4.1112 Näherbeschreibung als Kontextbildner

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Aus dem Inhalt

Näherbeschreibung – Koordination, angezeigt durch Verbindungswörter (Konnektoren), lässt somit vertikal einen Zusammenhang mehrerer Äußerungseinheiten entstehen. – Ein erster Schritt in Richtung »Text«.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 "ein fauler Mann"

Auf das Beispiel war schon in 4.0321 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation kurz eingegangen worden. Nun die Fortsetzung: Attribute = Näherbeschreibungen aus der SEMANTIK kann man genauso kritisch betrachten, wie wir es bei den Prädikaten machen, vgl. 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt. Auch das Kriterium ist das selbe: Benennt die Näherbeschreibung eine von anderen ebenfalls wahrnehmbare Eigenschaft, oder zielt sie auf eine Einschätzung, die zunächst ganz vom einzelnen Sprecher abhängt?

Laut M.B.Rosenberg, 'Erziehung, die das Leben bereichert. Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag'. 2007 (3. Aufl.), ist das Unterscheiden-Können zwischen überprüfbarer Beschreibung und subjektiver Wertung elementar wichtig für eine gelingende Kommunikation. Daraus der Auszug aus einem Lied von Ruth Bebermeyer (S.38f)

Ich habe noch nie einen faulen Mann gesehen;
ich habe schon mal einen Mann gesehen,
der niemals rannte, während ich ihm zusah,
und ich habe schon mal einen Mann gesehen,
der zwischen Mittag- und Abendessen manchmal schlief,
und der vielleicht mal zu Hause blieb an einem Regentag,
aber es war kein fauler Mann.
Bevor du sagst, ich wär' verrückt,
denk mal nach, war er ein fauler Mann, oder hat er nur 
Dinge getan, die wir als 'faul' abstempeln? 
...
Was die einen faul nennen, nennen die anderen müde oder gelassen,
was die einen dumm nennen,
ist für die anderen einfach ein anderes Wissen.
Ich bin also zu dem Schluß gekommen,
daß es uns allen viel Wirrwarr erspart,'
wenn wir das, was wir sehen,
nicht mit unserer Meinung darüber vermischen.
Damit es dir nicht passiert, möchte ich noch sagen:
Ich weiß, was ich hier sage, ist nur meine Meinung.

Der Standardbegriff "Eigenschaftswort" muss nun also geprüft werden. Es genügt nicht, einmal den Standardbegriff erfolgreich eingesetzt zu haben. Es steht nun der nächste Schritt an: Als Eigenschaft im akzeptablen Sinn kann weiterhin nur gelten, was andere durch eigene Wahrnehmung bestätigen können. Alles andere ist Meinung über ..., gehört also in den Bereich der 'inneren Realitäten', also der Modalitäten. Im konkreten Fall: Verschiebung von Eigenschaft zu 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE (nun, am Beginn der Pragmatik, wieder aktiviert).

Ausformuliert heißt das praktische Beispiel: In meiner, des Sprechers, Sicht ist jener Mann "faul", verhält sich so, dass ich es negativ beurteile. - Aber andere kommen vielleicht zu einem anderen Urteil, haben vielleicht auch anderes Wissen. Vielleicht kann ein anderer begründet sagen, dass jener Mann "krank" ist.

Kontrollfrage: Kann das, was man zu sehen glaubt, was von mir beurteilt wird, auch ganz anders gedeutet und benannt werden?


1. Einzelsprache: Deutsch

Die Näherbeschreibung als Kontextbildner gliedert sich in vier Unterbereiche:

  1. Koordination - besser bekannt als "und"-Verbindung, Aufzählung: "das und jenes sowie Selbiges ...". Zunächst wie selbstverständlich genommen ist die Vorstellung, dass natürlich nur Vergleichbares in dieser Weise zu einer Reihe zusammengestellt werden kann.
  2. Deskription - man bleibt sprachlich/gedanklich bei einem Objekt, das ins Spiel gebracht wird - und davon werden noch weitere Merkmale, Aspekte genannt - so dass schließlich dieses eine Objekt, die eine Person, schön plastisch beschrieben vor dem geistigen Auge der Gesprächspartner/Leser steht;
  3. Explikation - eine Figur, ein Objekt war - ob näher beschrieben oder nicht - genannt worden; nun setzt der Sprecher/Schreiber neu an und stellt diese Figur mit einem neuen Ansatz nochmals vor. Sprachlich also ein doppelter Aufwand, um eine nominale Größe ins rechte Licht zu rücken.
  4. Parenthese - der Sprecher/Schreiber weicht von dem, was er thematisch bislang dargelegt hatte, abrupt ab, um einen Gedanken dazwischenzuschieben, der weit hergeholt erscheinen mag. Man kann hoffen, dass im weiteren Verlauf der Kommunikation verstehbar wird, warum dieser Zusatzaspekt erwähnt worden war.

Diese schon für die SEMANTIK geltenden Charakterisierungen/Mechanismen, also innerhalb einer ÄE, können natürlich im Textzusammenhang, also Zuständigkeit der PRAGMATIK, auch verteilt auf mehrere ÄEen begegnen.

Als Beispieltext wird "Die Tagebücher von Adam und Eva" von Mark Twain [1] verwendet. Dabei werden anhand der Beispiele obige Unterpunkte näher erläutert.


