4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Das »Prädikat« hatten wir schon einmal bestimmt, in der Semantik: [1]. Dort noch – absichtlich – kurzschlüssig und naiv, dabei allerdings so, wie es in gängigen Grammatiken üblich ist. Es galt die Annahme, dass das konjugierte Verb auch das Prädikat repräsentiere. Allerdings meldeten sich bereits Schwierigkeiten. Man hat ja bisher schon Modalverben (»müssen, sollen, dürfen . . .«) unterschieden von den Vollverben, die dann im Infinitiv beigefügt sein können (»ich darf schwimmen«). Was ist da nun das Prädikat? Und Nominalsätze bedurften einer eigenen seriösen Behandlung. Der Blick nur aufs Verb genügt nicht.


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0. Theorie

0.1 "Echtes Prädikat" und Psychologie

Wenn im PDF-Text vertreten wird, nur eigenes, tatsächliches Vollbringen, Umgestalten eines Stücks Welt könne ab jetzt noch als "echtes Prädikat" anerkannt werden, so passt das zu psychologischen Einsichten. Aus einem Bericht in der Reihe 'Die Psychologie des Selbermachens' (14.4.2012, ST):

"Wir kommen als Selbermacher auf die Welt", sagt der
Göttinger Neurobiologe (Gerald Hüther). Im Mutterleib
lerne das Kind von allein das Bewegen der Beine, nach
der Geburt gehen und sprechen.
   Leider verlören viele Menschen als Schüler und Be-
rufstätige diese Lust am Selbermachen, "weil sie ständig
Vorgaben anderer erfüllen müssen oder meinen, entspre-
chend funktionieren zu müssen". Glücklich könne ein
Mensch aber nur werden, wenn er selbst etwas gestalten
kann, das er versteht und in dem er einen Sinn sieht -
ob als Angestellter oder Selbstständiger, Maler oder
Buchhalter.

0.2 "Tatort"-Flut

Nicht nur als "Glosse": Nichts ist im Fernsehen derzeit anscheinend erfolgreicher, als ein "Tatort". Es gibt ihn auch auf Hörfunkschiene. In -zig Variationen und großer Dichte wird dem Publikum also als "Tat" (=unser "echtes Prädikat") suggeriert, was meist - möglichst raffiniert - eine "Existenzauslöschung" zum Inhalt hat. Somit ist sprachtheoretisch angesprochen: [2] - samt Weiterführung in der Pragmatik. Aber ein solches scheinbares Prädikat wird bei kritischer Prüfung nie die Chance haben, sich als "echtes P." zu erweisen. Es dennoch als "Tat" zu behandeln ist 'pervers'.

Grammatisch gefolgert: "Tatorte" verdrehen die Sprachlogik. - Das mag vielen als unerheblich vorkommen, ist es unterschwellig aber doch nicht, wenn suggeriert wird, eine "Tat" liege dann vor, wenn mit Gewalt eine Existenz ausgelöscht wird. Stattdessen in unserem Verständnis: eine "Tat" wird angenommen, wenn von einer willentlichen und 'tatkräftigen' Umgestaltung der physischen Welt die Rede ist. Ein Zerstörungsakt leistet dies nicht, allenfalls in zynischem Sinn.

0.3 Hirtenbrief zum Ersten Weltkrieg

... von den Erzbischöfen und Bischöfen des Deutschen Reiches, Dienstag, 29. Dezember 1914, vgl. [3]. - Einige Sätze daraus bieten wir zur genaueren Betrachtung an. Da es "Sätze" sind, nehmen wir die schon in der SEMANTIK eingeführten Grundbegriffe in den Blick und fragen, wie sie realisiert sind. Gibt es - sprachlich betrachtet - keine Einwände, so mag die Aussage richtig oder falsch sein - das muss man klären. Aber der Satz als solcher ist verstehbar im Wortsinn, schleppt keine gemeinte Bedeutung mit sich, die man als Hörer/Leser gleich schon mal übersieht/überhört - weil man sich vom sound solcher 'Autoritäten' einlullen lässt, oder man ahnt eine übertragene Bedeutung, die aber müsste erst mühsam herausgeholt werden. - Die Beispiele zeigen, dass das Zusammenspiel von verschiedenen Grundbegriffen relevant ist:

