4.1117 Ort und Zeit als eigene ÄE

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Es ist keine revolutionäre Erkenntnis, dass ganze Sätze, besser: ÄEen, hauptsächlich die Funktion haben können, entweder über den Ort oder die Zeit zu informieren. Wofür, für welches Ereignis, das muss anderen ÄEen entnommen werden ("Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, da ..."; "Als das Wünschen noch geholfen hat, da ..."). Allerdings achten wir nicht nur auf Konjunktionen, sondern überprüfen auch das Prädikat.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Erzähltheorie

                 On the human imagination events 
                 produce the effects of time.
                                  (The Deerslayer, J.F. Cooper)


0.2 Geschichte als strukturierte Ereignissequenz

Die in einem narrativen Text dargebotene Geschichte ist nicht einfach Geschehen, sondern eine in bestimmter Weise ausgewählte und geordnete Sequenz von Handlungen und Ereignissen. Aufgrund dieser Ordnung bildet die Geschichte im Gegensatz zum Geschehen einen Sinnzusammenhang (Stierle, 1975)

1.1. Raum: Geschichten sind immer räumlich situiert (Handlungsraum, Ereignisraum). Dieser Raum ist mehr oder weniger deutlich in semantisch oppositive Teilräume gegliedert wie etwa Heimat vs. Fremde; Innenraum vs. Außenraum; Stadt vs. Land (vgl. hierzu besonders Lotman).

1.2. Zeit: Geschichten verlaufen immer in der Zeit. Die zeitliche Sequenz der Geschichtselemente, d.h. die chronologisch-logische Abfolge der Handlungen und Ereignisse, kann mehr oder weniger ausgeprägt in konkrete, bedeutungsstiftende Zeitrahmen, Zeitreihen oder ‘Zeiträume’ eingebettet und so mit einer Zeitsemantik verbunden werden.

Exkurs: Die Betrachtung der Tempora im Deutschen

Zur Beschreibung von Tempusformen sind 3 Zeitintervalle zu berücksichtigen, nämlich die Sprech- und Kommunikationszeit als ursprünglicher Verankerungspunkt, weiterhin Ur-Origo, eine kontextabhängige Betrachtzeit und die Ereigniszeit. Grundsätzlich spezifizieren Tempora die relative Lage von Origo und Betrachtzeit. Die Ereigniszeit überlappt sich für jedes Tempus mit der Betrachtzeit, d.h. Verbalsätze spezifizieren das Stattfinden von Ereignissen an Betrachtzeiten. (vgl. Joachim Ballweg: „Zeit, Temporalität und Sprache“). - (NB. gleicher Ansatz bei uns, vgl. [1] und Unterpunkte)

Präsens: Sagt über die relative Lage von Origo und Betrachtzeit nichts aus. Mit beliebigen Betrachtzeiten kombinierbar. ("1492 erobert Kolumbus Amerika". "Morgen kommt der Kaminfeger").

Kritische Ergänzung: Mit "1492" ist ein
'absoluter' Zeit-Maßstab ("Betrachtzeit") angegeben.
Durch Präsens wird - 'relativ' - dazu die
Gleichzeitigkeit ausgesagt. Analog im zweiten
Satz. 

Präteritum: Betrachtzeit liegt vor Sprechzeit. ("Was lief morgen im Kino?")

Kritische Ergänzung: Schönes Beispiel, dass eine
nur sachverhaltliche Betrachtungsweise scheitert -
man könnte nichts als eine Paradoxie feststellen.
Zugleich erweist sich das Beispiel als ungeeignet für
die aktuelle Ebene, weil weitere pragmatische Korrek-
turen benötigt werden.
Stattdessen mit den drei Koordinaten:
  0 = die Frage = Sprechzeitpunkt liegt offenbar in der
      Gegenwart.
  R = 0: Gemessen am jetzigen Sprechen muss es einen
      Mitteilungsakt in der Vergangenheit gegeben
      haben - ist impliziert,
  vgl. [2].
  Darauf deutet das Präteritum. Die EZ des Mitteilungs-
  aktes wird nicht explizit erwähnt, nur vorausgesetzt.
  Inhaltlich war Gegenstand der Mitteilung, dass
  morgen im Kino usw. usw. Die Zeitangabe bezieht
  sich auf das Kino.
Fazit: die Verbform "lief" ist kontaminiert -
inhaltlich bezieht sie sich auf die zukünftige Kino-
aktivität; sie trägt aber die Tempusanzeige des
angenommenen, aber nicht formulierten vergangenen
Mitteilungsaktes.
Nochmals: ein interessantes, für den aktuellen Gesichts-
punkt aber noch zu kompliziertes Beispiel.

Präsensperfekt: Ausdruck von Vorzeitigkeit. Die Betrachtzeit 2 für den Perfektbestandteil liegt vor der Betrachtzeit 1 für den präsentischen Bestandteil. ("Morgen habe ich das erledigt.")

Kritische Ergänzung: Benutzen wir weiterhin die
drei Koordinaten:
O  = man kann unterstellen, dass der Sprechzeitpunkt
     "heute", "jetzt" ist;
R  = "morgen" nennt einen Referenzpunkt, -zeitraum
EZ = muss sich zwischen O und R abspielen. Sobald R gilt,
     ist das "Erledigen" abgeschlossen (vgl. [3] - "perfektiv".)
Anstelle der verquirlten und semantisch unverständlichen/
unbrauchbaren Diktion ("Präsens-perfekt") haben wir etwas
vor uns, das dem alten "Futur II" nahe kommt.

0.3. Unterscheidung zwischen histoire und discours

(vgl. Todorov, Stierle, Genette)

- histoire (Geschichte) meint die erzählten Handlungen und Ereignisse, im weiteren Sinn die Gesamtheit der fiktiven Sachverhalte;
- discours (Erzählung) meint die Form der Vermittlung, die sich aus dem Akt des Erzählens ergibt.


0.4 Erzählebene

3.1. Gestaltung des zeitlichen Verlaufs

Die logisch-chronologische Struktur der Geschichte kann durch ihre Präsentation auf der Erzählebene in besonderer Weise gestaltet oder akzentuiert werden (siehe insbes. Genette, 1972).

3.1.1. Eingriffe in die Abfolge (Genette: „ordre“)

Grundlegende Verfahren sind Rückgriffe und Vorgriffe (Analepsen, Prolepsen), d.h. das Nachholen oder Vorziehen eines in der Reihenfolge der Geschichte früher oder später situierten Elements. Bei den Analepsen und Prolepsen trifft Genette u.a. folgende weiteren Unterscheidungen: interne Analepsen und Prolepsen beziehen sich auf Zeitsegmente, die innerhalb des primären Zeitrahmens („récit premier“: durch den Beginn und das Ende der Erzählung markierte primäre Zeitebene) situiert sind; externe Analepsen und Prolepsen beziehen sich auf Zeitsegmente außerhalb des primären Zeitrahmens; gemischte (‚mixte’) Analepsen und Prolepsen beziehen sich auf Zeitsegmente die teils innerhalb, teils außerhalb des primären Zeitrahmens liegen.

3.1.2. Gestaltung des Erzähltempos (Genette: „durée“)

Das Erzähltempo ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen der auf der Geschichtsebene zurückgelegten ‘Zeitstrecke’ (‚erzählte Zeit’) und dem Umfang der für diese Strecke benötigten Erzählung bzw. des benötigten Texts (‚Erzählzeit’). Genette unterscheidet vier typische Möglichkeiten des Erzähltempos:

- „récit“: raffender Bericht;

- „scène“: langsames, szenisches Erzählen;

- „pause“: Stillstand, Pause der Geschichte (Beschreibung);

- „ellipse“: Auslassen, Überspringen eines Teils der ‘Zeitstrecke’ der Geschichte.

3.1.3. Erzählfrequenz

Sie betrifft das quantitative Verhältnis zwischen Zeitsegmenten der Geschichtsebene und ihrer Darstellung auf der Ezählebene. Genette unterscheidet folgende typische Möglichkeiten:

- singulatives Erzählen: es wird einmal erzählt, was einmal geschieht;

- iteratives Erzählen: es wird einmal erzählt, was mehrmals geschieht

- repetitives Erzählen: es wird mehrmals erzählt, was einmal geschieht.


0.5 Dokumentation zur Erzählsituation

1. Erzählperspektive

 Genette : 	focalisation zéro	foc. externe		foc. interne 
 Stanzel:		Außenperspektive		Innenperspektive


2. Erzählinstanz

 Genette:récit hétérodiégétique		             récit homodiégétique
 Stanzel:Nichtidentität der Seinsbereiche (Er-Bezug) Identität der Seinsbereiche (Ich-Bezug)


3. Erzählsituation (ES)

Nach Stanzel (vereinfacht)

 Perspektive    Er-Bezug           Ich-Bezug
 Außenperspektive  auktoriale ES	Ich
 Innenperspektive  personale ES	      ES


0.6 Beispiele

Der Mark Twain-Text erhält durch die Einteilung der Erzählung gemäß der Wochentage eine klare zeitliche Struktur. Innerhalb dieser geregelten Abfolge finden wir aber immer wieder Verweise in die Vergangenheit, bzw. in die Zukunft. Allerdings fehlen Informationen, die eine Relation zwischen Sprechzeit, Betrachtzeit und Ereigniszeit zuließen.

