4.10 Zwischenbilanz

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Aus dem Inhalt

Es folgt etwas, das an eine mathematische Formel erinnern mag. Für die meisten – Lehrer wie Schüler – ist ein solches Gebilde im Rahmen des Sprachunterrichts fehl am Platz. Daher werden hier zweierlei Informationen geboten. Zunächst geht es um die erwähnte »Formel«. Als zweites wird ein wenig über den Sinn eines solchen Gebildes nachgedacht. Zunächst werden die Hauptbegriffe, die bislang behandelt worden waren, wiederholt und in eine gewisse Ordnung gebracht. Es werden auch bedeutungsgleiche Begriffe hinzugestellt.


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Beispielsatz

"Monet berichtete Pissarro im Dezember 1873 von seinen Schwierigkeiten, Künstler für das Vorhaben zu begeistern" (aus: I. Kuhl, Impressionismus. 101)

Monet

Ein Nomen, Eigenname (Sg + DEF), ohne zusätzlich erkenn-
bare Markierung. Die Voranstellung gibt eine gewisse
Wahrscheinlichkeit - aber keine vollkommene Sicherheit! -,
dass es sich um das Subjekt = 1.AKTANTEN handeln dürfte.
Weil eine sichere äußere Markierung dafür fehlt, sprechen
wir nicht von "Nominativ".

berichtete

Konjugiertes Verb, wird semantisch auch als Prädikat
verstanden. Später bei der Pragmatik rutscht diese
vermeintlich volle und eigenständige Bedeutung in die
Kategorie der Modalitäten: es handelt sich - nur -
um WISSENsmitteilung. 
In punkto: ZEIT deutet die Konjugationsform an: es geht
um ein Ereignis, das vor dem Sprechzeitpunkt des
Satzes liegt. R = 0.

Pissarro

Wieder ein Nomen ohne zusätzlich erkennbare Markierung.
Benötigt wird aufgrund der Prädikatbedeutung <<BERICHTEN>>
noch ein Objekt ("Was?") und ein Adressat ("Wem?"). 
Da das Subjekt vergeben sein dürfte, und ein Eigenname
vorliegt, tippen wir auf 3.AKTANT = ADRESSAT. Wegen des
Fehlens äusserer Markierung reden wir nicht von "Dativ".

im Dezember 1873

Das Buch, aus dem der Satz stammt, wird "ohne Jahr"
geboten - wahrscheinlich um lange zu verhindern, dass
es als "veraltet" angesehen werden könnte...
Aber Aufmachung und Drucktechnik sprechen für Druck im
21. Jahrhundert. Die Datierung präzisiert und verstärkt
somit, was anhand der Konjugationsform schon vermutet
worden war: Ausgehend vom Editionszeitraum (=O) und
darauf bezogen (=R) liegt die Zeit des behaupteten Er-
eignisses (=EZ) schon ziemlich weit zurück. - Schon
innerhalb des Satzes tragen mehrere Indizien zur
ZEITbestimmung bei.  

[ORT = Leerstelle]

Man erwartet, dass die Prädikation auch verortet wird.
Dazu liefert der aktuelle Satz nichts. Die Leerstelle
wird vermerkt - in der Hoffnung, dass sich die Infor-
mation im umgebenden Text findet. Die Pragmatik wird
dem nachgehen.

von seinen Schwierigkeiten,

Von den Basiskategorien im Bereich "Prädikation" fehlt
noch der 2.AKTANT - "Was?" wird berichet. Er wird durch
die Präpositionalverbindung geliefert. 
Wobei sie zusätzlich durch die ADJUNKTION seinen
beschrieben wird: es handelt sich um Schwierigkeiten,
die mit der Person, die hinter seinen steht, also
Monet, verknüpft sind.
Das von wird noch eine Aufgabe stellen: Die
Pragmatik muss verstehbar machen, warum von seinen
steht und nicht lediglich die. Die Lösung wird auf
eine Spezifikation zielen: Monet berichtet
einen Teil der Schwierigkeiten; er hat aber
insgesamt mehr Schwierigkeiten, als er aktuell berichten
kann/will.

Künstler für das Vorhaben zu begeistern.