1.1 Koordination

Erläuterung

Unter Koordination versteht man im Allgemeinen die Verknüpfung von gleichrangigen Wörtern, Wortgruppen oder Sätzen. Dabei kann man in einem ersten Schritt unterscheiden, ob es sich dabei um eine asyndetische, monosyndetische oder syndetische Koordination handelt. Während bei der Asyndese die entsprechenden Elemente ohne Konjunktion aneinander gereiht werden:
Das ist ein interessantes,
lesenswertes,
wichtiges Buch
werden bei der Monosyndese nur die letzten beiden Elemente miteinander durch eine Konjunktion verknüpft:
Er kam,
sah
und siegte
Eine syndetische Struktur hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass alle Gliedteile durch eine Konjunktion (im Falle der Koordination entsprechend durch koordinierende Konjunktionen) verbunden sind:
Ich gehe heute in die Uni
und in die Mensa
und nach Hause.

Zudem haben Konjunktionen die Funktion, die durch sie geschaffene Relation semantisch zu spezifizieren. Hierbei kann man die koordinierenden Konjunktionen grob in vier Kategorien einteilen:

  1. Kopulative (aneinanderreihende) Konjunktionen: und, nicht nur...sondern auch, sowohl...als auch, sowohl...wie auch - Sie hat das ganze Grundstück mit abscheulichen Namen und grässlichen Schildern verschandelt.[1.30] - zunächst liegt eine ÄE vor, ist so also keine Aufgabe für die PRAGMATIK. Stünde da: "Sie hat das ganze Grundstück mit abscheulichen Namen verschandelt | und zusätzlich mit grässlichen Schildern" - lägen zwei ÄEen vor, eine phrastisch, die weitere aphrastisch, kopulativ mit der vorausgehenden verbunden - nun pragmatisch beurteilt.
  2. Disjunktive (ausschließende) Konjunktionen: oder, beziehungsweise, entweder...oder - Sie schreibt einen Brief oder sie liest ein Buch.
  3. Adversative (entgegensetzende) Konjunktionen: aber, doch, jedoch, sondern - Es fällt ihm um nichts in der Welt ein vernünftiger Name ein, aber ich lasse ihn nicht spüren, dass ich seine Schwäche kenne.[1.50-1.52] - Zwar kam er mir ein wenig pikiert vor (…), doch es war unübersehbar, dass er mich bewunderte.[1.86-1.90]
  4. Nektive (doppelt verneinende) Konjunktionen: weder....noch, nicht...sondern - Sie las weder ein Buch, noch schrieb sie einen Brief.
Einige dieser Konjunktionen wie beispielsweise und und oder können unbeschränkt wiederholt werden (Ich gehe heute in die Uni und/oder einkaufen und/oder schwimmen und/oder in die Kneipe ...), während manche nur einmal in einem Makrosatz auftreten können (Ich gehe heute ins Kino, aber du bleibst zu Haus!). Allerdings können die verschiedenen Konjunktionen auch kombiniert werden (Ich gehe heute in die Uni und schwimmen, aber ich gehe heute nicht mehr in die Kneipe.).
Beispiele

Während der letzten ein, zwei Tage habe ich die ganze Last, Dinge zu benennen, von seinen Schultern genommen, und es war eine große Erleichterung für ihn, denn er ist recht unbegabt und offensichtlich sehr dankbar.

Übungen

Ordnen Sie die folgenden Koordinationen den oben genannten funktionalen Kategorien zu


a. Ich habe mich nicht sehr gut auf die Prüfung vorbereitet; aber ich werde es versuchen.
b. Das U-Bahn-Netz ist sehr gut organisiert, doch viele Leute fahren lieber mit dem Auto ins Stadtzentrum.
c. Sollen wir zu Fuß gehen oder die U-Bahn nehmen?
d. Die Kirche liegt nicht neben dem Rathaus, sondern direkt dahinter.
e. Ich werde den Schrank entweder neben das Sofa oder vor das Fenster stellen.
f. Ich kannte weder den Titel noch den Autor dieses Romans.


1.2 Deskription

Die Deskription auf Textebene unterscheidet sich von der semantischen (s.o. 4.032_Näherbeschreibung_–_Deskription_/_Explikation) dadurch, dass nun vor allem Relativsätze zur Näherbeschreibung verwendet werden. Ein wichtiges Indiz bei der Identifikation von Deskriptionen sind demnach die verknüpfenden Relativpronomen.
Weiterhin gilt, dass der räumliche Abstand zu dem näher zu beschreibenden Nomen nicht zu groß ist; was durch einen Relativsatz meist gewährleistet ist. Die Abgrenzung zur Explikation ist die Tatsache, dass die Deskription dem Leser nähere, detailiertere Informationen gibt, die keine Wiederholung bereits bekannter Informationen sind. Explikation sagt 'das Selbe mit anderen Worten' aus.

Beispiele

aus Twain-Text

  1.18 ein großer, kräftiger Ausdruck,
  1.19 der eine Wiederholung verträgt

Die zwei beschreibenden Adjektive sind ein Beispiel für eine klassische Deskription. Der Relativsatz (1.19) ist eine Deskription auf Textebene, die das Substantiv "Ausdruck" näher umschreibt.


  1.62 der richtige Name kommt sofort,
  (...)
  1.63 was er zweifellos ist,

Das Relativpronomen "was" zeigt die Deskription 1.63 an. [macht nichts, dass wir durch die Auslassung die Bedeutung nicht klar verstehen]


1.3 Explikation

Im Gegensatz zur Deskription liefert eine Explikation keine neuen Informationen. Sie beschreibt schon Vorhandenes mit anderen Worten noch einmal. Würde solch eine Explikation fehlen, würde man oft den Sachverhalt dennoch verstehen.
Häufig kennzeichnet ein Anzeiger eine Explikation. Solche Anzeiger können zum Beispiel "nämlich", "und zwar", "also", "denn", "mit anderen Worten" sein. Man muss in solchen Fällen also nicht spekulieren, ob die Beschreibung Neues, Spezifischeres sagt (würde auf DESKRIPTION) deuten, oder nur das Selbe nochmals. Letzteres gilt.