Ich entgegnete,
dass es dann überflüssig sei.
Sie sagt,
der Park würde ein schmuckes Erholungsgebiet abgeben,
wenn sich Gäste dafür fänden. (1.34-1.36)

Räumlich lässt sich die Erzählung nicht konkret durch Angaben im Text einordnen. Aus dem Vorwissen der Leser liegt das „Paradies“ als Ort des Geschehens jedoch sehr nahe.

Die beiden Erzähler (Adam und Eva – Teil der erzählten Welt) berichten aus ihrem jeweils eigenen Blickwinkel über eine identische Ereigniszeit. Dabei bedienen sie sich der Form des Ich-Erzählens.

0.7 Witz

Satzhaft wird eine Zeitangabe nachgeliefert (auf eine Frage hin). Im Vortext gibt es aber unterschiedliche Andockpunkte: Ist die Zeitangabe für die vorausgegangene Prädikation gedacht (mit <<HABEN>> = <<BESITZEN>> als Kern) vgl. 4.07 Orientierung in Raum und Zeit? Oder dient sie - nur - als nachgelieferte Adjunktion für das Objekt vgl. 4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation ?

"Ich besitze zu Hause noch einige alte Gemälde." -
"Aus welcher Zeit?" - 
"Aus der Zeit, als ich noch viel Geld hatte."

0.8 Nicht automatisch: "post hoc, ergo propter hoc"

Die Schilderung der zeitlichen Abfolge zweier Ereignisse wird häufig weitergehend gedeutet als Verursachung: Dann wäre das erste Ereignis die Ursache ("kausal" - vgl. 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE) für das zweite. Der Schriftsteller Wolf Haas - laut einem Pressebericht - nimmt diesen Automatismus aufs Korn. Das heißt im Klartext: Wenn explizit nur vom zeitlichen Nacheinander die Rede ist, sollte man sich zunächst damit begnügen. Es bedarf erkennbarer Indizien, die es erlauben, dieses Nacheinander im Sinn von Verursachung zu deuten.

In seinem Roman "Verteidigung der Missionarsstellung"
steht:
"Als ich mich das erste Mal verliebte, war ich in Eng-
land, und da ist die Rinderseuche ausgebrochen. Als
ich mich das zweite Mal verliebte, war ich in China,
und da ist die Vogelgrippe ausgebrochen. Und drei Jahre
später war ich das erste registrierte Opfer der Schwei-
negrippe. Sollte ich je wieder Symptome von Verliebtheit
zeigen, musst du sofort die Gesundheitspolizei verstän-
digen, versprich mir das."

1. Einzelsprache: Latein

1.1 Zeit

Prinzipiell können die Kategorien, die schon in der Semantik eingeführt worden waren - vgl. 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie (mit Unterpunkten) - hier wiederverwendet werden.

Verschiedene Konjunktionen markieren im Temporalsatz = Nebensatz einen Zeitpunkt in der Vergangenheit, gemessen an dem der Hauptsatz nachzeitig ist. (Beispiele - angepasst - übernommen aus Fink/Maier "Systemgrammatik Latein" (1997) S.224ff:

Cum Caesar in Galliam venisset, undique legati Gallorum ...      
                  =   Als Cäsar nach Gallien gekommen war, von überallher Gesandte der
                      Gallier ... - Die EZ des Handelns der Gallier ist nachzeitig
                      zum Kommen Cäsars, aber beides in der Erzählvergangenheit.
Postquam Germani agros Gallorum adamaverunt, plures Rhenum ...      
                  =  Nachdem die Germanen die Gebiete der Gallier schätzen gelernt hatten,
                     viele den Rhein... - Was immer die "vielen" machten,
                     ihre EZ liegt nach dem bewundernden Kennenlernen der
                     gallischen Gebiete durch die Germanen.

Eine umgedrehte Perspektive enthält:

Caesar, priusquam castra movit, legatos ad ...               
                  =  Cäsar die Gesandten ..., ehe er aufbrach
                     Cäsar macht etwas vorzeitig zum Aufbrechen. Er sondierte
                     nämlich zunächst bei den Häduern.

Durch Temporalsatz wird der Zeitpunkt benannt, bis zu dem hin die andere = Haupt-Aktion vollzogen worden ist.

