4.1118 Modalaussagen per Äusserungseinheit (ÄE)

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

In bisherigen Grammatiken glaubte man viel gewonnen zu haben, wenn man die Verbindungswörter, die einen Nebensatz einleiten, unterscheiden konnte nach gleichordnend – z. B. »und« – bzw. unterordnend – z. B. »weil«. Für eine Bedeutungsbeschreibung ist diese Unterscheidung jedoch nebensächlich. Es bleibt mit ihr nämlich dunkel, mit welcher Funktion die beiden Sätze aufeinander bezogen sind. Nur das dass ist behauptet.

Was in 4.08 Modalitäten – sprachliche Filter (mit Unterpunkten) terminologisch eingeführt worden war, kann nun auf Textebene erneut benutzt werden.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Vergewisserung durch Witz

Für Kinder ist das Erzählen von Witzen ein Training, sich Grundkategorien, Denkmuster, die auch hier in der Alternativ-Grammatik wichtig sind, einzuprägen.

"Zwei Bauarbeiter kommen morgens an eine Straße. Der eine
gräbt ein Loch, macht eine kurze Pause, dann schüttet der
andere das Loch wieder zu. Beide gehen hundert Meter weiter.
Der erste gräbt wieder ein Loch, der zweite schüttet es
kurz darauf wieder zu. So geht das den ganzen Tag, die ganze
Straße entlang. Abends werden sie von einem älteren Herrn
angesprochen:
"Warum grabt ihr denn den ganzen Tag Löcher, um sie gleich
wieder zuzuschütten?" Da antworteten die beiden Bauarbeiter:
"Eigentlich sind wir zu dritt, aber der, der die Laternen
setzt, ist heute krank."
(Josias Gerloff, 10 Jahre, in: 100 witzigste Witze. Tübingen 2008)

Mehrere Sätze (= also Pragmatik) werden - (a) - eingeschätzt, dass sie etwas ermöglichen sollen, vgl. [1]; aber man macht sich durch die Nonsens-Geschichte klar, dass auch ein Zweck folgen sollte, vgl. [2] - der ist hier via Implikation erschließbar, vgl. [3].


Aus gleicher Quelle, nun von Johanna Luz (6 Jahre):

"Eine Blondine hat die Blondinenwitze satt und färbt sich
ihre Haare schwarz. Danach geht sie zu einem Schäfer und
sagt: 'Wenn ich die Anzahl deiner Schafe errate, darf ich
dann eins behalten?' Der Schäfer schaut sich seine riesige
Herde an und sagt: 'Gut, abgemacht.' Die Frau überschaut
kurz die Herde und sagt dann: '408 Schafe.' Der Schäfer ist
verblüfft: 'Ja, das stimmt ... Na gut, abgemacht ist
abgemacht. Such' dir ein Schaf aus!'
Die Frau sucht sich eins aus und will gehen, aber der
Schäfer ruft sie zurück. 'Sag' mal, wenn ich deine
Originalhaarfarbe errate, bekomme ich dann meinen
Schäferhund zurück?' "

Der Witz spielt einige Varianten aus dem Register EPISTEMOLOGIE durch - Wissen, Nichtwissen, Wahrnehmen, Erraten, vgl.[4], und ihren Zusammenhang mit Wertungen, vgl.[5] - im Verbund mit etablierten Vorurteilen, vgl.[6].

1. Einzelsprache: Französisch

1.1 "si"

Die Konjunktion "si" entfaltet ihre Wirkung in recht unterschiedlichen Modal-Registern. Es ist Standard, allerdings didaktisch unklug, die Wortform zu nennen und semantisch querbeet aufzulisten, wo überall "si" mit welcher Funktion eingesetzt werden kann. Das verwirrt und verhindert, was hier angestrebt wird: ein Bewusstsein auszubilden für die semantischen Basiskategorien.

Einige Bedeutungsfunktionen von "si" gehören zum Register EPISTEMOLOGIE bzw. IMAGINATION - nun aber bei der Verbindung von zwei Äußerungseinheiten. Deswegen werden sie hier am Beginn der Pragmatik genannt (Beispiele neu geordnet und anders beschrieben aus "Grammaire de base" (alpha.b):

Register EPISTEMOLOGIE: Je t'ai demandé si tu venais avec moi.  
                             - Auf ein Redeverb folgt als Objektsatz,
                             mit si angeschlossen, der indirekt 
                            zitierte Inhalt der Rede.
Register IMAGINATION  : Les enfants! si tu venais avec moi.
                            - Auf einen Vokativ folgt ein in die Zukunft
                            gerichteter Handlungsvorschlag.
Register IMAGINATION  : Ah, si j'étais riche! - Interjektion + si
                            sorgen dafür, dass man das Imparfait als
                            Wunschvorstellung versteht.

Für weitere Funktionen von si schaue man nach bei 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE.


Ein weiteres Feld ist La valeur modale des temps, d.h. im Wortsinn (mit dem sich die Semantik beschäftigt) liegt eine einfache Gegenwarts- oder Vergangenheits- oder Zukunftsaussage vor. Kritisch betrachtet offenbart sich aber eine modale Zweitbedeutung.

Register ASPEKTE:       (Je voulais lui plaire et lui offrais des fleurs
                            tous les jours,) 
                            ce qui est la meilleure preuve d'amour.
                            Präpariert durch die Hintergrund-
                            schilderungen im Imparfait sowie
                            durch die Generalisierung
                            (tous les jours) drückt
                            das Präsens nun nicht ein indivi-
                            duelles Vorkommnis aus, sondern
                            eine allgemeine, dauerhafte Erkenntnis. 
                            Genauso bei:
                            Qui va à la chasse, perd sa place -
                            wobei in solchen Fällen auch
                            das Fehlen von Orts- und Zeit-
                            angaben einschlägig ist.
                            Es sind meist mehrere Impulse,
                            die aus einer Zeitaussage eine
                            der  Modalitäten machen.
Register AXIOLOGIE:     Ah, si j'avais eu ta chance!
                            - Das Plusquamperfekt macht
                            deutlich, dass etwas wirklich
                            passé ist. Diese definitive
                            Erfahrung lässt sich bewerten -
                            im aktuellen Fall: negativ
                            = "bedauern".                             
Register ASPEKTE:       Je vous demanderai une bienveillante attention. - 
                            Erbitten/Verlangen hat immer
                            etwas Zudringliches an sich.
                            Setzt man die Bitte künstlich
                            ins Futur, wird sie dadurch
                            abgeschwächt: piano. 
                            Futur + piano wird ver-
                            standen als verschämte Bitte.
Register ASPEKTE:       Vous éteindrez la lumière en sortant!
                            - Ein Irrtum anzunehmen, ein
                            Imperativ sei die stärkste
                            und klarste Befehlsform. Viel
                            nachdrücklicher wirkt das Futur
                            - indirekt eingesetzt: forte. 
                            Futur + forte wird dann
                            verstanden als Befehl.

(Die Möglichkeiten derartiger indirekter Modalaussagen sind noch um einiges umfangreicher.) - Die Beispiele zeigen:

  • nah an der Wortbedeutung können/müssen oft mehrere Modal-Indizien, aber auch z.B. Zeithinweise gesammelt und zu einer Deutung gebündelt werden. Dass "Futur" und "piano" eine verschämte Bitte ergibt, also Register INITIATIVE + Sprechakt AUSLÖSUNG, liegt nicht von vornherein auf der Hand;
  • Fälle wie "perd sa place" oder "eu ta chance" greifen schon weiter in die Pragmatik hinein. Ersteres ist eine erstarrte Metapher, vgl. [7]; das Zweite verlangt zumindest, das Abstraktum als solches zu erkennen und auszuwerten, vgl. [8].

1.2 "konzessiv" - im Zusammenhang von ÄEen

Den alten Grammatikbegriff haben wir im Register EPISTEMOLOGIE verortet, vgl. [9]. Wie kann man im Französischen mit Hilfe mehrerer Äußerungseinheiten diese Modalfunktion ausdrücken? - Ziemlich einfach:

"Belle et riche, elle n'avait pas d'amis."
Vorangestellt ist die doppelte Charakterisierung einer
aus dem Kontext heraus schon bekannten Person. 
Ohne Verbindungsanzeiger folgt eine weitere Äuße-
rungseinheit. Der Zusammenhang wird nur dann plausibel,
wenn man die erste als konzessiv versteht: "Obwohl ..."

1.3 "konsekutiv" - im Zusammenhang von ÄEen

Den alten Grammatikbegriff haben wir im Register ERMÖGLICHUNG verortet, vgl. [10]. Klassisch mit Konjunktion kann man im Französischen mit Hilfe mehrerer Äußerungseinheiten diese Modalfunktion ausdrücken:

"Elle était tellement belle et riche,  qu' elle avait
beaucoup d'amis."
Vorangestellt ist die satzhafte doppelte Charakteri-
sierung einer aus dem Kontext heraus schon bekannten
Person. Mit Konjunktion = "so dass" ...


2. Einzelsprache: Latein

2.1 Modalsätze

Was undeutlich als Temporalsatz geführt wird, sagt oft nicht direkt etwas zur "Zeit" aus, sondern dazu, wie die Handlung im Verhältnis zu anderen abläuft. Aber es ist zu konzedieren, dass bisweilen "Tempus" und "Aspekte" fließend ineinander übergehen. Beispiele adaptiert aus Fink/Maier "Systemgrammatik Latein" (1997):

Register ASPEKTE:  
    Ubi/Simul orator finem orationi imposuit, clamor magnus ortus est 
                        - Genau zu dem Zeitpunkt, als der Redner seine Rede
                        beendete, erhob sich ein großes Geschrei: "punktuell"
                        treffen beide Ereignisse zusammen.
Register ASPEKTE:      
                    Pugna abstinuit Achilles, dum Hector Patroclum  necavit. - 
                        Achilles enthielt sich des Kampfes exakt bis zu dem
                        Zeitpunkt, als Hector den Patroklus tötete. Für
                        die Zurückhaltung wird der Endpunkt = "resultativ" anvisiert.
Register ASPEKTE:       
    Cum/quotiescumque rem publicam pravi homines gerebant, 
                            cives in malis erant.
                        - Ein genereller Sachverhalt der Rückschau: 
                        Es ist immer schon so gewesen = "iterativ", was
                        letztlich als "generell / semper" verstanden wird.

Auch die weiteren Modal-Register können satzhaft realisiert sein. Bei all diesen Beispielen ist zu beachten, dass man sich traditionell an den Konjunktionen ausrichtet. Sie werden - durchaus mit Recht - als Anzeiger für das jeweilige Modal-Register verstanden.

Mit Konjunktionen wird aber immer nur eine Bedeutungsfunktion aus dem jeweiligen Modal-Register aktiviert. Man sollte im Blick behalten, dass wohl auch die anderen Bedeutungsfunktionen pro Register auf pragmatischer Ebene repräsentiert sein können, dann eben mit anderen Mitteln. z.B. spielt die kritische Analyse der bisherigen (=semantischen) Prädikate eine wichtige Rolle: vgl. 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt. Erst mit beidem kommt in den Blick, wie umfangreich ganze Äußerungseinheiten eine Modal-Funktion in bezug auf andere Sätze haben (solche mit "echtem" Prädikat = "Handlung").


Register INITIATIVE:    
                    Sapiens legibus paret, quod id maxime utile iudicat. - 
                        Ein "kausal"-Satz begründet, wieso der Weise so wenig
                        aufmüpfig ist. 
                          Analog mit den Konjunktionen:
                          cum, quia, praesertim cum, propterea quod, quoniam. 
Register IMAGINATION:   
                    Multi ad ludos veniunt, ut spectentur. 
                        Konjunktion und Konjunktiv geben einen Ausblick,
                        eine Zweck- = final-Angabe, die die Handlung des
                        Hauptsatzes erst richtig einordnet. Sie hatte keinen 
                        Selbstzweck, sondern ... 
                            Analog mit den Konjunktionen: ne, ne ... neve, quo
Register IMAGINATION: 
                    Si manes, gaudeo.  
                       Wenn du bleibst, freue ich mich. Der Indikativ im
                       si-Satz zeigt eine reale, konkret erwartbare 
                       zukünftige Handlung an. Eine Form von Konjunktiv an
                       dieser Position würde färben in Richtung Wunsch,
                       Unsicherheit des Wissens, rückblickende Alternative
                       (Wenn du geblieben wärest ...)
Register IMAGINATION:  
                    Quasi imperator sis, nobis imperas. 
                       Es führt sich einer wie ein Feldherr auf, er ist es
                       faktisch aber nicht. Also drückt der erste Satz etwas
                       Kontrafaktisches aus. 
Register ERMÖGLICHUNG:
                    Homines dissimiles sunt, ut alios dulcia, alios acerba delectent.
                       Die Erstinformation ('Menschen = unterschiedlich') hat
                       zwangsläufig zur Folge, dass (= so dass = konsekutiv)
                       die einen Süßes, die anderen Saures bevorzugen. - Bisweilen
                       im Vordersatz eingeleitet/unterstrichen durch:
                       ita, sic, tam, adeo, talis, tantus
Register EPISTEMOLOGIE:
                    Socrates, cum facile posset evadere e vinculis, noluit. 
                       Obwohl er leicht hätte abhauen können aus
                       dem Gefängnis, wollte S. dies nicht. Er handelte
                       entgegen dem Wissen, dass auch ein anderes Verhalten
                       denkbar und machbar wäre. Analog mit den 
                            Konjunktionen:
                            quamquam, etsi, tametsi, etiamsi, quamvis, licet, ut. 
                            = konzessiv
Register EPISTEMOLOGIE:
                    Quot homines. tot sententiae. 
                       Der eine Sachverhalt wird mit einem anderen korreliert.
                       Der Sprecher scheint zu wissen, dass der eine mit dem
                       anderen fest verdrahtet ist. Dieses Wissen teilt er im
                       Vergleichssatz mit: "Wieviele Menschen, genauso viele 
                       Meinungen". Analog mit: tantus ... quantus, 
                       talis ... qualis, quo ... eo, idem ... qui, non tam ... quam, 
                       idem|aeque|alius ... atque/ac, 
                       non minus magis ... quam.
Register EPISTEMOLOGIE:
                    Quemadmodum animus corpori, ita rex populo imperat.  
                       Parallelisierung von Geist//Körper = König//Volk. Durch
                       den Vergleich wird sicheres Wissen suggeriert.


3. Einzelsprache: Englisch

3.1 Konjunktionen

Die "Englische Grammatik" von Kirschning listet S.179 mit einer offenen Liste (am Schluss: "u.a.") die wichtigsten Konjunktionen auf, enthält sich aber jeder semantisch/pragmatisch verwertbaren Erläuterung. Unter dem Aspekt des sprachlichen Mittels "Konjunktion" ist die Liste natürlich konsistent. Nähme man einen semantischen Standpunkt ein, wäre eine Ordnung nach 'Kraut und Rüben' das Ergebnis. Das soll im nachfolgenden Kasten erläutert werden.

Zuvor noch die doppelte Kritik:

  1. Die "Englische Grammatik im Spiegelbild der Praxis" - so der volle Titel - ignoriert die Praxis insofern, als die Verbindung mehrerer Sätze zwar behauptet, aber nicht mehr beschrieben wird. Das erklärt, dass Konjunktionen zwar aufgezählt, aber nicht weiter analysiert werden. Die Selbstlimitierung bei der Einzelsatz-Ebene ist zwar verbreiteter Standard, sollte heutzutage jedoch überwunden werden.
  2. Die Konjunktionen and, or, as well as würden Wörter verbinden, wogegen die anderen Konjunktionen Sätze verbinden. - Ist es so schwierig sich daran zu erinnern, dass "and, or" selbstverständlich auch Sätze reihen können? Warum eine derartige geistige Selbstbeschränkung?
and         - und                =>    Näherbeschreibung-Koordination
or          - oder               =>        "
after       - nachdem            =>    Deixis-Chronologie
when        - wenn, als          =>        "
for         - denn               =>    Register INTIATIVE
before      - bevor              =>    Deixis-Chronologie
while       - während            =>        "
though      - obwohl             =>    Register EPISTEMOLOGIE
although    - obgleich           =>        "
in order to - um zu              =>    Register IMAGINATION
as          - da                 =>    Register INITIATIVE
because     - weil               =>        "
if          - wenn, falls        =>    Register IMAGINATION
unless      - wenn nicht         =>        "
that        - dass               =>    Aktanten - 2.Aktant
that        - damit              =>    Register IMAGINATION
but         - aber               =>    Näherbeschreibung-Koordination
since       - seit               =>    Deixis-Chronologie
whether     - ob                 =>    Register EPISTEMOLOGIE
as soon as  - sobald (wie)       =>    Deixis-Chronologie

Nochmals: die Grammatik bietet lediglich die pure Liste. Würde man sie semantisch/pragmatisch ordnen - vgl. rechte Spalte -, käme unter Bedeutungsaspekten das große Durcheinander zum Vorschein.


3.2 "modal auxiliaries"

Im Zusammenhang mit der "indirekten Rede" - vgl. 4.1119 Sprechaktanzeiger / Redeeinleitung /-ausleitung - ändern sich beim referierten Redeinhalt die modalen Hilfsverben.

Direkte Rede    REDEINHALT                        Indirekte Rede    REDEINHALT
He said,       "I can't help you"                     He said     that he
                                                                        couldn't help me.

Semantisch - was den Beitrag des modalen Hilfsverbs betrifft - ändert sich dadurch nichts.

can/could      steht für     Register ERMÖGLICHUNG
may/might         "   "      Register IMAGINATION    auch: could
must/had to       "   "      Register INITIATIVE 
shall/should      "   "      Register INITIATIVE 

Ist die Variation mehr als eine nicht weiter begründbare Konvention? - Das ist anzunehmen. Was sich nicht ändert beim Vergleich von direkter/indirekter Rede, ist die modale Filterung: der Sachverhalt wird unter den Schirm der ERMÖGLICHUNG gestellt, oder der ANNAHME, oder der VERPFLICHTUNG. Dabei halten wir fest: die Reihe der Register ist länger. Nicht für jedes steht ein modales Hilfsverb zur Verfügung (abgesehen davon, dass die einzelnen Register ohnehin eine Vielzahl von Unterbegriffen bereit halten). Die existierenden "modal auxiliaries" decken semantisch die häufigsten Standardfälle ab, eignen sich aber nicht für differenziertere Ausdrucksweise.

Der Wechsel bei den "modal auxiliaries" widerspiegelt jedoch die Tatsache, dass sich etwas anderes ändert: der Sprechakt! Vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte. Das rechtfertigt die methodisch klare Trennung von Modalitäten und Spreachakten, wie sie in der Alternativ-Grammatik durchgeführt wird, wie sie aber in Standardgrammatiken nicht üblich ist!

Beides kann man leicht illustrieren:
(a) die "modals" reichen nicht, um die Modalitäten abzudecken,
(b) Es ist der andere Sprechakt, der die Veränderung auslöst:

In direkter wie indirekter Rede kann ein Sprecher be-
absichtigen, dem Partner klarzumachen, dass er
zum Handeln verpflichtet ist. In diesem
semantischen Sinn  sei hier von  Imperativ
die Rede (folglich müssen wir nicht zugleich nach
speziellen Konjugationsformen Ausschau halten). So
verstanden ist der Imperativ auch ein problem-
loser Einzelaspekt des Registers INITIATIVE.
In direkter Rede gibt es für den negierten Impe-
rativ ("Don't crib from your neighbours!") ohnehin
kein "modal"; im Äquivalent der indirekten Rede
("The teacher told his pupils not to crib from
their neighbours.") steht der Infinitiv für die
(negierte) Handlungsverpflichtung, also das Re-
gister INITIATIVE.
Oder mit modal: Direkte Rede:
"Don't tell anybody what you have done". 
Indirekt: "The man said (that)
I should not tell anybody what I had done."
(die beiden Beispiele aus Kirschning 229).

Fazit:

  1. Die modals mögen in der Alltagssprache häufige Standardfälle für Modalitäten abdecken. Zur semantischen Differenzierung - also qualitativ - tragen sie nicht viel bei. Viele Unterbedeutungen der einzelnen Register bleiben unerfasst, müssen auf andere Weise ausgedrückt werden.
  2. Es ist der Wechsel des Sprechakts, der bei gleicher Modalität eine Veränderung der Ausdrucksweise erzwingt.
  3. Anmerkung zum Imperativ (im semantischen Sinn): Nicht-negiertes shall/should kann im Register INITIATIVE als "empfehlende Aufforderung zum Handeln" verstanden werden. "Bitte, Wunsch", an einen anderen gerichtet, könnte man dafür sagen. Keinesfalls "Imperativ". Werden diese modals negiert kann tatsächlich eine neue Qualität entstehen: nicht lediglich eine Umdrehung ("verneinte Bitte/Wunsch"), sondern ein Verbot ("verneinter Imperativ"). - Aber dem müsste man erst noch nachgehen in einem eigenen Unterpunkt. - Es wäre eine Hilfe, wenn Grammatiken dann, wenn sie einen positiven Terminus ("Imperativ") illustrieren wollen, nicht lediglich negierte Beispiele brächten. Eine Negation ist nicht - wie in der Mathematik - eine belanglose Vorzeichenveränderung in natürlichen Sprachen!

3.3 Wahlkampfgetöse in den USA

Bewerber Donald Trump profiliert sich mit Negativ-Wertungen besonders; [11], Quelle: New York Times: [12]

Im Sinn unserer Grammatik ist je noch zu unterscheiden:

  • liegt die Wertung in beigegebenen Adverbien? Vgl. [13]
  • in der Verbbedeutung? Vgl. [14]
  • oder in wertenden Abstrakta - vgl. [15]
  • oder in diffamierenden Sprachbildern - vgl. [16]

... oder gar in einer Mischung aus diesen Mechanismen?

4. Einzelsprache: Deutsch

4.1 Gestresste Journalisten

Hohlspiegel als Übernahme von Bild (Zählung der Äußerungseinheiten von uns):

1. "In aller Offenheit kann unsere Nationaltorhüterin
   Nadine Angerer erklären, 
2. dass sie mit einer Frau lebt.
3. Undenkbar im Männerfußball."

Die dritte Äußerungseinheit führt das Register IMAGINATION negiert ins Spiel, bezogen auf den Sachverhalt in Äußerungseinheit 1+2, vgl. 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION. Die Redeweise ist aber allzu knapp ausgefallen, so dass sich Fragen stellen: Ist undenkbar, dass A. dies im Männerfußball sagt? Na, aber da gehört sie auch nicht hin. - Ist undenkbar, dass im Männerfußball einer sagt, dass er mit einer Frau lebt? - Aber das soll doch gelegentlich vorkommen...! - Gemeint ist natürlich, dass im Männerfußball einer sagt, dass er mit einem Mann lebt. - Man kann dies erschließen, aber erst um zwei Ecken herum.

4.2 Wertung im SPIEGEL-Stil

Es ist seit langem flächendeckender SPIEGEL-Stil, dass Absätze (innerhalb eines Artikels) im ersten Satz eine Aussage/These bieten. Die restlichen Ausführungen im selben Absatz liefern keinen Gedankenfortschritt, sondern eine Erläuterung, Spezifizierung des ersten Satzes.

- Erster Satz eines Absatzes: Aussage/These
- Weitere Ausführungen im selben Absatz: Explikation - vgl. 
  4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation, meist aber auf pragmatischer 
  Ebene (mehrere Äusserungseinheiten).

Es ist dann konsequent, dass in einem Beitrag der Ausgabe 45/2011 (S.163) negative und positive Wertung - vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE in zwei separaten Absätzen kontrastiert werden. "gut - schlecht" sind nun mal Gegensätze, verhalten sich binär / bipolar - oder wie man das ausdrücken will. Warum also dieses Gegensatzpaar nicht gleich auf zwei unterschiedliche Absätze verteilen?

Wertungen von uns fett gedruckt, die Explikationsteile normal geschrieben (Absätze beibehalten, ansonsten grafisch strukturiert: Blocksatz aufgelöst, damit Zusammenhänge sichtbar werden):

"Der Job des Unparteiischen ist manchmal undankbar. 
Wenn Zehntausende Fans im Stadion ihre Wut über Entschei-
dungen herausbrüllen,
wenn es Beschimpfungen hagelt,
wenn Bierbecher fliegen,
Und wenn hinterher Fernsehsender jeden Fehler sezieren.
Der Job des Schiedsrichters hat aber auch seinen Reiz.
Bis zu 5800 Euro verdienen die Besten pro Einsatz.
Wer es in der Rangordnung des DFB zum Fifa-Schiedsrichter
gebracht hat, lernt zudem die Welt kennen."

Im ersten Absatz werden die Elemente der Explikation in Form einer Reihung - vgl. 4.031 Näherbeschreibung – Koordination / Reihung - präsentiert. Wiederholtes "wenn" gibt schon (ausdrucks-)syntaktisch - vgl. 4.015 Übersicht: Erkenntnisse zur Ausdrucksseite (Stichwort "Wortverkettung") - den Hinweis auf Gleichförmigkeit/Zusammengehörigkeit. - Im zweiten Absatz fehlen äußere Indizien. Man muss - pragmatisch - verstehen, dass mit "Wer" ein Satz eingeleitet wird, der zunächst nur den "1.Aktant" liefert. Erst die Äußerungseinheit ab "lernt" bietet die (Schein-)Aussage, die zu dem zuvor genannten 1.Aktanten gehört (<<LERNEN>> hält der kritischen Überprüfung aber nicht stand: vgl. 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt). Diese auf zwei Äusserungseinheiten verteilte Aussage - vgl. auch 4.1116 Aktanten realisiert durch Äusserungseinheiten- ist durch "zudem" an die erste Aussage ("Bis zu ...") angeschlossen. "und"-Anschluss - vgl. 4.031 Näherbeschreibung – Koordination / Reihung.

4.3 Unsicheres Wissen/Gleichnis

Folgender Sprachbefund findet sich ursprünglich natürlich im neutestamentlichen Griechisch. Es ist höchst beachtlich, wie dicht ein sehr kurzes Gleichnis (Mt 13,18-19) am Beginn Signale aussendet: Unsicheres Wissen aus dem Register EPISTEMOLOGIE, vgl. 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE:

"Er sagte:            Redeeinleitung. Was folgt ist damit als
                          Meinung/Sicht einer Einzelfigur charakterisiert,
                          beansprucht nicht allgemein gültig 
                          und richtig zu sein.
Wem ist das Reich Gottes ... 
                          Frage. Sie signalisiert, dass die Antwort erst noch
                          gesucht wird. 
ähnlich,              Eine präzise Definition würde "identisch" verwenden.
                          Das aber ist beim aktuellen Thema offenkundig nicht
                          möglich.
                          "Ähnlichkeit" begnügt sich mit einer unscharfen
                          Entsprechung.
womit soll ich es ... Noch eine Frage. Die zuvor schon ausgesprochene
                          Unsicherheit wird verstärkt.
vergleichen?          Wieder die Auskunft: allenfalls eine Annäherung wird
                          möglich sein, keine präzise Definition.
Es ist wie ...        Zum dritten Mal der Hinweis: allenfalls ein Vergleich
                          wird möglich sein, kein sprachlich präziser Zugriff.

Sechs Mal also der Hinweis des Evangelisten: Was "Reich Gottes" genau ist, kann niemand sagen. Allenfalls eine bildhafte Tendenzaussage ist möglich. - Was wie ein Manko aussieht, erweist sich als der Thematik vollkommen angemessen: Im Gegensatz zu technischer, bürokratischer, dogmatischer Sprache (mit ihren Definitionen), ist "Reich Gottes" etwas, das zu suchen ist, nicht festgelegt ist, die Mitwirkung aller benötigt, weil keiner alles weiß. Diese Art Rede hat eine eminent mobilisierende Kraft. (Durch drastische Überzeichnungen, Humor, sowie die Anspielung auf Ezechiel-Texte wird auf kleinem Raum die Sprache fortgesetzt, die im Grund mehr Fragen aufwirft als Antworten bietet. Klar ist nur die Richtung: Leben soll ermöglicht, beschützt werden. Aber für Hörer/Leser entsteht ein großer Freiraum, den sie ausfüllen müssen bei der praktischen Umsetzung.)