Beispiele

aus TWAIN-Text

1.47 und es war eine große Erleichterung für ihn,
1.48 denn er ist recht unbegabt

Wie schon bei früherer Gelegenheit erwähnt: "denn" ist mehrdeutig, sieht zunächst nach "kausal" aus, kann aber auch ein bekanntes Geschehen mit anderer Facette nochmals formulieren.

1.62 der richtige Name kommt sofort,
1.63 wie eine Eingebung,

Der erste Satz ist abgeschlossen. Nachgeschoben wird ein erläuternder Vergleich.


aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.
(48) Als Exkollege hat er natürlich auch wieder alles
von der Besserwisserseite aus gesehen, | quasi Natur-
gesetz.
(54) Also Trost spenden, | quasi mach dir nichts draus, |
Leben sowieso nicht berühmt, | das kannst du ruhig aus-
lassen, | sei froh, | dass du weiter mit den Mücken
fliegen darfst.
(90) Erkannt hat er ihn an dem weißen Röhrchen, | an
dem er gesogen hat, | sprich Nikotinentzug.
(101) ... und ihm zum Abschied aufmunternd auf die
Schulter geklopft, | sprich: | 
Es wird schon wieder bergauf gehen.
      dass er hier auf keinen Fall einschlafen darf, |
      diesen Rat
hätte ihm auch jeder blutige Laie geben können, |
quasi schwerer Fehler, ...

"quasi" und "sprich" als weitere Explikationsanzeiger.


1.4 Parenthese

"Parenthese" (gr. παρένθεσις parénthesis "Einschub", "Zusatz") ist der typographische Terminus für ein rundes, eckiges oder geschweiftes (Akkolade) Klammerzeichen, welches im sprachlichen Schriftsatz zu den Satzzeichen, im naturwissenschaftlichen Schriftsatz (Mathematik, Physik, Chemie etc.) und der Notation (Musik) zu den variablen Formelzeichen gezählt wird. In der Schriftgestaltung gehören Parenthesen zu den Sonderzeichen.

In der Sprachwissenschaft verbirgt sich hinter dem Begriff "Parenthese" eine rhetorische Figur. Es handelt sich dabei um einen grammatikalisch selbstständigen Einschub, einen so genannten Schaltsatz, in einen Gesamtsatz, welcher durch den Einschub unterbrochen, die syntaktische Struktur jedoch nicht verändert wird.

Oft wird dieser Einschub durch Gedankenstriche (auch Parenthesenstriche) gekennzeichnet. Parenthesen können aber auch durch Klammern oder Kommata vom restlichen Satz getrennt werden.

Beispiele
  1. Ich würde ganz gerne - warum denn nicht - einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen. (Franz Kafka: "Der Ausflug ins Gebirge")
  2. "So bitt ich – ein Versehen war's, weiter nichts – für diese rasche Tat dich um Verzeihung." (Heinrich von Kleist: "Penthesilea")
  3. "Also, ich muss schon sagen, wenn das kein Dodo ist!" (Mark Twain: "Die Tagebücher von Adam und Eva", 1.79 - 1.81)
Übungen

Aus 2 mach 1!

Versuche aus den 2 Sätzen einen Satz zu machen, indem du einen in einen Einschub umwandelst!

  1. Eines Tages besuchte ich eine Übung für Informatiker. Es war im Wintersemester 2009/2010.
  2. Plötzlich begann es zu schneien. Dabei war eigentlich noch gar nicht Winter.

1.5 SPIEGEL-Stil

Die "Stil"-Charakterisierung eines Autors oder - in diesem Fall - eines Nachrichtenmagazins kann nie durch Nennung eines Merkmals gelingen. Dies zur Klarstellung. Aber man kann über Jahrzehnte hinweg beobachten, dass beim SPIEGEL ein typisches Merkmal darin besteht - gleichgültig, von wem der Artikel stammt -, dass die Beiträge gut aufnehmbar strukturiert sind.

Überschaut man eine Druckseite, wird man selten überlange
Absätze finden. Dieser Gesichtspunkt gehört noch zur
Ausdrucks-SYNTAX -  vgl. 4.0 (Ausdrucks-) SYNTAX, konsequente Abstrahierung vom Bedeutungswissen
- und ist schon mal wichtig: LeserInnen bekommen das Signal,
dass sie es mit überschaubaren Portionen zu tun haben
werden, wenn sie sich auf den Artikel einlassen. Das
animiert zum Lesen.
   Auf Bedeutungsebene, bei der Frage des
Satzzusammenhangs - das Interesse des aktuellen Moduls -,
ist Standard:  
   => der erste Satz eines Absatzes nennt die zentrale
      Aussage, gibt die allgemeine Richtung an.
   => Was im selben Absatz folgt, ist keine gedankliche
      Weiterführung, sondern eine Detaillierung des
      ersten Satzes.
      Oder anders gesagt: Explikationen der Eingangs-
      aussage.
   => Sobald die nachgeschobenen Erläuterungen beendet
      sind, folgt ein neuer, optisch wahrnehmbarer Ein-
      schnitt = Absatz, der inhaltlich nach dem selben
      Muster aufgebaut ist.  

