4.111 Mehrere Bedeutungsebenen

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Karikaturisten (und Kabarettisten) leben häufig davon, dass sie etwas, was »man« in übertragener Bedeutung zu verstehen pflegt, plötzlich wörtlich verwenden. So kann der Bahnchef abgebildet sein, mit dickem blauem Auge, ein Bahnkunde ist am Weggehen und sagt: »Das war der Aufschlag«. Der Bahnchef hatte »Aufschlag« aber anders gemeint, nämlich als Preiserhöhung, wenn man die Fahrkarte am Schalter kauft. – In solchen Fällen trifft nicht nur die Faust aufs Auge, sondern zwei Bedeutungsebenen stehen sich gegenüber. Wichtig ist es, beide stehen zu lassen. Also nicht zu sagen: die eine ist die richtige, die andere die falsche. Diese Bewertungsuntugend sollte man sich abgewöhnen. Es macht ja gerade den Reiz aus, bei einer Äußerung zwei oder mehr Bedeutungsebenen zu vernehmen.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Gibt es "Sprachbehinderte"?

... so möchte man fragen in Fortsetzung der etablierten Begriffe: "körperbehindert", "geistig-behindert". Anlass ist eine Zeitungsmeldung (SWP 19.11.2012), wonach der Kabarettist Bruno Jonas bei der Satire das Thema Religion meidet.

"Er verzichte inzwischen darauf, religiöse Inhalte sati-
risch zu bearbeiten, wenn er annehmen müsse, falsch ver-
standen zu werden, sagte Jonas ... 'Nicht weil ich Angst
habe, sondern weil es dann sinnlos ist, darüber Witze zu
machen'. Überall auf der Welt gebe es Menschen, 'die
nicht gelernt haben, auf satirische Kunstformen angemes-
sen zu reagieren'. Wer Satire ernst nehme, durchschaue
das Sprachspiel nicht." 

Die Notiz enthält Sprengstoff, oder anders gesagt: Aspekte, über die nachzudenken sich lohnt:

  • Trennung der Sprachbenutzer in zwei Klassen: die einen können eine Äußerung kritisch durchleuchten, das "Spiel" erkennen, die anderen eben nicht. Sie sind in dieser Hinsicht behindert, blockiert.
  • In unserer Sprache: die einen kleben - (a) - an der Wortbedeutung (=SEMANTIK) und - (b) - werten das Gesagte zugleich als Sachverhalt. Die anderen haben gelernt, dass man immer auch ausloten kann/darf, ob mit einer Äußerung eine übertragene Bedeutung (=PRAGMATIK) verbunden ist, haben somit gelernt, dass man mit Sprache spielen, auch manipulieren, kann. Das sollte man aufdecken können.
  • Die Folgerung des Kabarettisten ist richtig: Satire ist in solchen Fällen sinnlos, weil man über die Grenze hinweg nur Missverständnis und Ärger produziert.
  • Man könnte allenfalls anführen, dass Satire gemischt mit philosophischer Reflexion - Dieter Nuhr macht dies öfters - eher die Chance hat, mittels Vernunft eine Bresche in die Abwehr zu schlagen.
  • Wo sich aber die beiden Gruppen von Sprachbenutzern gegenüberstehen, ist die Trennung tatsächlich stark, mit Auswirkung auf das praktische Verhalten:
    • Mit "Rücksichtnahme" allein ist der Verzicht - in diesem Fall auf "religiöse" Themen - nicht genügend umschrieben. Die Adressaten werden zugleich als "sprach-klinische Fälle" angesehen, eben als Sprachbehinderte, mit denen Humor nur bei harmlosen Themen möglich ist, auf Kosten anderer. Aber Themen, die Selbstreflexion, Selbstveränderung in den Blick bringen (dafür stehe "Religion", wird dort doch häufig vom notwendigen "Umdenken", der "Bekehrung", also dem Revidieren des bisherigen Lebensstils gesprochen), sind bei diesen Menschen nicht möglich. Unauflösbarer Widerspruch zeigt sich: Die "Religiösen" mit ihrem proklamierten Veränderungs-/Bekehrungsstreben blocken ab, sobald es - noch auf niedriger Ebene - um praktische Veränderung (im sprachlich-kommunikativen Verstehen) gehen würde! - Das verstehe, wer kann.
    • Aus Sicht der 'Sprachbehinderten' wird ein Kabarettist nur akzeptiert, der Unterhaltung liefert, netten Zeitvertreib, aber nichts, was die Hörer persönlich betrifft, geistig in Bewegung bringt, damit auch in gewissem Maß in Irritationen - aufgrund derer Verhaltensänderung erst erwartet werden kann.
  • Wenn gar 'Fundamentalisten' im Spiel sind, wird aus der geistigen Spaltung, einer solchen Blockade, die als solche schon Sprengstoff enthält, u.U. realer Sprengstoff - leider an verschiedenen Orten der Welt ablesbar.

