4.1125 Textwelt in Wortbedeutung, Fiktion

Aus Alternativ-Grammatik
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Alle grammatisch fass- und beschreibbaren Verbindungen innerhalb eines Einzeltextes lassen im wörtlichen Verständnis eine eigene Textwelt, eine imaginative Realität entstehen. Sie ist bis in Details hinein wahrzunehmen, zu respektieren und auch zu deuten. Jedes skrupulöse Messen dieser Textwelt an der sog. 'realen Wirklichkeit' - was immer das sei - und das daraus resultierende Akzeptieren oder Verwerfen des aktuellen Textes ist strikt zu unterbinden. Viel wichtiger ist es, die dargebotene Textwelt als eigenständige geistige Kreation zu verstehen und ihre Zielrichtung zu erkennen. - Hier kommt folglich unser Modalregister IMAGINATION - vgl. [1] - erst zum Ziel. - Weitere Orientierungen sind noch zu beachten:

  1. Vgl. [2] - auf Basis der Zeichentheorie starteten wir die Grammatik mit einem rigiden SYNTAX-Verständnis. Es darf nicht verwechselt werden mit dem, was in üblichen Grammatiken unter "S." verstanden wird, nämlich 'Satzanalyse'. Das heißt: Wir respektieren von Anfang an, dass wir es mit einem Sprachprodukt zu tun haben, das seine eigenen Gesetzmäßigkeiten hat.
  2. Damit ist verbaut, dass die Sprachebene kursorisch und wie selbstverständlich zur Kenntnis genommen und zugleich flott übersprungen wird, wodurch der sehr weit verbreitete Irrglaube aktiviert wird, das Gelesene/Gehörte sei auch schon die 'reale Wirklichkeit'.
  3. Und selbst wenn eine Botschaft mit Sprachbewusstsein aufgenommen wird, ist dezidiert zu beachten, mit welchem Sprechakt - direkt/indirekt sie formuliert worden war, vgl. [3]. Lag das INFORMIEREN überhaupt im Interesse des Schreibers/Sprechers? Was seriös recherchiert klingt, kann letztlich ganz anderen Zwecken dienen.
  4. Schon auf der Ebene der SEMANTIK - vgl. [4] samt Unterkategorien - ist bei einem Text, der keine Fiktion sein will, zu verlangen, dass er schon pro Satz ausreichende und verstehbare Informationen liefert. Sprachspielereien, Spannungserzeugung, Leerstellen (z.B. bei Ort und Zeit), ausführlich wiedergegebene Dialoge, Einblick in die Gefühlswelt von Akteuren usw., wie sie die PRAGMATIK - vgl. [5] - erhebt, haben zu unterbleiben.

Am Medium Sprache führt also nichts vorbei. Es sind sorgfältige Zusatzanalysen notwendig, um dann erst zuverlässig sagen zu können, ein Text stelle keine Fiktion dar, sondern beschreibe zutreffend einen Ausschnitt der Lebenswirklichkeit. (N.B. Bei Juristen ist diese Einstellung Standard.)

0. Fiktion

0.1 "Die Bücher unserer Zeit"

... so ist der Artikel von V. Weidemann in SPIEGEL 42/2016 116ff überschrieben. Daraus einige Zitate.

(118) "Das Zeitalter des Schwankens, der Beweglichkeit und
Zerbrechlichkeit, das ist die Stunde der Literatur, der
großen Möglichkeitskunst. Klar, sie ist leise, sie hat
Mühe, sich Gehör zu verschaffen in der großen, lärmenden
Gereiztheit der Welt. Wo immer aber neues diktatorisches
Regime an die Macht kommt, sind die Bücher Fiktionen und
ihre Erschaffer meist die ersten Opfer. Starke Fiktionen
können die Basis, auf der ein waffenstarrendes Regime
seine Macht errichtet, ins Wanken bringen. So die Furcht
der Diktatoren. So die Hoffnung der Dichter.
(124) Wozu sind Geschichten da? Um uns Angst zu lehren?
Um eine andere Wirklichkeit zu behaupten als die bedroh-
liche, verworrene da draußen? Literatur ist Möglichkeits-
kunst, Kunst der Verwandlung. Jede starke Fiktion ist ein
Protest. Wie Salman Rushdie sagte: Tyrannen legen die
Welt auf eine Geschichte fest. Mauern sich ein, hinter
einem Wall der einen Wahrheit, Beton der Fakten. Schrift-
steller lassen die Fakten frei und setzen sie neu
zusammen. Eine andere Welt ist möglich.
(...)
Wie groß ist die Macht der Fiktion? Der alte deutsche
Soldatenschriftsteller Ernst Jünger, der am Ende des vo-
rigen Jahrhunderts im Alter von 102 Jahren starb, hat in
einer Rede an seinem 100. Geburtstag 1995 gesagt: 'Wenn
ich auf mein Leben zurückblicke, so scheint mir, dass ich
es als Leser verbracht habe. Das mag verwunderlich klin-
gen - doch habe ich von Werken und Taten zuerst durch
Bücher erfahren, also platonisch - den Ariost habe ich in
der Kartentasche mitgeführt -, und bin dann durch die
Realität enttäuscht worden. So auch durch die Kriege.
Karl Marx hat es auf die Formel gebracht: >Ist eine Ilias
möglich mit Schießpulver?< Das ist mein Problem'
(126f) "Hatte Houellebecq Frankreich zur Unterwerfung
unter den Islam aufgefordert? Wie hatte er das gemacht?
Mit einem Roman?
   'Unterwerfung' spielt im Jahr 2022, der Held heißt
François, ist Literaturwissenschaftler, verliebt in die
Werke des Décadence-Dichters Huysmans, überhaupt in die
Literatur: 'Allein die Literatur vermittelt uns das
Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen
Geist, mit allem, was diesen Geist ausmacht, mit seinen
Schwächen und seiner Größe, seinen Grenzen, seinen Eng-
stirnigkeiten, seinen fixen Ideen, seinen Überzeugungen;
mit allem, was ihn berührt, erregt oder abstößt.'
(127) Die besten Romane lesen sich, als ob sie Wirklich-
keit wären. Sie sind es nicht. Sie sind Abbilder einer
möglichen Welt. Es liegt an uns, den Lesern, diesen
Visionen zu folgen oder andere Visionen zu schaffen. In
der Dichtung und der Wirklichkeit."