4.112 Makrosatz / Szene - neue Texteinheit - grammatisch / literarisch

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

In 4.111 - vgl. [1] - sahen wir, wie Kontext allmählich entsteht, dicht verwoben, nahezu mechanisch "verknüpft", noch im Rahmen der wörtlichen Bedeutung. Die logische Folge ist jetzt, nach den Texteinheiten zu fragen, die so definiert werden. In der Semantik hatten die Basiskategorien die Größe "Satz" entstehen lassen. Jetzt, am Anfang der Pragmatik, werden die Basiskategorien wieder eingesetzt, nun "vertikal": Welche Texteinheit entsteht dabei? - Bisher sprach man von "Makrosatz" oder verwendete erzähltheoretisch eher Begriffe wie "Szene | Bericht | Resümee" u.ä. - Das lässt sich bündeln.

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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Definitionen im Schulduden

Eine Schulduden-Definition des Satzes ist: „Der Satz ist eine geschlossene sprachliche Einheit, die sich aus kleineren Einheiten (Wörtern und Wortgruppen) zusammensetzt.“

Aber: Die „Definition der Einheit Satz stellt eines der großen Probleme sprachwissenschaftlicher Theorien dar.“ Es existieren annähernd 200 Definitionen von Satz. Jede linguistische Schule entwickelt ihren eigenen Satzbegriff. Die unterschiedlichen logischen, philosophischen, kommunikationswissenschaftlichen und psychologischen Perspektiven werden als „kaum miteinander in Einklang“ zu bringen angesehen. Entsprechend wird angenommen, „dass hinter der Bezeichnung Satz nicht ein einzelner Begriff, sondern eine ganze Familie sich überschneidender Begriffe steht.“

Satz als Rede- oder Textelement

Der Satz wird auch definiert als Grundeinheit, aus der eine Rede oder ein Text besteht. Damit wird aber die Schwierigkeit, den Satz zu definieren, mit der Schwierigkeit, die Rede oder den Text zu definieren, eingetauscht. Zudem gibt es das 1-Wort = 1-Satz = 1-Text - Phänomen (Beispiel: Hilfe !). Satz als kommunikative Einheit: Der Satz erscheint so nur pragmatisch kommunikativ definierbar. So definierte schon Bühler Sätze als "die einfachen selbständigen, in sich abgeschlossenen Leistungseinheiten oder kurz die Sinneinheiten der Rede." Ähnlich kann Satz auch definiert werden als „jede selbständige, abgeschlossene sprachliche Äußerung, die in einem kommunikativen Handlungszusammenhang geäußert wird (und prinzipiell verstanden werden kann) oder als kleinste kommunikative Verständigungseinheit, durch die ein Sprechakt vollzogen wird."

Makrosätze

In einer Erzählung stehen verschiedene Teile in einem Kontext und bilden so eine größere Einheit (Makrotext), wobei man unter dem Begriff „Kontext“ die dialogische Umgebung, den Gesprächsstatus der Aktanten, die Begleitumstände der Rede und den Dialogverlauf versteht. Dabei sind vor allem der Zeit- und Raumfaktor zu beachten, die dem Dialog/ dem Textverlauf eine Struktur verleihen. Die hierfür notwendige Verknüpfung der verschiedenen Äußerungseinheiten miteinander geschieht durch verschiedene Kategorien, wie zum Beispiel: Redeeinleitungen, bzw. Überleitungen,… Wichtig für das Textverständnis sind jedoch nicht irgendwelche Ereignisse der Außenwelt, sondern die Fähigkeit zur Meinungsbildung und Emotionen, also das, was in Köpfen bzw. in Dialogen passiert.

Andere Sprechweise bei den Rechtschreibregeln: [2]. In Regel 92 heißt es: "Das erste Wort eines Ganzsatzes (eines selbstständigen Satzes, zu dem auch ein oder mehrere Teilsätze gehören können) schreibt man groß". "Ganzsatz" scheint das zu bezeichnen, was bei uns "Makrosatz" ist.


0.2 Fehler bei Satzverknüpfungen

"So wurde das Leben eines Gladiators sicherer mit jedem Sieg.
Offensichtlich starben die meisten 
beim ersten Einsatz und wurden danach geschont."
- aus der Hertener Allgemeinen  laut Hohl-SPIEGEL (26/2012).
  1. Der erste Satz ist ein Fall für die "Implikationen", vgl. 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen): "Sieg" bedeutete natürlich Überleben. Also ist der Vordersatz doppelt gemoppelt.
  2. Der zweite Satz: der erste Teil wird anscheinend durch einen folgenden Zeitsatz näher bestimmt. Aber der Zeitsatz ist Luxus: es braucht keine spätere Schonung, wenn man zuvor schon gestorben war.

0.2.1 Luis Trenker - erzählerisches Durcheinander

Aus: H-J- Ortheil, Der Stift und das Papier. Roman einer Passion. München 2015. S.204f:

"Ich versuche zu verstehen, was der Bergsteiger erzählt.
Er erzählt von seiner Kindheit in der Welt der Dolomi-
ten. Die Dolomiten sind anscheinend hohe Berge, in
einem ihrer Täler ist Luis Trenker zur Welt gekommen.
Er erklärt einem genau, wo dieses Tal und der Geburtsort
liegen, aber in diesen Erklärungen kommen so viele Namen
vor, dass man sie nicht behalten kann. Was man gerade
noch behält, ist, dass er in den Dolomiten groß geworden
ist. Dann erzählt er von seiner Mutter und seinem Vater
und dem Herrn Pfarrer und den Bergen ringsum, aber so,
dass er drei Sätze von seiner Mutter erzählt, in denen
auch der Vater vorkommt, so dass er rasch noch dazwi-
schen vier Sätze vom Vater erzählt, in denen auch der
Pfarrer vorkommt, worauf er rasch noch drei Sätze vom
Pfarrer erzählt, um dann wieder von der Mutter zu er-
zählen und schließlich über den Vater wieder bei den
Bergen anzukommen." 

0.3 Glosse

P. Ertle in ST 7.1.2014:

"Wie war das schön früher, wenn Achternbusch einen seiner
dumpf bayrischen Zen-Sätze sagte, worauf Adorno mit
einer seiner extrem gewählten, weit ausholenden, hypo-
taktischen Reflexionen samt eines ganz weit hinten am
Satzende platzierten Reflexivpronomens sich dagegen in
Stellung brachte, ja entschieden verwahrte. Falls er ihm
überhaupt antwortete."

0.4 Lange Sätze - kurze Sätze

St. Berg in SPIEGEL 52/2016 55:

"Zur Entwicklung des Menschen gehörte die Ausdifferenzie-
rung seiner Sprache. Wir lernten komplizierte Dinge, weil
wir lernten, sie zu beschreiben und zu bereden. (...) Man
würde den Höhlenmenschen unrecht tun, wenn man sagte, das
Trümmerdeutsch der Tweets führe geradewegs zurück in die
Höhle. Sie mühten sich. Manche Tweets erinnern mich an
die Laute auf dem Kasernenhof meiner Jugend. Ich war da-
mals stolz, längere Sätze beherrschen zu können als die
mir Vor-die-Nase-Gesetz-ten.
Ich bin froh, Briefe aus meiner Jugend zu besitzen: Lange
Sätze. Liebe und Leidenschaft gibt es nur in langen Sätzen.
Der Hass braucht sie nicht. 
Wir sagen manchmal: Fasse dich kurz! Es setzt vor aus,
eine Langfassung zu beherrschen. Aber wenn ich mich in der
U-Bahn umhöre und die zwischen Smileys klemmenden Worte
der Mitreisenden sehe, zweifle ich daran, dass es zu die-
sem Gestammel überhaupt eine Langfassung geben kann. Wir
können mehr, wenn wir wollen, aber warum wollen so viele
nicht einmal das, was sie können? Woher kommt diese Lust
zur Selbstaufgabe?"

0.5 Kein Makrosatz: Navigationsgerät

Während des Fahrens im Auto braucht ein Fahrer keine ausführliche Beschreibung (mit Relativsätzen) und begründende, oder einen Zweck benennende, gar wertende usw. Modalsätze zur Handlung, die als nächstes ansteht. Es soll ja kein Stoff für eine ausführliche Argumentation geliefert werden - das würde nur vom Fahren ablenken. Sondern präzis und knapp ist zu nennen, was als Nächstes ansteht. Daher kommen in Navigationsgeräten keine Schachtelsätze und langen Satzverbünde vor.

Stattdessen kann man studieren, was wir aphrastische Äußerungseinheit nennen, vgl. [3]: Viele angemessen verstehbare Äußerungen = ÄE, die aber kein Satz sind.

"Links abbiegen!"  -  anstelle von: 
                      "Bitte biegen Sie jetzt links ab!"

Wegen des pragmatischen Rahmens, wissen die FahrerInnen, dass sie es sind, die angesprochen werden. Das muss folglich nicht noch vom Navi ausformuliert werden. - Pedantische sprachliche Ausführlichkeit - Fixierung auf "Satz" - könnte sonst dazu führen, am entscheidenden Punkt vorbeizufahren...


1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Christian Morgenstern

Wer Lust hat, kann zu Übungszwecken den einen (Nonsens?-)Satz aus Christian Morgensterns "Der Gingganz" zunächst in Äußerungseinheiten zerlegen - vgl. 4.0601 Äußerungseinheiten (ÄEen) - und dann - das ist die aktuelle Fragestellung - das Zueinander der Äußerungseinheiten, ihre jeweilige Funktion im Groß-Satz beschreiben (das kann man grafisch unterstützen, zugleich die festgestellten Relationen mit der semantischen Terminologie charakterisieren):

"Und in der Tat, wenn irgendwo, wenn irgendwann, mußte
gerade damals und gerade bei denjenigen Kräften der
Volksseele, in denen das Herz der vom Geist der neuen
Zeit am wunderlichsten beeindruckten Unvoreingenommen-
heit des Natürlichem am zukunftswetterschwangervollsten
pochte, ein besonders abwelthafter Rückschlag wider das
Gesetz in der Vernunft von seiten mehr excös gerichte-
ter Seelen erfolgen und damit ein Beweisschatten mehr
geworfen werden, daß keine Zeit, so dunkel sie auch
sich und in sich selber sei, indem sie 'ihr Herz offen-
bart', mit all den Widersprüchen, Knäulen, Gräulen,
Grund- und Kraftsuppen ihres Wesens, als Schwan zuletzt
mit Rosenfingern über den Horizont ihre eigenen Chaos,
und sei es auch nur als ein Wesenstel ihrer selbst und
sei es auch nur mit der lächelndsten Träne im Wappen,
emporzusteigen sich zu entbrechen den Mut, was sage
ich, die Verruchtheit hat."

Viel Spaß!

1.2 Lange Sätze zu Legitimationszwecken

Unter "Satz" ist hierbei verstanden, dass der Verfasser ein gut erkennbares Signal liefert: die sprachliche Einheit, die ich weiter oben mal begonnen habe, kommt nun zu einem Ende.

In Schriften mit klaren Satzzeichen, vor allem deutlich
gliedernden: Punkt, Ausrufezeichen, Fragezeichen, ist
das "Ende"-Signal schon grafisch gut erkennbar.
In Texten ohne diese Hilfe können auch
semantische Signale gesetzt werden. Man betrachte
den Anfang des Römerbriefes des Apostels Paulus:
"Paulus" - das ist das erste Wort. Dann folgen viele 
eingeschobene Zusatzinformationen. Erst nach vielen
Versen folgt die zweite Information, die das erste Wort
zu einem Satz abrundet: "an alle in Rom".
Man betrachte den ersten Satz in Thomas Manns
Josephsroman - es ist zugleich der längste im
Gesamtwerk des Schriftstellers.

Auf diese Weise kann ein Satz letztlich sehr aufgebläht, also umfangreich werden. Aber eine solche Stilistik hat ihre Gründe, etwa dass das eingeführte Subjekt = 1. Aktant ausführlichst vorgestellt werden soll. Es soll legitimiert werden.

1.3 Kurze Sätze - besser verstehbar

J. Nieder arbeitet als Übersetzerin im Büro für Leichte Sprache bei der Lebenshilfe in Bremen. Aus einem Interview mit ihr (Spiegel 40/2014):

SPIEGEL: Wie gehen Sie beim Übersetzen vor?
Nieder: Es geht darum, den Sinn zu erfassen. Ich re-
cherchiere viel, weil mir nicht alle Themen geläufig sind.
Dann gibt es klare Regeln: einfache Wörter, kurze Sätze.
Ein Satz darf mal ein Komma haben, sollte es aber nicht.
SPIEGEL: Thomas Mann wäre in Leichter Sprache wohl
kein Lesegenuss.
Nieder: Man kann die Geschichten in Leichter Sprache
schreiben. Aber das wäre nichts für Menschen, die es
genießen, einen Satz zu lesen, der über mehr als eine
Seite geht.
SPIEGEL: Für wen machen Sie das dann?
Nieder: Vor allem für Menschen mit geistiger Be-
einträchtigung oder einer Lese- und Rechtschreibschwä-
che. Aber Leichte Sprache ist für jeden gut. Denken Sie
etwa an Medikamentenzettel oder Bedienungsanleitungen.
SPIEGEL: Ist die Welt nicht zu kompliziert, um
alles leicht verständlich zu formulieren?
Nieder: Das Einzige, was nicht geht, ist Satire
oder Ironie. Wenn Gesagtes und Gemeintes sich wider-
sprechen, funktioniert das in Leichter Sprache nicht.
Da müsste ich dazuschreiben: Das ist ein Witz, das ist
nicht ernst gemeint.
SPIEGEL: Da waren jetzt einige Kommas.
Nieder: Wichtig ist in der Leichten Sprache ja auch
immer die Zielgruppe. Ihnen habe ich die Kommas
zugemutet.

1.4 Wichtigtuerisch und unverstehbar: lange Sätze und Anglizismen

(Spiegel-Online 4.6.2015)

KarriereSPIEGEL: Und was finden Sie alles in den Siemens-
Jahresberichten?
Teunis: Unerträgliche Bandwurmsätze, meist von Juristen
geschrieben. Einer hatte 178 Wörter - grauenhaft.
KarriereSPIEGEL: Sind die Münchener denn lernfähig?
Teunis: Im vergangenen Jahr hatte der längste Kauder-
welsch-Satz immerhin nur 64 Wörter. Ich zitiere aus
dem Finanzbericht von Siemens, Seite 150:
   "Zur Gewährung von Aktien an die Inhaber beziehungsweise
   Gläubiger von Wandel- / Optionsschuldverschreibungen,
   die aufgrund der Ermächtigung des Vorstands durch die
   Hauptversammlung vom 25. Januar 2011 von der Gesellschaft
   oder durch eine Konzerngesellschaft bis zum 24. Januar 2016
   ausgegeben werden, wurde das Grundkapital um bis zu
   270 Mio. € durch Ausgabe von bis zu 90 Mio. auf Namen
   lautenden Stückaktien bedingt erhöht (Bedingtes Kapital
   2011)."
KarriereSPIEGEL: Sie sind ganz schön pingelig.
Teunis: Sagen Sie nicht, dass Sie das auf Anhieb verstan-
den haben. Ein Satz sollte höchstens 20 Worte haben,
selbst in Geschäftsberichten für Aktionäre.
KarriereSPIEGEL: Das sehen die Schreiber sicher anders.
Schließlich müssen die Berichte auch rechtlich wasser-
dicht sein.
Teunis: Bei Siemens bin ich aber auf viel Verständnis
gestoßen. Schauen Sie mal auf der Internetseite: Da
steht nicht mehr Headquarter, sondern Konzernzentrale,
Product groups sind wieder Produktgruppen, Quick access
heißt ganz altmodisch Schnellzugriff.

1.5 Sebastian Blau, D Leut saget ...

Vgl. [4] - abseits aller Anzüglichkeiten gegen katholischen Mief: Eine hervorragende Illustration für unseren aktuellen methodischen Gesichtspunkt:

  1. In 5 Anläufen = Strofen wird ein Satz allmählich zusammengestellt: 1.Aktant + Zeit + Ort + Präzisierung des Orts + Prädikat (ausgeführte Handlung)
  2. Die einzelnen Schritte werden ständig durch Modalitäten kommentiert, v.a. durch WISSEN (un-/sicheres Wissen, Verdrängen, Nicht-Glauben, was ist wahr? usw.), vgl. [5], und WERTUNGEN, vgl. [6], - dadurch die vorzeitige Vollendung des Satzes durchkreuzt.
  3. Integriert sind EINWÜRFE, die ihrerseits das Zuendeführen des Satzes blockieren (z.B. "I halt die Gschiicht für oberfaul")

Für solche, denen Hochkultur und Sprache des Schwabentums fremd blieben, ist dieses Gedicht - leider - verschlossen... ;-)

2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Reinhard Mey

"Musikanten sind in der Stadt" - der Text des Liedes soll im Sinn der Alternativ-Grammatik kursorisch beschrieben werden. Hauptinteresse: das Zueinander der Äußerungseinheiten. Deren Festlegung vorab - vgl. 4.0601 Äußerungseinheiten (ÄEen) - wird vorausgesetzt. Es interessiert die Satzstruktur nun auf pragmatischer Ebene.

Strofe
  Zeile
    Äusserungseinheit
1.1.1  Rentrez le linge,     
                               Aufforderung: vgl. Register 
                               INITIATIVE +  Sprechakt "Auslösung"
1.1.2  braves gens, 
                               Vokativ, zugleich 1.Aktant der in 
                               1.1.1 schon angesprochen wird
1.1.3  fermez vos portes à clef,   
                               erneute Aufforderung bei gleichem 
                               1.Aktant
1.2.4  voilà les musiciens! 
                               Nominalsatz: die Musiker werden 
                               präsentiert, lokalisiert
1.3.5  Cachez même le fil à linge et vos chats et bébés,
                               3. Aufforderung: durch même 
                               verknüpft. 2.Aktant mit 2 "und"-
                               Erweiterungen
1.4.6  voilà les musiciens! 
                               Refrain s.o.
1.5.7  Et tout       
                               nicht-satzhafte ÄE: "alles" wird 
                               nur mal vorgestellt
1.5.8  ce qui n'est pas fixé    
                               Relativsatz beschreibt 1.5.8 näher
1.5.9  et cloué,    
                               "und"-Erweiterung für Relativsatz. 
                               "alles" zum zweiten Mal beschrieben
1.7.10 sous l'œil vigilant d'un gardien  
                               die Sicherungsmaßnahmen müssen unter 
                               Aufsicht geschehen, ansonsten:
1.8.11 sera volé,     
                               jetzt endlich bekommt "alles" als 
                               1.Aktant seinen zweiten Inhalt. 
1.8.12 démoli       
                               Synonym. - 3x Passiv. "alles" in 
                               Standardanalyse (aktiv) ist 2.Aktant. 
1.8.13 et démonté.    
                               Synonym. - Unbekannte = Musiker sind  
                               es, die zerstörerisch handeln 
1.9.14 Il y a alerte aux musiciens.  
                               "Es gibt/besteht" = Warnung als 
                               Existenzaussage.
1.9.15 Pitié!             
                               Nominaler, nicht-satzhafter Ausruf.
1.9.16 Voilà les musiciens !       
                               Refrain s.o.
Die Prädikatbedeutungen entsprechen alle nicht dem, was ein volles Prädikat
bieten müsste  (Umwandlungshandlung in der Außenwelt).
       <<HEREINHOLEN>>, <<FIXIEREN>>, <<FESTNAGELN>> gehören zur Topologie
       <<SCHLIESSEN>>, <<VERSTECKEN>> verhindern Wahrnehmung
      (Register EPISTEMOLOGIE), Kontaktaufnahme
       <<DEMOLIEREN>> u.ä. besagt die Auslöschung der Existenz von etwas. 

Eine volle Prädikatbedeutung bietet die 1. Strofe nicht.
Die statischen Sätze, die nicht-satzhaften Äußerungsein-
heiten kommen hierfür ohnehin nicht in Frage. Ausrufe
(Nicht-Satzhaftes), auch in Refrainform, erweiterte
Beschreibungen - zwar in ausgewogener Zeilenform. Aber
innerhalb der Zeilen verteilen sich die Äußerungs-
einheiten sehr unregelmäßig, die Nennung innerer
Entschlüsse, Pläne und Erregungen -  all das gibt gut
den alarmierenden Ton des Liedes wieder.
Der Anteil der - für sich genommen - nicht-satzhaften
Äußerungseinheiten ist sehr hoch: das zeigt einen hohen
Erregungsgrad an. Die deutsche Nachdichtung, die in der
Struktur der Äußerungseinheiten nicht 1:1 der franzö-
sischen Version entsprechen kann:
1.1.1  Leute,                  
                               Vokativ
1.1.2  nehmt eure Wäsche weg,                                
                               räumliche Veränderung wird verlangt 
1.1.3  schließt die Gartentür zu:                        
                               Zustandsänderung wird gefordert  
1.2.4  Musikanten sind in der Stadt!
                               als Verbalsatz: Lokalisierung des
                               1.Aktanten  
1.3.5  Bringt die Katze ins Versteck,
                               wie 1.1.2 
1.3.6  die Wäscheleine dazu:   
                               nicht-satzhafte Weiterführung von 1.3.5: 
                               2.Aktant erweitert
1.4.7  Musikanten sind in der Stadt!
                               Refrain s.o.
1.5.8  Und was da nicht ganz niet- und nagelfest ist,
                               unbestimmtes Subjekt mit  
                               negierter Zustandsbeschreibung
1.6.9  und was keinen Riegel vor hat,
                               wie 1.6.9 
1.7.10 das wird sofort geklaut,
                               Passiv: das Subjekt ist eigentlich 
                               2.Aktant. "Wer" klaut bleibt ungesagt.  
1.7.11 und bleibt ewig vermißt:         
                               wie 1.7.10
1.8.12 Musikanten sind in der Stadt.     
                               Refrain s.o.
1.9.13 Erbarmen!    
                               Nominaler, nicht-satzhafter Ausruf.
1.9.14 Musikanten sind in der Stadt. 
                               Refrain s.o.

3. Fachsprachen

3.1 Juristensprache

SPIEGEL-Online (22.11.2011) bringt ein Quiz. Darunter einen besonders langen Satz (nach einem auch schon umständlichen einleitenden):

"Wir zeigen Ihnen gegenüber hiermit unter anwaltlicher
Versicherung ordnungsgemäßer Bevollmächtigung und
unter Hinweis auf die in Kopie anliegende Vertre-
tungsvollmacht die Übernahme der gerichtlichen wie
außergerichtlichen anwaltlichen Beratung und
Vertretung unseres Mandanten Peter Müller in sämt-
lichen mietvertragsrechtlichen Angelegenheiten an.
Grund unserer Einschaltung ist der Umstand, dass
unsere Mandantschaft im Zusammenhang mit dem zwischen
Ihnen als Mieter und unserer Mandantschaft als
Vermieter am 01.02.2004 geschlossenen Mietvertrag über
die in der Schillerstraße 5, 12345 Musterstadt, 3. 
Obergeschoss links gelegenen Wohnmieträume die
Feststellung treffen musste, dass Ihrerseits bislang
auf die zum 01.08., 01.09. und 01.10.2010 fällig
gewordenen Mietzinsraten an unsere Mandantschaft
keinerlei Zahlungsleistungen erfolgt sind, weshalb
wir von dieser nunmehr beauftragt wurden, Sie unter
letztmaliger und nicht weiter verlängerbarer Frist-
setzung bis zum 15.12.2010 zur Vermeidung einer
andernfalls und im Auftrag ohne weitere Vorwarnung
anzusprechenden fristlosen, außerordentlichen Kün-
digung des zwischen Ihnen und unserer Mandantschaft
bestehenden, oben näher bezeichneten Wohnraummiet-
verhältnisses aufzufordern, die aufgelaufenen rück-
ständigen Mietzinszahlungen auf das Ihnen bekannte
Bankkonto unserer Mandantschaft bei der Sparkasse
Brotzingen, BLZ 123 456 78, Kontonummer 987 654 321
ungekürzt zur Anweisung zu bringen."