4.4 Wertung/Superlativ

Modalitäten, somit auch Wertungen, - dies zur Erinnerung - beziehen sich auf Prädikate, nicht auf Objekte/Aktanten. Aber in alltäglicher Sprache wird dies häufig ignoriert, so dass Personen anscheinend die Wertung = Qualität haben. Gemeint ist das in der Regel aber so, dass diese Person Fähigkeiten zu Handeln hat; diese sind es, die bewertet werden. Aber in abkürzender Rede wird der Superlativ als Qualitätsmerkmal der Person dargestellt, die eigentlich bewerteten Verhaltensweisen werden beiseite gedrängt.

Ein Meister dieser lauten Verkürzung war Muhammad Ali, dem man allerdings bescheinigen muss/kann, dass seine großsprecherischen Selbstverherrlichungen durch sein praktisches Verhalten im Boxring gedeckt waren. Folglich waren die Eigenlobhymnen immer auch von Anerkennung und Bewunderung begleitet.

"Ich bin der beste Kämpfer aller Zeiten.        5 Einzelaussagen, die
                                                zusammengenommen 
                                                und in Variationen
Und gerade erst 22.                             nur eine Gesamtbotschaft   
Ich muss der Größte sein.                       liefern: Register AXIOLOGIE 
                                                = höchste mögliche Wertung    
Ich bin der König der Welt.                     Sprechakt KUNDGABE: emphatisch 
                                                drückt der Sprecher sein   
Ich bin schön"                                  aktuelles Glücksgefühl aus 
                                                (wahrscheinlich nach der großen 
                                                Anspannung während eines Kampfes)
                                                  
"Es ist schwierig, bescheiden zu sein,          Reflektierende und ironische 
                                                "Wenn ... dann"-Aussage. Superlativ  
wenn man so großartig ist wie ich."             im Sprechakt DARSTELLUNG.

0.41 Register AXIOLOGIE

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [17], darin S. 37-40f. 73. 85f. 87. 107. 195.



4.5 IMAGINATION: politisches Interview

In Interviews (mit Politikern) werden oft Alternativen angesprochen. Dann bringt der Frager in mehreren Sätzen eine denkbare, aber eben noch nicht existente Praxis ins Spiel und bittet den Partner, mal dazu Stellung zu nehmen. Die Frage realisiert auf Textebene: 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION (aus einem SPIEGEL-Interview - in Äußerungseinheiten unterteilt):

1. "Nehmen wir an,"
         satzhafter Anzeiger, dass es um einen
         hypothetischen Fall gehen
         soll. = UMSCHALTSTELLE zum Register IMAGINATION:
         Nennt die Interpretationsebene für alle 3 fol-
         genden Sätze.
2. "die Vorwürfe, etwa gegen die UBS, erhärten sich."
         im Satz kein Anzeiger für eine Modalität.
         Für sich genommen könnte er eine modalitätsfreie
         Gegenwartsaussage sein. Aber er steht unter dem
         Schirm von Satz 1, gehört also zur IMAGINATION.
3. "Was passierte in so einem Fall,"
         Der konjugierten Form nach - blickt man allein
         darauf - ist Doppeldeutigkeit gegeben:
         Vergangenheit oder Konjunktiv? - Die Be-
         achtung der Konjugation hilft nicht weiter,
         sondern nur der Zusammenhang der Sätze:
         Wegen Satz 1: hypothetische Folge in der Zukunft
         (Rückblickend pflegt man dann zu sagen, die Verb-
         form sei ein Konjunktiv - die entscheidende Er-
         kenntnis ist dann aber auf anderem Weg schon gelaufen).
4. "wenn es ein Unternehmensstrafrecht gäbe?"
         Durch Konjunktion und zweifelsfrei erkennbarem
         Konjunktiv - und immer noch geltendem Schirm von
         Satz 1 ist klar: es geht weiterhin um das Nach-
         denken über eine hypothetische Folge in der Zukunft.

4.51 IMAGINATION per Gedicht - Heinrich Heine

Reclam 8988 S.20 - aus dem "Buch der Lieder"

Ich steh auf des Berges Spitze
Und werde sentimental.
"Wenn ich ein Vöglein wäre!"
Seufz ich vieltausendmal.
Wenn ich eine Schwalbe wäre,
So flög ich zu dir, mein Kind,
Und baute mir mein Nestchen
Wo deine Fenster sind.
Wenn ich eine Nachtigall wäre,
So flög ich zu dir, mein Kind.
Und sänge dir nachts meine Lieder 
Herab von der gründen Lind.
Wenn ich ein Gimpel wäre,
So flög ich gleich in dein Herz;
Du bist ja hold den Gimpeln,
Und heilest Gimpelschmerz.

4.52 IMAGINATION per Gedicht und Suff - Heinrich Heine

Reclam 8988 S.74f - aus "Neue Gedichte"

Der Kaiser von China
Mein Vater war ein trockner Taps,
Ein nüchterner Duckmäuser.
Ich aber trinke meinen Schnaps
Und bin ein großer Kaiser.
Das ist ein Zaubertrank! Ich hab's
Entdeckt in meinem Gemüte:
Sobald ich getrunken meinen Schnaps
Steht China ganz in Blüte.
Das Reich der Mitte verwandelt sich dann
In einen Blumenanger,
Ich selber werde fast ein Mann
Und meine Frau wird schwanger.
Allüberall ist Überfluß
Und es gesunden die Kranken; 
Mein Hofweltweiser Confusius 
Bekömmt die klarsten Gedanken. 
Der Pumpernickel des Soldats
Wird Mandelkuchen - O Freude!
Und alle Lumpen meines Staats
Spazieren in Samt und Seide.
       ( ... )

4.53 IMAGINATION im Roman

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [18], darin S. 20. 28


4.6 Wertung mit verschiedenen Mitteln

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 46:

... sie hätte ihn nicht wieder aufgenommen. Sie hasste
ihn nicht etwa, er war so ein reiner Garnichts, dass
man nicht einmal Hass gegen ihn aufbringen konnte,
er war ihr einfach widerlich, wie ihr Spinnen und
Schlangen widerlich waren. Er sollte sie bloß in
Ruhe lassen, nur nicht sehen wollte sie ihn, dann
war sie schon zufrieden!