  • [4] - im pragmatisch-kritischen Sinn verlangen wir, dass das im Satz gebotene Subjekt = der 1.Aktant dann, wenn
  • als Prädikat [5] eine Handlung ausgesagt ist, eine Figur ist, die ihrer Sinne und Einschätzungen mächtig ist - vgl. [6];
  • wo dies nicht der Fall ist, könnte als vermeintlich eigenständiges Subjekt/1.Aktant eine Abstraktion vorliegen, vgl. [7]. Dann allerdings ist die gesamte Prädikation im Wortsinn [8] zu zerstören (=dekonstruieren);
  • Es stellt sich neu die Frage, was als gemeinte Bedeutung von den Oberhirten gesagt sein will. Das ist erst noch sichtbar zu machen, vgl. [9] bzw. [10]
  1. "Der Krieg war eine strenge Adventschule, er hat uns und unser Volk dem Heiland nähergebracht."
  2. "Wie ein Sturmwind fuhr der Krieg hinein in die kalten Nebel und bösen Dünste des Unglaubens und der Zweifelsucht und die ungesunde Atmosphäre einer unchristlichen Überkultur."
  3. "Das deutsche Volk besann sich wieder auf sich selbst; der Glaube tat(?) wieder in sein Recht; die Seele schlug ihr Auge auf und erkannte den Herrn."
  4. "Unsere Soldaten schlossen vor dem Ausmarsch aufs Neue mit Ihm in der heiligen Kommunion den Bund fürs Leben und fürs Sterben."
  5. "In Ihm war und blieb die Verbindung hergestellt zwischen uns und den Unsrigen im Felde, zwischen den kämpfenden Heeren draußen und den Heeren der Beter daheim, eine unüberwindliche, siegverbürgende Einheit aller in Christus Jesus, unserem Herrn."
Wer nach eigener Analyse will, kann folgende Thesen einer Arbeitsgruppe überprüfen:
- die Abstrakta im Text dominieren. Wo ein Nomen
  scheinbar konkret wird, ist es meist in ein
  Sprachbild (Metafer) eingebunden - also auf diese
  Weise doch wieder unkonkret.
- Die häufige Rückbindung an 'Heilige Texte' per
  Zitat, soll den Verpflichtungscharakter, die
  moralische Verbindlichkeit des Gesagten sichern.
- "Krieg" wird als Heilsereignis dargestellt -
  wendet sich z.B. gegen "Überkultur" u.ä. Insofern
  ist der "Krieg" gut. Die ganze Glaubensgeschichte
  wird in den Dienst genommen: Letztlich ist der
  Krieg eine gerechte Strafe für das Zulassen der
  'Modernität', gerechte Strafe für die Sünde.
- Das Abgeschlachtet-werden wird mit dem Schicksal
  Jesu parallelisiert, wird als 'Nachfolge Christi' 
  stilisiert, ist insofern also gut.
- Eine Änderung der gesellschaftlich-politischen
  Verhältnisse, die dann einen Krieg ausschließen
  würde, wird nicht angestrebt.
- Verantwortlichkeiten für den Krieg werden nicht
  benannt. "Es" kam nun mal so. Die Empfänger des
  Hirtenbriefes werden zu Passivität und Ergeben-
  heit gedrängt. Krieg als 'reinigendes Gewitter'.
- Gefreut haben werden sich über den Hirtenbrief
  Kaiser und Politiker. Insofern ist der Hirten-
  brief ein Schmiermittel im Verhältnis Staat +
  Kirche: die Oberhirten biedern sich an.
- Die Leser/Hörer des Hirtenbriefes werden zu
  großen Teilen überfordert gewesen sein bei dessen
  Wahrnehmung: Abstrakta, Metafern-'Gestöber',
  Entmündigung durch Hinweise auf 'heilige' Texte,
  Länge - all das führt zum Gefühl des Eingelullt-
  Werdens.
- das "Friedens"-Thema ist nur angeklebt. Zum
  "Frieden" trägt man nichts aktiv bei, er wird
  allenfalls "gegeben".
  = Quietismus, d.h. die Aufforderung, ruhig
    und geduldig zu bleiben, die Klappe zu halten,
    keine Revolte anzufachen.

Nach der Analyse der einzelnen Sätze können pragmatische Anschlussfragen gestellt werden:

  • Welches fraglose und anscheinend problemlose Wissen setzen solche Aussagen voraus, vgl. [11]? - Der Krieg ist ja kein Naturphänomen, sondern entspringt politischem Willen. Also stellt sich die Frage: Wer wollte aus welchen Interessen den Krieg? Wer zieht Nutzen aus der Katastrophe?
  • Ausdrücke wie "strenge Adventschule" implizieren viele Informationen und Erfahrungen, vgl. [12] - welche z.B.? Sie explizit anzusprechen, wäre gerade bei diesem Thema geboten. Wer erlaubt und begründet es, massenhaftes und gewaltsames Sterben als "Schule" für andere zu verharmlosen?
  • Die Hirtenbriefschreiber verfolgen mit ihrem Text sicher eigene Interessen. Welche Argumentationsmuster werden sichtbar? Vgl. [13] und dann die Beispiele ab Ziff. 4.31 - wobei die Liste dort nicht vollständig ist, also ergänzt werden kann.
  • Wenn die 'Oberhirten' sich einer "unchristlichen Überkultur" ausgesetzt sehen: In welchem Kulturkampf sehen sie sich - und woher kommt die eigene Verzagtheit? Haben sie geistig kapituliert?

Wird mit solchen Aussagen der Krieg zynisch und gefühllos instrumentalisiert - im Namen und zugunsten des Christentums? Eine Aussage zum tatsächlich ablaufenden Krieg läge somit gar nicht vor?

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Konkretisierungen

Erläuterung

Entgegen der naiven, traditionellen Annahme, das konjugierte Verb in einer Äußerungseinheit sei automatisch das Prädikat, ist es in der Pragmatik als "eine im Außenbereich stattfindende, folglich auch wahrnehmbare Handlung [definiert], die einem willensfähigen (menschlichen) Subjekt zugeordnet werden kann, das verantwortlich für diese Handlung ist." (vgl. ID 4.1115, S. 2)

Kritische Überprüfung

Nur ein Prädikat, das folgenden Kriterien (nicht) entspricht, kann als „echtes Prädikat“ gewertet werden. (vgl. Ziff. 2.1011)

  • Modalitäten: Verben, die innere Vorgänge beschreiben (»denken, fühlen...«) können kein kritisch überprüftes Prädikat sein (Handlung bzw. Vorgang ist nicht wahrnehmbar).
  • Näherbeschreibungen: Kein echtes Prädikat ist außerdem bei Aussagen vorhanden, die eine Handlung lediglich erläutern oder einen Sachverhalt darstellen.
  1. Nominalsätze [Bsp.: Hans, ein Dummkopf.]
  2. Ist-Sätze oder Verben mit statischer Aussage [Bsp.: Hans ist ein Dummkopf.]
  3. Existenzaussagen [Bsp.: X gibt es.]
  4. Interpretamente [Bsp.: …]
  5. Topologie- oder Chronologieaussagen [Aussagen, die Raum- oder Zeitvorstellungen betreffen.]
  6. Redeeinleitungen [Bsp.: Er sagt, …]
  • Verantwortlichkeit: Fehlt ein verantwortliches (menschliches) Subjekt, dem die Handlung zugeordnet werden kann, wird das Prädikat ebenfalls nicht als echt betrachtet. [Bsp.: Es regnet.]