0.1.1 "Bilderstreit" - Ikonen

In verschiedenen Zusammenhängen - kulturell, historisch, religiös - kann auch schon in der Schule zumindest angerissen werden, dass es im 1. Jahrtausend einen heftigen Streit um Bilder, um verschiedene Bedeutungsebenen gegeben hatte - wer sich falsch verhielt, konnte sogar hingerichtet werden. Die damaligen Auseinandersetzungen stellten die Weichen bis in heutiges Verhalten hinein: In der orthodoxen Kirche spielen "Ikonen" weiterhin eine große Rolle, also Bilder von biblischen Figuren / Szenen. - Aber:

  • Was unmittelbar zu sehen ist (= entspräche der Wortbedeutung im Bereich Sprache) fällt auf durch stereotype Darstellung. So etwas wie künstlerische Freiheit, durch die man auch die 'Handschrift' einzelner Künstler erkennen könnte, ist - nahezu - nicht vorgesehen. Es herrschen Modelle, Standards vor, die in Büchern festgelegt sind.
  • Häufig sind im Bildfeld der Ikone auch erklärende, hinweisende Beschriftungen angebracht - um nur ja das richtige Verständnis zu sichern; der gemalten Szenerie konnte/wollte man allein nicht trauen;
  • Eine solche Malweise schafft natürlich Distanz, hält Betrachter davon ab, allzusehr das Bild selbst für wichtig zu halten. Und dies ist auch Absicht:
    • Ergebnis jenes Bilderstreits, an dem mehrere oströmische KaiserInnen (in Konstantinopel) und mehrere Konzilien beteiligt waren, war die Festlegung, dass man das Bild als solches verehren durfte,
    • auf keinen Fall jedoch durfte man es anbeten. Sondern anlässlich des Bildes sollte man sich auf das Urbild konzentrieren, auf das, was das reale Bild anpeilt und anzielt. Diese Figur - z.B. Heiliger - durfte man anbeten.

Die Hinweise mögen genügen. Für uns interessant: Welche große Dimensionen das Ringen um verschiedene Bedeutungsebenen in früheren Zeiten bereits angenommen hatte. Und abgesehen von all dem speziell-religiösen touch hat sich auf diesem Weg das Wissen festgesetzt, dass man mit einer Bedeutungsebene nicht auskommt. Letztlich entscheidend und verpflichtend ist die zweite.

