4.1119 Sprechaktanzeiger / Redeeinleitung /-ausleitung

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

In der Schule sollte man sich gemeinsam einmal Gedanken gemacht haben über diese Zweiteilung in Texten (Innen – Außen = Ereignis auf geistiger/sprachlicher Ebene oder auf äußerer, von anderen wahrnehmbarer). Das macht eine wichtige Gliederung von Texten bewusst. Aufgeworfen werden mögliche Mehrdeutigkeiten: Manches, was nach Außenwelt-Schilderung klingt, ist es doch nicht (»Er dachte angestrengt nach, ob er das Rad kaufen sollte« – keine direkte Rede, dennoch Innenwelt-Schilderung; Überlappung mit ID 4.1118). – Wenn Dialogschilderungen besonders lebendig wirken sollen, lässt der Autor oft die Redeeinleitungen weg: Redebeitrag folgt auf Redebeitrag. Das kann – v. a. beim Vorlesen – zu Verwirrung führen: wer ist gerade der Redende? – In manchen Texten kann man sehen, dass sie weitgehend aus Reden bestehen, äußerlich also (fast) nichts geschieht (wenn man auch bloße Ortsveränderungen abzieht): also keine nach kritischer Prüfung noch geltenden "Prädikate", vgl. [1].


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1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Sprechaktanzeiger

Unter Sprechaktanzeiger sollen Elemente verstanden werden, die den Leser darauf aufmerksam machen, dass in Kürze eine direkte Rede folgt. Redeeinleitungen sind Steuerungen, damit die Adressaten zwischen dem, was Außen (in der beobachtbaren Welt) und dem, was Innen passiert (Ergebnis geistiger Anstrengung), richtig unterscheiden können. Zusätzlich kann man anhand solcher Redeeinleitungen nicht nur erfahren, dass eine direkte Rede folgen wird, sondern zusätzlich, auf welche Art und Weise die Rede geschehen wird.

Es gibt drei verschiedene Modi zur Präsentation von Worten. Je nachdem, ob Worte mit mehr oder weniger Distanz präsentiert werden, unterscheidet man zwischen

1.2 Erzählte Rede

Dieser Modus liegt vor, wenn die Worte einer Figur erkennbar von einem Erzähler, also mittelbar wiedergegeben werden. Man erkennt sie daran, dass der Erzähler deutlich von den Worten der Figur, die diese (vermeintlich) in der erzählten Welt spricht, abweicht - indem er sie weglässt, zusammenfasst oder anderweitig verändert. Je nach Ausführlichkeit gibt es zwei Varianten:

  • Erwähnung des sprachlichen Akts: Nur das Stattfinden eines sprachlichen Akts wird vom Erzähler berichtet. Der Inhalt wird dabei nicht genauer spezifiziert.
  • Redebericht: Ein sprachlicher Akt wird vom Erzähler berichtet und dessen Inhalt allgemein wiedergegeben.

Beispiel für einen Redebericht

„[...] aber alle diejenigen, die nachher zuerst in den
Zeitungen durch den Doktor Berg von dem Vorgefallenen
zu lesen bekamen, hatten doch sämtlich das Gefühl,
daß die Geschichte dicht nebenan ihnen selber passiert
sei. So sagten sie auch alle [...].
Wilhelm Raabe: Im alten Eisen (1. Kapitel)

Erläuterung: Der Zusatz „So sagten sie auch alle“ kennzeichnet die wiedergegebene Meinung nachträglich als Bericht von Figurenrede. Wir erfahren nicht nur, dass der Artikel eine bestimmte Empfindung in den Lesern ausgelöst hat, sondern auch welche.

1.3 Transponierte Rede

Dieser Modus liegt vor, wenn der Erzähler auf eng begrenzte Art erkennbar an der Präsentation der Worte einer Figur beteiligt ist, indem er sie nämlich in eigene Rede überführt. Dabei ist eine Form der Wiedergabe von Worten auszumachen, die zwischen narrativem und dramatischem Modus liegt: Dort wird Figurenrede nicht erzählt oder zitiert, sondern transponiert.

