4.1113 Pronomina – Textdeixis

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Die »technische Basis« von Texten, ihre grammatisch gut fassbare Verwobenheit, ist auch gut darstellbar bei den Verweisen, Deiktika, Pronomina, Fürwörtern. Wie immer man sie benennt – es handelt sich um Zwitterelemente: einerseits sind sie bedeutungsmäßig wichtig, denn sie nehmen Positionen ein, die auch von Substantiven besetzt sein könnten – drei Beispiele bereits in diesen 3 Kurzsätzchen. Andererseits sind sie bedeutungsmäßig leer, bekommen ihre inhaltliche Füllung von woanders her – entweder aus dem weiteren literarischen Kontext (meist: davor, manchmal: nachfolgend), oder aus dem Situationskontext, der als bekannt vorausgesetzt wird.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Abbau von Selbstverständlichkeiten

Sprachbeschreibung soll nicht unnötig kompliziert werden. Aber man sollte sich bewusst machen, was alles mitschwingt, wenn man einfache Sätze = Äußerungseinheiten richtig versteht. Die Leistung des Gehirns ist dabei beachtlich. Und nebenbei: durch solches Nachdenken bekommt man hie und da auch Stoff zum Schmunzeln.

Wenn ein Autofahrer einen Groschen hat,
wirft er ihn in die Parkuhr

Wer, bitte, wirft hier wen in die Parkuhr? - Wer empört reagiert und betont, es sei doch klar, dass der Autofahrer usw. usw. Natürlich ist das klar. Aber damit ist eine weitere pragmatische Interpretationsschublade geöffnet worden: vgl. 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen). Nur von den Pronomina her ist die Verknüpfung beider Äusserungseinheiten zweideutig. - Ähnlich:

Wenn ein Bauer einen Traktor hat, setzt er ihn
meistens von der Steuer ab.

Es kann dabei auch nötig sein, die Frage der Determination - vgl. 4.02421 (Numerus /) Determination - zu aktivieren. Auch dabei können bei näherer Betrachtung Mehrdeutigkeiten sichtbar werden, die nur über Kontextbeobachtung, also den Blick über den einzelnen Satz hinaus, zu klären sind.

Every man loves a woman.
Some relative of each villager and some relative of
each townsman hate each other.

Nur aus dem Einzelsatz heraus lässt sich nicht klären: "Wer mit wem?"


1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Begriffsklärung

Pronominalisierung (lat. pro „für“, nomen „Name, Bezeichnung“) ist das Ersetzen von Substantiven oder gar (Teil-)Sätzen durch sprachliche Stellvertreter.

  • Das, was ersetzt wird - Substantive, Nominalphrasen, (Teil-)Sätze - , wird bisweilen auch Substituendum genannt.
  • Als Substituens bezeichnet man dann einen ersetzenden Ausdruck = den Stellvertreter auf Ausdrucksebene.

Leser/Hörer sollten also diesen Verschlüsselungsvorgang rückgängig machen können, erkennen, wovon im Klartext gesprochen werden soll. (Sprecher/Schreiber können es darauf anlegen, hier mit Verwirrung zu spielen.)


1.2 Merkmale

  1. Pronomina sind Ausdruck der Sprachökonomie >> mit möglichst geringem sprachlichem Aufwand kann man die interessierenden Bedeutungen wieder aktivieren und verwenden
  2. sprachliche Abwechslung >> Gefahr der Eintönigkeit kann etwas abgebaut werden
  3. Autor kann mit Pronomina Inhalte gewichten >> explizite Benennung von bedeutenden Dingen; zweitrangige Informationen werden nur durch Pronomen bestimmt


1.3 Beispiele

Magda kam spät heim. Sie war müde.

 Erklärung: Sie ersetzt 'Magda'

Die Fans aus Leipzig fuhren nach Hamburg zum Länderspiel. Sie waren begeistert.

 Erklärung: Sie ersetzt die Nominalphrase
'Die Fans' aus Leipzig

Es war ein langer und mühseliger Marsch durch das Gebirge. Das haben sich die meisten anders gedacht.

 Erklärung: Das ersetzt einen komplexen Ausdruck

Sie deckt den Tisch. Susanne gibt sich dabei Mühe.

 Erklärung: Vorwärtspronominalisierung Sie => 'Susanne'

Herr Huber stammt aus Wetzlar. Er wird am Wochenende bei uns eintreffen.

 Erklärung: Rückwärtspronominalisierung 'Herr Huber' <= Er

Bezüglich der Richtung von Vorwärts- und Rückwärtspronominalisierung sind verschiedene Angaben in der Literatur zu finden. Es scheint nicht ganz eindeutig zu sein, wodurch beide Richtungen möglich sind.

Im Text von Mark Twain können auch Mehrdeutigkeiten auftreten, wie z.B. in Zeile 1.68/1.69 Er ersetzt Dodo bzw. steht für eine weitere Person.

PronomBsp.jpg

Numerus und Genus sollten zusammenpassen.


1.4 Vorausweisende Pronomina

Aus einem SPIEGEL-ONLINE-Text:

Sie spielt die aufrichtige Freundin von Harry
Potter, die stets für das Gute kämpft. 
Er mimt den Bösewicht, der mit den Feinden
Potters und dem  Ober-Bösewicht Lord  Voldemort paktiert:
Emma Watson alias Hermine Granger und Tom Felton
alias Draco Malfoy.

Die volle Information wird eine Weile zurückgehalten, dadurch Spannung erzeugt.


1.5 Chaos bei Pronomina

Falsche oder zumindest irritierende Bezüge bei Pronomina sind häufig. In Ziff. 1.3 könnte man Kurzbeispiele sammeln und besprechen.

Nach Hohlspiegel - zitiert aus der "Neuen Ruhr/Rhein-Zeitung":
1. "Blaualgen sind giftig"
2. "und sollten nicht verschluckt werden."
3. "Dies gilt auch für schwimmende Hunde."

Worauf bezieht sich Dies? Sind schwimmende Hunde auch giftig? Sollten schwimmende Hunde ebenfalls nicht verschluckt werden? - Ein Täter = 1.Aktant des <<VERSCHLUCKEN>>s war zuvor nicht genannt worden, auf den man Dies beziehen könnte. Daher die Irritationen. Gemeint ist doch sicher: "Mensch und Tier sollten die giftigen Blaualgen nicht verschlucken".

Nochmals Hohlspiegel, dieses Mal aus der "Taunus Zeitung":
"In Oberreifenberg bringen Wildschweine die Anwohner
auf die Barrikaden und fordern eine Bejagung."

Der 1.Aktant des ersten Satzes gilt solange weiter, bis explizit ein neuer = neues Subjekt genannt wird. Da dies im 2. Satz nicht der Fall ist, muss man annehmen, dass auch im zweiten Satz die "Wildschweine" das Subjekt sind. Dabei kommt man aber doch mit seinem Weltwissen ins Schleudern oder Grübeln, also mit den 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen)