4.1132 Stilfiguren, "Redeschmuck" - Verschiebungen

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Aus dem Inhalt

Aus der Antike kommt die Praxis, dass man Stilfiguren als "Redeschmuck", als "Ornament" versteht. "Schmuck" kann man auch ablegen, ein Haus erfüllt seine Funktion auch ohne "Ornamente" - so die mit solchen Begriffen verbundenen Vorstellungen. Folglich sei die Aufgabe der Sprachbeschreibung, solche sprachlichen "Schmuck"formen zu erkennen, mit einem Begriff zu belegen, und dann zu versuchen zu beschreiben, was der sachliche Gehalt der Aussage hinter dem Schmuck sei.

Eine solche Denkweise - ausgelöst durch "Redeschmuck", "Ornament" - ist verheerend für die Textbeschreibung/-interpretation, weckt den Eindruck eines Luxus-Geglitzers, das 'eigentlich' stört bei der Suche nach dem 'sachlichen Gehalt'.

Wir versuchen hier nicht, den Schmuck - sobald er erkannt ist - abzulegen, sondern seine Wirkungen, seine Eigeneffekte zu beschreiben, auch auszukosten. Alle Formen "Übertragenen Sprachgebrauchs" sind für Sprecher ein wichtiges Mittel, den Bedeutungsgehalt ihrer Mitteilung auszuweiten, die Beziehung zu den Empfängern - u.U. raffiniert - zu gestalten.

Immer nur den Schmuck abzustreifen führt zu langweiligen Ergebnissen. Sich auf die Wirkungen einzulassen hilft wesentlich, die Intentionen und Einstellungen des Sprechers, die seine Aussage begleiten, zu erkennen. Erst mit diesem Wissen kann man angemessen auf die Äußerung reagieren.


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Nachträge zur Theorie

0.1 Ausdruckshandlung

Nun liegt die kritische Überprüfung der Prädikate schon zurück - vgl. 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt -, aber die Beschäftigung mit den Außenwelthandlungen geht weiter. Ausweitend werden jetzt auch Orts-Aussagen hinzugenommen (sie waren bei der kritischen Überprüfung der Prädikate aussortiert worden).

Die These jetzt: Zweifelsfrei als Handlung bestimmte Prädikatbedeutungen können Sprachcharakter haben. Äußerlich sieht man eine Handlung; der ganze Kontext verlangt aber, darin eine sprachliche Botschaft zu sehen. Das wäre dann die gemeinte Bedeutung.

Auch hier gilt die Suche nach sprachlichen (Kontext-)Indizien, die berechtigen, zur zweiten Bedeutung voranzuschreiten. Weder Willkür, noch die Fähigkeit, das "Gras wachsen zu hören", sind erlaubt bzw. nötig. Geht man einige, möglichst poetische Texte in dieser Art mit Schülern durch, müsste es den Beteiligten wie Schuppen von den Augen fallen, wie vielfältig man durch äußere Handlungen sprechen kann.

Viele Handlungen sind also Ausdruckshandlungen - das ist ein eingebürgerter Begriff. In diesem Fall hat Ausdruck nichts mit (Ausdrucks-)Syntax zu tun - bitte also auf den Unterschied achten! -, sondern meint den dritten der prinzipiell möglichen Sprechakte, nämlich die Kundgabe eines jetzt geltenden eigenen Gefühls, vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte

Am Beginn des 42. Kapitels der "Blechtrommel" von G. Grass
("Im Zwiebelkeller") probt eine Musikgruppe in den Rheinwiesen
ihre Stückchen. 
"Wir spielten unseren Rag-time, er knallte in den Büschen.
Während wir die Musik pflegten, schoß Schmuh Sperlinge."
Hinweise im Zitat: Opposition zwischen <<PFLEGEN>> und <<TÖTEN>>.
Alliteration, die das <<SCHIESSEN>> läppisch erscheinen
lässt. Der Erzähler positioniert sich auf der "guten"
Seite, der des <<PFLEGENS>>. Parallelisierung:
     spielten           knallte
     pflegten           schoß 
Es spielt herein, dass <<EXISTENZ-PFLEGEN>> oder
<<EXISTENZ-AUSLÖSCHEN>> - vgl. 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt
pragmatisch ohnehin die deutlichste Form des Wertens
darstellt, vgl. [1].
Der umgebende Kontext gibt zudem explizit an, wozu die
Schiesserei diente: Wenn der Wirt Schmuh Ärger im
Geschäft hatte, musste er sich abreagieren. 
Nachgeschoben wird der Spott: "Schmuh war ein guter
Schütze, womöglich auch ein guter Mensch."
Das Schiessen der Sperlinge passiert also nicht einfach,
sondern dient dazu, die gefühlsmäßige Balance im
Schützen wieder herzustellen. Der Kontext liefert
genügend Hinweise für diese Deutung. 

Somit liegt eine Kette von Gesichtspunkten vor:

  1. Eine Prädikatbedeutung wurde als "echtes Prädikat" bestimmt, d.h. als von anderen gut beobachtbare Außenwelthandlung.
  2. Obwohl sich in der äußeren Welt etwas verändert - im genannten Beispiel: es knallt mehrfach, die Sperlinge sind tot -, muss die Aktion zusätzlich als eine Art von Sprache betrachtet werden. Der Täter gibt damit etwas kund, meist sind es Hinweise auf seine eigene Gefühlslage. Also: Sprechakt: Kundgabe.
  3. Kundgabe eigenen Gefühls wird immer mit Wertungen zu tun haben. Also bildet 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE den Hintergrund. Im aktuellen Fall liegt eine Umwertung vor: das Schießen der Sperlinge macht aus dem negativ gestimmten Wirt einen zumindest beruhigten oder gar einen positiv gestimmten.

Im genannten Beispiel geht es zwar nur um Sperlinge. Es ist aber anzunehmen, dass viele Verbrechen, wie sie täglich in der Zeitung stehen, Ausdruckshandlungen sind - Gerichtsgutachter weisen dies häufig nach. Auf Kosten der Opfer versucht jemand - verzweifelt - Kommunikation durchzuführen, sich der Umwelt mitzuteilen. Aber Ausdruckshandlungen sind natürlich auch in positiver Orientierung möglich. Das Überreichen von Blumen an die Künstler nach einem Konzert ist noch die einfachste. Nicht weit ist auch der Schritt zum Ausdruckstanz oder zur Pantomime, d.h. durch einzelne Bewegungen werden schlüssig ganze inhaltlichen Zusammenhänge erzählt. Der Blick in diese Bereiche kann das Bewusstsein schärfen für Bewegungen / Gesten, wie sie in natürlich-sprachlichen Texten berichtet werden, und die nicht um ihrer selbst willen wahrzunehmen sind, sondern weil sie eine sprachliche Botschaft sein wollen. Diese gilt es zu finden.

0.11 Ausdrucks-Ort

Den Begriff gibt es noch nicht, - führen wir ihn ein! - Gemeint sind Versammlungsräume unterschiedlichster Art, die aber, wenn sie nicht benutzt werden, einen relativ trostlosen Eindruck machen. Der wird allenfalls etwas aufgefangen, wenn der Raum architektonisch anspruchsvoll und interessant gestaltet ist. Das Opernhaus in Sidney hat eine weltbekannte Silhouette. Aber wenn innen gerade nichts gespielt wird, ist der Innenraum eben doch von einer gewissen Trostlosigkeit erfüllt.

Die These ist, dass wir viele Gebäude/Räume haben, und sie auch brauchen, die dem Artikulieren, Ausleben der Modalitäten dienen, vgl. [2], natürlich auch in bildhafter Form [3], dialogisch [4]. Im Gegensatz zu "Werkstätten, Fabriken", wo handfest etwas produziert wird (entspräche: [5]), dienen Ausdrucks-Orte dazu, das, was seelisch-geistig die Menschen umtreibt, ins Spiel zu bringen, auszudrücken, durch Konfrontation mit anderen Meinungen, Kunstwerken, Festen zu verändern. Die Gewichtungen können verschieden sein - insgesamt bewegen sie sich im Feld der Modalitäten. Beispiele:

- Versammlungsräume, Klassenzimmer u.ä.: dienen vorrangig
  dem WISSENsaustausch, der BILDUNG, Entwicklung der
  KOMMUNIKATIONsfähigkeit. 
- Museen: v.a. Kunstgalerien, machen damit bekannt,
  welche WAHRNEHMUNG früher die Menschen von sich und
  ihrer Umwelt hatten, welche IMAGINATIONEN sie
  entwickelten.  
- Konzertsäle lassen erleben, wie Musiker seelische
  Einstellungen in lineare Strukturen umsetzten, die man
  heute WAHRNEHMEN kann. Die Konfrontation damit kann
  im AXIOLOGIE-Bereich als bestärkend, begeisternd erlebt
  werden (gut), oder als irritierend, provozierend,
  weil ungewohnt (schlecht - zunächst, zwingt
  zur Auseinandersetzung - dann vielleicht doch gut).
- Kirchen: Ungezählt, was über die Jahrhunderte in
  alten Kathedralen einerseits privat, andererseits via
  gemeinschaftlicher Feier an Seelischem verarbeitet oder
  auch den Menschen neu aufgebürdet wurde - AXIOLOGIE.
- Sportstätten: Gedacht ist zunächst an die Zuschauer.
  Via Projektion - vgl. [6]
  werden Wertungen = AXIOLOGIE -  ausgelebt. 


0.2 Etymologie - Sprachgeschichte - Bedeutungswandel

Jede Sprache enthält Bilder, die zwar als Bilder erkannt werden, die aber nicht mehr verstanden und erklärt werden können. Ein Beispiel liefert weiter unten Ziff. 4.5 [7]. - Es kann also notwendig sein, sprachgeschichtlich nachzuforschen um zu verstehen, warum ein aktuelles Wort samt seiner aktuellen Bedeutung ein derart fremdartiges Bild wachruft. Erst dann kann man die Verschiebung von der alten Wortbedeutung zur jetzigen übertragenen vernünftig nachzeichnen.

0.3 Sprachbilder, Metaphern und Wissenschaft

Es ist zu schlicht, wenn jemand meint, es gebe exakte Wissenschaften auf der einen, in denen präzise definiert und berechnet wird, und sprachlich-historisch-geistig-poetisch-künstlerisch ausgerichtete, - karikiert: also immer etwas wolkige - Wissenschaften auf der anderen Seite. Die Beziehungen sind komplexer:

In punkto Sprache - um uns für die zweite Gruppe nur
darauf zu konzentrieren - will schon diese, für die Schul-
ebene angelegte Alternativ-Grammatik bewusstmachen,
dass ein beachtliches Maß an Logik, Definitionen und
Methodenbewusstsein, sinnvoll und nötig ist, um mit Sprache
geordnet umzugehen. - Erst recht gilt dies auf der
nächsten Ebene, der der Wissenschaft.
Umgekehrt haben sich die sog. exakten Wissenschaften immer
schon verschiedener Metaphern bedient, v.a. wenn sie
noch in dem Stadium waren, als sie ihren Gegenstand noch
nicht präzis umschreiben konnten. Früh schon war vom
Buch der Natur die Rede, im Rahmen der Gen-Forschung
war der Zellverband als Staat gesehen, mit
Regierungsstelle auf der einen, Ämtern als Befehls-
empfänger auf der anderen Seite.  Von all den Bildern aus
theologischem Hintergrund - "Schöpfung" - gar nicht zu
reden.

Insofern hat der Philosoph Mittelstraß recht - in einem Vortrag prägte er den Merksatz: "Alle Wissenschaft ist Geisteswissenschaft". D.h. alle Disziplinen gebrauchen die gleichen geistigen Kapazitäten.

0.4 "Symbol" - ja, aber wofür?

Simplicius Simplicissimus ahnt oder bekommt gesagt, dass "Geld" für etwas anderes steht - vgl. [8]. Es ist nur nicht leicht zu bestimmen: wofür?

0.41 "Symbol" - ja, aber wofür? - Wagners "Siegfried"

Aus: J. Köhler, Der letzte der Titanen. München 2001. S. 477:

'Als ich eines Morgens das Schmelzlied laut und hell bei
offenem Fenster spielte und sang', so berichtete Wagner
der Freundin weiter, 'hatte mein Nachbar draußen zugehört
und frug mich, nun herüber, was denn das für eine
furchtbar majestätische Musik wäre. Ich sagte ihm, dass
Siegfried dabei mit einem großen Schmiedebalge die Glut
nähre, welche die Stahlspäne des von ihm zerteilten
Siegschwertes ... zu Brei schmelzen sollte.'
   Tatsächlich schien Siegfried, der den geschmolzenen
Stahl dann in eine Form fließen und im Wasserbad
abkühlen ließ, sein eigenes Leben aus dem Glutofen neu
erstehen zu lassen. Dem handwerklichen Vorgang, den
Wagner naturgetreu darstellte, entsprach der symbolische
Neuguss seiner eigenen Identität. Doch dieser revolu-
tionären Wiedergeburt hatte der Untergang der Geschichte
vorausgehen müssen. Für Siegfried, der seine Eltern im
selben Augenblick verlor, in dem er sie wieder
gefunden hatte, war dies eine herzzerbrechende Erfahrung.
'Sie sehen', erklärte Wagner jenem Nachbarn, der sich
über das seltsam pathetische Schmelzlied gewundert hatte,
'eine schreckliche Art von Künstler, drum klingt auch
sein Gesang fast wie majestätische Klage.'
   Natürlich meinte er mit dieser schrecklichen Art von
Künstler nicht nur Siegfried, sondern auch sich selbst.
Denn wie der Held das zerbrochene Schwert, hatte Wagner
die traditionelle Musik zerstört. Erst nachdem er sie in
die kleinsten Bestandteile des Ausdrucks aufgelöst und
zu einem beweglichen Tonmeer eingeschmolzen hatte,
konnte er sie wieder zu einem homogenen Ganzen zusammen-
fügen, das in seinem unendlichen Sprachfluss die ganze
Welt der Ideen aufscheinen ließ. Die Technik des
falschen Ziehvaters dagegen, der aus alten Stücken neue
Schwerter zusammenlötete, ähnelte jenem
Kompositionsverfahren, das Wagner seinen Widersachern
Meyerbeer und Mendelssohn nachsagte.


0.5 Vergleich

aus Wolf Schneider, NZZ Folio 3/12:

Zweieinhalbmal so groß wie das Fürstentum Monaco, fünf
Quadratkilometer - und dabei sechsmal so hoch wie der
Eiffelturm: Was ist das? Es ist die Eigernordwand.
Ein konkaves Halbrund nämlich von 1,8 Kilometern Höhe,
mit der Fläche von 700 Fussballplätzen. Müssen wir das
wissen? Natürlich nicht. Aber wer's uns so erzählt, der
macht uns staunen, den Anblick des Eigers noch ein
bisschen eindrucksvoller und die vielen Todesstürze
begreiflicher.
    Das Riesige, das Unerhörte durch Vergleiche
vorstellbar zu machen und dürre Worte, tote Zahlen mit
Leben zu erfüllen: Das gehört zum Besten, was die
Sprache leisten kann. Stehen wir unter einer gewaltigen
Staumauer, so interessieren wir uns durchaus für
das Schild, auf dem wir lesen: "Höhe 180 Meter". Aber
wie lebendig würde diese Zahl, wenn ein Sprach- und
Menschenfreund dazugeschrieben hätte: "höher als jeder
Kirchturm der Erde"! Lesen wir, wie einst die Kosaken
bis nach Kalifornien ruderten und galoppierten, so
würden die vielen Monate und Tausende von Kilometern
plastisch mit dem Hinweis: "Von St. Petersburg über
Alaska bis nach Kalifornien: Das war mehr als der
halbe Erdumfang. Andersherum wäre es kürzer gewesen."
...
    [Man beachte den] Kernsatz des amerikanischen
Verlegers Joseph Pulitzer, der den berühmten Journa-
listenpreis gestiftet hat: "Schreibe kurz - und sie
werden es lesen. Schreibe klar - und sie werden es
verstehen. Schreibe bildhaft - und sie werden es im
Gedächtnis behalten".
    Zur Ermunterung ein paar Beispiele: Ein deftiges
von Michael Ringier, der seine deutschen Verleger-
kollegen jüngst mit einer klaren Beschreibung
erheiterte, was man unter dem modischen "Multi-
tasking" in seiner Jugend allenfalls hätte verstehen
können:
"Auf dem Klo sitzen und Zeitung lesen." Ein ironi-
sches bei Robert Walser: "Ich bin, was meine ganze
Naturanlage betrifft, einer der süsslichsten Kerls
in Europa, meine Lippen sind Zuckerfabriken, und
mein Benehmen ist ein total schokoladenes." Oder
im "Stern", als er einen sportlich gebräunten
Unternehmer porträtierte: "Er sieht aus wie ein
Luis Trenker fürs Mittelgebirge."

0.6 Theologen: mehrfache Verweigerung

Seit dem Hochmittelalter reden christliche Theologen von Realpräsenz Christi in Leib und Blut im Rahmen der Messe / Eucharistiefeier. Zu sehen gibt es da nur Brot und Wein. Aber durch die Wandlungsworte sei ab da Christus leibhaftig gegenwärtig.

Das Real- muss beachtet werden: Es sind zwar
Deutungsworte, die der Priester über Brot und
Wein spricht - also ist zur Genüge betont, dass
es sich um einen  sprachlichen Vorgang handelt.
   Von dem allerdings wollten die Theologen nichts
mehr wissen, weil sie behaupteten: die Gegenwart
Christi hänge nicht von einer Sinngebung ab,
sondern sei ab der Wandlung nun real.
   Damit handelte man sich die Frage ein, was denn
Mäuse wohl fressen, wenn sie - was vorkam - übrig-
gebliebene Hostien erwischten. Knabberten sie am
'Brot' oder am 'Leib Christi'?

Zwei Fehler begehen Theologen - sicher auch heute noch - in diesem Zusammenhang, Fehler, aufgedeckt durch Sprachtheorie als Hintergrund:

  1. Es geht zwar nicht anders, als von einem Sprachgeschehen, also von Kommunikation, Sinngebung, Sprach- und Deutungsgemeinschaft zu reden. Der Fehler aber ist, dies anschließend zu leugnen, weil man implizit das zugleich abwertet: 'Leib und Blut Christi' nur im Rahmen eines Sprachgeschehens? Das ist uns - dachten die Theologen - zu wenig. Nicht eine Deutung liegt hier vor, sondern reale Gegenwart Christi. - Auf solche mitlaufenden Abwertungen alles Sprachlichen sollte man achten. Sie begegnen häufig. Und wer da abwertet, übersieht, dass er aus dem Sprachgeschehen nicht aussteigen, nicht ins Objektive überwechseln kann. Daher sollte man an die Stelle der Abwertung ein besseres Verständnis von Kommunikation setzen.
  2. Es läuft auch eine Abwertung der Wortbedeutung mit: Sobald man glaubt sagen zu können, dies sei Leib/Blut Christi, ist es fast schon Frevel zu betonen, dass das substanziell ja immer noch Brot und Wein sind. Genau dazu - nun wird es spitzfindig - gab es eine ausgefeilte Theorie: Die Substanz habe sich geändert; die bloß äußeren Merkmale (=Akzidenzien) seien gleichgeblieben, könne man vernachlässigen. - Dem Augenschein nach hat sich also an der Materialität nichts geändert. Unter der "Hülle von Brot und Wein" sei nun aber Christus gegenwärtig. So ähnlich pflegt(e) man sich auszudrücken. Halten wir fest: Damit ist zunächst nichts anderes gesagt, als dass eine Doppelheit von Bedeutungen vorliegt. Wortbedeutung und übertragene Bedeutung, Semantik + Pragmatik. Da gibt es nichts abzuwerten. Und Sinngebung/Kommunikation kann man auch nicht dadurch umgehen, dass man - quasi-naturwissenschaftlich - über die materielle Beschaffenheit der Elemente spekuliert. Die (aristotelische) Unterscheidung in "Substanz" und "Akzidenzien" kann ohnehin nicht mehr verwendet werden. Das ganze Kommunikationsgeschehen - wer sagt wem was in welchem Rahmen? - darf nicht ausgeblendet werden.

Es hat allerdings breitflächige Tradition, dass den Religionen/Theologen das Medium "Sprache" nicht geheuer, dass es ihnen zu wenig ist. Sie favorisieren die "Realität" - können davon allerdings auch nur reden. Und in punkto "Sprache" sind sie - auch heute noch - vielfach naiv bzw. ausgesprochen unwillig (Gründe s.o.). Aber das ist ein anderes/größeres Thema.

0.7 Selbstironie

Ein neapolitanischer Busfahrer und Touristenguide sprach während eines einstündigen Transfers vieles ins Mikrophon, unter anderem:

"Die Neapolitaner sind von der Geburt her so müde, dass
sie sich ihr ganzes Leben davon ausruhen und erholen
müssen." Und:
"Den Norditalienern liegen Pflichtbewusstsein und Leistungs-
streben im Blut. Daher würde jeder Neapolitaner eine Blut-
transfusion von ihnen zurückweisen."

Reichlich Stoff, um in diesen Sprachbeiträgen die "Verschiebungen" sichtbar zu machen, die 'Unmöglichkeiten' im Wortsinn. Herauskommt je eine Rechtfertigung der landsmannschaftlich - anscheinend - typischen Faulheit. Soweit die Erkenntnis auf aktueller pragmatischer Ebene. Blickt man voraus, müsste hinzugenommen werden: der Sprecher trug seine Diagnose in artikulatorisch und grammatisch hervorragendem Deutsch vor. Seine Fahrkünste im neapolitanischem Verkehr - bis hinauf zum Versuv - waren bewundernswert. Ebenso seine terminliche Präzision. Anders gesagt: Sein praktisches Verhalten widersprach den umlaufenden Klischees über Süditaliener. Indem er diese selbst ansprach, scheinbar bestätigte, faktisch aber widerlegte, ließ er die Luft aus diesen Klischees. - Gekonnte Selbstironie.

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Wolf Haas

aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.
(109) Ich sage, wenn du als Entführer tagelang der Poli-
zei die Zeit stiehlst, dann darfst du dich nicht wundern.

<<ZEIT STEHLEN>> umgangssprachlich für "ungebührlich jemanden beanspruchen". <<TAGELANG>> steht für das Register ASPEKTE: Emphase, Nachdruck. <<POLIZEI>> repräsentiert die Ordnung, das Gesetz, Register AXIOLOGIE: das Gute. Dieses allgemein Akzeptierte wird somit zu sehr strapaziert, folglich sind Sanktionen zu erwarten. - Ein weiteres paradoxes Spiel mit Wertungen:

(197f) Das ist ja das Wunderbare an Erschöpfung und
Untergang. Du bist jeder Waffe hoffnungslos überlegen.
Weil eine totale Erschöpfung, eine tödliche Krankheit,
eine völlige Verzweiflung lässt sich von einem Jagd-
gewehr nichts mehr anschaffen. 


1.2 Deutsch - Übung

aus: R. Jirgl, Hundsnächte. S.64:

"Genauso kommen Sie mir & Ihr Gerede vor: lose Schrauben,
Abfall, haufenweise Schrott. Weder Fisch noch Fleisch, u
ein paar Tassen zuviel im Schrank. (Er rückt unangenehm=nah
zu mir heran, vertraulich:) -Nemesis mir nich übel: Hier ist
1 ½ wegs freies Land, da kann jeder ignorieren was er will -
also reden Sie bis Ihnen die Spucke wegbleibt, reden Sie sich
besoffen, das spart Geld - (er rückt wieder von mir ab, seine
Stimme lauter) - Aber tun tun Sie mir 1 Gefallen : Ihre
Geliebte=Leere - Ihr Gelobtes=Nichts-:Reden Sie
!bitte !nicht länger über Sachen, von denen Sie nichts
verstehn. Jedenphalls solange nichts mehr über Nichts &
Leere, wie ich Ihnen zuhören kann; der Rest Ihrer Mithörer 
& -esser geht mich nichts an. Die Leere - Das Nichts
in Ihnen (er lacht höhnisch, beinahe hätt er mir jovial
auf die Schulter geklopft) -Mein!lieberfroint, Sie sollten
mal - Aber lassen wirs schlechtsein bis hierher. Und bis
auf später. Jede Wette, Herr Rechtsanwalt: Sie werden noch
!sehen "

Wertungen - vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE -, nun aber indirekt, unter Benutzung von Existenzaussagen, vgl. 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt, Fäkalsprache: Das Ergebnis ist deftig, spielt sich aber "nur" auf der Ebene des inneren Monologs ab (S.195):

"...!Aufhörn mit dem Weißwaschen ihrer dreckigen vollge-
schissnen Unterhosen Sie sollen aufhören damit und sie
sollen krepieren Sie hatten ihre gute-Zeit gehabt und jetz
soll sie vorbei sein Jetzt sind Sie dran Schluß & fertig
Krepieren solln sie !Alle Groß & klein die richtig Dreckigen
& die nur Schmuddeligen Alle Schweinekerle an die
Wand Die ganze Aasbande dieser miserablen=kleinbürgerlichen
Zinker !Verdammt nochmal ich will Sie=Alle krepieren sehn.....
ihre Bregen in die Gullis treten..... am eigenen Mastdarm
solln sie hängen.....: Aber auch die Via Appia ist nicht
lang genug & 6000 Kreuze sind niemals ausreichend Kreuze
um das zu tilgen.....)"


1.3 Einzelfunde

aus: G. Grass, Hundejahre:

"... weil es nach der Feldpolizeiordnung jeglichem Vieh,
ob Feder oder Klaue, verboten ist, auf dem Deich zu wei-
den und zu wühlen."

Die Nennung von Teilen von Tieren meint offenbar große Klassen. pars pro toto = Spezifikation


Zuordnung, d.h. etwas wird genannt, das aber von der eigentlich gemeinten Figur nur gehalten, besessen wird.

Die örtliche Polizei regelte den Verkehr am Lennestein
und half auch dem einen oder anderen Bier über die Straße.
- aus dem Altenaer Kreisblatt - laut Hohl-SPIEGEL (26/2012)

Aus derselben Quelle, dieses Mal zitiert vom Main-Echo, eine doppelte Spezifikation:

Blutspende für Leckermäuler

Nochmals die selbe Quelle, dieses Mal Zitat aus der Münchner "tz":

"Der Pornokannibale aus Kanada hat vor nichts zurückge-
schreckt: Sogar an Schulen verschickte der am Montag 
in einem Berliner Internetcafé festgenommene 29-Jährige
die Teile seiner Leiche mit der Post!"

Zuordnung oder Spezifikation heißt die alternativ-grammatische und humorlose Rückfrage: Teile einer fremden oder seiner eigenen Leiche? - Mit weiterem Nachdenken, aber erst dann, kommt man schon auf die Idee, dass die zweite Variante eher ausscheidet.

Das "Wittlager Kreisblatt" (aus Hohlspiegel) hat sich metaphorisch gewaltig bei seiner 'Tatort'-Besprechung angestrengt:

"Dafür nuschelt er (= Til Schweiger) sich so cool durch
seinen Popcorn-Krimi, als könnte er Eiswürfel pinkeln".

"Nuscheln" und "Popcorn" stehen für negative Wertung (=[9]), 2x "Kälte" ("cool", "Eiswürfel") für - in gewissen Kreisen - positive. Dann aber steht diese Form des Pinkels unter dem Verdikt: "unmöglich" (vgl. [10]). Pragmatisches Fazit aus dieser Mischung: Spott und Hohn.

1.4 Metapher "Raubkopie"

Aus DER SPIEGEL 11/2012, Beitrag von S. Niggemeier:

"Der Ursprung des Begriffs 'Raubkopie' liegt im Dunkeln,
aber die Rechteindustrie hatte ein großes Interesse 
daran, seinen Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch
zu fördern. Er ersetzt einen abstrakten Vorgang, die
Verletzung von Urheberrechten, durch eine anschauliche
Metapher.
   Metaphern sind mächtig. Sie machen einen Sachverhalt
nicht nur anschaulich; sie bestimmen fundamental, wie
wir ihn wahrnehmen. Bilder werden zu Rahmen, innerhalb
deren wir denken. Das Bild von der Raubkopie ist falsch.
Ein Raub ist im Grundsatz das gewaltsame Wegnehmen frem-
der Sachen. Es lässt sich schon darüber streiten, ob
beim ungenehmigten Kopieren jemandem tatsächlich eine
Sache weggenommen wird. Ganz sicher aber lässt sich
feststellen, dass ihm dabei keine Gewalt angetan wird.
   Wenn wir von Raubkopieren sprechen, machen wir aus
Menschen, die einen Inhalt ungenehmigt nutzen, Gewalt-
täter: Es wäre eine Illusion zu glauben, dass der Be-
griff diese Wirkung nicht hat, nur weil wir das nicht
jedes Mal bewusst mitdenken. Schon der Begriff macht
die Handlung zu einem indiskutablen Akt und legitimiert
drastische Schritte."

1.5 "Welt-" als Superlativ und Warnung

Welt-kulturerbe, Welt-naturerbe, Welt-meister, Welt-ethos, Welt-... - solche Zusammensetzungen - das ist die These - liefern beides: höchste Wertung, aber auch scharfe Warnung, Verbot, also: 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE und 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE.

Der Zusammenhang ist logisch: Ein Gebiet, das als "Welt-
naturerbe" ausgezeichnet worden war, ist attraktiv, der
Tourismus boomt. Aber um das Prädikat zu behalten, sind
noch schärfere Sanktionen nötig, um den Status weiterhin
zu behalten, gerade auch angesichts vermehrter Menschen-
massen. Im niedersächsischen Wattenmeer trifft man ständig
auf Warntafeln, man dürfe die Dünen nicht betreten u.ä.
Ein "Welt-meister" hat durch Ausscheidungskämpfe nach-
gewiesen, dass es für ihn keinen Gegner mehr gibt. Insofern
ist er sozusagen unantastbar geworden, = "Superlativ".
"Welt-ethos" dürfte doppeldeutig sein. Es soll ein
"Ethos" sein, das für die gesamte Welt gilt. Damit
wird vollmundig (und unnötig) ausgesprochen, was eigent-
lich für jede Form von "Ethos" der Tendenz nach gilt. -
Der zweite Aspekt: Man macht sich auch unangreifbar,
warnt zumindest: Ein solch edles Projekt darf nicht in
Frage gestellt werden. = eine superlativische Werbemaßnahme 

1.6 Wertung durch Tier-Bilder

Nachfolgend in drei Teilen ein Zeitungsartikel - amüsant und informativ. Die kopiertechnisch aufzuteilende Seite kann - wer will - nachträglich wieder zusammengesetzt werden (schneidend, klebend). All die Begleiteffekte der sprachlichen Bilder liefern zusätzliche Nuancen für die zugrundeliegende Wertung - zu letzterer vgl. [11]. - Bei den 'zusätzlichen Nuancen' kann man seine Fantasie schweifen lassen - das eben ist der Vorteil solch indirekter, plastischer Ausdrucksweisen.

[12] 
[13]
[14]

1.7 Umwertungen - etwas vertrackt

Aus H. Hesse, Die schönsten Erzählungen. stb 3638. Frankfurt/M 2004. S.43:

Wenn die schlechten Geschäfte aus Hürlin einen Trinker
gemacht hatten, war es mit diesem Heller umgekehrt ge-
gangen. Auch war er nicht wie jener plötzlich aus
Pracht und Reichtum herabgestürzt, sondern hatte sich
langsam und stetig vom bescheidenen Handwerksmann zum
unbescheidenen Lumpen heruntergetrunken, wovor ihn
auch sein tüchtiges und energisches Weib nicht hätte
retten können. Vielmehr war sie, die ihm an Kräften weit
überlegen schien, dem nutzlosen Kampf erlegen und längst
gestorben, während ihr nichtsnutziger Mann sich einer
zähen Gesundheit erfreute. Natürlich war er überzeugt,
daß er mit dem Weib so gut wie mit der Seilerei ein un-
begreifliches Pech gehabt und nach seinen Gaben und
Leistungen ein ganz anderes Schicksal verdient habe.

1.8 Metapher: Korrektur der Prädikation

"In den Stahlgewittern fasst Jünger den Krieg als ein
schicksalhaftes Geschehen auf, dem die Menschen wie einer
Naturgewalt ausgeliefert sind. Dies kommt in der für den
Titel gewählten Metapher zum Ausdruck und lässt sich
auch anhand anderer Textstellen belegen, in denen
Kriegsereignisse als „Unwetter“ oder „Naturschauspiel“
bezeichnet und beschrieben werden." (aus wikipedia
zu Ernst Jünger)

Würde betont, dass Krieg aus "Handlungen" besteht, würde sich die Frage nach den Verantwortlichen, nach den Tätern stellen, also nach der Beteiligung der Menschen. Man müsste deren Motivationen einbeziehen. Man hätte wertend Stellung zu beziehen. - Genau dem kann man entgehen, wenn "Krieg" - wie beschrieben - ein Prozess sein soll, etwas Naturhaftes, für das niemand zur Verantwortung gezogen werden kann. Vgl. [15]. "Krieg" - so dargestellt - ist etwas Hinzunehmendes, Notwendiges.

2. Einzelsprache: Latein

2.1 Begriffe für Stilfiguren

Was die "Systemgrammatik Latein" von Fink/Maier (1997) S.266-270 mit Beispielen an Stilfiguren = Tropen nennt, ruht auf einer ungemein breiten Tradition aus der Antike. Im Wort Tropen steckt die Vorstellung von einem "Umwenden", d.h. die wörtliche Bedeutung kann man wie eine Münze drehen und das selbe Sprachelement offenbart nun eine neue Ansicht (= Bedeutung).

Hier sollen nicht die Figuren im einzelnen aufgeführt werden. Methodisch wären in der Alternativ-Grammatik Beobachtungen auf unterschiedlichen Ebenen möglich:

Geminatio (Verdoppelung) kann schon bei der Ausdrucks-SYNTAX beobachtet werden: 
Excitate, excitate
Anapher (Wiederaufnahme): das gleiche Wort wird wiederholt - es gilt das gleiche: 
multi xx, multi yy
Paronomasie (Spielerische Abwandlung): Amantes amentes - kopflos wie Liebende nun 
mal sind...
Aufzählungen: Vincere scis, Hannibal, victoria uti nescis 

Andere Stilfiguren sind nur mit Inhaltswissen erkennbar:

Litotes - nicht nur doppelte Verneinung muss erkannt werden,
sondern auch das Motiv, warum sich jemand derartig umständlich
ausdrückt: non ignorare nicht nicht-wissen
Metonymie (Namensvertauschung)  - man sagt das eine (ferrum), 
                meint aber das andere (gladius). - Gibt es in vielen Formen.
Synekdoche - 'Teil fürs Ganze': - man sagt das eine (tectum), 
                meint aber das andere (domus)
                 - 'Ganzes fürs Teil':  man sagt das eine (panis),  
                meint aber das andere (cibus)

Manche Stilfiguren gehen über Einzelbenennungen hinaus und bieten so etwas wie eine Gedankenfolge. Z.B. eine

Klimax ("Leiter" = Steigerung): abiit, excessit, evasit, erupit - Er ist weg, 
verschwunden, fortgerannt, davongestürmt.

Mit Schmunzeln kann man registrieren, dass als Ellipse (Auslassung) Beispiele behandelt werden, die in der Alternativ-Grammatik längst eine Erklärung gefunden haben:

Vita brevis <est>, ars longa <est> - die Alternativ-Grammatik würde sagen:
es handelt sich - ohne die Klammern - um zwei Nominalsätze. 
Vgl.4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen: Von einem Nomen
= 1.Aktant wird eine Eigenschaft (qualitativ) ausgesagt. Das ist beidesmal
unauffällig. Zudem ist es in unserer Diktion falsch, das <est> zum Prädikat
zu adeln. Man sollte nicht in dieser Weise Prädikat und Hilfsverb verwechseln!
Als Prädikat gilt: 
'x (=1.Aktant) hat-als-Eigenschaft y' - Das gilt mit oder ohne est.
Folglich besteht kein Anlass, eine solche Konstruktion zur Stilfigur zu adeln.

Wie angedeutet: hier wurde nur ein kleiner Ausschnitt der gängigen Stilfiguren genannt. Falls jemand möchte, kann er/sie gern eine umfangreichere Liste hier präsentieren und damit anderen zur Verfügung stellen.

3. Einzelsprache: Hebräisch

3.1 Hirte

In der hebräischen Bibel, aber zuvor schon in mehreren altorientalischen Sprachen steht das Bild des Hirten traditionell für den Herrscher. <<HIRTE>>, geht man dem Bedeutungsgehalt nach, bezeichnet eine asymmetrische Beziehung, eine hierarchische. Die betreuten Tiere leben ja nicht in Freiheit, sondern unter ständiger Kontrolle. Und so ist es immer der <<HIRTE>>, der weiß, was gut ist, und der befiehlt, was als nächstes zu geschehen hat.

Mehrere Texte thematisieren das Problem, dass Hirten nicht grundsätzlich gut sind, sondern Missbrauch der Macht kommt vor. Profeten prangern dies bisweilen an. Im Neuen Testament wird betont auf den einen, nun wirklich guten Hirten verwiesen. Das alte Bild wird somit der politischen und tagesaktuellen Verwertung entzogen, insofern außer Kraft gesetzt.

<<HIRTE>> als Symbol drückt somit aus dem Register INITIATIVE "Befehlsgewalt" aus, eine asymmetrische, Psychologen würden sagen: narzisstische Beziehung, ein Beziehungstyp, der die Tendenz zu Missbrauch schon eingeschrieben hat, - sie kommt nicht erst von außen hinzu. - Das erlebt derzeit vor allem die katholische Kirche mit ihrer hierarchischen Grundstruktur, deren Leiter sich gar als "Ober-Hirten" verstehen.

- das zugrunde liegende Sprachbild aufgreifend, ist die Rede
  von "Ober-Hirten" ausgesprochen lächerlich;
- andererseits wird genau dadurch unsere Analyse bestätigt:
  dieses Hirte-Verständnis hat als Kern die hierarchische
  Kontrollfunktion.

Beide Aspekte wirken in der Praxis:

- die Kirchenmitglieder - so sie mit dem Sprachbild leben
  können - hören primär die Schutzfunktion heraus; das mag
  beruhigen, macht aber auch abhängig und unselbstständig.
- Amtlicherseits wird durch "Ober-Hirte" die hierarchische
  Struktur zementiert. 

4. Einzelsprache: Schwäbisch

4.1 rhetorische Frage

Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.153:

"Ob Entrüstung oder verdeckte Aufforderung - der Schwabe
wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine rhetorische Frage
stellen. Möchte er in einer Bürgerversammlung darauf
drängen, dass der Plastikmüll künftig in Abfalltonnen
statt Gelben Säcke entsorgt werden (!), damit die Straßen
der Gemeinde nicht tagelang von Gelbe-Säcke-Bergen ver-
unziert werden, macht er seiner Verärgerung Luft, indem
er sagt: 'Dia Gelbe Säck, ja, muaß des denn sei?'
    Oder beim sonntäglichen Mittagessen sagt der Vater
beiläufig: 'Gibt's heut koi Salz?' Sofort springt Mutter
auf und holt den Salzstreuer aus der Küche.
    Eine Spezialität ist der Konjunktiv, der im Schwä-
bischen mit Hilfsverb gebildet wird. Insbesondere mit
'wär' oder mit 'tätest' beziehungsweise 'dätsch', das
an die Stelle von 'würdest du' rückt.
Beispiel: 'Dätsch amol dei Maul halda!' - Würdest du
bitte still sein!
    Die Mutter ist schon auf halbem Weg in die Küche,
da hört sie vom Tisch die Frage: 'Wenn du grad scho
dr'bei wärsch, dätsch na au glei dr Pfeffer mitbrenga?' "


4.2 "Teil von, Spezifikation"

Durch Bild für etwas Kleines, zusätzliche Kombination mit einem Teil von jenem Kleinen + nochmalige Kombination mit einem Teil von jenem Kleinen + Diminutiv kann man eine extreme Teilaussage bieten. Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.160:

"Eine Stubenfliege (Musca domestica) heißt im Schwä-
bischen 'Mugg' von Mücke (oder auch 'Fluig' von Fliege),
eine Mücke beziehungsweise Stechmücke (Culicidae) wird
als 'Schnog' (Schnake) bezeichnet.
       Ein 'Muggaseggele' ist etwas sehr Kleines, es
ist ganz wenig. Als Beispiel für eine kleine Maßeinheit
dient hier das Geschlechtsteil der männlichen Fliege,
das auch noch sprachlich verkleinert wird. Kleiner geht
es nur noch im Nano-Bereich oder in der Quantenphysik zu.
Kleiner als ein 'Muggaseggele' ist eigentlich gar nichts
mehr, höchstens noch ein Teil davon, also ein
'Muggaseggelesbreggale'."

('breggale' = kleiner Brocken)

4.3 Verkleinerung => "Amativ"

'Verkleinerung' ist aus sich heraus angstmildernd, daher gut geeignet, das, worum es geht, indirekt positiv zu bewerten, vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE.

Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.152:

"Eine folkloristische Verballhornung des schwäbisch-ale-
mannischen Dialekts ist es, an jedes Substantiv ein '-le'
anzuhängen. Das ist nicht Schwäbisch, sondern Kitsch.
Wer den Dialekt auf Häusle, Mäusle, Kätzle, Spätzle re-
duziert, hat ihn nicht verstanden. ...
    Gleichwohl kann man im schwäbischen Dialekt die
Verkleinerungsform '-le' (im alemannischen '-li') auch
an Wörter hängen, bei denen es in anderen Sprachen nicht
geht. Zum Beispiel:
Adele, Tschaueli, Grüß Gottle, Ach du liabs Herrgöttle,
des Mädele/Maideli. ...
    Das "-le" ist zwar der Form nach eine Verkleinerung,
gemeint ist es aber in den meisten Fällen als Amativ,
das heißt als Liebesform. Ein Häusle kann ein kleines
oder ein großes Gebäude sein - es ist auf jeden Fall
ein Objekt der Zuneigung. 'Weib' oder 'Wiib' sagt man
zur Frau, 'Weible' oder 'Wiibli' schließt die Umarmung
mit ein. Und wie schlimm wäre es, wenn Spätzle wirklich
kleine Spatzen wären!"

(NB. "der Form nach" soll heißen: in wörtlich unmittelbarer Bedeutung. "Form" meint nicht das bloß Hingeschriebene.)


4.4 Konjunktiv: Gedankenspiel => Entschluss | Aufforderung

Ausgesprochen wird in Beispielen wie den folgenden das Register IMAGINATION vgl. 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION, gemeint aber wird das Register INITIATIVE, vgl.4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE .

Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.153f:

"Eine Spezialität ist der Konjunktiv, der im Schwäbischen
mit Hilfsverb gebildet wird. Insbesondere mit 'wär' oder
mit 'tätest' beziehungsweise 'dätsch', das an die Stelle
von 'würdest du' rückt. Beispiel: 'Dätsch amol dei Maul
halda!' -  Würdest du bitte still sein!
       Die Mutter ist schon auf halbem Weg in die Küche,
da hört sie vom Tisch die Frage: 'Wenn du grad scho 
dr'bei wärsch, dätsch na auch glei dr Pfeffer mitbrenga?'
       Auch Tatsachen, die schon stattfinden, wie hier
der Gang der Mutter in die Küche, können im Schwäbischen
in der Möglichkeitsform gesagt werden. Dies ist einerseits
eine Höflichkeitsform, weil etwas nicht deutlich ausge-
sprochen, sondern nur angesprochen wird, andererseits
könnte es ja auch sein, dass Mutter entgegen aller Ge-
wohnheit was anderes macht, dann hätte der Vater sicher-
heitshalber mit seiner Möglichkeitsform Recht behalten.
Und Recht behalten ist ganz wichtig für den Schwaben. ...
       Eine andere Situation der in die Zukunft gedachten
Möglichkeit zeigt in manchen Gegenden der Abschiedsgruß
am Stammtisch, indem man mit den Knöcheln auf die Tisch-
platte klopft und sagt: 'I wär no ganga!', also: 'Ich
wäre dann gegangen!' Das meint: Ich gehe jetzt; falls
aber jemand fragen sollte, nachdem ich gegangen bin,
ob ich auch am Tisch sitzen würde, könnt ihr ihm sagen,
dass er mich deshalb nicht sieht, weil ich schon ge-
gangen bin.
       Das nennt man im Schwäbischen 'hinterschefür'. "

4.5 Aus Schaden klug werden

Im Schwäbischen kann man eine Person als abg'schlage / aag'schlaa bezeichnen. Einheimische wissen zwar, dass damit "raffiniert, ausgekocht, durchtrieben, listig, mit allen Wassern gewaschen" gemeint ist, können aber meist nicht erläutern, welches Sprachbild den Hintergrund bildet - müssen im Alltag ja auch nicht dazu Auskunft geben.

Der Journalist H. Petershagen (SWP 2.6.2012) führt aus:

Dieses Rätsels Lösung könnte die schwäbische Drohung "I
schlag dr's Kreuz aa!" bringen. Das klingt nach
Morddrohung, aber hier ist abschlagen wohl im Sinne
des schwäbischen verschlagen oder des bayerischen
"abwatschen" gemeint. Darauf deuten zahlreiche
schwäbische Synonyme für "durchprügeln": 
abdachtle, abdusle, abkappe, abkarbatsche, absalbe, 
abschwarte, abtöffle, abtusche, abwalke, abwichse, 
abzwible. In den meisten dieser Wörter lässt sich das ab
durch ver-  ersetzen von verdachtle bis verzwible.
Demnach wäre abg'schlage dasselbe wie verschlage:
die Bezeichnung für einen, der durch häufige Prügel
dickfellig wurde und gelernt hat, sie zu umgehen, der
mit allen Wassern gewaschen ist, ausgekocht, abgebrüht
und, was in etwa dasselbe bedeutet, abgefeimt.

Mehr grammatisch-technisch gesagt: durch zurückliegenden Schaden wurde diese Person für zukünftige Handlungen gewitzt, besser gerüstet. Angesprochen ist also in 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION der Aspekt "prospektiv".

4.6 Wertung nochmals verschärft

Der Journalist H. Petershagen (SWP 21.11.2015) führt aus:

Sauglück, Mordsgaude, Erdalump, Bollarausch, Bauragrend,
Huraglomp, Ôôdepp. Diese kleine Auswahl aus dem schwä-
bischen Sprachschatz zeigt, wie die Schwaben ihre
Hauptwörter vergrößern: Sie verstärken das Grundwort
mit einem Präfix wie
Sau-, Mords-, Erda-, Bolla-, Baura-, Hura- usw.
   Oder mit einem Ôô- (Un-). Daran wird in
manchen Gegenden ein -z- als Bindemittel zum
folgenden Wort gehängt. Das so entstandene Ooz-
hat seit langem seinen festen Platz in der Jugend-
sprache: Was früher oozkähl war, ist heute
oozgeil oder oozcool. Und natürlich gibt es
auch Ooz-Hauptwörter:
Ooztrumm, Oozkerle Oozkarre usw.
   Das bevorzugte schwäbische Steigerungswort ist Sau-:
Sauglück, Saugaude, Sauwut, Saukälte. Die Beispiele
zeigen, dass Sau- eine Steigerung sowohl ins Positive
(Glück, Gaude) als auch ins Negative (Wut, Kälte) ermög-
licht.
Es gibt aber auch Wörter mit Sau-, die ganz wert-
neutral Dinge bezeichnen, welche mit der Schweinehaltung
zu tun haben wie Saustall, Saukübel, Saufutter.
Daraus abgeleitet ist dann Sau- vor Unmutsäußerun-
gen wie Saufraß, Sauwetter, Sauhund.
   Ob Sau- eine Steigerung, eine neutrale Sach-
bezeichnung oder eine Beschimpfung einleitet, zeigt
die Betonung an. []

5. Bergpredigt

5.1 "Richtet nicht"

Mt 7,1 "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet"

Das ist noch sprachlicher Klartext, ohne Verschiebung
und indirekte Bedeutung. 
Das Axiom "Gleiches mit Gleichem vergelten" klingt durch
(schon bei den Babyloniern: 'Auge um Auge, Zahn um Zahn').
Insofern scheint eine Anknüpfung an die Tradition beab-
sichtigt zu sein. Das wird überprüft/begründet:

Mt 7,2 "Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.

Fazit: die - auch jüdische - Tradition wird anscheinend
bestätigt. Sprachlich wenig Auffallendes.

Mt 7,3 "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?"

Wechsel zum Thema Wahrnehmung. Die Doppelfrage
überzeichnet einerseits deftig und führt auf das
Fazit: ein solches Verhalten ist hirnrissig. Mit
sprachlich extremer Entgegensetzung -
Splitter - Balken - und direkter Ansprache -
du - deinem - wird aggressiv die überkommene
Tradition weggewischt.

Mt 7,4: "Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! - Und dabei steckt in deinem Auge ein Balken?"

Weiter in aggressiver Sprache wird das überzogene Bild
ausgewertet: Was als menschenfreundliche Hilfe für
andere aussieht, ist Blödsinn. Derartiger Altruismus
wird gescholten. Bitte keine "hilflosen Helfer", die
sich in Aktionismus stürzen, weil sie sich selbst
nicht kennen bzw. nicht aushalten.

Mt 7,5: "Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen."

Klartext des Sprechers unter Weiterführung des Bildes.
"Verquere Wahrnehmung" wird gegeißelt, das Absehen von
sich selbst. Die Heftigkeit der Sprache behauptet: die
Fehlorientierung hätte man schon längst erkennen können.
Wer richtet, beherrscht die primitivsten Regeln des
Zusammenlebens nicht.
  => Ton der Sprache: deftig, sarkastisch, bedrängend
  => Überzeichnungen reizen zum Schmunzeln - das aber
     schnell gefrieren kann 
     = Wechselbad der Gefühle
  => Paradox: Warnung vor dem Richten, der Sprecher
     richtet jedoch selbst, redet weiter vom Richten
  => Wirkung: Irritation, Provokation - was gilt denn
     nun? Emotionaler Aufruhr als ...
  => Zwang, eine eigene Position zu erarbeiten,
  => Zwang zu klären, was mit "Richten" gemeint ist. Es
     geht weniger um eine juristische Thematik, sondern
     um die nötige Achtung vor dem Anderen, primär um
     eine angemessene Einschätzung seiner selbst. Der
     Blick auf sich selbst muss vor dem Blick nach Außen
     stehen.
  => Trotz diktatorischem Gehabe: der Sprecher belässt die
     Freiheit der Angeredeten, erzwingt aber deren Nach-
     denken.

Das Ganze etwas übersichtlicher dargestellt: [16]

6. Weitere biblische Texte

6.1 Jeremia

Vgl. [17] - hebräisch, deutsch, in Äußerungseinheiten. Das "Ich" drückt seine depressive Gemütslage in vielfältigen Bildern aus. Genauso seine Aggression gegen die profetischen 'Berufskollegen'.

6.2 Psalm 91 / ÜBUNG

Vgl. [18] - man kann auf die direkt oder bildhaft enthaltenen Wertungen achten und zugleich darauf, wer gerade zu wem von diesen Wertungen spricht. Mit Tabelle zum Ausfüllen.

7. Weitere literarische Texte

7.1 Dante, "Göttliche Komödie" / ÜBUNG

Das Werk soll hier nicht zur Übung degradiert werden, sondern umgekehrt: durch den vorgeschlagenen Beobachtungsgesichtspunkt gewinnt man einen Anlass, das Werk sehr genau sprachlich-literarisch zu lesen.

ÜBUNG: Die "Göttliche Komödie" behandelt in jeweils vielen Gesängen

  1. Die Hölle
  2. Das Fegefeuer
  3. Das Paradies

Uns geht es nicht ideologisch-theologisch um das dahinter stehende Weltbild. Sondern literarisch zeichnet sich ab, dass hinter den Hauptteilen drei wesentliche Kategorien von 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE stehen: NEGATIVE WERTUNG - UMWERTUNG - POSITIVE WERTUNG. Allerdings begegnen diese Etappen in ungemein vielfältigen Sprachbildern.

Man kann also einzelne "Gesänge" herausgreifen und auflisten, wodurch im Detail eine negative Wertung, eine Umwertung, eine positive Wertung realisiert wird. Man bekommt dadurch reichhaltige Listen für Sprachbilder, deren Wortbedeutung jeweils auf die betreffende Wertung hin transparent zu machen ist. Angesichts der Kreativität Dantes wird der eigene Blick dadurch kräftig geschult. Vorausgehend unter Ziff. 4.1131 [19] war reichlich Übungsmaterial - auch aus Dantes 'Göttlicher Komödie' - angeboten worden.

7.2 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010. S.543:

Er schlief die ganze Nacht nicht, sein Zorn wuchs in
gewaltiger Progression und hatte am Morgen die äußerste
Grenze erreicht. Er zog sich hastig an und ging zu
seiner Frau, sobald er erfahren hatte, daß sie
aufgestanden sei. Er trug gleichsam die volle Schale
des Zornes vor sich her, besorgt, etwas davon zu
verschütten und zugleich mit seinem Zorn auch die
Energie zu verlieren, die er bei der Auseinandersetzung
mit seiner Frau brauchte.

7.3 Nochmals: Kafka

vgl. [20] Auszüge aus dem Museum Franz Kafka-Ausstellungsführer, Prag (5f):

"Von einigen Ausnahmen abgesehen gibt er den Orten, die
er in seinen Romanen und Erzählungen beschreibt, keine
Namen. Die Stadt zieht sich zurück, ist nicht mehr anhand
ihrer Gebäude und Monumente erkennbar. Und wenn ein
Bewohner Prags oder ein Kafka-Forscher sie auch erkennen
könnte, haben sie sich doch in etwas anderes verwandelt.
Es wird häufig versucht, die Prager Orte  in Kafkas Werk
zu benennen. Normalerweise geht man davon aus, dass der
anonyme Dorn in "Der Prozess" kein anderer als der
Sankt-Veits-Dom ist, dass im letzten Kapitel der Weg von
Josef K. von der Altstadt über die Karlsbrücke  zur äußeren
Grenze der Kleinseite führt. Es heißt auch, dass in
"Das Urteil" der Quai, der Fluss, das Moldauufer von Georg
Bendemanns Fenster aus genau so zu erkennen sind wie von
der Niklasstraße aus, in der die Familie Kafka  im Jahr
1912 wohnte. Man bemüht sich, den Beweis zu erbringen, 
dass die Topographie Prags immer da ist, jedoch nicht
benannt wird. Das ist aber nicht das Wesentliche. Kafka
gelingt etwas noch Schwierigeres: er verwandelt Prag
in eine imaginäre Topographie, die über einen trügerischen
Realismus hinausgeht. Die gespenstische kafkaeske Architek-
tur hat eine andere Bestimmung. Nicht mehr ein bestimmtes
Büro, eine Schule, ein Gymnasium, eine Universität, eine
Kirche, ein Gefängnis oder ein Schloss ist wichtig, sondern
die Bedeutung dieser Gebäude als topologische Metaphern und
allegorische Orte."
(19) "Der junge Künstler bewegte sich in einem Labyrinth,
das ihn fasziniert und zugleich erstickt. Prag wird für ihn 
Käfig und Zufluchtsort. Ein Raum, der ihn vor den 'zu
heldenhaften' Dimensionen der natürlichen Welt beschützt,
den der Schriftsteller jedoch in seinen Träumen verändert
und in einer akribischen Beschreibung von Körpern für sich
selbst als sensorischen Lernprozess auslegt. Wir sehen, wie
Kafka langsam die Schlinge knüpft, das Netz webt, die Grund-
lagen seiner mysteriösen Architektur legt."

7.4 Hermann Hesse

Widerstreit zwischen Vernunft/Wahrnehmung und Fantasie.

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973. 'Walter Kömpff'

(202) "Seine Seele verlangte so leidenschaftlich wie
jemals nach Freiheit und Gleichgewicht, aber sein Kopf
war der eines Kaufmanns, und sein ganzes Leben lief eine
feste glatte Bahn abwärts, und er wußte keinen Weg, aus
diesem sicheren Gleiten sich auf neue, bergan führende
Pfade zu retten."