Beispiel

Wie schwierig es ist, ein nach oben genannten Kriterien überprüftes Prädikat zu finden, zeigt die Analyse des folgenden Textes - Mark Twain: "Die Tagebücher von Adam und Eva" [14]


Praedikat-Bsp.JPG

[...]


1.2 Rechtsprechung

In einem Gerichtsprozess äußert sich das "kritisch nachgefragt" beim "Prädikat" so, dass auf bloßen Meinungen, Einschätzungen, kein Urteil aufgebaut werden kann. "Beweise" sind notwendig, d.h. für jedermann nachprüfbare Hinweise auf reale Taten. - Einschätzung der Gerichtsreporterin G. Friedrichsen des Verteidiger-Plädoyers (im Kachelmann-Prozess), vor der Urteilsverkündigung (auf SPIEGEL-Online):

"Sie hatte zuvor jeden Punkt sauber erörtert. Nichts
von wegen 'für uns nicht vorstellbar' oder 'völlig
ausgeschlossen' oder 'überhaupt nicht denkbar'.
Sie trug keine freihändig entwickelten Rückschlüsse
vor, die sich nicht beweisen lassen. Sondern sie
hielt sich streng an das Für und Wider des einzelnen
Beweismittels und scheute auch nicht, einen
'Null-Befund', der sich weder  für noch gegen ihren
Mandanten verwenden ließ, zu erwähnen."

1.3 Wortbedeutung (Semantik) => kausativ + ZUSTAND|PROZESS (Pragmatik)

Solche Wortbedeutungen lassen sich also auflösen in Register INITIATIVE, [15] + vereinfachte Verbbedeutung

(Sprachbeispiele teils aus dem Schwäbischen. Aber der Mechanismus ist in der Hochsprache der gleiche)

"Wenn alljährlich im Juli am Reutlinger Schwörtag
das traditionelle 'Fahnenflaigen ' steigt,
fragt sich manche(r), was es mit dem Wort
flaigen auf sich hat. Was es bedeutet, lehrt
der Augenschein: die Fahnenflaiger schwenken
die Fahnen. Also flaigen = schwenken?
   Nicht ganz. Schwenken bezeichnet die Tätig-
keit, flaigen - oder auf gut Reutlingerisch
flaiga - nennt das Ziel der Tätigkeit: Die
Fahnen sollen fliegen. Der Flaiger soll sie
dazu bringen. Damit erweist sich flaiga -
das Schwäbische Wörterbuch schreibt fläugen -
als Kausativum oder 'Verursachungsverbum', von
lateinisch causa (Ursache). 
   Mit solchen Kausativa gehen wir täglich um.
Beispiele: liegen - legen; sitzen - setzen;
ersaufen - ersäufen. Wer etwas legt,
verursacht, dass es liegt. Wer sich setzt,
verursacht sein Sitzen. Wer jemanden
ersäuft, veranlasst ihn zum Ersaufen.
   Die Beispiele zeigen: Kausativa sind abge-
leitet von dem Zeitwort, das den Zustand be-
schreibt, den das Verursachungsverb herbeifüh-
ren soll: Um einen Baum zum Fallen zu
bringen, muss man in fällen. Damit ein
Pferd trinken kann, muss man es tränken.
Entsprechendes gilt für den Säugling, der erst
saugen kann, wenn er gesäugt wird. Wer
sein Geld verschwendet, lässt es verschwinden.
Und wenn ein Haus gesprengt wird, springt
es gewissermaßen in die Luft. 
   Von welchem Ausgangsverb flaiga/fläugen
abgeleitet ist, wurde bereits angedeutet: von
fliegen. Mithin bedeutet es fliegen machen (...)"
(aus H.Petershagen in SWP 26.11.2016) 
    Zusatzbemerkung + Illustration - nicht ganz
    ernst gemeint: Der mit Muttermilch aufgesogene
    Lokalpatriotismus gebietet, den obigen Verweis
    auf Reutlingen zu ergänzen durch den auf
    Ravensburg - nur dass dort die Fahnenflaiger
    Fahnenschwinger heißen beim alljährlichen
    Rutenfest.  [16] das Bild von 1961
    zeigt den aktuellen Schreiber in voller Aktion,
    hinter ihm der dazugehörige Tross von Lands-
    knechts-Trommlern und -Pfeifern. (HS)

NB: Beim Wortstamm /schwing-/ sorgt die Endung /-er/ dafür, dass Hörer/Leser das kausative Verständnis aktivieren: es sorgt einer dafür, dass etwas ins Schwingen kommt.

1.4 ZWISCHENREFLEXION

Die vorige Ziff. 1.3 führt schön vor, was insgesamt das Bestreben der PRAGMATIK ist:

  • Erkennen, wo komplexere Bedeutungen vorliegen
  • Beschreiben/Auflösen der komplexeren Bedeutungen mithilfe der aus der SEMANTIK bekannten Grundkategorien.
  • Dadurch wird transparent, was bedeutungsmäßig zunächst als undurchschaubar erscheint.
  • Damit rückt näher/wird möglich, das, was auf Textebene als hochkompliziert erscheint, per Beschreibung via semantischen Basiskategorien transparent darzustellen.
  • Handlungs- / Denk- / Empfindungsmodelle aus verschiedenen Texten lassen sich damit besser vergleichen (wegen der im Kern semantischen Terminologie)
  • Wo zwischen verschiedenen Textlesern zunächst Meinungs-/Bewertungsverschiedenheiten bestehen, ist damit eine Ebene etabliert, auf der man um ein gemeinsames Verständnis ringen kann. Rationalität, Überprüfbarkeit haben Einzug gehalten.
  • Und selbst wo widersprüchliche Deutungen trotz aller Bemühungen zunächst stehenbleiben: die unterschiedlichen Positionen lassen sich durch die bisherigen Analysen in SYNTAX-SEMANTIK-PRAGMATIK am Sprachmaterial besser begründen. Es stehen sich nicht weiterhin dunkle und unbegründbare Empfindungen gegenüber, mit denen jede Kommunikation endet. Sprachloses Achselzucken muss nicht das Ende eines solchen Prozesses sein.