Dieses Muster führt u.a. dazu, dass im jeweiligen Satz nicht zuviel schon verraten werden darf - ansonsten wären die konkretisierenden, gedanklich zum Verweilen einladenden Folgesätze überflüssig. Zwei Beispiele mit Kommentar aus dem Bericht zur Einheitsfeier 2013 in Stuttgart:

"Das Große und das Kleine, nichts darf zurückbleiben."
      - Abstraktionen finden sich öfters in solchen Erst-
        sätzen. Hier zusätzlich ein Stilmittel (Opposition),
        um "alles" zu bezeichnen. 
      - Das suggeriert Überschaubarkeit, umfassende
        Information - nur haben die Leser noch keine Ahnung,
        worauf sich die Aussage beziehen soll.
        Der Wunsch, Näheres zu erfahren, wird geweckt.
      - Ähnlich sympathisch und nichtssagend: "Nichts darf
        zurückbleiben".
"Zum ersten Mal ist ein grüner Ministerpräsident zuständig
für die Feier zur deutschen Einheit. Sieht man das?"
      - Einstieg in die Erläuterung. Aber noch ohne die
        erwartete Konkretisierung. Stattdessen durch die
        Frage nochmals eine Aktivierung des Konkretisie-
        rungsbedarfs. Kommt die Erläuterung nun endlich?
"Jedenfalls sieht man keine Nationalfahnen, keine schwarz-
rot-goldenen Wimpel und Gesichtsbemalungen."
      - Zunächst wird abgegrenzt, was nicht der Fall war.
        Die positive Auskunft fehlt noch.
"Es soll eben ein Bürgerfest sein, sagt Winfried
Kretschmann, der Landesvater von Baden-Württemberg,
'aber eines mit Inhalten'".
      - "Bürger" wird sprachlich angeboten. Sind die eine
        Deutung von "das Große und das Kleine"?
        Eine Erläuterung von "alle"?  - Scheint so.
      - Zugleich der Verweis auf "Inhalte". Das ist na-
        türlich auch erst ein Abstraktum, das erst noch
        nach weiterer Erläuterung schreit.
"Nicht nur Bier, Wurst und Präsidentenrede."
      - Negativ abgrenzend wird betont, was nicht gemeint
        sei. 
      - Das verstärkt die Frage, was denn nun die Inhalte
        sind. 
Damit ist dieser Absatz beendet. Er lieferte mehr negativ
abgrenzende Informationen - und eine Ahnung, was der Ein-
gangssatz positiv gemeint haben könnte: "Bürger"
jeglicher Art, Herkunft, Hautfarbe usw. Ohne Unterschiede.
Der Informationsgehalt des Absatzes ist insgesamt aber noch
schwach - weckt damit jedoch den Wunsch, mehr zu erfahren -
somit das, was Journalisten wünschen: die Leser mögen nicht
zu schnell weiterblättern...
Etwas später:
"Kretschmann hat die ganze Innenstadt für zwei Tage
sperren lassen."
      - "ganze Innenstadt" ist zwar kein Abstraktum im
        üblichen Sinn, aber eine weit ausholend zusammen-
        fassende Charakterisierung; was mit ihr genauer
        gemeint ist, ließe sich noch beschreiben -
        vielleicht, so die Erwartung in Lesern, folgt
        dies ja noch.
      - das "Sperren" - das weiß man inzwischen - hat
        mit dem geplanten Fest zu tun. "Fest" ist auch
        abstrakt. Auch dazu könnte man Konkretisierun-
        gen gebrauchen. Die werden denn auch geliefert:
"Für Ländermeile, Mitmachstationen, wo 'Heimat Vielfalt
trifft' und 'Neugier' auf 'Bewegung'. Es spielen das
'Altentheater Dörrpflaume' und später noch die Prinzen."
      - Na also, nun weiß man schon etwas besser, was
        der Sinn des "Sperrens" war


1.6 ÜBUNG - querbeet

Damit ist gemeint: Ein Textausschnitt wird auf seine Näherbeschreibungen untersucht - sowohl in punkto 'Semantik' (vgl. [2] (samt Unterpunkten in Ziff. 4.03!) - wie auch auf jetziger pragmatischer Ebene (also Näherbeschreibung durch Sätze).

Eine öffentliche Belobigung erhält, ;-) , wer folgenden Textausschnitt schön übersichtlich (listenförmig, tabellarisch) auf seine 'Näherbeschreibungen' hin untersucht und dabei

  • die Unterscheidung Semantik / Pragmatik sichtbar macht
  • ebenso die Paare: Beschriebenes - Beschreibendes
  • den Mechanismus nennt (bloße Apposition, oder Genitiv, Präpositionsverbindung, Fernstellung usw.)
  • angibt, welcher Art die Beschreibung ist (Koordination, Deskription, Explikation usw.)
  • die Funktion andeutet (Lokalisierung, Identitifizierung, Zahlangabe usw.; vgl. bei 'Prädikation' oder auch bei 'Modalitäten' ...)
aus: Alice Munro, Wozu wollen Sie das wissen? Elf Geschichten aus
meiner Familie. 3. Aufl. Frankfurt/M 2010. S.16:
Der hochgelegene, steinige Bauernhof, auf dem meine
Familie eine Zeit lang im Ettrick Valley lebte, trug
den Namen Far-Hope. Das Wort hope in Ortsnamen
ist ein altes Wort, ein skandinavisches Wort - denn
in diesem Teil des Landes sind, wie man es nicht anders
erwarten kann, skandinavische, angelsächsische und
gälische Worte alle miteinander vermischt, dazu kommt
noch ein wenig Altkymrisch, um auf eine frühe walisi-
sche Besiedlung hinzuweisen. Hope bedeutet Bucht,
aber eine Bucht, nicht mit Wasser, sondern mit Land
gefüllt und teilweise von Bergen umschlossen, welches
in diesem Falle die hohen, kahlen Berge am östlichen
Ende der Southern Uplands sind. Der Black Knowe, der
Bodesbeck Law, der Ettrick Pen - das sind drei der
hohen Berge, wobei das Wort für Berg aus drei ver-
schiedenen Sprachen kommt. Einige dieser Berge werden
jetzt wieder aufgeforstet, mit Sitkafichten, aber im
siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert waren sie
kahl - denn ein oder zwei Jahrhunderte zuvor waren
die Wälder von Ettrick, die Jagdgründe der Könige von
Schottland, abgeholzt und in Weideland oder braches
Heideland verwandelt worden.