4.61 Alter Seefahrergruß

"Ich wünsche Dir immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel" - das kann einer Person gesagt werden, gehört aber auch zum Ritual von Schiffstaufen. Die beteiligten Modal-Register sind klar:

  • Register ERMÖGLICHUNG - soll sicherstellen, dass das in bildhafter Form angesprochene Schiff immer gut seine Funktion wahrnehmen "kann"
  • Register IMAGINATION - schon die einleitende Verbbedeutung stellt klar, dass es sich um einen Wunsch handelt, um einen Blick in die Zukunft.
  • Register AXIOLOGIE - beides zusammengenommen ist eine positive Bewertung des Gesprächspartners.

4.7 Befehlston mit verschiedenen Mitteln

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 63:

Er redet so scharf und zackig, dass er nur brüllt, und
er nimmt kein Blatt vor den Mund, als er von den Mies-
machern und Meckerern spricht. Jetzt soll und wird der
letzte Rest von ihnen ausgetilgt werden, Schlitten wird
man mit ihnen fahren, man wird ihnen was über die
Schnauze geben, dass sie nie wieder die Zähne aus-
einanderkriegen! Suum cuique, das hat auf den Koppel-
schlössern gestanden im Ersten Weltkrieg, und: Jedem
das Seine, das steht beigebracht, und wer dafür sorgt,
dass so'n Kerl oder so'n Weib reinkommt, der hat was
geleistet für das deutsche Volk, und der ist der Mann
des Führers.
  "Euch aber alle hier, die ihr hier sitzt", brüllt der
Redner zum Schluss, "ihr Werkstättenleiter, Abtei-
lungsvorsteher, Direktoren - euch mache ich persönlich
dafür haftbar, dass euer Betrieb sauber ist! Und Sau-
berkeit ist nationalsozialistisches Denken! Nur das!
Wer da schlappschwänzig ist und weichmäulig und wer
nicht alles anzeigt, auch die geringste Kleinigkeit,
der fliegt selber ins KZ. Dafür stehe ich persönlich,
ob ihr nun Direktor seid oder Werkmeister, ich bring
euch zurecht, und wenn ich euch die Schlappheit mit
den Stiebeln aus dem Leib treten soll!"


4.8 Wertung und andere Modalakzente in Rezension zum Thema I. KANT

J. Germann hat eine Rezension sprachlich kritisch unter die Lupe genommen: [19]

Es lohnt, sich den Beitrag auch kleinster Sprachelemente zur Gesamttendenz des Textes bewusst zu machen.

4.8.1 Weiterführung der Debatte um I. KANT

Die Ziff. 4.8 hat detailliert Modalrealisierungen in jener Rezension zu Immanuel Kant analysiert. Darum wird es jetzt nicht gehen. Es folgt auch kein Beitrag, der direkt den großen Philosophen interpretieren will. - Aber der Rezensent hatte ja heftig wertend die Vorstellung von einer 'allgemein voraussetzbaren Vernunft' zurückgewiesen. Schaut man über die engen philosophischen Begriffsklärungen hinaus und nimmt kulturgeschichtliches Wissen hinzu - methodisch sind wir inzwischen ja in der PRAGMATIK - könnte es sein, dass der negativ wertende Rezensent zu korrigieren ist. Und in punkto "Modalität" geht es weiterhin um WISSEN, also das Register EPISTEMOLOGIE, konkret: WISSENSCHAFT. Aus E. Oeser, Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie. Darmstadt 2015: 466f:

"Der wissenschaftliche Universalismus hat aber noch
tiefer liegende Wurzeln, die gewisse Konkurrenzbestre-
bungen wie den im 19. Jahrhundert ausgeprägten Euro-
zentrismus, der mit Verachtung auf die fremden Kul-
turen wie die arabische oder die chinesische blickte,
beseitigen konnten. Denn das Ignorieren von wissen-
schaftlichen Ergebnissen bedeutet zugleich eine Ver-
minderung der eigenen Leistungsfähigkeit. Das aber
erzwingt geradezu die Anerkennung der Leistung ande-
rer Kulturen. Das ursprüngliche, meist nur auf geo-
politischen, sozialen und religiösen Unterschieden
beruhende Konkurrenzstreben wurde durch die für den
Fortschritt der Wissenschaft notwendige Anerkennung
fremder wissenschaftlicher Leistungen zur Kooperation
umgeformt. Dies gelang historisch gesehen in der Neu-
zeit vor allem dadurch, dass sich die Wissenschaft oder
zumindest ein Teil von ihr, die Naturwissenschaften,
möglichst von allen politischen und religiösen Zielen
freihielt. ...
   Dieser vor allem auf die neuzeitliche Naturwissen-
schaft bezogene Universalismus führte letzten Endes
in der Gegenwart dazu, dass die Wissenschaftlergemein-
schaft nach dem Muster von Francis Bacons Utopie
'Nova Atlantis' einen eigenen Staat im Staate bildet,
der nach eigenen Gesetzen weltweite Kontake zu wis-
senschaftlichen Gesellschaften anderer Länder unter-
hält. Damit zeigt sich, dass innerhalb der menschli-
chen Kultur, so verschiedenartig sie auch sonst unter
den Völkern der Erde ausgeprägt sein mag, die Wissen-
schaft genau jenen Teil darstellt, der weitgehend
unabhängig von nationalen, historischen, politischen
und religiösen Unterschieden ist. Die wissenschaft-
liche Erkenntnis erweist sich dadurch als kulturin-
variant und universal. Das heißt: Sie bildet syste-
matisch eine Einheit, die bewirkt, dass jede
wissenschaftliche Leistung, mag sie auch noch so
isoliert sein, wie etwa die Erfindung der mathema-
tischen Null durch die Mayas oder die des Rades durch
die Azteken, ihre Bedeutung für das gesamte Erkennt-
nisvermögen der Menschheit hat. So setzt sich die
neuzeitliche Wissenschaft aus den Beiträgen aller
Völker der alten Welt zusammen. Jeder Beitrag ist,
wie Needham sagt, 'wie ein Fluss ständig in sie
hereingeströmt, sei es vom griechischen und römi-
schen Altertum her oder aus der arabischen Welt
oder den Kulturen Chinas und Indiens' () Es ist
daher grundsätzlich gleichgültig, an welchem Ort
und in welchem Volk der Erde eine wissenschaft-
liche Entdeckung gemacht worden ist. Ist sie einmal
zustande gekommen, dann wird sie sich als allgemein-
gültige Hirnleistung des Homo sapiens überall und
notwendig durchsetzen."