  • Indirekte Rede (oratio obliqua): Erzählerische Redewiedergabe in der 3. Person Präsens Konjunktiv (bei Ich-Erzählung: in der 1. Person für das erlebende Ich), ohne Innensicht, mit der Möglichkeit kommentierender Einmischung, in vollständiger Syntax ohne Anführungs-, Ausrufe- und Fragezeichen. Der Inhalt der Figurenrede bzw. der Gedanken bleibt zwar erhalten, nicht jedoch ihr Wortlaut, da das Gesagte einem anderen Sprecher, dem Erzähler, als Inhalt eines „dass“-Satzes im Konjunktiv zugeordnet wird.

Beispiel für indirekte Rede

 „Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde
Lothar schrieb, daß des widerwärtigen Wetterglas-
händlers Coppola Gestalt recht feindlich
in sein Leben getreten sei.“
E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann

Erläuterung:

In dieser kurzen Passage aus E.T.A. Hoffmanns Sandmann liegt Transponierte Rede vor. Dieser Modus gilt, wenn der Erzähler auf bestimmte und eng begrenzte Art erkennbar an der Präsentation der Worte einer Figur beteiligt ist, indem er sie nämlich in eigene Rede überführt. Standardform: Verb des Sagens + „dass“ + Konjunktiv im Nebensatz. Der Leser erfährt nicht den genauen Wortlaut dessen, was Nathanael über Coppola geschrieben hat, aber der Erzähler gibt ihm gleichwohl den gesamten relevanten Inhalt zur Kenntnis, so dass diese Art der Wort- oder Gedankenwiedergabe zwischen dramatischem und narrativem Modus anzusiedeln ist.

1.4 ???

1.5 Erlebte Rede

Erzählerische Redewiedergabe in der 3. Person Präteritum Indikativ, mit Innensicht und der Möglichkeit kommentierender Einmischung, aber ohne ‚verba dicendi et sentiendi’, in vollständiger Syntax (Ausnahme: Interjektionen) und mit unbeschränkter Interpunktion, jedoch ohne Anführungszeichen. In erlebter Rede bleiben zwar der Wortlaut und die Ausdrucksqualität des von der Figur Gesagten weitgehend erhalten, werden aber (mitunter in fließenden Übergängen) in den Erzählerbericht samt dessen Tempus und Syntax eingebettet. Erlebte Rede ist somit zwar weniger narrativ als indirekte Rede, auch sie bleibt aber letztlich formal dem Erzähler zugeordnet. Beispiel für erlebte Rede

„Frau Stuth aus der Glockengießerstraße hatte wieder
einmal Gelegenheit in den ersten Kreisen zu verkeh-
ren, indem sie Mamsell Jungmann und die Schneiderin
am Hochzeitstag bei Tonys Toilette unterstützte.
Sie hatte, strafe sie Gott, niemals eine schönere
Braut gesehen, lag, so dick sie war, auf den Knieen
und befestigte mit bewundernd erhobenen Augen die
kleinen Myrtenzweiglein auf der weißen moiré antique ...“
(Thomas Mann: Buddenbrooks)

Erläuterung

In die Beschreibung der helfenden Tätigkeit von Mamsell Jungmann ist hier mit „Sie hatte, strafe sie Gott, niemals eine schönere Braut gesehen“ ganz unvermittelt eine Aussage von Mamsell Jungmann eingeflochten. Es handelt sich dabei um erlebte Rede, weil sie in Erzählerrede eingebettet, in der 3. Person Präteritum Indikativ gehalten ist, und nicht von einem einleitenden Verb des Sagens/Meinens oder Anführungsstrichen eingeleitet wird.

1.6 Zitierte Rede

Dieser Modus liegt vor, wenn die Worte einer Figur ohne (wesentliche) Eingriffe durch den Erzähler wiedergegeben werden. Die zitierte Figurenrede zur Wiedergabe von Worten einer Figur kann entweder ohne Markierungen des Zitierten und/oder Sprechernennungen bzw. inquit-Formeln auskommen (autonome direkte Figurenrede), sie kann diese aber auch nutzen und so das Zitierte als Zitiertes markieren (direkte Figurenrede). In beiden Fällen entsteht der Eindruck, dass die Worte bzw. ganze Gespräche der Figuren direkt, unvermittelt und szenisch wiedergegeben werden.

2. Einzelsprache: Latein

Nach einem Verb des Redens erwartet man den Inhalt der Rede (=2.Aktant zur Verbbedeutung).

2.1 Direkte Rede

Der Redeinhalt kann durch eine neue Äußerungseinheit mit konjugiertem Verb geboten werden. Das heißt dann, dass die erwähnte Rede wörtlich und direkt zitiert wird. Für diese Deutung spricht zusätzlich (muss aber nicht in jeder wörtlich zitierten Rede vorliegen), dass der 1.Aktant des Redeinhalts sich als SP = 1.Person zu erkennen gibt, vgl.4.02421 (Numerus /) Determination

Redeverb               Redeinhalt = zitierte Rede
...DIXIT                   Haedui iure a me stipendiarii facti sunt         
  ...sagte:                  "Die Häduer sind zurecht von mir tributpflichtig
                             gemacht worden".

2.2 Indirekte Rede (oratio obliqua)

Wird nur Wert darauf gelegt, dass der Redeinhalt erwähnt wird, ohne jedoch die lebendige Sprechweise direkter Rede wiederzugeben, so genügt ein AcI. Der Erzähler behält seine Erzähldistanz und wechselt mit der Rede nicht in die Perspektive des Akteurs im Text:

...DIXIT                   Haeduos iure a se stipendiarios factos esse      
  ...sagte,                  die Häduer seien zurecht von ihm tributpflichtig
                             gemacht worden.

Neben diesem grundlegenden Unterschied können spezifischer noch weitere Aspekte (Konjunktiv, Fragen, Wunsch-/Aufforderungs-/Gliedsätze, Pronomina) in diesem Zusammenhang behandelt werden. Vgl. dazu "Systemgrammatik Latein" S.247ff


3. Einzelsprache: Englisch

Die Beispiele aus Kirschning, "Englische Grammatik" S.227. Das nachfolgende Stichwort "Redeverb" ersetzt die offene Liste in der Grammatik ("to say, to ask, to think, to point out, to be sure, to declare u.a."). Statt kasuistisch Einzelwörter zu lernen, kann man semantisch sagen: alle Wortbedeutungen, die bei kritischer Nachfrage in eines der Modal-Register gehören. (Dazu sollte allerdings zuvor eine Vorstellung von diesen erworben worden sein...)

3.1 Direkte Rede

Redeverb Redeinhalt = zitierte Rede

He said                              Ann is an attractive woman.

3.2 Indirekte Rede

He said                        that Ann was an attractive woman.

3.3 Direkte Frage

He asked,                             "Is Ann an attractive woman?" 

3.4 Indirekte Frage

He asked                        if Ann was an attractive woman.

Die Gegenüberstellungen dienen dazu zu zeigen, dass - im Fall von "indirekt" - das Verb des Redeinhalts sich in punkto Konjugationsform nach dem Redeverb richtet (Indikativ/'Zeit'), wogegen im Deutschen ein Konjunktiv stünde ("sei" in beiden Fällen). - Das sind unterschiedliche Konventionen, die man lernen muss. Pragmatisch sind sie ohne Belang.

Für den Fall, dass das Redeverb im "present" steht, folgt im Nebensatz - im Fall von "indirekt" - die gleiche Zeit, wie auch in der "direkten" Version:

He says,                               "Liz is / was a sport" 
He says                                that Liz is / was a sport

Der Merksatz, im Nebensatz seien also sämtliche Zeiten möglich, ist nicht gedeckt. Zumindest fehlt ein Beispiel für Futur.

Für den Fall, dass das Redeverb im "past" steht (vgl. Eingangsbeispiele), hat man im Nebensatz freie Wahl, je nachdem, ob der Redeinhalt vorzeitig zum (vergangenen Redeakt) zu denken ist, ungefähr gleichzeitig zu ihm (gemessen am aktuellen Bericht also auch vergangen) oder aus damaliger Sicht zukünftig. Mit anderen Worten: für diese Art von Beschreibung bewähren sich die Gesichtspunkte, die unter 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie (und umgebende Punkte) eingeführt worden waren.