[Es wäre kein Problem, Analysen, die digital eingesandt werden, hier zugänglich zu machen. Mit Namennennung. - Es können gern mehrere, unterschiedliche Entwürfe nebeneinander präsentiert werden.]

1.7 H. Hesse, Der Wolf

Die Erzählung von 1903 beginnt so (aus: H. Hesse, Die schönsten Erzählungen. suhrkamp TB 3638. Ffm 2004. S.7):

Noch nie war in den französischen Bergen ein so unheim-
lich kalter und langer Winter gewesen. Seit Wochen stand
die Luft klar, spröde und kalt. Bei Tage lagen die
großen, schiefen Schneefelder mattweiß und endlos unter
dem grellblauen Himmel, nachts ging klar und klein der
Mond über sie hinweg, ein grimmiger Frosthimmel von
gelben Glanz, dessen starkes Licht auf dem Schnee blau
und dumpf wurde und wie der leibhaftige Frost aussah.
Die Menschen mieden alle Wege und namentlich die Höhen,
sie saßen träge und schimpfend in den Dorfhütten,
deren rote Fenster nachts neben dem blauen Mondlicht
rauchig und trüb erschienen und bald erloschen."

Genauer betrachtet, nun in der Pragmatik, kann man den ersten Abschnitt etwa so charakterisieren (weitere Präzisierungen möglich):

Noch nie war in den französischen Bergen ein so unheimlich
kalter und  langer Winter gewesen. - Der erste Satz
bietet eine breitflächige WERTUNG: vgl. [3] 
Nicht mehr nur - das wäre noch SEMANTIK - der "Winter"
wird doppelt beschrieben. Sondern der ganze Satz stellt
eine negative WERTUNG dar. Unterstützt durch den Gegen-
satz, der durch "nie" angedeutet wird:
ganze bisherige Zeit im Kontrast zur jetzt interessie-
renden. Auch gilt die schlimme Zeit für ein unklar um-
rissenes, anscheinend größeres Gebiet.
Damit beginnt die kleine Erzählung mit einem Pauken-
schlag, einer starken Behauptung, die aber noch nicht
beschreibend den Lesern anschaulich vor Augen ge-
stellt ist. Behaupten kann man viel - das ist litera-
risch noch etwas billig. Um zu überzeugen, die Leser
zu fesseln, sind Illustrationen notwendig. Alle im
ersten Absatz folgenden Sätze kann man als
EXPLIKATIONEN jenes ersten Satzes verstehen.
Sie treiben nicht eine zuvor begonnene Handlung weiter,
sondern konkretisieren, wie sich die Behauptung des
ersten Satzes praktisch geäußert hat. Somit stellt der
gesamte erste Absatz eine Situationsangabe dar (so
sehr zu ihr auch manche Handlungen von Menschen gehören). 

1.71 Rüde Gesprächseröffnung

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

"Heumond"

(133) "Über dem schlafenden Haus und dem dämmernden Garten
standen ruhig die milchweißen, flaumig dünnen Wolken, die
Himmelsinsel am Horizont wuchs langsam zu einem weiten,
reinen, dunkelklaren Felde, zart von schwachglänzenden
Sternen durchglüht, und über die entferntesten Hügel lief
eine milde, schmale Silberlinie, sie vom Himmel trennend.
Im Garten atmeten die erfrischten Bäume tief und rastend,
und auf der Parkwiese wechselte mit dünnen, wesenlosen
Wolkenschatten der schwarze Schattenkreis der Blutbuche."


1.8 G. Grass, Mein Jahrhundert

... enthält für 1965 (S.263f) folgende Satzeinheit - es dauert eine Weile, bis sie durch ein 'starkes Satzzeichen', einen Punkt, abgeschlossen wird. Anders gesagt: Oberhalb einzelner Sätze bzw. Nicht-Sätze (also: phrastischer oder aphrastischer Äußerungseinheiten) wird eine neue Einheit geschaffen:

"Ans Steuer unseres geliehenen DKW hat sich Gustav Stef-
fen, ein Student aus Münster, geklemmt, der, weil nicht
aus zu gutem Hause, sondern in katholisch-proletarischem
Milieu aufgewachsen - der Vater war früher beim Zentrum
-, den zweiten Bildungsweg, eine Mechanikerlehre, das
Abendgymnasium abtraben mußte und nun, weil er wie ich
für die Sozis Wind machen will, vernünftig, pünktlich -
'Wir sind anders. Wir kommen nicht zu spät!' - die Ter-
mine unserer Wahlreise abhakt: 'Gestern in Mainz, heute
nach Würzburg."