1.5 'verantwortet handeln' => Prozess: politische Verharmlosung

Praktische Sprachkritik in der politischen Debatte - aus Leserbrief (von W.Pfleiderer, STB 15.4.2017). Es geht um den Tübinger Bürgermeister im Jahr 1933:

Nach Meinung eines Ex-CDU-Stadtrats könne jener
OB "'...doch nichts dafür, dass das Dritte
Reich über Deutschland gekommen ist!' Diese
Ansicht zeigt ein seltsames Geschichts- und
Menschenverständnis und ist eine Beleidigung
der Opfer des Dritten Reiches und der Nazis.
(...) Es gab also 1933 kein 'Davor', sondern
'es ist über Deutschland gekommen'. Fein aus-
gedacht, entbindet es doch alle Deutschen von
jeglicher Verantwortung. Nachtigall, ick hör
dir trapsen. (...) Die 'Nazis' sind also - wie
Pfingsten der 'Heilige Geist' über die Apostel
- über Deutschland gekommen - und Trump über
die USA - Erdogan über die Türkei - die AfD
über die Bundesrepublik - Putin über Russland
- der Klimawandel über die Welt - die Atomkraft
über die Menschheit usw. Niemand hat was zu
verantworten - es kam halt so über uns!
Tatsache ist, dass 1933 das deutsche Volk, und
zwar jeder Einzelne - er war ja Wähler und
hatte die Wahl - und vor allem alle demokrati-
schen Parteien und alle Funktionsträger eklatant
versagt haben, weil sie sich nicht nur nicht zur
Wehr setzten, sondern in großen Teilen das
Geschehen unterstützt und gefördert haben (...)"

<<KOMMEN ÜBER>> ist somit einerseits das Abschieben der Verantwortung auf ein fremdes Subjekt/1.Aktant - zur eigenen Entlastung: aus einer Handlung wird ein Prozess gemacht. Zugleich liegt ein Sprachbild vor, also ist [17] aktiviert: wie eine himmlische Macht kamen die Nazis nach Deutschland. Auch dadurch werden die realen Deutschen von damals aus ihrer Verantwortung entlassen.


1.6 Prädikation über zwei (semantische) Äußerungseinheiten

In der SEMANTIK würde ein ":" als 'starkes' Satzzeichen gewertet, d.h. hier liegt die Grenze zwischen zwei Äußerungseinheiten. Wie sich beide - nun pragmatisch beurteilt - zueinander verhalten, kann unterschiedlich sein. Eine Möglichkeit ist, dass der erste Teil die Rolle des 1.Aktanten übernimmt. Das ":" besagt dann, dass der folgende Teil darauf zu beziehen sei - gibt aber noch keine Auskunft, mit welcher Bedeutungsfunktion das zu geschehen habe. der zweite Teil der Äußerung liefert die zweite Bedeutung, die für eine PRÄDIKATION nötig ist. Aus dem Zueinander von 1.+2. Bedeutung kann man erschließen, welcher Prädikattyp vorliegt. Vgl.

  1. "Dass seine Worte koordiniert waren mit dem Generalstab, den Alliierten, Russland, China oder dem federführenden Außenministerium:
  2. äußerst unwahrscheinlich."

Der Prädikattyp = 3. notwendiger Faktor im Rahmen einer Prädikation - ist also "statisch-qualitativ". (Kann dann noch weiter charakterisiert werden: es liegt eine wissensmäßige Einschätzung vor, keine wahrnehmbare Eigenschaft, gehört also zum Register EPISTEMOLOGIE, vgl. [18]). Satz entnommen SPIEGEL-online (9.8,2017), bezogen auf eine unverantwortliche Äußerung von Präsident Trump gegenüber Nordkorea.


2. Einzelsprache: Englisch

2.1 Konkretisierungen

Theorie

Dass die englischen Modalverben eine Sonderstellung einnehmen, ergibt sich nicht nur aus ihrer Bedeutung / Semantik. Sie unterscheiden sich von den übrigen Verben auch durch die Art, wie sie verwendet werden können. Folgende Merkmale gelten - nach G. RADDEN:

  1. Es gibt bei ihnen keine konjugierte Form für die "3. Person", also kein he wills.
  2. Die modals können nicht im Präteritum eingesetzt werden, also kein musted.
  3. Auch Infinitive gibt es davon nicht (kein to must, maying, mayed)
  4. In Verbindung mit einem anderen Infinitiv fehlt das to (also kein: He may to speak English).
  5. Ein starker Hinweis auf die semantische Unselbstständigkeit liegt darin, dass modals immer auf eine volle Bedeutung zugeordnet sind (kein He may English - es fehlt die Nennung der vollen Tätigkeit).
  6. Untereinander sind die modals nicht kombinierbar, kommen nur mit einem Verb mit voller Bedeutung vor (kein I must may show you).