Heutzutage bzw. im westlichen Kulturkreis würde man nur
die Missachtung ästhetischen Wahrnehmens zurückwei-
sen. Gerade wenn jemand die Fähigkeit besitzt, sich
künstlerisch auszudrücken, so sollte man ihn nicht dem
Diktat unterwerfen, nur vorgegebene Modelle und Stan-
dards reproduzieren zu  dürfen. Die Kunst hat sich in
der Neuzeit von solchen Vorschriften längst emanzipiert.
* Man hatte damals nicht verstanden/verstehen wollen,
  dass Malerei ein eigenständiges Medium ist.
  Es braucht keine Bevormundung durch Sprache.
* Die Stereotypen zeigen eine autoritäre Einstellung
  der Kirche: man wollte unter Kontrolle haben, was
  den Gläubigen an religiösen Inhalten vorgelegt wird.
* Daraus spricht ein tiefes Misstrauen sowohl ge-
  genüber den Künstlern (Womöglich wollen diese eigene
  Ideen, noch nicht bedachte Erkenntnisse
  'ins Bild setzen'!), als auch gegenüber den Gläubigen
  (Sie könnten auf Gedanken kommen, die den herrschen-
  den Theologen noch verborgen geblieben waren.)
Religiosität vor solch einem Hintergrund sieht zu-
nächst nach Unterwerfung, Auslöschung der eigenen
Individualität aus. 

0.1.2 Gedicht - Heinrich Heine

Der Poet arbeitet sich an denen ab, die nichts als die Wortbedeutung im religiösen Bereich gelten lassen, also den Schritt zur übertragenen B. nicht hinbekommen, nicht akzeptieren.

Aus Reclam 8988, S.125, "Gedichte.1853 und 1854"

Mich locken nicht die Himmelsauen
Im Paradies, im selgen Land;
Dort find ich keine schönren Frauen
Als ich bereits auf Erden fand.
Kein Engel mit den feinsten Schwingen
Könnt mir ersetzen dort mein Weib;
Auf Wolken sitzend Psalmen singen,
Wär auch nicht just mein Zeitvertreib.
O Herr! ich glaub, es wär das beste,
Du ließest mich in dieser Welt;
Heil' nur zuvor mein Leibgebreste 
Und sorge auch für etwas Geld.
Ich weiß, es ist voll Sünd und Laster
Die Welt; jedoch ich bin einmal 
Gewöhnt, auf diesem Erdpechpflaster
Zu schlendern durch das Jammertal. 
Genieren wird das Weltgetreibe 
Mich nie, denn selten geh ich aus;
Im Schlafrock und Pantoffeln bleibe 
Ich gern bei meiner Frau zu Haus. 
Laß mich bei ihr! Hör ich sie schwätzen,
Trinkt meine Seele die Musik 
Der holden Stimme mit Ergetzen.
So treu und ehrlich ist ihr Blick.
Gesundheit nur und Geldzulage 
Verlang ich, Herr! O laß mich froh 
Hinleben noch viel schöne Tage
Bei meiner Frau im statu quo!

0.1.3 Handke

vgl. P. Handke, Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Frankfurt 1979. Hier 30. Aufl. 2012.

(37) "Die offensichtliche Bedeutungslosigkeit mancher
Spiele machte gerade ihre versteckte Bedeutung aus.
Selbst die Späße der Spaßmacher hatten auf diesen Bret-
tern eine tiefere Bedeutung. Immer gab es einen Hinter-
halt. Immer lauerte etwas zwischen Worten, Gesten und
Requisiten und wollte Ihnen etwas bedeuten. Immer war
etwas zweideutig und mehrdeutig. Immer ging etwas vor
sich. Es geschah etwas im Spiel, was von Ihnen als wirk-
lich gedacht werden sollte. Immer geschahen Geschichten.
Eine gespielte und unwirkliche Zeit ging vor sich. Das,
was Sie sahen und hörten, sollte nicht nur das sein, was
Sie sahen und hörten. Es sollte das sein, was Sie nicht
sahen und nicht hörten. Alles war gemeint."

0.2 Entschlüsselung der gemeinten Bedeutung - mythisch

In Richard Wagners "Siegfried" entspinnt sich die Auseinandersetzung des Helden mit seinem Ziehvater Mime. Es sind die 'Waldvöglein', die Siegfried die richtige Interpretation der Worte zuraunen, ihn also warnen. Aus H. Köhler, Der letzte der Titanen. München 2001. S. 484:

Nun ging es Schlag auf Schlag. Mime näherte sich, um
Siegfried unter heuchlerischem Vorwand den Gifttrank
aufzuschwatzen. Da ihm die Wandlung des Ziehsohns ent-
gangen war, glaubte er, ihn wie sonst mit Gerede ein-
lullen zu können. Doch gewarnt vom mütterlichen Vogel,
durchschaute ihn Siegfried und verstand hinter den fal-
schen Worten den wahren Sinn. Sagte der Zwerg, "Hier
nimm und trinke die Labung", hörte Siegfried: "Sauf und
würg dich zu Tod." Als Mime ihm auch noch "mit widerli-
cher Zudringlichkeit" das vergiftete Trinkhorn an die
Lippen heben wollte, schlug Siegfried reflexartig zu.
   Wie in einer "Anwandlung heftigen Ekels", so die
Regieanweisung, tötete er den Zwerg mit seinem Schwert.

0.3 Pädagogik

Ein Kind, das an einer mehrtägigen Flötenfreizeit teilnahm, klagte bald über "furchtbares Heimweh", Bauchschmerzen, konnte abends fast nicht einschlafen. Für die Betreuerinnen eine schwierige Situation - bis eine von ihnen auf die Idee kam zu fragen, wie es mit dem Essen stehe. Es stellte sich heraus, dass das Kind über längere Zeit fast nichts gegessen hatte. Müsli, Obst zum Frühstück verschmähte es, ähnlich bei anderen Mahlzeiten. Es akzeptierte nur - das war die Praxis zuhause - Butterbrot. Von "Hunger" hatte das Kind nicht sprechen können, aber von "Heimweh". - Sobald das Sprachproblem erkannt war, ließ sich das lebenspraktische lösen.

0.4 Fehlleistungen

... gibt es im Sprachgebrauch natürlich massenhaft. Wenn wir solche immer wieder nennen, dann nicht, um uns hämisch über die jeweiligen Autoren zu freuen. Sondern Mehrdeutigkeiten sind im Grunde nie zu vermeiden - wobei natürlich ein einigermaßen bewusster Umgang mit Sprache zu wünschen ist ... Einerseits benutzen wir die Ausdrücke - an denen hängen meist mehrere Bedeutungen. Folglich kann auf Ausdrucksebene eine Wortkette korrekt erscheinen; schaut man näher auf die Bedeutungsseite, tun sich dann aber Abgründe, Mehrdeutigkeiten auf.

Das rtv-Magazin schrieb: "Die Befreiung von den
Alliierten April 1945".
* das "von" klingt nach "weg von", "heraus aus" - also
  nach einer lokalen Veränderung. Wer da befreit
  wurde oder sich befreit hatte, vergrößerte die Distanz
  zu den Alliierten.
* Mit etwas geschichtlichem Wissen - nun kommt eben
  PRAGMATIK ins Spiel - passt dies aber nicht. "von"
  kann eben auch - vgl. [1]
  als "kausal"-Angabe gebraucht werden. Stellt man
  sich jenen Vorgang vor, dann ist - lokal gesehen -
  gerade das Gegenteil richtig: Indem die Allierten ein-
  marschierten, war es nur möglich, das Hitlerregime zu
  überwinden.
  

0.5 Politik / Journalismus

aus: G. Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. 2015. S.67:

"Alle meine Begegnungen mit jugoslawischen Offiziellen
vollzogen sich daher in einer Atmosphäre der Doppeldeu-
tigkeit und Vorsicht. Gleichgültig, ob wir über Weltpo-
litik, Industrialisierung oder die Landwirtschaft in
den neuen Kollektivbetrieben sprachen - alles, was man
mir erzählte, schien weniger meiner Information zu
dienen, als viel mehr von den taktischen Auseinander-
setzungen im Parteiapparat bestimmt zu sein. Wenn wir
mit einheimischen Journalistenkollegen zusammen aßen
und dabei mitunter reichlich Sliwowitz tranken, waren
wir uns sympathisch, manchmal fast wie Freunde, aber
sobald wir über Innen- oder Außenpolitik sprachen,
wurde die Atmosphäre kühl und berechnend.
... Offene Gespräche, etwa mit Studenten an den Uni-
versitäten, kamen dabei aber nie zustande." 

0.6 Geheime Botschaft

aus: G. Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. 2015. S.28:

"An manchen Abenden traf sich eine Gruppe von jüngeren
Leuten zu Hause bei der Organistin und Chorleiterin, um
zu singen, und, mehr noch, um zu diskutieren. Gleich am
ersten Abend erlebte ich, wie sich das Gespräch Richard
Wagner zuwandte, dem Lieblingskomponisten des Führers.
Wagners Opern galten als gewaltige Verkörperungen echter
deutscher Ideale. In dieser Runde aber holte einer
Nietzsches Schriften aus dem Bücherschrank der Organi-
stin und begann dessen Verurteilung Richard Wagners und
seiner Ideologie zu zitieren. Die Unterhaltung, die
scheinbar über Kunst und Oper geführt wurde, bekam
einen doppelten Boden, denn indirekt wurde Kritik an
Hitlers Kunstverständnis geübt."

0.7 Problematische / tragische Folgerungen

Das Akzeptieren oder Verweigern einer "übertragenen Bedeutung" betrifft ja nicht lediglich den aktuellen Text. Sondern aus der jeweiligen Entscheidung werden lebenspraktische, oft auch juristische Folgerungen abgeleitet. Daraus können - im Falle des Verweigerns der "übertragenen Bedeutung", obwohl nachweisbare Indizien dafür vorliegen - monströse und für andere lebensbedrohliche Folgen abgeleitet werden - nur weil einer, der die nötige Macht besaß, nicht angemessen zu lesen vermochte.

Im Bereich Theologiegeschichte sollte jemand mal zusam-
mentragen, wieviele Menschen auf dem Scheiterhaufen
oder bei ähnlichen Zwangsmaßnahmen landeten, nur weil
sie sich verweigerten, beim Wortverständnis zu bleiben.
Beispiel: Sind die Schöpfungsberichte am Beginn des
Alten Testaments wortwörtlich zu verstehen oder
übertragen - wobei ja schon deren Zweizahl anzeigt,
dass Intepretationspielraum besteht.

Die gegenwärtige methodische Fragestellung bildet also nicht eine Nische für sich - die man im Grunde auch übergehen könnte. Sondern sie findet ihre Fortsetzung, vgl. [2]. Darin und in den oft lebenspraktischen Auswirkungen ist sie zugleich eine gute Illustration für die Sichtweise der Ebene PRAGMATIK.

Fritz fragt den Konrad: "Können Fische eigentlich auch
schlafen?" Antwort des Konrad: "Na klar,
schließlich gibt es ja ein Flussbett!"

1. Beispiele aus der Literatur

1.1 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

Es ist eine Form kommunikativer Gemeinheit, wenn man in einem Gesprächsbeitrag durchaus mehrere Bedeutungsebenen vernimmt, dann aber nur auf die Wortbedeutung eingeht, die angedeutete übertragene jedoch missachtet.

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010.S.306f:
Sie fragte ihn nach seiner Gesundheit und nach seiner
Tätigkeit und redete ihm zu, sich mehr Erholung zu
gönnen und zu ihr in die Sommerfrische zu ziehen.

Bis hierher hat man keinen Anlass, neben der Wortbedeutung noch eine weitere Bedeutungsebene zu unterstellen. Der "Ton" erinnert an ein sachliches Referat. Es geht weiter:

Alles das sagte sie schnell und in heiterem Ton und
mit einem eigentümlichen Glanz in den Augen; aber
Alexej Alexandrowitsch maß diesem Ton jetzt keine
Bedeutung bei. Er hörte nur ihre Worte und faßte
sie nur in ihrem natürlichen Sinn auf. Er antwortete
ihr ungezwungen, wenn auch scherzend. An diesem
Gespräch war gar nichts Besonderes, und doch konnte
Anna später nie ohne ein qualvolles, schmerzliches
Gefühl der Scham an diese kurze  Szene zurückdenken.