Für die Themen "Äusserungseinheit / Satz / Näherbeschreibung" ein ergiebiges Exempel. Der Reihe nach: Vgl. für beide Ebenen der Bedeutungsanalyse: Äußerungseinheit Vgl. [4] und "Satz": Vgl. [5]

  • a "Ans Steuer unseres geliehenen DKW hat sich Gustav Steffen, ein Student aus Münster, geklemmt,
  • b der,
  • c weil nicht aus zu gutem Hause, sondern in katholisch-proletarischem Milieu aufgewachsen
  • d - der Vater war früher beim Zentrum -,
  • e den zweiten Bildungsweg, eine Mechanikerlehre, das Abendgymnasium abtraben mußte
  • f und nun,
  • g weil er wie ich für die Sozis Wind machen will,
  • h vernünftig, pünktlich
  • i - 'Wir sind anders.
  • j Wir kommen nicht zu spät!' -
  • k die Termine unserer Wahlreise abhakt:
  • l 'Gestern in Mainz,
  • m heute nach Würzburg."

Kurzerläuterungen:

  • a einigermaßen kompletter Satz, Subjekt/1.Aktant mehrfach näherbeschrieben,
  • b nichts als Relativpartikel, um die Reihe der Näherbeschreibungen offenzuhalten, weiterführen zu können: Anzeiger, dass noch manches folgt zum Subjekt.
  • c Begründung, noch unklar wofür. Das "weil" ist zwar offen. Beschrieben wird aber "der" aus "b" = "Gustav Steffen" aus "a". Beschreibung sowohl negativ wie positiv. Solche Wertungen beziehen sich auf sprachliche Mechanismen; es werden nicht die Inhalte ("Hause" - "Milieu") bewertet.
  • d Schon grafisch angezeigt: Parenthese = weitere Beschreibung des G.S., aber indirekt, indem dessen Vater charakterisiert wird.
  • e Beschreibung des G.S., indem auf dessen Bildungsweg ausgegriffen wird.
  • f Zäsur / Interjektion: Wie sich gleich zeigt, enden nicht die Beschreibungen, aber der Blick zurück in die Lebensgeschichte des G.S.
  • g Beschreibung der jetzigen und zukünftigen Interessen des G.S.
  • h zwei Adverbien, die über eine weite Spanne an "a" anküpfen, das dortige Handeln charakterisieren,
  • i Wiedergabe der direkten Rede des G.S., wodurch seine Motivation - vgl. "h" - erläutert wird = Explikation.
  • j wie "i"
  • k Nun ist klar: die Adverbien von "h" können sich auch auf die jetzige Aussage beziehen. Dabei wird "k" dadurch erledigt, dass "a" durchgeführt wird. "k" ist eine Zielangabe für "a".
  • l Exemplarische Explikation 1 für "k"
  • m Exemplarische Explikation 2 für "k" - beide zusammen sind pars pro toto-Nennungen für sehr viel mehr Wahlkampfstationen. Indem nicht die Totalität erwähnt, sondern exemplarisch zwei konkrete Orte genannt werden, wächst natürlich die Anschaulichkeit, wird auch die Fantasie angestachelt, was wohl noch alles wahlkämpfend besucht worden war.

Die auf pragmatischer Ebene neue Aussageeinheit ist damit abgeschlossen. Das Beispiel zeigt schön:

  1. die semantischen Einzelbestandteile können/sollen zunächst für sich betrachtet werden;
  2. die pragmatische Sichtweise verlangt regelmäßig Ausschau zu halten, auf welche andere ÄE die aktuelle bezogen sein könnte (weil dort entweder eine weitere Inhaltsfunktion noch fehlt; oder weil jetzt ein Inhaltsbeitrag geboten wird, der eine Anknüpfung braucht)
  3. die Grundbegriffe, die in der Semantik eingeführt worden waren, auf der ersten Ebene der Bedeutungsanalyse, können problemlos in der Pragmatik wiederverwendet werden.

1.9 Viele Beschreibungen - oder doch keine?

aus: Wolfgang Herrndorf, Tschick. Hamburg 2014. 23:

Tatjana heißt mit Vornamen Tatjana und mit Nachnamen
Cosic. Sie ist vierzehn Jahre alt und 1,65 m groß,
und ihre Eltern heißen mit Nachnamen ebenfalls Cosic.
Wie sie mit Vornamen heißen, weiß ich nicht. Sie kom-
men aus Serbien oder Kroatien, jedenfalls kommt der
Name daher, und sie wohnen in einem weißen Mietshaus
mit vielen Fenstern -  badabim, badabong. Schon klar:
ich kann hier noch lange rumschwafeln, aber das
Erstaunliche ist, dass ich überhaupt nicht weiß, wovon
ich rede. Ich kenne Tatjana nämlich überhaupt nicht.
Ich weiß über sie, was jeder weiß, der mit ihr in eine
Klasse geht. Ich weiß, wie sie aussieht, wie sie heißt
und dass sie gut in Sport und Englisch ist. Und so wei-
ter. Dass sie 1,65 m groß ist, weiß ich vom Tag der
Schuluntersuchung. Wo sie wohnt, weiß ich aus dem
Telefonbuch, und mehr weiß ich praktisch nicht. Und ich
könnte logisch noch ihr Aussehen ganz genau beschreiben
und ihre Stimme und ihre Haare und alles. Aber ich
glaube, das ist überflüssig. Weil, kann sich ja jeder
vorstellen, wie sie aussieht: Sie sieht super aus.
Ihre Stimme ist auch super. Sie ist insgesamt super.
So kann man sich das vorstellen. 

2. Einzelsprache: Englisch

2.1 Explikation

Zu Unterpunkt (3) Explikation kann man zählen, was im Englischen als Cleft sentence = gespaltener Satz firmiert.