Die modals sorgen dafür, dass der Sachverhalt (separat in eigenem Verb genannt) in einem der Register (vgl. 4.08: [19]) verankert wird, also unter einen subjektiven Filter platziert wird (Wahrnehmung, Imagination, Wille, Möglichkeit u.ä.). Damit entfallen die modals als Kandidaten für "kritisch überprüftes Prädikat". Interessant ist, dass ihre praktische = ausdrucks-syntaktische Verwendung schon auf ihre Sonderstellung verweist. Es ist daher nicht verwunderlich, dass modals nicht im Vordersatz eines Bedingungsgefüges auftreten können, denn da benötigt man eine sichere Aussage, zu der dann im Nachsatz eine mögliche Folge genannt. Also nicht: If Mary may be pregnant, John will marry her, sondern: If Mary is pregnant, John may marry her.

Beispiele

"My parents (???) be at home now" - das sei die Kernaussage. Die Eltern werden "zu Hause" lokalisiert, verbunden mit einer Zeitbestimmung: "aktuell". Statt (???) kann man die verschiedenen modals einsetzen und sieht zwei unserer Register (4.08) aktiviert:

  1. may: ...sind jetzt vielleicht zu Hause. - REGISTER-EPISTEMOLOGIE-dubitativ = zweifelnd.
  2. might: ...könnten jetzt vielleicht zu Hause sein. - REGISTER- IMAGINATION-hypothetisch/gefolgerte Annahme + Unsicherheit (s.o.)
  3. could: ...könnten jetzt zu Hause sein. - REGISTER IMAGINATION-hypothetisch/gefolgerte Annahme.
  4. should: ...sollten/müssten ... - REGISTER IMAGINATION - assoziativ, freie Vermutung, nicht schlussfolgernd hergeleitet.
  5. must: ... müssen jetzt ... - REGISTER EPISTEMOLOGIE-cognitiv = sicheres Wissen.

Kritisch geprüftes Prädikat

Damit ist nur gesagt, dass die modals auf jeden Fall nicht in Frage kommen für die Suche nach der Bezeichnung für eine Außenwelthandlung. Die sogenannten Vollverben sind aber noch nicht gesichtet. Darunter verbergen sich noch viele, die ebenfalls wegfallen (want, hope, sit, ask, think usw.).


3. Rechtswesen

3.1 Handlung / Tat

Der SPIEGEL-Online-Artikel von Prof. Dr. Thomas Rotsch erläutert, dass die Juristen die gleichen Basiskategorien benötigen wie die Linguisten, wenn es darum geht, Täterschaft bzw. Mittäterschaft festzustellen. Wer handelt eigenverantwortlich? Wer ist Ideengeber, wer Befehlsgeber (= beträfe Modalitäten)? Kann jemand, der nicht am Ort der Tat ist, überhaupt als Mittäter gewertet werden? - Auszüge:

Nach der ganz überwiegend in der Strafrechtswissen-
schaft vertretenen Tatherrschaftslehre, der sich
auch der BGH immer mehr annähert, unterscheidet
den Täter vom Teilnehmer die so genannte "Tatherr-
schaft", also die Beherrschung der Tat. Bei der
Mittäterschaft, die sich gerade durch eine
arbeitsteilige Vorgehensweise auszeichnet, muss es
dementsprechend mehrere, nämlich mindestens zwei
"Tatherren" beziehungsweise Mittäter geben. Voraus-
setzung sind ein gemeinsamer Tatplan und die
gemeinsame Tatausführung der an der Tat Beteiligten.
Besonders schwierig zu beurteilen sind seit jeher
diejenigen Fälle, in denen einer der potentiellen
Mittäter nicht am Tatort anwesend, sondern nur in
der Vorbereitungsphase (oder eben erst nach der
Tat) tätig geworden ist. Während die strafrechts-
wissenschaftliche Literatur hier weithin wenigstens
verlangt, dass die im Vorbereitungsstadium einer
Tat geleisteten  Beiträge in ihr Ausführungsstadium
hinein fortwirken, hat der BGH unter heftiger
Kritik der Literatur gar schon die bloße Zusage der
Mitwirkung als mittäterschaftsbegründend angesehen
(BGHSt 16, 12; 37, 289).


4. Einzelsprache: Französisch

4.1 Konkretisierungen

Die "Grammaire de base" (alpha.b) nennt eine hilfreiche, allerdings - gemessen an unserer Ziff. 4.08 (mit 6 Registern) - auch eine undifferenzierte Liste von Verben und ihren Bedeutungen, die - in unserer Diktion - eben kein Außenweltprädikat bezeichnen, sondern mentale Vorgänge. Die Grammatik spricht unter dem Oberbegriff volonté von Bereichen wie: souhait / conseil, Désirer / [Rêver - bei uns zur IMAGINATION], volonté / précaution, ordre, interdiction / [prudence - bei uns zur EPISTEMOLOGIE], [permission - bei uns zu ERMÖGLICHUNG], [tolérance - bei uns zu AXIOLOGIE], préférence. - Hier nun die Liste, mit "(?)" werden die Fälle markiert, die nicht in das Register INITIATIVE gehören, sondern in ein anderes.