Die Funktion der Phrase nach dem Komma wird durch kei-
nen Anzeiger kenntlich gemacht. Es besteht aber Kontakt-
stellung. Die Kategorien der Prädikation sind bereits
alle "versorgt". Damit ist der Weg offen, dass die Phrase
erläutern will, was mit dem unmittelbar voraufgehenden
Wort - Schwierigkeiten eigentlich gemeint war. Es
liegt also eine ADJUNKTION-EXPLIKATION vor.
Später wird die Pragmatik das noch mehr plausibel machen: 
Schwierigkeiten ist ein wertendes Abstraktum, das aus
sich heraus noch nichts anschaulich beschreibt. Also ist
es nahe liegend, dass das Abstraktum durch eine plasti-
schere Handlung erläutert wird.
Als eine im strengen Sinn "Handlung" wird sich das
<<BEGEISTERN>> aber auch nicht erweisen. Denn genau
genommen gehört es ebenfalls zu den Modalitäten, zur
Wertung. Standen die Schwierigkeiten für die
negative, steht begeistern für die positive.

[Modalität = Leerstelle]

Im Wortsinn - noch vor den erwähnten pragmatischen
Revisionen  - realisiert der Satz keine Modalität.
Das heißt: er gibt sich als sachverhaltlich sichere Mit-
teilung, durch kein einschätzendes, meist ja doch unsi-
cheres Subjekturteil beeinträchtigt.

[Sprechakt = Darstellung]

Im Wortsinn will der Satz einen vergangenen Sachverhalt
präsentieren. 
prima vista interessiert er sich nicht für den Leser,
will dessen Verhalten nicht beeinflussen. Der Satz lie-
fert auch keine Gefühlsexpression des Schreibers. Und
er beschränkt sich nicht darauf, überhaupt einmal eine
Aufmerksamkeitsbeziehung herzustellen. 
Stattdessen soll - im Verbund mit dem Modalitätsbefund -
sachlich  klargestellt werden, welche Initiative
Monet in Bezug auf Pissarro gestartet hatte.

Aus diesem Befund kann man - nun mit den Kategorien der SEMANTIK - sich eine Reihenfolge der Basiskategorien im Satz merken. Die letzten beiden Kategorien gelten für den gesamten Satz, die anderen für Teile. Jede Einzelsprache wird eine begrenzte Anzahl derartiger Abfolgen zulassen (und dementsprechend andere Varianten als ungrammatisch ausschließen). Das Ergebnis hier:

(Illokution-Darstellung | 
    [Modalität] (1.Aktant-Prädikat-3.Aktant-ZEIT-2.Aktant - [ORT])) 
                                                 + ADJUNKTION-
                                                   Deskription
                                                 + ADJUNKTION-
                                                   Explikation
In [ ] sind erwartete / mögliche, aber nicht realisierte Kategorien 
angedeutet.

So sieht nach der Alternativ-Grammatik die Formalisierung eines Satztyps oder eines Satzbaumodells aus. Führt man eine solche Beschreibung an vielen weiteren, unterschiedlich gebauten Sätzen der selben Einzelsprache durch, erhält man eine Liste begrenzten Umfangs, die anzeigt, welche semantischen Satztypen offenkundig möglich und akzeptiert sind, allgemein als grammatisch empfunden werden.

Bitte: hier besteht die Möglichkeit, weitere Einzelsätze in gleichem Stil zu analysieren. Und irgendjemand kann dann mal anfangen, die Typenliste sortiert anzufertigen!


1.2 Kafka, Der Prozess

Wenn nicht ein Einzelsatz das Thema ist, sondern ein ganzes Buch, so ist dies eigentlich Aufgabenfeld der Pragmatik. Aktuell stehen wir aber erst am Ende der Semantik. Der Vorgriff sei dennoch erlaubt, weil interessiert: Welche der semantischen Basiskategorien werden auf Textebene aktiviert, welche dagegen werden ausgelassen - und was ist das Ergebnis dieser Auswahl? Vgl. 4.11_PRAGMATIK_-_literarischer_Kontext_/_Situations-Ko-Text


2. Einzelsprache: Latein

2.1 Satzmodell

Die "System-Grammatik Latein" von Grosser, Maier u.a. (1997) bietet in Abschnitt 35 - das ist nicht selbstverständlich - ein Satzmodell, also eine theoretische Übersicht, bevor umfangreich in die "Lehre vom Satz" eingestiegen wird. Gelegentlich wird auch angedeutet, dass man dem Dependenzmodell folge, eine Ausrichtung, die mit der "Alternativ-Grammatik" verbinden würde - gäbe es nicht einige signifikante Unterschiede / Weiterentwicklungen.

