4.1121 "plot" - Handlungsverlauf des Textes im Wortsinn

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Aus dem Inhalt

Nun ist die Ebene der Wortbedeutung des Textes gründlich durchleuchtet. Die einzelnen Aussagen sind beschrieben und auch schon kritisch angefragt. Wir stehen an der Schwelle zur Übertragenen Bedeutung. Bevor sie überschritten wird, soll der Text auf der Ebene der Wortbedeutung zusammenfassend skizziert werden. Mit welcher Problemstellung nimmt er seinen Anfang, über welche Zwischenetappen und Nebenhandlungen strebt er welchem Ziel/Ergebnis zu? - Was also 'passiert' in dem Text - auf der Ebene äusserer Veränderungen?


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Nachträge zur Theorie

0.1 Collage-Technik

  • Unter [1] war davon gesprochen worden, dass Ketten von Wörtern einen festen = geprägten = formelhaften Charakter haben können. Womöglich ist ein Einzeltext häufig durchsetzt von solchen, von anderswoher gut bekannten Ausdrucksweisen. Vielleicht liegt sogar die eine oder andere Formel vor. - Solche Befunde führen im aktuellen Text eine Zweiteilung ein:
    • typischer Sprachgebrauch des Autors, der auf der allgemein üblichen Art zu reden aufsetzt, sicher auch das eine oder andere persönliche Merkmal aufweist;
    • dazwischengestreut feste Wortketten, die auf Standardsituationen, womöglich Institutionen schließen lassen. Von diesen Nebenbedeutungen wissen die Zuhörer, weil sie diese Art zu reden kennen. Ein solches Zusatzwissen kann der Autor durch Verwendung der Formel wachrufen - z.B. Gerichtskontext -, ohne dass er explizit von diesem Deutungsrahmen reden muss. Sozusagen 'nebenbei' kann er den Nebenakzent ins Spiel bringen. - Zentral hierbei: es werden Wortketten verwendet, die auch anderen Sprachteilnehmern gut bekannt sind. Die äußere Gleichheit (zuständig: [Ausdrucks-]SYNTAX) ist entscheidend.
  • Ein vergleichbares Verfahren gibt es auf der Bedeutungsseite - daher ist nun die PRAGMATIK im Spiel (Bedeutungen oberhalb der Größe "Satz"). Der Autor führt die Leser/Hörer nicht gedanklich von A nach B, dazwischen diverse Komplikationen verarbeitend, am Schluss das Gefühl vermittelnd, nun seien story/plot beendet. Sondern es wird eine Fülle gedanklicher Puzzle-Elemente geboten. Einsteigen kann man, wo man will; intern wird man - auf immer neuen Wegen - kreuz und quer durch das Werk geleitet. Entsprechend vielfältig sind die Erkenntnisse/Folgerungen, die verschiedene Leser/Hörer aus diesem Leseprozess ableiten.
Beispiel für diese Arbeitsweise ist Walter Kempowski,
der in verschiedenen Projekten sehr viele Menschen befragt
hatte, und die Antworten dann als "Erzählpartikel" auf-
bewahrte.
Projekte "Echolot" oder "Plankton". 
"Und so finden sich hier denn bunt gemischte Minigeschich-
ten. Zum Stichwort 'Auto' fällt einem Offizier, Jahrgang
1948, ein: 'Mein erstes Auto war ein 63er Opel Rekord.
Mit dem bin ich 2000 Kilometer gefahren, und dann hat
mich das linke Hinterrad überholt. Ein Kamerad hatte
mir den verkauft und mich angeschmiert.'
    Oder eine 1922 geborene Hausfrau erzählt über ihre
Ehe: 'Mein Mann ging nie mit mir weg, und wenn ich nach
Hause kam, sagte er: 'Erzähl mal...' Dann sagte ich:
'Es lohnt sich nicht.' Und wenn ich dann doch was er-
zählte, sagte er: 'Es lohnt sich nicht ...'"
(aus SPIEGEL 14/2014)
 

1. Fehlende plot-Elemente

Gleich mal ein Widerspruch zur obigen Einführung.

1.1 Wo ist das Ziel/Ergebnis?

Vgl. Hermann Hesse, Pater Matthias, in: H.H, Die schönsten Erzählungen. stb 3638. Frankfurt/M 2004. S.248ff. Wie es dem Pater erging, kann man über mehrere Etappen problemlos nacherzählen. Er macht auf einer seiner Predigt- = Geldsammelreisen die Bekanntschaft mit Frau Tanner. Bei ihr sucht er Zuflucht und Rat, nachdem ihm irgendwo seine Kollekte gestohlen worden war. Bedingung von Frau Tanner: Sie hilft ihm, wenn er sich zunächst seinen Oberen stellt, wenns sein muss auch dem weltlichen Gericht, wenn er - was ohnehin schon nahe lag - seinen Austritt aus dem Orden einleitet - und all die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sind, auf sich nimmt. Dies ist sozusagen ein Zuverlässigkeitstest.

All dies nimmt der Pater auf sich, steht es durch. Nun erwartet man, dass er neu Kontakt mit Frau Tanner aufnimmt und womöglich beide einen neuen Lebensabschnitt beginnen. - Aber genau das wird nicht erzählt und der Text ist beendet.

Oder fast beendet: Genau an diese Stelle, an den Schluss, platziert Hesse das Fazit, weswegen er überhaupt den Text geschrieben hat:

"... und es schien ihm das halbzufriedene Damals
keineswegs besser und wünschenswerter als das
hoffnungsvolle Heute."

Nicht nur: offener Schluss, sondern Betonung, dass der Schluss offen ist. Die Leser werden aus der Fiktion herausgerissen und auf den gemeinten Sinn hingewiesen.