Durch Missachtung der durch diverse Indizien ebenfalls realisierten zweiten Bedeutung hat A.A. seine Gesprächspartnerin "auflaufen lassen". Kein Wunder, dass sie sich auch im Abstand noch beschämt und gekränkt fühlt.

1.2 Indirekte Botschaft

Aus welchen persönlichen Gründen auch immer - zur Unterstützung wäre der Kontakt mit PsychologInnen günstig - reden Menschen bisweilen sehr indirekt: Sie sagen etwas, das im Wortsinn weitab von dem liegt, was sie eigentlich meinen. Grammatik sollte befähigen, diesen 'Umständlichkeiten' zu folgen. Keineswegs wird mit irgendwelchen Appellen gearbeitet ('Jede/r soll sich möglichst im Klartext und unverschnörkelt artikulieren' - wiewohl dies etwa im beruflichen Kontext zweifellos anzustreben ist). Indirekte Rede kann und soll jedoch nicht beseitigt werden. Sprachlich/literarisch einerseits, psychologisch andererseits sollten die Sprachbenutzer befähigt sein, diesen ausgelegten Sprachspuren sensibel zu folgen - um dann allmählich zu erkennen, was mit der Botschaft gemeint gewesen war.

Vgl. das Gedicht von G. Grass: [3]

2. Beispiele aus der Musik

Primär interessiert das Zusammenspiel von Wort und Musik.

2.1 Hugo Wolf, "Abschied"

Mit der Tanzform "Wiener Walzer" verbindet man Festlichkeit, schön strömende, u.U. auch sehr dynamische Bewegungsabläufe. Von derartigem merkt man bei Beginn des Liedes nichts. Es singt einer - Verkörperung des Komponisten? -, der unter dem "Musikkritiker = Rezensenten" schon öfters zu leiden hatte. Man betrachtet sich als gesellschaftliche "Gegner", die nun aber aus irgendeinem feierlichen Anlass im selben Haus aufeinandertreffen. Also muss man irgendwie miteinander klarkommen. - Soweit die grobe Wiedergabe des zugrundeliegenden Gedichts. Das wäre die Ebene der Wortbedeutung.

Es geht aber weiter: Der Komponist bekommt die Gelegenheit, dem Musikkritiker an der Kellertreppe einen Schubs zu geben, so dass der Herr Gegner runterpurzelt und -kullert. Und genau an dieser Stelle geht die Musik in den Walzerrhythmus über: genüsslich, ja festlich, wird gefeiert, wie die aufgestaute Frustration, das Rachebedürfnis ausgelebt werden können ... - gemeinte Bedeutung. Es ist die Musik, die unüberhörbar die Weiche zu dieser zweiten Ebene stellt und die neue Erkenntnisebene auskostet. [4]

2.2 Ludwig van Beethoven, "Fidelio"

Das wär doch was: Im Musikunterricht wird das Libretto der Oper über weite Strecken thematisiert und genauer analysiert. Das Ergebnis: In erdrückendem Maße werden innere Vorgänge = Modalitäten zur Sprache gebracht - sei es in der Wortbedeutung oder via Sprachbild, durchsetzt von Aussagen zu (Nicht-) Existenz, Zustandsbeschreibungen.

Anders gesagt: Was wir als echte Prädikate akzeptieren - überprüft auch in der PRAGMATIK - entfällt weitgehend. Optisch passiert wenig - ein großes Problem für jede Inszenierung, wenn die Optik weitgehend düster und handlungsarm ist.

Hat man diese dominierende sprachliche Orientierung erkannt, kann man fragen, wie sich die Musik dazu verhält. Sie bildet offenkundig nicht lediglich den düster-statischen Eindruck nur nochmals ab, sondern in ihr kommen Abwechslungsreichtum, Farbigkeit und Lebendigkeit zum Ausdruck.