Der lateinische Satz sei durch fünf Positionen beschreibbar. Diese könnten wohl unseren abstrakt-semantischen Basiskategorien entsprechen, denn praktisch realisiert werden können sie durch unterschiedliche sprachliche Elemente. Wenn es bei den fünf Hauptkategorien bleibt, ist die "Systemgrammatik" sogar schlanker als die Alternativ-Grammatik. Schauen wir die einzelnen Positionen an:

Zentral sind Subjekt und Prädikat, zumeist handle es sich
bei letzterem um ein Verb, zuweilen bilden Subjekt und Prädikat,
diese zwei Satzglieder selbst schon einen vollständigen Satz.
Cicero    <->   ridet
Senatores <->   stupent

Der Doppelpfeil soll eine Verbindung zwischen den beiden Bedeutungen anzeigen. Ohne die Verbindung kein Satz. Also passen die Worte und die Grafik nicht zusammen. Bei uns ist nicht die zweite Bedeutung, sondern die verbindende Funktion das Prädikat! Darin unterscheiden wir uns vom üblichen Grammatiksystem, sind so aber in der Lage, Sätze zu beschreiben, die als Satz ein Prädikat haben müssen, die aber kein Verb aufweisen.

Die Systemgrammatik liefert selbst - ratlos und ohne
Erklärung - ein Beispiel: Calamitas virtutis occasio
   =  Unglück (_) Gelegenheit zur Bewährung

Semantische Analyse im Sinn der Alternativ-Grammatik:

1.Aktant (Calamitas)  ist-eine [Prädikat: Klassifikation]  
                                    occasio (2.Bedeutung)  
                                               + Adjunktion (Genitiv 
                                                 der/zur Tugend)

Löst man die fehlerhafte Gleichung: Verb = Prädikat auf, dann kann man auch die Relativierungen und Unsicherheiten - zumeist, zuweilen - streichen und stattdessen sagen: Wenn ein Satz vorliegt, muss er 2 Bedeutungen in Relation zueinander setzen, also gedanklich / sprachlogisch - nicht unbedingt auf Wortebene - 3 Komponenten aufweisen. (Da muss aber nicht zwingend ein Verb beteiligt sein, - wenngleich es sehr häufig eingesetzt wird.)

Zurück zur "Systemgrammatik Latein":

Die dritte Position ist das Objekt, das,
"auf wen oder worauf die im Prädikat ausgedrückte
Handlung gerichtet ist."

Gemessen an unserer Terminologie wird in der "Systemgrammatik" viel zu großzügig Unterschiedliches vermischt, was getrennt werden sollte: 2. Aktant, 3. Aktant, dass beide gesplittet sein können, wird nicht beachtet. Der Hauptfehler ist, dass lediglich danach geschaut wird, in welchen äusserlich ablesbaren Kasus die Nomina begegnen. Dadurch erspart man sich die Überlegung, welche Funktion sie erfüllen. Diese aber sollte man beschreiben:

Hoc te admoneo = Daran erinnere ich dich. - Offenbar
ist das "te" - im Sinn der Alternativ-Grammatik -
Adressat (also: 3. Aktant) im Rahmen eines Mit-
teilungsaktes. Das muss aber nicht heißen, dass dieser
als Dativ realisiert werden muss. - Etwas, das als
Objekt in Frage kommt, ist auch geboten (hoc):
das ists, was Inhalt der Erinnerung ist.

Zu schreiben, es lägen zwei Akkusative vor, ist zwar richtig (wenn man sehr wohlwollend den ersten so deutet - sehen kann mans allerdings nicht: und das ist für uns entscheidend!). Aber dann sollte die semantische Differenzierung und unterschiedliche Funktionsbeschreibung der zwei Akkusative erst einsetzen. Das geschieht aber nicht.

Die vierte Position: das Adverbiale =
"manchmal eine notwendige Ergänzung, manchmal eine
'freie Angabe' im Satz" 

Die Realisierungsmöglichkeiten sind vielfältig (Adverbien, Nomina in verschiedenen Kasus, Präpositionalverbindungen, satzwertige Konstruktionen - und dann in der Pragmatik (unsere Terminologie): Gliedsätze). Semantisch ist all dies ungeordnet. Wenn wir z.B. Orts- und Zeitangaben als denknotwendig bezeichnen und grundsätzlich danach fragen - und nicht von manchmal notwendig(?) sprechen -, dann ist schon ein Großteil der Adverbiale besser erfasst. Für unsere 6 Register (Modalitäten) findet sich nichts explizit Vergleichbares.

In horto diu laboravi - Topologie: in horto,
Chronologie: diu
Nonne otium pluris aestimamus quam laborem? 
Register AXIOLOGIE (pluris) + Register EPISTEMOLOGIE
(quam - Vergleich)

Die Fixierung auf äussere Bildeelemente und -muster verhindert eine semantisch befriedigende Analyse.

Die fünfte Position wird durch Attribute
repräsentiert. 