Souhaiter / Conseiller, Désirer / Rêver(?),
Insister (pour que), Proposer / Nier, Supplier / 
Implorer, Ordonner / Proposer, 
Dire (?) / Demander, Crier (?) / Commander,
Ecrire (?), Téléphoner (?), Prescrire, 
Permettre (?) / Autoriser (?),
Etre d'accord pour que (?), Vouloir bien,
Approuver (?), Consentir (à ce que)
Vouloir / Exiger, Essayer (?) / Décider,
Entendre (?), Tâcher (?), Ne (pas) avoir de cesse (?), 
Tenir (à ce que) (?), Veiller (à ce que) (?),
Interdire / Défendre, Refuser / Empêcher (?), 
S'opposer  (à ce que) (?), Désapprouver (?) /
Eviter (?), Exclure (?), Accepter / Tolérer (?), 
Admettre (?) / Comprendre (?), Tolérer (?) /
Concéder (?), Concevoir (?), Supporter (?), 
Préférer  (?) / Aimer mieux (?).

volonté scheint in der "Grammaire de base" eine Papierkorbkategorie zu sein für alles mögliche. Das sollte man präzisieren. Wer will, kann als Übung versuchen, all die (?) zu ersetzen durch die passendere REGISTER-Angabe. Offensichtlich muss man unterscheiden: Viele innere/mentale Weichenstellungen verlangen - auch - den Einsatz von "Willen". Das verbindet sie mit "echten" (Außenwelt-)Handlungen. Deswegen wohl der inflationäre Begriff volonté.

Aber: Häufig kann durch diese Zusatzkomponente nicht erfasst werden, was die Verbbedeutung als Hauptakzent besagt - es wird nicht das primäre Merkmal beschrieben. Tolérer verlangt eine Anstrengung, insofern eine Willensleistung, fällt nicht vom Himmel. Als Hauptakzent besagt es aber, dass man sich einer negativen Wertung enthält. Also gilt das Register AXIOLOGIE.

Zum Zweiten: Zwischen Wortbedeutung und implizierter Bedeutung muss man unterscheiden. (Später kommt noch die übertragene Bedeutung hinzu). Téléphoner unter "Willen" zu subsumieren geht nur unter der Annahme, dass fernmündlich ein Befehl übertragen werde. Aber diese Implikation steht zunächst nicht im Text, kann also auch nicht der Verbbedeutung zugerechnet werden. Als Hauptakzent kann zunächst nur die Weitergabe von Wissen (= Register EPISTEMOLOGIE) in einem speziellen Übertragungskanal angenommen werden. Mit "Willen" hat dies im Kern zunächst nichts zu tun.


An anderen Stellen wird betont, "la cause" sei immer vorzeitig zum Hauptsachverhalt. Logisch ist das richtig, sprachlich ist es kein Zwang, denn das logisch Frühere kann auch nachgeliefert werden (Er wurde festgenommen, weil er zuviel getrunken hatte).

Konjunktion und Subjonctiv (in 2 Äußerungseinheiten):
Je n'aime pas cet endroit, non qu'il soit
désagréable mais parce qu'il me rappelle
de mauvais souvenirs.
 Comme c'est le 1er mai, personne ne
travaille.
Innerhalb einer Äußerungseinheit:
Il est parti à cause de son travail.
Infinitiv composé - mit allen möglichen 3 Zeitstufen:
Pour avoir trop bu, il ne peut pas conduire |
il ne pourra pas conduire | il n'a pas pu conduire
Il est riche à force de travail.

4.2 Verbbedeutungen um "Aspekte" auszudrücken

... also mit eingeschlossenem Verweis auf [20]. Das funktioniert natürlich nicht nur im Französischen so. Man muss die Beispiele nur übersetzen - dann gelten sie auch in anderen Sprachen. Aus Muryn/Mejri/Pazuch u.a., La phraséologie entre langues et cultures. 2013. Beitrag: Pozierak-Trybisz.

Vgl. S.64. Temporalformen schließen aspektuelle Signale ein. Il l'a aimée ou Elle pensa à lui (toute la nuit). Ils peuvent également apporter de la durée à ce qui est par nature ponctuel - le présent, l' imparfait - - Des bombes explosaient, Il meurt de faim à chaque prise de sang et créer des notions, aspectuellement momentanées, des constructions itératives. Ainsi, relevons nous, à part les deux aspects simples - ponctuel et duratif - des figurations aspectuelles qui sont créées:

  • le début d'un nouvel ?etat (perdre, trouver) - configuration inchoative
  • la répétition d'une action - configuration itérative
  • le résultat d'un changement d'état configuration résultative
  • le déroulement limité par un intervalle (40 jours, pendant la jeunesse, toute sa vie, etc.) ou une borne temporelle (jusqu'à la mort, jusqu'à la gare, jusqu'au petit matin, etc.) configuration limitative ...
  • le résultat 'en train de se faire' - configuration télique

5. Einzelsprache: Latein

5.1 Gerundiv

Es sei zunächst das Gerundiv besprochen: In der Semantik sehen derartige Prädikationen noch aus wie Eigenschaftszuschreibungen zu einem Subjekt = 1.Aktant. Vgl. 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen. Nun, bei kritische Betrachtung erst, kommt das ins Spiel, was in Grammatiken viel zu schnell schon beim Erstzugang betont wird: der Zwang, die Aufforderung zum Handeln.

Die bisherige Eigenschaftszuschreibung entpuppt sich somit als 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE, näherhin als dringender Rat, Befehl. Eine wichtige Rolle spielt dabei die passivische Formulierung: ein Unbekannter sagt anderen Unbekannten, dass dieses oder jenes getan werden müsse. Die künstliche Anonymisierung verstärkt den Eindruck eines objektiv gegebenen Handlungszwangs, dem man - so der beabsichtigte stilistische Zweck - als einfacher Bürger auf keinen Fall entrinnen wird können.

Pax (omnibus) servanda est   -             Der Friede muss (von allen) bewahrt werden.
Cives defendendi erant -                   Die Bürger mussten geschützt werden.
Ceterum censeo Carthaginem esse delendam - Im übrigen stelle ich den Antrag, dass Karthago 
                                               zerstört werden soll.