3. Alltagssprache, Presse

Gefragt ist also eine nun pragmatisch-kritische Einstellung zum Thema "Numerus", das in einer ersten Runde, d.h. in der SEMANTIK, schon eingeführt worden war, vgl. [5]

3.1 Kollektivierung

E.C.Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. 2. Aufl. München 2005:

(87) "Wir wissen es alle: Man darf nicht sagen 'die
Franzosen'. Streng verboten. 'Die Franzosen lieben
Atomstrom.' Grauenhaft. Und doch wird überall so ge-
schrieben, selbst von Journalisten. In  besten
Blättern.
   Eine Lokalposse aus Dachau, die bundesweit Aufsehen
erregte. Von Edelfedern liest man dann: 'Die Dachauer
rebellierten und kippten eine Fuhre Mist vors Rathaus.'
Wenn ich so etwas lese, glaube ich zu wissen, wo die
Autorin oder der Autor innerlich steht. Offenbar auf
Seiten derer, die so kollektiv zur Allgemeinheit erweitert
werden. 'Die Dachauer...' Das Unbewusste des Verfassers
wünschte es sich so, dass es alle waren, die den Mist
abkippten.
   Der allseits beliebte Joschka Fischer äußerte sich
einmal etwas anstößig, und einige Parteifreunde murrten
laut: prompt musste man die Schlagzeile lesen: 'Fischer
empört die Grünen', obwohl es sich wirklich nur um
ein paar Grüne ging. So differenziert aber mag es die
Presse nicht, vielleicht auch nicht die Leserschaft, dass
nun eine Schlagzeile lauten könnte: 
'Fischer empört einige Grüne'.
   Kollektive allenthalben. Ein großer deutscher Fuß-
baller ist gestorben. In manchem Nachruf hieß es über
seine beste Zeit: 'Die englische Presse schrieb damals über
ihn ...' Und so weiter. Es war aber nur das Massenblatt
'Sun', in dem dieses Bonmot stand. Die englische Presse.
Nicht anders ergeht es der Bundeswehr oder den
Gewerkschaften. Eine stille Professorin saß mir beim Essen
gegenüber und sagte: 'Die Kirche hat ja die Menschen
immer mit der Angst gegängelt.' Daraus lerne ich: Je mehr
wir außerhalb einer Einrichtung stehen, desto mehr empfin-
den wir sie als geschlossenen Block. Die Bundeswehr.
Die PDS. Und ich muss zugeben, es ist wohl einfacher
so, wir ersparen uns dabei manche Differenzierung."

4. Bibel

4.1 Tempus im Wortsinn: "Futur" - gemeint: ??

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(77) "... einen schweren Fehler schon dadurch begangen, dass
man in der Einleitung der Bergpredigt, in den so genannten
Seligpreisungen, das griechische Futur so übernommen hat, dass
es ein Futur bleibt. So verstanden sind die Seligpreisungen
bloße Verheißungen. 'Sie werden gesättigt werden', soll Jesus
gesagt haben, - 'die Hungernden'. Aber so ist es im Hebräischen
nicht gemeint. Man müsste an dieser Stelle die Sprachlogik des
Hebräischen gegenüber dem Griechischen ein Stück weit erklären;
hier genügt es, zu sagen, was mit Sicherheit gemeint ist:
'Jetzt, wo ich mit den Hungernden rede, werden sie gesättigt;
jetzt erfahren die Hungernden, die Armen ihren inneren Reichtum;
jetzt geschieht das.' Es kommt nicht, es wird in der Gegenwart
Wirklichkeit. Ähnlich ist das bei dem ersten Wort Jesu in Mk 1,15;
auch da ist immer wieder hin und her überlegt worden: was wollte
Jesus sagen, als er sprach 'das Himmelreich ist da'? Wie hat er
es gemeint: Kommt es noch oder ist es wirklich? Natürlich wollte
Jesus sagen: 'Es ist da! Da, wo ich bin, ist es. Ihr müsst nur
so leben, wie es an meiner Seite möglich wird.' Genau das ging
von ihm aus. Wenn er mit den Menschen redete, verloren sie ihre
Angst. Sie wurden geheilt, sie konnten sich aufrichten, sie
verloren ihre Zerspaltenheit."