Mit solchen Einsichten bekommt I. Kant wohl doch Rückendeckung - und die heftig negativen Wertungen des Rezensenten fallen auf ihn selbst zurück... Vgl. auch [20]

4.9 ASPEKTE - iterativ

aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl. - Vgl. [21]

(99) "Wenn wir im Sportteil von einer deutschen Spielerin
lesen: 'In Wimbledon ist sie schon nach dem ersten Spiel
wieder ausgeschieden, scheint das derart traurig, dass
wir wirklich keinen Blick für die sprachliche Überflüssig-
keit haben können, die sich hier eingeschlichen hat. Ich
wage kaum, es hier anzustreichen, doch das 'wieder' wäre
entbehrlich. Aber so reden wir, so schreiben wir. Ein
bisschen Redundanz darf sein, muss sein. Was wir hören,
ist: Die Spielerin sei gleich 'wieder' draußen gewesen.
Jetzt wäre das 'wieder' ja auch in Ordnung.
   Doch heißt es bei Grammatikern, Pleonasmus (also jedes
überflüssige Wort) sei zu vermeiden, und niemand wagt es,
die Vorschrift wieder abzuschaffen. Da ist das 'Wieder'
schon wieder! Und wenn Sie einmal sagen sollten: 'Ich habe
das Abo schon nach drei Monaten wieder gekündigt', dann
kann ich Ihnen gratulieren für die klare Aussage (auch wenn
es hier ebenfalls ein Wieder zuviel gibt). Was das Abo
betrifft, haben Sie ja nur den alten Zustand wiederher-
gestellt... Ätsch, ätsch, in diesem Fall war das 'wieder'
ganz gerechtfertigt. Jedenfalls ist das meine Vermutung. 
   Deswegen wiederhole ich hier noch einmal ... Nein, das
dürfte ich so nur schreiben, wenn ich es schon einmal
wiederholt hätte. Sonst wäre das 'noch einmal' überflüs-
sig, denn seine Bedeutung steckt ja schon in 'wiederholen'."

Im "Anzeiger für Harlingerland" fand sich die Überschrift: Man schlägt seine Ehefrau. Die Unbestimmtheit des 1.Aktanten - vgl. [22] - verleiht nun nicht nur dem Gesamtsatz einen iterativen, näherhin generellen Charakter, vgl. [23]. Sollte indirekt womöglich sogar eine indirekte Empfehlung anklingen, dann wären auch [24] und [25] - beides nun eben in pragmatischer Wiederaufnahme - einschlägig.

Bevor wir zu sehr ins Grübeln geraten, sei die Vermutung
geäußert, dass es sich um ein Schreibversehen handeln könnte:
"Man <= Mann". Wohl deswegen geriet die Nachricht auch in
den "Hohlspiegel" 29/2017.

4.10 EPISTEMOLOGIE - pragmatisch

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [26], darin S. 13


5. Beispiele aus der Literatur

5.1 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

Eine ganze Reihe von Sätzen hat nur eine Funktion: positive Wertung auszudrücken. vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE.

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010. S.651:
Lewin befand sich immer noch in jenem Zustand von Verrückt-
heit, in dem es ihm schien, daß er und sein Glück der wich-
tigste und einzige Zweck alles Seienden bildeten, und daß
er jetzt an nichts zu denken und sich um nichts zu küm-
mern brauche, weil andere Leute alles für ihn besorgten.
Er hatte nicht einmal bestimmte Pläne und Ziele für sein
weiteres Leben; er überließ es anderen, darüber zu ent-
scheiden, in der Überzeugung, daß alles wunderschön werde.

6. Einzelsprache: Schwäbisch

6.1 Modalverben und weitere Modalanzeiger

... wie z.B. Adverbien, Konjugationsformen, Partikeln. Im Verbund mit diesen Mitteln kann das Schwäbische mehrschichtige Hintergrundmotive artikulieren, vgl. [27]

6.2 Verschiebung der Modalregister: semantisch => pragmatisch

Speziell gemeint: [28] => [29] - anders gesagt: besondere Heftigkeit (pragmatisch) wird durch negative Wertung (semantisch) ausgedrückt.

Beispielsätze aus H. Genzmer, Unsere Sprache. wbg 2014. S.213,
übernommen von F.E. Vogt:
dees hot me  arg bloogd   das hat mich  sehr geplagt
dees hot me  arg gfraid   das hat mich  sehr gefreut
dees duad mr arg wai      das tut mir   sehr weh
i hao' di    arg gäarn    ich habe dich sehr gern