Die Übersetzungsvorschläge aus der "Systemgrammatik Latein" (S.173) wurden jetzt übernommen. Auf der zweiten, kritischen Bedeutungsanalyse sind sie akzeptabel, für die erste, die semantische, an der wörtlichen Konstruktion orientierten Bedeutungsanalyse waren sie es noch nicht. Die übliche Grammatikfiktion, als könne man mit einer einzigen Bedeutungsebene auskommen, sollte möglichst bald überwunden werden. Das Feld der Bedeutungen ist differenzierter. Trägt man dem Rechnung, wird die grammatische Beschreibung transparenter.

5.2 Verbbedeutungen

Es werden die Bedeutungen konjugierter Verben kritisch betrachtet und dem angemessenen semantischen Bereich zugeordnet

semantisch anscheinend die Prädikatbedeutung            gehört pragmatisch zu:
omnes valde dolebant                                Register AXIOLOGIE
in ea loca venimus                                  Deixis: Topologie
qui agere audet                                     Register ASPEKTE-ingressiv
qui tacet                                           Register INITIATIVE-reiectiv 
                                                                       (zurückweisen zu reden)
non mentitur                                        Register AXIOLOGIE: schlecht 
                                                                       (reden)
. . . Hannibalis consilio terreretur                Register AXIOLOGIE: schlecht 
                                                                       (sich fühlen)
XY primus dixit                                     Register EPISTEMOLOGIE: emissiv 
                                                                       (Mitteilungsakt)
quod sciam                                          Register EPISTEMOLOGIE: cognitiv
Quis eum diligat                                    Register AXIOLOGIE: gut = euphorisch
quem metuat?                                        Register AXIOLOGIE: schlecht =  
                                                              dysphorisch
quod gentibus victis pacem dare existimabatur       Register EPISTEMOLOGIE: creditiv 
                                                                       = überzeugt sein
Quis ignoret Neronem?                               Register EPISTEMOLOGIE: ignorativ 
                                                                       = nicht-wissend
P. C. exercitum in fines Sotiatum duxit             Deixis: Topologie
sua voluntate imperat                               Register INITIATIVE-Befehl ("Imperativ")

Am letzten Beispiel sieht man, dass eine pragmatische Analyse, gestützt auf das Register INITIATIVE - vgl.4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE - eine Einzelbedeutung als "Befehl" bestimmen kann, obwohl im traditionellen Verständnis kein "Imperativ" vorliegt. Im aktuellen Schritt interessiert, welche Grundbedeutung das jeweilige Verb wiedergibt. Wie diese eingesetzt wird, ob im "Imperativ", Infinitiv, Indikativ, Konjunktiv usw., wird aktuell nicht beachtet (wurde meist schon zuvor bei der Semantik behandelt).

6. Literatur

6.1 I. Gontscharow, "Oblomow"

Die Hauptfigur des 1859 erschienenen Romans praktiziert in ihrem Leben das "absichtslose Treiben, das unmerkliche Trudeln, das lautlose Verschwinden aus der Welt. Um nichts zu erreichen. Um nichts zu machen als die Erfahrung einer unendlich sanften Umfangenheit, in der Absichten und Sorgen, Begehrlichkeiten und Ängste unmerklich in die Ferne ziehen und sich schließlich auflösen wie Eisschollen auf einem sonnenbeschienenen See", (Elke Schmitter in der Besprechung einer Neuübersetzung: SPIEGEL 15/2012. Daraus auch die weiteren Zitate).

Auf literarischer Ebene führt Oblomow somit das Nicht-Handeln vor. Er ist als Romanfigur die Verkörperung/="Personifikation", vgl. [21], unserer "Kritischen Prädikatsanalyse", die zum Ergebnis führt: kein echtes Prädikat. Dieses Nicht-Handeln wird über 800 Seiten vorgeführt. Oblomow verliebt sich sogar einmal:

"Und was folgt auf die Liebe? Eine stille Verlobung.
Und was folgt der stillen Verlobung, wenn sie
offiziell werden soll?
    Oblomow müsste aufs Amt, die notwendigen Papiere
besorgen. Er müsste seinem Verwalter schreiben, der
ihn nach Strich und Faden betrügt, mehr noch: Er
müsste nach Oblomowka reisen, um dort nach dem Rech-
ten zu sehen, einen neuen Verwalter suchen, sich um
die entlaufenen Bauern kümmern, er müsste einen Plan
machen und ihn am Ende umsetzen. Er müsste, kurz
gesagt, erwachsen werden, sein Leben in die Hand
nehmen. Er müsste ein anderer werden.
    Hier habt ihr einen Helden, der keiner ist. Kein
tragisches Opfer, kein rauer, bewunderungswürdiger
Täter, kein faustisch Suchender und kein selbstver-
liebter Eroberer. Ein schläfriges, freundliches Kind
im Körper eines Mannes, ein Zauderer und Zögerer,
an dessen Grübelsucht kein Königreich zu Schaden geht,
sondern nur eine Lebensmöglichkeit. Seit mehr als 150
Jahren gibt er Rätsel auf, wie man ihn betrachten
soll. Ist er ein Neurotiker, ein Parasit, ein über-
flüssiger Mensch? Ein unreifer, Ich-schwacher Egoist?
Eine reine Seele, die der Schonung bedarf und sich
damit revanchiert, dass sie die Welt ebenso schont?
Ein Trostbild der Untüchtigkeit, eine liebeswürdige(!)
Unschuld?"

Leser werden somit durch ein dickes Buch hindurch mit dem Thema "Nicht-Handeln" konfrontiert. Wozu das? Warum tut man sich das an? Der Roman provoziert überdeutlich, auch über die gegenteilige = unsere Verhaltensweise nachzudenken:

"Wer immer sich auf ihn einlässt, ist mit den eigenen
Werten konfrontiert, mit dem eigenen Wunsch zu 
gefallen, etwas zu gelten und nützlich zu sein.
Mit der eigenen Urteilssucht."