Parallelität / Gleichzeitigkeit der Vorgänge:

Archimedes dum formas ... describit, ... non sensit              
                  =  Während Archimedes Figuren ... beschrieb,
                     bemerkte er nicht die ...
Lacedaemoniorum gens fortis erst, donec ... leges valebant       
                  =  Das Volk der Lakedämonier war stark, solange 
                     ... die Gesetze galten.

Zeitliche Fixierung:

Sex libros ... tum scripsi, cum rem publicam administrabam.      
                  =  6 Bücher habe ich geschrieben, als ich
                     den Staat regierte.
Modo Varus silvam intraverat, cum undique Germani...invaserunt   
                  =  Eben war Varus in den Wald eingedrungen,
                     als die Germanen ... angriffen.

An anderer Stelle (S.221) wird betont, die Funktion des Adverbiales könne auch durch einen Gliedsatz übernommen werden.

Ubi finem orationis Caesar fecit, clamor ortus est.         
                  =  Wo = Sobald Cäsar seine Rede beendet hatte ...
Hamilcar, postquam in Hispaniam venit magnas res gessit     
                  =  Nachdem er in Spanien angekommen war, vollbrachte
                     Hamilcar ...

[Anmerkung: Gliedert man Grammatiken nach typischen Konstruktionsmerkmalen, verbunden mit undeutlichen = zu allgemeinen Begriffen - z.B. Konjunktionen oder Adverbiale - verwundert es nicht, dass semantisch ein und die selbe Funktion verstreut in der Grammatik genannt wird. Wir plädieren - unentwegt und häufig - dafür, die semantische Funktion zum Kriterium zu nehmen und alle Realisierungsformen, die möglich sind, in diesem Punkt zusammenzuführen.]


Festgehalten sei das Defizit: Es gibt auch den Temporalsatz = Hauptsatz. Die wesentliche Funktion eines Satzes, einen Zeithinweis zu geben hängt nicht allein an einer entsprechenden Konjunktion. Dies anzunehmen wäre eine Blickverengung. Vielmehr hat die Alternativ-Grammatik schon in der Semantik Prädikationen als temporal bestimmt. Vgl. 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen. Daraus wird jetzt der Schluss gezogen: der ganze Satz hat die Funktion der Zeitangabe. Analog zum deutschen: "Es geschah an einem Samstag".

Latinisten mögen hierfür Beispiele beisteuern!


1.2 Ort

Prinzipiell können die Kategorien, die schon in der Semantik eingeführt worden waren - vgl. 4.071 Raum / Ort / Topologie (mit Unterpunkten) - hier wiederverwendet werden. Die "Systemgrammatik Latein" versteht S.224 unter Lokalsätzen solche (Nebensätze), die (meist) von Pronominal-Adverbien eingeleitet sind:

ubi/qua                wo   
unde                   woher 
quo(cumque)            wohin (auch immer) 
ubicumque / quacumque  wo auch immer / überall, wo
Patria est, ubicumque est bene   -  Das Beispiel zeigt schön,
                           dass dem ersten Satz die zweite zur Prädikation
                           nötige Bedeutung fehlt ("Das Vaterland ist ???").
                           Das Fehlende wird durch einen eigenen Satz
                           nachgeliefert ("wo immer es gut ist")


Festgehalten sei das Defizit: Es gibt auch den Ortssatz = Hauptsatz. Die wesentliche Funktion eines Satzes, einen Ortshinweis zu geben hängt nicht allein an einer entsprechenden Konjunktion. Dies anzunehmen wäre eine Blickverengung. Vielmehr hat die Alternativ-Grammatik schon in der Semantik Prädikationen als lokativ bestimmt. Vgl. 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen. Daraus wird jetzt der Schluss gezogen: der ganze Satz hat die Funktion der Ortsangabe. Analog zum deutschen: "Es geschah in Rio".

[Unverständlich ist, warum mit "Lokalsätzen" in der "Systemgrammatik Latein" auch die "Modal"-Nebensätze behandelt werden. Sie gehören als Explikationen in eine ganz andere Kategorie, vgl. 4.1112 Näherbeschreibung als Kontextbildner ]

Latinisten mögen hierfür Beispiele beisteuern!

2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Zeit

2.2 Ort

Wie in jeder Sprache, gibt es auch hier Bewegungsverben - sie sind pragmatisch grundsätzlich als Beitrag zu den Ortsinformationen zu werten, verlieren also den semantischen Anschein, eine normale Prädikatbedeutung zu sein. Das echte Prädikat (= Außenwelt-Veränderung) ist folglich in einer anderen Äußerungseinheit jenes Textes zu suchen.

