4.1114 Renominalisierung – auf dem Weg zu den Akteuren

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Jedes Substantiv steht für eine als dinghaft behandelte (auch wenn dies künstlich sein sollte), individuelle Vorstellung. So verfuhren wir in der Semantik (vgl. [1]) und behalten diese Sicht zunächst noch bei. Aber beim Lesen eines Textes merkt man ja doch auch schnell, dass eine Person / Ort / Sachverhalt usw. durch unterschiedliche Substantive angesprochen werden kann. Es interessieren jetzt also keine Pronomina, sondern volle Benennungen dieser Größe.


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1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Erläuterung

Renominalisierung bedeutet die alternative Benennung einer substantivischen Bedeutung in einem Text, eventuell nach vorher erfolgter Pronominalisierung.
Also: mehrere nominale Bedeutungen, aber eine inhaltliche Vorstellung. - Man fühlt sich an das Thema Explikation erinnert.
Es sei allerdings auf die Abgrenzung zur 'Nominalisierung' hingewiesen, da jetzt nicht die Ableitung eines Nomens aus einer anderen Wortart gemeint ist (zum Beispiel schön --> Schönheit).

Aufgrund der unterschiedlichen Bezeichnungen wird das Substantiv im Laufe des Textes (aus Sicht des Autors) charakterisiert. Andererseits kann durch Renominalisierung eine Reihe von Pronominalisierungen unterbrochen werden, wenn ein Rückbezug auf das vorausgehende Bezugsnomen nicht mehr ohne weiteres möglich oder nicht mehr eindeutig ist. Ein neues Bezugsnomen ist nun 'im Angebot'.

1.2 Beispiele

Aus Mark Twain: "Die Tagebücher von Adam und Eva" [2]


  • Beispiel 1:
  1.7  Das neue Wesen sagt, 
  1.8  es heiße Eva.
  1.9  Von mir aus,
  1.10 ich habe nichts dagegen.
  1.11 Sagt,
  1.12 mit dem Namen könne ich es rufen,

Zu Beginn wird Eva von Adam als "Wesen" bezeichnet (1.7). Der Leser weiß noch nicht, um wen oder was es sich bei diesem "Wesen" handelt. Erst als der Name "Eva" genannt wird (1.8) stellt sich heraus, dass von einer menschlichen Frau die Rede ist. Gleichzeitig wird aber durch die abstrakte Bemerkung „mit dem Namen“ (1.12) wiederum Distanz geschaffen.

Entwicklung: Unbestimmtheit (Wesen) --> Bestimmtheit (Eva) --> Distanzierung (Name)


  • Beispiel 2:
  1.67 Ich scheine ein Tier einfach an seiner Gestalt und seinem Verhalten zu erkennen.
  1.68 Als der Dodo auftauchte,
  1.69 meinte er,
  1.70 es handle sich um eine Wildkatze -
  
  1.82 ich erklärte - 
  1.83 ohne dass es sich wie eine Erklärung anhörte -,
  1.84 woher ich wusste, 
  1.85 dass es ein Dodo ist; 
  1.86 zwar kam er mir ein wenig pikiert vor,
  1.87 weil ich das Geschöpf kannte
  1.88 und er nicht,
  1.89 doch es war unübersehbar, 
  1.90 dass er mich bewunderte.

Der Leser erfährt, dass 'Eva' von einem 'Tier' erzählt (1.67). Um welches Tier es sich dabei handelt, bleibt noch ungewiss. Erst im nächsten Satz wird erwähnt, welches Tier Eva entdeckt hat (1.68). Adam hingegen denkt, das Tier sei eine 'Wildkatze' (1.70), was sich durch Eva’s Erklärung aber als falsch herausstellt (1.82 – 1.85). Schließlich distanziert sich Eva mit dem Begriff 'Geschöpf' wieder von ihrer ursprünglichen Definition (1.87).

Entwicklung: Unbestimmtheit (Tier) --> Bestimmtheit (Dodo) --> Bestimmtheit/Vermutung (Wildkatze) --> Bestimmtheit (Dodo, keine Wildkatze) --> Distanzierung (Geschöpf)