Das entspricht unseren Näherbeschreibungen, ohne allerdings deren Differenzierung zu erreichen. Wieder ist der Grund, dass man äussere Realisierungsformen zum Maßstab nimmt - Attribut im Ablativ | Ablativ oder Akkusativ in präpositionaler Verbindung | Adverb als Attribut | Apposition usw. Solche Realisierungsmöglichkeiten muss man kennen, darüber hinaus geht es aber darum, beschreiben zu können, was damit - semantisch - erreicht wird.

Ciceronis de re publica cura magna erat - cura
ist 1.Aktant,
magna ist die zweite nominale Bedeutung. Beide ste-
hen in Form einer Qualitätsaussage zueinander.
erat zeigt die Verbindung an, zusätzlich mit Hin-
weis auf Vergangenheit. Darin besteht der Satzkern.
cura wird näher beschrieben durch de re publica.
Die Sorge bezieht sich - 2.Aktant auf Wortgruppenebene
- auf den Staat.
Ciceronis liefert eine Subjektsangabe - ebenfalls
auf Wortgruppenebene -  für die "Sorge". 

So wäre die Verheißung einer noch schlankeren Basisterminologie in sich zusammengebrochen. Die 5 Positionen führen nicht weiter, sondern sind viel zu ungenau, zu lasch, als dass sie eine semantisch überzeugende Alternative wären. Dennoch lohnt sich die Auseinandersetzung, weil genügend Grammatiken schon gar keine Theorie bieten. Außerdem wirkt das, was an Grammatikwissen am Lateinischen gewonnen wurde, vielfältig in anderen Sprachen bis heute nach.

Fazit: Das Satzmodell der "Systemgrammatik Latein" zeigt eine ähnliche Zielrichtung, ein vergleichbares Interesse wie die Formel, die von der Alternativ-Grammatik in diesem Modul geboten wird. Unterschiede:

  1. Was in der "Systemgrammatik Latein" unter Syntax läuft, ist in der "Alternativ-Grammatik" Semantik.
  2. Nicht nur klingt eine Reihe von Einzelbegriffen in der "Alternativ-Grammatik" anders, sondern sie sind - obwohl sich auf gleiche Felder beziehend - präziser und differenzierter definiert.
  3. Neu ist in der "Alternativ-Grammatik", dass die Bedeutungsseite (Semantik) als eigenständige Beschreibungsebene verstanden wird. Zwar wird weiterhin ein und derselbe Sprachbefund beschrieben; aber die Ausdrucksseite (reale Wortformen) legt keine Fesseln der Bedeutungsseite an. Das Zueinander beider Ebenen wird als offen angesehen - konventionelle Koppelungen, die es natürlich gibt, bekommen kein 'Alleinvertretungsrecht.'

Nur so kann man kreativer Sprache gerecht werden. Nur so wird die Sprachtheorie im Hintergrund (Zeichendefinition) respektiert.

3. Vorblick in die PRAGMATIK hinein

Die SEMANTIK hat die Grundbegriffe bereitgestellt, die für das Bedeutungsverstehen wichtig und entscheidend sind. Angewendet werden sie in der SEMANTIK zunächst auf die Größe "Satz" und auf Teile davon - "Bedeutungsgruppen". Die Grundbegriffe sind in beiden Fällen die gleichen. Beim Schritt in die PRAGMATIK hinein wird dieses "Set" an Begriffen noch mehrfach aktiviert. Der Anwendungsbereich ändert sich, nicht aber die Begrifflichkeit.


3.1 Politik - Thema Flüchtlinge

aus SPIEGEL 39/2015: "Als auch noch Jens Spahn der junge
Staatssekretär im Finanzministerium in die Klage ein-
stimmt und erzählt, wie ihn kürzlich Helfer in einem
Flüchtlingsheim verzweifelt gefragt hätten:
'Wie soll das alles nur weitergehen?'", fährt die
Kanzlerin dazwischen.
   Nur Zustände zu beschreiben und Gefühle, das reiche
   nicht, sagt Angela Merkel. "Wer in Regierungsverant-
   wortung ist wie wir, der hat eine andere Rolle. Wir
   müssen den Leuten Antworten und Lösungen bieten."

Nur kursorisch aufgedröselt - was ist dies anderes, als der Verweis auf den SPRECHAKT der KUNDGABE, darin die negative Wertung (Register AXIOLOGIE)? Und Merkel strebt über dieses Verharren hinaus: eine belastbare Aussage (PRÄDIKATION) ist anzupeilen, möglichst eine die bisherigen Zustände verändernde.