6.2 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

Im 2. Teil, Kap. 21, wird ein Pferd auffallend ausführlich beschrieben. (insel-Ausgabe von 2010):

Frou-Frou war ein Pferd von mittlerer Größe und nicht
einwandfrei gebaut. Es hatte ein schmales Knochen-
gerüst; obwohl sich der Brustkorb weit vorwölbte,
war die Brust schmal. Die Kruppe fiel ein wenig nach
hinten ab, die Vorderbeine und besonders die Hinter-
beine waren merklich gekrümmt. Die Muskeln an Vor-
und Hinterhand waren nicht sonderlich kräftig, aber
dafür war das Pferd am Gurt ungewöhnlich breit, was
bei seinem mageren Bauch und jetzt nach dem Training
besonders auffiel. Von vorn gesehen, schienen seine
Knochen unterhalb der Knie nicht dicker als ein
Finger zu sein, aber von der Seite gesehen waren sie
ungewöhnlich breit. Das ganze Tier sah aus, als sei
es mit Ausnahme der Rippen von beiden Seiten
zusammengedrückt und nach hinten hinuntergezogen.
Aber es besaß in hohem Maße eine Eigenschaft, die
alle diese Mängel vergessen ließ: edles Blut, jenes
Blut, das 'sich zeigt', wie man im Englischen sagt.
Aus dem Adernetz unter dem feinen, beweglichen,
atlasglatten Fell traten die Muskeln scharf hervor,
die so fest wie Knochen schienen. Der trockene Kopf
mit den großen, glänzenden, munteren Augen
verbreiterte sich nach den weiten Nüstern mit der
rosigen Innenhaut. Im ganzen Bau, vor allem aber in
dem Kopf des Pferdes, lag etwas Bestimmtes, Ener-
gisches und zugleich Zartes. Es war eines von den
Tieren, die anscheinend nur deshalb nicht sprechen,
weil die mechanische Einrichtung des Mundes es
ihnen nicht erlaubt.

Auf den Folgeseiten gäbe es noch weitere Beschreibungen dieser Art. Man kann am abgedruckten Ausschnitt schon sortieren:

Es gibt zu denken, dass im selben Bereich auch eine Frau = Anna näher beschrieben wird.

(278) Sie ... saß nun da und wartete. In einem weißen
Kleid mit breiter Stickerei saß sie in einer Ecke der
Veranda hinter den Blumen und hörte ihn nicht kommen.
Den schwarzlockigen Kopf gesenkt, preßte sie die
Stirn an die kalte Gießkanne, die auf dem Geländer
stand, und hielt sie in ihren schönen Händen mit den
ihm so wohlbekannten Ringen. Die Schönheit ihrer
ganzen Gestalt, ihres Kopfes, ihres Halses, ihrer
Arme überraschte Wronskij jedesmal wie etwas ganz
Unerwartetes. Er blieb stehen und betrachtete sie
entzückt.

Auch dieser Abschnitt kann pragmatisch so beschrieben werden wie soeben vorgeschlagen. - Da die Beschreibungen zu 'Pferd' und 'Frau' sich noch mehrmals abwechseln, drängt sich interpretatorisch die Frage auf, ob beide Stränge etwas miteinander zu tun haben, ob etwa das (tragische) Schicksal des Pferdes, von dem man bald zu lesen bekommt, ein Gleichnis für das sein soll, wie es Wronskij und Anna ergehen wird? Jedenfalls ist die Dichte und Verwobenheit der Beschreibungen nicht mit Zufall zu erklären, sondern als stilistische Strategie.

6.3 Echnaton

... beschrieben im gleichnamigen Roman des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Machfus (Zürich 2011): Aus Sicht von Minister Nachet war der Pharao in der - so würden wir sagen - IMAGINATION verankert. In der - bisweilen harten - Alltagsrealität kam er nie so richtig an:

" 'Trotz allem, was man über seine Schwächlichkeit,
seine weiche Art und sein befremdliches Aussehen
sagen kann, hat er uns dazu gebracht, seine Klugheit
zu bewundern, seine frühe Reife zu bestaunen, ja,
ihn zu lieben. Leider hatte er auch einen Fehler,
und wahrscheinlich war ich der Erste, der ihn
entdeckte. Mein Freund und Gebieter interessierte
sich nicht im Geringsten für das, was in der
wirklichen Welt geschah. Offizielle Angelegen-
heiten langweilten ihn derart, dass sie ihn fast
krank machten. Über den Alltag seines Vaters
konnte er nur spotten, obwohl gerade die alltäg-
lichen Gepflogenheiten die feste Grundlage
bildeten, auf die sich die heiligen Traditionen
des Throns stützten. Das begann mit dem morgend-
lichen Aufstehen zu einer ganz bestimmten Zeit
und setzte sich fort mit einer genauen zeit-
lichen Abfolge von Bad, Frühstück, Gebet,
Audienz, Tempelbesuch. Der Prinz murmelte da
immer nur leise: 'Die reinste Sklaverei!' Er
spielte mit den Traditionen wie ein verwöhntes
Kind, dem es Spaß macht, kostbares Geschirr zu
zerschlagen. ...
    Er hingegen hielt das, was er sich vor-
stellte, für das einzig Wahre. Genau das war
der Grund, warum man ihn für verrückt oder
töricht hielt. O nein, er war nicht geistes-
gestört, er war nicht wahnsinnig, aber normal
war er auch nicht. Schon als Jugendlicher gab
er seinen Eltern und der Priesterschaft Anlass
zur Sorge, und uns, seine engsten Gefährten,
machte er ratlos und verwirrt.' "  (130f)