4.2 Luther: auch schon gemeinte Bedeutung

... wir würden nur nicht hochtheologisch abheben, sondern verlangen, dass aus dem Einzeltext heraus nachweisbare literarische Brüche, Spannungen, die Suche nach einer weiteren Bedeutungsebene erzwingen - und dann darf die 'Dekonstruktion' nicht auf halbem Wege stehenbleiben:

(wie bei 4.1) (93) "Die Bibel ist für Luther der wirklich fortlebende
Christus; das ist nicht die Kirche Roms, das ist allein die Bibel,
das heißt: das Neue Testament. Das ist so evident für ihn wie der
Anfang des Johannes-Evangeliums. Auch da muss man übersetzen: 'Im
Anfang war das Wort'. Doch gemeint ist: 'Wenn Gott redet, hat er
dafür ein wesentliches Sprahrohr, eigentlich das einzige, in dem er
unmissverständlich sich zu Worte bringt: Christus. Er ist
wesentlich. Er ist nicht nur der Anfang, er ist der Kern von
allem. So meint das Johannes."
(168) "'Wenn du gute Werke willst', schreibt Luther da, 'musst du
auf die Person schauen.' Einen Satz wie diesen muss man lange, lange
interpretieren. Wir hätten ein halbes Jahrtausend Zeit gehabt, dies
zu tun. Denn es meint doch: Der Blick auf die Hände, die eine Hand-
lung vollführen, genügt überhaupt nicht. Du musst in das Herz eines
Menschen schauen. Es hat keinen Sinn, hinter der Tat den Täter zu
vergessen. Es ist nicht möglich, einen Menschen nur nach dem äußeren
Tathergang zu beurteilen und diese Oberflächlichkeit Gerechtigkeit
zu nennen. Du musst dem Menschen gerecht werden, der die Tat verübt
hat, und zu diesem Zweck musst du den Täter sehen und nicht nur das
Fahndungsfoto der Kripo. Du musst seine Biografie kennenlernen,
seinen ganzen Werdegang. Was ist passiert, ehe er von der rechten
Bahn abgedrängt wurde? Was ging in ihm vor sich, dass er womöglich
in seiner Situation etwas für richtig, für gut, für passend oder
notwendig hielt, das nach außenstehender Wertung, sogar wohlbegrün-
det, als böse, als asozial, als krass egoistisch erscheinen mag? Du
musst in das Herz des Menschen sehen und dann verstehen, wie er zu
seiner Tat kam. Erst dann begreifst du, was geschehen ist und wie es
geschehen konnte. Du wirst immer finden, dass das sogenannte Böse
nicht freiwillig war, was der andere tat, wenn er so vorging. Die
Frage sollte daher sein, wie man mit ihm verfahren ist, dass er jetzt
selber so verfahren konnte bzw. musste."

Wichtige Einschränkung: Bei Textinterpretation legen wir nicht einen realen, befragbaren, gegenüber sitzenden Menschen aus, sondern einen geschriebenen Text. Der setzt Grenzen unserem Fragebedürfnis - und diese sind zu respektieren! - Was nicht bedeuten muss, die Interpretationsbemühung einzustellen:

(223) "Man sollte sich, meinte er (= Analytiker M. Rosenberg)),
bei allem, was der Andere sagt, gerade wenn es widersprüchlich zu
werden droht, immer fragen: Was für ein Interesse hat er? Was für
ein Bedürfnis steht dahinter, wenn er das sagt? Dann erst begreift
man, was der Andere wirklich sagen möchte. Das Paradox ist, dass
Menschen meist etwas anderes sagen, als was sie wirklich meinen.
Aber man kommt dahinter, wenn man sich vorstellt, was denn der
andere mit dem Gesagten erreichen möchte, was für ein Bedürfnis sich
darin ausspricht. Wenn man das findet und für den anderen mitartiku-
liert, gibt es in aller Regel einen raschen Weg zur Versöhnung."