in "Brot" und "Wein" gegenwärtig? "Real"? - Aber was heißt das? Sehen kann man ihn nicht. - Wird seine Gegenwart nur "bezeichnet" - sprachlich ausgesagt, so dass sich an der Materie nichts ändert? Aber ist das für die Gläubigen nicht zu wenig, zu 'luftig'? - Oder ist seine Gegenwart "symbolisch" zu nehmen - was bedeutet das aber im Gegensatz zu den anderen beiden Varianten? Nur von 'dichterer Wirklichkeit' zu schwadronieren, hilft auch nicht weiter.

Im Hochmittelalter, z.B. bei Thomas von Aquin, eine besonders raffinierte Lösung: Transsubstantiation - d.h. durch die Wandlungsworte im Hochgebet, wird die Substanz von Brot und Wein ausgetauscht in die von Leib und Blut Christi. "Substanz" kann man grundsätzlich aber nicht sehen - laut damaligem Denken. Was sinnenhaft wahrnehmbar ist, die Akzidentien, bleibt unverändert. - Also hat man gegen den äußeren, sinnenhaften Eindruck in der Materie eben doch einen entscheidenden Wandel untergebracht - obwohl ihn niemand überprüfen kann.

Solche komplizierten geistigen Anstrengungen, die in die materiellen Befunde eindringen wollen, kann man sich sparen, sobald mit dem Thema Sprache angemessen umgegangen wird. Zeichentheorie ist es, was benötigt wird anstelle von theologischen Tricks und Schlupflöchern.

11.1 "Brot und Wein"

... kann man als sinnliche Dinge natürlich zu Ausdrücken erklären, die dazu dienen, etwas auszusagen. Darüber, wie diese Ausdrücke mit den damit zu verbindenden Bedeutungen zu verknüpfen sind, gab es - in Wellen - folgenreiche Auseinandersetzungen: "In einem weiteren Sinn ist der Abendmahlsstreit der „Streit um die Frage, wie Leib und Blut Jesu Christi in Brot und Wein anwesend sind: real, verwandelt oder symbolisch.“ (Beginn des wikipedia-Beitrags)

In Sachen Realpräsenz: "Luther sagte: ja - wie
die katholische Kirche. Er wurde in den Jahren nach
seiner Rückkehr (1522 nach Wittenberg) konservati-
ver, kein Freund mehr radikaler Lösungen"
(SPIEGEL 44/2016 S.17)