1. It was a faulty switch
2. that caused the trouble

Das it ist nur ein Scheinsubjekt. Wegen seiner Leere verlangt es nach Präzisierung. Eine solche wird durch Äusserungseinheit (2) nachgeliefert, weswegen ganz (2) als Explikation für den leeren 1.AKTANTEN in (1) gelten kann. "Cleft sentences are very useful in written language because they help the reader to identify where the focus of the sentence is, without any graphic help such as underlining, italics or capital letters." (M. M. LIROLA)


3. Einzelsprache: Latein

3.1 Explikation

Nachfolgend Beispiele für zwei Äusserungseinheiten. Die zweite kann infinitivisch oder mit konjugiertem Verb konstruiert sein. Dabei enthält je die erste ein Signal, das erwarten lässt, dass die zweite ÄE eine Interpretation der ersten liefern wird.

Socrates semper idem dixit, | animos tyrannorum malos esse
- idem gibt den  Hinweis, dass das Folgende der gleiche
Inhalt nur mit anderen Worten sein wird  = Explikation.
Zudem  lässt das Redeverb noch einen Redeinhalt = 2.Aktanten
erwarten: was hat er denn gesagt? Die zweite ÄE ist genau
das, was gesagt worden ist.
Hoc est proprium hominis, | ut aliquid sibi proponat -
Hoc weist voraus, lässt noch eine Klärung erwarten. Zudem
ist proprium derart allgemein, dass es ebenfalls nach
einer Erläuterung schreit. proprium =
sich Ziele setzen.

Beispiele aus Fink/Maier, "Systemgrammatik Latein" (1997), dort als "Apposition zu Demonstrativ-Pronomina" eingereiht (S.107).

S.214ff werden Erläuterungssätze behandelt. Es wird z.B. an quod-Sätze gedacht, die - und nun wird es gedanklich leer - eine "Tatsache oder einen Umstand" erfassen. Was mag das sein? - Es seien Verben der Gemütsbewegung und verwandte betroffen. Das könnte man mit unseren Modal-REGISTERN gleichsetzen: Es geht also um mentale Einschätzungen, die aber - nun kommt die Tatsache ins Spiel - noch eine inhaltliche Erläuterung benötigen, worauf sich die modale Einschätzung eigentlich bezieht.

Quidam Socratem accusaverunt, quod res in caelo
apparentes quaesiverat. - 
Einige klagten Sokrates an, dass er Himmelser-
scheinungen untersucht hatte. 
Bene facis, quod verum dicis - Abstraktes
<<HANDELN>> wird positiv bewertet. Aber man wüsste gern,
welches Handeln damit gemeint ist. Die Erläuterung
liefert der quod-Satz.
Quod me tibi invidere putas, falleris - Erläutert
wird: du täuschst dich.  Die Tatsache, auf die
sich die Täuschung bezieht, ist in diesem Beispiel
vorangestellt: Falls du glaubst ich würde dich
beneiden
Soli hoc contingit sapienti, ut nihil agat invitus 
- Im ersten Satz ein leeres hoc und eine Prädikat-
bedeutung aus dem Register ASPEKTE (es gelingt/es
vollendet) als Leistung des "Weisen". Aber worauf
bezieht sich diese famose Leistung? Worin besteht sie?
Das erläutert die zweite Äußerungseinheit: 
dass er nämlich nichts tut gegen seinen Willen

Allerdings wird man häufiger solche Beispiele auch schon so erklären können, dass der quod/quin-Satz schlicht 2.Aktant zur übergeordneten Verbbedeutung ist:

Nemo dubitat  - die Frage nach dem Inhalt des Zwei-
felns ist aufgeworfen, nach dem  2.Aktanten: quin
Homerus caecus fuerit = dass Homer blind gewesen ist. 

Explikation geht auch mit cum (coincidens/explicativum, modale) - vgl. S.224 (die Beispiele merkwürdigerweise mit "Lokalsätzen" zusammengespannt). In beiden Beispielen werden die zwei Handlungen zusammengezogen. Sprachlich geht das, sachverhaltlich nicht (<<SCHWEIGEN>> ist <<SCHWEIGEN>> und nicht <<ZUSTIMMEN>>; <<EINTRETEN>> ist nicht gleich <<LACHEN>>). Es interessiert aber, was sprachlich vorliegt. Über das Sachverhaltliche hinaus ist es ein Interpretationsakt, der die Gleichsetzungen ermöglicht. Das ist immer so bei Explikationen:

Cum taces, consentire videris    Dadurch, dass / Indem du schweigst, 
                                           scheinst du zuzustimmen.
Intravit in curiam,cum rideret   Er betrat die Kurie, wobei er dabei 
                                           lachte.

3.2 Koordination

Die vier logischen Möglichkeiten Koordination zu realisieren und so eine Satzreihe zu schaffen, sind durch eine Vielzahl von Konjunktionen gegeben. Da die "Systemgrammatik Latein" S.196ff weniger logisch ordnet, gruppieren wir um:

kopulativ   et, -que, atque/ac, quoque, non solum ... sed etiam, cum ... tum, 
                  modo ... modo
disjunktiv  aut, vel, an
adversativ  neque, autem, vero, sed, atqui, tamen
nektiv      neque ... neque, nec ... nec

adversativ ist aber auch noch anders möglich:

Homini soli inest ratio, cum cetera animalia ea careant  - Die 
Allzweck(waffe)-Konjunktion 'cum/mit Konjunktiv  setzt der Erstaussage (Menschen 
und Vernunft) die gegenteilige Auskunft für die restlichen Lebewesen entgegen.  