Manche Bewegungsverben weisen sogar einen 2.Aktanten auf. Wieso - traditionell gefragt - ist dieser von der Bewegung des Subjekts = 1.Aktanten "betroffen"? Salopp gesprochen: Wenn ich "das Fahrrad" überhole, kümmert es dieses nicht - vorausgesetzt, ich verhalte mich verkehrstechnisch korrekt.

Die pragmatische Auflösung: der scheinbare "2.Aktant" beschreibt zusammen mit der Verbbedeutung die Art, wie der Weg zurückgelegt wird. Gestützt auf einen Aufsatz von N. Schpak-Dolt (ZS 10.2, 1991) kann man so zusammenfassen:

Im Französischen geht es um folgende 4 Verbgruppen:

(i)   arpenter, enjamber, franchir, parcourir, passer,  pénétrer,
      sauter, sillonner, surmonter, survoler, traverser 
(ii)  dégringoler, descendre, dévaler, escalader, gravir, grimper, monter  
(iii) contourner, croiser, dépasser, distancer, doubler, gratter, longer, raser,
      tourner 
(iv)  accompagner, côtoyer, devancer, escorter, poursuivre, précéder, suivre,
      talonner  

Ein scheinbarer 2.Aktant bei diesen Verbbedeutungen sagt etwas aus zur Lage der Route, die entweder das Subjekt zurücklegt, oder bezeichnet ein Teilstück der Bewegung, die der Gegenstand absolviert (bezogen auf die Lokalisierung des Subjekts).

In etwa geht es um folgende Bewegungstypen:

(i')   A bewegt sich durch B, über B hinweg oder in B.
(ii')  A bewegt sich an B hinaus oder hinab.
(iii') A bewegt sich an B seitlich vorbei oder entlang.
(iv')  A und B bewegen sich in Abhängigkeit voneinander: A folgt B, bewegt sich mit B
       oder geht B voraus.
Einzelne Verben drücken zusätzlich aus:
- die Form des Weges: contourner, longer, tourner, traverser
- die Bewegungsart von A: arpenter, escalader, gravir, survoler
- daß auch B bewegt ist: accompagner, devancer, poursuivre, suivre

3. Ort - Beispiele aus der Literatur

Ort ausgedrückt durch einzelne Sätze, oder dann auch durch eine ganze Reihe von Ortsbeschreibungen, so dass im Leser/Hörer ein topologisches Gesamtbild entsteht. "Ort" hat Affinität zu "statisch" - kein Wunder also, dass hierbei vermehrt Nominalsätze anzutreffen sind, vgl. [4]

3.1 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

(57) "Bald nach Mittag stand ich ausruhend auf dem höch-
sten Punkte des Höhenweges, und mein Blick flog suchend
und bestürzt über das ungeheuer ausgebreitete Land hin-
weg. Grüne Berge standen da und weiter entfernt blaue
Waldberge und gelbe Felsberge, tausendfach gefaltete
Hügelgelände, dahinter das Hochgebirg mit jähen Stein-
zacken und bleichen Schneepyramiden. Zu Füßen in seiner
ganzen Fläche der große See, meerblau mit weißen Wel-
lenschäumen, zwei vereinzelte flüchtige Segel darauf,
geduckt hingleitend, an den grün und blauen Ufern lo-
dernd gelbe Weinberge, farbige Wälder, blanke Land-
straßen, Bauerndörfer in Obstbäumen, kahlere Fischer-
dörfer, hell und dunkel getürmte Städte. Über alles
weg bräunliche Wolken fegend, dazwischen Stücke eines
tiefklaren, grünblau und opalfarben durchleuchteten
Himmels, Sonnenstrahlen fächerförmig wie hinflutend
gemalt."
(62) "Das Erdgeschoß war still und dunkel, aus der
gepflasterten Flut führte eine alte verschwenderisch
gebaute Treppe mit bauchigen Geländersäulen, von einer
am Strick aufgehängten Laterne erleuchtet, empor in
einen Fliesengang und zur Gästestube. Diese war reich-
lich groß, und der von einer Hängelampe beschienene
Tisch beim Ofen, an dem drei Bauern vor ihren Wein-
gläsern saßen, lag wie eine Lichtinsel in dem halb-
dunkeln, großen Raum.
   Der Ofen war geheizt, ein würfelförmiges Gebäude
mit dunkelgrünen Kacheln; in den Kacheln spiegelte
warm das matte Lampenlicht, unterm Ofen lag ein
schwarzer Hund und schlief."