Nicht nur die Länge v.a des zweiten Satzes ist wichtig, auch die vielen Nominalisierungen, zusammengesetzten Nomina, Passivkonstruktionen u.ä. müssen vermerkt werden: alles dient - stilistisch - dazu, den Briefempfänger sprachlich machtvoll niederzuwalzen, Widerstand auszuschalten.

4. Funktionen einzelner Abschnitte

4.1 Negative Wertung via bildhaftem Textabschnitt

Jakob Augstein auf SPIEGEL-Online zum Fernsehinterview von BP Wulff. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE in seiner dramatisch aufgeladenen negativen Form wird durch eine völlig fiktive Szenerie umschrieben. Die Fiktionalität erlaubt es, die Wertung, die man anstrebt, besonders eindeutig zum Ausdruck zu bringen (es hindert einen ja aus der allgemein zugänglichen Realität nichts).

"Es gibt in der Hölle einen besonders unangenehmen Platz,
ziemlich tief unten, da kommen die Leute hin, die bei der
Beichte nicht aufrichtig waren. Wer sich den Freispruch
durch falsche Reue erschummeln will, wird schlimmer
bestraft als ein Sünder, der sich der Sühne ganz verwei-
gert. An diesem Platz kann man sich jetzt auch den
Bundespräsidenten ganz gut vorstellen, zumindest wenn
man an die Hölle glaubt. Und das möchte man unbedingt,
nachdem man Christian Wulff am Mittwochabend im Interview
gesehen hat. Irgendwo muss die Gerechtigkeit ja ihren
Platz haben. Im Schloss Bellevue findet sie den nämlich
nicht. Dort wohnt nur die Selbstgerechtigkeit."


4.2 Lew Tolstoj, Anna Karenina - Beschreibung

(hg. von Gisela Drohla. Insel 2010. S. 141) - Über Beschreibungen erhält das "Zimmer" allmählich eine Individualität, wird zum 'Gegenspieler' der Hauptperson.

"Die Kerze, die er mitgenommen hatte, erhellte allmählich
das Zimmer. Wohlbekannte Einzelheiten traten aus dem Dunkel
hervor: Hirschgeweihe, Bücherregale, der Spiegel, der Ofen
mit der Luftklappe, die schon längst der Reparatur
bedurfte, das Sofa, das noch von seinem Vater stammte, der
große Tisch, auf dem Tisch ein aufgeschlagenes Buch, ein
zerbrochener Aschenbecher und ein Heft, das von seiner Hand
beschrieben war. Als er das alles sah, überkamen ihn für
einen Augenblick Zweifel an der Möglichkeit, das neue Leben
aufzubauen, von dem er unterwegs geträumt hatte. Alle diese
Spuren seines früheren Lebens schienen ihn festzuhalten
und ihm zu sagen: 'Nein, du kannst uns nicht entrinnen,
du wirst nie ein anderer, du bleibst immer, der du gewesen
bist'."

5. Gliederung des Gesamttextes

5.1 Die Geschichte von Jona

Die alttestamentliche Geschichte wird hier geboten

  • in deutscher Übersetzung
  • in Äußerungseinheiten gegliedert
  • von nachträglichen Textergänzungen befreit
  • gegliedert auch narrativ:
    • zunächst in einzelne Szenen; darunter versteht man Textbereiche, in denen zusammenhängend Kommunikationspartner etwas aus- oder verhandeln, also: 4.12 Dialoge
    • mehrere davon können in einer Episode zusammengefasst werden. Kriterien dafür: Gleicher Ort, gleiche oder zumindest zusammenhängende Zeit; gleiches thematisches Feld (Isotopien);
    • Rahmend oder auch dazwischen können Berichte stehen: Bereiche, in denen eben nicht verhandelt wird, sondern etwas in der Außenwelt geschieht, sich verändert, - und sei es eine Ortsveränderung.

Vgl. [7]