3.3 Relativanschluss

Durch Relativpronomen oder Relativadverb greift der aktuelle Satz ein Nomen des vorangegangenen Satzes auf und liefert zu diesem Nomen noch eine Information = beschreibende Satzaussage.

qui, quae, quod usw. durch alle Kasus
ubi

Die Nuancen können: entgegensetzend, begründend, folgernd sein - vgl. "Systemgrammatik Latein" S.198:

Legamus poetas!               Wollen wir die Dichter lesen!
Qui amicissimi sunt nobis.    Denn diese sind für uns sehr liebe Freunde.

4. "Partikel" als Anzeiger

Man sollte nicht nur auf "Konjunktionen" oder "Relativpartikel" achten, wenn man erkennen will, ob zwei Sätze miteinander verbunden sind. Das Feld ist weiter. Beispiel:

"Der Mittelstürmer - er hat ja später durchaus noch
getroffen - ließ den Kopf hängen."

Die Gedankenstriche - es könnte auch jeweils ein Komma stehen - würden schon ausreichen für das, was hier Thema ist. Uns interessiert hier die Rolle des "ja". In dieser Verwendung unterstreicht die Partikel, dass der aktuelle Satz als eingebettet zu gelten hat. Mit ja verbindet man Zustimmung - die liegt auch vor, wenn auch etwas vertrackt: Der Sprecher stimmt dem Hörer in dem gemeinsamen Wissen zu - das im Moment aber nicht ausgesprochen wird -, dass ... Das ist das Thema der Präsuppositionen [6], und insofern macht er ihm eine Konzession [7] - allerdings nun hoch im pragmatischen Bereich, ohne ausführlich darüber zu reden.

5. Politik

5.1 Griechisches Referendum Juli 2015

Das Volk hat/te mit 'Ja / Nein' folgenden einen Satz zu beantworten. - Wir schreiben ihn - pragmatisch so, dass die Vielzahl von Näherbeschreibungen besser sichtbar wird:

"Muss der Entwurf
            einer Vereinbarung
               von Europäischer 
                           Kommission,
                   Europäischer 
                           Zentral-
                               bank und 
                   Internationalem 
                           Währungs-
                               fonds
   akzeptiert werden,
            welcher am 25.06.2015 eingereicht wurde
            und aus zwei Teilen besteht,
                           die in einem einzigen 
                                 Vorschlag 
                           zusammengefasst sind?"
  

Um einen "Entwurf" geht es, der - geschachtelt - durch 14 Näherbeschreibungen charakterisiert wird. In diesen sind reichlich vertreten: Abstrakta und für einfache Wähler kaum undurchschaubare Bezeichnungen - für Gebiete (Adjektive) und für Institutionen (und ihre Zuständigkeit) + drei Relativsätze. Intern wird angedeutet, dass der fragliche Entwurf aufgeteilt ist, aber doch ein Ganzes darstelle. Welchen Einfluss diese innere Struktur auf Annahme/Ablehnung des Entwurfs hat, geht aus dem Text nicht hervor.

Ein Gesamtsatz, aber in höchstem Maße aufgebläht. - Im Blick auf die griechische politische Ebene ergeben sich folgende Feststellungen / Fragen:

  1. Der vielleicht juristisch korrekte Satz kann allenfalls von wirtschaftswissenschaftlichen Insidern kompetent und angemessen verstanden werden. Die überwiegende Zahl der Stimmberechtigten ist überfordert.
  2. Die Formulierung der Frage ist so komplex, dass sie allein deswegen schon Überdruss weckt, und daher die Reaktion mit Nein provoziert. - Ein mehrheitliches "Nein" ist aber das von der Regierung erhoffte Ergebnis.
  3. Es könnte also sein, dass die Formulierung des Textes, über den abgestimmt werden soll, bewusst zu einem derart komplizierten Ergebnis führte, wohlwissend, dass nicht der finanzpolitische Sachverstand den erwünschten Ausgang des Referendums herbeiführt, sondern die Undurchschaubarkeit (für die Mehrheit der Berechtigten) der präsentierten Fragestellung. Der Satz in dieser Form wäre also nicht sprachlicher Naivität (einiger Juristen, die den Bezug zur Alltagssprache verloren haben) entsprungen, sondern machtpolitischem Kalkül.

6. Journalismus

6.1 Überschriften

... verschiedenen Typs, unterschieden durch Größe / Schreibart. Was im 'Kölner Stadt-Anzeiger' stand, sei hier mit unseren Mitteln nachgebildet:

Deutsche fühlen sich recht fit
                                      Hauptüberschrift
GESUNDHEITSSTUDIE               
                                      untergeordnete Überschrift. Über die Wortbe-
                                      deutung hinaus besagt sie - pragmatisch -,
                                      es folge eine Erläuterung; man kann ein "und
                                      zwar" mitverstehen.
Immer mehr Frauen haben die Diagnose Lungenkrebs
                                      <<GESUNDHEIT>> und <<STUDIE>> sind beides
                                      Abstrakta, verlangen also eine Erläuterung.
                                      Die wird nun auch geboten. Aber unsere
                                      Näherbeschreibung  - vgl. [8] -
                                      sieht mehrere Typen vor.
                                      Welcher ist hier gemeint?
                                      * liegt eine EXPLIKATION vor, wird also
                                        <<GESUNDHEIT>> durch <<LUNGENKREBS>>
                                        erläutert? - Das liefe auf Sarkasmus
                                        hinaus und kann nicht gemeint sein.
                                      * ist die Erläuterung adversativ zur
                                        Hauptüberschrift gemeint i.S.v. von
                                        "allerdings, wogegen". - Das dürfte eher
                                        zutreffen.
Das Zueinander der drei Überschriften löst somit Irritationen aus - weswegen das Sprachbeispiel im Hohlspiegel (46/2016) gelandet ist.